Das deutschsprachige Feuilleton war noch nicht hier, wir gehen schon mal vor.
»Lonely Prophets: German Art From 1910-1930«, zwischen Neuer Sachlichkeit und Expressionismus. Kirchner sieht man ja alle Nase lang, und das ist auch gut so und immer wieder schön, aber hier soll es endlich mal wieder was von Rudolf Schlichter, Christian Schad, Manfred Hirzel et al. geben. Von Schlichter wird sogar ein als verschollen gegolten habendes Porträt versprochen. Das Ganze in der Agnew’s Gallery in der Old Bond Street.
Ich gehe wie immer viel zu spät los und erreiche die Galerie ca. 15.35. Die Tür ist zu, ein Gitter hängt herunter, und hinten an der Wand sehe ich eine feine, großformatige Bleistiftarbeit hängen, die mich an Karl Hubbuch erinnert, bin mir nur nicht sicher, leider unerreichbar, Scheibe und Gitter dazwischen.
Laut Öffnungszeiten hätte die Galerie noch bis 16.00 geöffnet haben sollen, aber drinnen regt sich nichts. Schlichter, Schad, vielleicht sogar Hubbuch, und ich stehe da wie ein Idiot. Jetzt steht noch ein älterer Herr vor der Tür, fassungslos wie ich rüttelt er wenigstens mal an der Tür und verschwindet kopfschüttelnd, ich raune ihm noch ein »it’s supposed to be open till four« hinterher.
Glücklicherweise hatte ich am Samstag zwei Ziele, Neue Sachlichkeit und Futurismus. Sieht man beides viel zu selten, beide Strömungen sind in den großen Museen dieser Welt erbärmlich unterrepräsentiert.
Die Tate Modern hatte mal zwei Top-Stücke von Christian Schad, seine typischen Ölbilder aus den 20ern, leider nur Leihgaben, und die sind schon seit über einem Jahr nicht mehr da. Gut, dafür hat die Tate einen Abguss von »Unique Forms of Continuity in Space« von Boccioni, und das entschädigt für das sonst eher schwachbrüstige Œuvre des Hauses (hehe).
Egal, glücklicherweise gibt es in London die Estorick Collection, eine kleine feine Sammlung, die sich auf italienische Kunst und eben speziell auf Futurismus spezialisiert hat. Eine Perle, die selten gehoben wird zwischen den Large und Mid Caps großer Sammlungen.
»Piety and Pragmatism: Spiritualism in Futurist Art« heißt die derzeitige Sonderausstellung. Das ist später Futurismus, quasi die zweite Welle. In diese Zeit fällt auch die Aeropittura und die Arbeiten von Gerardo Dottori. Dottoris »Crucifixion« von 1928 ist ein Widerspiel aus Farbe und Form, das den Betrachter sofort reizt und anzieht.
Ungewöhnlich ist die Ausstellung, weil der Futurismus nicht unbedingt eine sehr spirituelle Bewegung war, und wohl auch deshalb sind überwiegend Werke von Dottori und Fillia zu sehen. Letzterer begeistert mich nicht sehr, aber allein wegen Dottoris »Crucifixion« lohnt sich der Gang in die Estorick Collection.
Außerdem ist die kleine und feine Dauerausstellung immer wieder prima, besonders wegen »La Musica« von Luigi Russolo und Giacomo Ballas »Movement of the Violinist«.
Das Museumscafé ist auch nicht schlecht.
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