Kategorie: S-Zeitung

  • Das Feuilleton und die Webloggerey

    »Das Wort ›Feuilleton‹ mutiert für mich Tag und Tag mehr zu einer Beschimpfung.«

    Schreibt Thomas Knüwer heute. Das Feuilleton muss gegen diese Mutationsvermutung sicher nicht in Schutz genommen werden, dazu ist es zu vielschichtig. Außerdem ist die Beschimpfung natürlich schon immer ein Bestandteil großen Feuilletons gewesen.

    Dass die gemeinten »höchstnäsigen Innovationsverweigerer« zufällig auch Feuilleton-Schreiber sind, ist aber leider sicher kein Zufall. Ich habe noch in keiner gedruckten Zeitung oder Zeitschrift einen Artikel gelesen, in dem auch nur ansatzweise etwas Wahrhaftiges über die »Webloggerey« (Dietmar Dath) stand.

    Was heißt es, Don Alphonso zu lesen? Was heißt es, Rechtschreibprobleme von Kommentarschreibern freudig hinzunehmen? Was heißt es, BILDblog nicht mehr deswegen zu lesen, weil man sich über die »Bild«-Zeitung aufregen will? Was heißt es, wenn man sich bei den Techies von F!XMBR besser über die Lage der SPD informiert fühlt als in den Kommentarspalten der Zeitungen? Usw.

    Nichts davon im Feuilleton. Dabei ist es das einzige Zeitungsgenre, das sich erlauben dürfte, so einen Wahnsinn mal adäquat darzustellen.

    Erste Ansätze für eine gestiegene Blog-Kompetenz des Feuilletons gibt es aber. Es ist kein Zufall, dass der Perlentaucher in seiner Ur-Rubrik »Heute in den Feuilletons« seit kurzem auch Artikel »Aus den Blogs« erwähnt, noch immer nur sporadisch, aber immerhin. Dort hat man begriffen, dass man primär Teil der Netzkultur ist und nicht Teil der Zeitungswelt. Seit dem beef mit der F-Zeitung wird der Ton zuweilen auch bissiger und es wird in der Feuilleton-Rundschau ein bisschen herumgedisst.

    Wobei weiter problematisch bleibt, dass man nicht weiß, wer letztlich die Perlentaucher-Texte verfasst hat. Machen das doch nur die Praktikanten? Oder auch langgediente Schreiber, die mit der Zeit einen eigenen Perlentaucher-Stil entwickeln? Es wäre sehr zu begrüßen, wenn die Perlentauchers wenigstens Namenskürzel einführen würden, damit ihre Feuilleton-Show ein wenig personalisiert wird. (So wie wir das beim Sonntagstaucher gemacht haben, hehe.)

    Wenn zum Beispiel Thierry Chervel dann doch noch mal selber eine Zeitung rezensiert, würde das die Klickzahlen sicher in die Höhe schießen lassen. Ich jedenfalls würde da jedes Wort lesen statt nur einen Zickzack über die Links zu machen.

    Darum ging es jetzt zwar gar nicht, aber das ist auch mal schön, dass man hier dem Pointenzwang des gedruckten Feuilletons entgehen kann. (Oder war das gerade doch eine Pointe?)

  • »Goethe im Sinkflug«

    Heute morgen mit Ryanair zurück nach Ingo-Schulze-Stadt Altenburg, dann über die B95 nach Leipzig und hinein in die Mensa, trotz der Horror-Fotos, die das Mensa-Blog immer veröffentlicht.

    Das »Gewürzensemble« (Millek) aus Pfeffer- und Salzfass war gefragter denn je. Denn alle hatten vom schöhönsten ersten deutschen Literatursatz gehört, der soeben und auch noch von einer Jury gekürt wurde. Er lautet »Ilsebill salzte nach.« und steht in Günter Grass‘ Buch »Der Butt«. Deshalb salzten jetzt alle nach, obwohl das ja bei Cordon bleu und Buttermilchplinsen nicht so viel Sinn macht.

