Kategorie: Kunstkunst

  • Schloss Schleißheim: »Dir sei der Tag – laß uns die Nacht!«

    Trotz schönster Februarsonne wirkte die barocke Parkanlage von Schloss Schleißheim auf uns eigenartig trist. Keine Ahnung, ob das am Graugelb des Rasens, den leicht brüchigen Fassaden oder den wenigen, unmotiviert schlendernden Schlossbesuchern lag.

    Gerade als wir die Ostseite des Schlosses zum zweiten Mal ablaufen wollten, stießen wir am Rande des Parks auf eine Tafel, die schien, als wäre sie von den Tieren des Waldes dort aufgestellt worden:

    Gedicht von den Tieren des Waldes

    Etwas undeutlich handyfotografiert, daher kurz die Transkription:

    Kommst Du – Mensch – in dies Revier,
    vergiß uns nicht, wir leben hier.
    Sind froh und dankbar, genau wie Du,
    gibt man uns Frieden und die Ruh.
    Wir bitten dich sei darauf bedacht:
    »dir sei der Tag – laß uns die Nacht.«
    Drum, wenn die Sonne geht zur Ruh,
    verlasse dann den Wald auch Du.
    Sei morgens nicht so zeitig hier,
    sonst störst du uns und das Revier.
    Vom Dämmern bis zum frühen Morgen,
    da müssen wir für Äsung sorgen.
    Gar eng wurd unser Paradies,
    das uns die Technik übrigließ.
    Lass uns die Dickung, bleib Du auf den Wegen,
    so kommst Du unserer Bitt entgegen.

    Die Tiere des Waldes

    Passagenweise erinnerte uns das Gedicht an die Losung von Connewitzer Punks: »Euch die Macht, uns die Nacht!« Wir fanden es äußerst sympathisch und interessant, mit welchen Mitteln an dieser Stelle für Naturschutz geworben wird.

    Leider bleibt die wahre Autorschaft dieses Gegenentwurfs zur fürstlichen Machtentfaltung von Schloss und Parkanlage verborgen. Ein oberdeutscher Waidmann nutzt das Gedicht jedoch, um auf seiner Website auf das Anliegen der Tiere aufmerksam zu machen. Ob er gleichzeitig der Autor ist, konnte nicht ermittelt werden.

    Dann erinnerten wir uns an den eigentlichen Grund unseres Besuches – »Meisterwerke europäischer Barockmalerei« (Bayerische Staatsgemäldesammlung) – und strebten schnell ins Innere.

  • Max Bill und der Dreirundtisch

    Das also war Zürich für Umblätterer: Gratiszeitungen dienen der Völkerverständigung, und die Einschweizerung als solche fängt beim Schnütsgüfeli an …

    Auf der Rückfahrt Zwischenstopp in Winterthur, Palma am Perron. Sie fasst mir ans Hemd und will tatsächlich erst mal minutiös alles über dieses ominöse Öl im Kunsthaus wissen.

    Dann hinein in die Max-Bill-Metropole. Der Meister der konkreten Kunst wird von seiner Heimatstadt prompt auf zwei Museen verteilt.

    Zuerst drängeln wir uns im zweiten Stock des Gewerbemuseums, »hinten links«, also auf jenen »winzigen 200 Quadratmetern«, die schon die NZZ-Besprechung gar nicht goutierte.

    Zu alledem ist die Frau, die hier grad Führung macht, auch noch in anderen Umständen: Hochrote Wangen, eine gepresste Stimme und ein fast schon designmäßig runder Kugelbauch geleiten uns durch Billschen Brückenbau, zur Billschen Höhensonne und um den legendären Ulmer Hocker.

    Und dann zum so genannten Dreirundtisch, die Hochschwangere: »Das ist auch wirklich eine Wortschöpfung von Max Bill.« Nach Schnütsgüfeli schon wieder so eine Swiss-made-Vokabel, die nur 3 Google-Treffer liefert, hehe.

    Und dann ist die Führung fast zu Ende, nur der Designstudent mit der zerrissenen Jeans geht noch mit der obligatorischen Max-Bill-Abschlussfrage in die Verlängerung: »Aber, also, ich meine, so höchstpersönlich soll der Bill ja ziemlich anstrengend gewesen sein, oder …?« Wir gehen in die Winterthurer Wintersonne.

