Kategorie: S-Zeitung

  • Opfer der Mode

    An einem dieser heißen Tage saß ich auf dem Balkon und las in der S-Zeitung. Stefan Ulrich berichtete über die italienische Krawattenkrise, bei der sich das ganze Land über das Für und Wider des Tragens dieses Kleidungsstücks bei sommerlicher Hitze auszulassen schien.

    »Sage keiner, die Krawatte sei nur ein lästiges Accessoire. Denn zum einen schützt sie ihren Träger vor Halsentzündungen, zum anderen verrät sie einiges über seine Persönlichkeit.«

    Ich dachte an die verschiedenen Krisen der Institutspersönlichkeiten und daran, dass eine Krawattenkrise uns noch nicht untergekommen war. Wie sollte sie auch – sind wir uns doch darin einig, dass die Krawatte zum Abendland gehört wie die klassische Ahmadinejacket auf des Rentners Leib.

    Allerdings gelten wir Deutschen (hehe) ja auch nicht als Gestalter, sondern als »Opfer der Mode«, wie es Jens Jessen vor Jahren einmal in der »Zeit« zusammenfasste. Glücklicherweise unterscheidet unsere Sprache nicht zwischen sacrifice und victime, was uns, zumindest für die Art der Opferrolle, eine Wahl lässt.

    Da sich nun aber die wenigsten Deutschen überhaupt in einen Mode-Kultur-Kontext hineinziehen lassen, wird uns das Durchleben solcher Krisen leider auf ewig verwehrt bleiben.

  • Das Feuilleton-Megathema der nächsten Jahre

    Okay, okay, die durch das Walser-Hauptmann-Papier in Verruf geratene Crew von Thomas Steinfeld kann, wenn sie will, auch ganz anders. Und sogar französisch.

    Zur diesjährigen Leipziger Buchmesse stellte die Literaturseite der S-Zeitung nämlich die Frage: Comment parler des livres que l’on n’a pas lu? Das dazugehörige Buch von Pierre Bayard erscheint erst noch auf deutsch und behandelt ein Phänomen, das in den kommenden Jahren zu einem echten Feuilleton-Megathema mutieren könnte: das Phänomen des ungelesenen Buches.

    Dass gerade die S-Zeitung diese Themenseite brachte (und erst noch hübsch bebilderte, nämlich mit dem passenden »Après le bal« von Ramón Casas y Carbo), das ehrt sie sehr. Denn niemand sonst lebte in den letzten Jahren aufrichtiger von der Kultur der Regalsteller als die S-Zeitung, die das Geschäftsfeld Kulturtapete für den deutschen Buchmarkt nachgerade neu erfunden hat.

    Allein die Bände 1-50 der SZ-Bibliothek (»Das Original«) sollen, das hat eine buchwissenschaftliche Abschlussarbeit soeben ermittelt, 11,3 Millionen mal verkauft worden sein – von ähnlichen Effekten der ganzen Me-too-Produktion (cf. »Brigitte-« bis »Playboy-Hörbuch-Edition«, »Tagesspiegel-Kindermärchen-« bis »Woman-Endlich-Sommer-Kollektion«) ganz zu schweigen.

    Ich persönlich freue mich ja jetzt schon auf den »Gesammelten Sätze-Kaiser«, den der Umblätterer 2008 als exklusives Konversationslexikon zur Bayreuther Pausenbrühwurst edieren wird.

    Wo aber der Buchkäufer sowieso schon immer ein Regal weiter ist als der Buchleser, gilt es, mit dem ganzen Wahnsinn nicht mehr nur physisch (Billy bauen), sondern auch psychisch fertig zu werden. Meine Lieblings-Leseentwöhnung kommt aus der Schweiz und heißt »Endlich Nichtleser. Die beste Methode mit dem Lesen für immer aufzuhören«. Hätte sich die literaturgestresste Iris Radisch vielleicht auch mal mit in die Ferien nehmen sollen.

  • Der Neue Antikriticus (Teil 2: Das Walser-Hauptmann-Papier)

    Also Jungs, vor genau einem Jahr erschien eine unglaubliche Homestory im Feuilleton, die bei den Best-of-2006 nur unter den Tisch fallen konnte, weil es mit Christine Dössel schon eine Siegerin in der Kategorie »Best Worst« gab.

