Ich könnte stundenlang IASLonline lesen. Seit einigen Wochen gibt es endlich ein frameloses Design mit sichtbarer eindeutiger URL, aber glücklicherweise ist das mintgrün-aseptische Look’n’Feel geblieben.
›Die Wissenschaft‹ ist ja im Idealfall nur die wissenschaftliche Version von Feuilleton, also gut geschriebenes Zeug mit echter theoretischer Trennschärfe. Im Feuilleton wird die Theorie normalerweise durch die Pointe ersetzt, durch das Bonmot oder die meinungsgetriebene Zuspitzung.
Ich saß heute in der British Library und etwas später in einem Kebab-Verschlag in Tottenham und holte ein paar ältere IASL-Artikel auf, die ich seit Wochen ausgedruckt in einem alten »Monopol«-Heft mit mir herumtrage. Ich verschlang u. a. die mit ›Sabotierte Ebenen‹ schön betitelte Rezension von André Schwarck zum neuen Buch von Christian Schuldt.
Schuldt verfasst schön kurze Bücher, die man trotz Theorietheorie fast wie einen Abenteuerroman lesen kann. Auf eine nur 96-seitige Einführung in die Systemtheorie (2003; IASL: »Bekanntes in leicht bekömmlicher Form«; Stokbros blog: »den mangler filosofisk eller idéhistorisk baggrund«) und ein Buch zur Kodierung von Liebe (»Der Code des Herzens«, 2005), das das entsprechende Luhmann-Werk (»Liebe als Passion«, 1982) weiterdenkt, folgte, ebenfalls 2005, eine dezidiert literaturwissenschaftliche Untersuchung mit dem Titel:
»Selbstbeobachtung und die Evolution des Kunstsystems. Literaturwissenschaftliche Analysen zu Laurence Sternes ›Tristram Shandy‹ und den frühen Romanen Flann O’Briens« (Bielefeld: transcript 2005)
Im Buch kann man dann erleben, wie die unerhört frühe Metafiktion des »Tristram Shandy« mit systemtheoretischer Terminologie erklärt wird (siehe Abschnitte 20-23 der Rezension). Eigentlich ja eine banale Sache, jeder weiß, wie der Roman von Laurence Sterne funktioniert. Bei Schuldt wird aber alles mit unbeliebigen Begrifflichkeiten erklärt.
Man kann dann damit wirklich arbeiten. Und mit dem von Schuldt benutzten Ebenenbegriff lässt sich Flann O’Briens »At Swim-Two-Birds« auch ganz banal-exakt als »Radikalisierung in der Mehrebenenstruktur« fassen.
In der Rezension steht, dass sich Schuldt oft merk- oder unmerklich auf Dietrich Schwanitz bezieht, vor allem auf dessen angeblichen Einführungsband »Literatur und Systemtheorie« (1990), der in Wirklichkeit ein systemtheoretischer Exzess ist, der jeden Uneingeführten überfordern dürfte.
Gerade deshalb gibt es darin Schätze wie etwa ein beispielhaftes Interpretationsmodell (Kapitel V: »Probleme der Interpretation und ihre systemtheoretische Verschärfung«), mit dem ein literarisches Werk fernab pseudowissenschaftlicher Schwafeleien richtig durchinterpretiert werden kann. Das ist Literaturwissenschaft.
Zurück zu Christian Schuldt. Da seine Bücher auch tatsächlich interessierte Leser außerhalb von Forschung und Lehre adressieren, gibt es in ihnen stets unverantwortlich kurze Einführungen in die Systemtheorie. Der Rezensent nennt das in diesem Fall »holzschnitzartige Gesamtdarstellung der Evolution des Kunstsystems« (hehe).
Und auch wenn das bei IASLonline übliche ›Fazit‹ dann komischerweise nicht allzu positiv ausfällt, insinuiert die Rezension trotzdem, wie schön man mit ein wenig Theorie denken kann, hier eben mit einem Mix aus System-, Metafiktions- und Romantheorie.
Usw.
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