Eine symptomatische Szene aus dem deutschen Literaturbetrieb. Lesen konnte man sie bisher nur im Regionalfeuilleton (»Südkurier« vom 25. Mai 2009), aber sie hat eigentlich doch überregionale, um nicht zu sagen: www-Relevanz:
Die Ausgangslage ist menschlich, allzu literaturbetriebsmenschlich: Schriftstellerin (in diesem Fall: Marlene Streeruwitz) erhält Literaturpreis, mit dessen Namensgeberin (Annette von Droste-Hülshoff) sie nicht wirklich etwas anfangen kann. Für 6000 Euro Preisgeld wird sie aber trotzdem eine Dankesrede halten und darin irgendeine Beziehung zu der Dichterin finden müssen. Also schaut sie halt mal ins Netz, landet im Gutenberg-Portal bei SP*N und liest den dort eingestellten Lebenslauf der Droste. Über diese »Recherche« schreibt sie, und fertig ist die Dankesrede.
Aber halt! Wer jetzt gleich wieder schreit »Hungert sie aus! Streicht den deutschen Autoren alle Stipendien und Preisgelder!« – der hat eine kleine Sternstunde im Dankesreden-Theater verpasst. Denn Streeruwitz spart sich alles Alibi-Gequatsche von wegen Identifikation mit der Droste: »Das kann ich nicht.« Stattdessen dekonstruiert sie einfach den 10-Zeilen-Lebenslauf der Droste bei Gutenberg@SP*N – sehr gut! Man hätte gar nicht für möglich gehalten, dass die Kurzbiografien in dieser Online-Frische-Box für Literatur so gammelig sind:
»Da heißt es. Zitat: ›Seit 1841 lebte sie meist am Bodensee. Dort erfuhr sie eine halbmütterliche Liebe zum 17 Jahre jüngeren Levin Schücking. Sie starb am 24. Mai 1848 in Meersburg am Bodensee.‹
Also. Die halbmütterliche Liebe wird erfahren. […] Die Frau, die eine Liebe erfährt. Das relative Verbum ›erfahren‹ beschreibt im Akkusativobjekt das, was erfahren wird. Hier ist es eine Liebe. Die Liebe dringt als Erfahrung über das Verbum selbst auf das Subjekt ein. […] Das Subjekt ist das Bedeutungsobjekt des grammatikalischen Objekts.
In dieser Verdrehung wird die Entmächtigung des Subjekts vorgenommen. […] eine Darstellung, die vollkommen von außen bestimmt ist. Die Landschaft. Die Liebe. Die Halbmütterlichkeit. Der 17 Jahre jüngere Mann und dann gleich der Tod. So wird über Beschreibung eine Person vollkommen ihres Werks beraubt. Sie wird in minderwertige Kategorien des Geschlechts und der Lebensführung eingeschrieben.
[…] Über diesen heutigen Text kann ich mich dann sehr wohl mit Annette von Droste-Hülshoff identifizieren. Wir unterliegen ausschließlich aufgrund unseres Geschlechts dieser Weiterschreibung, die die Männernamen fett druckt und die Frauennamen ins allgemeine zurückfallen lässt und darin die Wertung höchst selbstverständlich vorführt.
Ich bitte also die Droste-Gesellschaft, sich dieses Texts anzunehmen. Denn. Neben der himmelschreienden Beraubung der Leistungen einer Person handelt es sich um einen Vorgang des Antidemokratischen. Vielen Dank.«
Okay, das mit den fetten Männernamen (sie sind halt als Links markiert!) wäre ein eigenes Tagungsthema für die feministische Literaturwissenschaft: Geschlechterspezifische Hypertext-Hierarchien oder so ähnlich …
Aber der passivisch fomulierte Lebenslauf der Droste ist wirklich unsäglich. Vielleicht sollten sich zukünftig einfach mehr Dankesreden für Literaturpreise an den Dichter-Biografien in Online-Datenbanken abarbeiten. Die Subventionskritiker könnte man damit sicher auch ein wenig besänftigen, wenn im Literaturbetrieb nicht mehr nur abgestaubt, sondern auch ein bisschen entstaubt wird.
Bildquelle: Wikimedia Commons.
Die ganze Dankesrede gibt es auch bei rebell.tv.
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