Kategorie: Kunstkunst

  • Mit Fritz J. Raddatz in der Kunsthalle Emden: »In gewisser Weise hängt da der Stern«

    Schade eigentlich, dass es den Henri-Nannen-Kunstexpress nicht mehr gibt. So verschlug es uns mit dem ganz privaten Navi nach Norden, und von Norden nach Emden. Hier, und dieser Gag fehlt wirklich nirgends, befindet sich die Kunst exakt »Hinter dem Rah­men 13«.

    Eine Gruppe aus Groningen steht im Foyer, mit einer Reiseleitung Marke Sylvie van der Vaart, da schließen wir uns doch glatt an:

    »In 1986 liet Henri Nannen, oprichter van het beroemde weekblad Stern, in zijn geboorteplaats Emden een museum bouwen voor zijn verzameling twintigste-eeuwse kunst. Zijn passie voor het verza­melen van kunst heeft tot een omvangrijke collectie met een geheel eigen karakter geleid. Nannens verzameling en tentoon­stellingen trekken kunstliefhebbers uit binnen- en buitenland naar de Kunsthalle in Emden.«

    Leider scheint Sylvie van Emden dann doch nur die Website der Kunsthalle auf Niederländisch auswendig gelernt zu haben. Nicht ohne unsere blauen Franz-Marc-Pferdchen, die Eintrittskarte, hochzuzeigen, galoppieren wir noch mal geschwind raus und holen unseren eigenen Führer aus dem Spind: Fritz J. Raddatz! Der hat mit seinem Buch »Unruhestifter« so eine Art inoffiziellen Rundgang zur Kunsthalle Emden verfasst, drei herrlich böse Seiten (S. 173 ff.) über den Kunstsammler Henri Nannen.

    »Nannen führte mich zwar durch das Museum, aber erzählte ausschließlich, wie günstig er dieses Bild und wie teuer er jenes erworben habe, bei wem, durch wen und wie teuer es jetzt sei, … dass das Museum 6,5 und alles zusammen 13,8 Millionen gekostet habe. Dreizehnkommaacht war ohnehin jedes dreizehnkommaachte Wort, warum sagt er nicht dreizehn oder vierzehn?«

    Raddatz, genervt, notiert »zumeist zweite und dritte Qualität, kaum ein Spitzenbild und: nur diese deutsche Kunst, der ewige Nolde, der ewige Barlach, dazwischen diese Modersohns und noch Namen­loseren – Altmeppen und Scharl und wenn eine Beckmann-Quappi, dann eben doch nicht die Quappi.«

    Yeah, Kunstführer, die einem erzählen, was die Sammlung, die man gerade schaut, alles nicht zu bieten hat. Vielleicht überhaupt noch eine Marktlücke.

    Die Holländer, aber ohne Sylvie van Groningen, laufen uns wieder über den Weg. Wir schlagen uns seitwärts und landen direkt vor unserer gerahmten Eintrittskarte. Museen aller Ligen anhand ihrer Art von Eintrittskarten analysieren, das wäre doch noch mal ein echter Job für die Museumsphilatelie. Die hätte auch (interdiszi­plinärer Ansatz!) herauszufinden, warum es im Museumscafé, das wirklich »Henri’s« heißt, original Topfenstrudel gibt. Zum Nachtisch lesen wir den Rest vom Raddatz-Rundgang:

    »… kein Max Ernst oder Magritte oder Dalí, nicht mal Oelze – das Raffinierte in der Kunst liegt diesem Mann nicht. Er hat eben doch einen ›Musikdampfer‹ gesteuert, in gewisser Weise hängt da der STERN – auf den er allen Ernstes stolz ist … – noch einmal an den Wänden; es hat etwas Brüllendes.«

    Großer Brüller jetzt auch im Henri’s. Die Holländer (immer noch ohne Sylvie) sind in der Kantine angekommen. Ein Guus-Hiddink-Double macht obszöne Grimassen, keiner weiß warum.

  • Im Apsley House

    Wie von Paco anlässlich des »Lost«-Reviews schon angekündigt, waren wir am Sonntag im Apsley House. Wir erschienen 16 Uhr und wollten uns in einer Stunde schnell die Sammlung ansehen. Denn im Netz und auch auf einem Leaflet steht, dass die bis 17 Uhr aufhaben.

