Kategorie: Buchbuch

  • Pontormo, Rosso Fiorentino, Berberaffe

    Ich fahre übrigens gerade oder schon seit einiger Zeit auf Pontormo ab, der auch Lehrer von Bronzino war. Ich hatte den noch vor einiger Zeit nicht richtig oder mit leichter Missgunst wahrgenommen, aber finde ihn mittlerweile hervorragend.

    Leider sind viele seiner wichtigsten Werke in Fresko nicht mehr erhalten, aus den letzten 20 Jahren seines Lebens gibt es lediglich ein paar Zeichnungen. Ich habe gerade Vasaris Pontormo-Biografie in der Wagenbach-Ausgabe weggebraten und gleich danach noch eine bildbandige Monografie.

    Er war zusammen mit Rosso Fiorentino ein Schüler von Andrea del Sarto, man sieht ganz klar die del-Sarto-Einflüsse, besonders das Dunkle um die Augen, besonders bei Rosso, Pontormo wird dann bei seinen Figuren extrem schlank und fragil.

    Vasari wirft ihm in seiner Biografie ständig vor, hier den deutschen Stil zu kopieren, weil er sich sehr von damals weit verbreiteten Dürer-Stichen beeinflussen ließ. Pontormo war jedenfalls ein ziemlicher Freak, sehr belesen in zeitgenössischer Philosophie und antiken Schriften.

    Er soll in seinem Haus eine Art Turmzimmer gehabt haben, in dem er arbeitete und in das er sich zurückzog, man konnte dieses nur über eine Leiter erreichen, und diese zog er zumeist ein.

    Vasari schreibt außerdem über Pontormos Heim, dass dieses »eher der Behausung eines Phantasten und Eigenbrötlers gleichkommt als einer wohldurchdachten Wohnstätte«. Und weiter: »Doch das, was den Menschen am meisten an ihm mißfiel, war, daß er nicht arbeiten wollte, wenn ihm Zeit und Auftraggeber nicht zusagten, und nur entsprechend seiner Laune.«

    Die Rosso-Vasari-Wagenbach-Biografie las ich auch gleich noch. Von Rosso gibt es noch weniger Arbeiten als von Pontormo, er starb aber auch früher, vielmehr nahm er sich höchstwahrscheinlich selbst das Leben.

    Rosso war wohl ein ziemlicher Exzentriker und hielt sich nach Vasari einen Berberaffen, und »da dieser eine wunderbare Auffassungsgabe besaß, ließ er ihn zahlreiche Hilfsdienste ausführen«. Er liefert eine recht lange Anekdote, wie einer von Rossos Schülern ihn wohl darauf trainiert hatte, im nachbarlichen Kloster Weintrauben zu stehlen.

    Dabei wird der Affe vom Konventsvorsteher erwischt, und es kommt zu allerlei Trubel, und der Affe bricht mitsamt dem Weinstock, der sich um eine Pergola rankt, über dem Ordensbruder zusammen. Wegen der Beschwerde des Bruders wird nach Rosso geschickt, und man »verurteilte den Berberaffen zum Scherz dazu, ein Gewicht an seinem Hinterteil zu tragen, damit er nicht mehr auf Lauben springen konnte wie zuvor«.

    Sehr witzige Geschichte, besonders, wenn sie in diesem zeremoniellen Vasari-Style erzählt wird. Rosso war einer der wichtigsten Maler der Schule von Fontainebleau, neben Primaticcio natürlich. Zu diesem gibt es aber leider noch nicht die Wagenbach-Version der Vasari-Abhandlung.

    Da komme ich auch sofort mal zum nächsten Umblätterer-Betriebsausflug. Im Louvre waren wir schon ein Jahr nicht, damals ja auch eher auf Parmi-Salvatore-Rosa-Ingres-Trip, hier ein Erinnerungsfoto mit mir und Paco (v.l.n.r.) auf dem Weg dahin:

    Dique, Paco, Paris, close to the infamous Louvre

    Doch im Louvre hängen natürlich auch einige Bilder von Pontormo zumindest, aber ebenso von Rosso. Pontormo würde natürlich für Florenz sprechen, denn Ponte war Hofmaler der Medici, und seine schönsten Bilder hängen dort in Kirchen und Palästen und natürlich den Uffizien.

