Kategorie: S-Zeitung

  • Das Trinktier oder Return to the Feuilleton i. e. S.

    »Wann ist diese Serienschrottliste endlich am Ende?« – die einen.

    »Jajaja! Warum keine Top-50?« – die anderen.

    Ich gehöre zu den einen, hehe. Es ist also an der Zeit, unser Die-hard-Feuilleton wieder etwas zu diversifizieren. Im Mittelpunkt steht nach wie vor die Zusammenstellung des Top-10-Readers mit den zehn wichtig-, be-, interessante-, usw. -sten Feuilletontexten des Jahres 2008. Selbst in den Sommermonaten gab es da bisher sehr gute Sachen. Danke, liebes verrücktes deutsches Feuilleton!

    Das Hauptevent der letzten Wochen war für mich eine unschein­bare Überschrift in der S-Zeitung vom 29. Juli 2008, Seite 18:

    Das Trinktier
    Ein Spitzhörnchen säuft täglich
    Alkohol – und bleibt dabei nüchtern

    Die S-Zeitung war auch zu Recht stolz auf diese Findung: Der textunlastige Kleinstartikel zum Federschwanzspitzhörnchen wurde bereits auf der Frontseite des Feuilletons (S. 13) angekündigt. (Einen Artikel zum selben Thema gab es am gleichen Tag u. a. auch bei Telepolis, zurückgehend auf einen Aufsatz in PNAS. Die ganzen Lorbeeren gehören aber dem Erfinder der SZ-Überschrift!)

    Auch ziemlich sehr gut war eine Überschrift in der FR vom 1. 8., S. 54: »Sack Reis umgekippt«. Eine nahe liegende, nicht schwer zu errechnende Headline, aber: »Wann sonst hat man die Chance einen solchen Kalauer in eine Zeitung zu schreiben, und dabei gleichzeitig selbstreflektiv auf das Problemfeld Presse und Politik in China einzugehen?« (Horatiorama im gelblog) Den Text unter der Überschrift braucht man im Prinzip nicht zu lesen, und das macht ja eine gute Überschrift eben aus.

    Dann noch mal die S-Zeitung, Axel Rühles Artikel zu den immer dicker werdenden Bildbänden: »Wer hat den Dicksten?«. Es geht darin um die Pointlessness dieser Wolkenkratzerbücher, darum, dass sie als lebloser Fetisch gekauft und verehrt werden, die Inhalte sind zweitrangig:

    »Das sind keine Bücher mehr (…). Das sind Module. Möbel. / Als gäbe es ein Wettrüsten unter den Bildbandverlegern. Als hätte jemand das Wort Coffeetable-Book falsch verstanden und allen Ehrgeiz darangesetzt, Bücher zu drucken, groß wie Serviertischchen.«

    Morgen suchen wir dann den Superleser und übermorgen feiern wir ein Robert-Musil-Jubiläum. Stay tuned.

  • Feuilleton und Pornografie (Teil 2): Stephan Maus über die Venus-Messe 2003

    Stephan Maus (früher der beste freie Kritiker around, heute beim »stern«) war 2003 für die S-Zeitung auf der Erotikfachmesse Venus in Berlin. Daraus ist dieser Artikel entstanden:

    Stephan Maus: Shuttle-Bus von Sodom nach Gomorra.
    In Süddeutsche Zeitung, 20. 10. 2003.

    Die »krude Bilderflut der vermarkteten Sinnlichkeit« stellen einen Metaphernhain dar, den der Autor mit Leichtigkeit plündert und in seine Beschreibungssuada montiert. Der Grundton ist, anders als bei Alexander Osangs Reportage über Pornywood, ironisch:

    »Manche Nischenmärkte produzieren Tableaus, von denen die Surrealisten nicht zu träumen gewagt hätten.«

    Dabei übt sich hier der dezidiert fachfremde Blick auf die Szene. Inmitten all der Pornoprodukte muss Maus das Sehen ganz neu lernen, und verwirrt begeht er dann auch einen schönen Sehfehler:

    »Plötzlich fällt der Blick des Besuchers auf eine besonders krude Perversion. Doch nein, es ist nur die Vorratskammer des Weißwurststandes.«

    Außer Weißwürsten begegnet Maus noch vielen anderen wundersamen Dingen und wird so »Zeuge der wundersamen Metamorphose von Obsessionen in Nischenmärkte«. Er fragt sich zu Recht, welche Nachfrage eigentlich bedient wird, wenn eine Unterwasserkamer »verträumt« schwebende Fäkalienteile aufnimmt?

    Insofern ist es verständlich, dass sich der Autor am Ende seines Textes »nach lebenslanger Enthaltsamkeit« sehnt. Trotzdem ist dieser nun ja schon fast 5 Jahre alte Messebericht noch immer lesenswert, weil es ihm gelungen ist, einmal exemplarisch die bis ins – sagen wir mal: – Surreale reichende Ausdifferenzierung des Pornomarktes zu beschreiben.

  • Die FAS vom 22. 6. 2008: Maschinenwinter am Strand

    Abbildung:
    Holbein d. J., »Der Leichnam Christi im Grabe« (1521), Kunstmuseum Basel.