    Als wir ankamen, sahen wir einen wütenden Besuchswilligen, der sich mit einer Angestellten in den Haaren lag und voller Rhetorik fragte, wie es denn sein kann, dass die schon schließen, obwohl überall steht, dass das Museum bis fünf offen wäre. Neben ihm stand ein Gentleman um die 60, extrem akkurat gekleidet, Marineblazer, Einstecktuch, eine sehr schöne Krawatte, Oxfordakzent. Wir gesellten uns dazu, gaben vor, extra aus Deutschland angereist zu sein, während der aufgebrachte jüngere Herr und der Gentleman die Dame vom Apsley House in der Mangel hatten. Es war eine fast klassische Good Cop, Bad Cop-Konstellation.

    Der Beschwerdeführer wurde immer schärfer, »your apology is not worth a penny to me, where is the director, put him on the phone at once« usw. Und der Gentleman, »why don’t you let us have a quick look for half an hour, everybody is gone, give us one of your staff, we are only interested in the pictures«. Das ging eine Weile so, und dann hat uns die arme Managerin eine 15-Minuten-Tour angeboten, sozusagen eine Speed Tour ganz in unserem Sinn (cf. Madrid, cf. Rom).

    Ein Museumswärter begleitete uns vier, wir sahen uns im Schnelldurchlauf die Bilder an, zwei Mal de Hooch übrigens, aber mir gefiel ähnlich wie in der Wallace Collection eigentlich der Nicolas Maes besser, abgesehen von anderen Genres, die haben dort – es ist ja das Wellington-Anwesen, und der First Duke focht in Spanien – ein paar spektakuläre Velázquez‘ und Riberas etc. und eines der besten (vielleicht das beste, wenn man von Arcimboldos Gemüseportrait absieht) Rudolf-II.-Portraits von Hans von Aachen, der in Köln geboren wurde und eigentlich Hans von Köln heißen müsste, egal, ein Kleinod am Rande und »Hauptsache, gut gemalt«, wie es Gerhard Richter neulich im Interview mit der SZ formulierte.

    Als wir rauskamen, es war jetzt 16:30 Uhr, fuhr ein Taxi mit drei Japanern vor, welche entsetzt feststellen mussten, dass das Haus schon geschlossen war. »They may never see this collection«, sagte der Gentleman beim Verabschieden.

  • »Travels with Vasari« (BBC4)

    Neulich gab es wieder so eine kunsthistorische BBC-Doku, diesmal ein 2-teiliges Vasari-Special von Andrew Graham-Dixon (»Travels with Vasari«, 26. 11./3. 12. 2008 auf BBC4). Es geht hier noch unterkomplexer zu als zum Beispiel bei Hughes‘ Caravaggio-Doku von 1975, aber das ist auch ganz genau gut zu.

    Vorderhand geht es natürlich um Vasari als Wegbereiter der Kunstgeschichte, als Autor der 1550 bzw. 1568 erschienenen »Vite«, aber auch ein wenig um den Maler und Architekten Vasari. Die Tour beginnt in Arezzo, wo Graham-Dixon zu einem Vasari-Selbstbildnis sagt: »Hey, Giorgio!« Der herrliche G.-D. ist so schön emotionally involved und begeistert, es ist eine wahre Freude. Für einen Kunsthistoriker spricht er ein ziemlich abenteuer­liches Italienisch, aber er nimmt’s mit einem lachenden Auge, spielt auf Understatement und ist mit dieser komischen Art von Begeisterung unterwegs.

    Und man sieht viel, er reist durch ganz Italy, ist überwiegend aber natürlich in Florenz, das er »a Renaissance New York« nennt. Zur Einschätzung von Vasaris künstlerischer Produktion nutzt er eine weitere fürs moderne Publikum gedachte Vergleichsziehung: »He could almost be described as a kind of Andy Warhol of his time because he was a pioneer of studio mass production employing a factory of apprentices to help him carry out his major commissions.«

    Am Ende des 1. Teils bekommen wir sogar einen Blick in den berühmten Vasari-Korridor geschenkt, in den man ja nicht so ohne Weiteres hineinkommt. G.-D. nun wird von einer »less than talkative lady called Rita« hingeführt und scherzt munter drauf los. Er bleibt vor einem wirklich ziemlich ungewöhn­lichen Selbstbildnis von Nicolas van Houbraken stehen: Der Maler schaut klein und verdruckst aus dem halbdunklen Zentrum eines übergroßen Blumenkranzes heraus. Und Graham-Dixon sieht sich das belustigt an und imitiert einen grabenden Maulwurf: »Hello, let me out, I’m a still-life painter!«

