Kategorie: S-Zeitung

  • Hexameter-Kritik im Feuilleton

    Eine dem fremdsprachlichen Original adäquate Versübertragung ist immer noch die Königdisziplin unter allen Übersetzungsmöglichkeiten.

    Im Rezensionswesen gehört neben der Kritik altägyptischer Papyri sicher die nicht-wohlfeile Hexameter-Kritik in die Schwergewichts­klasse. (Es ginge natürlich auch ganz billig, etwa wenn Zlatko Trpkovski die Blankverse einer Shakespeare-Verfilmung als »Deppengeschwätz« bezeichnet, hehe).

    Zuletzt konnte sich die feuilletonistische Kritik an der Hexametrisierung der »Odyssee« durch Kurt Steinmann austoben, die im letzten Jahr in einer Prachtausgabe bei Manesse erschienen ist (übrigens einige Wochen bevor Raoul Schrott mit einem Langartikel in der F-Zeitung eine neue Debatte zur Herkunft Homers in Gang setzte – der Umblätterer berichtete).

    Kurt Flasch in der FAZ lobte Steinmanns Neu-»Odyssee«, Johan Schloemann in der SZ verriss sie. Beide kritisierten aber unisono die Umsetzung in deutsche Hexameter. Flasch spricht von einer »Belastung durch das Versmaß«, Schloemann bezeichnet die Übersetzung als »vielfach rhythmisch holprig und sprachlich unelegant«. Zusammengenommen gibt es folgende Kritikpunkte:

    – unnatürliche Wortverlängerungen und Verkürzungen (FAZ)
    – Verrenkungen der deutschen Syntax (FAZ)
    – unnatürlich starke Wortbetonungen (SZ)
    – Tonbeugungen bei mehrsilbigen Wörtern (SZ)

    In der NZZ lobt dann Hans-Albrecht Koch an Steinmanns Neuübersetzung vor allem die Hexameter, und zwar lustigerweise aus denselben Gründen, aus denen FAZ und SZ die Versifikation ablehnten:

    »Nicht mechanisch fällt bei Steinmann immer der Wortakzent mit dem Versakzent zusammen, das nimmt seiner Sprache die Schwere. Das ist in der langen Tradition deutscher Hexameter-Übersetzungen ein wenig gewagt, aber es ist schön und entlastet.«

    Jens Jessen in der »Zeit« widerspricht im Übrigen allen anderen, indem er das Hexametrisieren als Bewertungskriterium herabwürdigt:

    »(…) die Leistung einer neuen Übersetzung wird niemals in den Hexametern bestehen. Sie sind die leichteste Übung.«

  • Javier Cáceres interviewt Alfredo Di Stéfano: Mann! Bah! Tchis!

    Neulich wurde im Madrider Estadio Santiago Bernabéu eine Alfredo-Di-Stéfano-Bronzestatue enthüllt, die »einem der größten, wenn nicht gar dem größten Fußballer aller Zeiten« gilt, wie Javier Cáceres in der S-Zeitung schreibt (Ausgabe vom 16. 2.). Als gute River-Plate-Fans haben Paco und ich natürlich das aus diesem Anlass geführte Gespräch zwischen Cáceres und dem Geehrten gelesen.

    Vor 2 Jahren hat Cáceres in seinem Buch »Fútbol« geschrieben, dass Di Stéfano ein mittlerweile griesgrämiger Achtzigjähriger sei, der keine Interviews mehr mag. Das kann so nicht stimmen, denn anhand des SZ-Gesprächs sieht man, wieviel Spaß der noch hat. Überhaupt, den Interview-Style kann man gar nicht genug loben:

    Die beiden duzen sich im Deutschen. Entweder kennen sie sich also oder sie haben den ›voseo‹ benutzt, was zwischen einem gebürtigen Chilenen und einem gebürtigen Argentinier nicht unwahrscheinlich ist. Dieser kumpelhafte Ton ist auch der einzig richtige für dieses Gespräch (ganz anders als in der FAS, wo sich Charlotte Roche und Julia Encke neulich siezten, als sie über Intimrasuren sprachen, hehe).

