Kategorie: Buchbuch

  • Caravaggio – Kunstgeschichte, Krimi und Rom

    Ich lese gerade das Buch »The Lost Painting« (2005) von Jonathan Harr, so ziemlich das Beste, was ich seit einer ganzen Weile in die Finger bekam (NYT-Review und 1. Kapitel). »He could retire after writing this book«, schreibt ein anderer Fan über Harr. Es geht um Caravaggios »The Taking of Christ«, welches jahrelang als verschollen galt und heute in der National Gallery in Dublin hängt.

    Harr schreibt in journalistischer Berichtsform, ein bisschen »spiegelig«, über die Ereignisse, die zur Auffindung des Bildes führten, natürlich beginnend in Rom und mit Denis Mahon, einem der wichtigsten Caravaggio-Experten, wie er gerade über die Piazza della Rotonda am Pantheon zu seinem Stammlokal »Da Fortunato« spaziert, um im kleinen Kreis ein Mahl einzunehmen.

    Dann lässt ihn der Autor mit der Geschichte beginnen, ein ganz klassisches Setup, ein bisschen wie »1001 Nacht«. Ein Erzähler beginnt, gibt den Rahmen vor, und dann gleitet man in die Geschichte.

    So fängt zum Beispiel der Film »Der Dieb von Bagdad« (1940) an oder »Sindbad der Seefahrer« (1947), ohne Zyklopen, dafür mit dem Schurken Melik, der viel bedrohlicher ist als die zyklopischen Pappkameraden von Ray Harryhausen. Die Melik-Figur erinnert mich ein bisschen an Ben von der »Lost«-Insel, die undurchsichtige Gestalt im Hintergrund. Unendlich fortsetzbare Assoziationskette.

    Aber zurück: »The Lost Painting« ist auch deshalb edel, weil ich gerade ein anderes Buch über Denis Mahons Gemäldesammlung gelesen habe (vieles davon hängt hier jetzt in der Londoner National Gallery). Irgendwann in den Siebzigern hörte Mahon einfach auf, Bilder zu kaufen. Italienischer Barock wurde wieder populär und die Bilder teuer wie die Sünde.

    Weiter heißt es im Buch, dass Mahon nie selbst einen Caravaggio besessen hat. Diese Information stimmt so nicht mehr, denn eine von ihm vor kurzem (2006) für £50,000 gekaufte Kopie des »Falschspieler«-Bildes von Caravaggio entpuppte sich ein Jahr später als Original und soll nun um die £50 Mio. wert sein.

    Nichtsdestotrotz ist das Harr-Buch ein toller Mix aus Kunstgeschichte, Krimi und Rom. Vom Style erinnert es mich komischerweise an Graysmiths »Zodiac«, weil das eben auch in diesem »Spiegel«-präzisen Style daherkommt.

    Usw.

  • »Das beste Buch der jungen BRD«

    Florian Illies ist ja mittlerweile bei der »Zeit« und kann daher ganz regulär einen schönen Text im »ZEIT MAGAZIN LEBEN« schreiben, so wie vorgestern in Nr. 16 (10. 4. 2008), S. 12-15, Titel: »Walsers Nr. 1«, Inhalt: »Martin Walser wird gerade für sein Buch über Goethe gefeiert. Dabei sind seine ›Ehen in Philippsburg‹ von 1957 der wahre Klassiker.«

    Illies hat vor allem das, was gutes Feuilleton seit mindestens Kleist auszeichnet: eine gute Idee. Der Autor muss so ein Hammervorhaben dann natürlich nicht immer gut umsetzen können (wie damals etwa Andreas Bernard mit seinem Kosenamen-Text im SZ-Magazin), aber Illies gelingt das hier.

    Als Ausgangspunkt nimmt er Walsers Goethe-Bestseller »Ein liebender Mann«, mit dem er gerade das »ganze deutsche Heidenreich« bezirzt – allein diese Formulierung rechtfertigt diese Woche den Kauf der gesamten »Zeit«. Von dort blickt er 51 Jahre zurück, ins Jahr 1957, als Walsers Romanerstling »Ehen in Philippsburg« erschien.