    Es ist das wohl horizontalste Gemälde der Kunstgeschichte. Rainald Goetz hat Holbeins Christus gerade aufrecht in die rechte Seitenleiste seines »Klage«-Blogs hingestellt. Der Witz dabei ist, dass er so einerseits Abschied feiert, denn »Klage« ist zumindest in Blog-Gestalt inzwischen auch eine Art Leichnam und wird im Herbst bei Suhrkamp als Buch erscheinen. Andererseits zeigt er mit dem aufrecht hingepappten Bild gleich mal allen den Finger, denn der tote Christus hält auf Holbeins Bild den Mittelfinger aus dem Fingerensemble hervorgestreckt wie ein Aggro-Rapper auf Provo-Tour in der »Bravo«.

    Das sollte man einfach mal als unmittelbare Reaktion auf Nils Minkmars unfeinen Verriss im Aufmacher des heutigen FAS-Feuilletons deuten (S. 21). Es ist aber auch schwer, noch irgendwas Wichtiges zu »Klage« zu sagen, nachdem Burkhard Müller den treffendsten, eventuell sogar bestmöglichen Text zu Goetz‘ Projekt schon veröffentlicht hat, in der S-Zeitung vom 28. 5. (»Zeitgenosse des Jahres«). Nur in der Kategorie »best supporting author« war noch was zu reißen, doch dieser Posten ist inzwischen von Joachim Lottmann mit einem der üblichen Mocking-Berichte zur gestrigen »Klage«-Abschiedsparty besetzt worden.

    Dann empfiehlt die Feuilleton-Redaktion noch Bücher für den Sommer (S. 22). Peter Richter will sich ausgerechnet Dietmar Daths »Maschinenwinter« mit an den Strand nehmen, eine gute Idee auf jeden Fall, und so begründet er seine Wahl: »Weil ich ›Weltall – Erde – Mensch‹ schon kenne.« Sehr gut, der Jugendweihe-Klopper hätte auch in keinen Strandkorb reingepasst, hehe.

    Zu mehr bin ich diesmal nicht gekommen, denn der Wind erfasste irgendwann die einzelnen Teile der FAS und trug sie davon. Und es war so so heiß, selbst im gewaltigen Baumschattenreich von Hampstead Heath, dass wir viel zu träge waren, um der FAS hinterherzulaufen.

    Der Verlust der Sonntagszeitung ist auch deshalb schlimm, weil im morgen erscheinenden »Spiegel« nichts drinsteht, und vor allem der »Kultur«-Teil bildet hier mal wieder die Speerspitze. Vielleicht habe ich dann nächste Woche endlich mal Zeit, die für hier geplante Serie »Feuilleton und Pornografie« zuende zu schreiben.

  • »Harzreise im Sommer«: Gustav Seibt auf der Suche nach Andacht

    AAACHTUNG! Ich bin Gustav Seibt und suche Andacht! Und Kuchen! Im Osten! Das scheint das Motto des Autors zu sein. Es geht um den reportageartigen Artikel »Harzreise im Sommer«, der in der S-Zeitung vom 9. Juni veröffentlicht wurde (S. 11). Er ist leider mal wieder nicht im Netz, nur beim Perlentaucher, im DLF-»Fazit«, auf Spreeblick und in der »jungen welt« gibt es Spurenelemente des Textes.

    Seibt war in osteutschen Kirchen unterwegs, vor allem in »Sachsen-Anstalt« (Oliver Kalkofe) und Brandenburg, und beschreibt nun seine Abenteuer. Leider ist seine Studie nicht religionssoziologisch unterfüttert: Dass die DDR nun mal im protestantischen Kernland stattfand und das eben Folgen hatte, scheint ihm entgangen zu sein, und daher klingt sein Text wohl auch so verschnupft. Es ist auch unklar, an wen er jetzt genau gerichtet sein soll, es handelt sich eher um einen langen pingeligen Eintrag ins Gästebuch ostdeutscher Hotels, Kirchen und Museen.

    Die Überschrift

    Gabriel, der Überschriftenerfinder, von dem hier ab und zu die Rede ist, fiel der Text schon wegen der selten misslungenen Überschrift auf: »Für SZ-Verhältnisse ein schlimmer Fauxpas.« Sowas hatte er noch nie gesagt.

    »Harzreise im Sommer«, das spielt natürlich auf Heinrich Heines »Harzreise« an und gleichzeitig aber irgendwie auch auf dessen »Deutschland, ein Wintermärchen«. Offenbar hat der zuständige Überschriftenredakteur diese beiden Dinge durcheinandergebracht. Denn Heine unternahm seine Harzreise im September 1824, also irgendwo zwischen Spätsommer und Herbstanfang. »Harzreise IM SOMMER« suggeriert nun aber, dass irgendjemand Berühmtes mal eine »Harzreise im Winter« unternommen hat, was ja nicht der Fall ist.

    (Edit: An alle Seibtologen! Der gerade gelesene Witz wird in den Kommentaren so halb erklärt – thanks to our all-too anonymous readers. Der Spaß hat auch mit den »10 Sekunden Googeln« zu tun, um die es hier gleich noch geht.)

    Auf lustig geschrieben

    Zurück zum Text. Seibt beschwert sich an mehreren Stellen über den Eintritt, der in vielen Kirchen zu entrichten ist. Er stellt das als ostdeutsches Phänomen dar. In Italien, nur mal als Beispiel, kann man aber auch öfters ordentlich was bezahlen für eine Kirchen­besichtigung, teilweise sogar doppelt, wie Niklas Luhmann mal irgwendwo in einer Fußnote berichtet hat.