    Und Di Stéfano sagt »Mann!«, also vielleicht ein lässiges »hombre«, ein gefälliges »boludo« wie unter alten Freunden oder eben ein anderes der reichhaltigen »Mann!«-kompatiblen Wörter im Spanischen. Er bezeichnet sich als »ein Kind des Viertels«, das klingt sehr übersetzt, man hört da noch den »pibe del barrio« durch. Und er sagt, dass er die Straßenbahn nehmen musste, um Buenos Aires zu durchqueren – das ist Jahrhunderte her, dass die Capital Federal eine Tram hatte – erst seit Juli 2007 fährt wieder eine.

    Zischgeräusche werden korrekt wiedergegeben: »In Europa ist der Rasen kurz, und der Ball fliegt über die Narbe, als würde ihn jemand – tchis! – ausspucken.« Und auch Antwortfragmente wie »Sí, señor.« bleiben unübersetzt im Originalzustand. Man müsste die sowieso mit »Auf jeden!« oder so übersetzen, jedenfalls nicht mit »Ja, mein Herr.« Wir sind ja nicht im 18. Jahrhundert.

    Als es um das legendäre Glasgower 7:3 geht (Real gg. Eintracht Frankfurt, Finale des Europapokals der Landesmeister 1960, siehe Wikipedia), kommt Di Stéfano auf das perfekte Zusammenspiel seiner Mannschaft zu sprechen: »Puskas mit seinem unfassbaren Antritt, Del Sol … Bah, es war ein Riesenteam.« – Auch dieses kastilische »Bah«: so herrlich und so unübersetzbar.

    »Früher war der Fußball romantischer. Bohème.« sagt Di Stéfano an einer Stelle. Dieser Text ist auch Bohème, ein Musterbeispiel für gelungenes Sportfeuilleton. Bah …

  • Die Feuilleton-Hits zu Jahresbeginn (Teil 5): Andrian Kreye über schießende Amerikaner

    Januar und Februar waren gute Feuilleton-Monate, ganz anders als im letzten Jahr. Wir stellen hier die 6 interessantesten, schönsten, bestgeschriebenen, relevantesten, lesenswertesten Feuilleton-Artikel des Jahresbeginns vor, die auch sozusagen automatisch für die Best of Feuilleton 2008 nominiert sind. Hier ist Teil 5:

    Andrian Kreye: »Freiheit, die sie meinen« (SZ, 19./20. 1. 2008)

    Dieser Artikel über US-Amerikaner und ihre Feuerwaffen stand im »Wochenende«-Teil der S-Zeitung und kam zur Abwechslung mal angenehm unhysterisch daher. Der Teasertext geht so:

    »Warum wir das Verhältnis der Amerikaner zu Feuerwaffen nicht verstehen, das aber gerade in einem Wahljahr tun sollten.«

    Kreye war dann auch wirklich mal in einem Schießverein und hat sich, auch als »humanistisch gebildeter Europäer«, von einem NRA-Mann einweisen lassen und auf die »Primary Targets« eines Pappkameraden gezielt. Sehr passend ist sein Exkurs über Raptexte, die von bestimmten Waffen handeln. Unvergessen natürlich »It’s been a good day« von Ice Cube:

    Today I didn’t even have to use my AK
    I got to say it was a good day

    Gemeint ist natürlich die AK-47 (die ja übrigens auch u. a. in der Flagge Mosambiks Verwendung findet). Kreye bleibt übrigens dabei: »Natürlich gibt es keinen vernünftigen Grund, als Privatperson eine dieser Waffen zu besitzen.« Er vergisst auch nicht, die Opferzahlen von Gewaltverbrechen mit Feuerwaffen zu nennen, nachdem er die US-Waffennarretei aus dem 2. Zusatzartikel der amerikanischen Verfassung von 1791 hergeleitet hat.

    Letzte Passage: »Und wir Europäer? Wir müssen diesen Freiheitsbegriff nicht gut finden. Wir müssen ihn nur verstehen.« Kreye zeigt hier mal die andere Seite einer eingefahrenen Berichterstattung, ähnlich wie damals Jochen Bittner mit seinem »Zeit«-Artikel über deutsche George-W.-Bush-Fans (17. 2. 2005). Sowas kann man von einem wagemutigen Feuilleton ruhig ab und zu erwarten.

