Kategorie: Serienjunkiez

  • Curb Your Enthusiasm: 6. Staffel, 2. Folge

    Nachdem wir am Samstag aus dem Prado heraus waren (Patinir war noch sehr gut, siehe auch »Die Welt« von neulich), gingen wir zu einem Albóndigas-Wettessen. C’etait le fun, soviel kann man sagen, auch weil Dique ständig Marty Funkhouser in Äppsoht 6.01 imitierte:

    »Come on, guys, you’re SUPPOSED TO BE HERE, you have NO OTHER PLANS.«

    Die »Curb«-Spezialwochen wurden dann zwei Tage später fortgesetzt. Wir saßen mit einigen »Curb«-Leuten vor dem Bigscreen eines ungenannten Hotels und sahen Folge 2. Eine sehr gute Folge 2, Titel: »The Anonymous Donor«, mit wieder starken Konzepten:

    – jerking off at a friend’s house
    – anonymous generocity, but everybody knows
    – the Dry Cleaner’s law
    – the playful-platonic hit
    – the KKK ghost game

    Ein paar schöne Zitatoes:

    – »That’s just the unwritten law of dry-cleaning.«
    – »I’ll have your semen-covered blanket ready on Wednesday.«
    – »Never had a wing before.«
    – »I will temporarily lift the ban.«
    – »People should know you’re Anonymous.«

    Und mein Lieblings-Larry-Laut in der Folge ist zu hören, als Susie mit der Puppe reinkommt und sagt: »This is a new low, even for you, Larry.« Da macht er so ein herrliches Geräusch, in dem alles liegt: die Verwunderung, dass Susie reinschneit, den Widerwillen, irgendeinen Mist rechtfertigen zu müssen, den er getan haben soll, den festen Vorsatz, sowieso alles zu leugnen, den Ärger, dass Susie sein Spiel unterbricht, und überhaupt alles andere. Great acting.

    A flirtatious tap for all of you, und helau Paco, wo bleibt eigentlich der Aufregerbeitrag zum SZ-Artikel von Jochen Schmidt? Eile ohne Weile, sonst mach ich das!

    Der Umblätterer über andere »Curb«-Episoden:
    Season 6: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10
    Season 7: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10

  • Curb Your Enthusiasm: 6. Staffel, 1. Folge

    Beware: Heavy spoiling!

    Sonntagabend. Wir sind im Auftrag von satt.org auf der »Curb«-Party. Reisen macht hungrig, und wir double-dippen uns durch die Buffets. Dique ist dann irgendwann schon wieder so halb weggenickt, doch beim endlich plötzlich einsetzenden »Frolic«-Jingle wacht er natürlich sofort auf, und die 1. Folge der 6. Staffel von »Curb Your Enthusiasm« fängt passenderweise im Bett der Davids an, die durch den fehlfunktionierenden Feueralarm geweckt werden.

    Wir sehen, dass auch Baseball-Schläger im Haushalt zu etwas nütze sein können: Larry zerkloppt den Piepser, und wir alle wissen, das könnte die Pointe vorbereiten, mit der die Folge endet (ist dann auch so).

    Das neue Material der Serie über »das Leben im Herzen der Kulturindustrie« (Diedrich Diederichsen in der taz) ist wieder dicht geschrieben und voller einzelner Großideen. Etwa: Wenn man keine Ausrede hat, warum man gestern nicht auf der Party von Marty Funkhouser war, der Langeweile in Person, dann geht man eben am Folgetag noch mal kurz vorbei, um so zu tun, als habe man den Tag verwechselt.

    Schöne Idee, die eigentlich schon gereicht hätte für die halbe Stunde Laufzeit. Aber dann gibt es noch die Sache mit dem erotischen Gebäck. Und die mit der vierköpfigen Familie, die durch einen Wirbelsturm ihr Heim verloren hat und jetzt bei den Davids unterkommen soll.

    Die Folge heißt denn auch »Meet the Blacks«, denn das ist der Nachname der, wie sich herausstellt, afroamerikanischen Evakuierten, die Larry und Cheryl vom Flughafen abholen. Und Larry kann das erst mal wieder nicht fassen:

    »So your last name is Black. That’s like if my last name was Jew. Like, Larry ›Jew‹. ‚Cause I’m Jewish.«

    Und die gemütliche Auntie Rae versteht nicht so recht, was das jetzt soll, diese Wortspielerei. Und sie versucht das zu ignorieren und will den Davids danken für ihre Gastfreundlichkeit. Aber Larry insistiert und wiederholt seine Begeisterung über dieses Wortspiel. Wie in der »Seinfeld«-Folge »The Library«, als Kramer nicht glauben kann, dass der Buchdetektiv wirklich ›Bookman‹ mit Nachnamen heißt.