    Im zweiten Teil der Ausstellung ist es dann entschieden geräumiger und insgesamt retrospektiviger. Der klare Max-Bill-Formalismus entfaltet seine Wirkung, vor allem die bunten Geometrie-Gags kommen richtig gut, ich spüre förmlich, wie mein Trauma nach dem Öltriefer einer angenehm aseptischen, konkreten Reinheit weicht.

    Und außerdem hätte ich jetzt ganz bald auch wirklich Hunger: »Palma, how about Spaghetti Aglio e Olio?«

  • Öl

    Marcuccio, Hauptbahnhof, F-Zeitung, Jonathan Littell, das ganz große nächste Ding, bzw. Schirrmacher: »kein Jahrhundertbuch«. Der schön neu eingerichtete Reading Room, ein Anglizismus in der FAZ, sehr gut.

    In Zürich

    Ins Kunsthaus, Tischbeins »Brutus entdeckt die Namen seiner Söhne auf der Liste der Verschwörer und verurteilt sie zum Tode«, epischer Titel, epische Story, epische Größe. Besser als David, sage ich. Nicht besser als David, sagt Marcuccio.

    Als wir zum zweiten Mal vor dem Brutus stehen, kommt aus der Tür neben dem Bild ein Typ auf uns zu, ein Problemtyp irgendwie. Seine Hände triefen: »Olio«, schreit er, »ooolio!«

    Er habe sich gerade auf dem Bagno die Hände waschen wollen, »solo le mani«, das sei doch ein Menschenrecht, und aus dem Wasserhahn sei aber Öl gekommen, »olio, che cazzo, olio-olio«.

    Wir weichen zurück, offenbar will er an unseren Hemden die Hände abwischen, auch ein Menschenrecht offenbar.

    Das Öl auf dem Bagno scheint vielleicht eine Aktion für/gegen/über den Nahen Osten zu sein, wir werden es nicht erfahren, wir schießen runter ins Erdgeschoss, der Typ hinter uns her, olio-olio, wir rennen um unsere Hemden, Schließfach, Überzieher, Mützen, raus aus dem Kunsthaus, rein ins cabaret voltaire, gerettet.

    Dort treffen wir nicht: Stefan/sms, den rebell.tv, denn: »ich meide zürich, wann immer es geht ;-))«.

    Das WLAN im cv schwächelt, wie von sms vorhergesagt, auch das noch. À propos, sms: Grüße von Karin oder Andrea. Bis bald am Bodensee.

  • Pontormo, Rosso Fiorentino, Berberaffe

    Ich fahre übrigens gerade oder schon seit einiger Zeit auf Pontormo ab, der auch Lehrer von Bronzino war. Ich hatte den noch vor einiger Zeit nicht richtig oder mit leichter Missgunst wahrgenommen, aber finde ihn mittlerweile hervorragend.

    Leider sind viele seiner wichtigsten Werke in Fresko nicht mehr erhalten, aus den letzten 20 Jahren seines Lebens gibt es lediglich ein paar Zeichnungen. Ich habe gerade Vasaris Pontormo-Biografie in der Wagenbach-Ausgabe weggebraten und gleich danach noch eine bildbandige Monografie.

    Er war zusammen mit Rosso Fiorentino ein Schüler von Andrea del Sarto, man sieht ganz klar die del-Sarto-Einflüsse, besonders das Dunkle um die Augen, besonders bei Rosso, Pontormo wird dann bei seinen Figuren extrem schlank und fragil.

    Vasari wirft ihm in seiner Biografie ständig vor, hier den deutschen Stil zu kopieren, weil er sich sehr von damals weit verbreiteten Dürer-Stichen beeinflussen ließ. Pontormo war jedenfalls ein ziemlicher Freak, sehr belesen in zeitgenössischer Philosophie und antiken Schriften.

    Er soll in seinem Haus eine Art Turmzimmer gehabt haben, in dem er arbeitete und in das er sich zurückzog, man konnte dieses nur über eine Leiter erreichen, und diese zog er zumeist ein.

    Vasari schreibt außerdem über Pontormos Heim, dass dieses »eher der Behausung eines Phantasten und Eigenbrötlers gleichkommt als einer wohldurchdachten Wohnstätte«. Und weiter: »Doch das, was den Menschen am meisten an ihm mißfiel, war, daß er nicht arbeiten wollte, wenn ihm Zeit und Auftraggeber nicht zusagten, und nur entsprechend seiner Laune.«

    Die Rosso-Vasari-Wagenbach-Biografie las ich auch gleich noch. Von Rosso gibt es noch weniger Arbeiten als von Pontormo, er starb aber auch früher, vielmehr nahm er sich höchstwahrscheinlich selbst das Leben.

