Kategorie: Kunstkunst

  • Gaston Gallimard et la « traumdenfung »

    deutsch

    (Zur deutschen Version dieses Berichts …)

    Ce dimanche, nous sommes allés tôt le matin au Louvre. Nous nous rendions à l’exposition Messerschmidt, non point pour y contempler des débris d’avions à réaction, mais les « têtes de caractère » du célèbre sculpteur bavarois. On pourrait dire de cette petite cinquantaine de bustes qu’elle fut luxueusement sculptée dans toutes les règles de l’art, si les visages y étaient idéalisés ; mais ceux-ci s’y présentent comme défigurés par les grimaces les plus aberrantes.

    Sur les raisons qui poussèrent Franz Xaver Messerschmidt (1736–1783) à commettre cet acte unique dans les annales de la sculpture courent d’aventureuses théories, et ce n’est qu’après la mort de l’artiste que les bustes reçurent leurs bien arbitraires désignations. Aux rangs de celles-ci « l’homme constipé », « l’homme qui pleure comme un enfant » ou encore « le bassoniste incapable » sont sans doute les plus belles et les plus surprenantes.

    Une bonne demi-heure plus tard, nous étions de retour dans le métro, en route pour la Bibliothèque Nationale où, ainsi que nous l’avions appris quelques jours auparavant par la Gazette de Francfort, se tenait une exposition en l’honneur de la maison Gallimard. Y étaient présentés entre autres choses : ouvert dans une vitrine, le manuscrit original des « Bienveillantes » de Jonathan Littell, porteur d’annotation d’une impeccable propreté ; et, accrochée sur l’une des cloisons, la lettre écrite le 11 juillet 1921 à Sigmund Freud par Gaston Gallimard, dans laquelle il le prie de bien vouloir donner son accord à la publication française de la « TRAUMDENFUNG » (« celui de vos ouvrages que vous estimez le plus important, n’est-ce pas »).

    Ce titre fautif reçut trente ans plus tard sa juste récompense, dans la lettre de William Faulkner à Gaston Gallimard du 14 juin 1951. Le romancier américain y a comme une prescience du style bien particulier de Google Traduction : « Mon excuse [à l’envoi tardif de cette lettre] c’est seulment que j’etais engage completer un roman lequel sera digne, on espois sincerement, de la generosite de votre pardon. » (Rendue en allemand, cette phrase pourrait sonner à peu près ainsi : « Meine Entschuldigung ist bloss dass ich beschaftigt war einen Roman vervollstandigen welcher, man hofft aufrichtig, sich als wurdig erweisen wird der Grosszugigkeit ihres Verzeihens. »)

    Ce ton joyeux et bon-enfant est celui de toute l’exposition, qui n’est pas bien grande ; on peut la traverser vite et sans effort, comme déjà Messerschmidt au Louvre. Puis nous sommes partis à la gare Saint-Lazare acheter la Sonntagszeitung, et ensuite au café Rosa Bonheur des Buttes-Chaumont, où nous avions rendez-vous. Et « en fait, c’est tout », comme l’écrivait Daniil Harms.
     

  • Die Traumdenfung

    französisch

    (Version française de ce récit …)

    Am frühen Sonntagnachmittag gingen wir in die Messerschmidt-Ausstellung im Louvre. Nein, dort werden keine Wrackteile von verrotteten Strahlflugzeugen ausgestellt, sondern die »Charakter­köpfe« des Franz Xaver Messerschmidt. Das sind ein paar Dutzend Büsten, hochherrlich nach allen Regeln der Kunst gestaltet, aber eben nicht mit idealisierten Gesichtszügen, sondern mit den absonderlich­sten Grimassierungen versehen.

    Warum Messerschmidt (1736–1783) diese kunstgeschichtliche Einzel­tat begangen hat, darüber gibt es die abenteuerlichsten Theorien. Erst nach seinem Tod wurden die Büsten recht willkürlich mit Titeln ver­sehen, und neben »Ein mit Verstopfung Behafteter« sind wohl »Der kindisch Weinende« und »Der unfähige Fagottist« die schönsten und ausgedachtesten.

    Nach einer guten halben Stunde waren wir wieder in der Métro und auf dem Weg Richtung Bibliothèque Nationale, zur Gallimard-Ausstellung, von der wir vor ein paar Tagen aus der FAZ erfahren hatten. Dort liegt zum Beispiel das vorbildlich korrigierte Manuskript von Littells »Wohl­gesinnten« aufgeschlagen in einer Vitrine, und es ist ein Brief zu sehen, den Gaston Gallimard am 11. Juli 1921 an Sigmund Freud geschrieben hat und in dem er darum bittet, die »TRAUMDENFUNG« eventuell publizieren zu dürfen (»celui de vos ouvrages que vous estimez le plus important, n’est-ce pas«).

    Die sozusagen gerechte Strafe für diese Falschschreibung folgt gut 30 Jahre später in einem Brief von William Faulkner an Gallimard, 14. Juni 1951, der schon damals klingt wie mit Google Translate übersetzt: »Mon excuse [für das lange Ausbleiben des Briefs] c’est seulment que j’etais engage completer un roman lequel sera digne, on espois sincerement, de la generosite de votre pardon.« (Auf Deutsch würde das vielleicht so klingen: »Meine Entschuldigung ist bloss, dass ich beschaftigt war einen Roman vervollstandigen, welcher, man hofft aufrichtig, sich als wurdig erweisen wird der Grosszugigkeit ihres Verzeihens.«)

    Und so herzallerliebst liest sich fast die gesamte Ausstellung weg, sie ist auch nicht allzu umfangreich, also gut und unangestrengt mitzuneh­men wie vorher der Messerschmidt im Louvre. Danach kauften wir noch irgendwo die FAS und trafen ein paar Leute im schönen »Rosa Bon­heur« im Parc des Buttes Chaumont. Und »das ist eigentlich alles«, wie es bei Daniil Charms heißt.