    Egal, diese Kür zählt zu den sich häufenden »superlativisch ausstaffierten Schein-Auszeichnungen« (Florian Kessler in der S-Zeitung), also zu den ungefähr uncoolsten Erscheinungen der eigentlich ja nicht unbedingt schlimmen Eventkultur. Charts und Literaturgeschichte gehen einfach nicht, und nur und ausschließlich Reich-Ranicki kann man es nicht übelnehmen, dass er jeden Sonntag in der FAS Autoren mit allerlei Komparativen und Superlativen gegeneinander hält.

    Ich erinnere in diesem Zusammenhang an die ZDF-Ranking-Show »Unsere Besten« (2004). Als Goethe auf einmal weniger Anrufer hatte, meinte der Moderator Steffen Seibert: »Goethe im Sinkflug«, und das ist sprichwörtlich geworden, weil er das komplett ernst meinte, als ob der Stern Goethes sinkt, bloß weil Opa Hermi nicht beim ZDF anruft.

    Abgesehen von diesem dämlichsten Unterfangen seit langem ist ja nichts gegen erste Sätze zu sagen. Aber ein so nach Fisch stinkender Satz wie das Ilsebill-Konstrukt? Na gut, why not.

  • Unangekündigtes Spoiling in Buchrezensionen

    Die Werke von Roberto Bolaño fordern ihre Rezensenten seit jeher dazu heraus, ein bisschen feuilletonistischen Metatext zu schreiben. So auch Ijoma Mangold, der in der S-Zeitung vom 5. Mai 2007 den eben auf deutsch erschienenen Roman »Chilenisches Nachtstück« besprochen hat. Es gibt da etwa ein paar gute Sätze über Mottos:

    »Bücher, die mit einem Motto beginnen, haben oft etwas Präpotentes. Man spürt dann förmlich die Angst des Autors, sein Werk könne auf die leichte Schulter genommen werden. Um das zu verhindern, weist der Autor den Leser durch einen eingeführten Markennamen vorsichtshalber auf das angestrebte Reflexionsniveau hin. Oft ist das Motto der tiefsinnigste Teil eines Buchs.«

    Usw. Das wäre mal ein lohnendes Thema für die Wochenendbeilage der SZ. Mangold jedenfalls macht sich Gedanken zu dem von Bolaño gewählten Motto von Chesterton (»Nehmen Sie die Perücke ab.«), er kommentiert: »Das ist nicht gerade ein Motto, mit dem der Leser viel anfangen könnte.« Hehe, mindestens.

    Damit das hier nicht zu lang wird (Beschwerden trafen ein), nur noch das Titelthema dieses Beitrags: Das Verraten von Enden und Schlüssen. In jedem Serienjunkie-Forum würde man für unangekündigtes Spoiling ge*plonk*t werden. In Buchrezensionen ist das gang und gäbe. Auch Mangold verrät alles, und ich jetzt auch, indem ich ihn zitiere:

    »Und wie die Figuren des Romans hat auch der Leser alle Hinweise entschlossen überlesen, die schon vorher in den Folter-Keller führten.«

    Als Kenntnisnehmer dieser Besprechung wird man das Buch nun fundamental anders lesen und in jedem Detail nach Folteraspekten suchen. Andererseits werden von den 165 Lesern dieser Besprechung nur 7 das Buch auch tatsächlich kaufen, und nur 3 werden es lesen, einer davon nicht zuende. Insofern ist die Information dann eben doch ganz gut, weil man das Buch nicht mehr zu lesen braucht, um sein größtes Geheimnis zu erfahren.

    Und das führt dann zur nächsten Diskussion, zu der neulich im Feuilleton aufgebrandeten Frage, wie man über Bücher redet, die man nicht gelesen hat.

  • Wo warst du, als es passierte?

    Das kann ich ganz genau sagen. Auf dem Weg zur Real Academia de Bellas Artes de San Fernando. Wir wollten uns dann doch noch einmal den Arcimboldo und die paar Riberas anschauen.

