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  • Was vom Tage 7 übrig blieb: Café Gnosa, St. Georg

    Aufwach: 7:00 Uhr.

    Neben den täglich durchschnittlich etwa eindreiviertel Feuilletonartikeln lese ich zusammengenommen sicher mehrere Stunden die Feeds der OSINT-Community um den Russo-Ukrainian War. Davon aber hier nichts, obwohl seit Monaten natürlich nichts interessanter und wichtiger ist, und bei so einem Teaser (von einem twitternden ukrainischen Offizier) bleibt man auch den ganzen Tag dran:

    »Today is a good day already. We will see in the news.« (@kms_d4k)

    Na ja, nun jedenfalls ab ins …

    Café Gnosa
    Lange Reihe 93
    (St. Georg)

    Espresso: €1,90.

    Die Zeitkapsel, die sich heute in der Karenzzeit auftut, reicht genau für Jürgen Kaubes Rezension der dreibändigen Biografie zum bislang einzigen deutschen Schachweltmeister Emanuel Lasker in der FAZ (»Man glaubt nach der Lektüre, Bridge und die Grundzüge der höheren Algebra zu verstehen oder wenigstens zu ahnen, worum es sich handelt.«). Mehr war leider nicht drin, die SZ nur schnell durchgeblättert.
     

  • Was vom Tage 6 übrig blieb: Albatros Cafe, Barmbek

    Ich habe heute einem Briefträger eine Windel geschenkt, doch dazu später.

    Aufwach: 6:00 Uhr.

    Zunächst erst mal ins …

    Albatros Cafe
    Wagnerstr. 5
    (Barmbek)

    Infrastrukturell super gelegen zwischen U-Bahn Hamburger Straße und der Hamburger Meile, viel Laufkundschaft, aber auch abgelegen genug, um in Ruhe ein Buch zu lesen. So wie am Nebentisch der sympathische Dude mit einem T-Shirt der »Antifaschistischen Seenotrettung« (die weiße Ausführung). Und zwar liest er Hildegard Knefs Autobiografie »Der geschenkte Gaul«.

    Espresso: €2,20.

    Was vom Tage übrig blieb, siehe Kazuo Ishiguro: meist nicht viel.

    Aber dann doch die Sache mit der Windel und dem Briefträger. Direkt vor der Haustür kommt nämlich von schräg her ein Mann in Gelb hastig auf mich zu. Er hält mir seine Hand entgegen, triefend vor Blut, und fragt mich, ob ich vielleicht ein Taschentuch habe. Finde keins auf die Schnelle, aber was ich dabei habe, sind Windeln, und so verarzten wir die Briefträgerhand erst mal notdürftig mit einer Windel der Budni-Hausmarke »Hallo Welt«.
     

  • Was vom Tage 5 übrig blieb: Eclair au Café, Winterhude

    Aufwach: 7:00 Uhr.

    In der aktuellen »Hinz & Kunzt« (Ausgabe 355, September 2022) ein Artikel über den Sachsenwald, geschrieben von Frank Keil. Kronzeuge mit viel Waldwissen ist der Diplompädagoge und freiberufliche Kulturwissenschaftler Nikolaj Müller-Wusterwitz, super. Einer der Fun Facts: Bismarcks Ururenkel Gregor Fürst von Bismarck hat sich »jüngst zum Waldtherapeuten ausbilden« lassen, ok.

    Neue Woche, die dunkelblaue Artipoppe-Trage geschultert, meist auch den Teutonia dabei, Modell BeYou 12, beides mit Dank an eBay Kleinanzeigen.

    Zickzack durch den Stadtpark Richtung Winterhude. An einem Kiosk am Lattenstieg kauf ich den SPIEGEL (Ausgabe 36/2022). In einem kleinen Seitenweg ist eine Filiale der Boulangerie …

    Eclair au Café
    Lattenstieg 4
    (Winterhude)

    Espresso: €2,50.

    Im SPIEGEL erst das Interview mit Lilly Blaudszun. Dann das Carsten-Schneider-Porträt von Markus Feldenkirchen. Schneider, geb. 1976 in Erfurt, war ja 1998 der jüngste Bundestagsabgeordnete ever, mittlerweile unter anderem Ostbeauftragter der Bundesregierung, »einer von 16 Millionen Ostdeutschen«, wie Feldenkirchen, einer von ich weiß nicht wie vielen Westdeutschen schreibt. Die Reise führt Schneider und Reporter auch ins Erfurter Neubaugebiet Herrenberg, wo Schneider aufgewachsen ist und wo er nun »die Unterschiede der einzelnen Plattenbauweisen« erklärt. Siehe dazu auch Peter G. Richters Dissertation, betreut von Martin Warnke.

    Passend zum Wald-Special der »Hinz & Kunzt« schaukeln auf dem Waldspielplatz im Stadtpark. Beim Weiterlaufen fallen mir zum ersten Mal die Warnschilder auf:

    »Vorsicht! Allergiegefahr durch EICHENPROZESSIONSSPINNER! Bitte Raupen und Nester nicht berühren.«

    Daneben die Hundeauslaufzone, dort eine Weile zuschauen.
     

  • Was vom Tage 2 übrig blieb: Café Bohne, Osdorf

    Aufwach: 6:15 Uhr.

    🎶 Maria Antonietta: Abitudini

    Sachen abholen bei der Reinigung um die Ecke, Zeitungen, danach erster Tagesschlaf.