    Rosso war wohl ein ziemlicher Exzentriker und hielt sich nach Vasari einen Berberaffen, und »da dieser eine wunderbare Auffassungsgabe besaß, ließ er ihn zahlreiche Hilfsdienste ausführen«. Er liefert eine recht lange Anekdote, wie einer von Rossos Schülern ihn wohl darauf trainiert hatte, im nachbarlichen Kloster Weintrauben zu stehlen.

    Dabei wird der Affe vom Konventsvorsteher erwischt, und es kommt zu allerlei Trubel, und der Affe bricht mitsamt dem Weinstock, der sich um eine Pergola rankt, über dem Ordensbruder zusammen. Wegen der Beschwerde des Bruders wird nach Rosso geschickt, und man »verurteilte den Berberaffen zum Scherz dazu, ein Gewicht an seinem Hinterteil zu tragen, damit er nicht mehr auf Lauben springen konnte wie zuvor«.

    Sehr witzige Geschichte, besonders, wenn sie in diesem zeremoniellen Vasari-Style erzählt wird. Rosso war einer der wichtigsten Maler der Schule von Fontainebleau, neben Primaticcio natürlich. Zu diesem gibt es aber leider noch nicht die Wagenbach-Version der Vasari-Abhandlung.

    Da komme ich auch sofort mal zum nächsten Umblätterer-Betriebsausflug. Im Louvre waren wir schon ein Jahr nicht, damals ja auch eher auf Parmi-Salvatore-Rosa-Ingres-Trip, hier ein Erinnerungsfoto mit mir und Paco (v.l.n.r.) auf dem Weg dahin:

    Dique, Paco, Paris, close to the infamous Louvre

    Doch im Louvre hängen natürlich auch einige Bilder von Pontormo zumindest, aber ebenso von Rosso. Pontormo würde natürlich für Florenz sprechen, denn Ponte war Hofmaler der Medici, und seine schönsten Bilder hängen dort in Kirchen und Palästen und natürlich den Uffizien.

    Gut, es gibt den Joseph-Zyklus hier in der National Gallery mit dem 13-jährigen Bronzino auf der Treppe sitzend. Da gehe ich jetzt gleich noch mal in die NG und glotze mir das Zeug mit frischem Blick an.

    Viele Grüße
    Dique

  • Parmigianino in der Alten Pinakothek

    Sie haben nicht viel. Ok, die neu erklärte Parmigianino-Madonna (»Maria mit dem Kind und einem Mönch«) ist wirklich parmigianinohaft schön. Und natürlich der einzige Grund dafür, dass es nach der Jubiläumsausstellung zum 500. Geburtstag vor 5 Jahren schon wieder eine Einzelausstellung gibt.

    Der Kartäusermönch auf dem Bild ist übrigens natürlich auch gut gemalt (hehe). Durch die Kutte, die seinen Körper nach unten ins nicht sichtbare Unendliche verlängt, und das Sinnierende der leichten Schräglage das Kopfes wirkt er wie von El Greco geborgt.

    Das Hauptstück der Ausstellung und die meisten anderen Gemälde sind alle im letzten Raum des Parcours versammelt. Hingeführt wird man durch rare Parmigianino-Radierungen aus der Sammlung Baselitz sowie Entwürfe und Zeichnungen, die auch von irgendwie assoziierten Künstlern stammen.

    Dann hängt da noch die aus dem Prado entliehene »Santa Barbara«, die Frankfurter »Heilige Katharina mit zwei Engeln« und dankenswerterweise auch die »Madonna Scarsdale«, die 1995 vonseiten des texanischen Kimbell Art Museum bei Christie’s in London ersteigert wurde und jetzt aber eben auch hier zu sehen ist.

    Das war es dann auch schon mit den Gemälden, vom Rest sind vor allem die leicht unterschätzbaren Zeichnungen interessant. Es ist der schnelle Skizzierer und Ideensammler Parmigianino, der hier bestaunt werden kann. Die Bildidee musste offenbar wirklich schlagend sein, bevor der Parmaer losmalte, und das erklärt, warum unter den wenigen überlieferten Gemälden so viele Hits sind.