    Seibts Text ist trotz des vorherrschenden Unmuts auch erkennbar auf lustig geschrieben:

    »Sachsen-Anhalt bezeichnet sich auf Schautafeln am Wegrand als ›Land der Frühaufsteher‹, das aber heißt: Kirchen und Museen schließen dort einvernehmlich um 17.00 Uhr, es gilt der Stundenplan des Kollektivs, ausgeschlafen wird nicht, und am Abend herrscht die Ruhe der Toten. Andacht am Feierabend ist nicht vorgesehen.«

    Also DDR-Relikte-Bashing, und warum auch nicht, das kann Gustav Seibt ja auf jeden Fall machen. Nur stimmt es nicht mal, was er schreibt. Jetzt werde ich zwar etwas pfennigfuchsig, aber schon 10 Sekunden Googeln bringen ans Licht, dass die Dome in Magdeburg, Merseburg, Naumburg und Quedlinburg länger geöffnet haben, außerdem die Hallenser Laurentiuskirche, St. Bonifatius und St. Marien in Bernburg, St. Peter und Paul in Dessau, um nur mal eine Handvoll zu nennen. Die 10 Sekunden Googeln hätten die gesamte Textstelle zunichte gemacht, denn »17 Uhr« klingt einfach untouristischer und muss eben die Stoßrichtung des Textes stützen.

    Okay, vielleicht schießen die gegoogelten Schließzeiten etwas übers Ziel hinaus, aber man kann schon mal darauf hinweisen, dass es ein wenig unlauter ist, aus einem allgemeinen ein ostdeutsches Phänomen zu machen. Als Abgleich wieder der Blick nach Italien, wo Kirchen oft nur bis 13.00 Uhr geöffnet haben, und das war’s dann für den ganzen Tag. Let’s call it Entchristiani­sierung, wie Seibt das tut, hehe.

    Dann noch zur Kuchenepisode:

    »Jeder französische Kleinstadtbäcker würde vor Scham im Boden versinken vor dem, was im Harz als ›selbstgemachter Kuchen‹ angeboten wird: ein labberiger Fertigboden mit Erdbeeren belegt und von einer dicken Gelatineglasur geschmackstötend zugekleistert.«

    Über diese Stelle hat sich schon das DLF-»Fazit« mokiert, ich kenne aber mindestens zwei Leute, die Fans dieser Textpassage sind. Alles in allem ist Seibts Unmutstext ein würdiger Kandidat für den besten schlechten Text des Jahres, so wie weiland Christine Dössels Lawinky-Porträt.

    Übrigens scheint Seibt doch ab und zu auch ein Freund ostdeutscher Landpartien zu sein, mir fällt da spontan sein Artikel vom letzten Jahr ein (SZ, 6. 9. 2007), der zwischen Wittenberg und Weimar die »Toskana« Deutschlands ausmachte. Da war er entschieden besser gelaunt im Mitteldeutschen unterwegs, schrieb aber auch nicht über Kirchen und ihre Öffnungszeiten.

  • Graw-tsee-yeah!

    Von unserer Erasmus-WG in Parioli ist es nicht weit bis zur Villa Borghese. Nach einem Zwischenstopp bei Il Cigno gehen wir direkt zur Galleria Borghese, wo im Moment eine Correggio-Ausstellung läuft, das dritte der Dekadenprojekte der Galerie nach Raffael und Canova – es folgen u. a. 2009 Bacon & Caravaggio, 2011 Tizian, 2012 Cranach.

    Eine Correggio-Einzelausstellung war längst mal fällig, allerdings wird man von der unerwarteten Phylle halb erschlagen. Außerdem befinden sich im Präsenzbestand der Galleria natürlich auch noch die Wahnsinnsstatuen von Bernini und Canova, dazu noch 6 Bilder von Caravaggio, mehr als irgendwo sonst, Raffaels »Kreuzabnahme« und Correggios »Danae«.

    Davon muss man sich erst mal mit ein paar Nebenwerken erholen: Ein Sassoferrato hängt überraschenderweise im selben Raum wie ein de Hooch. Das glaubt man immer gar nicht, dass das Zeitgenossen waren. Von Sasso hängt hier die übliche wächserne und superschöne Madonna, von de Hooch das Flötistenbild, das inklusive offenem Fenster wieder voller lüsterner Anspielungen ist.

    Wir kommen dann irgendwann wieder auf das Veronese-Mocking und die Leonardo-Relativierung von Sébastien2000 zu sprechen und das Alan-Bennett-Interview neulich in »La Repubblica« (28. 5., S. 53, Aufmacher von »R2 Cultura«). »Leonardo? Non mi piace« war die Überschrift. Das ist wie wenn Umberto Eco in der SZ zitiert wird mit »Goethe? Find ich echt scheiße«.

    Der Interviewer (Enrico Franceschini) hatte dann nachgefragt, was seine beleidigten Landsleute mit so einer Aussage bitteschön machen sollen. Bennett erwiderte, dass er Leonardo als Meister der Renaissance natürlich schon irgendwie anerkenne, dass seine Werke aber nicht seine Interessenssphäre berührten. Ob er nicht mal die »Mona Lisa« gut finde? Nun ja, er habe sich das Bild nie angesehen, da er stets von dem Massenauflauf davor abgeschreckt worden war.