    Weiter in der ZEIT, auf Seite 32 den Artikel von Sophie Neukam über Biber. Wahnsinnig gern lese ich Artikel über den Biber und wie er in seinem sogenannten Wohnkessel wirtschaftet. Der »nasse Held« ist »das einzige Tier, das im Wasser lebt und das Geräusch von fließendem, platschendem Wasser nicht erträgt. Es löst immer wieder in ihm den Reiz aus, ein Leck zu finden und zu stopfen. Seine Mission ist es, eine volle Badewanne zu haben und keine, bei der der Stöpsel fehlt. Das Plätschern ist für ihn das Signal, dass sein Plan, Wasser zu stauen, schiefgegangen ist.«

    🦫

    In der SZ von heute Felix Stephan über den Streit von Elke Heidenreich mit der Redaktion des »Buchreports«, die für die Bestsellerliste ihr neuestes Buch von der Belletristik in die Kategorie Sachbuch umsortiert hatte. Zwei der Gründe: Heidenreich »habe ihre Texte um private Fotos ergänzt, was den nicht-literarischen Charakter des Buches unterstreiche« (haha), und sie habe »im Falle eines Textes über Bologna historische Fakten erwähnt, ›wie sie auch in einem Reiseführer stehen könnten‹, etwa das Gründungsdatum der Universität oder den Umstand, dass dort die Tortellini erfunden wurden« (hahahahaha).

    Auf derselben Seite Lothar Müller über Friedrich Christian Laukhards Bericht der Kampagne in Frankreich, über das »Schicksal einer Invasionsarmee«: »Das Heer, dem er angehört, verbraucht beim Vormarsch wie beim Rückzug einen Großteil seiner Energie für die Selbsterhaltung.«

    Baustellengraben vor der Haustür, »im Zuge der Stromhausanschluss-Erneuerung« (Aushang). Ich werfe den Kinderwagen sachte auf die andere Seite des Grabens und es kann losgehen:

    Café Bohne
    Rugenbarg 8
    (Osdorf)

    Espresso: €2,20.

    Ich stelle die Tasse auf die Rückseite einer Hamburger Morgenpost und lese um die Tasse herum, wie Sky du Mont seine neue Freundin kennenlernte: »Beim Online-Interview hat es einfach Zoom gemacht«.
     

  • Was vom Tage 1 übrig blieb: MalinaStories, Barmbek

    Aufwach: 6:30 Uhr.

    Los geht’s.

    🎶 Maria Antonietta: Abitudini

    Wer Malina heißt, muss natürlich hier gewesen sein:

    MalinaStories
    Hellbrookstraße 61
    (Barmbek)

    Dort viele Karenzkolleg*innen mit noch kleineren Babys bei relativ üppigen Donnerstagsfrühstücks.

    Espresso: €2,30.

    Alles hyggelig vintage, mit der Tasse kommt ein kleiner güldener Löffel.

    Ich hab 30 Minuten und lese erst mal das Exklusivinterview mit Franca Lehfeldt in der heute erschienenen ZEIT (Ausgabe 36/2022), nicht aus Interesse, sondern weil ich die ZEIT mal wieder von vorn nach hinten durchblättern möchte, und das Interview steht auf Seite 3.

    Auf einer Schaukel am Schwalbenplatz schläfrig geschwungen.

    Auf dem Wochenmarkt Hartzloh lachen knackfrische Delbarestivale in alle Richtungen.

    Mittagsschlafphase eingeläutet mit der Arie »Schafe können sicher weiden« aus Bachs Jagdkantate, uraufgeführt 1713 im Jägerhof zu Weißenfels.

    Schnell weiter lesen. In der heutigen SZ ein Interview mit Theresia zu ihrem neuen Roman »Auf See«, darin die interessante Frage: »Was ist denn eigentlich der Weltuntergang? […] Wo findet er statt und vor allem für wen?«

    17:30 Essen kochen, im Hintergrund »Kultur heute«, ein paar Fetzen zur Donatello-Ausstellung in der Berliner Gemäldegalerie schaffen es durch das Küchengeklimper. Donatello, Erschaffer des Gattamelata! »The uncrowned king of the equestrian statue«, wie man in BBC-Englisch hinzufügen könnte.

    🎶 Albrecht Schrader: Die Zukunft liegt verborgen

    Dann White Noise und Schlafen, das ist erst mal alles.
     

  • 100-Seiten-Bücher – Teil 232 Christa Kożik: »Moritz in der Litfaßsäule« (1980)

    In Christa Kożiks Kinderbuch »Moritz in der Litfaßsäule« heißt es über Moritz‘ drei Schwestern Suse, Salome und Sina: »Für irgendwas schwärmten sie immer, mal für Frank Schöbel, mal für einen Hosenanzug, mal für ein Häkelmuster« (S. 19). Nun wissen viele Kinder heutzutage vielleicht gar nicht mehr, dass Frank Schöbel keine erfundene Figur ist, sondern dass es sich bei Frank Schöbel, einem bedeutenden Schlagersänger, dem die meistverkaufte Platte der DDR zu verdanken ist, um eine Person der Zeitgeschichte handelt. Davon kann man sich u. a. in Frank Schöbels Autobiografie »Frank und frei« überzeugen, die 1998 im Verlag Das Neue Berlin erschienen ist (die nachfolgenden Seitenangaben beziehen sich auf diese Buchausgabe).