    Gut, es gibt den Joseph-Zyklus hier in der National Gallery mit dem 13-jährigen Bronzino auf der Treppe sitzend. Da gehe ich jetzt gleich noch mal in die NG und glotze mir das Zeug mit frischem Blick an.

    Viele Grüße
    Dique

  • Alban Nikolai Herbst, »Azreds Buch«: Ach du liebe Güte! Eine Necronomicon-Erzählung!

    Azreds BuchDie bisher unveröffentlichte phantastische Erzählung »Azreds Buch« hat ANH schon mal 2004 in seinem Vortrag »Fantastische Räume« für das Linzer Phantastik-Symposium erwähnt und kurz zitiert. Vor gut einem Monat, um Weihnachten herum, hat er sie dann in seinem Weblog »Die Dschungel. Anderswelt.« in 5 Fortsetzungen online publiziert (Inhalt: Eins, Zwei, Drei, Vier, Fünf).

    (In Rezensionen wird ja normalerweise ohne Ankündigung gespoilt. Wer die Geschichte, die wirklich spannend ist – Lesezeit ca. 30 Minuten –, vorher lesen will, sollte das tun und hier abbrechen.)

    Also dann: Es geht fast sozialrealistisch los mit einem Erzähler namens Baumann und einem Vermieter (und Ich-Erzähler zweiten Grades) namens Mielke. Ein guter Anfang für eine phantastische Erzählung: In diesen scheinbar normalen Alltag kann dann schön das Unerwartete hineinbrechen.

    Dass übrigens ANH den Vermieter wirklich ›Mielke‹ nennt, ohne falsche Assoziationen zu fürchten, … na gut, wenn man bedenkt, was die Mielke-Figur im weiteren Verlauf der Story treibt, ist das vielleicht doch keine zufällige Benamsung, hehe. Nebenbei, auch Sebastian Brock hat in seinem Roman »Silbersee« neulich die Hauptfigur einfach mal ›Walser‹ genannt, ohne Furcht vor den ganzen Assoziationen, die dann ständig in die Lektüre funken könnten.

    Was macht ANH nun? Er bereichert die Literaturgeschichte um eine weitere Necronomicon-Erzählung in der Nachfolge H. P. Lovecrafts. Laut HPL hat Abdul Alhazred das arabische »Necronomicon«-Original »Al Azif« um 730 herum verfasst. Bei ANH hat es dieser legendäre Verfasser nun sogar irgendwie bis in unsere Gegenwart geschafft, ermöglicht durch eine Art Seelenwanderung bzw. Körperbemächtigung.

    Herbst schreibt notorisch im Präsens. Das liest sich anfangs etwas schräg, hat am Ende aber einen bestimmten Effekt. Ansonsten ist der teils ins Horrorgenre hinübergleitende Text auch lustig. Etwa wenn Mielke von der »unterirdisch gelegenen Dämonenstadt« erzählt, »worin man der Weltherrschaft harrt«, und Baumann antwortet: »Ach du liebe Güte!«

    Die von Mielke kundgetane Binnengeschichte nimmt den größten Teil ein und handelt davon, wie der junge Ägyptologe einem Professor Djahangir Hazegnehad nach Schottland folgt, wo dann in den Räumlichkeiten unter einem Hünengrab ein bisschen Horrorschock stattfindet. Außerdem wird dort eben auch Azreds Buch aufbewahrt.

    Der Professor entpuppt sich schließlich als Dämon, als irgendwie Geist Al Azreds, der sich offenbar aller paar Jahrzehnte in einen neuen Körper schwingen muss. Mit dem Besitz des Buches ist dann auch Macht verbunden, und dass Mielke das Ding einfach mitnimmt und abhaut, bringt ihm zwar einen Karrierepush, wird ihm aber auch zum Verhängnis, denn er lebt ein Leben in ständiger Flucht vor dem Dämon.

