Fast kein Mensch kennt WatchBerlin, und wer das da ist und was die da machen, scheint auch noch so ein Geheimnis zu sein, obwohl die Karten gut erkennbar auf dem Tisch liegen. Es ist mit Sicherheit kein neues 08/15-Videoportal nach dem youtube-sevenload-myvideo-Schema.
Die dort redaktionell betreuten Videoblogger sind die zurzeit besten Videoblogger around, das kann man ganz ohne Übertreibung mal hier hinschreiben, die Mischung ist rund und spicy, auch ein paar Duschbeutel sind dabei, aber die gehen schön unter.
Von Henryk M. Broder erscheint leider viel zu selten etwas Neues. Wenn man Harald Martenstein zuhört, weiß man endlich, dass man seine fetzigen Kolumnen langsam und bedächtig lesen muss, so wie er selber eben spricht, wenn er in seiner Küche vor der WatchBerlin-Kamera spricht.
Volker Weidermann bereitet sich in seiner schönen Videokolumne »Book.Book« hoffentlich auf Einsätze im Fernsehen vor, er wäre eine schöne Bereicherung zu den mittlerweile fast einzigen Buchmenschen im deutschen TV, Thea Dorn, Elke Heidenreich und Denis Scheck.
Und dann ist da noch die Rubrik »Blattschuss!«, in der Oliver Gehrs seit dem 30. April jeden Montag den neuen »Spiegel« kurz bespricht. Das ist so gut und so unterhaltsam, dass es im Prinzip auch ohne Kenntnis des kritisierten Gegenstands funktioniert.
Die 16 bisher geuploadeten Folgen ergeben bei einer durchschnittlichen Länge von 3 bis 5 Minuten einen kürzeren Spielfilm, und daher haben wir gestern Abend »Die große Oliver-Gehrs-Nacht« veranstaltet, im Bunkerkino im zweiten Stock.
Die Mädels waren hin und weg. Und das wöchentliche Verschwinden und Wiederauftauchen des Gehrs’schen 7-Tage-Barts war vielen schon Schauwert genug.
Das Kunststück von Gehrs ist es, immer grundsympathisch zu bleiben, obwohl er ja zuweilen recht beckmesserisch über das beste Magazin der Welt (so weit kann man immer mal wieder gehen) räsonniert, während die Handkamera um ihn herumtänzelt. Das könnte pedantisch bzw. total bescheuert wirken, tut es aber nicht.
Das Tolle ist ja, dass man sich über den »Spiegel« anders aufregt, als etwa über die »Bild«. Da haben Bezeichnungen wie »bodenlose Dämlichkeit« und »reinster Schrott«, die aus dem aktuellen Beitrag über die Titelstory »Europas coole Städte« stammen, noch eine unterscheidende Aussagekraft.
Gehrs lobt nämlich auch, meist zurecht, und dann plauzt eine »Spiegel«-Begeisterung aus ihm heraus, die jeder langjährige Leser kennt und die sofort ansteckt und besser wirkt als jeder Werbespot und jeder Titelbild-Aufsteller.
Trotz einiger Resonanz in der Blogosphäre – ganz vorn in der Gehrs-Berichterstattung liegt übrigens der popkulturjunkie Jens Schröder – fallen die Klickzahlen unverständlicherweise eher gering aus (immer so knapp oder auch mal etwas deutlicher über 1000). Immerhin habe ich im Institut schon mehrfach den Gehrs-Begrüßungstext »Hallo, liebe Zielgruppe« gehört, die Popularisierung schreitet also voran.
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