    Diese Verwunderung über die Zufälle dieser Welt, über Selbstverständlichkeiten, die ihm aber neu vorkommen, feiert Larry David mit Orgien konkreter Poesie. Unvergessen seine Frage an einen Bartender in der Folge »Shaq« (mit Shaquille O’Neal) aus der zweiten Staffel, was denn eigentlich in seinem Latté drin sei?

    Als er es erfährt, reagiert er vor der Starbucks-Öffentlichkeit mit einer Ernst-Jandl-würdigen Performance:

    Milk and coffee!
    Who would have thought?
    Milk and coffee!
    Oh my god, what a drink!
    It’s milk and coffee mixed together!

    Ein weiterer Spaß, den sich Larry David in seinen Drehbüchern erlaubt, ist die Plausibilisierung von delikaten Wörtern und Sätzen. Auch in der gerade gesehenen Folge kommen sie zuhauf vor. Und wer sich wundert, welchen Kontext es braucht, um diese Sachen zu sagen, der sollte schnellstens die Re-Runs auf HBO schauen oder eben auf die DVD warten:

    »He knowingly served us penis, what is wrong with that guy?«

    Oder:

    Cheryl: »Where have you been?«
    Larry: »I ate some penis.«

    Soviel Spoiling für heute. Nachdem die letzte Staffel mit der Folge »The End« ausgelaufen war, hatte niemand mehr mit einem Comeback gerechnet. Dann wurde doch eine Fortsetzung angekündigt, und jetzt, nach fast zwei Jahren, ist »Curb« wieder da, gut wie immer, die beste Serie der Welt, denn das kann und muss man nach wie vor sagen.

    Am Montagmorgen waren wir dann weitergezogen, auf irgendeinem Flughafen hatte ich die »IHT« aufgelesen, wo San Andreas Zeuge werden musste, wie sein ungefordertes Honorar direkt in Ikea-Hotdogs investiert wurde. Aber das stand ja gestern schon hier.

    Der Umblätterer über andere »Curb«-Episoden:
    Season 6: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10
    Season 7: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10

  • Matt Groening, Angeber des Jahrzehnts (mindestens)

    In einer älteren Wochenendausgabe der S-Zeitung (7./8. Juli 2007) gab es auf der letzten Seite (S. VIII) der Wochenendbeilage ein Interview mit Matt Groening.

    Derer hat es ja zuletzt einige gegeben, parallel zur Vermarktung des ersten »Simpsons«-Kinofilms, und Groening liest sich wie immer gut, zumal er von Willi Winkler interviewt wird. Doch dann sagt er einen Hammersatz, der ihn auf einen Schlag zum größten Angeber der Weltgeschichte macht. Der Satz der Sätze, der zusätzlich noch mal in eine eigene Textbox gerahmt wurde, lautet:

    »Niemand kennt Thomas Pynchon. Niemand außer mir.«

    Das ist natürlich hervorragend, und vor allem auch deshalb, weil es einfach: stimmt.

    In den Folgen 15.10 und 16.02 der »Simpsons« hat Pynchon sich ja angeblich selbst gesprochen, also eine Thomas-Pynchon-Figur, die eine Papiertüte auf dem Kopf trägt, die wiederum mit einem Fragezeichen verziert ist. Groening beschreibt nun in dem Interview, dass er sich mit Pynchon in New York getroffen hat, um die paar exklusiven Pynchon-Sätze aufzunehmen.

    Außer dem 1957er Foto, das Pynchon als Navy-Rekrut zeigt, gibt es fast kein Bild von ihm. 1998 wurde er dann noch kurz von einem Journalisten der südafrikanischen »Sunday Times« so halb undeutlich abgelichtet, aber das war es dann auch schon.

    Das Lustige an all dem ist: Matt Groening weiß jetzt auch noch, wie Willi Winkler aussieht. Das wissen nämlich die Wenigsten, jedenfalls nicht die Leser von WW. Schließlich lässt er in seine Bücher gern mal Schwarzeneggers Terminator als Autorenfoto drucken.

  • Wir Serienjunkiez

    Im wie immer hervorragenden Feuilleton der FAS von vorgestern wurde die Medienseite für einen schönen Artikel von Michael Althen freigeräumt, der die Überschrift trug »Serien sind das neue Kino«:

    »Was ist das? Wo kommt das her? Warum geht es plötzlich allen so? Man redet plötzlich nicht mehr über diesen oder jenen Film, den man gesehen hat, sondern fachsimpelt über die Feinheiten irgendwelcher Wendungen in der dreizehnten Folge der vierten Staffel irgendeiner Fernsehserie.«

    Das Thema ist natürlich schon seit Längerem da, und besonders die Serienjunkies können ein Lied davon singen und tun das auch, wie Christian Junklewitz in seinem Artikel »TV Killed the Movie Star« vom Januar.

    Auch in der F-Zeitung wird das Thema durch Serienberichterstatter wie Dietmar Dath oder Felicitas von Lovenberg ab und zu implizit bedient. Trotzdem bringt der Artikel des Film(!)kritikers Althen die Serieneuphorie zum ersten Mal in größerem Rahmen auf den Punkt, mit der schönen, knallharten Pointe des Titels.

