Kategorie: Kunstkunst

  • Rosinen im Cafe

    Wie angekuendigt: Von Angesicht zu Angesicht mit dem rotgewandeten Freund des Goldes. Sehr viel Gold, sehr viel rot und auch sehr viel Filz. Denn die Skythen trugen viel Filz. An Beuys fuehlt man sich erinnert, wenn man die riesig erscheinenden Ueberkniestruempfe aus dickem Filz und den grossen Wams aus dem gleichen Material betrachtet.

    Der Goldene Mann von Issyk traegt knallenge rote Filzleggins, sein Wams ist mit ueber 400 einzelnen Goldverzierungen versehen. In den Vitrinen liegen sehr haeufig Spiegel. Ein eitles Volk? Sehr schoen diese Nachbildungen der Kleidung, wie eben beim Golden Boy aus Issyk, besonders der Kopfschmuck der Frauen, aber auch der Maenner. Die Pferde wurden ebenso reich geschmueckt, und besonders in Koenigsgraebern wurden diese nebst Gefolge gleich mit beerdigt, nachdem der Koenig verstorben war.

    In der Ausstellung wurde mir nicht klar, warum der Titel »Im Zeichen des Goldenen Greifen« lautet. Es gibt ab und an mal einen Greifen zu sehen, aber ebenso oft sieht man andere Tiere und Fabelwesen, sogar einen Fisch mit Eberkopf, gross, gedengelt aus Gold (aus was wohl sonst?). Spaeter bekam ich aber mit, dass Herodot vom Land der Gold huetenden Greifen sprach, wenn er die Skythenregion erwaehnte. Die Gold huetenden Greifen – und die Feinunze schwankt um $660.

    Im Mohnkuchen im Cafe waren dann leider Rosinen, dabei sah er so von aussen betrachtet clean aus. Die Bedienung, die sich ebenfalls eine Aversion gegen Rosinen bescheinigte, versicherte mehr oder weniger, dass keine Rosinen drin wären. Sie hatte Unrecht. Kaffeehaus des Monats – Chance verspielt.

  • Gut gemalt

    SL-IconDie Dresdner Gemäldegalerie »Alte Meister« kann man ja seit gut zwei Monaten im Second Life re:visit:en. Da lohnen sich das Booten von Windows und der Klick auf das SL-Icon endlich mal wieder, trotz des zu Recht nachlassenden Hypes.

    Das ist gleichzeitig eine gute Gelegenheit, um von einem Initialerlebnis des Umblätterers zu erzählen, auf das immer mal wieder verwiesen werden wird. Es geht um die Hybris der Kritik: im Prinzip ein Verbrechen, das wir alle ständig begehen, indem wir uns über Kunst und Literatur äußern.

    Irgendwann im Jahr 2003, also nach der Flut und der Wiedereröffnung. Austin, Dique und ich im Semperschen Museumsbau am Zwinger. Nach dem Treppenaufgang gingen wir schnell noch die Canaletto-Galerie ab …

    Canaletto-Galerie

    … und wollten dann, dem natürlichen Linksdrall folgend sozusagen automatisch in der Parmigianino-Ecke in Saal 118 landen. Von ganz weit hinten schimmerte schon die Sixtinische Madonna so halb durch die Saaltüren. Drei Säle vor unserem Ziel hielten wir aber an, denn …

    Rubens: Der trunkene Herkules

    … vor dem Rubensbild mit dem trunkenen Herkules (1613/14) stand eine Touristengruppe, zu der ein Mann sprach: Der dunkelblaue Museumsführer (M.F.) bemühte sich in seinem jovial-kernigen Dresden-Idiom um die Kunst der äußersten Verknappung. Er verglich das Gemälde mit seiner Werkstatt-Kopie, die unwesentlich später entstand und im selben Saal genau gegenüber hängt. Er zeigte auf verschiedene Stellen des Bildes und sagte:

    »Und wenn Sie mal kucken, hier und da, und dort und dort, das ist auch gut gemalt.«

    Gut gemalt! Das hatte er in vollem Ernst gesagt, und wir sahen uns an und empfanden diesen Satz gleichermaßen als einen absoluten Hammer. Gut gemalt! Sagte da dieser M.F. über das Rubensbild, das war einfach nur geil.

    Eigentlich folgte der M.F. damit nur der Tradition, die dazu geführt hat, dass Rubens nun mal in Museen hängt und für ›gut‹ gehalten wird. Und das haut er jetzt eben einfach noch mal raus. Gleichzeitig gibt er den Touristen einen Happen stark reduzierter Kunstkritik mit auf den Weg: Statt Pinselstrich und Farbauftrag zu erläutern, fasst er einfach mal alles zusammen (wie sonst nur Artoun Dilsizian und Elke Heidenreich).

    Der Kommentar ist so herrlich vermessen. ›Gut gemalt‹, das ist eine unverantwortliche Bemerkung zu diesem Rubensbild (die nicht mal stimmt, hehe). Der Satz ist beliebig und unpräzise, und der M.F. hält ihn sicher sowieso für alle möglichen Bilder der Galerie parat.

    So funktioniert das deutschsprachige Feuilleton im Grunde auch. Das ist das Skandalöse und Brauchbare an dieser Form der Kulturberichterstattung, diese Begrenztheit des Raumes und die dadurch unumgängliche Unterkomplexität, die etwa einen wie Gómez Dávila davon abhält, überhaupt Zeitung zu lesen.

    Der Satz vom gut gemalten Bild schließt auf eine sympathische Weise die Vorstellung eines Werks ab. Das funktioniert natürlich auch als Verriss. Egal, Hauptsache, es geht irgendwie weiter. Es gibt zu viele gut gemalte Sachen auf der Welt, die eben vielleicht gerade nicht gut gemalt sind und von denen man sich sofort wegbegeben sollte zum nächsten gut gemalten Ding, Film, Buch, Artikel.