    Soweit also mal wieder eine informelle sonntägliche Berichterstattung des k.u.k. Magazins Der Umblätterer (d. i. Kunst und Kultur).
     

  • Die Blinky-Palermo-Ausstellung in Münster

    »Coffee, Coffee muss ich haben«, heißt es ja in Bachs Kaffeekantate, und so sitze ich nach dem Essen mit ein paar Leuten von der Research Unit 3 im »fyal«. Es geht immer noch um dieselben Dinge wie vorhin am Tagungsvormittag, ich höre nur halb hin, und dann klingelt mein Handy. Ich entschuldige mich nach draußen, aber das Telefonat ist dann eigentlich auch gleich beendet.

    Ich bin beim Sprechen ein bisschen Richtung Dom gelaufen und schaue jetzt nach links. Da wird am Landesmuseum für die Blinky-Palermo-Ausstellung geworben. Ach ja, genau, ich hab darüber mindestens drei Teasertexte gelesen (ZEIT/dpa, SP*N, …), aber leider heute wegen der Tagung keine Zeit. Wobei. Ich hole mir einfach mal ein Ticket und gehe die Treppe hoch ins 2. Obergeschoss.

    Palermo ist ja ein ziemlicher White-Cube-Fetischist gewesen, auch die acht Ausstellungsräume hier wirken schön leer und übersichtlich. Über der Eingangstür von Raum 1 prangt gleich diese berühmte, berüch­tigte, bezirzende Ad-hoc-Wandmalerei, das leuchtende »Blaue Drei­eck« von 1969, das hier von einem Mitarbeiter des Landesmuseums hingemalt wurde, unter Benutzung der von Palermo angefertigten Schablone.

    SVG-Nachbildung des Blauen Dreiecks, aus dem Gedächtnis

    Schon von Palermos rahmenlosen Bildobjekten wird ja generell be­hauptet, dass sie durch ihre Rahmenlosigkeit die gesamte Umgebung mit in sich aufnähmen. Der Titel der Ausstellung ist dahingehend auch programmatisch: »Who knows the beginning and who knows the end«, benannt nach zwei Werken, die in Raum 6 an der Wand pappen.

    Vom »Blauen Dreieck«, das, wie gesagt, mesmerisierend in den Saal hinausstrahlt, wird im Erläuterungsheft sogar behauptet: »Zum Werk gehören der Türrahmen, die Wände, der Durchgang und letztlich das ganze Gebäude.« Wahnsinn, das ganze Gebäude, und ich lese es noch mal, und es steht tatsächlich so da.

    Auch noch im Raum 1 hängt »Blau auf Grün« (Öl auf Nessel über Holz, 1965), eine satte Ladung ausgekipptes Blau, das aber unvollständig vermalt wurde und so die wiesengrüne Grundierung durchscheinen lässt. Das alles findet auf einer an den Ecken (außer unten rechts) abgerundeten Holztafel statt, es könnte sich um das Logo eines hippen TV-Senders handeln, aber ich bin schon weiter gegangen und mittlerweile in Raum 3 angelangt, da hängen die frühen Aquarelle, die auch zum ersten Mal mit dem mafiösen Künstlernamen signiert sind.

    Denn mit seinem arg bürgerlichen Namen ›Peter Heisterkamp‹ könne er nichts werden, soll ihm Beuys gesagt haben, und heute erinnert der Name ja genau auch an Berthold »Ernie« Heisterkamp, den Körperschweiß-Nerd aus dem »Stromberg«-Büro. Und so steht jetzt also auf dem karierten Heftpapier unter ein paar Aquarellstrichen mit Bleistift geschrieben: »Palermo 1965«, und das ruft auch sofort eine Stimmung hervor, Palermo, Sizilien, Mafia, Sechzigerjahre, auch wenn ein anderes Aquarell qua Titel eher nach »Zeebrügge« führt.

    Im selben Raum höre ich auch mal wieder den Museumsklassiker, Abteilung Moderne Kunst, hier heute gesprochen in schönstem Erasmus-Englisch: »What’s so special about these paintings, my dog could paint that!« Die skeptische Museumsbesucherin gibt das sehr laut bekannt, und es ist sehr faszinierend zuzuhören, wie ihr (deutscher?) Freund beschwichtigt und gegenredet und ihr die Blinky-Palermo-Kunst nahezubringen versucht, aber ich muss ja weiter, so langsam sollte ich auch mal wieder zurück ins »fyal«, also schnell durch Raum 4 durch und zu den Grafiken in Raum 5. Die klar gegen den weißen Grund abgegrenzten Flächen gleißen wieder intensiv, die Siebdrucke aus der Mappe »4 Prototypen« (1976) sehen aus wie eine rätselhafte iPhone-App.

    Raum 6 hab ich ja schon erwähnt, hier hängen Werke aus Palermos letzten Monaten, 1976/77, der Farbauftrag ist meist sehr flüchtig, als ob ihm die Farbe ausgegangen wäre. In der Jonathan-Meese-Doku »Die Ameise der Kunst« war mal zu sehen, wie sich der Zottelkünstler im Malerbedarf tonnenweise mit wahllos zusammengesuchten Farbeimern eindeckt (hier ab Min. 7:20). Ein einziger Meese-Einkauf hätte Palermo wahrscheinlich für sein ganzes Lebenswerk gereicht.