    Der Umblätterer aber weiß noch immer, was Ijoma Mangold letzten Sommer getan hat: Er war zu »Besuch bei der Bestseller-Autorin Gaby Hauptmann, der Nachbarin von Martin Walser am Bodensee«, und hat damit seine GALA-Vorstellung für die Literaturseite der S-Zeitung abgeliefert (oder war’s sein Gesellenstück für die BUNTE?). In jedem Fall hat uns I. M. exklusiv ins BILD gesetzt über die beiden »See-Nachbarn« der deutschen Literatur.

    Denn was Martin W. (»Der Abstecher«) und Gaby H. (»Ran an den Mann«) verbindet, ist – so der Ertrag von Ijoma Mangolds Intensivrecherche am Bodensee – nicht nur das Wasser, sondern eine echte liaison des lettres, und die geht so:

    Sie hat ein superschnelles Motorboot. Er verstreut seine Angstblüte (oder was auch immer gerade ansteht) grundsätzlich nur auf gebrauchtem Papier. Sie bringt ihm ihre Manuskripte auf dem Seeweg, er lektoriert sie und darf sie anschließend als Schmierpapier behalten. Und so kam es, dass er seinen »Lebenslauf der Liebe« auf dem Rücken ihrer »impotenten Männer« geschrieben hat – oder so ähnlich.

    I. M. jedenfalls hat sich seinen sensationellen Intertextualitätsbefund (»das Walser-Hauptmann-Papier«) im letzten Sommer gleich patentieren lassen.

    Doch, lieber I. M. der S-Zeitung, wollten wir die Details dazu so genau wissen? Brauchte es wirklich noch diesen O-Ton von Walser selbst:

    »Sie liebt die schnelle Bewegung. […] Wenn sie eine halbe Stunde hier ist, […] dann hat sie so viele Wendungen genommen, dass ich immer sage: ›Gaby, jetzt sind wir atemlos.‹«

    Nimmt man die gängigen Walser-Klischees dazu …

    »Für mich ist Martin Walser Süddeutschland, für mich ist er Bodensee. Komischerweise stelle ich mir vor, dass er jeden Tag eine Stunde nackt in den Bodensee reinspringt, schwimmt, unglaublich fit ist, unglaublich vital.« (Harald Schmidt über Martin Walser)

    »Er ist eruptiv. Auch, wenn er’s nicht ist, man spürt, dass es gleich losgehen könnte.« (Giovanni di Lorenzo/Die Zeit über Martin Walser)

    »Der Mann ist gewaltig in seinem Sprachvolumen, in seiner Art, in seiner Erscheinung, in seiner Präsenz. Er ist für mich ein Allrounder, ein Paket.« (Gaby Hauptmann herself über Martin Walser)

    … dann wird klar, dass der I. M. der S-Zeitung wirklich die ungeheuerlichsten Fantasien aller frechen Frauen bedient hat: Volumen vital, Allrounder atemlos, alles klar. Nur eine Frage: Warum Literaturseite der S-Zeitung? Konnte das nicht in der FÜR SIE bleiben?

  • Yiieeehhaa!

    »Man hilft ihm am besten, wenn man diesen Artikel unerwähnt lässt«, sagte Austin. Ich hatte ihm gerade von Marcus Jauers Wowereit-Tagebuch in der S-Zeitung vom letzten Samstag erzählt. Nicht geschwärmt, aber drei schöne Sachen aus dem Kopf zitiert.

    Diese Beispiele wurden mir sofort um die Ohren gehauen: »Jaaaaa, das ist doch aber …«, und »Na jaaaaa, ja, aber …«, und »Das ist doch nicht …«, so reagierte Austin dann indefinitely. Ich erinnerte ihn an letztes Jahr, als er für M. J. gevotet hatte, aber es half nichts. Nach dem Text sei vor dem Text.

    Selbe Sachlage neulich: Ich war gutgläubig mit dem Schirrmacher-Aufmachertext über Stauffenberg/George vs. Cruise/Hubbard mitgegangen und hatte für Le Dique den FAS-Report übernommen. Hinterher schickte er eine Mail, in der drinstand: »Oh Gott«.