    Man wird in diese Autobiografie sofort hineingezogen, weil Frank Schöbel uns alle duzt. Und da er so gut wie nichts weggeschmissen hat, sondern seine sämtlichen persönlichen Dokumente, Fotos und Terminkalender sowie sämtliche Kritiken seiner Konzerte fein säuberlich aufgehoben und abgeheftet hat, kann er seine Lebensgeschichte praktisch lückenlos dokumentieren. Einen Teil seiner Kindheit verbrachte Schöbel in Leipzig in der Tschaikowskistraße 23. Zur selben Zeit wohnte in diesem Haus auch der berühmte Literaturkritiker und Germanistikprofessor Hans Mayer, dem Schöbel einige Streiche spielte, »die von der Stinkbombenherstellung aus altem Film-Zelluloid bis zu dem Trick reichten, gefüllte Tonnen mit Küchenabfällen schräg an die Wohnungstür des Opfers zu lehnen und dann den Klingelknopf zu drücken« (S. 11).

    Dass Schöbel Schlagerlieder nicht nur gesungen, sondern auch selber getextet hat, dürfte nicht zuletzt auf seine Lektüre des Autors Johannes R. Becher zurückzuführen sein, den er gleich eingangs zitiert. Der persönliche Zugang zu einem anderen Autor wird ihm später allerdings verwehrt: Er geht zu DDR-Offiziellen, Abteilung Kultur, um ihnen ein paar Anliegen vorzutragen, »[u]nd schließlich fragte ich noch so ganz naiv, schwejkhaft, ob sie mir ein Gespräch mit Stefan Heym ausmachen könnten. Der Mann interessierte mich kolossal. ›Würde ich Ihnen von abraten‹, meinte man leicht süffisant« (S. 399).

    Klavier spielen lernt Schöbel bei Frau Jutta Grimm, zweite Pianistin an der Thomas-Kirche in Leipzig: »Dabei war Bach für sie alles, und Mozart kam ihr schon wie Jazz vor« (S. 40). Von Jazz zu Rock ist es ein kurzer Weg, daher gehört zu den ersten pfiffigen Liedern, die Schöbel schreibt, »Wipp-Wapp-Rock«, aber »[w]eil Anglizismen wie das Wort Rock nicht erlaubt waren, meinte ich den Rock mit dem Petticoat drunter, und schon ging’s« (S. 58). Seinen größten Hit überhaupt landet Schöbel später mit dem Lied »Wie ein Stern«. Bei der Eröffnung der Fußball-Weltmeisterschaft 1974 singt er vor Hunderten Millionen Fernsehzuschauerinnen und -zuschauern. Aber noch stolzer als auf diese Episode ist Schöbel auf seine mit großer Sorgfalt vorbereitete, hervorragende Platte »Komm, wir malen eine Sonne«, die erste Kinderpop-LP der DDR mit dem zeitlos gute Laune machenden Titelsong.

    Frank Schöbels Karriere ist wahrhaft atemberaubend. Schon zu DDR-Zeiten trat er nicht nur in der DDR, in der Sowjetunion und in Kuba auf, sondern auch in vergleichbaren Ländern wie z. B. Irak, Libanon, Japan und Norwegen. Seine Autobiografie liest sich wie ein Who’s Who der Showbusinessbranche, er kennt oder kannte sie wirklich alle persönlich: Nina Hagen, Eva-Maria Hagen, Udo Jürgens, Abi Ofarim, Paul Dessau, Harald Juhnke, Karat, die Puhdys, Arndt Bause, Dieter Thomas Heck, Achim Menzel, Roger Willemsen, Helga Hahnemann, Silly, Thomas Gottschalk, Dagmar Frederic, Otto Waalkes, Caterina Valente, Peter Ensikat, Egon Krenz, Wolfgang Lippert, Armin Mueller-Stahl, Gerhard Schöne, Leonid Breschnew, Drafi Deutscher jr., unzählige andere sowie Frank Elstner (S. 321: »Wir hatten sofort einen Draht, unter anderem auch deswegen, weil ich in Köpenick wohnte und da seine Tante auf’m Friedhof begraben liegt«). Auf ein Personenverzeichnis am Ende des 700 Seiten langen Buches hat der Verlag sicherlich deswegen verzichtet, weil das Buch sonst wohl nochmal 700 Seiten länger geworden wäre.

    Als Frank Schöbel und seine erste Frau, die Schlagersängerin Chris Doerk, sich scheiden lassen wollen, überlegen sie, wie sie das ihren Fans beibringen sollen, ohne dass für diese eine Welt zusammenbricht (was dann natürlich trotzdem passiert): »Ich dachte immerzu, wie würden die Leute reagieren, wenn die Scheidung publik wird. In Briefen standen Sätze wie: ›Die Beatles sind tot, die Stones sind krank, es leben die Fans von Chris und Frank‹« (S. 227). Und so sehr es den Fans selbstverständlich gegönnt sei, dass sie leben, so merkwürdig mutet dieser Zweizeiler aber doch an, da nicht recht ersichtlich ist, warum die Fans eben sich selbst und nicht Chris und Frank dafür feiern, dass sie leben.

    Zum Glück hat Schöbel immer einen lockeren Spruch auf den Lippen. Wenn er gefragt wird, wer an der Scheidung nun schuld sei, kommt die Antwort: »Na, schuld war nur der Bossanova. Das sagte ich immer, wenn es um politische Dinge ging, das mußte auch privat gehen« (S. 241). Kleine Gags, Epigramme und Aperçus verstreut Schöbel ohnehin großflächig über das ganze Buch: »Du kennst den Spruch ›Paris sehen und sterben‹ – ersteres machte ich ausgiebig« (S. 353). Die Gabe, solche Jokes zu machen, scheint in seiner Verwandtschaft verbreitet zu sein, jedenfalls wünschte sich Schöbels Onkel Theo, der von Beruf Schornsteinfeger war, für seinen Grabstein die Aufschrift: »Er kehrt nie wieder« (S. 37). Und den lieben Gott nennt Frank Schöbel nicht »Gott«, sondern »Chef«.