    Und jetzt war es 9:03 Uhr und mich traf der Schlag. Ich war gerade dabei, mit Opera Mini auf dem Handy die Perlentaucher-Feuilleton-Schau zu scannen, die gerade online gegangen war. Ich musste kurz anhalten. Denn ich glaubte, mich auf dem Miniscreen verlesen zu haben. Aber da stand es, in der Inhaltsangabe der heutigen S-Zeitung:

    »Hans-Jürgen Jakobs meldet überdies, dass die FAZ ab dem 5. Oktober mit Fotos auf der Titelseite und ohne Frakturschrift über den Kommentaren präsentieren will, um sich den Anschein von Modernität zu geben.«

    Ich stand immer noch so halb auf der Calle de Alcalá und surfte Google News an und bekam heraus, dass der eigentliche Scoop ganz ausführlich im heutigen »Spiegel« steht. Ich rannte zum nächsten Quiosco und erstand das rote Magazin. Seite 90 bis 92. (Und auch kurz auf SP*N und schon schön eingetütet ins Altpapier der Netzeitung.)

    Mit einem flauen Revolutionsgefühl im Magen ging ich weiter Richtung Academia. Dort warteten Dique, San Andreas und Cobalt. Alle hielten sie das Heft aufgeschlagen in den Händen, Seite 92/93. Nur Dique hatte schon gleichgültig weitergeblättert und las auf den Seiten 128 bis 130 den Sarkozy-Artikel, »Sarkozy«.

    Wie auch immer, das war es dann mit Arcimboldo. Und auch auf die FAS, die Dique mir endlich überreichte, hatte ich keine Lust mehr. Wir gingen in die gut versteckte Fischbude in der Calle de Tétuan und diskutierten bei Kaffee und Karpfen die frakturlose Weltlage.

  • Jochen Schmidt über »Curb Your Enthusiasm«

    Ich bin hier, um Jochen Schmidt zu retten. So wie das einige Feuilletonisten schon nach dem diesjährigen Bachmann-Wettbewerb getan haben, bei dem Schmidt mit dem ohne Zweifel besten Text im Rennen leer ausging.

    Jedenfalls, vor genau einer Woche hat J. S. im Aufmacher (!) der Wochenendbeilage der S-Zeitung über »Curb Your Enthusiasm« berichten dürfen. Und jetzt sind es Teile der deutschsprachigen »Curb«-Szene, die ihm übel wollen. Warum? Kommt gleich.

    »Das Leben ist doch viel zu kurz, um auf Enthusiasmus verzichten zu können«, sagte Rüdiger Safranski am Dienstag im FR-Interview. True that, und deshalb stelle ich jetzt schon mal fest: Jochen Schmidt’s the maaan!

    Es hat zwar vor ihm auch schon mal einen »Curb«-Review von Oliver Kalkofe gegeben (im »Eulenspiegel« oder irgendwo, mal beim Umblättern in der Bahnhofsbuchhandlung aufgeschnappt), und auch Maxim Biller hat die Serie mal irgendwann empfohlen in einer der Redaktionsempfehlungsrubriken der FAS.

    Jochen Schmidt aber hat nun den deutschsprachigen feuilletonistischen Standard-Text über »Curb Your Enthusiasm« und über Larry David geschrieben. Nebenbei, der international anerkannte Standard-Text zu Larry David ist immer noch der, der im Januar 2004 im New Yorker gestanden hat und »Angry Middle-Aged Man« betitelt war.

    »Angry Middle-Aged Man« war eine geniale Überschrift. Sie wird heute noch zitiert, wann immer irgendwo LD erwähnt wird. Dagegen war die Überschrift der S-Zeitung eine der schlechtesten Überschriften des Jahrtausends: »Deutschland vergessen«.

    »Damit ist zwar natürlich etwas Bestimmtes gemeint«, sagte Gabriel, »das hat mit der Einzigartigkeit des Schmidt-Textes aber nichts zu tun.« Diese Ungenauigkeit setzt sich dann in den redaktionellen Paratexten fort. Ein hervorgehobenes Zwischenzitat lautet:

    »Warum passt kein Finger durch Tassenhenkel? Larry David weiß es.«

    Nichts weiß er! Das wird nie beantwortet, und in Schmidts Text steht auch, dass diese Art Fragen nur gestellt und auf keinen Fall im Stil von etwa Schrotts Sammelsurium beantwortet wird.

