Wer würde da stundenlang auf Julian Assange warten? Darauf, dass er im Park von Ellingham Hall in Norfolk mit Fußfessel samt elektronischer Kugel vorbeischlendert? In etwa so, um uns gleich mal in Schieflage zu begeben, wie Walter Benjamin 1921 im Park des Heidelberger Schlosses auf den schon früh gebrechlichen Stefan George samt Spazierstock gewartet hat. Und das nur, um ihn zu sehen.
Was beide gemein haben – George und Assange –, liegt dabei sofort auf der Hand. Zunächst einen Kreis eingeschworener Mitarbeiter, in dem sie unmissverständlich das Führungszentrum einnehmen. Dann ständiges Reisen, Couchsurfing bei Freunden und gleichzeitiges Arbeiten.
Dann eine virulente Jugendzeit im Kontakt mit dem Zeitgeist – Assange 1987 das erste Mal als Hacker ›Mendax‹, George das erste Mal 1889 als »un de ces mardis«, abends bei Mallarmé. Schließlich verbindet sie, und das ist es ja eben, dass beider Interesse etwas Höherem gilt, etwas nur schriftlich zu Vermittelndem, dessen Richtigkeit beide überzeugend auftreten und zur Tat schreiten lässt.
Zurück zur Auftaktfrage: Wer also, wo doch die Tat und nicht die Person zählt, wer würde da auf Assange warten? Wer würde nicht einfach zuhause bleiben und Wikileaks lesen, sondern müsste hinschauen, wie der Meister sich nähert und was trinkt? Assange einen Kaffee aus der Frontline-Club-Tasse, George Eiswein aus dem Silberbecher. Benjamin gibt den Hinweis: Der schon »Erschütterte« kann nicht anders als warten und hinsehen.
»… Im Bewußtsein, daß ein solcher Versuch nie und nimmer gelingen könnte, bemühe ich mich, desto genauer mir zu vergegenwärtigen, wie George in mein Leben hineinwirkte. Voranzuschicken ist dies: Er tat es niemals in seiner Person. Wohl habe ich ihn gesehen … Stunden waren mir nicht zu viel, … lesend, auf einer Bank, den Augenblick zu erwarten, da er vorbeikommen sollte. … Doch das war alles zu einer Zeit, da die entscheidende Erschütterung seines Werkes mich längst erreicht hatte.« (Über Stefan George, 1928, GS II/2, S. 622f.)
Hat die heimische Wikileakslektüre die Journalisten noch nicht genug erschüttert, die da der Person Assange im dezembrig totgesagten Park ihre Aufwartung machen? Eventuell nicht genug, denn wieso sollten sie sonst auf Assange warten und Zeugen des Meisters werden? – Um Neues von seinem leckschlagenden Kreis zu erfahren, hätten sie ja im Warmen lesen können.
Oder andersherum: Trotz Georges unvergleichlicher »Anonymität bei Weltberühmtheit«, wie Ludwig Marcuse 1928 Georges medienabstinentes Bild in der »Kölnischen Zeitung« begreift, war Benjamin einfach neugierig und hat ihn sehen müssen. Wäre er da in unserem, um Frank Rieger aus der FAZ zu zitieren, »Zeitalter der Geheimnislosigkeit« einem so öffentlichen Meister wie Assange nicht folglich fern geblieben? Warum also warten? Oder besser: Worauf also warten?
Bei George – »Komm … und schau« – ging man in den Park und hing ab (damals gab es noch ein intransitives ›schauen‹, später ja erst wieder in »Tristesse Royale«). Laut Benjamin bekam man dort aber nicht »von Birken und von Buchs« die Erschütterung, sondern irgendwie vom Lesen. Den Meister zu sehen ist nur Ornament. Entsprechend versorgt Assange heute per iPhone im Park, mit den ›Cables‹ als »Schimmer ferner lächelnder Gestade«.
Wie immer man es chiffriert, es muss die Erschütterung sein, auf die der Schreiber lesend zu warten hat. Irrelevant, ob er sie in den nummerierten Oktavbändchen mit Goldschnitt oder aus den PDFs der Allgegenwärtigkeit schaut. Aber die theoría wird nicht mehr sosehr übers Wort genommen, heute zählt für die Erschütterung scheinbar umso mehr, dass man weiß, derjenige ist anwesend, aus dessen Texten die Erschütterung lecken soll. So eine Art Zwangsbeaufsichtigung des Autors über den Leser, nicht umgekehrt, wie eben bei Benjamin.
Usw.
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