»Taube, Vogel im grauen Gewand …« – so verherrlichend beginnt der Massenmörder/Dichter Benoît in dem belgischen Mockumentary-Klassiker »Mann beißt Hund« sein Gedicht über diese Tierart, aber sobald mir das gräuliche Federvieh zu sehr auf die Pelle rückt, bekomme ich Paranoia, und anscheinend immer kommen diese blöden Viecher zu mir, zu nah.
So wie heute Morgen, ich hatte gerade erst die neue FAS von meinem Newsagent erworben, der immer noch ein bisschen zerknittert wirkte, weil they gerade die Straße vor seinem Laden aufreißen. Das kann nicht gut fürs Geschäft sein.
Ich ging dann ins Lisboa. Man kann da wirklich nur eine Kaffeelänge zubringen, denn es ist einfach zu voll und zu ungemütlich, wenn auch irgendwie charmant. Aber der Kaffee, der Galão, ist so köstlich, und dazu die leckeren Schweinsohren oder, eleganter ausgedrückt, die Palmiers.
Nun gut, das Ding gerammelt voll, wie erwartet, aber mildes Wetter, da platziere ich mich an einem der kleinen Tische draußen vor der Tür.
Kaum sitze ich, streue Zucker in den Kaffee und will beim Umrühren schon mal in mein Schweineohr beißen, kommt das erste graue Federviech daherstolziert, pirscht sich langsam heran, unauffällig pickend, und zeigt schon nach kurzem keine Scheu mehr, pickt schon fast an meinen Schuhen herum.
Ich verjage es, es kommt wieder, ich stampfe noch mal mit dem Fuß auf, und wieder kommt es langsam heranspaziert, es treibt sein Spiel. Und dann, wie aus dem Nichts, ich bemerke es nicht, startet ein gutes Dutzend Tauben vom Häusersims gegenüber, landet vor mir auf dem Fußweg und kreist mich, unauffällig pickend, ein.
Ich hatte gerade ein paar Bissen getan und ein paar vorsichtige Schlucke des heißen Milchkaffees eingenommen, noch nicht mal die FAS hatte ich umsortieren können, geschweige denn meine Nase in einen der Artikel klemmen.
Also gut, Flucht nach drinnen, an die kleine Theke zwischen den großen Kaffeemaschinen, und hier falte ich dann im Stehen an der FAS herum. Sport, Technik, Motor, alles will entsorgt sein, stream lining, auf das Wesentliche konzentrieren. Dann austrinken und schnell raus und weg, die Tauben werden sich einen Ast lachen. Dann eben ein Cafe Nero in der Nähe, taubenfrei und endlich Ruhe.
Peter Richter schreibt als »wir vom gutbürgerlichen Feuilleton« einen Artikel über den deutschen Gangsterrap, hochgradig empfehlenswert. Es geht überwiegend um den Rapper Massiv aus Pirmasens, der jetzt in Berlin lebt und dessen Rap anscheinend nach einem »dicken Jungen« klingt, »der die Treppe nicht hochkommt«, hehe.
Johanna Adorján macht Lust auf ein auf den ersten Blick unspannend klingendes Buch von Alan Bennett, »The Uncommon Reader« (FAS nicht online, dafür NYT), in dem sich die englische Königin durch Zufall und natürlich fiktiv zum Bücherwurm entwickelt.
Dann gibt es von Peer Schader lustige Anekdoten über Fernsehzuschauer und deren Wahrnehmung des Mediums, eine lange Kritik von Peter Körte über den neuen und ersten englischsprachigen Film von Wong Kar-Wai, und Feuilleton-Aufmacher ist Wladimir Sorokins Buch »Der Tag des Opritschniks«.
Jetzt müsste eine Pointe kommen, die irgendwas mit Tauben zu tun hat, denn schließlich fing der Text hier so an, aber ich sah keine Taube, weit und breit nicht, als ich mich auf den Rückweg machte. Ich glaube, das ist auch der Punkt, den Benoît in seinem Filmgedicht machen will:
Taube, Vogel im grauen Gewand
In der Städte Hölle hast du von mir
Deine Blicke verbannt
Du bist wirklich die Schnelle
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