    Zugegebenermaßen hatte Schöbel nicht nur Fans, sondern auch Neider. Er berichtet von einem Nachbarn, der eines Abends mit einer Axt vor Schöbels Wohnungstür aufgewartet habe: »Er fuchtelte mit der Axt rum […], aber er hat sie nicht geworfen, rief nur: ›Schöbel […], [w]eißte, was du bist? Du bist ein Westberliner.‹ Das war für ihn wahrscheinlich das allerschlimmste Schimpfwort« (S. 152). Schöbel sieht ganz nüchtern die Vorzüge der DDR ebenso wie ihre Nachteile. Als er einmal eine Trommel braucht, fährt er nach Weißenfels, meldet sich bei einem Werkdirektor und sagt ihm: »›Ich brauch ’ne große Trommel, die so richtig beschissen klingt.‹ Sichtlich erleichtert sprudelte es aus ihm heraus: ›Frank, ham wa. Kein Problem‹« (S. 384). Den Unterschied zwischen dem Osten und dem Westen macht Schöbel ganz konkret deutlich, wenn er beschreibt, dass es für seine Einkünfte aus den Plattenverkäufen ein oberes Limit gab: »nämlich 500 Mark, minus 20 Prozent Steuern, also 400 Mark auf die Hand. Egal ob die Platte millionenmal verkauft wurde oder nur einmal. Das war natürlich nicht vorstellbar für Menschen, die aus einer Welt kamen, wo von früh bis spät Monopoly gespielt wird« (S. 191).

    Schöbel ist absolut nicht unpolitisch. Die Stagnation in der DDR der späten 1970er- und 1980er-Jahre, die sinnlosen unendlichen Komiteesitzungen missfallen ihm zunehmend. Er macht sich lustig über den offiziellen Jargon, wie er etwa in einem Referat zum Ausdruck kam, das nach dem VIII. Parteitag im Komitee für Unterhaltungskunst gehalten wurde: »Um der Differenziertheit der Ansprüche und der Vielfalt der Funktionen, die Tanzmusik im Rahmen der Freizeittätigkeiten der Werktätigen erfüllt, gerecht werden zu können, benötigen wir das Stimmungs- oder Tanzlied wie den Schlager oder den Beattitel, der Alltägliches erlebbar macht, der Partei ergreift in den Klassenauseinandersetzungen unserer Zeit« (S. 297). Schöbel kommentiert: »Ich stellte mir einen Sänger vor, der singt: ›Bis zum Horizont ist alles blond‹, oder ein anderer etwa ›Alles im Eimer, Christina Marie‹, wie die Partei ergreifen in den Massenauseinandersetzungen unserer Zeit« (S. 297). Als eine Zeitung ihre Leserinnen und Leser auffordert, die Frage zu beantworten, was sie vom Schlagertext und von der Schlagermusik fordern und inwiefern ihr Lebensgefühl in einer qualitätsvollen Schlagermusik, die der sozialistischen Lebensweise würdig ist, zum Ausdruck komme, ereifert sich Schöbel: »Plötzlich war Demokratie angesagt. Jeder durfte zum Schlager seine Meinung sagen; kein Mensch ging zum Bäcker und zettelte eine Diskussion an, kleine Brötchen, große Brötchen, mehr Mehl, weniger Mehl, sozialistische Brötchen oder … beim Schlager aber konnte endlich jeder mitreden« (S. 174).

    1989 schließlich, vor dem Mauerfall, singt Schöbel ein Lied mit dem anspielungsreichen Titel: »Wir brauchen keine Lügen mehr«. Einmal wird es im Radio direkt nach einer Ansprache von Margot Honecker gespielt: »Das gab Ärger« (S. 538). Großen Ärger gibt es später dann auch mit der »Bild«-Zeitung. Einmal soll Schöbel für sie an die 60 Fragen beantworten. »Eine hieß: Wen würden Sie als Bundeskanzler wählen? Ich ironisch: ›Meinen Nachbarn Siegfried Lehmann.‹ Ich habe gar keinen Nachbarn, der so heißt« (S. 638).

    Hiermit möchte ich meine kleine Rezension von Christa Kożiks Buch »Moritz in der Litfaßsäule« gerne beenden.

    Länge des Buches: ca. 165.000 Zeichen (dt.). – Ausgaben:

    Christa Kożik: Moritz in der Litfaßsäule. Illustrationen von Günter
    Wongel. Berlin: Der Kinderbuchverlag 1980. S. 3–116 (= 114 Textseiten).

    (Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)

  • Dickere Bücher weil »Verwesungspanik« (Sibylle Berg)

    Ok, ein kleiner Beitrag aus unserer Materialsammlung zu einer Theorie des literarischen Textumfangs. Demnächst mehr dazu in unserem Aufsatz »Ein Quantum Literatur«, der bei Springer Nature erscheint (siehe auch unsere Sammlungen zu Hundertseitern und Tausendseitern).