    Der Anlass für die Intervista war übrigens das Erscheinen der italienischen Übersetzung seines Buches über die Londoner National Gallery bei Adelphi. Er macht in dem Gespräch auch wieder Stimmung für den unvoreingenommenen Blick auf Kunstwerke. Das ist subtextuell natürlich auch ein Diss gegen die Audio-Guide-Kultur. Außerdem zeigt sich Bennett belustigt darüber, dass alle immer mit diesem Pathos ins Museum gehen und dadurch jedes dort ausgestellte Ding automatisch als anerkannt gut empfinden.

    Nach 2 Stunden wird man bekanntlich aus der Galleria Borghese geschmissen, wir legen ein paar alte SZs und FAZs auf eine Villa-Wiese und machen Siesta. Noch im Halbschlaf kriege ich nach einer Weile mit, wie Dique einem Amerikaner mit »Lone Star State«-T-Shirt den Weg zur Piazza del Popolo beschreibt.

    Der gut ausgestattete Touri hält Dique dann wegen seines blauen Hemds eventuell für einen Italiener und bedankt sich mit einem kräftigen: »Graw-tsee-yeah!« So ungefähr dürfte die »Grazie«-Ausspracheanweisung im Lonely Planet lauten. Diese herrlichen Amerikaner!

    Auf einmal ist alles graw-tsee-yeah, wir schießen auch noch mal Richtung Piazza del Popolo, noch mal wegen ein paar Lieblingsdetails in die Caravaggio-Kirche rein, und danach mache ich ziemlich in der Mitte des Platzes noch dieses Bild, ich, Dique, Millek, Sébastien2000 (hat heute frei), San Andreas:

    Piazza del Popolo

  • Antike und Milchkaffee

    Ich lag auf der Wiese hinter dem Institut und las alte SZs. Ich hatte gerade voller Enthusiasmus den Hammerartikel von Johan Schloemann über die Antike und uns beendet, als mir Millek entgegenplauzte. Er musste über einen Maulwurfshügel gestolpert sein und kippte nun seinen noch bis obenhin gefüllten Milchkaffee gründlich über den Artikel:

    Johan Schloemann: Antike für Anfänger. Kompensation, Archaik, Geheimnis: Das Altertum boomt. Aber welches Altertum ist dabei eigentlich gemeint? In: Süddeutsche Zeitung, 19./20. 4. 2008, S. 14.

    Das vergossene Kaffeeblut passt sehr schön zu der Passage in der ersten Spalte des Artikels, wo von den »urtümlichen Formationen der Gewalt« die Rede ist, die uns im Moment in Kino-, TV- und Roman-Produktionen so fasziniert.

    Wie auch immer. Während im Hintergrund das leise Kichern unseres maulwurfigen Wappentiers verhallte und die Zeitung in der Sonne trocknete, zerfetzten wir uns über diesen essayistischen Handkantenschlag, der definitivamente ein Top-10-Kandidat ist.

    Bisher wurde oft nur konstatiert, dass wir ja alle »kleine Möchtegern-Römer« (Andreas Kilb) sind. Warum das aber so ist, warum das seit hunderten von Jahren so ist, warum das gegenwärtig wieder so aktuell ist: All das beantwortet Schloemann in seinem Text, der von der S-Zeitung »gekürzt und bearbeitet« wiedergegeben wird.

    (Wo wir grad dabei sind: Gekürzte Versionen von Vorträgen, die auf irgendwelchen groß angelegten Philologen-, Historiker- oder Sonstwas-Kongressen gehalten worden sind, bilden einen wichtigen Aspekt des momentanen Feuilletons.

    Nicht immer sind diese Kurzfassungen intelligent gekürzt. Oft verursachen die Zusammenstreichungen einige Leerstellen und Ungereimtheiten oder Abschwächungen von Thesen. Doch bei dem redaktionell bearbeiteten Schloemann-Artikel merkt man davon nichts. Der hat Bestand auch ohne dass man die Langfassung kennt.)

    Warum also verherrlichen wir HBOs »Rome«, warum die alte BBC-Serie »I, Claudius«, warum die Comicverfilmung »300«? (Da wir mit San Andreas einen Fundamentalkritiker dieses »Scheißfilms« an Bord haben, muss ich darauf hinweisen, dass man diesen Film auch anders sehen kann, nicht aber die beiden erstgenannten Serien.)

    Die Antwort gibt Schloemann mit einer ganzen Reihe von Thesenbruchstücken inkl. schlüssiger Beispiele. Die vor ein paar Tagen in der Rhône bei Arles gefundene marmorne Cäsar-Büste kannte Schloemann dabei noch gar nicht, aber sie eignet sich perfekt als weiteres Exempel seiner Thesen:

    »Wir laufen eifrig Nachrichten hinterher, die uns vermelden, dass irgendwo in den früheren Provinzen des Römischen Reiches ein neuer Marmorkopf (…) gefunden wurde. Das ist schön für jeden Archäologen, aber kurios daran ist, dass sich gleichzeitig die großartigsten Kunstwerke der Antike, die in den städtischen Sammlungen unserer Museen stehen, kaum jemand anschaut.