    In Raum 7 dann ein weiteres intensives Farberlebnis, vier hell leuchtende Acrylmalereien auf Alu-Tafeln. Die haben wieder etwas Logohaftes, könnten Desktop-Icons sein, und überhaupt eignete sich Palermos Werk wahrscheinlich auch sehr gut für Slideshows auf Smartphones, ganz im Gegensatz etwa zu hingeprunkter Barock- oder Renaissancemalerei (zu kleinteilig).

    Im Durchgang zu Raum 8 liegt in einer Vitrine die Original-Schablone für das »Blaue Dreieck«, und zwar samt Anleitung: »Malen Sie mit Hilfe der Schablone ein / blaues Dreieck über eine Tür. Ver- / schenken Sie dann das Original Blatt. / Palermo / August 1969«.

    Im abschließenden Raum selbst hängen noch ein paar schöne Lithografien und Siebdrucke, aber ich schaue schon gar nicht mehr richtig hin und verlasse dann recht bald das Museum. So eine halbe Stunde wird das jetzt gedauert haben, schätze ich, und als ich mich im »fyal« wieder an unseren Tisch setze, fragt mich der neuseeländische Doktorand: »Everything alright?« Und er meint eventuell das Telefonat, wegen dem ich ursprünglich den Tisch verlassen habe, aber ich bewerte subtextuell gleich auch noch die Ausstellung mit: »Yeah, very much so.«

    Das oben zu sehende blaue Dreieck ist eine Nachbildung aus dem Gedächtnis in Form einer SVG mit folgenden Werten:
    <polygon points="50,10 10,50 90,50" fill="#0000ff" />
     

  • Die Segantiniwolke — Mit Werner Spies, Niklas Maak, Rafael Horzon und Hermann Hesse in der Fondation Beyeler

    Ein Praktikum in Riehen bei Basel, das wär’s. Dort den Telefonisten machen, nur um den ganzen Tag so schön ›Fondation Beyeler‹ zu sagen, wie es jetzt im Tram Nr. 6 zu hören ist. Nächste Haltestelle: Fohdasjo Bejeler.

    Was ein Ansturm! Rentner, Japaner, alleinerziehende Mütter, sie alle wollen »seine Berge« sehen, um mal ein bekanntes Segantini-Wort aufzugreifen (»voglio vedere le mie montagne«).

    Segantini, der große Alpenmaler. War Segantini früher »peinlich« (NZZ am Sonntag), ist er heute Divisionismus-Avantgarde, wenn nicht gar »der van Gogh der Hochalpen« (Werner Spies in der FAS). Auch deswegen versteht sich die Ausstellung als eine Art kunsthistorische Reha-Maßnahme. Rehabilitierung, weil Segantini um 1900 schon mal europaweit gefeiert, danach aber einige Jahrzehnte in der Heimat- und Kitschecke verschwunden war. Soweit das Storytelling der Fondation Beyeler.

    Die Vorher-Nachher-Show

    Und das Feuilleton feiert mit, die besten Sätze zur *Segantini-Wert­schätzung alt* gab’s von Niklas Maak:

    »Ganz böse Kommentatoren behaupteten, Segantini sei Kunst für Russen, die sich in St. Moritz das Bein gebrochen haben und deswegen nicht auf die Piste können – in Sankt Moritz gibt es ein Segantini-Museum, und vor diesem kleinen Museum sieht man tatsächlich öfter einmal die Ferraris und Maseratis und anderen Höllengefährte der russischen und anderen Wintersportgäste parken.«

    Von Boris-Becker-Hochzeiten in diesem Museum ganz zu schweigen. Aber eben: Schluss mit bloßer Segantini-Deko! Her mit den Kunst­verständigen. Noch einmal Maak:

    »Segantinis Kunst ist, wenn man genau hinschaut, wie eine Fahrt im Bugatti: Die Landschaften beginnen zu flimmern, die Formen lösen sich pointillistisch auf und werden gleichzeitig surreal klar – es ist, als ob klare Bergluft durch die Seitenscheiben dieser Bilder ströme.«

    Und apropos Seitenscheibe. Rafael Horzon macht an einer Stelle seines »WEISSEN BUCHS« ja diese Autotour: »Unser Ziel: Basel.« (S. 132f.) »Gerührt«, hehe, summt er unterwegs die letzten beiden Drittel dieses Lieds von der Wolke – die weiße Wolke ist die »Segantiniwolke« aus Hermann Hesses »Peter Camenzind«:

    Wie eine weiße Wolke
    Am hohen Himmel steht,
    So weiß und schön und ferne
    Bist du, Elisabeth.

    Die Wolke geht und wandert,
    Kaum hast du ihrer acht,
    Und doch durch deine Träume
    Geht sie in dunkler Nacht.

    Geht und erglänzt so silbern,
    Daß fortan ohne Rast
    Du nach der weißen Wolke
    Ein süßes Heimweh hast.