    Angefangen hat »das« übrigens so massiv spätestens Ende September 2004, als die beiden Superserien des Jahrzehnts starteten, »Desperate Housewives« und »Lost«. Seitdem ist niemand mehr satisfaktionsfähig, der nicht auf dem aktuellsten Stand ist, und zwar auf dem Stand der amerikanischen Ausstrahlung.

    Ausschlaggebend für das Denken in Serienstrukturen ist auch das Reden über Staffeln und Folgen, so wie das Althen im obigen Zitat beschreibt. Früher kam halt irgendeine Folge der »Simpsons«, der »Bill Cosby Show«, von »ALF« oder dem »A-Team« im Fernsehen. Die Programmzeitschriften nannten höchstens noch den deutschen Titel der jeweiligen Folge, eine Information, die heute vollkommen unzureichend ist.

    In voller Ausprägung kann man diese neue Kulturtechnik in Dietmar Daths bereits 2003 erschienenem und mittlerweile vergriffenem Buch über »Buffy« sehen (»Sie ist wach. Über ein Mädchen, das hilft, schützt und rettet«, Implex Verlag). Da steht zum Beispiel auf Seite 30:

    »Wir saßen auf dem großen Bett, von dem aus man so gut fernsehen kann. / Der Abspann von ›Normal Again‹, der siebzehnten Folge der sechsten Staffel, lief gerade auf dem Schirm, richtig vorbei war das Erlebnis noch nicht.« Usw.

    So sieht’s aus. Und nebenbei: Was ist nur mit der Blogosphäre los: Fast nirgends wird der Althen-Artikel diskutiert. Könnte aber auch daran liegen, dass der Artikel nicht frei zugänglich ist. Aber vielleicht kommt der noch im Laufe der Woche?

  • Altes Fleisch: Cäsar und die Nazis

    Als ich gerade ins Institut zurück kam, lag mir der Mittagstisch noch schwer im Magen. Seine Jacke über die Schulter geworfen, sah ich Paco beim Pförtner stehen. In der Hand hielt er die »Caesar«-Biografie von Hans Oppermann, und endlich, endlich gab er sie mir zurück.

    Ich betrachtete sie und erinnerte mich kurz daran, dass ich einmal in einer Festschrift gelesen hatte, Oppermann sei »einer der wenigen nationalsozialistischen Altertumswissenschaftler«. Diese Einschätzung stammt zwar von Parteigenossen, aber gerade deswegen ist das Licht, das sie wirft, besonders schlecht.

    Gott sei dank erschien seine »Caesar«-Biografie erst 1968. Sie liefert schöne Details über den Vormarsch des Prokonsuls in Gallien. Gedanklich hält sich Oppermann aber woanders auf. Von der Ernährung der Legionäre schreibt er:

    »Fleisch war nur ein Hilfsmittel für den Mangel, und es ist ein Zeichen von Verpflegungsschwierigkeiten, wenn der Soldat darauf angewiesen ist. Mit Recht: als während des schnellen Vormarsches in Frankreich 1940 einige Tage das Brot nicht nachkam, waren wir trotz reichlichen Fleischgenusses dauernd hungrig.« (S. 53 f.)

    Das Fehlen weiterer Vergleiche dieser Art lässt hoffen, dass Oppermann den Frankreichfeldzug im Ganzen nicht als experimentalarchäologische Selbsterfahrung missverstand.

    Als Experimentalarchäologie für alle, zumindest zum Zukucken, kann auch die viel gerühmte HBO-Serie »Rome« gelten. (Da ja alle die Krteken bereits gelesen haben, verzichte ich an dieser Stelle mal wieder auf Links.)

    Leider fehlen der deutschen Synchronfassung die fein austarierten sprachlichen Unterscheidungen zwischen Plebs und Patriziern innerhalb der römischen Nobilität. Aber vielleicht ist das ja nur Teil des Experiments. Auch passt ein lässiges People’s Tribune Mark Antony viel besser zur Rolle als ein etwas angestrengt klingendes Volkstribun Marc Antoooon. An Marcus Antonius Tribunus Plebis möchte ich allerdings auch nicht denken.

    Fleisch jedenfalls ist hier nicht nur Hilfsmittel. Im Gegenteil, es wird in allen Verwendungen und Missbräuchen dargebracht und ist der rote Faden eines materialistischen Subtextes. Folge 11, »Die Beute«, ging den Freiwilligen Jugendwächtern dann zu weit. Sie erhielt keine Freigabe (PDF).

    Kann zuviel Fleisch denn Frevel sein?

    Na ja – ich geh wieder an die Arbeit, und am Montag, ja am Montag nehme ich Paco mit zum Essen. Dann liegt ihm auch etwas schwer im Magen.

    hehehe