    Also, in der »Fest & Flauschig«-Folge »Im geheimen Unterwasser-Sexschloss von Sibylle Berg«, online gestellt am 14. Mai 2022, geht es zentral um Sibylle Bergs neuen Roman »RCE. #RemoteCodeExecution« (Kiepenheuer & Witsch 2022). Das Gespräch ab Minute 30:28:

    Olli Schulz: Woher kommt das, dass irgendwann – muss ich echt mal fragen –, bei Schriftstellern und Schriftstellerinnen im Laufe der Zeit die Bücher immer dicker werden und man eigentlich… Ich erinnere mich noch an eines deiner ersten Bücher, »Der Mann schläft«, das deutlich dünner war… Weil man immer mehr Informationen hat, weil man immer mehr recherchiert, oder weil man immer mehr so’n Lebenswerk abliefern muss?

    Jan Böhmermann: Oder Sibylle ist einfach mächtiger als der Lektor geworden.

    Olli Schulz: Nee, ich finde – das ist wirklich mir aufgefallen –, dass deine Bücher mit der Zeit immer umfangreicher werden.

    Sibylle Berg: Ja, das ist… Ich glaub, das ist Verwesungspanik. Dass du einfach dich versuchst irgendwie ans Leben zu krallen und »orrr, was ich euch unbedingt vor meinem Abgang noch sagen will«…

     

  • »Das einzige, was man überhaupt noch lesen kann«

    Irgendein Redakteur erzählte mir neulich, dass Christian Kracht seine Zeitung gelobt habe, und insbesondere das Feuilleton darin. Das sei das einzige, was man überhaupt noch lesen könne. Und ich sagte nichts und freute mich aber sehr, weil es mich an eine ähnliche Geschichte erinnerte.

    Und zwar lebt Christian Kracht ja immer irgendwo anders, einmal aber wohnte er ganz konkret in Italien, genauer in Florenz. Das hatte damals irgendjemand erzählt oder ich hatte es irgendwo gelesen, jedenfalls hatte ich es irgendwie im Hinterkopf, als ich dann selbst in Florenz war.

    Wir übernachteten in einem Apartment mit Blick über die Piazza della Repubblica vis à vis dem Caffè Gilli. Diese Nähe nutzten wir aus und tranken jeden Morgen einen Kaffee an der dortigen Bar. Meine spanische Begleiterin hatte natürlich keine Ahnung, wer Christian Kracht ist, als ich ihr beiläufig, ein bisschen verträumt in die Gegend schauend, von dem »autor suizo« erzählte, den ich so gern lese und der gerade in Florenz lebt, supuestamente.

    Denn manchmal spürt man ja, dass man etwas Nebensächliches doch kurz erzählen sollte, weil es gleich noch eine Rolle spielen könnte. So auch hier.

    Neuer Morgen, neuer Trip an die Bar des Gilli. Und dann trat die berühmte Regisseurin Frauke Finsterwalder, die Ehefrau von Christian Kracht, ins Café, stellte sich neben uns und gab eine Bestellung auf. Ich war weder ihr noch ihrem Mann je persönlich begegnet, doch erkannte sie sofort, und da sie zwei Getränke bestellt hatte, war mit einem weiteren Gast zu rechnen.

    Zu meiner Begleiterin sagte ich leise, believe it or not, aber neben dir, das ist die Frau des »autor suizo«, den ich neulich erwähnt habe, »ya sabes, el que se mudó a Florencia hace poco«.

    Kurz darauf trat dann auch tatsächlich Christian Kracht hinzu. Wir hatten in einer unwichtigen Sache einmal korrespondiert, und ich wusste, dass er Paco kannte, und als dessen Freund stellte ich mich kurz vor, nachdem ich zwei Schritte in Richtung der Kracht-Finsterwalders unternommen hatte.

    »Oh ja, Paco vom ›Umblätterer‹«, sagte Kracht, »ganz wunderbar. ›Der Umblätterer‹ ist ja das einzige, was man überhaupt noch lesen kann.«

    Wir lachten alle sehr laut, ein Lachen, das ich meiner Begleiterin später nicht wirklich erklären konnte, und unterhielten uns noch einen Moment. Die Tochter der beiden war wohl gerade im Kindergarten und spielte eine Biene in einer Kinderaufführung oder so ähnlich, und da wir auf dem »Umblätterer« gerade unser Panorama des Hundertseitigen Buches angestoßen hatten, erwähnte Kracht, dass »Faserland« ja quasi auch nichts anderes als ein Hundertseiter sei.

    Na ja, und so zieht Christian Kracht nun durch die Lande und erzählt allen, dass ihre Publikationen und Schreibereien ja überhaupt die einzigen seien, die man noch lesen könne, und hält sich damit die Welt vom Hals.
     

  • 100-Seiten-Bücher – Teil 231 Margaret Cavendish: »Die Gleißende Welt« (1666)

    1666 (sechzehnhundertsechsundsechzig!) veröffentlichte Margaret Cavendish, die Herzogin von Newcastle, dieses Buch unter diesem ihrem Namen. Die das Buch verfasst habende Person war also auf den ersten Blick als Frau erkennbar, für die damalige Zeit grandios unkonventionell. »Die Gleißende Welt« ist, um es klipp und klar zu sagen, möglicherweise die beste Geschichte, die jemals geschrieben wurde. Ich fasse sie hier kurz zusammen: Ein Kaufmann reist ins Ausland und verliebt sich dort in eine junge Frau. Doch es gibt ein Problem: Sie ist absolut superst und er ist eben Kaufmann, deswegen hat er von vornherein keine Chance bei ihr. Logischerweise will er nicht aufgeben, also entführt er sie. Zusammen mit ein paar Kumpels zerrt er sie auf ein Boot und fährt auf dem Meer davon. Ein Sturm kommt und schleudert das Boot bis an den Nordpol. Dort ist es sehr kalt, also erfrieren die Männer. Die junge Frau hingegen bleibt auch »dank […] der Hitze ihrer Jugend« (S. 10) am Leben.