    Auch sonst bekommen wir ein paar seltene Einblicke. In der St. Giovanni Evangelista in Parma steht ein Gerüst für eine laufende Restaurierung, und da können wir auch noch schnell mit rauf. Und dann darf G.-D. auch noch allein in die Sixtinische Kapelle hinein, in der wir uns neulich zum Abschluss unserer Speed-Tour durch die Vatikanischen Museen schnell durch die üblichen Menschenmassen schlagen mussten, um in der Zeit zu bleiben.

  • Das anti-minimalistische Manifest

    Nach dreieinhalb Stunden de Chirico und ein bisschen Museums­kaffee spazieren Paco und ich gerade am Grand Palais vorbei und sprechen natürlich noch einmal über die kürzlich hier präsentierte und versteigerte Kunstsammlung von YSL. Paco kann es immer noch nicht fassen, dass der de Hooch nicht weggegangen ist, der sicher in restaurationsbedürftigem Zustand, aber eben ein subtiles Meisterwerk ist, also wie kann das sein, für nicht einmal 300.000 Euro.

    Ich selbst konnte mir das Spektakel in Paris nicht ansehen, aber ein kleiner Teil der Sammlung wurde einige Wochen vorher bei Christie’s in London gezeigt. Man widmete YSL einen großzügigen Raum während der Vorbesichtigung der Post-War & Contemporary Art Sales im Februar.

    Der YSL-Raum bildete eine kleine feine Insel inmitten der neuen und neueren Kunst und war für mich das eigentliche Highlight. Jedes Jahr im Februar spaziere ich hier zwischen hellgrün schimmernden Impressionisten, weichen Bleistiftzeichnungen von Klimt und Schiele auf bräunlichem Papier und dem kühlen Acryl zeitgenössischer Künstler umher, aber selten bin ich gerührt (wie unfair, gab es doch einen wundervollen Modigliani zu sehen und ein kleines dieser wie abgeschliffen wirkenden abstrakten Bilder von Gerhard Richter, hehe).

    Normalerweise werden hier bei Christie’s in diesem heute YSL gewidmeten Raum bei den Frühjahrs-Sales die Surrealisten ausgestellt. Vor ein paar Jahren wurde man wie durch einen kleinen dunklen Gang ins Innere geschleust. Durch ein kleines Loch konnte man schon mal in den Raum sehen, ein kleiner surrealistischer Vorgeschmack also.

    Dieses Mal nun YSL, und am meisten faszinierte das Gesamt­kunstwerk des Raumes, diese breite Mischung der Epochen und Stile. Gemälde von Frans Hals und Géricault, manieristische Bronzen nach Giambologna, vollgepfropfte Vitrinen, in denen neben Silberzeug auch diese schräge Parfumflasche »Belle haleine – Eau de voilette« von Duchamp stand, welche ganze 11+ Millionen Dollar einspielte, und in einer Ecke eine wunderschöne, hauchzarte Bleistiftzeichnung von Ingres.

    An der Stirnseite des Raumes hing ein riesiges tapetegewordenes Foto des Originalsetups vieler der Objekte. Mich erinnerte dieses Bild sofort an eines der neuen Highlights des Verlages Umberto Allemandi, einen Bildband, der ganz schnell zum Tophit unter den Coffee Table Books geworden ist oder zumindest werden sollte, »The Anti-Minimalist House«.

    Das Buch ist in Rubriken unterteilt und versammelt Fotos von Massimo Listri, ergänzt durch kurze Kommentare. Es ist nicht nur ein wunderschönes Buch in diesem typischen dezenten Mintgrün der Allemandi-Bildbände, es versammelt auch die besten Beispiele häuslicher Überfrachtung. Besonders empfehlenswert ist der Teil über die Bibliotheken, in dem zum Beispiel die Bibliothek des Ham House in London fotografiert wurde.

    Usw. usw.