    Illies‘ erster Satz ist komischerweise dieser: »Das ist die Geschichte des besten Buches der jungen Bundesrepublik.« Wenn die Jungheit des Landes mindestens zwei Jahre weiter reicht, bis 1959, disst er mit diesem Satz die »Blechtrommel«, was zumindest gewagt ist. Das fulminante Grass-Romandebüt habe die »Ehen« ausgebootet, denn:

    »Walser hatte den Fehler gemacht, zu einem Zeitpunkt über die Untiefen der Gegenwart zu schreiben, als das Land erst mühsam begann, sich den Untiefen der Vergangenheit zuzuwenden. (…) Man kann sagen, dass Walsers Ehen in Philippsburg über die fünfziger Jahre leider etwa fünfzig Jahre zu früh erschienen ist.«

    Dann steht da noch, dass dieses Werk »vielleicht Walsers stärkstes Buch« sei (d’accord, abgesehen vom »Tod eines Kritikers«, hehe). Und daher wird beklagt, dass man es zwar als »Frühwerk, wichtig« abgestempelt hat, es aber nicht mehr liest. Na ja, die SZ-Redaktion hat es immerhin in die ersten 50 Bände ihrer Belletristik-Bibliothek aufgenommen, als Band 9, und wenn man nach den Amazon-Rezensionen geht, hat es da schon auch einige Leser gegeben.

    Im Teasertext wurde angekündigt, dass »Geheimnisse gelüftet« würden. »Philippsburg« entspricht »Stuttgart«, soviel ist ja klar. Literaturwissenschaftlich ist es dann natürlich leicht unlauter, wenn Walser dann einfach mal Arno Schmidt als Vorbild für seine Figur des skurrilen Autors Berthold Klaff enthüllt.

    Ob sich Walser in seinem Roman dann auch selbst den Journalisten Hans Beumann porträtiert hat, winkt Illies dann aber schnell als »unwichtige Frage« ab, es geht also doch vorrangig um Entertainment. Illies‘ Reportage ist ein DVD-Extra, ein CD-Bonustrack, ein Trivia-Eintrag in einem Wiki zum Buch, insofern: Eins-A-Feuilleton.

    Die Pointe wird dadurch vorbereitet, dass Walsers »Ehen in Philippsburg« als heute wieder interessantes Buch dargestellt wird. Walser wird auch in diesem Sinne zitiert: »Ein Buch kann auf seine Leser warten.« Dann schildert Illies, wie die beiden vom Arbeits- hinunter ins Wohnzimmer gehen, und das ist der letzte Absatz:

    »Martin Walser geht vor. Ein Autor kann auf seine Leser warten.«

    Die Pointe geht absolut okay. Diese Ausführlichkeit dient hier natürlich auch nur der Vorbereitung unserer Sammlung von Pointenstrukturen im deutschsprachigen Feuilleton.

    Usw.

  • Knut Hamsun: »Mysterien«, revisited

    Ich habe mal wieder die Szene mit der Hotelparty aus »Mysterien« gelesen (Kapitel 13). Nagel lädt ein paar Leute aus der Stadt zu sich ins Hotel, und sie ziehen sich zu, und Nagel wettert gegen Tolstoi, Ibsen und andere. Dabei gibt er sich selbst einfach ständig als Agronom aus:

    »Es mag naseweis klingen, zu sagen, ein Graf [Tolstoi] beschäme einen Agronomen [Nagel] so tief; aber das tut er …«

    Das ist schon sehr bizarr. Auch der Student Øien, der selten in die Diskussion eingreift. Er erinnert fast ein bisschen an den Studenten aus Meyrinks »Golem«, Charousek, na ja, nicht ganz. Ist aber immer bemerkenswert, wenn in älterer Literatur bei gesellschaftlichen Events irgendwelche Studenten auftauchen, also nicht als Gruppe, sondern als Teil einer Konstellation. Neben dem Kämmerer, dem Journalisten und dem Sonstwas ist dann eben auch ein Student dabei:

    »Der junge Mann war stark interessiert. Man erzählte sich, daß er – wie andere Studenten auch – in den Ferien an einem Roman schreibe.«

    Und dann noch mal diese Szene auf dem großen Fest (Kapitel 16). Nagel besitzt ja diesen Geigenkasten, in dem sich aber, wie sich bald herausstellt, nur Wäsche befindet. Er behauptet auch, er könne gar nicht Geige spielen, ergreift dann aber gegen Ende des Festes – die Akrobaten sind gerade fertig, der Applaus ist verklungen, die Leute drängen nach draußen – die Violine und schmettert ein paar Stücke, inklusive einem ungarischen Tanz von Brahms.