    Das Boot befindet sich nun genau genommen nicht bloß am Nordpol, sondern an der Spitze des Nordpols, d. h. dort, wo der Nordpol auf einen Pol einer anderen Welt stößt. Es ist so: »Wenn jemand an einen dieser Pole gelangt, muß er entweder umkehren oder die andere Welt betreten« (S. 10). In diesem Fall wird der jungen Frau die Entscheidung, ob sie umkehren oder die andere Welt betreten soll, gewissermaßen abgenommen, denn es kommen Bärenmenschen, die die Dame aus dem Boot hinaustragen und dann das Boot mitsamt den toten Männern versenken. Die Bärenmenschen tragen die junge Frau bis in ihre Stadt. Die junge Frau versteht zwar kein Wort von dem, was die Bärenmenschen sagen, aber alle sind supernett zu ihr. Es ist allerdings leider immer noch viel zu kalt für die junge Frau, also bringen die Bärenmenschen die junge Frau in eine andere, wärmere Gegend, und zwar zu den Fuchsmenschen.

    Die Fuchsmenschen beschließen zusammen mit den Bärenmenschen, den Gansmenschen und den Vogelmenschen, die schöne junge Frau, anstatt sie rund um die Uhr zu bewundern, dem Kaiser der Gleißenden Welt (so heißt die Welt, in der sie sich nun befindet) zu schenken. Auf dem Weg zum Kaiser fängt die junge Frau an, die Sprache zu erlernen, die in der Gleißenden Welt gesprochen wird. Es dauert noch ein bisschen, bis sie den Weg zum Kaiser zurückgelegt haben, und als sie dort ankommen, sieht sie, dass alles aus Gold ist. Der Kaiser hält die junge Frau für eine Göttin und möchte sie anbeten. Das aber lehnt sie ab und sie erklärt ihm, dass sie eine Sterbliche ist. Da freut er sich natürlich, und sie heiraten.

    Die frischgebackene Kaiserin lernt nun auch die übrigen Bewohnerinnen und Bewohner der Gleißenden Welt kennen, also die Wurmmenschen, die Fischmenschen, die Fliegenmenschen, die Ameisenmenschen, die Spinnenmenschen, die Lausmenschen, die Affenmenschen, die Papageienmenschen und viele andere. Jeder Gattung ist ein bestimmter Beruf zugeordnet: So betätigen sich die Bärenmenschen als Experimentalphilosophen, die Vogelmenschen als Astronomen, die Fliegenmenschen, Wurmmenschen und Fischmenschen als Naturphilosophen, die Affenmenschen als Chemiker, die Fuchsmenschen als Politiker, die Spinnenmenschen und Lausmenschen als Mathematiker, die Dohlenmenschen, Elstermenschen und Papageienmenschen als Redner und Logiker usw.

    Als nächstes lässt die Kaiserin sich über die Staatsform und die Religion der Gleißenden Welt informieren. Da sie vom Kaiser die unumschränkte Macht über die gesamte Gleißende Welt erhalten hat, gründet sie eine Reihe von neuen wissenschaftlichen Gesellschaften und beauftragt diese, Forschung zu betreiben. Manche dieser Gesellschaften müssen z. B. die Sonne erforschen und den Mond und die Luft und den Wind und Schnee und Blitz und Donner und Quellwasser und Mineralien und Pflanzen und Chemikalien und Rohstoffe und Krankheiten und Arzneien und Geometrie und Rhetorik und die Kabbala und Stubenfliegen, und im Anschluss müssen sie der Kaiserin Bericht erstatten über die Ergebnisse ihrer Beobachtungen und mit ihr über all das diskutieren. Die jeweiligen Diskussionen, die alle extrem super sind, werden bestimmt auf insgesamt vierzig oder fünfzig Seiten beschrieben, also ich fasse die komplette Geschichte hier wirklich sehr kurz und bündig zusammen. Nur drei Beispiele aus diesen Gesprächen seien herausgegriffen.

    Erstes Beispiel: Die Kaiserin fragt die Wurmmenschen, ob es in der Erde keine Nicht-Wesen gebe. Die Wurmmenschen antworten, davon hätten sie noch nie etwas gehört, aber möglicherweise seien Nicht-Wesen so etwas Ähnliches wie stofflose Geister, und sie solle doch lieber die stofflosen Geister fragen.

    Zweites Beispiel: Die Kaiserin fragt die Affenmenschen, wie es komme, dass das langlebige kaiserliche Geschlecht – einige Angehörige seien vierhundert Jahre alt – so jung wirkt. Die Affenmenschen antworten: Es gibt in bestimmten Gegenden der Gleißenden Welt einen Felsen, der goldenen Sand enthält. Dieser Sand ist innen hohl und bringt eine Art Gummi hervor. Man muss einfach hundert Jahre warten, dann hat der Gummi seine Vollkommenheit erreicht. Wenn man dann diesen vollkommenen Gummi in der warmen Hand hält, löst er sich auf zu einem Öl. Dieses Öl hat folgende Wirkungen: Wenn man einem altersschwachen Menschen täglich eine erbsengroße Menge davon verabreicht, muss er eine Woche lang spucken, dann wirft er Schleim aus, dann erbricht er zuerst blassgelbe, schließlich dunkelgelbe, dann grüne und schließlich schwarze Säfte. Das Erbrechen ist aber überhaupt nicht unangenehm oder so, es kommt nur immer sehr plötzlich.