    (…) Die Entdeckung verschafft eine willkommene Entlastung von der Tradition. Denn im Moment des Auffindens von Unbekanntem nehmen der Entdecker und das Publikum eine Zeitlang dieselbe Stufe ein, sie verschmelzen. Die Distanz zwischen Kennerschaft und versäumter Bildung ist aufgehoben; der Experte und die Laien können gemeinsam staunen wie die Kinder; und das schlechte Gewissen, das wir alle wegen mangelnder Belesenheit haben, verfliegt.«

    Usw.

  • Die NYT, der NYRB, das TLS, der LRB

    Sapperlot noch mal, jetzt ist uns doch etwas durch die Lappen gegangen. Und zwar:

    Michael Hofmann: »Die Literaturkritik sitzt huckepack und sagt, wo’s lang geht«. Zwischen Ruhm, Spott und Bescheidenheit: Vier Charakterphysiognomien der angelsächsischen Literaturkritik. (Aus dem Engl. von Axel Monte.) In: Süddeutsche Zeitung, 22. 12. 2007, S. 16. (vgl. Perlentaucher, Original hier als PDF)

    Definitiv Top-10-Kaliber, jetzt eben apokryphe Schrift zu unserem Feuilleton-Reader für 2007.

    Der in der S-Zeitung ganzseitige Text basiert auf einem Vortrag, den Michael Hofmann im November auf der Tagung »LitCrit« gehalten hat. Eberhard Falcke von der »Zeit« empfand ihn damals als »erhebendes Intermezzo«. Es geht darin um die 4 Leitsterne der weltweiten Literaturkritik, hier 13 Stichpunkte:

    New York Times (NYT)

    Seinen ersten Auftrag für einen NYT-Artikel ereilt Hofmann als »unergründlicher Gandenerweis aus der Welt der Götter«.

    Zum Ansehen, zur Breitenwirkung der NYT: »Wer eine Besprechung in der NYT bekommt, und sei es ein Verriss, der hat es in gewisser Hinsicht geschafft.«

    Zur Rezeption: Auch eine nicht besonders negative Kritik kann einem den rezensierten Autor oder dessen Freunde auf den Hals hetzen, wenn sie in der NYT erscheint, Hofmann bringt als Beispiel seinen Review eines Bandes von Donald Justice (»Note 2 plus«).

    Die US-Verhältnisse sind also in Maßen vergleichbar mit dem Hörisch/Müller-Battle, ganz anders als in England, denn dort, »wo ich viel mehr und weitaus bissiger geschrieben habe, ist mir so etwas nie passiert, (…). Man reagiert dort nicht auf Rezensionen«.

    New York Review of Books (NYRB)

    Ein anglophiles Blatt: »wenn ich es in die Hände bekomme, mache ich mir den Spaß, nachzuzählen, wie viele Beiträge von Autoren von diesseits des Großen Teiches stammen, es sind immer um die fünfzig Prozent«.

    »Abgesehen von ihrer Ostküstenvorliebe für (fast) alles Britische bleibt die NYRB für mich durch Umständlichkeit und Pedanterie gekennzeichnet. Dort erscheinen die einzigen Rezensionen, die regelmäßig mit Fußnoten aufwarten.«

    Daher habe Hofmann auch nie für die geschrieben, denn ein abgeliefertes Manuskript kam mal mit einer Armada von Annotationen zurück, »ärgerlichen und einfältigen kleinen Fragen und Einwänden«: »Das Ding sah aus, als sei es tätowiert worden.«

    Times Literary Supplement (TLS)

    »Das TLS, das jede Woche vierzig bis fünfzig Seiten mit Rezensionen und Artikeln über Bücher füllen muss, ist für junge Autoren noch immer ein Geschenk des Himmels, auch wenn das Meiste heutzutage von Professoren verfasst wird«.

    »Es ist meines Wissens die einzige englischsprachige Zeitschrift, die alle paar Monate ein oder zwei Seiten für Originaltexte in anderen europäischen Sprachen, zumindest den größeren, reserviert: Französisch, Deutsch, Spanisch, Italienisch.«

    London Review of Books (LRB)

    Sei im Gegensatz zur NYRB weniger umfangreich bei sowieso kürzeren Artikeln und »weniger aufgeblasen« als diese.

    »Unter den Genannten ist es die einzige Zeitschrift, von der ich mir tatsächlich vorstellen kann, sie von vorne bis hinten durchzulesen; von der ich sagen kann, dass jede Ausgabe mit etwas Lesenswertem aufwartet, mit Beiträgen, an die man sich noch Jahre später erinnert«.

    »Wenn ich mich beim TLS zu Hause gefühlt habe, dann hege ich für die LRB patriotische Gefühle. Sie ist eine kleine literarische Republik.«

    Zum Stil: Die LRB liefere »einen Text, der Wissen voraussetzt, aber auch Nichtwissen respektiert; der gleichermaßen Leser, Nicht-Leser und (…) Autoren anspricht, der zugleich unterhält (immer wichtig in England!) und bildet«.