    Und dann ist da noch die von Schmidt nicht ganz richtig wiedergegebene Information, dass es die Serie »nicht nach Deutschland geschafft« habe. Na gut, die Serie ist hierzulande nur über das UMTS-Mobilfunknetz von Vodafone zu sehen (wie Schmidt selber auch weiß), aber immerhin ist die Serie auch synchronisiert. Ob es freilich Sinn hat, sie zu synchronisieren, ist die Frage. Schmidt spricht da sicher vielen Serienjunkiez aus der Seele, wenn er feststellt:

    »Aber in Deutschland wird jede Serie synchronisiert und damit halb verstümmelt, weil man hier den Menschen nicht zutraut, was für Polen, Slowenen oder Niederländer normal ist, beim Fernsehen, also spielend, Englisch zu lernen.«

    Spätestens dieser Satz hat die Szene auch wieder beruhigt. Es ist aber wirklich als Glück zu werten, dass der Text in der Wochenendbeilage stand und daher sozusagen nicht als Rezension gilt. Denn ein unfassbarer (na ja) journalistischer Fauxpas kommt noch hinzu: Es gab nämlich durchaus einen Anlass für die Platzierung des Artikels gerade zu diesem Zeitpunkt.

    Nur 6 Tage vor der Veröffentlichung begann auf HBO die lang ersehnte sechste Staffel, endlich, nach fast zwei Jahren. Ein Anlass zur Berichterstattung, wie er im Buche steht. Und der wird im Artikel eben nicht erwähnt.

    Einige Curb-Your-Enthusiasts waren dermaßen enttäuscht von der S-Zeitung, das ging bis hin zur Androhung von SZ-Abo-Kündigungen (vgl. die FAZ-Abbesteller-Szene). Was natürlich keiner machen würde, aber die Androhung der Kündigung ist ja ein immer wieder gern bespieltes Unter-Genre der Leserbriefpost.

    Soweit sind die Journalismus-Bits abgehandelt, und jetzt kommt’s: Als Feuilleton ist Jochen Schmidts Text eine seltene Perle. So sieht’s aus, und also rein damit in die Nominierungs-Longlist für 2007.

    Proust wird erwähnt (natürlich), dann Kafka, Benjamin, dann allen Ernstes noch Horaz und Tocotronic, und natürlich spätestens da wird es zu viel. Aber noch diese brachiale Verortung in der Kulturgeschichtsschreibung unterstreicht, dass »Curb Your Enthusiasm« eben nun mal die Feuilleton-Serie ist.

    Es gibt zurzeit keine besser geschriebenen Drehbücher, auch wenn das im Falle von »Curb« nur Outlines sind. Als Ergebnis sehen wir dann aber »wahre Meisterwerke der Plottechnik«, von denen auch Schmidt schreibt. Das muss man wirklich gesehen haben.

    Am Ende des Artikels steht ein Satz, auf den offenbar auch die misslungene Überschrift rekurriert. Ein Satz, der den Grundtenor bei Medienjournalisten wie Peer Schader und Stefan Niggemeier schön zusammenfasst und insgesamt wohl auch die deutsche Medienberichterstattung der letzten Jahre. Er lautet:

    »Kein Mensch braucht deutsches Fernsehen.«

  • Der Prado in 10 Minuten

    Wir trafen uns gestern Vormittag etwas verspätet, weil wir offenbar alle noch unabhängig voneinander irgendwo die S-Zeitung gekauft hatten (2,70 EUR). Da stand nämlich ein »Curb Your Enthusiasm«-Artikel von Jochen Schmidt drin (siehe hier und hier), den wir alle schon im Gehen gelesen hatten, untermalt von den zwitschernden Ampeln Madrids.

    Wir standen also vor dem Prado und warteten auf Sébastien2000 (* Name geändert). Dique kannte ihn, weil er vor Jahren auch mal als Speed Guide im Prado gearbeitet hatte.