    Voraus geht die Szene, in der sich Camenzind an Elisabeths Besuch in der Basler Kunsthalle erinnert (heute würde es die Fondation Beyeler sein):

    »Sie sah mich nicht. Ich saß ausruhend beiseite und blätterte im Katalog. Sie stand in meiner Nähe vor einem großen Segantini und war ganz in das Bild versunken. Es stellte ein paar auf mageren Matten arbeitende Bauernmädchen dar, hinten die zackig jähen Berge, etwa an die Stockhorngruppe erinnernd, und darüber in einem kühlen, lichten Himmel eine unsäglich genial gemalte, elfenbeinfarbene Wolke. Sie frappierte auf den ersten Blick durch ihre seltsam geknäuelte, ineinandergedrehte Masse; man sah, sie war eben erst vom Winde geballt und geknetet und schickte sich nun an zu steigen und langsam fortzufliegen.«

    Sie schaut sich also dieses Segantini-Bild mit der besonderen Wolke an. Und Camenzind schaut ihr dabei zu:

    »Offenbar verstand Elisabeth diese Wolke, denn sie war ganz dem Anschauen hingegeben. (…) Ich saß still daneben, betrachtete die schöne Segantiniwolke und das schöne, von ihr entzückte Mädchen. Dann fürchtete ich, sie möchte sich umwenden, mich sehen und anreden und ihre Schönheit wieder verlieren, und ich verließ den Saal schnell und leise.«

    Auch wir versuchten uns in Saal 9 eine Weile im Segantiniwolken­verstehen (siehe auch NZZ von 2004), bevor wir dann irgendwann, genau wie Camenzind, »schnell und leise« das Segantiniwolken­kuckucksheim verließen.
     

  • Das »Stuttgart 21« des 19. Jahrhunderts? Baumschützer gegen Bahn — Eine kleine Kulturgeschichte

    Das beste Argument gegen »Stuttgart 21«? Ein Baum, sagen die Schlossgarten-Beschützer von Stuttgart. Und deswegen ja auch gestern wieder, wie jeden Freitag, Baum-Qi-Gong! Heute Abend dann übrigens Premiere des ersten S21-Theaterstücks: »Antigone 21«.

    Das untrüglich Bildungsbürgerliche von Anti-S21 ist die andauernde kulturhistorische Selbstveredlung, ebenso wie die schamlose Beschlag­wortung der eigenen Protest-Aktivitäten. Das Vokabular reicht vom »Platz des himmlischen Friedens« bis zur »Klagemauer«, von der »Montagsdemo« bis zum Transparent »Von Tunis lernen«.

    Keine Frage: Wutbürger sind vor allem Bildungsbürger, und sie haben verstanden, dass man die richtigen Keywords liefern muss, um die eigenen Belange kultur- und zeitgeschichtlich aufzuwerten.

    Serpentara statt »Stuttgart 21«

    Wenn’s aber wirklich bildungsbürgerlich zugehen soll, könnte man auch mal an die eisenbahnhistorischen Vorläufer von S21 erinnern. Baum­schützer gegen Bahnprojekt, das hat deutsche Tradition. Wer wissen will wo, sollte mal nach Olevano Romano fahren, »das kaputte Berg­nest« (Rolf Dieter Brinkmann, hehe) bei Rom. Gerade im Vorfrühling kann es dort schon sehr schön mild sein. Und wahrscheinlich genau deswegen hat die deutschrömische Künstlerkolonie früh Gefallen an dem Ort gefunden.

    Besonders ein immergrünes Eichenwäldchen namens La Serpentara, zu deutsch Schlangenhain, hatte es den Landschaftsmalern der Romantik angetan. Ihre ästhetische Landnahme ging sogar so weit, dass sie sich dieses beliebte Motiv nicht abholzen lassen wollten, denn eigentlich stand dieses Eichenwäldchen kurz vor der Rodung: Aus dem Holz sollten Gleisschwellen für die Italienische Eisenbahn enstehen.

    Edmund Kanoldt setzte sich 1873 erfolgreich an die Spitze der Bewegung gegen Serpentara 21. Die Abholzung konnte nicht nur verhindert, sondern das Waldstück durch Spenden der deutschen Künstlerschaft sogar gekauft werden. (Die Villa Massimo dankt es bis heute mit dem Villa-Serpentara-Stipendium.) Lebendiger Beleg für den Erfolg der Rettungsaktion ist eine Kanoldt-Zeichnung, die die Kunst­halle Karlsruhe erst letztes Jahr frisch erworben hat. Sie zeigt das Waldstück in einer mehr als geschickten Komposition:

    Edmund Kanoldt: La Serpentara di Olevano, 1873

    »Die Lenkung des Blicks auf die gerettete Serpentara wird durch eine Eintönigkeit in der Wiedergabe des Berghangs gegeben, wo Kanoldt in ruhigen Parallellinien die Modulierung des Geländes als lichtüberflutete Fläche darstellt – ein Hinweis auf landschaftliche Ödnis, die aus der Abholzung des Waldes resultieren würde?«

    … fragt Regine Hess im Katalog der Karlsruher Ausstellung »Viaggio in Italia« (S. 248). Und noch ein Beweis, warum sich Katalogkäufe lohnen: Angeblich wurde die Kanoldt-Zeichnung für Max Jordan angefertigt, den damaligen Direktor der Berliner Nationalgalerie. Ob der in seinen Leipziger Italien-Vorlesungen noch zu letzten Spenden aufgerufen hat?

    Irgendwann hat er »La Serpentara di Olevano« wahrscheinlich einfach mal grinsend auf den Overhead-Projektor gelegt, die Wald-Trophäe mit der triumphalen Bildinschrift: »Eigenthum der deutschen Künstler« steht da tatsächlich reingeschrieben, und wie zum Beweis sieht man ein kleines Männchen (mit Malerhut und Zeichenmappe?) auf dem Weg zum nächsten Motiv.