  • Wann fusioniert das deutsche Feuilleton?

    Nach dieser Woche kann und muss man sich das schon mal fragen, denn so viel Gemeinsamkeit im Protokoll war selten. Donnerstag abend waren sie alle im Berliner Ensemble, bei Jonathan Littells einzigem Auftritt in Deutschland:

    Eckhart Fuhr erlebte für die »Welt« einen »Nazi-Synthesizer«, Harry Nutt von der FR einen »Schriftstellerdarsteller« und Lothar Müller (S-Zeitung) einen Yale-Absolventen.

    Sieglinde Geisel von der NZZ griff »sicherheitshalber zur Simultanübersetzung (…); doch auch der Übersetzer hat zu kämpfen«. Dirk Knipphals von der taz sah einen Littell, der mit allem, was er sagte, drauf aus war, »die Sache niedriger zu hängen«, während Hubert Spiegel für die F-Zeitung (Reading Room!) natürlich betont, dass Littell gar »nicht daran denkt, die Provokationen seines Romans kleinzureden«.

    Schon am Mittwoch abend waren sie in Weimar kollektiv zur Urlesung von Martin Walsers »Ein liebender Mann« versammelt (und zwar nicht nur die gleichen Zeitungen, sondern sogar Eckhart Fuhr und Dirk Knipphals, so dass man sich unwillkürlich bei der Frage ertappte, ob taz und »Welt« denn jetzt schon Fahrgemeinschaften bilden).

    Neben Walsers Krawatte, auf die wir wohl noch eigens in unserer Umblätterer-Rubrik »Eingeschneidert« zurückkommen werden müssen, bleibt uns aus Weimar vor allem Edo Reents als Lach-Detektor in Erinnerung:

    An der Stelle »noch Gelegenheit gab zu rühmen, wie gesund er sich hier fühle«, lacht Joachim Kaiser das erste Mal laut auf: »Ha!« In den Anlaut ist ein kleines p hineingeschmuggelt, das a hat leichte Tendenz ins ä oder ö: »Hpäöh!« Was es da zu lachen gibt? Der nächste Lacher kommt bei »dringend zu wünschen«, wo Goethe Ulrike das Wort »unvorgreiflich« erklärt: »Hpäöh!« Das geht dann so weiter: Martin Walser liest in seinem alemannischen Singsang seine nicht immer ganz stubenreinen Goetheana, und Joachim Kaiser macht alle paar Minuten »Hpäöh!«

    Das Live-Lachen des Kaisers hat sogar soviel News-Wert, dass es zu einem eigenen Interview mit dem »Leit-Lacher« geführt hat. Da findet man Martin Walser lustig, und schon ist man selber im Feuilleton, hehe.

  • Die Feuilleton-Hits zu Jahresbeginn (Teil 1): Renate Meinhof über Jauch-Fans in Tel Aviv

    Januar und Februar waren gute Feuilleton-Monate, ganz anders als im letzten Jahr. Wir stellen hier die 6 interessantesten, schönsten, bestgeschriebenen, relevantesten, lesenswertesten Feuilleton-Artikel des Jahresbeginns vor, die auch sozusagen automatisch für die Best of Feuilleton 2008 nominiert sind. Hier ist Teil 1:

    Renate Meinhof: »Eine Sendung Sehnsucht« (SZ, 4. 1. 2008)

    Die Autorin unseres Feuilleton-Lieblingsartikels 2007 hat nachgelegt: Wieder eine fantastische »Seite Drei«-Reportage in der S-Zeitung, diesmal über einige Rentnerinnen in Tel Aviv, die nach 60 bzw. 70 Jahren zurückliegender Emigration Kontakt zu Deutschland und ihrer Muttersprache Deutsch halten – durch Einschalten der Günther-Jauch-Rateshow »Wer wird Millionär?«

    Meinhof schildert die vormittäglichen Kaffeekränzchen, die die herrlichen alten Damen im Jeckes-Treffpunkt »Café Mersand« abhalten, um die letzte Folge ihrer Lieblingssendung zu besprechen. Mit dem Besuch des tatsächlichen Jauch hat die Geschichte auch einen unerwarteten Höhepunkt.