    Speed Guides machen Führungen für Leute mit wenig Zeit und Geduld, die »only the key facts« (Werbeprospekt) wissen möchten bzw. diese sowieso schon kennen und nur schnell ein Gefühl für die Räumlichkeit bekommen wollen, damit sie hinterher sagen können, was wo hängt.

    Ein Rundlauf dauert 10 Minuten, dann steht man wieder vor dem Eingang und kann den Prado abhaken. Speed Guides sind nicht offiziell anerkannt und werden auch selten gebucht, weil sich 80 Euro für 10 Minuten nur Businessleute leisten wollen.

    Die Gruppe musste gerade gestartet sein, denn wir sahen 7 Anzugträger hinter Sébastien2000 herrennen, der ihnen kommandoartig Dinge zurief. Wir schlossen schnell auf und bekamen dann alles mit:

    Wir passierten die Raffaels – »Dreieckskomposition, da und da, rot, blau, angedeutete Landschaft, bei Patinir nachher dann mehr davon«.

    Kurz ein Schlenker rein zu Rogier van der Weyden, Kreuzabnahme Christi – »hier, Altar, 3D-Effekt usw.« – und den Boschs – »kommen Sie, nicht aufhalten, El Bosco, so heißt hier also Bosch, Sie wissen das, aber es klingt so gut, deshalb noch mal, El Bosco, El Bosco, Garten der Lüste, der Baummensch, da und da, Sie gähnen zu Recht, deshalb auch gleich weiter zu …

    … Parmigianino, eines der besten Frühwerke ever, die Heilige Barbara, sehr günstig gehängt, sieht man auch von Weitem noch, haben Sie schön gemacht hier, den Effekt haben wir auf dem Rückweg, jetzt bitte kurz hierher …

    … zu Correggio, da und da, und dann noch Bernardino Luini natürlich, diese Madonna, die sollten Sie sich mal aufschreiben …«

    Einer der Businessleute fragt kurz nach dem Leonardo-Einfluss bei Luini, dafür ist dann 20 Sekunden Zeit, die wir wieder aufholen müssen, indem wir ohne weitere Verzögerung die Treppen in den 3. Stock hocheilen, denn: »Das war es eigentlich im 1. Stock, weiter weiter, mir nach.«

    Irgendwann entgleitet San Andreas die Kamera und springt noch ein paar Stufen nach unten, aber die Ixus-Modelle halten das ja bekanntlich aus. Angeblich ist der Aufprall auf der Horizontalen sogar ein Feature, bei dem automatisch der Weißabgleich ausgeführt wird, wie auch immer das vonstatten gehen soll, hehe.

    Oben dann an den Goyas vorbei, »schauen Sie nicht hin, lohnt sich nicht«, hinter in die äußerste Ecke, die Mengs-Porträts, 12 Sekunden für Karl III. und Frau, ich bekomme nur Fetzen von den key facts mit, bin völlig außer Puste, Dique auch, er hängt ziemlich durch und wischt sich den Schweiß ins Hemd, und dann geht es auch schon wieder runter in den 2. Stock.

    Vor Las Meninas traubt so eine italienische Reisegruppe, Dique und Sébastien2000 schlagen einen Keil in die Menge, sodass alle kurz ans Bild rantreten können, »achten Sie nicht auf den Maler und den Spiegel, nur auf die Meninas, da und da, sehen Sie, genau.«

    Die Riberas sind dann der eigentliche Hit, zwei der Gruppe bleiben da über Gebühr hängen, vor allem vor der Mannfrau mit der zum Stillen freiliegenden Brust. Dann Murillo, die Hirtenbilder, »ein Wahnsinn«, und dann …

    … gibt es noch einen kurzen Abstecher zu den pinturas negras von Goya, die lohnen sich also offenbar im Gegensatz zu dem Zeug ganz oben.