    Dique fand den Text schon nach dem zweiten Wort so durchsichtig wie einen Gaze-Schleier auf einem blinkenden Raumschiff und war wütend über meine willing suspension of disbelief. Grundlos fing ich daraufhin eine .txt-Datei an, in der ich Ausreden formulierte. Die ist inzwischen wieder gelöscht, denn …

    … am nächsten Tag traf ich glücklicherweise gleich früh um 7 Millek im Institut. Er fing sofort mit dem Twist in dem Schirrmacher-Text an, wie gut ihm das gefallen habe, wie überraschend das gewesen sei usw. »Yiieeehhaa!«, sagte ich, wie Kramer an einer Stelle in »The Soup Nazi«, und schickte Dique gleich vom Handy aus eine Hatemail. (hehe)

  • Das letzte Wort vom Wörthersee

    Ok, die Klagenfurt-Reporterin sagte – wie 94 Prozent aller F-Journalisten – nicht »ich«, und auch sonst scheint es, als hätte K. M.-Z. ihre erste Klagenfurt-Lektion schnell gelernt. Nämlich die, dass es auch im ORF-Theater nur einen Spiralblock für alle gibt. Da teilte sich Elmar Krekelers »solipsistische Wörterwelt« das literaturkritische Karokästchen mit Christoph Schröders Beobachtung, »dass nicht wenige Autoren sich Solipsisten und Egomanen als Protagonisten wählten«, und schon hatte auch K. M.-Z. für die SZ notiert: »Weltekel und Solipsismus – nichts Neues in Klagenfurt.«

    Non sola ipse fecit? Der Umblätterer wird das selbstständige Schaffen der K. M.-Z. auf jeden Fall weiterverfolgen. So wie wir hier ja ohnehin das einzige allumfassende Live-Monitoring des deutschen Feuilletons realisieren. Und natürlich exklusiv wissen, wer heute nicht erster Klasse reist …

  • 94 Prozent

    Gabriel hat wiederholt behauptet, dass er Kristina Maidt-Zinke nicht kenne: »Ich kenne sie nicht.« Das kann natürlich eigentlich nicht stimmen, aber deswegen unterhielt ich mich mit Austin über K. M.-Z., und zwar mehrere Minuten.

    Sie hatte von der SZ die Bachmann-Berichterstattung übergeben bekommen und schrieb heute – wie man erschließen kann – darüber, dass es ihr erstes Live-Jahr in Klagenfurt gewesen ist. Erschließen muss man dass, weil sie nicht »ich« schreibt. Sie schreibt ja nicht mal mehr »man«, denn so lautet ihr erster Satz (Seite 11):

    »Auch das gibt es: seit mehr als einem Jahrzehnt mit Literaturkritik befasst und noch nie im Wörthersee geschwommen.«

    Es folgt ein Wortspielscherz mit Wörthersee/Wörtermeer, und irgendwann geht die Rezension mit den Worten »Nun ja …« zu Ende. Kein einziges »ich« rutscht ihr heraus, dabei hat man (habe ich, hehe) ja deutlich mitbekommen, dass sie da gewesen ist, also sie selber jetzt.

    In diesem Zusammenhang kommt wieder Claudia Leyendeckers hier bereits erwähnte Dissertation ins Spiel. Sie vermerkt, dass tendenziell ca. 94 Prozent aller Rezensionen in der ich-losen, unpersönlichen Form geschrieben sind. Sie bezieht sich dabei überraschenderweise auf Dr. Mathias Döpfners Dissertation »Musikkritik in Deutschland nach 1945«, erschienen im Jahr 1991:

    »Damit [egal] konnte Döpfner zunächst die inhaltliche Form von Musikkritiken charakterisieren. Weitere Ergebnisse seiner Studie beziehen sich auf den sprachlichen Bereich. Und da stellte Döpfner fest, dass 94 Prozent der Artikel überwiegend in der dritten Person Singular gehalten sind.« (S. 8)

    Ausnahme ist wie immer Joachim Kaiser.

  • Action Replay: FAZ vs. SZ

    Claudia Leyendecker hat für ihre Dissertation über die Musikkritik in den überregionalen Feuilletons hervorragenderweise einmal für ein Jahr die Artikel in FAZ und SZ gezählt:

    FAZ vom 24. 1. 2001 – 23. 1. 2002:

    307 Ausgaben, 2.328 Feuilleton-Seiten, 9.371 Feuilleton-Artikel.

    vs.