    Mehrere Passagen über sich ändernde visuelle Eindrücke erinnern an andere Herbst-Texte, etwa an die »Enzyklopedia Babilonica« in der Erzählung »Der Gräfenberg-Club«, die beim Blättern ihre Inhalte ändert.

    Ansonsten wirkt der Text durchkomponiert und korrekturgelesen (auch wenn »Cthullu«/»Chtullhu« in verschiedenen Schreibweisen vorkommt, wo es außerdem normalerweise doch »Cthulhu« heißt, oder? aber das ist die Ausnahme), und ich frage mich, warum sie nicht schon in den 2005 erschienenen hervorragenden Sammelband »Die Niedertracht der Musik« mit aufgenommen wurde.

    Im Netz liest sich »Azreds Buch« aber auch gut, da es eine Art Cliffhanger-Struktur gibt und man dadurch gezwungen ist schnell weiterzuklicken.

    Bild:
    Wikimedia Commons

    Und wer noch nie was davon gehört hat:
    Jason Colavito: Inside the Necronomicon – The true story behind the most infamous book never written (2002)

  • Das Handy in der Gegenwartsliteratur

    Auf der Literaturseite der S-Zeitung vom letzten Freitag sprach sich Florian Kessler für eine »akute Gegenwartsliteratur« im Deutschunterricht aus. Wegen des akut anstehenden Migrationshintergrunds des Nokia-Handys wird in den deutschen Lehrerzimmern nun heftig um die geeigneteren Arbeitstexte für den Unterricht gerungen: Auf der einen Seite wartet der Reclam-Klassensatz »Migrantenliteratur«, auf der anderen, nämlich dieser hier, präsentiert der Umblätterer seine kleine Kompilation Mobilfunkliteratur:

    [ Keiner hat Handy | Einer hat Handy | Alle haben Handy ]

    Keiner hat Handy

    Als Relikt aus einer mobilfunklosen Zeit bietet sich dieses Buch von Alexa Hennig von Lange wie kein zweites an: »Relax«. Das holt die Schüler von heute erst mal synonymisch bei ihren 100, 200 oder 400 Inklusivminuten von T-Mobile ab und führt ihnen dann vor Augen, was das Leben ohne Handy gestern war.

    »Jungs, bin gleich wieder da!«
    »Wohin gehstn du?«
    »Weg!«
    »Gehste pissen?«
    »Nein telefonieren!«
    »Was?«
    »Ich muß ma kurz telefonieren!«
    »Hier gibt’s aber kein Telefon!«
    »Dann such ich eins!«
    »Warum mußte denn jetzt telefonieren?«
    »Ich muß meine Kleine anrufen!«
    »Relax, Chris!«

    – Tatsächlich bestimmt das hier noch nicht vorhandene Mobiltelefon den weiteren Verlauf der Handlung fatal. Denn nur weil er kein Handy in der Tasche hat und keiner seiner Kumpels auch nicht, geht Chris überhaupt wie ein Blöder los und sucht (ein Telefon!), steigt auf Bäume, stürzt herunter, und stirbt zuletzt auf einem Parkplatz. (Okay, ein bisschen too much auf dem Trip ist er dabei natürlich auch ;-).

    Umgekehrt sitzt die Kleine, nur weil sie ihren Chris nie mal ansimsen kann, das ganze Buch über wie blöde vor ihrem Festnetzapparat und wartet auf Anrufe von Chris. Am Ende reißt sie sich endlich von zu Hause los, um ihren Chris im Nachtleben zu suchen und – ohne Handy natürlich viel zu spät – zu finden:

    »Chris, hier is deine Kleine!«
    »…!«
    »Chris, hörst du mich?«
    »…!«
    »Chris! Das is nich lustig!«
    »…!«
    »Chris? Ich liebe dich!«
    »…!«
    »Chris?«
    »…!«

    Mit anderen Worten: Es wurde wirklich mal Zeit für ein Mobiltelefon in der deutschen Literatur.