    Das Bemerkenswerte ist: Unter der Hand erzählt die Autorin die Überlebensgeschichten ihrer Protagonistinnen. Und wie sie diese beiden Welten verbindet, den Holocaust und die RTL-Rateshow, wie sie immer wieder hin und her schaltet, das ist gewagt, aber gut gelungen. Ähnlich wie der alte Wagnerianer wollen einem die Günther-Jauch-Damen nicht mehr aus dem Kopf.

    Übrigens, dass Renate Meinhof da ein überbordend interessantes Thema gefunden hat, bestätigt die Berliner Zeitung, die vor ca. zwei Wochen einen ähnlichen Artikel veröffentlicht hat. Der Autorin Charlotte Misselwitz geht es darin vor allem um die Nachfahren der Jeckes, die sich zu späterer Stunde im »Mersand« herumtreiben. Aber am Ende kommt auch sie nicht darum herum, die Jauch-affinen alten Damen zu erwähnen.

  • Das Handy in der Gegenwartsliteratur

    Auf der Literaturseite der S-Zeitung vom letzten Freitag sprach sich Florian Kessler für eine »akute Gegenwartsliteratur« im Deutschunterricht aus. Wegen des akut anstehenden Migrationshintergrunds des Nokia-Handys wird in den deutschen Lehrerzimmern nun heftig um die geeigneteren Arbeitstexte für den Unterricht gerungen: Auf der einen Seite wartet der Reclam-Klassensatz »Migrantenliteratur«, auf der anderen, nämlich dieser hier, präsentiert der Umblätterer seine kleine Kompilation Mobilfunkliteratur:

    [ Keiner hat Handy | Einer hat Handy | Alle haben Handy ]

    Keiner hat Handy

    Als Relikt aus einer mobilfunklosen Zeit bietet sich dieses Buch von Alexa Hennig von Lange wie kein zweites an: »Relax«. Das holt die Schüler von heute erst mal synonymisch bei ihren 100, 200 oder 400 Inklusivminuten von T-Mobile ab und führt ihnen dann vor Augen, was das Leben ohne Handy gestern war.

    »Jungs, bin gleich wieder da!«
    »Wohin gehstn du?«
    »Weg!«
    »Gehste pissen?«
    »Nein telefonieren!«
    »Was?«
    »Ich muß ma kurz telefonieren!«
    »Hier gibt’s aber kein Telefon!«
    »Dann such ich eins!«
    »Warum mußte denn jetzt telefonieren?«
    »Ich muß meine Kleine anrufen!«
    »Relax, Chris!«

    – Tatsächlich bestimmt das hier noch nicht vorhandene Mobiltelefon den weiteren Verlauf der Handlung fatal. Denn nur weil er kein Handy in der Tasche hat und keiner seiner Kumpels auch nicht, geht Chris überhaupt wie ein Blöder los und sucht (ein Telefon!), steigt auf Bäume, stürzt herunter, und stirbt zuletzt auf einem Parkplatz. (Okay, ein bisschen too much auf dem Trip ist er dabei natürlich auch ;-).

    Umgekehrt sitzt die Kleine, nur weil sie ihren Chris nie mal ansimsen kann, das ganze Buch über wie blöde vor ihrem Festnetzapparat und wartet auf Anrufe von Chris. Am Ende reißt sie sich endlich von zu Hause los, um ihren Chris im Nachtleben zu suchen und – ohne Handy natürlich viel zu spät – zu finden:

    »Chris, hier is deine Kleine!«
    »…!«
    »Chris, hörst du mich?«
    »…!«
    »Chris! Das is nich lustig!«
    »…!«
    »Chris? Ich liebe dich!«
    »…!«
    »Chris?«
    »…!«

    Mit anderen Worten: Es wurde wirklich mal Zeit für ein Mobiltelefon in der deutschen Literatur.