  • Die FAS vom 20. 4. 2008: »Der beste deutsche Feuilletonist …«

    Der ca. 65-Jährige, der mir heute mittag im Tonollo in der Weender Straße die FA-Sonntagszeitung verkaufte, diskutierte gerade sichtbar beschwingt mit einer Kollegin den Wirtschaftsteil. Darin geht es um Leute im rentenfähigen Alter, die aber einfach immer weiter arbeiten. »Mit 65 Jahren fängt die produktive Phase doch erst an«, heißt es auf S. 42, und das deckt sich ja mit den 6 schönen Kurzvideos über den »Antiquar Wengerzink«, die kürzlich auf der Website der S-Zeitung veröffentlicht wurden.

    Überhaupt der Wirtschaftsteil: super! Der Aufmacher über die superprovinzielle, aber eben supersolide doitsche Old Economy. Allein dieses eine Unternehmen da, »EBM Papst«, Weltmarktführer beim Bau von Ventilatoren, was für eine Story. Mit dieser Erwähnung geht der Artikel los, am Ende wird aber keine dahingehende Pointe geliefert, wie man das eigentlich bei so einem speziellen Einstieg erwartet.

    Auf der letzten Seite des Ressorts (S. 48) dann dankenswerterweise ein Jerry-Yang-Porträt von Roland Lindner. Kommende Woche wird es ja ernst für Yahoo (Di: Quartalszahlen, Sa: Microsofts Übernahme-Ultimatum läuft ab), da ist es sehr gut, noch mal schnell die ganze Firmenstory serviert zu bekommen, »Previously on Yahoo« sozusagen.

    Das Feuilleton startet auf S. 25 mit einer exzellenten Architekturkritik von Niklas Maak. Im Fadenkreuz: die neue amerikanische Botschaft in Berlin (verantwortlich: das kalifornische Büros Moore Ruble Yudell). Es ließen sich hier zig Formulierungen anführen, die meinen eigenen Verrisswortschatz beträchtlich erweitert haben. Nur ein Beispiel:

    »Die Fenster der amerikanischen Botschaft (…) wirken, als hätte sie ein pleitegegangener Bungalowbesitzer in einem Baumarkt bei Fargo gekauft, um seine Behausung für den Winter dicht zu kriegen.«

    Maaks Kritik der »industriell gefertigten Wegwerfästhetik« in diesem speziellen Fall wird aber zum Aufmacher erst dadurch, dass er sie induktiv generell auf die US-Architektur und US-Design der nuller Jahre bezieht: »Außer Apple-Computern, Nike-Turnschuhen und iPods gibt es heute kaum noch optisch wegweisende amerikanische Industrieprodukte.«

    Hinsichtlich der Embassy legt Maak dann aber noch eine andere Arbeitshypothese als Interpretation nahe:

    »Wenn man den seltsamen Botschaftsbau positiv deuten will, könnte man sagen, Amerika bemüht sich vielleicht bewusst nicht, den Deutschen ein glanzvolleres Bild von sich vor Augen zu stellen, als es gerade hergibt.«

    Eine okaye Pointe, ein Aperçu fast, und ein alles in allem herrlicher Artikel. Und gleich weiter zum Peter-Richter-Text dieser Ausgabe. Er schreibt auf S. 28 über die Wanderschau »Fragen & Blumen« des schweizerischen Kunstproduktionsduos Fischli/Weiss, die inzwischen in den Hamburger Deichtorhallen angelangt ist. Der Tonfall gleich zu Beginn lässt einen herben Verriss vermuten, aber dann liegt die Sache doch ein wenig anders:

    »Fischli und Weiss sind offenbar die Künstler, auf die sich fast alle einigen können. Und man muss schon ein notorischer Nörgler sein, um ihre Arbeiten nicht zumindest ein bisschen zu mögen. (…) ›Fragen und Blumen‹ ist nichts weniger als die perfekte Ausstellung. Der Laie schmunzelt, und der Fachmann erlaubt sich im Katalog auch mal einen launigen Ton.«

    Reich-Ranicki beantwortet dann heute mal eine ungewohnt komplexe Frage zum Unterschied zwischen den Feuilletons von Joseph Roth und Friedrich Sieburg. Roth wird sehr passend als »Kauz mit Grandezza« beschrieben. Sieburg als – festhalten! – »bester deutscher Feuilletonist der frühen Nachkriegszeit«. Aber, so seine Vermutung für die years to come: »mit den Schriften Sieburgs werden sich nur noch die Literaturkritiker beschäftigen«, was aber so zumindest eben noch nicht stimmt.

    David Mamet hat vor einem Monat in der »Village Voice« diesen Artikel veröffentlicht: »Why I Am No Longer a ›Brain-Dead Liberal‹« – die FAS bringt ihn in einer eigentlich guten Übersetzung (S. 30), die aber »Liberal« zugespitzt mit »Linker« übersetzt. Wenn das jemand schon für anstößig hält, wird er inhaltlich erst recht über den Vergleich zwischen den Präsidenten Bush und Kennedy stolpern, der auf ein paar unerwartete Gemeinsamkeiten hinweist.