    [ Keiner hat Handy | Einer hat Handy | Alle haben Handy ]

    Einer hat Handy

    Das erste Mobilfunktelefon in der deutschen Literatur gibt’s bei Christian Kracht: In »Faserland« kommt das Handy noch richtig schön schnöselig daher, nämlich als rauschechtes C-Netz für S-Klasse-Fahrer auf Sylt.

    »Kurz vor Kampen biegt Karin plötzlich rechts ab, auf den Parkplatz von Buhne 16, dem Nacktbadestrand, und ich denke, Moment mal, was kommt denn jetzt?«

    Und weil ein 1995er Kracht auf Sylt kein 1998er Houellebecq am Cap d’Agde ist, folgt an dieser Stelle wirklich nur diese Mobilfunkorgie: Irgendein Sergio hat mit dem Mobiltelefon extra vom Strand aus im Mercedes angerufen (Sachen gibt’s, hehe). Und dann dieser faserlandtypische Satz:

    »Wir steigen aus und ich denke daran, daß das Mobiltelefon sicher ziemlich versaut wird, dort am Strand, wegen dem Sand und dem Salzwasser.«

    Also, richtig relaxed klingt das mit dem Mobiltelefon noch nicht. Oder verschwendet heute noch ernstlich jemand Gedanken an Salz und Sand, wenn er Strand-MMSen versendet oder empfängt? Krachts defätistische Handy-Affirmation zeigt deshalb schön, wie leicht die Spezies Mobilfunkteilnehmer Mitte der 1990er noch verunsichert und fertig gemacht werden konnte.

    [ Keiner hat Handy | Einer hat Handy | Alle haben Handy ]

    Alle haben Handy

    Kollektiver Frieden mit dem Mobilfunk war dann wohl so spätestens um 2000, als wir von Florian Illies in unser aller Generation Golf zu lesen bekamen, »daß es nichts mehr bedeutet, ein Handy zu haben. Daß es aber auch nichts mehr bedeutet, in einem Café zu telefonieren.«

    »Ortsgespräch«, Illies‘ GG-Aufguss von 2006, war, so gesehen, natürlich schon wieder eine Retro-Mode. Kein Anschluss unter dieser Nummer herrscht hingegen bei Ingo Schulze. Weitere Texte zum Thema Telekommunikation wären vielleicht noch Else Buschheuers »Ruf! Mich! An!« oder die »Wahlverwandtschaften«.

    Und last but not least Johanna Adorjáns Tante, die immer noch ihren Festnetzapparat im Flur favorisiert. Das war definitiv mal einer der Silvester-Knaller, mit denen ein Deutschlehrer seine Schüler 2008 fürs Feuilleton begeistern könnte (neues Jahr, neues Glück?).

    [ Keiner hat Handy | Einer hat Handy | Alle haben Handy ]

  • Bücher, Kino, Ben Gurion, Super illu, München

    I.

    Ruhige Tage in Gedera. Wir lagen am Hinterhof-Pool und ließen uns die Passionsfrüchte und Kakis auf die Köpfe prasseln. Nebenbei lasen wir. Ich den neuen Andreas-Eschbach-Roman, der im November als Taschenbuch erschienen ist. Millek zog mich so lange damit auf, bis ich ihm das Schirrmacher-Empfehlungszitat auf dem Buchrücken zeigte.

    Ich las auch endlich Jens Biskys Kleist-Buch, das ich hiermit jedem empfehle. Außerdem zog ich widerum Millek damit auf, dass er Pascal Mercier, »Nachtzug nach Lissabon«, las. Seine Rechtfertigung: Weihnachtsgeschenk. Als Belohnung las er mir ab und zu seine Lieblings-Frauenbuch-Sätze (no offence!) daraus vor.