    Alle Macht geht vom Künstlervolke aus, würden jetzt wohl auch die Parkschützer von Stuttgart skandieren. Und wenn der Stuttgarter Bauzaun (vulgo Klagemauer) soeben als »soziale Skulptur« ins baden-württembergische Haus der Geschichte aufgenommen wurde, dann ist der gerettete Eichen(!!!)hain von Serpentara ja wohl allemal ein Beuys-Ding. Nur eben knapp hundert Jahre avant la lettre.

    (Bild: zeno.org)
     

  • Drei Feuilletons, zwei Holbeins, eine Passion

    Stuttgart! Holbein-Ausstellung! Graue Passion! Nichts wie hin.

    Dreh- und Angelpunkt der Grauen Passion ist ein eigentlich ganz krude zerlegter Flügelaltar. Gäbe es ihn noch bzw. wäre da noch was auf- oder umklappbar, würde man die zwölf Passionsszenen von Hans Holbein dem Älteren, jeweils sechs in grau und sechs in ocker, so en suite gar nicht sehen können. Nur dank der Barbaren früherer Jahrhunderte, die das Retabel längs und quer kleingesägt haben, bekommen wir die Holbein-Tafeln wie in der Fernsehillustrierten unserer Omis präsentiert: auf einen Blick.

    Die enge Hängung hat auch was von gemalten Video-Stills. Und falls Mel Gibson sich noch mal mit einer Pixar-Variante an The Passion of the Christ versuchen wollte, hier könnte er die Farbproben nehmen. Auch deswegen haben unsere Feuilletons mit ihrer Artikel-Bebilderung geklotzt, hier mal drei Artikel kontrastiv gegeneinandergehalten:

    • Willibald Sauerländer: Die Farben des Leidens. SZ, 29. November.
    • Tilman Spreckelsen: Seine Augen weit aufgerissen. FAZ, 2. Dezember.
    • Hans-Joachim Müller: Holbeins Auferstehung in Stuttgart. Die Welt, 3. Dezember.

    Die SZ

    … kommt mit gleich sechs abgebildeten Szenen dem Original-Wandfeeling am nächsten, mosert dafür aber ein bisschen viel an der Konzeption der Ausstellung rum. Dabei ist die ganz hervorragend und keineswegs zu wissenschaftlich. Der Witz der Grauen Passion ist ja grad, dass Holbein mitten im Zeitalter der Grisaille-Mode keine bloßen Statuen mit Grauschimmer malt, sondern Figuren, die menschlich-leibhaftiger nicht wirken könnten. Der Einsatz anderer Farben ist beschränkt auf Jesus himself, Nicht-Grau also ein Stilmittel, um den Protagonisten aller Protagonisten von der Entourage abzuheben. Ein bisschen so als würde Hollywood im Sinne eines Spezialeffekts nur noch die Hauptrolle in bunt zeigen, den Rest aber in schwarz-weiß.

    Die FAZ

    … bildet zwei Passionsszenen ab, erzählt dann aber vor allem von einer dritten. Und klagt kunsthistorischen Kindesmissbrauch an: »Was stupst er da? Soll das Kind lauter brüllen?«

    Tatsächlich lässt Holbein bei der Ecce-Homo-Szene ein gut verstörtes Kind zuschauen. Und tatsächlich steht es neben einem Fratzengesicht von Vater, der seiner Tochter irgendwie obszön seine Finger in die Wange drückt. Jesus natürlich im Blickkontakt mit der Kleinen, die Nase und Mund traumatisch weit aufgesperrt hat. FAZ-Rezensent Spreckelsen kann sich auch beim Rausgehen gar nicht trennen: »Das Kind bleibt so ungeheuerlich wie beim ersten Sehen. Und es verlässt einen auch nicht auf dem Weg zum Bahnhof.«

    Die Welt

    … bringt einzig und allein, dafür aber in XL, das Abschlussbild des Zyklus: die Auferstehung Christi. Hier steht der – ja wie nur? – aus dem Grab entstiegene Leibhaftige vor uns. Der Holbein’sche Grabdeckel ist, anders als bei so vielen Passionsmalern, nicht geöffnet oder gar geborsten. Nein, die Nägel (Initialen: H & H) sitzen wie bei Hagebau. Mach! Dein! Ding! Holbein macht sein Ding, indem er malerisch zeigt: Christus macht sein Ding, er kann sowieso »nicht anders denn als Geistleib seiner irdischen Gefangenschaft entkommen sein (…). Das ist die Pointe«, so Müllers Bildbeschreibung in der »Welt«.

    Am meisten aber gefällt mir der gut gesetzte Hinweis auf die familiäre Arbeitsteilung. Hans Holbein d. Ä. also hat, wie gesehen, die Todesüberwindung gemalt; »Holbeins Sohn wird später einen toten Christus malen, wie er toter nie gemalt worden ist.« Ein Satz, für den man am liebsten sofort mal wieder nach Basel fahren würde:

    Holbein, The Body of the Dead Christ in the Tomb (Quelle: Wikimedia Commons)

     

  • Mit San Andi und Arcimboldo in Washington

    Im September in Washington gewesen, einziges Ziel dieses Ausflugs: Besichtigung der National Gallery of Art. Wir reisen also von New York aus mit dem Greyhound Bus an und drehen nach Ankunft direkt Richtung Museum ab.

    Es ist entsetzlich heiß hier, über vier Stunden haben wir gebraucht und nun, kurz nach 10, stehen wir vor dem richtigen all der klassizistischen Tempel, die da zwischen Lincoln Memorial und Kapitol aufgestellt worden sind.