    Und da standen wir dann vor den beiden Parmigianinos und es machte klick:

    Parmigianino: Die Rosenmadonna und die Madonna mit dem Kind, dem Heiligen Stephan, dem Heiligen Johannes dem Täufer und dem Stifter

    Usw.

  • Nur 10.000 Pfund

    Im »Spiegel«, Seite 131, der kurze Ausriss ueber die Skythen Ausstellung in Berlin, welche ich im Juli mitnehmen werde. Diese Skythen Uniform ist ja wohl der Wahnsinn, dieser rote Freund des Goldes, da kann der Hosenmann echt einpacken, so ein edles Outfit, allein deshalb schaue ich mir »Im Zeichen des Goldenen Greifen« an. Ganz fein wird das.

    Und morgen kommt das Medici Portrait von Raffael unter den Hammer, schon Vasari lamentierte darueber und knapp 500 Jahre spaeter wird es fuer ein paar Schekel feil geboten. Das Ding hing da bei Christie’s in einem Extraraum, nicht allein, aber sehr prominent, und war der Eyecatcher ueberhaupt, immer wieder kleine tuschelnde Grueppchen in den sonst eher ruhigen Besichtigungsraeumen.

    Heute bei Sotheby’s ist ein Velazquez Portrait eines Maedchens mit Tasse der grosse Schlager. Da gibt es aber auch zwei Bilder von Juan de Valdes Leal. Ich sage mal pauschal, dass eines davon Schrott ist, das andere aber sehr, sehr schoen, ein heiliger Hieronymus. Das Ding ist mit »nur« 10.000 bis 20.000 angesetzt, was mich ziemlich ueberrascht, da ich dachte, der waere richtig teuer, wie sich das gehoert.

    Neben den vier Grossen dieser Zeit – Velazquez, Ribera, Zubaran, Murillo – gibt es eben noch die zweite Garde, und da sind einige auch sehr, sehr gut, wie eben Valdes Leal und auch Alonso Cano. Das laesst sich dann alles demnächst im Prado klaeren, denn da haengt ja der ganze Kram herum.

  • Oiwawoi! – Von dem Maulwerff

    Ai Weiwei: Template

    »Oiwawoi!« mag sich der chinesische Künstler Ai Weiwei gedacht haben. Das ist Hebräisch und kann – klanglich adäquat – mit »Auweia!« übersetzt werden. Gerade ist auf dem documenta-Gelände nämlich seine Open-Air-Installation »Template« in sich zusammengestürzt. Es hatte ein kurzes Unwetter gegeben.

    Die heutige Lektüre von Conrad Gesners »Thierbuch« (1606) ruft noch einen anderen möglichen Grund für den Einsturz auf den Plan. Da steht nämlich (Seite 106.b):

    »In Thessalia sol ein statt von den Schärmeusen undergraben und umbgestürtzt sein.«

    Das zugehörige Kapitel heißt »Von dem Maulwerff«, der früher noch mit der Schermaus gleichgesetzt wurde, etwa noch im Zedler.

    Warum die sternförmig aufgetürmten uralten Holztüren und Fenster in sich zusammengebrochen sind, könnte also auch eine andere Ursache haben.

  • Der documenta-Hosenmann

    Der Mann mit der roten Hose und dem Regenschirm verfolgte uns streckenweise durch den Gewächshauskomplex vor der Orangerie. Hier läuft er – in sicherer Distanz – bei einem Fotografier-Domino durchs Bild:

    Der Mann mit dem Regenschirm

    Er wollte uns offenbar etwas fragen. Wir hatten aber Angst vor ihm und wollten außerdem keinerlei Dinge beantworten, sondern das Gegenteil tun, nämlich lauschen. Das Bourdieu-Projekt Des Umblätterers (»Volksmundzitate in Museen«) musste vorangetrieben werden.

    Wir konnten dem Hosenmann schließlich entfliehen, und setzten die Berichterstattung vor dem Fridericianum fort:

    Fridericianum

    Da gingen wir aber erst nicht hinein (und auch später nicht mehr), sondern bestaunten aus der Ferne das bezaubernde Siekmann-Kunstwerk, das den schönen Namen trägt »Die Exklusive. Zur Politik des ausgeschlossenen Vierten« (mehr hier):

    Siekmann

    Irgendwie trieb der Mohngeruch viel zu gewollt über den Friedrichsplatz, und dann sahen wir plötzlich den Hosenmann auf uns zukommen. Er wedelte mit seinem Regenschirm vor sich her. Wir machten kehrt und rannten davon und verließen Kassel so schnell wie möglich.

    Es war trotz allem eine schöne documenta. Neben ein paar neuen Punkten auf der Bourdieu-Skala haben wir etwas Realitätsatmosphäre mitgebracht, mit der wir nun sämtliche documenta-Artikel im Feuilleton fairerweise abgleichen können.

  • Nominierung eines Artikels

    Ich moechte hiermit den Peter Richter Artikel aus der FAS 20/2007 vom 20. Mai nominieren, Seite 33, »Alles, was Quark ist«.

    Der Artikel ist schoen spritzig geschrieben und deckt sehr gut das Megakunstjahr 2007 mit seinen Documentas, Skulpturenschauen, Biennale etc. perfekt ab.

    »Die Schlangen vor den Ausstellungshallen sind also gewissermassen die Verdi Demonstrationen der Mittelschicht.« ist z. B. ein schoener Satz.

    Ich habe den Artikel online nicht wieder finden koennen und weise aus diesem Anlass zusaetzlich noch mal auf die unbedingte Ablehnung der F-Zeitung wegen der Benennung der URLs hin.