    Ansonsten unterhielten wir uns über die Top-10. Es ging vor allem um das Autorenporträt-Gespräch »Wie sehen die denn aus?« zwischen Ursula März und Claudia Schmölders, erschienen im Januar 2007 in der »Zeit«. Jedenfalls: unsere Feuilleton-Charts sind nach diesen letzten Reibereien endlich fertig, VÖ am Dienstag, 15. 1. 2008.

    II.

    Gestern abend dann in Ness Ziona, kleine Party mit den leidenschaftlichen Bloggerjournalisten von israelvalley.com. Und plötzlich geht es um dieses eine Starbucks in Paris in der Nähe der Opéra, genau da, definitives Kaffeehaus des Monats, dort kann man Zeitungen lesen als ob es kein Morgen gäbe sozusagen.

    Dann über den sehr sehr sehr guten neuen Claude-Lelouch-Film »Roman de gare«. Wir sahen ihn neulich im Dizengoff. Und waren begeistert. Der Film hätte ein bisschen eher enden sollen, das sagen alle, wirklich alle. Wie auch immer, die Art, wie da die immer wieder wechselnden Erzählrahmen um die Kerngeschichte geworfen werden, ist grandios.

    Es geht ein bisschen zäh los, aber schon bei der ersten Begegnung des Nègre/Ghostwriters mit der Ex-sagen-wir-mal-»Friseurin« weiß man, dass das ein gut geschriebener Film ist. Der Ghostwriter beschreibt in dieser Szene am Straßenrand minutiös seine Arbeit hinter den Kulissen der Erfolgsautorin, nur um diese Informationen dann selbst für ausgedacht zu erklären. Usw.

    III.

    Ben Gurion Airport. Heute morgen wollte ich gerade das Display des Laptops entstauben, als mich Millek davon abhielt und meinte, dass die Security das auf dem Airport gleich selber machen würde. Gute Idee. Insofern ein Loblied auf die Sicherheitsmaßnahmen vor Ort, die übrigens auch der Turmsegler Benjamin Stein vor einer Woche über sich ergehen lassen musste.

    Vorher noch schnell gebloggt, dann Übergabe des Bloggeräts an die Sicherheitskräfte, und jetzt läuft das Thinkpad viel leiser, da nach dem Auseinanderlegen die ganzen Staubhindernisse weg sind und der Lüfter die Prozessorwärme wieder frei hinausposaunen kann.

    Back in Munich, mit der S8 zum Isartor. Die Frau gegenüber liest wirklich und tatsächlich die SUPER illu, es ist nicht zu fassen, die SUPER illu in Bayern. In diesem Zusammenhang erinnere ich an den umbedinkt lesenswerten taz-Artikel zum Thema, erschienen Anfang Oktober, geschrieben von Jenni Zylka.

    IV.

    Morgen: Parmigianino in der Alten Pinakothek.

  • Kommt jetzt Krauses Klartext-TV?

    Viele haben drauf gewartet, letzten Samstag war es soweit: Tilman Krause (KA-Fragebogen) verkündete das Ende seiner Kolumne nach sieben Jahren.

    Vielleicht zeigt der Niedergang des Klartext-Krause aber auch einfach nur die Transformation eines Genres an: Über Krauses weitere Karrierepläne als Videoblogger mochte die FAS letzten Sonntag zumindest schon mal randspaltenmäßig (S. 25) spekulieren.

    Und dem Umblätterer wurde jetzt – sensationell – das schon drei Jahre alte Drehbuch für die erste Folge von »Krauses Klartext-TV« in die Hände gespielt:

    Ina Hartwig:
    Zuerst möchte ich Tilman Krause gerne widersprechen. Dieses Beschwören des Bildungsbürgertums, lieber Tilman, bringt uns gar nichts meiner Meinung nach. Tust du das nicht letztlich nur für dich selbst?

    Tilman Krause:
    Das tue ich für meine Leser!

    Ina Hartwig:
    Weil es deinen Lesern gefällt, wenn du es beschwörst!