    Volker Weidermann hat ein hervorragendes Porträt des Kafka-Liebhabers Klaus Wagenbach geschrieben, S. 31. Super Anekdoten, etwa diese:

    »Wie schwer war das Forschen damals, als Kafka eine Unperson in der sozialistischen Tschechoslowakei gewesen ist. ›Ich habe gesagt, dass ich über Kisch forsche‹, sagt Wagenbach jetzt, ›das war ideal, denn Kisch war Kommunist, und da sein Name auch mit ›K‹ beginnt, konnte ich in den Archiven in aller Ruhe recherchieren.‹«

    Und Gastautor Sylvain Bourmeau liefert einen Artikel zur Zeitungskrise in Frankreich. Hier kurz die Liste mit den 7 überregionalen Tageszeitungen des Landes:

    – Le Figaro
    – Le Monde
    – Aujourd’hui en France (Le Parisien)
    – Libération
    – La Croix
    – L’Humanité
    – France Soir

    Sieht also nicht gut aus für den Bestand und die Unabhängigkeit dieser Blätter. Am Ende macht der Autor noch ausführlich Werbung für das Netzzeitungsprojekt »Médiapart«, bei dem er den Kulturteil leitet. Leider ist das Ganze eine Bezahlsache, und im Moment gibt es seinen Angaben zufolge erst 7.000 Leser, die monatlich 9 Euro rüberschießen.

    Schnell noch zum Aufmacher des Gesellschaftsteils: »Zu Besuch in Hillaryland« (S. 59), von Sascha Lehnartz. Eine gute Reportage über die Kleinstadt Scranton, PA, und die Wähler der Clinton (»meist nicht mehr ganz junge Frauen in bequemen Schuhen«, hehe).

    Dass genau diese typische Eastcoast/Middleclass-Kleinstadt relativ berühmt ist, wird aber vergessen zu erwähnen. Denn die erfolgreiche NBC-Mockumentary »The Office« spielt dort. Sie war ursprünglich als Kopie des BBC-Originals gestartet, hat aber mit ihrem herrlich überzogenen Büroboss Michael Scott im Mittelpunkt inzwischen zu einem Manierismus ganz eigener Art gefunden.

    Usw.

  • Jochen Hörisch / Burkhard Müller: Schon wieder Neues vom 1. FC Feuilleton

    Die Halbwelt tritt ins Licht. Hatte man denken können, wenn man so den Schlagabtausch beobachtete, den sich der SZ-Rezensent Burkhard Müller und der Lit.wiss.ler Jochen Hörisch letzte Woche beim Perlentaucher geliefert haben. Jetzt kommen sie aus ihren Genres herausgekrochen, die Bücherveröffentlicher, die Rezensenten.

    Kaum hatte Marcuccio an dieser Stelle über den 1. FC Feuilleton geschrieben, lief das Team also wieder auf und sorgte für ein unterhaltsames, spannendes Spiel. Die Fußballmetapher benutzt auch Malte Dahlgrün vom »Dummy«-Blog in seiner äußerst treffenden Nachlese zum Schlagabtausch, bei der er uns auch einige herrlich feierbare Formulierungen schenkt, bitte unbedingt lesen: »Actionkino im Meta-Feuilleton«.

    Im Institut war die Zeit zwischen dem 6. und 14. April ein stetiges Warten auf den nächsten Beitrag. Es kam zu jauchzenden Jubelrufen am Kaffeeautomaten, wenn jemand durch die Gänge brüllte: »Replik Hörisch!«, »Müller hat nachgeliefert!«

    Der Perlentaucher hatte das genau richtige Gespür, als er Hörischs offene Mail publizierte. Dass die beiden Sparringspartner am Ende der Debatte die neuen Möglichkeiten des sogenannten »Internets« hervorhoben, klang dann auch nur deshalb so altbacken, weil eine Institution, wie es die Zeitschrift »Der Antikriticus« im 18. Jahrhundert war, längst überfällig ist.

    Allzu innovativ war das Online-Scharmützel allerdings nicht. Ich erinnere an das ebenso herrliche Hin und Her zwischen dem Romancier Raoul Schrott und seinem Kritiker Wendelin Schmidt-Dengler vor ein paar Jahren:

    Schmidt-Dengler hatte am 11. 10. 2003 in der österreichischen »Presse« Schrotts Roman »Tristan da Cunha« verrissen. Einige Wochen später erschien dann, ähnlich wie im Fall Hörisch/Müller ein Verriss des Verrisses durch den verrissenen Autor. Auch damals reagierte der auf diese Weise kritisierte Kritiker.

    Der gesamte Schlagabtausch war mal hier auf der Website der »Volltext« dokumentiert. Der Online-Auftritt der immer noch besten deutschsprachigen Literaturzeitschrift ist allerdings mittlerweile leider irgendwie eingeschlafen.

    Usw.

  • Nachträglich zum Achtzigsten: Die Klaus-Heinrich-Charts

    Am 23. September 2007 wurde Klaus Heinrich 80 Jahre alt. Also der Mensch, der das aus dem Blick geratene Altertum so vergegenwärtigt, dass die Philosophie des 20. Jahrhunderts daneben zuweilen alt aussieht (Stichworte: Heidegger, Strukturalismus).

    Seine Dahlemer Vorlesungen waren eine derartige class of their own, dass die gesammelten Vorlesungsmitschriften eben auch »Dahlemer Vorlesungen« heißen dürfen, selbst wenn Heinrich und die Herausgeber der Reihe anfangs Zweifel hatten, ob dieser Titel nicht zu sehr nach Provinz klinge (›nie aus Dahlem rausgekommen‹ oder so, was ja letztlich auch stimmt, Henning Ritter nennt es schönerweise »intellektuelle Sesshaftigkeit«).

