Um kaum einen Satz ist in der Literaturtheorie so gestritten worden wie um diesen: »Morgen war Weihnachten.« Im Kontext: »Aber am Vormittag hatte sie den Baum zu putzen. Morgen war Weihnachten.«
Immer wenn ich in Göttingen in den Käte-Hamburger-Weg einschwenke, um zu diesem Gebäude zu gelangen, muss ich an den Satz denken, auch im Hochsommer.
Denn Käte Hamburger hat sich für ihre nicht weniger als epochal zu nennende »Logik der Dichtung« (1957) genau diesen weihnachtlichen Satz herausgesucht, um die Funktionsweise des epischen Präteritums zu demonstrieren. Denn dass morgen Weihnachten war, klingt ja erst mal nach erstklassigem grammatisch-logischen Unsinn.
Das epische Präteritum aber, soweit jetzt mal die Kurzfassung, zeige nicht Vergangenheit an, sondern lediglich die Fiktionalität eines Textes. Das ist dann in der Folge hundertfach interpretiert, kritisiert, erweitert worden, ein literaturtheoretischer Hexenkessel allererster Güte!
Es gibt nun natürlich in den Literaturen aller Zeiten und Sprachen Unmengen solcher »morgen war«-Sätze. Der von Käte Hamburger gewählte stammt komischerweise aus einem relativ unbekannten Roman von Alice Berend: »Die Bräutigame der Babette Bomberling« (S. Fischer 1915, Neuauflage bei AvivA 1998, Volltext im Projekt Gutenberg). Die groschenheftartige Geschichte ist aber weder unlustig noch ganz unspannend: Mutter Bomberling sucht händeringend nach einem passenden Bräutigam für ihre adrette Tochter Babette, deren Verehrer jedoch von der eher unangenehmen Mitgift vergrault werden: der väterlichen Sargfabrik.
Und bevor ich jetzt gleich zur Weihnachtsfeier des Instituts aufbreche, zitiere ich die weihnachtliche Passage etwas ausführlicher aus dem Projekt Gutenberg heraus. Und oh Wunder, der berühmte Satz lautet sogar leicht anders, ›Weihnachten‹ heißt dort jetzt ›Weihnachtsabend‹, und damit klingt es gleich noch ein bisschen wundersamer:
»Eine Mutter geht von Pflicht zu Pflicht.
Frau Bomberling sagte sich, daß sie etwas tun müsse, um dünner zu werden. Noch einmal wollte sie Babettes Glück nicht aufs Spiel setzen.
Helene hatte gestern einen Arzt genannt, der die Wohlhabenden mager kurierte. Sie mußte ihn aufsuchen.
Aber am Vormittag hatte sie den Baum zu putzen. Morgen war Weihnachtsabend.
Babette half der Mutter bei dem Ausschmücken. Ihr Arbeitsfeld war der Gipfel der Tanne. Frau Bomberling wagte nicht zu klettern, Babette aber stand auf einem Stuhl, der auf den Tisch gehoben war. Sie befestigte an die Baumspitze einen großen Stern, und darunter kam ein Wachsengel, der aus einer gläsernen Trompete ›Friede auf Erden‹ blies.«
Usw.
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