Kategorie: Kunstkunst

  • Frieze, Zoo, Manifesto Marathon

    »Erstaunt über die Dinge und wegen meiner Unwissenheit fragte ich einen von meinen Kölner Freunden mit jenem Vergilvers: ›Was will die Menge am Flusse? Was verlangen die Seelen?‹« – Petrarca

    Frieze Art Fair, und in der Stadt brodeln die Kunstevents in deren Fahrwasser. Neben der Frieze im Regent’s Park gibt es die Zoo in der Royal Academy und in der Serpentine Gallery den Manifesto Marathon, und da bin ich gerade, und es lesen Ingo Niermann und Zak Kyes.

    Ich bekomme das Gelesene nur fetzenweise mit, höre aber immer wieder das Wort ›Vril‹, eine Art Kraft, welche sich die Menschen nutzbar machen können. Ich denke natürlich an »The Coming Race« von Edward Bulwer-Lytton. Ich las das Buch auf Deutsch, »Vril oder Eine Menschheit der Zukunft«.

    Vril ist eine geheimnisvolle Kraft, welche eine unter der Erde lebende Zivilisation beherrscht. Jeder Verschwörungstheoretiker denkt dann natürlich an die Vril-Gesellschaft, eine angebliche Geheimgesellschaft, die sich ihren Namen angeblich von Bulwer-Lyttons Buch geliehen haben soll. Ich nehme das so hin und rede darüber, bis ich darauf hingewiesen werde, dass Niermann nicht ›Vril‹ sagte, sondern ›Drill‹.

    Conan O’Brien hatte früher den Sidekick Andy Richter, und ich erinnere mich an einen Sketch, in dem die beiden im Central Park sind und plötzlich »the Woody Allens« sehen. Man sieht also einige Leute herumlaufen, die wie Woody Allen gekleidet sind, also »the Woody Allens«, sehr bizarr.

    Ich erinnere mich daran, weil ich gerade Gilbert & George über die Wiese spazieren sehe, es sind nur die beiden, also Gilbert und George, aber mir kommen sie wie viel mehr vor, und ich sitze wie geplant mit Stefan von rebell.tv auf einer Bank unweit der Serpentine Gallery, und er winkt ihnen zu, und Gilbert (oder George?) winkt zurück.

    Die Lesungen finden mehr oder weniger unter freiem Himmel statt, in diesem Holzgebilde von Frank Gehry, welches schon seit ein paar Monaten vor der Galerie steht. Kurz bevor Yoko Ono liest, gehen wir essen.

  • Der Rilke-Panther unter den Geysiren

    »Unbedingt vermeiden«: Die aus »Ferien für immer« bekannte Rubrik für alle, die unterwegs sind, bekommt heute mal einen neuen Eintrag: den »Brubbel«.

    Brubbel ist ein Kaltwassergeysir, der einzige des europäischen Festlandes. Heißt es. Und also für jeden Wanderer in der Gegend eine Reise wert. Dachten wir. Weil man bei Geysiren ja immer gern an Island und Naturgewalten denkt, eventuell auch an Erdspuk und Gespenster von Judith Hermann.

    Doch: Deutschland ist nicht Island, und Brubbel in der Vulkaneifel ist vielleicht geologisch ein Geysir; rein optisch könnte er auch ein Dorf-Springbrunnen mit Intervallschaltung sein oder, das noch viel mehr, die verdreckte Kneipptretanlage von Wallenborn.

    Brubbel ist ein domestizierter Geysir, aber was für einer. So ziemlich der worst case dessen, was einem Geysir passieren kann: Eingefasst in eine kreisrunde Betonschalung mit Metallbrüstung drumherum darf Brubbel (auch bei YouTube) alle 30-35 Minuten brubbeln.

    Wie wir ums Brubbel-Gitter stehen und warten, dass das passiert, gehen uns, zwei Dumme, ein Gedanke, die Lyrics nicht mehr aus dem Kopf:

    Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe / und hinter tausend Stäben keine Welt.

    Natürlich, das hier ist der Rilke-Panther unter den Geysiren. Und hatte »R.M.R« nicht sowieso ein Faible für alles, was sprudelt? Fontänen? Vielleicht müssen die Philologen ja noch mal ran, und am Ende beschreibt der Panther-Knacker der deutschen Literatur gar keine Kreatur im Pariser Jardin des Plantes … all das passiert hier, im Wasser-Verlies von Wallenborn:

    Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille / sich lautlos auf

    … das ist genau der Moment (bei YouTube die Min. 0:20), in dem sich unter dem armseligen Drahtkäfig die braune Brühe hebt und anzeigt, dass Brubbel, nun ja, gleich kommt.

    Und wie er das (bitte schön spritzsicher hinter dem Geländer) vor aller Augen tun muss,

    der sich im allerkleinsten Kreise dreht,

    mit einem

    »Tanz von Kraft um eine Mitte, / in der betäubt ein großer Wille steht«

    Sogar der tolle Umstand, dass Brubbel, wenn er kommt, bis zu 3 Meter hoch kann, ist dann doch eine ziemliche Porno-Nummer für Touristen: Man verengte vor ein paar Jahren einfach den Durchmesser der Bohrleitung. Das erhöhte den eruptiven Druck und gibt der ganzen Geschichte sowieso den Rest, denn Brubbel kam ja nie naturgewaltig ans Licht der Welt: Er wurde, wie die örtliche Website in seltsamer Diktion vermeldet, 1933 »in seiner Einmaligkeit ›geschaffen‹«.