    Tilman Krause:
    Natürlich! Das ist ja auch ihr gutes Recht. Ich arbeite nicht für eine linke Zeitung, sondern für eine bürgerliche. Das wäre ja noch schöner, wenn ich an den Interessen des Publikums vorbeischreiben würde, das tun schließlich schon genug andere Kollegen!

    (Leipzig, am 24. März 2004, Podiumsdiskussion auf dem Symposium der Deutschen Literaturkonferenz zum Thema »Literaturkritik in der Krise?« Zitiert nach: Gunther Nickel: Kaufen! Statt lesen! Literaturkritik in der Krise? Göttingen: Wallstein 2005, S. 42 f.)

  • »Ganzkörperliteraturkritik«

    Noch eine Abfallmeldung für alle: Da brachte das jahresendzeitliche Ausmisten alter »Park Avenues« (2005 ahnte man ja noch nichts von »Vanity Fair«) doch tatsächlich noch zutage, wie Willi Winkler aussieht: Es war die »PA«-Nullnummer vom Juli 2005, die auf S. 32 exakt dieses Foto abdruckte.

    Das war natürlich nicht die einzige optische Erscheinung dieser Tage. Denn wenn zum Thema ›Autorenfoto‹ im weitesten Sinne auch die Sparte ›bewegtes Bild‹ gehören darf, dann war 2007 auch deshalb ein Jahr des Autorenfotos, weil es, dank WatchBerlin, erstes offizielles Watch-your-Feuilleton-Jahr wurde und gleich eine ganze Reihe von Leuten auf den PC-Schirm brachte, die man sich im GEZ-Fernsehen nur wünschen kann.

    Volker Weidermanns Sendung »Book.Book« steht vielleicht exemplarisch für eine vlogmäßige Verlebendigung der Szene, an die noch vor einem Jahr kaum zu denken war. Ausgerechnet Weidermann, dem die FR mal das Schmäh-Label »Ganzkörperliteraturkritik« anheftete, macht jetzt unter demselben Motto ein richtig gutes Programm: Er läuft und sitzt und trifft, er begutachtet und besucht – und bietet das beste Feuilleton in bewegten Bildern seit Denis Schecks Rolltreppen-Performance der frühen »Druckfrisch«-Jahre.

  • »Goethe im Sinkflug«

    Heute morgen mit Ryanair zurück nach Ingo-Schulze-Stadt Altenburg, dann über die B95 nach Leipzig und hinein in die Mensa, trotz der Horror-Fotos, die das Mensa-Blog immer veröffentlicht.

    Das »Gewürzensemble« (Millek) aus Pfeffer- und Salzfass war gefragter denn je. Denn alle hatten vom schöhönsten ersten deutschen Literatursatz gehört, der soeben und auch noch von einer Jury gekürt wurde. Er lautet »Ilsebill salzte nach.« und steht in Günter Grass‘ Buch »Der Butt«. Deshalb salzten jetzt alle nach, obwohl das ja bei Cordon bleu und Buttermilchplinsen nicht so viel Sinn macht.

    Egal, diese Kür zählt zu den sich häufenden »superlativisch ausstaffierten Schein-Auszeichnungen« (Florian Kessler in der S-Zeitung), also zu den ungefähr uncoolsten Erscheinungen der eigentlich ja nicht unbedingt schlimmen Eventkultur. Charts und Literaturgeschichte gehen einfach nicht, und nur und ausschließlich Reich-Ranicki kann man es nicht übelnehmen, dass er jeden Sonntag in der FAS Autoren mit allerlei Komparativen und Superlativen gegeneinander hält.

    Ich erinnere in diesem Zusammenhang an die ZDF-Ranking-Show »Unsere Besten« (2004). Als Goethe auf einmal weniger Anrufer hatte, meinte der Moderator Steffen Seibert: »Goethe im Sinkflug«, und das ist sprichwörtlich geworden, weil er das komplett ernst meinte, als ob der Stern Goethes sinkt, bloß weil Opa Hermi nicht beim ZDF anruft.