    Sofort stelle ich fest und zeige mich sehr erfreut darüber, dass gerade eine Giuseppe-Arcimboldo-Ausstellung stattfindet. Es handelt sich um die abgespeckte Version der Schau, die vor ein paar Jahren in Wien und Paris zu sehen war, den Katalog habe ich hier schon mal erwähnt.

    Philip Haas, Winter (Quelle: Wikipedia)Damals habe ich auch wiederholt behauptet, dass Arcimboldo mehr ist als die Composite Heads, diese obskuren Porträts aus vornehm­lich Obst- und Gemüsestücken, aber im Fokus stehen sie trotzdem und hier ganz besonders: Gleich vor dem Eingang ist eine Leihgabe aus Wien aufgestellt, die von Philip Haas angefer­tigte Riesenattrappe des »Winters« aus Arcimboldos Jahreszeitenzyklus, nicht schlecht!

    Ich will gleich in die Sonderausstellung stürmen, aber San Andis Missmut hält mich zurück. Er habe jetzt keine Lust, eigentlich sogar nicht nur jetzt, sondern überhaupt nie mehr Lust, sich diese blöden Gemüseköppe anzuschauen. Lieber sofort und ausschließlich in die Dauerausstellung!

    Ich lasse mich von dieser Devise erst mal breitschlagen und erkläre, zunächst auch ein bisschen in die dauerausgestellte Sammlung mitzukommen und erst später allein zu Arcimboldo zu wechseln, um mir dann zum tausendsten Mal die wunderschönen Gemüseköppe anzusehen.

    Wir schleichen durch die Hallen und bestaunen die Erwerbungen von Andrew W. Mellon, Samuel H. Kress und all den anderen groooooßen amerikanischen Sammlern. Im NGA hängt auch übrigens das einzige Ölgemälde von Leonardo in ganz Nord-, Mittel- und Südamerika. Dieses Stück, die »Ginevra de’ Benci«, wurde 1967 aus der Sammlung Liechtenstein herausgekauft, um jetzt hier in der National Gallery zu sein. Die Wacholderfrau ist noch dazu viel schöner als die »Mona Lisa«, wenn auch unten um einige Zentimeter Leinwand beschnitten, weshalb ihre vermutlich formvollendeten Hände jetzt fehlen, aber auch die Hände der Nike von Samothrake zum Beispiel sind ja nur fragmentarisch überliefert, also!

    Wegen des frühen Aufstehens haben wir unendlich viel Zeit, so kommt es mir vor, und wir begeben uns dann auch wie gewöhnlich erst einmal ausgiebig in die Museumskantine. Irgendwann frage ich aber trotzdem nach den Öffnungszeiten, und San Andreas, den ja stets der Nimbus des Sich-Auskennens umgibt, antwortet sofort und ohne zu überlegen: »Bis 21 Uhr.«

    Dementsprechend gemächlich geht es auch nach dem ausgedehnten Essen weiter. Stundenlang unterhalten wir uns über die Süße und Farbe der amerikanischen Fanta und über das Blau des Brokatmantels der Madonna auf Jan van Eycks »Verkündigung«.

    Und weiter geht’s durch die Ausstellung, und als es ca. Viertel nach vier geschlagen hat, frage ich trotzdem noch mal bei San Andi nach, ob er sich denn auch sicher sei, dass das Museum bis 21 Uhr geöffnet habe, und dann sagt er ganz normal, dass er das gar nicht wisse, er habe das mit den 21 Uhr nur so dahin gesagt, woher soll er denn die Öffnungszeiten ausgerechnet dieses Museums so genau wissen!

    Ich habe nicht mal Zeit für eine Schockstarre, und ganz davon abgesehen, dass ich die amerikanische Sammlung noch nicht gesehen habe, sorge ich mich natürlich vor allem um meinen Besuch bei den Gemüseköpfen und frage besorgt den am nächsten stehenden Museums-Irrsigler, wann das Haus schließe. »Um 17 Uhr, in 35 Minuten!«

    Sofort verschwinde ich gen Arcimboldo, »von der Sorge Qualen gejagt«, und erreiche 20 Minuten später und kurz vor Toresschluss die kleine Ausstellung und sehe noch alle 16 Composite Heads, die man von Europa hierher gebracht hat. Obst, Gemüse, Getreide, soweit mein Auge blickt!
     

  • Die FAS vom 12. Dezember 2010: Nougattorte, Wirtschaftsteil, Runge

    Was davor geschah

    Auf dem Weg zur Konditorei Lindtner in Eppendorf, die FAS in der Manteltasche. Ich mache die letzten Schritte auf die Eingangstür zu, vorbei an einem beleibten und unscheinbaren Paar Ende 40, Typ Wochenendurlauber.

    Als die Frau bemerkt, dass ich dasselbe Ziel habe wie sie und ihr Mann, rennt sie plötzlich kurzentschlossen los und an mir vorbei, wackelnd wie ein kleiner Elefant, das Gesicht zwischen Anstrengung und Empörung. In der Netztasche ihres Outdoor-Rucksacks plätschert in einer Halbliter-Cola-Light-Plastikflasche das nachgefüllte Leitungswasser.

    Fassungslos über soviel Ehrgeiz betrete ich die Konditorei und sehe, wie sich die beiden Urlauber aus ihren Outdoorjacken schälen und befriedigt niederlassen. Der Kampf der beiden um die letzten freien Plätze war aber voreilig, das Lindtner ist im Moment nur zur Hälfte gefüllt.