    Wunderbar beschrieben und vorstellbar, wie er da im Festsaal steht, im gelben Anzug, und alle sind wie gebannt, lauschen ihm ungläubig, hingerissen, und dann endet er abrupt, und erst nach einer Minute fangen sich die Leute, klatschen und johlen, und Nagel fasst dann bis zum Ende des Buches keine Geige mehr an. Immer wieder schön.

  • Wilhelm Ostwald und die drehbare Étagère

    Über Wilhelm Ostwald wird eigentlich nicht mehr in fachfremder Presse berichtet, über das Leipziger Wilhelm-Ostwald-Gymnasium hingegen schon, so wie vorletzte Woche auf SP*N (22. 3. 2008).

    (Das war eine Reprise des »Spiegel«-Artikels der Ausgabe 21/2005, S. 172-174, der vom selben Autor stammt, Manfred Dworschak. Recap: Begabtengymnasium mit auch international erfolgreichen Schülern. Wettbewerbsgeist werde gefördert. Frontalunterricht können die alle ab, weil das für sie nur die Vorstufe zur Praxis sei. Ein Lob der DDR, die mit Begabten kein Problem hatte. Im Westen sei das Wort Begabung immer noch verdächtig. Usw.)

    Am Wochenende fand ich aber eine genuine Wilhelm-Ostwald-Stelle. Der 2004 erschienene dtv-Band »Bücher sammeln« von Klaus Walther hatte auf meinem To-do-Stapel obenauf gelegen und wurde von mir also endlich weggelesen. Das Buch ist ein wenig onkelig geschrieben, was beim Thema Bibliophilie wahrscheinlich auch Teil des Plans ist. Es liefert aber auch viele ganz hervorragende Anekdoten, unter anderem diese:

    »Wilhelm Ostwald, der erste deutsche Nobelpreisträger für Chemie, ließ einst in Großbothen bei Leipzig die Fundamente seines Landsitzes verstärken, damit er seine Bibliothek dort unterbringen konnte. Die vierzigtausend Bände hätten ansonsten das Gebäude den Hang hinuntergezogen. Ostwald war ganz sicher kein Bibliomane oder gar ein Bibliophiler, er war ein leidenschaftlicher Organisator wissenschaftlicher Arbeit. Dass er seine Büchermassen um sich hortete, verzeichnete er unter dem Lebensbegriff ›Energieeinsparung‹, die er bis in komische Details betrieb. So musste auf dem Esstisch immer eine jener drehbaren Etageren stehen, damit sich jeder Tischgast wortlos die Butter oder den Käse heranholen konnte. Das Tischgespräch wurde nicht durch so profane Einwürfe wie ›Geben Sie mir doch bitte die Butter‹ unterbrochen. Man sparte damit Energie, wie Ostwald meinte. Nun ja, so weit kann man es mit Energieeinsparung treiben.« (S. 12-13)

    Die drehbare Étagère, das klingt sofort irgendwie sprichwörtlich. Was für ein Utensil! Wenn wir nicht schon ein Wappentier hätten, wäre sie ein heißer Kandidat, hehe.

  • Leipziger Buchmesse: Lesungswahnsinn

    Donnerstagabend, Kuppelhalle der LVB. Dort werden gern rauschende Feste gefeiert, für Lesungen ist der hallende Raum eher nicht geeignet. Die Tür gibt beim Öffnen und Schließen ein inkommensurables Kojotengeheul von sich.

    Für 20 Uhr ist also eine Lesung angesetzt, mit 7 Autoren aus aller Herren Länder. Jenny Erpenbeck liest als erste, während immer mal wieder ein paar Nachzügler hereinkrächzen, zuletzt auch der beauftragte Lesungsfotograf.