    Diese verschiedenfarbigen Säfte kommen zuerst aus dem Mund raus, dann aus der Nase. Schließlich wird der Körper auch noch durch den Stuhlgang, durch Urin, durch Schweiß, durch Nasenbluten und durch Hämorrhoiden gereinigt. Das alles dauert ungefähr sechs Wochen. Wenn die vorbei sind, dann bricht am ganzen Körper ein dicker Schorf aus, und die Haare, Zähne und Fingernägel fallen aus. Der Schorf öffnet sich dann am Rücken. Das dauert vier Monate. Danach wird der altersschwache Mensch in ein Wachstuch gehüllt, das aus bestimmten Wachsen und Säften zubereitet wird. Die gesamte Verjüngungskur dauert neun Monate. Während dieser Zeit ernährt der besagte Mensch sich ausschließlich von Adlereiern und Hirschkuhmilch. Dann wird die Wachsmembran entfernt, und der ursprünglich alte Mensch sieht aus wie ein zwanzigjähriger Mensch!

    Drittes Beispiel: Die Kaiserin ruft ihre Logiker zu sich und möchte wissen, welche Fortschritte sie in der Disputationskunst gemacht haben. Der erste antwortet folgendes: Jeder Politiker ist weise – jeder Spitzbube ist ein Politiker – also ist jeder Spitzbube weise. Der zweite widerspricht: Kein Politiker ist weise – jeder Spitzbube ist ein Politiker – also ist kein Politiker weise. Der dritte argumentiert so: Jeder Politiker ist weise – einige Spitzbuben sind Politiker – also sind einige Spitzbuben weise. Der vierte sagt: Kein Politiker ist weise – einige Spitzbuben sind Politiker – also sind einige Spitzbuben nicht weise. Nun wählen die Logiker ein neues Themenfeld. Einer sagt: Jeder Philosoph ist weise – jedes Tier ist weise – also ist jedes Tier ein Philosoph. Ein anderer sagt, dieses Argument sei falsch, vielmehr verhalte es sich so: Jeder Philosoph ist weise – einige Tiere sind nicht weise – also sind einige Tiere keine Philosophen. Die Kaiserin unterbricht sie und sagt: »[O]bwohl ich eure Gesellschaft nicht auflösen will, werde ich mich doch nie mehr erfreuen, euch zuzuhören« (S. 38).

    In der Zwischenzeit hat die Kaiserin auch den Feuerstein kennengelernt, der die Eigenschaft hat, in nassem Zustand zu brennen. Danach lernt sie ein paar stofflose Geister kennen. Sie tauscht mit ihnen Komplimente aus und unterhält sich sehr gut mit ihnen. Als die Kaiserin auf die Idee verfällt, selber eine eigene Kabbala diktieren zu wollen, braucht sie, versteht sich, eine Person, die das für sie aufschreibt. Einer der stofflosen Geister empfiehlt ihr eine ganz bestimmte Schreiberin: die Herzogin von Newcastle. Die Kaiserin nimmt diesen Rat an, woraufhin der besagte Geist die Seele der Herzogin von Newcastle zur Kaiserin schickt. Sie begrüßen sich mit einem seelischen Kuss und plaudern sehr wunderbar miteinander.

    Irgendwann reisen die Seele der Kaiserin und die Seele der Herzogin u. a. nach Nottinghamshire, Sherwood und Welbeck. Der Kaiser darf selbstverständlich nicht wissen, dass die Seele seiner Frau verreist ist, deswegen nimmt vorübergehend im Leib der Kaiserin ein stoffloser Geist den Platz ihrer Seele ein. Als die beiden Seelen den Herzog von Newcastle, also die Figur des Ehemanns der Autorin, beim Fechten beobachten, macht die Seele der Herzogin von Newcastle sich Sorgen um ihn und fährt in die Seele ihres Mannes. Die Kaiserin tut es ihr nach, damit sind drei Seelen in seinem Leib und sie verlieben sich alle gegenseitig ineinander, natürlich nur platonisch. Allerdings kommt nun ein stoffloser Geist und berichtet der Seele der Kaiserin, dass der Kaiser zwar nichts von der Abwesenheit ihrer Seele weiß, dass aber der in der Gleißenden Welt zurückgebliebene Körper der Kaiserin sehr traurig und melancholisch ist, weil ihm seine eigene Seele fehlt, und dass diese Traurigkeit schon dem ganzen Hof auffällt. Daraufhin geben sich die Seele der Kaiserin und die Seele der Herzogin einen stofflosen Kuss, sie vergießen stofflose Tränen, und die Seele der Kaiserin reist in die Gleißende Welt und in ihren Körper zurück.

    Zuhause angekommen, regiert die Kaiserin wieder sehr weise und geschickt, aber eines Tages erfährt sie, dass in der Welt, aus der sie stammt, praktisch alle Länder Krieg gegen ihr Heimatland England führen und dass England in Gefahr ist, zerstört zu werden. Das tut der Kaiserin sehr leid. Ihr fällt wieder ein, dass man in ihrer Heimatwelt alle Schiffe, weil sie ja aus Holz sind, mit dem Feuerstein in Brand setzen kann. Daraufhin fährt sie mit ihren Streitkräften, also den Wurmmenschen, Vogelmenschen, Fischmenschen, Bärenmenschen usw., in die andere Welt rüber, führt einen brutalen, entsetzlichen, gewaltigen, mörderischen Krieg gegen fast alle Länder dieser Welt, gewinnt ihn, weil sie alle gegnerischen Schiffe mit dem Feuerstein vernichtet hat, und führt England somit zur absoluten Weltherrschaft. Dann fährt sie wieder zurück in die Gleißende Welt und der Kaiser fragt sie, wie es ihr geht. Sie sagt, gut.