    Abgesehen von diesem dämlichsten Unterfangen seit langem ist ja nichts gegen erste Sätze zu sagen. Aber ein so nach Fisch stinkender Satz wie das Ilsebill-Konstrukt? Na gut, why not.

  • Schöner denken: Systemtheorie und Literatur

    Ich könnte stundenlang IASLonline lesen. Seit einigen Wochen gibt es endlich ein frameloses Design mit sichtbarer eindeutiger URL, aber glücklicherweise ist das mintgrün-aseptische Look’n’Feel geblieben.

    ›Die Wissenschaft‹ ist ja im Idealfall nur die wissenschaftliche Version von Feuilleton, also gut geschriebenes Zeug mit echter theoretischer Trennschärfe. Im Feuilleton wird die Theorie normalerweise durch die Pointe ersetzt, durch das Bonmot oder die meinungsgetriebene Zuspitzung.

    Ich saß heute in der British Library und etwas später in einem Kebab-Verschlag in Tottenham und holte ein paar ältere IASL-Artikel auf, die ich seit Wochen ausgedruckt in einem alten »Monopol«-Heft mit mir herumtrage. Ich verschlang u. a. die mit ›Sabotierte Ebenen‹ schön betitelte Rezension von André Schwarck zum neuen Buch von Christian Schuldt.

    Schuldt verfasst schön kurze Bücher, die man trotz Theorietheorie fast wie einen Abenteuerroman lesen kann. Auf eine nur 96-seitige Einführung in die Systemtheorie (2003; IASL: »Bekanntes in leicht bekömmlicher Form«; Stokbros blog: »den mangler filosofisk eller idéhistorisk baggrund«) und ein Buch zur Kodierung von Liebe (»Der Code des Herzens«, 2005), das das entsprechende Luhmann-Werk (»Liebe als Passion«, 1982) weiterdenkt, folgte, ebenfalls 2005, eine dezidiert literaturwissenschaftliche Untersuchung mit dem Titel:

    »Selbstbeobachtung und die Evolution des Kunstsystems. Literaturwissenschaftliche Analysen zu Laurence Sternes ›Tristram Shandy‹ und den frühen Romanen Flann O’Briens« (Bielefeld: transcript 2005)

    Im Buch kann man dann erleben, wie die unerhört frühe Metafiktion des »Tristram Shandy« mit systemtheoretischer Terminologie erklärt wird (siehe Abschnitte 20-23 der Rezension). Eigentlich ja eine banale Sache, jeder weiß, wie der Roman von Laurence Sterne funktioniert. Bei Schuldt wird aber alles mit unbeliebigen Begrifflichkeiten erklärt.

    Man kann dann damit wirklich arbeiten. Und mit dem von Schuldt benutzten Ebenenbegriff lässt sich Flann O’Briens »At Swim-Two-Birds« auch ganz banal-exakt als »Radikalisierung in der Mehrebenenstruktur« fassen.

    In der Rezension steht, dass sich Schuldt oft merk- oder unmerklich auf Dietrich Schwanitz bezieht, vor allem auf dessen angeblichen Einführungsband »Literatur und Systemtheorie« (1990), der in Wirklichkeit ein systemtheoretischer Exzess ist, der jeden Uneingeführten überfordern dürfte.

    Gerade deshalb gibt es darin Schätze wie etwa ein beispielhaftes Interpretationsmodell (Kapitel V: »Probleme der Interpretation und ihre systemtheoretische Verschärfung«), mit dem ein literarisches Werk fernab pseudowissenschaftlicher Schwafeleien richtig durchinterpretiert werden kann. Das ist Literaturwissenschaft.

    Zurück zu Christian Schuldt. Da seine Bücher auch tatsächlich interessierte Leser außerhalb von Forschung und Lehre adressieren, gibt es in ihnen stets unverantwortlich kurze Einführungen in die Systemtheorie. Der Rezensent nennt das in diesem Fall »holzschnitzartige Gesamtdarstellung der Evolution des Kunstsystems« (hehe).