    Dieser packt sein Equipment aus und schraubt die Kamera zusammen, klack, ratter, zzzzz. Er ist schon jetzt unschöner Mittelpunkt der Veranstaltung, aber dann …

    … dann klingelt auch noch sein Handy. Einmal, zweimal, er beutelt das Ding, wo das Handy drin ist, hin und her, dreimal, viermal, endlich hat er es. Statt es jetzt auszumachen, geht er ran. »Hallo?«

    »Fucking hell«, tönt es von irgendwoher hinten, es murrt, es zischt. Irgendwann hat er zuende gemurmelt, zückt dann aber das Fotomachgerät und hält es erst mal frontal in die Menge.

    Ähm, könntest du mir jetzt bitte mal nicht so voll in die Fresse reinfotografieren? Öffentlicher Ort hin oder her, es nervt. Alle halten sich irgendwie die Hände vors Gesicht.

    Sicher keine schöne Aussicht, kein repräsentatives Publikumsfoto mit konzentrierten und erheiterten Zuhörern. Der Fotograf tingelt seitlich durchs Publikum, sucht sich irgendeinen Platz und schickt sein Blitzlicht jetzt voll in den Lesewinkel der Frau Erpenbeck.

    Die zuckt zusammen und fragt ganz freundlich, ob man das bitte vielleicht mal lieber nach der Lesung machen könne (correct Konjunktiv used by courtesy of Die Dschungel). Es herrscht aber irgendwie ein wenig Uneinsichtigkeit bei der Fotoabteilung. Da prescht ein Autorenkollege vor und packt den Kamerahalter am Schlafittchen.

    »Il sloveno!« rauscht es durch die Reihen. Ich kenne den mit seiner Kollegin solidarischen Autor nur von einer Handvoll Gedichten aus dem EDIT-Sonderheft »Slowenien« vom letzten Frühjahr. Jedenfalls …

    … reicht es jetzt nämlich offenbar wirklich, überall wird Zustimmung signalisiert. Leider wird der Sloveno forsch und besteht mehrmals darauf, dass der Fotograf den Ort verlässt. Als seine Jacke aus der Tür hinaus die Treppen runterfliegt, schlägt die Zustimmung sofort in Mitleid um. Einige wenige verlassen mit dem Fotomenschen den Raum, aber das mag noch mal fünf andere Gründe gehabt haben.

    Marcel Beyer ist übrigens auch bei der Rausschmisslesung dabeigewesen. Einen Abend später liest er dann noch mal aus »Kaltenburg« vor, im »smow« am Burgplatz, und zwar diesmal allein. Eine Stunde, vier Substorys.

    Im Vergleich zum Vorabend macht sich nun der komplette herrliche Lesungswahnsinn breit. Menschen halten Wein in ihren Händen, hören da jetzt genau zu, der Autor erklärt vorab ein bisschen den Roman. Das ist sehr angenehm, wenn im Kneipengeschichtenstil schnell über die Figuren gesprochen wird, damit jeder weiß, worum es jetzt gleich noch mal geht.

    Dann die Lesung, das Aufschnappen einzelner schöner Sätze, das Verlieren in der Betonung, das Sammeln von erzählerischen Informationsbits, kurze Langeweile, dann plötzlich wieder die Freude über Konjunktive, jemand hustet, ein paar grinsen. Und kein Kojotengeheul.

  • Das Uefa-Cup-Finale von Leipzig

    Für alle Fans des Feuilleton-Sports wird dann heute nachmittag erst mal der Uefa-Cup der deutschen Buchpreise ausgetragen. Das war übrigens schön, wie Wiebke Porombka in der taz das Standing der konkurrierenden Buchmesse-Awards (Frankfurt vs. Leipzig) mal so beschrieb:

    » (…) der ›Preis der Leipziger Buchmesse‹ (…) gilt hinter vorgehaltener Hand eher als Uefa-Cup-Teilnahme. Entspannen wir uns also ein bisschen bis zur Frankfurter Champions League, die im Oktober 2008 ausgetragen wird.«

    Wobei so ein Uefa-Cup ja durchaus auch mal mehr Qualität bieten kann als ein vermeintlich hochkarätiges CL-Finale: Wir alle erinnern uns an 2003, als es bei Juve gegen Milan auch nach 90 Minuten plus Verlängerung immer noch 0:0 stand (gähn). Rein von der Aufstellung (keine Julia Franck II, kein Arno Geiger IV) steckt dieses Leipziger Shortlist-Finale heute sowieso schon voller Überraschungen. 16 Uhr wissen wir mehr.