    Ich bestelle eine Tasse Kaffee und, Hauptgrund für mein Hiersein: ein Stück von der Nougattorte. Am Tisch neben meinem sitzt ein Mann mit abgelegtem Hut, der seine FAS schon aufgeblättert vor sich hält. Er schöpft gerade den letzten Schaum aus seinem Latte-Macchiato-Glas, als zwei ältere Herren auf ihn zugestürzt kommen und behaupten, dass der Tisch gar nicht frei gewesen sei.

    Jedenfalls schnappt sich der eine erbost ein Gläschen vom Rand des Tisches, in der nicht mehr als noch ein Schluck Orangensaft schwappt. Der Hutmann lacht die beiden auf sympathische Weise aus und vermeldet, dass er da jetzt schon 30 Minuten an diesem Tisch sitze und Zeitung lese. Die Bedienung kommt herbeigeeilt und beschwichtigt, und bald verschwinden die beiden älteren Herren nach draußen, die Mäntel hatten sie eh schon übergezogen.

    Was in der FAS geschah

    Ok, wie immer lese ich zuerst den Wirtschaftsteil. Der sogenannte »Sonntagsökonom« gefällt mir heute mal sehr gut, es geht um Prognosemodelle, und in der Literaturliste wird das »International Journal of Forecasting« erwähnt, was für ein schöner Titel!

    Auf der nächsten Seite steht ein Interview mit Norbert Rethmann, der gleich zu Beginn zu Georg Meck sagt: »Ich stelle fest: Dies ist mein erstes großes Interview. Übrigens nicht, weil ich Sie unbedingt kennenlernen wollte.« Meck nennt ihn im Gegenzug »Europas Müllkönig«, auch nicht schlecht, und es geht also leicht provokativ zur Sache, in diesem Fall vor allem um Müll und Schrott, mit deren Entsorgung bzw. Recycling Rethmann aus einem kleinen Familienunternehmen einen weltweit agierenden Konzern geschaffen hat.

    Nach dem Umblättern wird es erwartungsgemäß krisig, Lisa Nienhaus spekuliert auf einer Doppelseite über die Rückkehr der D-Mark, Petros Markaris (Berufsbezeichnung: »griechischer Krimiautor«) erzählt im Gespräch mit Winand von Petersdorff, wie leer die Straßen Athens inzwischen leider seien: »Athen ist so tot wie eine Kleinstadt in Skandinavien.« Und Lena Schipper schreibt einen beeindruckend schneidigen Artikel über die Hochschulreform in England, die ursprünglich von Lord Browne angeregt wurde, dem ehemaligen BP-Chef (und nunmehrigen Peter Hartz des englischen Universitätswesens).

    So vergeht eine kleine Weile, und es bleibt eigentlich jetzt keine Zeit mehr fürs Feuilleton, ich schaffe vor lauter Zeitdruck nur Jan Freitags sensationelles Interview mit Gung aus der »Lindenstraße«.

    Was in der Kunsthalle geschah

    Aber nun muss ich Paco treffen, er war zu einem Stück Nougattorte im Lindtner nicht zu überreden gewesen und wartet nun am Bühneneingang des Schauspielhauses, wo er sich noch angeregt und lachend mit der Einlassfrau unterhält, als ich ankomme. Das Gung-Interview hat er ebenfalls längst gelesen, und schon sind wir auf dem Weg zur Kunsthalle, um die allseits gepriesene Runge-Ausstellung zu sehen.

    Regelrecht erschrocken gehen wir durch die Räume! Die Ausstellung ist zwar didaktisch ein Hit, siehe Swantje Karich in der FAZ, aber in so einem Gesamtüberblick macht die Lokalgröße Runge einfach keinen Spaß, seine mittelmäßige Begabung überschreitet selten die Qualität gehobener Akademiestudien.

    Am Schlimmsten sind aber eigentlich die »Hülsenbeckschen Kinder«, leblos wie tote Puppen stehen sie da vor dem Gartenzaun, zum Fürchten! Also schnell weiter ins kunsthalleneigene Café Liebermann, und plötzlich ist alles wieder gut: Nougattorte!
     

  • Die Südharzreise: »Reprise, 2. August 2009«

    Die Original-»Südharzreise« hat am 3. Oktober 2008 stattgefunden. Zehn Monate später sind wir die Autobahn 38, diese Kultursuper­strecke, noch einmal abgefahren. Dabei sind die Fotos für das Buch entstanden, das im März bei SuKuLTuR Berlin erschienen ist. Nur 31 der Bilder sind gedruckt worden, aus dem restlichen Material hat San Andreas jetzt eine Fotoerzählung in 139 Bildern zusammengestellt, die man hier durchscrollen kann:

    http://www.zerstoerung.org/suedharzreise/reprise/

    Es gibt dort neue Aufnahmen der Nietzsche-Tankstelle am Ortsaus­gang von Lützen zu bewundern, abenteuerlich sanierte Plattenbauten, wunderbare Weitsichtfotos der A38 (Hommage an Mattheuer), Szenen von den kreuzenden Bundes- und Landstraßen …

    Thyratalbrücke von unten

    … Lieblingsmotive wie die Blumenverkäuferin, die nebenbei als letzte deutsche Kaiserin firmierte, Fetischbilder der Popliteratur wie das wieder mal geschlossene Kaffee Kolditz in Sangerhausen, eine Studie des Thomas-Müntzer-Denkmals in Stolberg, die preisgekrönten Stadtvillen von Leinefelde-Süd, die aus einem 180 Meter langen Plattenbauriegel geschält wurden …

    Stadtvillen Leinefelde-Süd

    … und immer wieder formvollendete Readymade-Klohäuschen auf Autobahnrastplätzen.