    Etwas später scheint uns dann die Brasserie Flo als Ambiente recht geeignet, um hundert Jahre nach Marinetti endlich mal das anti-minimalistische Manifest nachzuliefern. Wir bestellen natürlich Côte de Bœuf, ein ganzes Kilo zartestes Fleisch aus der Rinderhoch­rippe, einen Cut, den es in unserem schönen Heimatland leider nicht gibt. Vergangenen November hatte ich im Les Halles in New York den gleichen Cut, vom amerikanischen Rind, aber ähnlich zuberei­tet, das wurde dort dann als American Beef French Style beworben.

    Heute dann einfach French Beef French Style, und nach einem Kilo Fleisch und Kartoffelgratin, denn mit dem serviert das Flo das Côte de Bœuf, fällt uns nichts mehr ein, gar nichts.

  • Der Schatten und die Kunstgeschichte: Giorgio de Chirico im Musée d’Art moderne

    Das absolut Hervorragende an der Ausstellung ist natürlich, dass man hier den ganzen de Chirico bekommt, sowohl den der metaphysischen als auch den der späteren vulgärklassizistischen Bilder. De Chirico hat sich in den 1920er Jahren langsam zur Tradition zurückgeübt, teils mit ziemlich gewollten Kopien von Renaissancegemälden, wofür ihn dann die Surrealisten ausgebuht haben. Eines seiner »Autoportraits nus« aus den 40ern erinnert übrigens sogar fast an einen diesbezüglichen Nachfolger de Chiricos, an den hervorragenden Kitschnorweger Odd Nerdrum.

    Peter Richter schrieb neulich in seinem Madrid-Artikel und anlässlich der dortigen »La Sombra«-Ausstellung darüber, »wie wenig sich die Kunsthistoriker mit dem Schatten auseinandersetzen mochten. Mit Studien zum Licht könnte man dagegen Bibliothek füllen.« (FAS, 22. 2. 2009, S. 24) De Chirico war einer der bestrebtesten Schattenmaler (auch in Madrid kommen sie nicht ohne ihn aus), und so ist die Pariser Ausstellung naturgemäß ebenfalls eine ziemliche Shadows-Ausstellung geworden, und de Chirico liefert das Hammerzitat gleich selber mit:

    »Sur la terre, il y a bien plus d’énigmes dans l’ombre d’un homme qui marche au soleil que dans toutes les religions passées, présentes et futures.«

    In! Your! Face! De Chiricos gesammelte Schatten finden sich vor allem auf den verschiedenen Varianten des »Place d’Italie«-Stoffes. Und ansonsten scheinen auch die gemalten Eierköpfe ein ganz eigenes Kontinuum zu bilden, und da kann man dann einen schönen Querverweis zu Brâncuşi ziehen, und der zugehörige Aufsatz würde dann eben »Eierköpfe in den Œuvres von …« heißen und in irgendeinem Sammelband erscheinen.

    Wir waren dreieinhalb Stunden im Musée d’Art moderne de la Ville de Paris, soweit der vollständige Name, gewesen. Draußen schien die Sonne sehr chiriquesque und erzeugte streng fixierte Schatten am Rive Droite. Wir saßen im Museumscafé und unterhielten uns über die am besten geschriebenen Bücher, die nur 100 Seiten haben, »Der Fürst«, »Lazarillo de Tormes«, »Candide«, »Ecce homo« und noch ein paar andere.

    Usw.

  • Mit Pierre Bourdieu in Algerien

    Oben Kaschmir, unten Sneakers: Die aparte Französin (gewiss keine Kolonialherrin) hat sich ein wenig in Rage geredet. Aus ihrer unverdächtigen Wortmeldung entwickelt sich gerade eine kleine (aber ob ihres Akzents doch noch gern gehörte) Suada: Warum der französische Kolonialismus in Afrika besser gewesen sei als der britische (ihr Sohn zur Zeit in Kenia) usw. usf.

    Doch so harsch wie Madame jetzt von einer Hiesigen auf gut alemannisch gestoppt wird: »Entschuldigung, wir sind nicht wegen IHREM Vortrag hier, wir würden gern weiter dem jungen Mann zuhören.« Der junge Mann, das sehen wir ihm an, sortiert gerade im Kopf, was aus dieser Szene zum Thema Habitus zu sortieren ist. Und wir halten fest:

    Pierre Bourdieus Algerien-Fotos in Konstanz – da begegnen sich sozusagen gleich zwei französische Ex-Besatzungszonen auf einmal.