    Hernach saßen wir bei den herrlichen Coffee Fellows im Tal und lasen die FAS. Nachdem wir seit kurzem auch einen Feuilleton-Hund haben, fanden wir es logisch, dass als heutiger Aufmacher vier Modehunde abgebildet waren, mit Verweis auf einen doppelseitigen Hunde-Artikel im Wissenschaftsteil (hier die Ankündigung im Redaktionsblog planckton.de).

    »Den Spitz sieht man kaum noch«, heißt es auf den Artikelseiten, da bildet unser »Spiegel«-apportierender Kleinspitz Shweps wohl die Ausnahme, hehe:

    Shweps bringt den Spiegel

    Wuff!

  • Paperback und trotzdem schick: »Art and Ideas«

    »Art and Ideas« heißt eine Reihe von Phaidon Press. Kompakte Werke entweder über einen Künstler oder eine Epoche. Paperback und trotzdem schick, ganz dezent, auf Front und Buchrücken nur eine kleine schablonierte Abbildung auf weißer Fläche, z. B. der berühmte Pferdekopf vom Gespann der Selene vom Ostgiebel des Parthenon auf Nigel Spiveys Band über griechische Kunst oder ein Dämon mit Hängeohren und Trichter auf dem Kopf auf dem Bosch-Band von Laurinda Dixon.

    So schön der klassische große Kunstband mit qualitativ hochwertigen Abbildungen auch ist, führt er aufgrund des Formats doch eher ein Coffee-Table-Dasein und liest sich am besten zu Hause. Die »Art and Ideas«-Reihe kommt in A5 und lässt sich deshalb sehr gut mit herumtragen und unterwegs lesen. Die Bilder sind vielfältig und hochwertig und sehr frisch präsentiert, überhaupt verbreiten diese Bücher ein wohliges Gefühl. Das Konzept, auch den Textrand ab und an für Abbildungen zu nutzen, funktioniert hier nach meinem Ermessen zum ersten Mal, ohne störend zu wirken.

    Das Papier ist gestärkt, mit leichtem Glanz versehen, der Font fett gedruckt und monochrom anstatt schwarz und liest sich sehr, sehr gut. Der Text fließt bis tief unters Dach der Seite und nach unten weit in den Keller, lässt aber mehr Rand als üblich, eben für besagte Seitenabbildungen, die wunderbar mit dem Text verblendet und perfekt bezeichnet und beschrieben sind.

    Ich begann mit dem Band über David. Acht Bände weiter bin ich bei Piero della Francesca. Mit dem würde ich mich unter normalen Umständen vielleicht nicht ein ganzes Buch lang beschäftigen.

    Weil ich häufig einen der weißen Bände unter dem Arm herumschleppe, denken einige regelmäßig von mir getroffenen Leute inzwischen, dass ich immer das gleiche Buch lese, nun schon seit Monaten. Wie mein Newsagent, der jetzt immer nur enttäuscht sagt »ah, the book«, ohne wie gewohnt inhaltlich zu werden.

    »I know these books«, sagte er dann neulich, aber er bevorzuge die »wunderschönen mintgrünen Bände von Umberto Allemandi«. »Mint green«, das hatte er tatsächlich so gesagt, und ich wunderte mich, warum er immer irgendwelche Boulevardzeitungen las. Wahrscheinlich Newsagent Policy, um die Kunden zu animieren. Ben-Graham-Bücher verkaufen sich einfach schlechter als die »Daily Mail«.

  • Zwei Ziele: Neue Sachlichkeit und Futurismus

    Das deutschsprachige Feuilleton war noch nicht hier, wir gehen schon mal vor.

    »Lonely Prophets: German Art From 1910-1930«, zwischen Neuer Sachlichkeit und Expressionismus. Kirchner sieht man ja alle Nase lang, und das ist auch gut so und immer wieder schön, aber hier soll es endlich mal wieder was von Rudolf Schlichter, Christian Schad, Manfred Hirzel et al. geben. Von Schlichter wird sogar ein als verschollen gegolten habendes Porträt versprochen. Das Ganze in der Agnew’s Gallery in der Old Bond Street.

