In dieser Woche ist Hermann Hesse seit 50 Jahren tot. Das ist ein Grund zum Feiern und die deutschen Medien tun es ausführlich. Sehr gelungen ist meines Erachtens die Extraseite der »Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung« mit dem Titel »Mein Hesse-Moment«. Unter einem breiten Balken mit der Inschrift »Sommerpause« berichten sechs namhafte deutsche Autoren von ihren Leseeindrücken mit Hesse. Die Blütenlese könnte wie folgt lauten:
Sibylle Berg gibt zu, dass Hesse kein satisfaktionsfähiger Autor ist, aber seine Wirkung entfalten kann, wenn man ihn als dreizehnjährige DDR-Jugendliche auf dem Weimarer Friedhof liest.
Einen etwas weniger exquisiten Leseplatz hatte Annika Scheffel gefunden: Sie las den »Steppenwolf« auf einer Fähre, ließ ihn aber halb gelesen eben dort liegen. Hesse wirkt anscheinend nicht überall gleich gut.
Auf Clemens Meyer hat er gewirkt, deswegen hat er auch gleich mehrere Hesse-Bücher gelesen, kann sich allerdings an vieles nur noch vage erinnern.
Das Problem möglicher Erinnerungslücken umschifft Jan Peter Bremer. Er hat nämlich noch nie Hesse gelesen. Doch für einen Artikel in der FAS entfernt er sich von einer Hochzeitsgesellschaft (auf Sichtweite, damit seine Freunde ihm winken können, während er Hesse liest) und liest zusammen mit seinem Hund »Die Morgenlandfahrt«. Am Ende steht fest: Sein Hund und er hätten ein »ganz ähnliches Erlebnis« bei der Lektüre gehabt.
Auch Tino Hanekamp gesteht, dass er sich beim Hesse-Lesen wie ein Hund fühlte. Das lag bei ihm aber an der unglücklichen Liebe zu einem Mädchen, das ihm anstatt eines Korbs den »Steppenwolf« gab. Den 50. Todestag seines Autors nutzt Hanekamp deswegen für eine Kontaktanzeige: »Jana Müller, melde dich, es ist noch nicht zu spät!«
Was wird man also antworten in ein paar Jahren, wenn die unvermeidliche Frage aufkommt: »Was ist dir in Erinnerung geblieben von Hesses 50. Todestag?«
Antworte auf den Kommentar von Gregor Keuschnig Antwort abbrechen