    Alle überregionalen Feuilletons, die etwas auf sich halten (also alle außer »FR« und »Welt«, hehe), haben Klaus Heinrich mit einem Gratulationsartikel Respekt gezollt. Alle 4 Beiträge sind sehr gut, und deshalb werden sie hier zwar gerankt, aber wie (sagen wir mal:) Koransuren der Länge nach angeordnet, nicht unbedingt nach inhaltlichen Kriterien:

    1. FAZ (Henning Ritter)
    2. TAZ (Cord Riechelmann)
    3. ZEIT (Klaus Hartung)
    4. SZ (Thomas Meyer)

    Jeder der Artikel ist mehr oder weniger zweiteilig. Erstens wird der Konnex zwischen Heinrichs Biografie und der Geschichte der Freien Universität in Berlin-Dahlem hervorgehoben; zweitens werden Heinrichs Forschungen zum »Verdrängten der Philosophie« beschrieben, einschließlich der Erwähnung des »eigentlichen Hauptwerks«, den nach studentischen Mitschriften und Tonbandaufnahmen edierten, bei Stroemfeld erscheinenden »Dahlemer Vorlesungen«, die auf ca. 40 Bände angelegt sind.

    1. FAZ

    Henning Ritter: Die lange Lehre zum kurzen Protest. In: FAZ, 22. 9. 2007, S. Z1-Z2.

    Den meisten Platz räumt dem Jubilar die F-Zeitung ein, der Aufmacher der Beilage »Bilder und Zeiten« belegt ganze zwei großformatige Seiten! Auch das Foto auf der zweiten Artikelseite ist hervorragend: Klaus Heinrich vor einem Bücherregal, im Hintergrund schimmert u. a. das »Lexikon der alten Welt« heraus, das er in seiner Vorlesung »arbeiten mit ödipus« der Benutzung nur mit Vorsicht anempfiehlt. Es steht dann also trotzdem in Griffnähe bei ihm im Regal wie ein Beispiel seiner intellektuellen Redlichkeit, sehr gut.

    Im Text selber holt Henning Ritter ganz weit aus und beginnt mit Walter Benjamin, mit der Benjamin-Rezeption der frühen 60er-Jahre, »noch bevor die Schlachten um den Marxisten Benjamin entbrannten, von dem man [damals] noch nichts wusste«. Außerdem werden sehr plastisch die Stellungskämpfe um den sozialwissenschaftlich ausgerichteten »Fachbereich 11« rekapituliert, in die neben Heinrich vor allem Peter Szondi und Jacob Taubes verwickelt waren.

    Ritter beschreibt auch am ausführlichsten die Faszination der vorwiegenden Mündlichkeit der Lehre: Heinrich hielt seine Vorlesungen stets ohne Stichwortzettel oder Manuskript und betrieb trotzdem »detaillierte Exegesen zu griechischen Mythen, zu frühneuzeitlicher Wissenschaft, zu Kantischer oder Hegelscher Philosophie oder zu Heidegger«.

    2. TAZ

    Cord Riechelmann: Die Chance des Verschwindens. In: die tageszeitung, 22./23. 9. 2007, S. 20.

    Auch die »taz« ist großzügig und spendiert eine ganze Seite ihres Feuilletons. Cord Riechelmann legt den Schwerpunkt auf Heinrichs Apotheose einer unabhängigen Universität. Sein gleichzeitiges Schulterzucken ob der Tatsache, dass auch die Universität inzwischen von ökonomischem Denken durchwirkt ist, hat damit zu tun, dass diese Institution für Heinrich auch nur episodischen Charakter hat als Ort einer (von ökonomischen Zwängen freien) unabhängigen Wissenschaft.

    3. DIE ZEIT

    Klaus Hartung: Denken, sprechen, anklagen, besser machen. In: Die Zeit, 20. 9. 2007, S. 56.

    Der »Zeit«-Artikel legt den Schwerpunkt ein wenig auf das Verhältnis von Heinrichs Habilitationsschrift »Versuch über die Schwierigkeit nein zu sagen« (1964) und den Studentenprotesten, die ja bekanntlich in die Gewalt mündeten. Wobei es Heinrich eben auch immer wieder darum gegangen sei, die »Blutseite philosophischer Abstraktionen« aufzudecken. Auch Klaus Hartung beschreibt lebendig die Vorlesungsatmosphäre und darüber hinaus das Phänomen, dass Heinrich bei der Wirkmacht seiner Gedanken doch so »verfügbar entzogen« sei, so »präsent verborgen«.

    4. SZ

    Thomas Meyer: Der ewige Wissenstrieb. In: SZ, 22./23. 9. 2007, S. 14.

    Trotz der Knappheit seines Artikels gelingt es Thomas Meyer, die Eigentümlichkeit von Heinrichs Denkstil zu umreißen und die wilden Jahre an der FU zu evozieren. Sogar seine spätere Rivalität zu Taubes kriegt einen Satz ab: »Dass dies [Heinrichs Forschungen] etwa beim philosophierenden Kollegen Jacob Taubes, der in allem das Gegenteil von Heinrich war, wütende Ausfälle provozierte, gehört zur Geschichte der produktiven Jahre der Freien Universität.« Auch Meyers Text ist wie die anderen Text da am stärksten, wo er Heinrichs Lehrumgebung, die FU, anekdotisch wieder aufleben lässt.