    Ich gehe wie immer viel zu spät los und erreiche die Galerie ca. 15.35. Die Tür ist zu, ein Gitter hängt herunter, und hinten an der Wand sehe ich eine feine, großformatige Bleistiftarbeit hängen, die mich an Karl Hubbuch erinnert, bin mir nur nicht sicher, leider unerreichbar, Scheibe und Gitter dazwischen.

    Laut Öffnungszeiten hätte die Galerie noch bis 16.00 geöffnet haben sollen, aber drinnen regt sich nichts. Schlichter, Schad, vielleicht sogar Hubbuch, und ich stehe da wie ein Idiot. Jetzt steht noch ein älterer Herr vor der Tür, fassungslos wie ich rüttelt er wenigstens mal an der Tür und verschwindet kopfschüttelnd, ich raune ihm noch ein »it’s supposed to be open till four« hinterher.

    Glücklicherweise hatte ich am Samstag zwei Ziele, Neue Sachlichkeit und Futurismus. Sieht man beides viel zu selten, beide Strömungen sind in den großen Museen dieser Welt erbärmlich unterrepräsentiert.

    Die Tate Modern hatte mal zwei Top-Stücke von Christian Schad, seine typischen Ölbilder aus den 20ern, leider nur Leihgaben, und die sind schon seit über einem Jahr nicht mehr da. Gut, dafür hat die Tate einen Abguss von »Unique Forms of Continuity in Space« von Boccioni, und das entschädigt für das sonst eher schwachbrüstige Œuvre des Hauses (hehe).

    Egal, glücklicherweise gibt es in London die Estorick Collection, eine kleine feine Sammlung, die sich auf italienische Kunst und eben speziell auf Futurismus spezialisiert hat. Eine Perle, die selten gehoben wird zwischen den Large und Mid Caps großer Sammlungen.

    »Piety and Pragmatism: Spiritualism in Futurist Art« heißt die derzeitige Sonderausstellung. Das ist später Futurismus, quasi die zweite Welle. In diese Zeit fällt auch die Aeropittura und die Arbeiten von Gerardo Dottori. Dottoris »Crucifixion« von 1928 ist ein Widerspiel aus Farbe und Form, das den Betrachter sofort reizt und anzieht.

    Ungewöhnlich ist die Ausstellung, weil der Futurismus nicht unbedingt eine sehr spirituelle Bewegung war, und wohl auch deshalb sind überwiegend Werke von Dottori und Fillia zu sehen. Letzterer begeistert mich nicht sehr, aber allein wegen Dottoris »Crucifixion« lohnt sich der Gang in die Estorick Collection.

    Außerdem ist die kleine und feine Dauerausstellung immer wieder prima, besonders wegen »La Musica« von Luigi Russolo und Giacomo Ballas »Movement of the Violinist«.

    Das Museumscafé ist auch nicht schlecht.

  • Zeitgenossen-Freaks

    »Schwur: nicht werde ich kaufen neue Zeitung, bis alle alten verarztet sind.« (Rainald Goetz, 28. 8. 2007)

    Das gilt natürlich auch für Zeitschriften. Ich schleppe zum Beispiel seit dem documenta-Besuch die »Monopol«-Ausgabe 7/2007 mit mir herum, vom Juli, 3. Jahrgang, 24. Ausgabe insgesamt. Gestern verarztete ich sie nun, zwar nachdem ich die FAS gekauft, aber bevor ich diese gelesen habe.

    Ich begann ganz hinten (S. 162) mit dem Eduard-Beaucamp-Interview, das Florian Illies persönlich führte. Es geht erwartungsgemäß gegen die zeitgenössische Kunst (und das in »Monopol«; hehe!): »Seit Jahren habe ich keine wirklich fundamentale Ausstellung, nach Neo Rauch keinen bedeutenden Künstler gesehen.« (Vgl. hier.) Am Ende entschuldigt sich Beaucamp für seinen Wutausbruch, insistiert aber:

    »Ich würde mich so gerne belehren und bekehren lassen. Aber ich glaube, die Kunst ist in der gesellschaftlichen Verfassung, in der wir sind, nicht mehr zu retten.«

    Ansonsten verdanke ich dem Interview auch das schöne Wort »Zeitgenossen-Freaks«. Dann weiter, sehr gut Christian Trösters Porträt über den Jeff-Koons-Sammler Dakis Joannou (S. 68-74, mit Gruß an den herrlichen roten Balloon Dog, der im Patio aufgestellt ist).