    Wie gesagt, bitte unbedingt vermeiden.

  • Bratwurstmuseum

    Auf der A4, unterwegs von West nach Ost, hatten wir mal eine Panne, glücklicherweise, denn sonst hätten wir sicher nie etwas vom – Achtung! – 1. Deutschen Bratwurstmuseum gehört.

    Einen halben Kilometer vor uns lag die Abfahrt ›Wandersleben‹. Wir schafften es mit dem zerrissenen Reifen noch bis zum Autohof, der gleich hinter der Abfahrt liegt. Und da leuchtete uns dieses Schild entgegen:

    A4, Abfahrt Wandersleben, Hinweissschild Bratwurstmuseum

    Feuer und Flamme für eine solch abstruse Museumsidee wechselten wir den Reifen, fuhren durch Mühlberg, an Röhrensee vorbei und weiter Richtung Wachsenburggemeinde, die anhand der schön aussehenden Wachsenburg schon von weitem leicht zu erkennen ist.

    Das 2006 gegründete Museum befindet sich dann im Ortsteil Holzhausen und wird von freundlichen Museumsleuten betrieben, die mit ihrer umfassenden Kompetenz auch jede Nietzsche-Gedenkstätte betreuen könnten. Es gibt zwei Etagen, in der unteren wird es gleich ganz realistisch: Zu den Ausstellungsgegenständen zählen Fleischwölfe, Brühtröge, Hackklötze, Speckhobel, Schlachtermesser, Fleischerbeile, Bolzenschussgeräte.

    Zur Ablenkung sind an allen Wänden Volksmund-Verse verteilt: »In der allergrößten Not / schmeckt die Wurst / auch ohne Brot«. »Was Karl August unter Thüring’s Fürsten / ist die Bratwurst unter Thüring’s Würsten«. Unter der Headline »Die Bratwurst in Kunst und Kultur« wird u. a. die Titelseite des Buches »Wurstologia et Durstologia« (1662) präsentiert, das von einem Spezialisten namens ›Marcus Knackwurst‹ geschrieben worden ist.

    Aus der oberen Etage kam mir eine Bratwursttouristin entgegen, die wie in Trance zu sich selbst sagte: »Bratwurst, Bratwurst, Bratwurst. Nichts als Bratwurst.« Ich schaute sie verwundert an, doch mit ihrem Tunnelblick schien sie das überhaupt nicht zu bemerken. Die ganze Museumsidee musste bei ihr eine kognitive Dissonanz ausgelöst haben.

    Im oberen Ausstellungsraum geht es vor allem darum, wie die Botschaft der Bratwurst in alle Welt getragen wird (»J’aime la Bratwurst« usw.). Die in Portugal ansässige letzte Bratwurstbude vor Amerika wird erwähnt. Außerdem gibt es Schautafeln zur Geschichte der Bratwurst. Dort steht dann sowas:

    1. Jh. v. u. Z.: Bratwurstrezept im ersten römischen Kochbuch von Apicius (römischer Feinschmecker und der bekannteste Kochbuchautor der Antike)

    um 50: Der römische Dichter Petronius berichtet im Satyricon über »noch rauchende Bratwürste auf einem silbernen Roste«

    Auch eine Anekdote des Bratwurstessers Goethe findet sich natürlich. Die erste urkundliche Erwähnung einer Thüringer Bratwurst erfolgte übrigens am 20. Januar 1404. An diesem Tag wurde in der Propsteirechnung des Arnstädter Jungfrauenklosters der Kauf von Bratwurstdärmen vermerkt: »1 g[roschen] vor darme zcu brotwurstin«. Dem entsprechend kann man einen Blick in eine klösterliche Schreibstube um 1404 werfen. Am Katheder steht Propst Johann von Siebeleben, einen Federkiel in der rechten, eine Bratwurst in der linken Hand.

    Es gibt natürlich auch so eine Art Museumscafé, und da entschieden wir uns für die Empfehlung des Tages:

    J'aime la Bratwurst!

  • In Brügge

    »In Bruges« ist der beste Film des Jahres und auch des letzten und bestimmt auch des nächsten. Nun bin ich selbst in Brügge, und normalerweise wäre hier alles ganz Memling und van Eyck, doch jetzt ist hier alles »In Bruges«. So richtig Memling wird es erst wieder im Memling-Museum, ist ja nicht verwunderlich. Dort, im alten Johannishospital, steht neben einer guten Handvoll anderer Memlingwerke auch der wunderbare von ihm selbst bemalte Ursula-Schrein, welcher zu besonderen Anlässen und immer am Tag der Heiligen bei Prozessionen herumgetragen wurde.

    Doch bevor ich dort sein werde, gehe ich erst mal ein bisschen durch die Stadt. Wenn ich einen iPod besitzen würde, dann würde ich jetzt das Klischee komplettieren und den fabelhaften Soundtrack von Carter Burwell auflegen. Ich habe aber gar keinen iPod.