    Durch den Gang mit den Italienern im 1. Stock hechten wir zurück zum Eingang, Parmigianinos Heilige Barbara sieht tatsächlich wunderhübsch aus, wie man so an ihr vorbeirennt, und dann sind 9 Minuten und 32 Sekunden vorbei, da ist noch Zeit, etwas Trinkgeld zu geben.

    Und einer will wissen, was jetzt eigentlich mit dem angekündigten Patinir ist.

    Sébastien2000: »Ach so, genau, hatte ich ja eben kurz angedeutet, da gibt es diese herrliche Ausstellung im 2. Stock. Mach ich jetzt gleich im Anschluss, falls Sie 3 Minuten Zeit haben. Kostet 40 Euro.«

    »Das geht ja.«

  • Das Buch als Ziegelstein

    Es ist ein ziemlich abgehangenes Sprachbild: das vom Buch, das dick und massiv wie ein Ziegelstein sei. Tobias Lehmkuhl hat neulich für die S-Zeitung den Band »Borges« mit Tagebuchaufzeichnungen von Bioy Casares so beschrieben: »Ein Ziegelstein wirkt klein daneben« (20. 7. 2007, S. 14).

    Lehmkuhl über Casares

    Immerhin, das besprochene Buch übersteigt mit seinen 1664 Seiten das Ziegelstein-Image, und es ist auch nicht mal ziegelrot (wie zuletzt etwa der »Abfall für alle«-Ziegelstein). Und außerdem ist es bisher nur im spanischen Original erschienen und wurde daher auch nicht in die Perlentaucher-Bücherschau mit aufgenommen (in die BLK schon).

    Das weidliche Rezensieren neuer fremdsprachiger Belletristik ist ein rezensorisches Subgenre, das aber in Zeiten der globalen Gleichzeitigkeit an Gewicht gewinnt. Kein deutschsprachiges Feuilleton kann sich mehr leisten, den neuen »Potter«, den neuen Pynchon oder die neuesten Sachen der East-Coast-Parvenüs beim Erscheinen in der Originalsprache zu ignorieren.

    Bei den romanischen Sprachen wird es schon exquisiter. Sven Lager berichtete einmal in der »taz« davon, wie mehrere Bekannte behaupteten, »den neuen Roman von Houellebecq an nur einem Abend auf Französisch verschlungen zu haben«. (hehe)

    Zuletzt war es eine Prestigefrage für alle Zeitungen, eine Rezension des französischsprachigen (genau!) Ziegelstein-Buchs »Les Bienveillantes« zu haben. Der »Borges«-Band von Bioy Casares nun wurde bereits von einigen englischsprachigen Zeitungen besprochen, und jetzt eben auch von der S-Zeitung.

    Usw.

  • Matt Groening, Angeber des Jahrzehnts (mindestens)

    In einer älteren Wochenendausgabe der S-Zeitung (7./8. Juli 2007) gab es auf der letzten Seite (S. VIII) der Wochenendbeilage ein Interview mit Matt Groening.

    Derer hat es ja zuletzt einige gegeben, parallel zur Vermarktung des ersten »Simpsons«-Kinofilms, und Groening liest sich wie immer gut, zumal er von Willi Winkler interviewt wird. Doch dann sagt er einen Hammersatz, der ihn auf einen Schlag zum größten Angeber der Weltgeschichte macht. Der Satz der Sätze, der zusätzlich noch mal in eine eigene Textbox gerahmt wurde, lautet:

    »Niemand kennt Thomas Pynchon. Niemand außer mir.«

    Das ist natürlich hervorragend, und vor allem auch deshalb, weil es einfach: stimmt.

    In den Folgen 15.10 und 16.02 der »Simpsons« hat Pynchon sich ja angeblich selbst gesprochen, also eine Thomas-Pynchon-Figur, die eine Papiertüte auf dem Kopf trägt, die wiederum mit einem Fragezeichen verziert ist. Groening beschreibt nun in dem Interview, dass er sich mit Pynchon in New York getroffen hat, um die paar exklusiven Pynchon-Sätze aufzunehmen.