    Dann gibt es noch den absoluten Scoop, nämlich das letzte Immendorf-Interview ever (S. 90-95). Und den absoluten Anti-Scoop, nämlich ein Besuch der Alte-Meister-Sammlung auf Schloss Wilhelmshöhe, und das mitten in der Beilage zur documenta, nicht schlecht.

    Die »Dürer, ich führe!«-Aktion mit Prominenten (Durs Grünbein, Sido) ist dann wieder ein Beweis für den unterhaltsamen Aktionismus der Zeitschrift.

    Und sehr gut ist dann noch die »Vielflieger-Kolumne« von Klaus Biesenbach. Warum? 1. Weil es vor allem um Caravaggio geht. 2. Weil endlich mal der Schreibort ausführlich angegeben wird: »Geschrieben in der Bar del Mattatoio, Piazza Orazio Giustiniani 3, Rom.« [sic!] Sowas muss Schule machen.

    Viele Grüße:
    Paco, Cafe Mozart, 17 Swains Lane, Highgate, hinten rechts, gleich neben dem Tortenregal.

  • Der Prado in 10 Minuten

    Wir trafen uns gestern Vormittag etwas verspätet, weil wir offenbar alle noch unabhängig voneinander irgendwo die S-Zeitung gekauft hatten (2,70 EUR). Da stand nämlich ein »Curb Your Enthusiasm«-Artikel von Jochen Schmidt drin (siehe hier und hier), den wir alle schon im Gehen gelesen hatten, untermalt von den zwitschernden Ampeln Madrids.

    Wir standen also vor dem Prado und warteten auf Sébastien2000 (* Name geändert). Dique kannte ihn, weil er vor Jahren auch mal als Speed Guide im Prado gearbeitet hatte.

    Speed Guides machen Führungen für Leute mit wenig Zeit und Geduld, die »only the key facts« (Werbeprospekt) wissen möchten bzw. diese sowieso schon kennen und nur schnell ein Gefühl für die Räumlichkeit bekommen wollen, damit sie hinterher sagen können, was wo hängt.

    Ein Rundlauf dauert 10 Minuten, dann steht man wieder vor dem Eingang und kann den Prado abhaken. Speed Guides sind nicht offiziell anerkannt und werden auch selten gebucht, weil sich 80 Euro für 10 Minuten nur Businessleute leisten wollen.

    Die Gruppe musste gerade gestartet sein, denn wir sahen 7 Anzugträger hinter Sébastien2000 herrennen, der ihnen kommandoartig Dinge zurief. Wir schlossen schnell auf und bekamen dann alles mit:

    Wir passierten die Raffaels – »Dreieckskomposition, da und da, rot, blau, angedeutete Landschaft, bei Patinir nachher dann mehr davon«.

    Kurz ein Schlenker rein zu Rogier van der Weyden, Kreuzabnahme Christi – »hier, Altar, 3D-Effekt usw.« – und den Boschs – »kommen Sie, nicht aufhalten, El Bosco, so heißt hier also Bosch, Sie wissen das, aber es klingt so gut, deshalb noch mal, El Bosco, El Bosco, Garten der Lüste, der Baummensch, da und da, Sie gähnen zu Recht, deshalb auch gleich weiter zu …

    … Parmigianino, eines der besten Frühwerke ever, die Heilige Barbara, sehr günstig gehängt, sieht man auch von Weitem noch, haben Sie schön gemacht hier, den Effekt haben wir auf dem Rückweg, jetzt bitte kurz hierher …

    … zu Correggio, da und da, und dann noch Bernardino Luini natürlich, diese Madonna, die sollten Sie sich mal aufschreiben …«

    Einer der Businessleute fragt kurz nach dem Leonardo-Einfluss bei Luini, dafür ist dann 20 Sekunden Zeit, die wir wieder aufholen müssen, indem wir ohne weitere Verzögerung die Treppen in den 3. Stock hocheilen, denn: »Das war es eigentlich im 1. Stock, weiter weiter, mir nach.«

    Irgendwann entgleitet San Andreas die Kamera und springt noch ein paar Stufen nach unten, aber die Ixus-Modelle halten das ja bekanntlich aus. Angeblich ist der Aufprall auf der Horizontalen sogar ein Feature, bei dem automatisch der Weißabgleich ausgeführt wird, wie auch immer das vonstatten gehen soll, hehe.