    Länge des Buches: ca. 230.000 Zeichen (dt.). – Ausgaben:

    Margaret Cavendish: Die Gleißende Welt. Aus dem Englischen übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Virginia Richter. München: scaneg Verlag 2020 [faksimilierte Ausgabe von 2001]. S. 5–86 (= 82 Textseiten).

    (Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)

  • Die Ergebnisse der … Feuilleton-Meisterschaft 2021

    Wer hätte das gedacht, nach einer langjährigen Pause verleihen wir heute zum *dreizehnten* Mal seit 2005 den Goldenen Maulwurf, für den Feuilleton­jahrgang 2021:

    Der 13. Goldene Maulwurf

    Wie jedes Jahr war die Konkurrenz so stark wie seit Jahren nicht. Das deutschsprachige Feuilleton des gerade abgelaufenen Jahres 2021 war wieder voller Geistesblitze und Bramarbasse, es war voller Sturm und – auch nicht zu vergessen – voller Drang und es regnete herrlichste Artikel. Apropos Feuilleton und apropos deutschsprachig – wie schrieb Diedrich Diederichsen im Septemberheft des natürlich nicht mit dem »Münchner Merkur« zu verwechselnden Berliner »Merkur«:

    »Anders als in den meisten Kulturen der Welt sind es nicht soziale Medien, universitäre Debatten oder offen politisch geführte Auseinandersetzungen, die das Medium der Deutschsprachigen und ihrer Streits ausmachen. Es ist das, was nur noch in ihrer Kultur einen hohen Wert und gesellschaftlichen Einfluss hat, das Feuilleton. In diesem haben bestimmte Männer das Sagen, die gern im Genre des Machtworts etwas zurechtrücken.«

    Dieser letzte Satz stimmt wahrscheinlich, obwohl wir ihn natürlich für falsch halten. Aber dass Feuilleton, wie Diederichsen schreibt, ein Medium ist, wenigstens das ist zweifellos richtig. – – –

    So oder so ähnlich klangen viele Jahre lang die Vorworte zum Goldenen Maulwurf. Der Golden Mole war ein Preis für die angeblich™ besten Feuilletontexte des Jahres, der immer am zweiten Januardienstag verliehen wurde, damals, als es noch Leute gab, die (nicht als Investoren, sondern am Kiosk) Zeitungen gekauft haben. Ja, und es ist nun über ein halbes Jahrzehnt her, dass wir zum ersten Mal zum letzten Mal den Goldenen Maulwurf verliehen haben. Und tatsächlich ist der Goldene Maulwurf Geschichte. Allerdings war es unabdingbar herauszufinden, welche Schreiberlinge diesen Preis gewonnen hätten, wenn es ihn noch gäbe.

    Und daher sind jetzt alle extremst herzlich eingeladen, auf die Gewinnerlinge des Goldenen Maulwurfs 2021 zu klicken:

    1. Clemens Setz (SZ)
    2. Marlene Streeruwitz (Standard) / Benedict Neff (NZZ)
    3. Fabian Wolff (Time) / Maxim Biller (Zeit)
    4. Jérôme Buske (Jungle World)
    5. Mareike Nieberding (SZ-Magazin)
    6. Elfriede Jelinek (junge Welt) / Peter Handke (FAZ)
    7. Gregor Dotzauer (Tagesspiegel)
    8. Michael Maar/Sebastian Hammelehle/Claudia Voigt (Spiegel)
    9. Erik Zielke (nd)
    10. Peter Richter (SZ)

    Besonders interessant ist ja, dass das Feuilleton des Jahres 2021 vor allem auch ein Feuilleton der Literat*innen war. Daraus kann man schließen, dass das Feuilleton und die Literatur mittlerweile die genau gleiche gesamtgesellschaft­liche Bedeutung haben, zwar nicht unbedingt im Diederichsen’schen Sinne, aber doch in irgendeinem anderen.

    Übrigens war die Auswahl dieses Mal außerordentlich schwierig, da auf der Longlist einundfünfzig (51) Texte standen: Mit anderen Worten, nie zuvor war unsere Longlist so long.

    So long,
    Euer Consortium Feuilletonorum Insaniaeque

     

    p.s. Diese ist die regulär 13. Ausgabe des Goldenen Maulwurfs. Die 12. Aus­gabe, unsere Preisverleihung für das Feuilletonjahr 2016, wurde leider Anfang Januar 2017 aus Zeitgründen gekippt. Wir haben die Ergebnisse aber (allerdings ohne Laudationes) im Oktober 2021 nachgereicht. Da die 2016er Preisverleihung nun gleichzeitig stattgefunden und nicht stattgefunden hat, wird sie von uns intern als Schrödingers Maulwurf bezeichnet. Na jedenfalls herzlichen Glückwunsch, Danilo Scholz, der demgemäß unser 12. Preisträger ist.

    p.p.s. Die ausgebliebenen Preisverleihungen für die Jahre 2017 bis 2020 sind so zu erklären, dass wir eine längere Feuilletonpause eingelegt haben.