    Außer dem 1957er Foto, das Pynchon als Navy-Rekrut zeigt, gibt es fast kein Bild von ihm. 1998 wurde er dann noch kurz von einem Journalisten der südafrikanischen »Sunday Times« so halb undeutlich abgelichtet, aber das war es dann auch schon.

    Das Lustige an all dem ist: Matt Groening weiß jetzt auch noch, wie Willi Winkler aussieht. Das wissen nämlich die Wenigsten, jedenfalls nicht die Leser von WW. Schließlich lässt er in seine Bücher gern mal Schwarzeneggers Terminator als Autorenfoto drucken.

  • Die Manuskriptschicker

    Als Aufmacher im Gesellschafts-Teil heute eine schöne investigative Reportage: Martin Wittmann hat einen Pauschalurlaub am Plattensee gebucht, und obwohl es ja im weitesten Sinne um ›Urlaub‹ geht, liest sich sein Bericht teilweise wie Günter Wallraffs »Ganz unten«.

    Was man als Sangria saufende Ballermänner kennt, schildert Wittmann nun als Büchsenbier schluckende Balatonmänner, und daher steht sein Artikel »Wo sind die Weiber?« wohl auch nicht im Reise-Teil. Die vom Autor selbst geschossenen Abschreckfotos (S. 51) hätte wohl auch kein »Reise«-Bildredakteur durchgehen lassen. Online gibt es übrigens noch mehr davon.

    Als Ausgleich gibt es im Feuilleton ein paar schöne Teaser-Fotos von Alison Jackson (S. 27). Sie fotografiert Doppelgänger von bekannten Menschen und betreibt so schockierend überzeugende alternate history. Das muss man gesehen haben, zum Beispiel auf ihrer Website.

    Ansonsten »beschwört« MRR seine Leser, ihm bitte keine Manuskripte mehr zu schicken. Das macht er ja schon seit Jahrzehnten, aber sie schicken ihm weiterhin »auch politische, religiöse und philosophische Werke« (S. 28). MRR sollte die Manuskriptschicker mal an einen Webspace-Provider vermitteln, damit sie endlich ihre Traktate rausblasen können. Da ließe sich bestimmt ein Geschäft machen.

    Stefan Niggemeier beschreibt in seiner »Teletext«-Kolumne (S. 32) die Volksmusiksendung »Zauberwelt der Berge« und ihre dramaturgischen Kniffe. Dabei fragt er nach der Überleitungspolizei, die, wie wir wissen, auf besonders misslungene Überleitungen mit irgendwelchen Maßnahmen reagiert. Das ist in diesem Fall laut Niggemeier offenbar nicht geschehen, aber die Arbeit dieser Einsatztruppe ist ja ähnlich mysteriös wie die Arbeit der Titelpolizei.

    Und: Peter Richter schreibt einen hervorragenden Nachruf auf Ulrich Plenzdorf (S. 27), dazu vielleicht später mehr. Jetzt muss ich schnellstens ein paar SZs vom Juni/Juli noch mal checken, die Austin gerade vorbeigebracht hat.

  • Damals vor 6 Jahren

    Die Jüngeren werden sich nicht daran erinnern, dass die Feuilletons der F- und der S-Zeitung mal ziemlich ausführlich das Personal getauscht haben. Das ist erst 6 Jahre her, und trotzdem habe ich gestern im Institut folgenden Dialogfetzen aufgeschnappt:

    -Und Thomas Steinfeld war ja mal bei der FAZ.
    -Niemals! Der schreibt doch immer schon so SZ-ig, der war niemals –

    Doch. Und dass zum Beispiel Edo Reents (erst SZ, jetzt FAZ) und Franziska Augstein (umgekehrt) auch mal für das andere Team gespielt haben, glaubt einem heute ebenfalls keiner mehr.

    Auch, dass es vor 6 Jahren die (überregionale) FAS noch nicht gab. Was müssen das damals für Wams-Bams-Sonntage gewesen sein.

    Als ich später den ungläubigen Institutler wiedertraf, wirkte er vergrätzt. Er hatte inzwischen gegoogelt und auf eine dpa-Meldung geklickt und kämpfte nun mit seiner Niederlage.