    Images d’Algerie. Une affinité élective

    Bourdieus fotografische Feldforschung zeigt Zeugnisse der Entwurzelung: Was im alten Europa über Jahrhunderte, Generationen und Epochen Zeit hatte – im Algerien des Algerienkriegs geschieht es irgendwie alles gleichzeitig und gleichzeitig nicht. Zivilisatorischer Zeitraffer.

    Die Bilder (allesamt um 1960) dokumentieren aber auch den Blick eines Wissenschaftlers, der während seiner Algerien-Jahre als Soldat, später Dozent ein persönliches Re-Modeling durchmacht: vom Philosophen zum Ethnologen zum Soziologen. Mein Lieblingsobjekt der Fotoserie deshalb die Straßenecke in Blida. Bourdieu hat sich einfach mal neben das Café d’Orient gestellt und ein paar Stunden lang feine Unterschiede geknipst. Von »Totalverhüllung« über »oben Bettlaken, unten nackte Beine« bis »Kopftuch – was ist das?« alles dabei. Auch bei den Mannen: Vom in der Work-Life-Ballance des Westens sichtlich verlorenen Kabylen bis zum zukünftigen Vater eines Zinedine Zidane alles dabei.

    References:
    taz (Patrick Eiden)
    Auswahl der Bilder bei camera-austria.at [PDF]

  • Dissertationen von Feuilletonisten (Teil 1): Peter Richter über den Plattenbau

    Ich habe jetzt endlich mal die hochinteressante 2006er Dissertation des FAS-Schriftstellers Peter Richter zuende gelesen:

    »Der Plattenbau als Krisengebiet. Die architektonische und politische Transformation industriell errichteter Wohnge­bäude aus der DDR am Beispiel der Stadt Leinefelde«

    Es geht im weitesten Sinne um Kunstgeschichte, Richter nimmt sich mit dem DDR-Plattenbau und seiner Behandlung nach der Wieder­vereinigung ein Richter-typisches Thema vor. Vielleicht kam ihm im Zuge der medialen Berichterstattung über die preisgekrönte Umge­staltung von Leinefelde-Süd die Idee zu der Arbeit. Sie liest sich jedenfalls trotz Times New Roman mit 12 pt und 1,5er Zeilenab­stand gut weg.

    Die Arbeit liegt als PDF komplett auf dem Server der SUB, inkl. Abbildungen, aber man sollte sowieso lieber gleich selbst mal nach Leinefelde fahren, schon der Kritiker Kaye Geipel hatte 2001 über­schwänglich ausgerufen: »Architekten, kommt nach Leinefelde und seht euch diese Sanierung an.« Und außerdem liegt die Stadt direkt an der Kulturautobahn A38.

    Im allgemeinen Teil (zwei Drittel der Arbeit) beginnt Richter mit einer kleinen Kulturgeschichte des industriellen Wohnungsbaus, im speziellen des Plattenbaus in Deutschland seit den 1920er Jahren (Martin Wagner, Ernst May). Insofern macht die von ihm erwähnte Deutung der DDR-Plattenbauten als »Exzess der Moderne« (S. 7) auch Sinn.

    Nach kurzen Abschnitten über Entwicklungen im NS (Ernst Neuferts »Hausbaumaschine«) und der Bundesrepublik folgt ein genauer Abriss der Geschichte der Plattenbauweise in der DDR seit den 1950er Jahren, in der auch die zeitgenössischen Diskussionen (etwa die Monotonie-Debatte) mit abgebildet werden. Die DDR-Neubauten und ihre Anordnung zu Großsiedlungen sollte die Heranbildung der sozialistischen Gesellschaft forcieren und repräsentieren, und damit war es dann 1989 vorbei und die Stigmatisierung begann, die Richter mit sehr schönen Zitaten nachzeichnet (S. 62-74).

    Ebenso lesenswert ist das darauf folgende Kapitel über die nach 1990 einsetzenden, sich teils widersprechenden staatlichen Aufwertungsmaßnahmen. Viele Häuser sollten damals etwa im Schnellschussverfahren »durch esoterische Farbmanöver« (S. 189) individualisiert werden. Nach dem für einige vielleicht überraschen­den Kapitel »Plattenbau und Denkmalschutz« und dem Einbezug der Arbeit in die Diskussion um die »shrinking cities« bringt Richter einige Beispiele für die Auseinandersetzung der bildenden Kunst mit dem Thema Plattenbauten, etwa Erik Schmidts crossmediale Inszenierung seiner Berliner Plattenbauwohnung am Platz der Vereinten Nationen. Auch sehr gut ist der Hinweis auf das Plattenbau-Quartett von Cornelius Mangold.