    Trotzdem geht mir das Hauptthema des Scores durch den Kopf, als ich dann vorm Belfried stehe. Es ist neun Uhr morgens, ich bin fast allein, und ich suche, wohl wissend, dass es nur ein Film war, auf dem Kopfsteinpflaster nach Blutflecken und denke an den beängstigenden deutschen Titel: »Brügge sehen … und sterben?«

    Sünde und Sühne. Der entscheidende Mord vor der Verbannung der Hitmen geschieht bei der Beichte, das Opfer ist der Pfarrer selbst (ein Kurzauftritt als Opfer hat hier Ciarán Hinds, dem die Menschheit noch eine Menge Preise und Huldigungen für seine Meisterleistung als Caesar im HBO-»Rome« schuldet!). Aber neben dem Pfarrer trifft es ein zweites Opfer, einen kleinen Jungen, und was ist das für eine herzzerreißende Szene, als Ray den blutigen Zettel aufhebt, auf dem der Junge seine zu beichtenden Sünden notiert hat:

    1. Being moody
    2. Being bad at maths
    3. Being sad

    Gleich im Anschluss sieht man Ken und Ray durch das Groeninge Museum spazieren. Ray steht vor dem Gemälde von Gerard David, »König Kambyses und der Richter Sisamnes«, und da stehe ich auch gerade. Wegen Bestechlichkeit wird dem Richter Sisamnes die Haut abgezogen. In der schauerlichen Szene hat einer der Schergen bereits das Bein von Sisamnes gehäutet. Der Audioguide erklärt mir etwas zum limitierten Anatomieverständnis der flämischen Primitiven, die Venen liegen nicht direkt unter der Haut …

    Um die Ecke des Groeninge, in der Liebfrauenkirche (Onthaalkerk Onze-Lieve-Vrouw), gibt es eine Madonna mit Kind von Michelangelo (ja, hier in Brügge!), und nach dem Diptychon von Gerard David tut der Anblick marmorner Schönheit sehr, sehr gut. Hier, in dieser Hochburg der nordischen Renaissance, wirkt diese italienische Leichtfüßigkeit besonders stark, ohne dass ich jetzt qualitative Vergleiche ziehen will. Michelangelo passt hier auch thematisch gut rein, ok, das war auch eine Generation nach Gerard David, aber er war ja einer der ersten Künstler, der Leichen sezierte, um den Körperaufbau genauer studieren zu können.

    Ken und Ray bekommen die wunderschöne Madonna nicht zu Gesicht. Sie verweilen im Groeninge vor dem »Jüngsten Gericht« von Bosch und führen diesen Dialog:

    Ken: It’s Judgment Day, you know?
    Ray: No. What’s that then?
    Ken: Well, it’s, you know, the final day on Earth, when mankind will be judged for the crimes they’ve committed and that.
    Ray: Oh. And see who gets into heaven and who gets into hell and all that.
    Ken: Yeah. And what’s the other place?
    Ray: Purgatory.
    Ken: Purgatory … what’s that?
    Ray: Purgatory’s kind of like the in-betweeny one. You weren’t really shit, but you weren’t all that great either. Like Tottenham. (Pause.) Do you believe in all that stuff, Ken?
    Ken: About Tottenham?

    Auf dem Bild tummeln sich die üblichen Bosch-Gestalten, ein Reptil mit Menschkopf und langem roten Zipfelhut schaut zu, wie eine Menschengruppe einen großen Schuh in einem schwarzen Fluss zu einem Schiff umfunktioniert; in einem Fass, umringt von nackten Gestalten, scheint jemand gegart zu werden; etc. Fast einen ganzen Film lang erlebt Ray das Jüngste Gericht am eigenen Leib. Auf einem Filmset mitten in Brügge, in feinem (Brueghel’schem?) Neuschnee wird Ray erschossen, und an ihm vorbei ziehen fratzenhafte Gesichter, mit und ohne Masken, und er entdeckt seine ganz persönliche Hölle:

    »And I thought, if I survive all of this, I’d go to that house, apologize to the mother there, and accept whatever punishment she chose for me. Prison, death, didn’t matter. Because at least in prison and at least in death, you know, I wouldn’t be in fuckin’ Bruges. But then, like a flash, it came to me. And I realized, fuck man, maybe that’s what hell is: the entire rest of eternity spent in fuckin’ Bruges.«

  • Der Mauerkaiser mit dem Bart

    · für Marcuccio ·

    Brian Sewell hatte das Glück, sich die Hadrian-Ausstellung »Empire and Conflict« im Reading Room des British Museum, abgesehen von den Teppichverlegern, allein anzusehen. Den ersten Absatz seines Reviews für den Evening Standard widmete er der allgemeinen Lage des ständig neue Besucherrekorde aufstellenden British Museum:

    »But when I left the domed Reading Room that is the exhibition hall inherited from the Chinese terracotta warriors, it was to descend into the mayhem maelstrom of the Great Court and have my meditative mood cut short, all reflection swept away by the heaving tide of bodies and the uproar that they make.«

    Ich musste schon durch den Malstrom des Great Court, um in die Ausstellung zu gelangen. Unter dem Kuppeldach des Reading Rooms ist es kühl und dunkel und man taucht gleich ein in die Hadrianwelt und es gibt eine Menge Hadrian zu sehen. Zuallererst diesen riesigen Schädel, den man erst kürzlich irgendwo in der Türkei ausgegraben hat. Die gesamte Statue soll um die fünf Meter hoch gewesen sein. (Vielleicht ist das der missing link zur vierzehigen Monumentalstatue aus »Lost«?)