  • Die Feuilleton-Hits zu Jahresbeginn (Teil 4): Melancholie Modeste über Friedrich Sieburg

    Januar und Februar waren gute Feuilleton-Monate, ganz anders als im letzten Jahr. Wir stellen hier die 6 interessantesten, schönsten, bestgeschriebenen, relevantesten, lesenswertesten Feuilleton-Artikel des Jahresbeginns vor, die auch sozusagen automatisch für die Best of Feuilleton 2008 nominiert sind. Hier ist Teil 4:

    Melancholie: Modeste: »Ein zum Rühmen Bestellter«
    (modeste.twoday.net, 3. 2. 2008)

    In ihrem Blog hat M. M. über Friedrich Sieburg geschrieben – und zwar eben mal ohne äußeren Jubiläumsanlass. Das heißt, der Schreibanlass war einfach der, dass sie die Bücher irgendwann mal gelesen hatte.

    MRR meinte, dass der Kritiker Friedrich Sieburg deshalb so schnell nach seinem Tod (1964) vergessen worden sei, weil er sich nie über die relevante Literatur nach ’45 gekümmert hätte. Die Modeste meint nun, dass gerade wegen der Missachtung der langweilenden Gruppe-47-Literatur Sieburg eigentlich wieder aktuell sein könnte.

    Sie bezieht das vor allem auf seine Franzosen-Biografien (Robespierre, Chateaubriand, Napoleon), vergisst aber auch nicht, das Schreckliche seines Stils noch mal für alle eindrucksvoll auszuformulieren, und dann fällt ihr noch dieser schöne Satz ein: »Wer an Stefan Zweigs Biographien nichts als den allzu schlamperten Stil bemängelt, wird mit Sieburg glücklich werden.« Wir alle wissen, was gemeint ist, hehe.

  • Kummer, Kracht und das Copy-Shop-Feeling bei »Tempo«

    Vor knapp einem Jahr sind Tom Kummers Memoiren »Blow up« erschienen. Eben gelesen stimme ich mit Gerrit Bartels absolut überein, dass das Buch »große, feine Momente« hat. So gibt es zum Beispiel endlich mal wieder frische Mythen aus dem Hause »Tempo«. Zwei davon exklusiv hier, in unserem Reading Room. (Zahlen in Klammern = Seitennachweise aus »Blow up«).

    1. Wie Tom Kummer enthüllt: »Tempo« war eigentlich gar kein Zeitgeist-Magazin, sondern ein Copy-Shop!

    »Mein erster Gedanke beim Betreten der Redaktionsräume war dieser: Habe ich mich im Eingang geirrt? Hier sah alles wie in Copyland aus. (…) Die Tempo-Redaktion erinnerte mich an eine Mischung aus (…) schmucklosen Kopierläden und studentischen Wohngemeinschaften. Ich war ein wenig überrascht, wenn man bedenkt, wie edel das Gebäude von außen wirkte und wie glamourös sich das Heft gab«. (104 f.)

    Im Innern war »Tempo« also eigentlich ein Copy-Shop. Und als solcher zugleich die Achtziger-Jahre-Vorform der Blogosphäre. Kummer schreibt das jetzt nicht explizit (zum Glück!), aber er suggeriert es durchaus plausibel:

    »Mit Kopierläden kannte ich mich gut aus, das waren (…) die besonderen Treffpunkte zeitgeistiger Strömungen. Man konnte in Kopierläden die aufregendsten Menschen kennenlernen, Leute, denen man sonst nie begegnen würde. Recherchen im Internet gab es noch nicht – alles musste mühsam aus Heften und Büchern rauskopiert werden, und so wurden bestimmt einige der ganz großen Ideen zum ersten in einem Kopierladen geboren.« (105)