    Im letzten Drittel widmet sich Richter dann dem Umbau von Leinefelde im nördlichen Thüringen. In der Stadt wurde ab 1961 eine große Baumwollspinnerei installiert, die dafür nachkommenden Arbeiter sollten in Plattenbauten untergebracht werden. So wurde südlich der Altstadt Neubau um Neubau hochgezogen, die Einwohnerzahl der Stadt wuchs bis zur Wende von ca. 2.500 auf über 16.500 an. 90 Prozent der Bevölkerung wohnte in Platten­bauten. Nach dem üblichen Hin und Her der Nachwendejahre lag 1995 ein städtebaulicher Rahmenplan vor. Zu seiner Umsetzung gab es im Jahr darauf einen Architekturwettbewerb, der nach Lösungs­vorschlägen für das Physikerquartier und das Dichterviertel verlangte. Am Ende wurden zwei Architekten ausgewählt: Stefan Forster fielen die Dichter zu, Muck Petzet die Physiker.

    Die erfolgreiche Umgestaltung von Leinefelde wurde nicht ohne Grund mit Preisen überhäuft, und so fallen Richters detailreiche Beschreibungen vor allem von Petzets Arbeit dann auch fast schwärmerisch aus. Dass Forster und Petzet äußerst gegensätz­liche Ansätze haben (Rückbezug auf die Gartenstadt bzw. auf die »sozialistischeren Traditionen der Moderne«), interpretiert Richter dann gegen Ende seiner Dissertation als Vorteil. Beide Archi­tekten haben einen Antagonismus geschaffen, »der den Stadt­umbau von Leinefelde als Möglichkeitsraum ausreizt und den Ort geradezu im Sinne einer Bauausstellung zur Modellstadt macht«.

    Soweit zum Inhalt, also absolute Empfehlung für ein paar Nachmittagsstunden.

  • Im Grand Palais

    Als »musée éphémère« wurde die Besichtigung im Grand Palais im Figaro bezeichnet. Das kann man noch etwas genauer formulieren: Sehr sehr sehr ephemer war dieses kurzlebige Museum. Nur für eine zweieinhalb Tage lange Besichtigung wurde die Sammlung YSL/Bergé aufgebaut. Im Moment und noch die folgenden Tage werden die Einzelstücke vor Ort versteigert.

    Fast das beste am Kurzmuseum ist der Opener, der im Zentrum zwischen den beiden Ausstellungsflügeln mit je 6 Salons steht: der etwas trotzig dreinblickende Marmor-Minotaurus. Wer sich für Werke und nicht für den Geschmack von Yves Saint Laurent interessiert (»Warum haben die beiden dieses Bild gekauft?«), ist ansonsten in 5 Minuten durch den Rest des Areals gerauscht.

    Es gibt ein paar römische Torsi, ein paar schöne Ingres-Zeichnungen, ein paar gemalte Géricault-Kinder (und überhaupt kein einziges Géricault-Pferd!), zerbrochene Instrumente von Gris und Picasso, einen wirklich schönen Januskopf aus dem Primaticcio-Umfeld, zweimal Klee von 1932, das relativ gut gemalte (hehe) »Bord de rivière« vom Zöllner (I’m going out on a limb here, aber es sieht aus wie ein Christian Schad ohne Menschen), viel von James Ensor (davon ein herausragendes Bild).

    Im Salon Augsbourg geht einem der Geschmack der Sammler zum ersten Mal richtig auf die Nerven, die Anhäufung von goldenen Tellern und Gefäßen wirkt wie eine besonders gelungene Kitsch-Installation von Jeff Koons.

    Doch gleich im nächsten Raum, dem Salon Frans Hals, das Highlight des Umblätterers: ein Pieter de Hooch. Und zwar die »Jeune femme nourrissant son perroquet«, taxiert auf 200-300.000 Euro, ein Schnäppchen für dieses Meisterwerk.