    Aber zweieinhalb Stunden später dann eben wieder in diesen Malstrom, und die Stimmung ist einfach im Eimer, da muss man Sewell einfach Recht geben. Wie in jeder Ausstellung in Großbritannien endet man direkt im Shop, nicht daneben, nicht gegenüber. Man spaziert direkt auf eine lebensgroße Antinous-Statue zu, eine Replik vom Original in der Ausstellung, und man kann sie kaufen, für 15.000 GBP in Resin und für nur 10.000 GBP in Gips.

    Aber bleiben wir lieber in der Ausstellung. Der architektur­begeisterte Hadrian ließ ja das Pantheon bauen, also neu bauen, nachdem der durch Marcus Agrippa errichtete Vorgängerbau um das Jahr 80 herum abgebrannt war. Freundlicherweise ließ Hadrian aber den prominenten Spruch, der auf den ursprünglichen Baumeister verweist, über dem Eingangsportal stehen:

    M AGRIPPA L F COS TERTIVM FECIT

    In der Ausstellung kann man die kleine Anekdote über den Hobbyarchitekten und Kuppelfreund Hadrian hören, der, bevor er Trajan als Imperator nachfolgte, dem Architekten Apollodorus einen Designverbesserungsvorschlag machte, welchen dieser mit der Bemerkung ablehnte, dass er sich besser trolle und »seine Kürbisse« male. Das Pantheon ein großer Kürbis.

    Es gibt ein beeindruckendes Modell des Pantheon zu sehen (das kann man leider nicht im Museumsshop erwerben), und das steht natürlich genau unter der Kuppel des Reading Rooms, in dem die Ausstellung stattfindet. Und diese Kuppel ist ja, wie jede große Kuppel nach dem Pantheon, der Mutter aller Kuppelbauten, an eben dieses angelehnt.

    Gleich daneben gibt es dann ein paar Fotos von anderen wichtigen Kuppeln zu sehen. Es ist nur eine kleine Auswahl, die Hagia Sophia und die Süleymaniye-Moschee, beide in Konstantinopel, Brunelleschis Duomo in Florenz, die Kuppel des Reading Rooms, unter welcher wir uns gerade befinden, und noch eine: die nie gebaute Kuppel für die »Halle des Volkes« für Hitlers Traumwelthauptstadt Germania.

    In den Rezensionen zur Ausstellung wird Hadrian mehrheitlich als moderner Kaiser gefeiert und aktuelle Parallelen werden gezogen. Weil er sich nach seiner Machtübernahme sogleich aus dem heiß umkämpften Mesopotamien zurückzog und überhaupt wegen allgemeiner Friedensbemühungen, und das kommt natürlich immer gut, und vielleicht stand das so in dieser Richtung in den PR-Unterlagen der Veranstalter. Erfrischenderweise sieht Brian Sewells Beitrag das anders:

    »These parallels may seem significant to the naïve, but they are irrelevant – Hadrian was wholly a man of his time, not ours, and any dictator we might set up as an example from our day, Hitler, Stalin, Ceausescu and the tyrants of the Middle East, is a transitory ninepin in comparison, for what Hadrian achieved politically in the two decades of his rule had lasting influence – for two centuries and more, and his architectural legacy has lived on for almost two millennia«.

    Von den zahlreichen weiteren Objekten der Ausstellung beeindrucken zwei Pfauen aus Bronzeguss, welche normalerweise in den Vatikanischen Museen in Rom zu bewundern sind. Sie wurden im Castel Sant’Angelo gefunden, der Engelsburg, auf der neulich, in unserer kleinen Geschichte über den Sacco di Roma, Benvenuto Cellini Kanonen auf das spanisch-deutsche Söldnerheer abfeuerte und die ursprünglich Hadrians Mausoleum war.

    Ebenfalls von ausgezeichneter Qualität ist die Büste des jungen Marcus Aurelius. Es gibt überhaupt sehr viele Büsten zu sehen. Sie sind sehr schön über die Ausstellung verteilt, mal einzeln, mal im Cluster. Gleich zu Anfang zum Beispiel gibt es eine Büstengruppe von Hadrians engstem Familienkreis, später dann, natürlich unter der Kuppel, starrt Agrippa allein von einer Säule.

    Ach so, ja, eh ich das vergesse, Hadrian hatte einen Jüngling zum Geliebten, mit dem er gern Löwen jagte und der dann irgendwann im Nil unter leicht verschwommenen Umständen ertrank, und er trug Vollbart, Hadrian, nicht Antinous, unter römischen Kaisern eher unüblich, aber das hatte vielleicht mit seiner Liebe zu allem Griechischen zu tun, einige seiner Untertanen nannten ihn deshalb sogar ›Greekling‹.