    Konsequenterweise pflegte »Tempo« nicht nur den Copy-Shop-Look, sondern auch die echte (in solchen Läden ja durchaus bis heute übliche) Ich-bedien-dich-nicht-Atmosphäre:

    »Eine Traube von Leuten stand um ein Kopiergerät herum. Alle Köpfe drehten sich jetzt in meine Richtung. Es waren wohl Redakteurinnen und Sekretärinnen, die mich mit cooler Herablassung anglotzten und gleich wieder mit cooler Herablassung wegschauten. (…) Vielleicht wurde ich für einen Fahrradkurier gehalten. Niemand schien mich zu bemerken. (…) Nach zehn Minuten fragte mich eine junge Frau, ob sie mir helfen könne.« (105 f.)

    Und dann darf der Fahrradkurier tatsächlich bei »Tempo« anfangen, und kriegt sogar schon bald Verstärkung.

    2. Wie Christian Kracht zu »Tempo« kam, für Kummer kopieren musste und das Ergebnis nicht streifenfrei war:

    »Ein junger, blondhaariger Schnösel betrat irgendwann die Redaktion. Er war Volontär oder so etwas in der Art und stellte sich als Christian vor. Er sei Schweizer. Das konnte ich kaum glauben, denn der Blonde konnte kein Schweizerdeutsch, was sehr lustig war. Ein Schweizer, der keinen Dialekt spricht – davon hatte ich noch nie gehört.« (117)

    Wenn es damals schon einen gewissen Fabian Unteregger gegeben hätte, würde ich ja fast wetten, dass es der nicht bestandene Schnütsgüfeli-Test war, der Kracht das Los des Kopiersklaven unter Eidgenossen bescherte. Vielleicht haben die beiden aber auch ein Schwingen ausgetragen, um zu entscheiden, wer wem was zu sagen hat? Jedenfalls (Kummer):

    »Ich sagte dem Blonden, er solle mir beim Kopieren helfen, wenn er schon sonst nichts zu tun hätte, ich hatte mir nämlich ein riesiges Arsenal von Fachliteratur für meinen nächsten großen Auftrag besorgt: Drogen in Deutschland – der ultimative Tempo-Test. Und so kopierte ich mit dem Blonden alles, was man über Kokain, Heroin, LSD so finden konnte. Ich erzählte dem Blonden, was für eine grandiose Geschichte dies werden würde, eine Reise durch Deutschland, auf der Suche nach den besten und miesesten Drogen, die diese Republik zu bieten habe. Und dass das gleichzeitig ein Sittenbild werden solle über ein Land das es in dieser Form bald nicht mehr geben würde.« (117)

    Na ja, der »Tempo«-Drogenreport schaffte es dann, wie Kummer später schreibt, nie ins Heft. Aber aus der Reise durch Deutschland, den miesen Drogen und dem Sittenbild wurde ja immerhin noch … »Faserland«, genau.

    Kummers Kopierauftrag bei »Tempo« als Keimzelle für Krachts literarische Karriere – das wäre dann aber wirklich noch ein hübsche späte Pointe auf Willi Winklers frühe »These von der Geburt der neuesten deutschen Literatur aus dem Geist der Szenezeitschriften« (S-Zeitung vom 14. April 1987). Achtziger-Jahre-Feuilleton, auf jeden Fall – wir Umblätterer machen da manchmal so Retro-Abende, hehe.

    Und logischerweise meinte Winkler seinerzeit gar nicht Kracht, sondern Joachim Lottmann, der gerade »Mai Juni Juli« veröffentlicht hatte. Derselbe Lottmann behauptete dann aber Jahre später auch:

    »Als später Christian Kracht mit einer Kopie von ›Mai, Juni, Juli‹ triumphal als Begründer der deutschen Popliteratur gefeiert wurde, rief er mich mit belegter Stimme an; ich glaube, er hatte geweint.«

    Ob Lottmann sich derweil eigentlich auch bei »Tempo« verdingt hat und wer dort nun welche Vorlage beim Kopieren vergessen hat, je ne sais pas. Das wird dann aber hoffentlich mal in aller Gründlichkeit die historisch-kritische Kracht-Ausgabe klären. Und am Ende ging wahrscheinlich sowieso alles über den »Tempo«-Kopierer. Ich vermute ja fast: Auch das legendäre Faserland-Design ist Copy Art – oder arbeiteten die Kopierer der »Tempo«-Jahre wirklich schon streifenfrei?