    Der Tag der Tour, der 2. August 2009, fiel zufällig auf den 75. Todestag Hindenburgs. Wir merkten das erst, als wir uns über einen schüchter­nen kleinen Blumenstrauß wunderten, den jemand auf die nach dem Krieg umgestürzte und vergrabene, jetzt aber wieder ans Licht geholte Hindenburg-Statue unterhalb des Kyffhäuserdenkmals geworfen hatte:

    Umgestürzte Hindenburg-Statue mit Blumenstrauß

    Auch sonst war nicht alles so wie im Jahr davor, und durch den Som­mertermin der »Reprise« fanden viele Nachtkapitel aus dem Buch nun im Hellen statt.

    Das Buch steht nach wie vor unter einer Creative-Commons-Lizenz und kann frei heruntergeladen (PDF, HTML) oder auch für 10 Euro bei Ama­zon erstanden werden. Die 31 im Band gedruckten Bilder sind bereits – versehen mit Geotags – in den Wikimedia Commons und bei Flickr zu finden. Die Mehrzahl der »Reprise«-Bilder folgt in den nächsten Tagen.
     

  • Reiterstandbild

    Der letzte Tag in Venedig, und wir waren vorher einfach nicht dort vorbeigekommen. Nun hetzen wir zum Campo vor Santi Giovanni e Paolo und klingeln gleich an der ersten Tür. Aber niemand öffnet uns, obwohl wir von drinnen Geräusche gehört haben. An der nächsten Tür haben wir mehr Glück. Wir deuten auf das Bild im »DK Travel Guide«, aber der Herr, der die Tür geöffnet hat, will uns nicht hineinlassen. Er sucht windige Ausreden und Entschuldigungen, und irgendwann ist die Tür zu und uns rennt die Zeit davon.

    Auf dem Platz draußen kommt uns ein Australier entgegen, den wir gestern schon irgendwo getroffen haben und der nun anscheinend auch einen Blick abbekommen möchte. Der Typ ist ziemlich bizarr bis creepy, gestern sagte er mir, dass er den Rucksack voller Ölsardinenkonserven und, wenn ich das richtig verstanden habe, immer etwas Gold dabei habe, um für den bevorstehenden Ernstfall gewappnet zu sein, den »total crash of the system«.

    Er trägt Blundstones, diese australischen Waldarbeiterschuhe, die wie Chelsea-Boots geschnitten sind, allerdings eine feuerfeste Gummisohle haben, dazu sehr feste Khakis. Im Rucksack hat er auch noch eine Barbourjacke dabei, und mit diesem Survival Kit durchreist er nun die Welt und will sich im entscheidenden Moment für Gold auf einem Bauernhof einkaufen. Den Mogambo Guru kennt er komischerweise nicht.

    Wir sagen dem Australier, der zur selben Tür strebt, bei der wir gerade abgewiesen worden sind, dass es keinen Zweck hat, aber er geht trotzdem weiter. San Andreas macht inzwischen ein paar Fotos, und ich laufe um das Denkmal herum und versuche trotz allem einen Blick zu erhaschen, schütze meine Augen mit beiden Händen gegen die Sonne, aber sie blendet einfach zu sehr. Auch sonst würde man von hier unten keinen guten Blick zustande bringen, die Skulptur ist einfach zu hoch oben aufgestellt:

    Venedig, Verrocchios Colleoni von unten

    Ich wollte das Reiterstandbild des Bartolomeo Colleoni, nach dem Wachsmodell von Verrocchio, unbedingt sehen, die Aussicht darauf war einer der Hauptantriebe, wieder mal nach Venedig zu fahren. Der Colleoni steht hier seit 500 Jahren. Schon Michelangelo und Vasari haben ihn sich zusammen angesehen, bei ihrem Venedigtrip, bei dem sie auch Werke von Tizian betrachtet haben, und vielleicht standen sie sogar direkt hier, als Vasari in Richtung Michelangelo fragte, wie er denn die Bilder von Tizian finde, und Michelangelo sinngemäß erwiderte, dass Tizian ein guter Maler sein könnte, wenn er zeichnen gelernt hätte. Vasari-Seemannsgarn.

    Da die Reiterstatue auf diesem sehr hohen Podest steht und man von unten fast nichts sieht, hat die Stadtverwaltung von Venedig mit Gültigkeit vom 1. September 2009 beschlossen, dass willige Anwohner des Campo Santi Giovanni e Paolo gegen eine entsprechende Mietminderung die Besucher auf Anfrage in ihre Wohnung oder auf ihre Dächer lassen, damit sie von dort einen guten Blick haben und ein schönes Foto machen können. Das funktioniert allerdings überhaupt nicht, jedenfalls nicht für uns, trotz der Mietminderungen und trotz der Aussicht auf Trinkgeld.

    Wir müssen schnell weiter zum Bahnhof, um rechtzeitig zum Flughafen zu gelangen. Bei einem Blick zurück sehen wir noch den Australier aus dem Haus kommen, in dem wir abgewimmelt worden waren, und ich sehe, wie er grinsend seine Digicam durchblättert. Wir erblicken diese Szene aber nur noch von weitem, als wir gerade die Kanalbrücke in westlicher Richtung überqueren, und mich hätte sehr interessiert, wieso er eingelassen wurde, wir aber nicht. Vielleicht hat es etwas mit seinem Militärrucksack zu tun, in dem sich angeblich Ölsardinen und Gold befinden.