Die sicherste Weise, einen Stammplatz in der Literaturgeschichte abzukriegen, ist, sich mit allen Mitteln unumkehrbar mit dem Namen des größten lebenden Dichters aller Zeiten zu verknüpfen. Früher schrieb man irgendeinen belanglosen Brief an Goethe – dann wird man noch hunderte Jahre später mindestens in einer Regestausgabe namentlich erwähnt. Und, anderes Beispiel, Karl Ludwig Sand hat Kotzebue ermordet – das reicht immer noch für jedes mittlere literaturgeschichtliche Kompendium. Usw.
Und Joachim Lottmann hat als Erster überhaupt erkannt, dass Rainald Goetz, zumindest in den Jahren 2001 bis 2006, in denen er durch Nichtveröffentlichung hervortrat (ein performativer Akt, der unbedingt zum Œuvre zu rechnen ist), der Goethe unserer Zeit war. Schon vorher hatte Lottmann kaum einen Text geschrieben, ohne Goetz zu erwähnen, und das setzte er systematisch fort (zuletzt hier, hier, hier). Es hat ganz sicher funktioniert: Keine Literaturgeschichte wird je über Goetz sprechen können, ohne »Die Goetz-Rezeption bei Joachim Lottmann« unerwähnt zu lassen.
Doch dann passierte etwas. Unabhängig davon war Lottmann so eine Art guter Schriftsteller geworden, einige sagen sogar: sehr guter. Dabei hatte ihn die »Literarische Welt« ihren Lesern noch im Jahr 2003 als »Jürgen Lottmann« vorgestellt (und sich dafür entschuldigt). Die Namensvariante scheint sich allerdings langsam durchzusetzen (DeutschlandRadio Berlin, literaturkritik.de, Tivoli-Blog und noch mal die »Welt«) und zur Popularität des Autors beizutragen.
Denn spätestens seit 2004, 2005 oder 2006 wird Lottmann – vorerst noch in nicht-öffentlichen Gremien – der Klassikerstatus zugesprochen. Und Goetz musste das mitbekommen haben. Nachdem er Lottmann in »Abfall für alle« (1998/99) nur kurz und relativ negativ erwähnt hatte, kam er nun in seinem Vanity-Fair-Projekt »Klage« (2007/08) mehrfach auf ihn zu sprechen. Jedes Lottmann-Kapitel in jeder durchschnittlichen Literaturgeschichte wird nun umgekehrt auch Goetz mit nennen müssen, als Teilnehmer an der »Frühgeschichte der Lottmann-Rezeption in Europa«.
Doch dabei bleibt es nicht. In diesen Wochen und Monaten, wir alle spüren es, ist einer dieser schwer erklärbaren literaturgeschichtlichen Synergieeffekte am Werk.
Goethe und Schiller. Grass und Walser. Goetz und Lottmann.
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