    [ Keiner hat Handy | Einer hat Handy | Alle haben Handy ]

    Einer hat Handy

    Das erste Mobilfunktelefon in der deutschen Literatur gibt’s bei Christian Kracht: In »Faserland« kommt das Handy noch richtig schön schnöselig daher, nämlich als rauschechtes C-Netz für S-Klasse-Fahrer auf Sylt.

    »Kurz vor Kampen biegt Karin plötzlich rechts ab, auf den Parkplatz von Buhne 16, dem Nacktbadestrand, und ich denke, Moment mal, was kommt denn jetzt?«

    Und weil ein 1995er Kracht auf Sylt kein 1998er Houellebecq am Cap d’Agde ist, folgt an dieser Stelle wirklich nur diese Mobilfunkorgie: Irgendein Sergio hat mit dem Mobiltelefon extra vom Strand aus im Mercedes angerufen (Sachen gibt’s, hehe). Und dann dieser faserlandtypische Satz:

    »Wir steigen aus und ich denke daran, daß das Mobiltelefon sicher ziemlich versaut wird, dort am Strand, wegen dem Sand und dem Salzwasser.«

    Also, richtig relaxed klingt das mit dem Mobiltelefon noch nicht. Oder verschwendet heute noch ernstlich jemand Gedanken an Salz und Sand, wenn er Strand-MMSen versendet oder empfängt? Krachts defätistische Handy-Affirmation zeigt deshalb schön, wie leicht die Spezies Mobilfunkteilnehmer Mitte der 1990er noch verunsichert und fertig gemacht werden konnte.

    [ Keiner hat Handy | Einer hat Handy | Alle haben Handy ]

    Alle haben Handy

    Kollektiver Frieden mit dem Mobilfunk war dann wohl so spätestens um 2000, als wir von Florian Illies in unser aller Generation Golf zu lesen bekamen, »daß es nichts mehr bedeutet, ein Handy zu haben. Daß es aber auch nichts mehr bedeutet, in einem Café zu telefonieren.«

    »Ortsgespräch«, Illies‘ GG-Aufguss von 2006, war, so gesehen, natürlich schon wieder eine Retro-Mode. Kein Anschluss unter dieser Nummer herrscht hingegen bei Ingo Schulze. Weitere Texte zum Thema Telekommunikation wären vielleicht noch Else Buschheuers »Ruf! Mich! An!« oder die »Wahlverwandtschaften«.

    Und last but not least Johanna Adorjáns Tante, die immer noch ihren Festnetzapparat im Flur favorisiert. Das war definitiv mal einer der Silvester-Knaller, mit denen ein Deutschlehrer seine Schüler 2008 fürs Feuilleton begeistern könnte (neues Jahr, neues Glück?).

    [ Keiner hat Handy | Einer hat Handy | Alle haben Handy ]

  • Im Gewandhaus: Axel »Chailly« Kober

    Ich muss unbedingt die Karte loswerden. Gewandhaus, Riccardo Chailly, Mahlers Erste, Seitenrang. Eigentlich. Bis ich am Donnerstag mit der Straßenbahn am Gewandhaus vorbeifuhr, mein Blick streifte diese sicher noch von Masur eingeweihte Anzeigentafel in Robotrongrün: Heute und morgen Großes Concert, Dirigent Axel Kober. Schnell mit Opera Mini ins Netz. Chailly im Krankenhaus. Und Mahler war auch weg vom Plan.

    Also: Weg mit den Karten. Im Institut Mail an alle, will jemand zu Chailly, ich kann kurzfristig nicht. Dann stehe ich beim Automatenespresso und lese in der S-Zeitung, wie Jossi Wieler und Sergio Morabito ihre Regiezusammenarbeit erklären (und die gute Frage von Jörg Königsdorf nicht erklären, warum nur in der Oper und nicht im Schauspiel).

    Während ich noch hoffe, dass Wieler/Morabito nicht auch noch krank werden und meine »Maskenball«-Karte am 30. sinnlos machen, zieht das halbe Institut an mir vorbei, Seitenblick mit knapper Frage: Ist Chailly nicht krank? Die scheinen das irgendwie alle schon zu wissen. Mache den Stromberg und tue überrascht. Hilft nix, gehe nun doch selber hin.