    SZ vom 25. 1. 2001 – 24. 1. 2002:

    303 Ausgaben, 1.088 Feuilleton-Seiten, 4.964 Feuilleton-Artikel.

    C. L.: Aspekte der Musikkritik in überregionalen Tageszeitungen. Analyse von FAZ und SZ. Frankfurt/M. usw. usw. usw.: Peter Lang 2003. S. 79.

  • Der drittanstrengendste Beruf der Welt

    Austin brachte mir gestern die letzten zwei Wochen der S-Zeitung. Heute fünf Stunden darin gelesen, zum Beispiel das hier:

    Andreas Bernard: BABEL 2007. In der nächsten Woche beginnt in Heiligendamm der G8-Gipfel. Mit dabei: George W. Bush, Wladimir Putin und Angela Merkel. Doch die wichtigsten Teilnehmer bleiben namenlos. Über die stille Macht der Dolmetscher. In: SZ-Magazin, 1. Juni 2007. S. 20-24.

    Diese Überschrift zieht zwangsweise eine Erwähnung von Javier Marias‘ Dolmetscher-Roman »Mein Herz so weiß« nach sich, und nach zweimaligem Umblättern wurde ich auch fündig, Seite 24, fast am Ende. Leider hat Andreas Bernard den Roman nicht gelesen. Oder es ist schon zu lange her.

    Denn er schreibt, dass Marias‘ Übersetzer Juan »weiß, dass es zumeist keine Kontrollinstanz gibt, die die Wahrhaftigkeit seiner Arbeit bezeugen könnte: Niemand außer dem Dolmetscher selbst kann beurteilen, ob die übersetzten Worte den geäußerten tatsächlich entsprechen.« Der Witz an dem Roman ist aber, dass die Co-Dolmetscherin sehr wohl versteht, was da abgeht, und erst aus dieser Situation heraus entwickelt der Roman seine beiden zentralen Figuren.

    Ok, dieser Errata-Nachtrag würde im BILDblog zu Recht unter der Stickler-Rubrik »Kurz korrigiert«, bei der spiegelkritik.de unter »Korinthe« abgehakt (usw.), und darum geht es natürlich auch mal gar nicht. Der Artikel von Andreas Bernard ist nämlich grandios: Ein Hammerthema, auch der Anlass ist plausibel (G8-Treffen), und Klaus Kinkel scheint zwar der einzige befragte Politiker zu sein, aber dafür fällt mehrmals der Begriff ›Relais-Sprache‹, und es gibt mehrere Hammersätze in dem Artikel.

    Etwa den hier, der auch gleich gerahmt wurde: »Dolmetscher arbeiten unter Bedingungen, die diesen Beruf zum drittanstrengendsten der Welt machen – nach Astronaut und Pilot für Hochgeschwindigkeitsflugzeuge.« Wer sowas auch nur überfliegt, will sofort weiterlesen. Ansonsten interessiert sich Bernard sehr für die Psychologie der Dolmetscher, die ja mit ihrem Tun danach streben, hinter den von Ihnen gedolmetschten Würdenträgern zu verschwinden.

  • Epocalypse

    Ich hatte gerade die TV-Geständnisse von Aldag & Zabel kurz wahrgenommen, dann war ich gestern abend noch kurz bei Gabriel, um einen Stoß alter Economist- und Paris Match-Ausgaben abzuliefern (Februar bis März 2007). Gabriels Handy schellte, der Agent brauchte dringendst eine Überschrift oder Tagline zum Epo-Skandal, offenbar für die S-Zeitung. Die F-Zeitung würde das Ganze morgen »Epocalpyse« nennen, offenbar haben die einen neuen Informanten. Gabriel war vor Wochen auch schon auf diese Idee gekommen, hatte sie aber nicht zu seinem Kontaktmann bei der S-Zeitung gepitcht, da das Thema noch nicht genug hochgekocht war. Er rechnete jetzt kurz alle Alternativen durch, fand aber nichts Besseres. So musste sich die Redaktion heute auf sich selbst verlassen. Etappensieg für die F-Zeitung.