    Und auch wenn das bei IASLonline übliche ›Fazit‹ dann komischerweise nicht allzu positiv ausfällt, insinuiert die Rezension trotzdem, wie schön man mit ein wenig Theorie denken kann, hier eben mit einem Mix aus System-, Metafiktions- und Romantheorie.

    Usw.

  • Der beste Investment-Essay aller Zeiten

    Die letzte Woche zerbrach ich mir den Kopf über aktive und passive Fonds und druckte mir einen über 100 Seiten langen Thread aus dem Wertpapier Forum aus. Schlauer bin ich jetzt auch nicht.

    Unter dem Arm trage ich immer mal wieder mein zerfleddertes Exemplar von Grahams »Intelligent Investor«. Auch neulich beim »Spiegel«-Kauf bei meinem Newsagent hatte ich es dabei. Er nahm grinsend das Buch wahr und wies mich so nebenbei auf Kapitel 20 hin, »Margin of Safety«.

    Das ist so wie in der »Nackten Kanone«, wenn sich Frank Drebbin immer wertvolle Tipps von einem Stiefelwichser auf der Straße holt. Wieso liest mein Newsagent Benjamin Graham?

    Warren Buffet zufolge ist »Margin of Safety« der beste Investment-Essay aller Zeiten, so ähnlich hat er das mal bei einem Vortrag vor einer Horde MBA-Anwärtern gesagt, im roten Polo-Shirt, ich sah es auf YouTube.

    Mir gefällt sehr die Bezeichnung »der beste Investment-Essay«. Mein Newsagent schien das auch so zu sehen, »the best, it’s really the best«. Ich erwähnte im Gegenzug Buffetts »The Superinvestors of Graham-and-Doddsville«. Auch sehr schön und kommt in aktuellen Graham-Ausgaben im Appendix gleich mit.

    »This is also the best«, sagte mein Newsagent.

  • Das Buch als Ziegelstein

    Es ist ein ziemlich abgehangenes Sprachbild: das vom Buch, das dick und massiv wie ein Ziegelstein sei. Tobias Lehmkuhl hat neulich für die S-Zeitung den Band »Borges« mit Tagebuchaufzeichnungen von Bioy Casares so beschrieben: »Ein Ziegelstein wirkt klein daneben« (20. 7. 2007, S. 14).

    Lehmkuhl über Casares

    Immerhin, das besprochene Buch übersteigt mit seinen 1664 Seiten das Ziegelstein-Image, und es ist auch nicht mal ziegelrot (wie zuletzt etwa der »Abfall für alle«-Ziegelstein). Und außerdem ist es bisher nur im spanischen Original erschienen und wurde daher auch nicht in die Perlentaucher-Bücherschau mit aufgenommen (in die BLK schon).

    Das weidliche Rezensieren neuer fremdsprachiger Belletristik ist ein rezensorisches Subgenre, das aber in Zeiten der globalen Gleichzeitigkeit an Gewicht gewinnt. Kein deutschsprachiges Feuilleton kann sich mehr leisten, den neuen »Potter«, den neuen Pynchon oder die neuesten Sachen der East-Coast-Parvenüs beim Erscheinen in der Originalsprache zu ignorieren.

    Bei den romanischen Sprachen wird es schon exquisiter. Sven Lager berichtete einmal in der »taz« davon, wie mehrere Bekannte behaupteten, »den neuen Roman von Houellebecq an nur einem Abend auf Französisch verschlungen zu haben«. (hehe)

    Zuletzt war es eine Prestigefrage für alle Zeitungen, eine Rezension des französischsprachigen (genau!) Ziegelstein-Buchs »Les Bienveillantes« zu haben. Der »Borges«-Band von Bioy Casares nun wurde bereits von einigen englischsprachigen Zeitungen besprochen, und jetzt eben auch von der S-Zeitung.

    Usw.