    In Großbritannien ist Hadrian besonders beliebt wegen seiner die Insel in der oberen Hälfte teilenden Mauer, damals erbaut zum Schutz gegen die nördlichen Inselbewohner, also eine Art antischottischer Schutzwall. Die Mauer, der Wall, war nicht lange in Betrieb, aber die Reste kann man immer noch entlangwandern, und erst kürzlich las ich von jemandem, der die Insel in neun Tagen den Wall entlang durchmessen hat. Und das ist auch mein Vorschlag zum nächstjährigen Betriebsausflug des Umblätterers.

    Kurz bevor der bärtige Mauerkaiser starb, soll er folgende Worte gedichtet haben.

    »Little soul, little wanderer, little charmer,
    Body’s guest and companion,
    To what places will you set out now?
    To darkling, cold and gloomy ones –
    And you won’t be making your usual jokes.«

    Mit diesen Worten endeten Hadrians (physisches) Leben, die Ausstellung und dieser Text. Und ich dränge mich durch den Malstrom des Great Court und habe großen Appetit auf Kürbiscremesuppe.

  • Sacco di Roma

    Den Artikel von Andreas Kilb zur Sebastiano-Ausstellung in Berlin hatten wir schon. Er beginnt mit einer Schilderung des Sacco di Roma:

    »Am 6. Mai 1527 stürmt eine panische Menschenmenge in die Engelsburg. Rom befindet sich im Ausnahmezustand: Ein spanisch-deutsches Söldnerheer hat die Mauern erstürmt, zum ersten Mal seit den Gotenkriegen ist die Stadt in die Hände einer feindlichen Armee gefallen.«

    Unter denen, die Einlass in die Engelsburg erlangten, befand sich auch Sebastiano del Piombo, und die Erlebnisse um den Sacco di Roma scheinen tiefe Spuren in seinem Leben hinterlassen zu haben. Kilb erwähnt in seinem Artikel einen Brief, den Sebastiano zwei Jahre später an seinen Freund Michelangelo schrieb:

    »Ich bin nicht mehr der alte Bastiano, der ich vor dem Sacco di Roma war, ich komme immer noch nicht wieder zu Verstand.«

    Ich komme erneut auf diesen Artikel zurück, weil ich gerade die Autobiografie von Benvenuto Cellini lese, Zeitgenosse Sebastianos, Goldschmied, Bildhauer, Musiker und Schriftsteller, ein uomo universale der Renaissance.

    Auch er befand sich im Gefolge des Medici-Papstes Clemens VII. auf der Engelsburg, beteiligte sich selbst an den kriegerischen Auseinandersetzungen und bewies, anders als Sebastiano, fast schon Jünger’sche Kriegslust:

    »My drawings, my wonderful studies, and my lovely music were all forgotten in the music of the guns, and if I told in detail the great things I did in that cruel inferno I would astonish the world.«

    Nun dachte ich, dass Benvenuto und Sebastiano sich doch mal über den Weg laufen würden in der belagerten Burg, schließlich war Sebastiano in Abwesenheit Michelangelos der wichtigste Maler in der Stadt, aber er wird nicht erwähnt. Erst viel später und in anderem Zusammenhang kommt Cellini in seiner Autobiografie auf ihn zu sprechen.

    Ebenfalls in der Stadt hielt sich Parmigianino auf, allerdings nicht auf der schützenden Engelsburg. Er war in seinem Studio und arbeitete an einem Bild, welches Vasari wie folgt beschreibt:

    »… he painted in the air the figure of Our Lady who is reading and has the Christ Child between her knees, while on the ground below he showed, kneeling on one knee, the figure of St John, who turns his body and points to Christ, in an extraordinarily beautiful attitude, and also here on earth the foreshortened figure of St Jerome in Penitence, lying asleep.«

    Dieses wunderbare Altarbild hängt heute in der Londoner National Gallery, und neben Bronzinos berühmter »Allegorie« ist es das beste manieristische Werk dieser Sammlung. Jedenfalls bemerkte der in seine Arbeit vertiefte Parmigianino nichts von den marodierenden Truppen in der Stadt, auch nicht, als diese bereits in sein Haus eindrangen, und Vasari zufolge wäre es um ein Haar um den Kleinen aus Parma geschehen gewesen:

    »But when they reached him and saw him at work, they were thunderstruck at the painting which they saw, and, like the gentlemen they must have been, let him continue. And so while the poor city of Rome was being devastated by the impious cruelties of those barbarian troops, profane and sacred things alike, with no respect to God or men, Francesco was provided for and greatly honoured by those Germans, and protected from all harm.«

    Es geht sicher nicht nur mir so, aber immer mal wieder kommt es dazu, dass Leute erzählen, was sie am 11. September gemacht haben, also wann haben sie es erfahren, wo waren sie und was haben sie gemacht und gedacht, und dann ist der nächste dran, und wenn man Pech hat, geht es dann reihum. Erst vor ein paar Tagen gab es mal wieder so eine Nummer, dieses Mal war auch jemand dabei, der zu dieser Zeit gerade in New York war, alles gesehen, hundert Meter entfernt, konnte den Piloten erkennen, was haben wir gegähnt … was ich mich aber frage ist, ob denn in den Jahren nach dem Sacco di Roma auch so gesprochen wurde. Das wäre auch mal ein Vorschlag für einen Film zum Thema: »Sacco di Roma – Wo warst du am 6. Mai?«

  • Sowjetkunst in Riga

    Zwei Tage in den Outskirts von Panevēža. Ernährung: Alte Mars-Riegel, die laut Aufschrift כשר sind. Heute dann über die Grenze und weiter nach Riga. Direkt in die Ausstellung »The Mythology of Sovietland« (»Мифология Страны Советов«). Das LNMM hat die Keller voll mit Werken des sozialistischen Realismus, die während der sowjetischen Herrschaft geschaffen wurden. Da wird es Zeit, dass sie ein paar davon mal ans Licht holen.