    Axel Kober, Notprogramm des Gewandhauses

    Muss man dem Gewandhausorchester lassen: Edel gerettet.

    Auf dem Rang genau mir gegenüber sitzt die Einlasserin, wie immer mit dem Rücken zum Orchester, den Blick voll auf den Mittelblock vor sich.

    Idee für einen Film: Was diese Einlasserin alles nicht sieht, wenn sie starr in die Reihen schaut und aufpasst, ob nicht doch jemand stirbt in ihrem Block. Immer mittendrin, aber nie dabei. Tausend Konzerte gehört, aber Masur nie gesehen. Und Chailly auch nicht. Wie wir alle heute nicht, die wir stattdessen Axel »Chailly« Kober sehen – und hören, wie zwar am Anfang alles ein bisschen zur großen Oper wird als wär’s Verdis »Otello« im Dauersturm. Aber dann holen sie doch das gigantische Finale von Dvořáks Achter aus dem Handgelenk, als wär’s Alltag.

    Und immerhin hören wir den sensationellen Benjamin Schmid, Violine. Und wie der dann die Zugabe ankündigt und in feinstem Wienerisch die Worte in den Saal fallen lässt: »Heinrich–Ignaz–Franz–Biber. Die Passacaglia.«

    Zweiter Gedanke: dass man tatsächlich auch wienerisch Violine spielen kann. Dritter Gedanke: wieder mal nach Wien fahren, wieder mal ins Diglas.

  • Endlich fertig: Die Feuilleton-Charts 2007

    Hier sind sie, die Autoren und Zeitungen der 10 besten Artikel aus den Feuilletons des Jahres 2007:

    1. Renate Meinhof (SZ)
    2. Peter Richter (FAS)
    3. Henning Sußebach (ZEITmagazin LEBEN)
    4. Jean-Philippe Toussaint (FAS/FR)
    5. Robin Meyer-Lucht (SZ-Magazin)
    6. Ursula März/Claudia Schmölders (Zeit)
    7. Matthias Matussek (Spiegel)
    8. Heribert Prantl/Remigius Bunia (SZ/FAZ)
    9. Henning Ritter (FAS)
    10. Jan Wigger (SPON)

    Kurze Begründungstexte und Links (sofern vorhanden) gibt es auf dieser Seite, die sich wie schon die Top-10s für die Jahre 2005 und 2006 direkt von der rechten Seitenleiste aus aufrufen lässt.

    Auch in diesem Jahr speichert die Liste unseres Erachtens snapshotartig ein repräsentatives Bild des Lebens in den Feuilletons im Jahr 2007. Zusammen bilden die Texte ein erstklassiges virtuelles Lesebuch, und wer den ein oder anderen Artikel noch nicht gelesen hat, sollte dies unbedingt nachholen – es sind alles Krachertexte, die jede Zeile wert sind.

    Vor allem unser Lieblingstext, Renate Meinhofs Porträt eines 90-jährigen Wagnerianers, ging uns nicht mehr aus dem Kopf. Er ist im Juli erschienen, aber noch im November und Dezember sprachen wir gelegentlich über das Bayreuth-Erlebnis des Walter Odrowski, seine »Eppendorfer Heimoper« und seine Reaktion auf Stoibers Ignoranz.

    Odrowski wollte auf dem Staatsanfang nach der »Meistersinger«-Premiere dem damaligen Ministerpräsidenten für die Einladung danken, dringt aber mit seinen dünnen Worten nicht zu ihm durch, bis es ihm schließlich auch egal ist und er im Hinblick auf Stoibers leicht unfreiwillige Demission trocken kommentiert: »Na macht nichts, nächstes Jahr ist der auch nicht mehr hier.«

    Meinhofs Idee, dass Odrowski ein bisschen aussieht wie Franz Liszt und die diesbezügliche Bestätigung durch das zugehörige Foto sorgen zusätzlich dafür, dass man dieses Porträt nicht so schnell vergisst.