    Auch sehr interessant hinsichtlich unserer forthcoming Studie:

    Kuck, was kommt von draußen rein. – Die Öffnungs­grade von Türen und Fenstern auf den Gemälden von Pieter de Hooch. In:

    Denn auf dem Gemälde ist zwar das nur knapp zu sehende Fenster untypischerweise verschlossen, und es gibt auch keine von Menschen benutzbare Tür. Dafür aber steht die Tür des Käfigs sperrangelweit offen, nach Messungen vor dem Original (etwas erschwert wegen der runden Form des Käfigs) ungefähr genau 90°. Diese offene Tür zum Papageienreich ist eine ganz hervorragende thematische Sublimierung im Spätwerk von de Hooch.

    Mal sehen, wohin das Gemälde wegverkauft wird. Hoffentlich an ein schönes Museum mit schönem Museumscafé.

  • »Le Figaro« du 20 février 2009: Das futuristische Manifest / Der Verkauf des Jahrhunderts

    »Tu peux pas acheter le Figaro aujourd’hui ! Impossible !«, schrie mich Niwoabyl an. »Juste parce que ce scheiß Marinetti a pondu son scheiß paragraphe futuriste il y a 100 ans !«

    »Deux secondes, gars ! C’est toi qui t’es enquillé la BILD-Zeitung quand Horst Tappert a crevé.«

    Ainsi me suis-je rendu au Luxembourg tôt ce matin et me suis acheté le Fig. Die Marinetti-Artikel standen alle schon gestern drin, auf einer Doppelseite der »littéraire«-Beilage:

    Jacques de Saint-Victor: Que devons-nous au futurisme ?
    Maurizio Serra: Poésie et politique
    Jean Clair: Marinetti, le chauffard de l’art

    In der heutigen Ausgabe dann gar nichts Futuristisches, dafür der Werbe-Hinweis gleich auf Seite 1, rechts unten, dass es am Abend im Fernsehen ein Gespräch mit Pierre Bergé geben werde, dem Lebens- und Sammlungspartner von YSL, der »intime et authentique« über seine Kindheit usw., über seine 50 Jahre mit YSL und natürlich die Gründe für den Verkauf der Sammlung sprechen will, den »vente du siècle«, wie es dann hinten im, na ja, Feuilleton-Teil »Le Figaro et vous.« heißt. Dort ist auch ein gezeichneter und teilkolorierter Übersichtsplan (PDF) zu finden, der auf die morgen beginnende Christie’s-Präsentation im Grand Palais vorbereitet.

    Futuristen haben YSL und Bergé ja nicht so extrem gesammelt (hehe), aber die Gründe für den Verkauf interessieren mich sehr, schließlich hätte man damit ein schönes neues Musée Yves Saint Laurent komplett bestücken können, endlich mal eines, in dem es alles durcheinander gibt, von Polsterbänken mit Leopardenfell über Picassos bis hin zu, sagen wir mal, wertvollen güldenen Strumpf­haltern. Auch ein Pieter de Hooch ist mit dabei, und das alles wird jetzt in alle Winde verstreut.

    Morgen mehr.

  • Im Halbschlaf

    London Symphony Orchestra, »Death and Transfiguration« von Richard Strauss, dirigiert von dem schweren und etwas bärigen Leif Segerstam, der mit seinem langen weißen Bart an die vielen Darwin-Poster erinnert, welche im Darwin-Jahr die Stadt schmücken.

    Strauss schrieb dieses über den Tod sinnierende Stück in jungen Jahren, doch als er dann im hohen Alter von 85 im Sterben lag, sagte er zu seiner Schwiegertochter, dass sich der nun kommende Tod genauso anfühle, wie er ihn damals in »Tod und Verklärung« beschrieben hatte.

    Das erinnert mich an die Prequiems von David Woodard, die den jeweiligen Sterbenden angemessen hinüber auf die andere Seite begleiten sollen. Wie man in einem Interview mit ihm lesen kann, entwirft er dazu auch fantastisch-gesamtkonzeptige Aufführungs­visionen.

    Irgendwie könnte man Strauss‘ »Tod und Verklärung« als eine Art unbewusst geschriebenes persönliches Prequiem verstehen, auch wenn es im Vergleich zu Woodards Ideen sicher deutlich weniger malerisch daherkommt, und sicher ist das auch ein bisschen sehr weit hergeholt.