    Oben dann an den Goyas vorbei, »schauen Sie nicht hin, lohnt sich nicht«, hinter in die äußerste Ecke, die Mengs-Porträts, 12 Sekunden für Karl III. und Frau, ich bekomme nur Fetzen von den key facts mit, bin völlig außer Puste, Dique auch, er hängt ziemlich durch und wischt sich den Schweiß ins Hemd, und dann geht es auch schon wieder runter in den 2. Stock.

    Vor Las Meninas traubt so eine italienische Reisegruppe, Dique und Sébastien2000 schlagen einen Keil in die Menge, sodass alle kurz ans Bild rantreten können, »achten Sie nicht auf den Maler und den Spiegel, nur auf die Meninas, da und da, sehen Sie, genau.«

    Die Riberas sind dann der eigentliche Hit, zwei der Gruppe bleiben da über Gebühr hängen, vor allem vor der Mannfrau mit der zum Stillen freiliegenden Brust. Dann Murillo, die Hirtenbilder, »ein Wahnsinn«, und dann …

    … gibt es noch einen kurzen Abstecher zu den pinturas negras von Goya, die lohnen sich also offenbar im Gegensatz zu dem Zeug ganz oben.

    Durch den Gang mit den Italienern im 1. Stock hechten wir zurück zum Eingang, Parmigianinos Heilige Barbara sieht tatsächlich wunderhübsch aus, wie man so an ihr vorbeirennt, und dann sind 9 Minuten und 32 Sekunden vorbei, da ist noch Zeit, etwas Trinkgeld zu geben.

    Und einer will wissen, was jetzt eigentlich mit dem angekündigten Patinir ist.

    Sébastien2000: »Ach so, genau, hatte ich ja eben kurz angedeutet, da gibt es diese herrliche Ausstellung im 2. Stock. Mach ich jetzt gleich im Anschluss, falls Sie 3 Minuten Zeit haben. Kostet 40 Euro.«

    »Das geht ja.«

  • Die National Gallery und die Freunde der Wunst

    Wie wir alle wissen, wird der »Evening Standard« am Freitag gelesen. Dann stehen die Chancen gut, fuer schlaffe 50p einen ausgiebigen Erguss vom oft angenehm biestigen Brian Sewell vorzufinden. Und letzten Freitag wurde ausgeteilt.

    Die National Gallery laedt seit kurzem zeitgenoessische Kuenstler dazu ein, sich von den Alten Meistern der Sammlung inspirieren zu lassen und das Aggregat dessen dort auszustellen. Was dabei herauskommt, bringt Sewell auf den Punkt:

    »we have had to endure dreadful stuff from Auerbach, Kossoff, Freud and Peter Blake, and now the currently favoured artist, Yinka Shonibare, has dipped below even their dismal standards with one installation in the splendid Barry Rooms and another, its explanation, in Room One.«

    In der National Gallery haengen Holbeins »Ambassadors«, Caravaggios »Supper at Emmaus«, da Vincis »Madonna of the Rocks«, Bronzinos »Allegory with Venus and Cupid«, Rubens‘ (wie immer gut gemaltes!) »Massacre of the Innocent« etc. etc. etc. Und irgendjemand dachte sich wohl, was machen wir hier mit diesen alten Bildern, die koennen wir doch nicht so sinnlos an der Wand haengen lassen, die brauchen ein bisschen mehr Pepp, und herausgekommen ist die selten dufte Idee zur Ausstellung »Scratch the Surface«.

    Normalerweise kann ich irgendwelche New Kunst on the Block meiden, wenn ich sie fuer zweifelhaft halte, so wie ich Mohnkuchen mit Rosinen meide. Nun aber soll eine Altmeistersammlung nicht mehr als Fixpunkt der Kunstgeschichte dienen, sondern wird mit einer gewollt kunstigen Zusatzveranstaltung bestueckt. Schon Karl Valentin sagte, dass Kunst von koennen kommt und nicht von wollen, denn sonst wuerde es ja Wunst heissen. Und Sewell uebernimmt den Rest:

    »The National Gallery once set standards of connoisseurship, scholarship and presentation; it has now abandoned them. The National Gallery was once elite, but the retiring director would rather run a mile than take pleasure in that word; elite, however, is precisely what it should be, superior, illustrious, pre-eminent.«