  • In Herzliya

    Bei Eitan Mehulal hoch oben in den Ackerstein Towers in Herzliya. Der in Israel obligatorische schöne Meerblick aus dem Konferenzraum. Kurze Verzögerung, wir warten mit den Coffeetable-Books und durchblättern das schöne Ankuck-Buch »פורטרט ישראלי« (»Israelische Porträts«).

    Darin auch eine Aufnahme von David Grossman, dem Verfasser des grandiosen Sticker-Songs, vertont von Hadag Nachash. Dann geht es kurz um den Song, dann aber auch gleich wieder um viele andere Dinge.

    Um die Mittagszeit gehen wir hinunter ins Joya in der Rehov Shenkar. Irgendwie scheinen da gerade ein paar Kundengespräche zu laufen, das Restaurant ist auch auf den ersten Blick sehr geeignet für Kundengespräche, und wir erinnern uns an eine frühe Episode der US-Version von »The Office«, Folge 2.13: »The Client«. Weil Michael wegen eines Kundengesprächs nicht im Office ist, findet Pam zufällig seinen unfassbaren Drehbuchentwurf für einen Hollywood-Actionfilm mit dem schönen Arbeitstitel »Threat Level: Midnight«. Er wird mit verteilten Rollen gelesen, ein großes Highlight der zweiten Staffel!

    Das Essen im, wie gesagt: Joya, sieht so aus, dass ich auf einmal weiß, warum Henryk M. Broder bei seinen Restaurantbesuchen in aller Welt manchmal frisch servierte Tellerladungen fotografiert. Genau, lass uns jetzt auch anfangen, Essen zu fotografieren, sagt Millek, aber uns ist klar, dass wir hinter der Ästhetik von Broders Essensbildern immer zurückstehen müssen. Was wir dagegen gut können, sind völlig indiskutable, anti-touristische, verwischte und prinzipiell motivlose Handybilder von Kaffeehäusern, hehe.

    Wir gehen noch ein paar Alex-Rühle-Artikel durch, außerdem ein paar Zeitungstexte zum Urteil in Sachen »Esra«, und halten vor allem die von Heribert Prantl (SZ, 13. 10.) und Remigius Bunia (FAZ, 13. 10.) gegeneinander.

    Während der Rückfahrt nach Tel Baruch Zafon kommt ein Anruf aus dem Institut. Milleks Postkasten ist über und über mit Zeitungen gefüllt, ob sie die entsorgen sollen. Millek fragt zurück, ob da jemand wahnsinnig geworden sei, Zeitungen bitte im Office zwischen­speichern, wie eigentlich abgesprochen. Usw.

  • Der Silvestertaucher: Zwischen den Jahren in den Feuilletons

    Hatte ich mich eben noch geärgert, die Weihnachts-FAS samt Sibylle Bergs Artikel über St. Moritz beim Snowboarden ebenda verpasst zu haben, konnte ich nach der Beinahe-Begegnung mit Putin auf der Piste und Ahmadinejacket in der Loipe nur feststellen: Das war noch längst nicht die ganze Bescherung, im Gegenteil. Und deshalb ein kleiner Rückblick auf allerlei Feuilleton-Bräuche zum Jahreswechsel.

    Malen nach Zahlen bei den Perlentauchers

    Es war schon ein historischer Augenblick, als am 29. 12. die erste Perlentaucher-Presseschau mit Gemälde ans Netz ging. Ob sich der Perlentaucher für diese Aktion vom »Holy Family Set« (FAS vom 2. 12.) inspirieren ließ? Ob Thierry Chervel dieses eventuell sogar eigenhändig ausgemalt und eingesandt hat, um ein FAS-Jahresabo 2008 zu gewinnen und (unserem Pilotprojekt folgend) endlich den Sonntagstaucher zu starten? Wir können nur spekulieren und warten gespannt, was wird.