  • Lesen 2.0: Die F-Zeitung folgt Jochen Schmidt ins Netz

    Seit knapp zwei Wochen gibt es den Reading Room der F-Zeitung: Jonathan Littell zum Lesen, Hören, Diskutieren soll ein »Pilotprojekt« sein, und man ist wohl kein großer Prophet, wenn man die Idee einer Blogosphäre für »FAZ-Gesinnte« schon jetzt als genialen Coup bezeichnet, mit dem die F-Zeitung ihr zuletzt doch eher altbackenes Alleinstellungsmerkmal »Feuilletonroman« ins 21. Jahrhundert rettet.

    Denn wenn wir das weidlich kritisierte Marketing-, Experten- und Herausgeber-Tamtam einfach mal beiseite lassen. Dann bleibt als Role Model eines solches Lese-Events im Netz immer noch Jochen Schmidt, an den dieser Tage mal wieder kein Kritisier-Feuilleton erinnert hat:

    Schmidt-liest-Proust hieß sein Projekt und war die sympathische Kompensation einsamen Lese-Inputs durch bloggenden Output, frei nach dem Motto: Ich teile euch mit, was und wie ich lese. Und ich lese (Prousts »Recherche« auch wirklich zu Ende), weil ich Leselust und Leselast mit euch teile, weil ihr hoffentlich protestiert, wenn ich vorher aufhöre, weil ihr mich animiert, durchzuhalten. 3.500 Seiten Proust sind ja eigentlich eine Ansage zum Eremitendasein. Aber 3.500 (mit-)geteilte Seiten Proust sind vielleicht die einzig reelle Chance, über ein Buch, das alle kennen und kaum einer wirklich gelesen hat, ins Gespräch zu kommen.

    Und es muss ja gar nicht immer gleich Proust sein. Neulich zum Beispiel. Wollte ich mit Paco über dieses Buch quatschen, und er hatte es prompt noch nicht gelesen. Sollte er es dann endlich mal getan haben (Forza! hehe), habe ich die Hälfte schon wieder vergessen. Wie praktisch ist da ein Blog, das Unterhaltungen über Lektüreerlebnisse, für die es offline gar nicht immer den richtigen Zeitpunkt gibt, antizipiert und archiviert.

    Es geht beim Lesen 2.0 also einerseits um das, was Literaturwissenschaftler wie Heinz Schlaffer als »mitgeteilte Lektüre« bezeichnen: das gesellige Gespräch über Literatur, das wir alle brauchen (Der Umgang mit Literatur. In: Poetica 31 (1999), S. 1-25). Und andererseits um »schreibendes Lesen«: Doch gerade das scheinbar harmlose Anmerken, Kommentieren und Reinschmieren in die Bücher konfrontiert unsere werten Bibliotheken ja immer wieder mit diesen Aufsehen erregenden Fällen von Zerstörungswut.

    Reading Rooms und Lese-Blogs leisten, so gesehen, echte Prävention. Sie schützen nicht nur die Bücher, sie bewahren auch uns selbst – vor asozialer Lese-Vereinsamung ebenso wie vor einem unüberlegten Eintritt in den Jane Austen Club, hehe. Und dass auch eine schwarmähnliche Interessengemeinschaft im Netz so richtig schwärmerisch sein kann, hat der Schmidt-liest-Proust-Fanclub ja sowieso schon vorgeführt:

    »Dankeschön Jochen! Dein Blog war wie ein Advents­kalender, dessen Türen jeder für sich öffnen konnte, wann er wollte und der uns jeden Tag mit einer für uns neuen Süßigkeit überraschte.« (hier)

    Für Jonathan-Littell-Aficionados funktioniert das jetzt wahrscheinlich ganz ähnlich. Na ja, fast. Im Reading-Room der F-Zeitung wird halt nicht genascht; hier will und bekommt man echtes Vollkorn-Feuilleton: Oder was sonst wäre die tägliche Frage, die zur »Wohlgesinnten«-Verdauung anregen soll? Und nichts gegen Vollkorn: Jeder, der schon mal länger in Weißbrotländern gelebt hat, weiß erst, was gutes deutsches Schwarzbrot wert ist.