    Es sind ausschließlich lettische Künstler zu sehen, die der kunstpolitischen Doktrin ausgesetzt waren und ihr eben mehr oder weniger freiwillig folgten. Ergänzt wird die Schau um ein paar Werke aus Moskau und Leningrad, insg. sind dort dann ca. 120 Gemälde und 50 Skulpturen zu sehen. Dort: im Arsenal, dem 1830 hochgezogenen Packhaus, das mal als Lager für den Zoll diente und heute für Wechselausstellungen genutzt wird.

    Roberts Tillbergs, Marx und Engels beim Verfassen des Kommunistischen Manifests (1947)In der Eingangshalle, rechts am Ticketschalter vorbei, hängt zur Einstimmung ein Gemälde von Jānis Roberts Tillbergs: »Marx und Engels beim Verfassen des Kommunistischen Manifests« (1947). Zwei gutbürgerliche Herren – Engels lehnt am Tisch, in der Hand etwas, das wie ein Kontrollbogen aussieht (»Haben wir alles? Was fehlt noch?«). Marx sitzt und blickt zu seinem Ko-Autor auf, die rechte Faust auf ein paar Papiere gestützt, als besiegele er jetzt mal alles.

    Wegen dieses Eröffnungsgemäldes erwähne ich gleich auch mal das Haupt-Textdokument der Ausstellung. Es handelt sich um eine Liste aus dem Jahr 1941 (»File 627 of the Latvian State Archives«), die malbare, der neuen Sowjetmacht genehme Sujets versammelt. Man suchte sich dann als aufstrebender Künstler offenbar einfach was aus, so wie Tillbergs bei seinem Marx-Engels-Bild. Die Liste fängt so an:

    Tēma sižets
    1) Portrejas:   b. Markss
    b. Engelss
    b. Ļeņins
    b. Staļins

    Da es nur um lettische Sowjetkunst geht, wird der Kampf zwischen der abstrakten und der figürlichen Richtung, der in den 20er-Jahren tobte, leider nicht in der Ausstellung abgebildet. Das Figürliche galt den Avantgardisten und überhaupt jeder halbwegs modernen Bewegung als überkommener Aristokratenkram, als bürgerlicher Zufriedenheitsschrott. Am Ende siegte diese Richtung aber doch, da Stalin wie viele Dictators lieber Dinge ankuckte, die er gleich verstand. Beendet war dieser Kampf im Jahr 1934 mit dem 1. Kongress des gerade gegründeten Schriftstellerverbandes. Danach galten die Regeln des sozialistischen Realismus.

    Ojārs Ābols, Lettische Künstler im Jahre 1919 (1968)Immerhin muss es Modernisierungsversuche gegeben haben, in der Ausstellung sieht man das vor allem an einer Stelle, anhand des Gemäldes von Ojārs Ābols: »Lettische Künstler im Jahre 1919«. Das Gemälde stammt von 1968 und ist nur so abstrakt, dass es gerade noch als Realismus durchgeht. Wir sehen drei Künstler, fast frontal, die bei der Planung irgendwelcher Festivitäten mithelfen, laut Infotafel der Feiern zum 1. Mai 1919. Im rot gehaltenen Hintergrund prangt eine Sonne, außerdem defiliert ein Fahnenträger vorbei. Es gibt noch einige andere narrative Linien, deren Interpretation ich hier lieber auslasse.

    Džemma Skulme, Volksfest (1955)Mehr Avantgarde gibt es in der Ausstellung nicht zu sehen. Stattdessen massenhaft Tschekisten-, Stalin-, Lenin-, Veteranen-, Funktionärs-, Arbeiter- & Bauern-Porträts. Auch ist auffällig, wie es auf den Bildern nach 1960 keine lettischen Trachten mehr zu sehen gibt. Auf dem »Volksfest«-Gemälde von Džemma Skulme aus dem Jahr 1955 sieht man sie noch fröhlich durch die Luft wirbeln, irgendwann wurde den Sowjets jedoch klar, dass derlei Folklore den Prozess der Russifizierung stören musste.

    Ein Hammer noch zum Schluss. Am Beginn des Aufgangs zu den momentan gesperrten höheren Etagen hängt das Bild »Gerettete Madonna« (1984/85) von Mikhail Kornetsky. Wir sehen Raffaels »Sixtinische Madonna« aus der Dresdner Gemäldegalerie, die nach dem Krieg von der Roten Armee in sagen-wir-mal Sicherheit gebracht und erst nach Stalins Tod in der Mitte der 50er-Jahre zurück nach Dresden gegeben wurde.