    Jedenfalls fängt der Abend mahlerisch, hehe, an, mit dem Adagio aus Mahlers unvollendeter 10. Sinfonie. Ganze 9 hat er vollendet, und das liegt ja zumindest quantitativ im guten komponistischen Mittelfeld, aber an so was denke ich natürlich nicht. Erst als ich im Programmheft lese, dass Leif Segerstam ganze 215(!) Sinfonien komponierte, denke ich daran und ich frage mich, ob jemals alle wenigstens einmal irgend­wann gespielt werden oder gar schon wurden?

    Und als ich mir Segerstam noch mal ansehe und an diese ungewöhnlich hohe Sinfonienanzahl denke, fällt mir meine morgendliche Lektüre beim Schweinsohr im Lisboa ein, »The Picture in the House« von HPL. Ein Mann betritt irgendwo in der Einsamkeit, bei einer Radtour, ein einsames Haus, welches ungeheuerlich altmodisch eingerichtet ist, wie aus einer anderen Zeit, aber sehr bescheiden:

    »Most of the houses in this region I had found rich in relics of the past, but here the antiquity was curiously complete; for in all the room I could not discover a single article of definitely post revolutionary date. Had the furnishings been less humble, the place would have been a collector’s paradise.«

    Im Regal entdeckt er dann aber ein paar recht antiquarisch-wertvolle Bücher, die nicht so recht zum Rest des Hauses passen wollen. Um hier nicht in die Tiefe zu gehen, schlussendlich hat das Haus doch noch einen Besitzer, der dann auch noch, wie man über Winkelzüge und Andeutungen erfährt, sein Leben sehr stark durch den Konsum von Menschenfleisch verlängern konnte, wie schaurig.

    Jedenfalls sehe ich Segerstam nun in anderem Licht. Wenn er auch über 200 Jahre alt wäre, dann wäre die Zahl seiner Sinfonien schon weniger beeindruckend, ich denke daran, weil er physisch an den Alten in der HPL-Story erinnert, aber ich verwerfe diesen Gedanken schnell, denn die Konsequenz wäre ja selbst als Vermutung viel zu grausig, zumal Leif Segerstam ungeheuer gütlich und gemütlich erscheint, besonders, wenn er beim Applaus seine Arme ganz weit aufblättert, ganz so wie der vitruvianische Mann von Leonardo.

    Aber diese Gedanken habe ich auch, weil ich mich gerade in einer Art leichten Müdigkeitsdeliriums befinde, in so einem halbwachen Zustand, in welchem sich Traum und Wirklichkeit fließend annähern. Und es geht weiter, im Anschluss an Mahlers Adagio gibt es nämlich noch vier Lieder von Strauss (Four Last Songs), gesungen von Christine Brewer.

    Sie trägt einen kupferfarbenen Mantel mit dunklen Zeichen darauf und ist eine sehr voluminöse Erscheinung mit recht großer blonder Frisur und in meinen zufallenden Augen ähnelt sie plötzlich dem babylonischen König Belshazzar, so wie ihn Rembrandt in einem seiner berühmtesten Gemälde darstellte. Das kommt mir wohl in den Sinn, weil ich am Morgen in der Babylon-Ausstellung im British Museum war.

    Dort widmet man eine ganze Ecke dieser Geschichte und dort wird, wenn auch nur in Form einer Farbfotografie, auf das Rembrandt-Bild verwiesen. Belshazzar im güldenen Mantel, erschrocken auf die Zeichen an der Wand (»The writing is on the wall!«) deutend.

    Daneben hängt dann, im Original und in all seiner Pracht, John Martins »Belshazzar’s Feast«, auch hier is the writing on the wall, wenn auch weiter weg, am Ende des Prachtsaals. Und ganz im Hintergrund, im Dunkel, der Turm zu Babel, im kegelförmigen Bruegel-Style.

    Brian Sewell ist von Martins Arbeit in Öl nicht so besonders angetan, er nennt das Werk in seinem Babylon-Review eine »crude and ugly illustration«, aber dem muss man ja nicht folgen. Ich versuche jedenfalls meine crude and ugly Halbschlaf­assoziationen loszuwerden, auch wenn das nur durch einen kurzen Moment des Schlafs gelingt. Im zweiten Teil, nach der Pause, bin ich endlich wieder fit für »Death and Transfiguration«, meiner Hauptmotivation für den heutigen Besuch.