In Dresden werden ja gerade die beiden berüchtigsten Raffael-Madonnen gegenübergestellt (Semperbau am Zwinger, noch bis 8. Januar 2012). Darüber gibt es einen schönen FAZ-Artikel von Andreas Platthaus, den ich mit etwas Verspätung eben erst gelesen habe.
Ich war jetzt selbst noch nicht in der Ausstellung, aber mir fiel beim Lesen sofort eine Episode aus dem Leben der einen Madonna ein, eine Episode, die Mitte der Achtzigerjahre von dem lettischen Künstler Mihails Korņeckis (1926–2005) nachträglich gemalt wurde – jetzt bitte nicht erschrecken:

Das Bild aus dem LNMM in Riga trägt den Titel »Gerettete Madonna« (»Izglābtā Madonna«, 1984/85, 156×180 cm) und ist natürlich gemalte Kulturpolitik (siehe Matthias‘ Kommentar unten). Die Geschichte, die mit dieser Figurenanordnung erzählt werden soll, geht ungefähr so (mit Dank an Wolfgang Stärke):
Zunächst wird der Blick sofort auf das Bild im Bild gelenkt, auf Raffaels »Sixtinische Madonna«, die normalerweise in der Dresdner Gemäldegalerie Alte Meister hängt. Die dargestellte Szene zeigt allerdings, wie sie bei Kriegsende von der Roten Armee in sagen-wir-mal Sicherheit gebracht wird bzw. worden ist (zurück nach Dresden ging sie erst nach Stalins Tod Mitte der 50er-Jahre).
Der sowjetlettische Künstler hat den Raffael nun also auf seine eigene Leinwand kopiert, was ihm auch mehr oder weniger gut gelungen ist. Vor dieser Grundierung findet dann die eigentliche Story statt, die Raffaels Dreieckskomposition spiegelt:
Zwei russische Soldaten bewachen das sichergestellte Großgemälde samt einer (ebenfalls uniformierten, aber kittelbewehrten) Expertin, die direkt von der Heilige Barbara beschützt zu werden scheint, die aus dem Raffaelgemälde heraus direkt auf sie herabblickt. Die Kittelfrau wiederum hält eine Lupe in der Hand und scheint mit leichtem Silberblick mit dem linken Putto kommunizieren zu wollen. Die Linie von ihren Augen über die Lupe endet allerdings im Fußbereich des Papstes.
Korņeckis scheint überhaupt ein paar Probleme mit der Perspektivität zu haben: Die MP des rechten Soldaten (eine PPSch-41) ist recht kühn verzogen, das ist dann fast sozialistischer Unrealismus oder, bei wohlwollender Interpretation, eine Art Reprise des Manierismus.
Der linke Soldat, ein am Kopf verletzter und überhaupt etwas ramponiert aussehender Muschik, stützt sich auf ein mit einem Bajonett versehenes Mosin-Nagant, die Standardwaffe der Roten Armee im Zweiten Weltkrieg. Der abwesende Blick des abgekämpften Kriegers lässt vermuten, dass er klischeemäßig eher weniger an Renaissancekunst interessiert ist, während sein jüngerer Kamerad neugierig zur Sixtusfigur auf Raffaels Gemälde aufschaut.
Das vielgestaltige Blickekonzert, mit dem das sowjetlettische Gemälde seine Geschichte erzählt, ist überhaupt sicher der interessanteste Aspekt hier. Und ansonsten ist es erst mal beruhigend zu wissen, dass im Moment wahrscheinlich erst mal keine schussbereiten Kriegsmänner mehr vor Raffaels Madonna stehen.
(Image © LNMM. Thanks to Gundega Cēbere!)
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