    Mikhail Kornetsky, Gerettete Madonna (1984/85)Der lettische Künstler hat den Raffael als Bild im Bild kopiert, was ihm auch okay gut gelungen ist. Vor dieser Grundierung findet dann das eigentliche Bild statt: Zwei Soldaten bewachen das sichergestellte Großgemälde samt einer Expertin, die mit einer Lupe hantiert. Kornetsky scheint dabei ein paar Probleme mit der Perspektivität zu haben: Die MP des rechten Soldaten (eine PPSch-41) ist recht kühn verzogen, das ist dann fast sozialistischer Unrealismus oder, bei wohlwollender Interpretation, eine Art Reprise des Manierismus.

    Wie auch immer, das Gemälde schickt einem den kalten Kunstgrusel über die Augen, für den heutigen Betrachter thematisiert es sehr eindrucksvoll das waghalsige Leben der Bilder.

    Dann hinaus in die Sonne. Immer, wenn man in der Rigaer Innenstadt ist, sollte man zum Essen in diese Pelmeni-Kantine in der Kaļķu iela (Kalkstr.) gehen und sich für die nächste halbe Woche sattessen. Vor allem, wenn man sich die 2 Tage davor nur von alten Mars-Riegeln ernährt hat.

    (All images courtesy of LNMM. Thanks to Gundega Cēbere!)

  • Mies van der Rohe, Pieter de Hooch

    Ich bin auf dem Weg zum Museu Nacional d’Art de Catalunya (MNAC). In dem riesigen Bau am Fuße des Montjuïc befindet sich irgendwo versteckt ein frühes Gemälde von Pieter de Hooch, das ich für das ongoing de-Hooch-Projekt des Umblätterers in Augenschein nehmen will.

    Zuerst jedoch führe ich am Fuße des Bergs, in der Nähe von M/v/d/Rohes deutschem Pavillon, einige Untersuchungen durch, deren Ergebnisse ich sofort an Dr. Obleser weitermaile, der sich gerade auf Rügen befindet und einige bestimmte Vergleichswerte benötigt.

    Der Pavillon wurde zur Weltausstellung 1929 errichtet, dann gleich wieder abgetragen, 1986 aber wiedererrichtet. Im schön leeren Innenraum vergeht die Zeit, und hoppla, das Nationalmuseum wird jeden Moment schließen, also rase ich in ca. eineinhalb Minuten die Fahrstuhltreppen zum Palau hinauf.

    Ich finde das Bild sofort: »El portador de malas noticias« (»The Bearer of Ill Tidings«), datiert auf ca. 1653/55. Die Beleuchtung ist relativ günstig, man kann ziemlich gut Details erkennen. Ich notiere ein paar Dinge, zum Beispiel in welchem Winkel die Tür geöffnet ist, durch die der Überbringer der schlechten Nachrichten herein­getreten sein muss.

    Forthcoming:

    Kuck, was kommt von draußen rein. – Die Öffnungs­grade von Türen und Fenstern auf den Gemälden von Pieter de Hooch. In:

    Usw.

  • Die Gedenktafel

    Im Englischen Garten. Wir unterhielten uns mit Nicholas Reinke, sicher einer der besten Jungschauspieler around, es ging zunächst um Werner von Haeften, Stauffenbergs Adjutant, den er in der TV-Fiction »Stauffenberg – Die wahre Geschichte« spielt. Das Thema hielt nicht lange, wir konnten gerade noch so das legendäre Boeselager-Interview streifen, das Frank Schirrmacher neulich unmittelbar vor Boeselagers Tod mit diesem geführt hatte.

    Jedenfalls winkte uns dann Marcuccio heran. Die Runde war längst etwas unübersichtlich geworden, und er stand da etwas abseits und unterhielt sich mit einem jungen Bildhauer, der vor sich einige Steintafeln ausgebreitet hatte.

    Eigenen Angaben zufolge studierte er an der ABK Stuttgart und interessierte sich eben besonders für Petrologie, arbeitete auch vorwiegend mit verschiedenen Gesteinen und erzählte uns vor allem von seiner so genannten »Gedenktafel«-Serie.

    Ich war gleich sehr angetan, als mir ein etwa 30×20 Zentimeter großes Steinschild ins Auge fiel, auf dem eingemeißelt war:

    AM 14. FEBRUAR 2002
    BESUCHTE DER SCHRIFTSTELLER
    HELMUT KRAUSSER
    DIESE MÜLLER-FILIALE

    Ich fragte den Künstler sofort, was das sollte, und er meinte, dass Krausser so ein Münchner Autor sei, den er gerne lese, der auch sehr bekannt sei, und in einem seiner Tagebücher habe er eine Stelle gefunden, die eben auf einen Besuch des Schriftstellers in einem Müller-Drogeriemarkt hinwies.

    Der junge Bildhauer sammelte nämlich irgendwie lauter solche auf den ersten Blick banale Anekdoten berühmter Leute und meißelte sie dann in Stein.