    Bleigießen mit der S-Zeitung

    Eher Konventionelles, nämlich eine bewährte Mischung aus Rückblick und Ausblick boten die »zehn Ideen, die uns bleiben« in der S-Zeitung vom 29. 12.: »Monopol« und »Monocle« wählten München zur City of the Year, der Klimawandel forderte ebenso seinen Tribut wie Damien Hirst sein Stück vom Diamantenschädel … Am Ende hätten wir uns das ziemlich genau so gedacht, aber na gut, wenn solche Trends auch nur einigermaßen repräsentativ sein sollen, bleiben sie für uns Halbwelt-Junkies notgedrungen im Rahmen des Erwarteten. Typisch nur, dass die S-Zeitung dann mal wieder übers Ziel hinausschießt und aus ihren zehn Ideen online gleich redundante 19 Vignetten macht – wieder eine ihrer berüchtigten »unsinnigen Klickstrecken«.

    Chinaböller im »Spiegel«

    Was man da mit der Silvester-Ausgabe als »KulturSpiegel« für Januar frei Haus bekam, war wirklich ein Rohrkrepierer: 16 Seiten Statements, »warum Künstler Olympia so lieben« – nein danke. Nachdem schon die gelben Spione so peinlich waren, muss man auf echte neue »Spiegel«-Kracher aus dem Reich der Mitte wohl weiterhin warten. Derweil lese ich doch lieber nochmal Ulrich Fichtners unvergessene Reportage über Shenzen: »Die Stadt der Mädchen« (6/2005).

    Sündenablass bei der F-Zeitung

    Und vergib uns unsere Schuld wie auch wir vergeben unseren Schuldigern: Am 28. 12. verpuffte die Meldung, dass der Tod eines Kritikers jetzt verjährt und Martin Walser Ein liebender Mann ist, der ab Februar in der F-Zeitung vorabgedruckt wird. Am 31. 12. folgte als Schirrmacher-Chefsache ein ganzes Schreibschulden-Register, in dem die Feuilletonredaktion Altlasten in eigener Sache abtrug. Und Gerhard Stadelmaier scheint in diesem Zusammenhang bekennen zu wollen: Verantwortlich für den sprichwörtlichen Tort eines Kritikers muss gar nicht immer ein Spiralblock, es kann auch der eigene Fingerknöchel sein.

    Limonaden-Countdown im Deutschlandfunk

    31. 12., 23:05 Uhr: Gepflegte Unterhaltung prickelt über den Äther, wenn sich zur letzten Radiostunde des Jahres die drei »Büchermarkt«-Redakteure Hajo Steinert, Hubert Winkels und Denis Scheck zusammensetzen, um bei einem Glas Limonade das literarische 2007 Revue passieren zu lassen. In munterer Silvesterlaune plaudert Denis Scheck dann auch schon mal ein Betriebsgeheimnis aus, so etwa ab Minute 4:27: »Also, ich darf der Wahrheit Ehre geben. Ich habe ganz sicher keine Limonade vor mir stehen.«

    0:00 Uhr in der FAS: »Endlich Gegenwart!«

    Das Jahresend-Spezial der FAS war eine exzellente Zündung, auf die Tel-Aviv-Koinzidenz hat Cobalt ja schon verwiesen. Ich ergänze an dieser Stelle weitere ungeahnte Korrespondenzen zwischen dem Umblätterer und der FAS (Fusionsgerüchte dementieren wir indes entschieden):

    Johanna Adorján hat also auch eine Tagesschau-Tante, und um die herum entfaltet sie den herrlichen Beitrag »Mensch und Maschine: Moderne Kommunikation« (S. 29). Ein astreiner Epilog auf die Rituale einer letzten Generation ohne Google, Handy usw. Ganz nebenbei erweitert sich hiermit auch das von Paco ins Leben gerufene Rubrum Software & Erinnerung um die nicht unbedeutende Dimension der Hardware (Stichwort Wählscheibe).

    Auf derselben Seite, links neben Adorján, serviert uns Nils Minkmar »Mensch und Margarine: Kapitalismus als Passion«. Ein schöner Review zum Lekr-Markt an der Ecke Hufeland-/Bötzowstraße in Berlin und nach dem (verpatzten) Auftakt durch Alexander Marguier das, wie ich meine, erste wahre Supermarkt-Feuilleton.

    Das war sie denn auch schon fast, die feuilletonistische Bescherung zum Jahreswechsel. Folgt nur noch ein schöner Brauch: Unsere Bekanntgabe der Best of 2007.