    Seine Geschichte stimmte auch noch, via Google Books fand ich sofort die Stelle, in der Krausser kurz von seinem Besuch bei Müller berichtete, und zwar im »Tagebuch des Februar 2002«, auf S. 67 der Erstausgabe (belleville Verlag 2002):

    »In die Stadt. Bei Müller im Tal schmeißen sie Klassik-CDs zum Spottpreis raus. Das Wetter macht mich trübsinnig. (…)«

    Wir gingen dann später noch a. a. O. vorbei (Adresse: Tal 23-25), wo ich dieses Foto schoss:

    München, Müller im Tal

    Im Eingangsbereich wäre auch wirklich noch irgendwo genügend Platz für die schöne ungewöhnliche Gedenktafel. Der aufstrebende Künstler will sein Werk jedenfalls der Filialleitung zuschicken mit der Bitte um Anbringung.

  • Wyndham Lewis

    Eliot überall. Im Hofgarten und am gleichen Tag an der Themse, zwar bin ich nicht rezitierend am Flusse spaziert, aber dennoch hatte ich Eliot im Kopf und in »The Waste Land« heißt es auch passend:

    Sweet Thames, run softly till I end my song,
    Sweet Thames, run softly, for I speak not loud or long.

    Am Embankment dann ein Stück aufwärts sind es nur ein paar Schritte bis zur National Portrait Gallery, und dort gibt es seit Anfang Juli eine Wyndham-Lewis-Ausstellung zu sehen und, mit Eliot befreundet, hat Lewis diesen auch häufig porträtiert.

    Ich muss aber gestehen, dass mich die Porträts von Ezra Pound noch mehr anzogen, besonders eine schwungvolle Bleistiftzeichnung, welche auch in der FT Weekend im Artikel von Jackie Wullschlager, »An angular vision«, abgebildet war.

    In der Ausstellung ist dann eine ganze Wand mit Ezra-Pound-Porträts zu sehen, und noch schöner als das Lockvogelbild aus der FT ist ein Gemälde, welches Pound schlafend zeigt, wohlig zurückgelehnt, eine Zeitung auf dem Tisch.

    Und YouTube sei Dank kann man neben Eliot auch der vibrierenden Stimme von Pound lauschen, mit der er seine eigenen Cantos rezitiert. Beim Suchen fand ich dann eine Verwurstelung anscheinend von und auf jeden Fall mit Jonathan Meese, dessen Kunst mir zwar ziemlich schnuppe ist, aber an den ich gern denke, weil Moritz von Uslar ihn im »Spiegel« mal ganz wunderbar zitiert hat, wie er zu einer lebendigen Kuh liebevoll sagte: »Du süße Maus«, oder so ähnlich.

    Jedenfalls gibt es da bei YouTube dieses Stück »Jonathan Meese – ›Ezra Pound‹«, und das klingt natürlich erstmal alles ganz schrecklich, ist es aber nicht. Zu Samples von »Der Räuber und der Prinz« von DAF hört man eine Rezitation von Pound (»Hugh Selwyn Mauberly, Part I«: »For three years, out of key with his time, / He strove to resusciate the dead art …«), und im Hintergrund hört man Schafe blöken.

    Dazu führen Meese und Konsorten einen irren Tanz auf, und das ist einfach genau DAS GROSSE KINO, welches so gern und so oft herbeizitiert wird. Es scheint sich um einen Teil einer Aufführung an der Berliner Volksbühne zu handeln, mehr weiß ich nicht und google mir deswegen nicht die Finger wund.

    Aber zurück in die Lewis-Ausstellung. Seine besten Bilder entstanden in und um die 20er-Jahre und erinnern ziemlich an die Neue Sachlichkeit. Eines seiner Selbstporträts könnte man bei flüchtigem Blick glatt für Christian Schad halten, aber auch futuristische und kubistische Elemente schwingen hinein und herum.

    Aber gut, was soll die zeitliche Beschränkung, auch spätere Werke begeistern, wie zum Beispiel das 1943er Porträt von Edith Sitwell (auch im Sessel, in grünem Übermantel und mit leicht aufgetürmtem Hut), bei welchem er einfach die Hände weglässt. Das fällt nicht sofort auf, obwohl Sitwell der Meinung ist, dass diese ihr bestes Feature seien, wie man in der Bildunterschrift lesen kann.

    Lewis hat aber nicht nur gemalt, sondern auch geschrieben, und das nicht zu knapp: ganze 17 Titel, mit denen er allerdings gehörig daneben gegriffen hat. Waldemar Januszczak schreibt in seinem Artikel »Wyndham Lewis’s big mistake« in der »Times« dazu:

    Some people drop clangers. Lewis dropped the entire carillon of bells.

    Sein Artikel beginnt folgendermaßen, und vielleicht hätte das auch hier etwas früher kommen sollen, der viel beschworene Wermutstropfen:

    Wyndham Lewis supported Hitler. I mention it straightaway, because I don’t want it looming up later to shipwreck my praise. Supporting Hitler – writing books in favour of the Führer – was Lewis’s greatest mistake as a controversialist. It ruined his reputation as an artist, turned him into a national hate figure and ensured that nobody would ever again take him seriously as a thinker.

    Im Untertitel zu diesem Artikel kommt Januszczak aber zu dem Schluss: »Yes, he was a fascist sympathiser, but the firebrand vorticist Wyndham Lewis is still one of our finest portraitists.« Und das stimmt eben auch.