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    Als Einstieg in den Schmidt liest Proust-Kosmos, die ersten beiden Einträge:
    http://vertr.antville.org/20060719/

  • »Los nuestros«: Der Kanon des lateinamerikanischen »Booms«

    Heute endlich Zeit gehabt, den Artikel »¿Qué se hizo de Luis Harss?« des Romanciers Tomás Eloy Martínez zu lesen, erschienen vor gut zwei Wochen in der Kulturbeilage der argentinischen Zeitung »La Nación« (Ausgabe vom Samstag, 26. 1. 2008). Die Magazinrundschau des Perlentauchers hat ihn bereits kurz erwähnt und zitiert, hier folgt eine ausführlichere inhaltliche Zusammenfassung, sonst macht es wieder keiner, hehe.

    Der Artikel ist 32.500 Zeichen lang, und ich habe ihn nur im Netz gelesen, aber damit könnte man hierzulande locker 3 großformatige Feuilleton-Seiten füllen. Es gibt eine vorwortartige Einführung von Eloy Martínez, darauf folgt als Hauptteil ein Interview mit Harss, das von einer Art Epilog abgeschlossen wird.

    Zur Vorgeschichte: Im November 1966 hat Luis Harss zusammen mit Barbara Dohmann den Essayband »Los nuestros« herausgegeben, der aus heutiger Sicht den Autorenkanon des lateinamerikanischen Literatur-»Booms« deklarierte. Harss hatte das Buch zunächst auf Englisch geschrieben; diese Version erschien dann ein Jahr später unter dem Titel »Into the Mainstream: Conversations with Latin American Writers«.

    Der »Boom« der lateinamerikanischen Literatur ist mittlerweile natürlich historisch, trotzdem aber immer noch ein nicht zu unterschätzender verlagspolitischer Faktor, wenn es um die Vermarktung lateinamerikanischer Autoren geht.

    Zum Anlass des Interviews: Bei der Feier seines 80. Geburtstags soll García Márquez in die Runde gefragt haben, was eigentlich aus Luis Harss geworden sei. Keiner wusste etwas, aber kurz darauf lief ihm Eloy Martínez zufällig in Buenos Aires über den Weg. Sie plauschten kurz, vertagten aber tiefere Gespräche auf ein andermal und tauschten dafür die Adressen ihrer US-amerikanischen Wohnsitze aus.

    Luis Harss lebt in Mercersburg, Pennsylvania; Eloy Martínez lehrt an der Rutgers University, New Jersey. Als Kompromiss verabredeten sie sich auf ein Treffen in der Amish-Stadt Lancaster, die ungefähr in der Mitte zwischen beider US-Wohnungen liegt.

    In seiner Einführung beschreibt Eloy Martínez kurz die Gegend und das Leben der Amish. Deren religiöser Habitus stehe etwa im Gegensatz zu den aufragenden Getreidesilos, die er als bedrohlich erscheinende Phallusse interpretiert: »Los silos parecen grandes falos amenazantes, coronados por cúpulas con inequívocas formas de glande.« Na ja, okay.

    Dann folgt das eigentliche Interview. Zunächst erzählt Harss, dass er in den 60ern in Paris in der Auslage eines spanischen Buchladens »Rayuela« liegen sah und nach der Lektüre eine Übersetzung begann, die er schließlich Cortázar persönlich zeigte. Dieser hatte leider bereits einen Übersetzer, und so musste Harss sein erwachtes Interesse in einem anderen Projekt kanalisieren.

    Harss hatte damals keinen Überblick über die lateinamerikanische Literatur. Ein New Yorker Verleger, Roger Klein von Harper & Row, wollte ihn dazu überreden, eine Interviewserie mit einigen Autoren zu machen, was Harss vorerst ablehnte: »No los conozco. No sé quiénes son.« Nach der Begegnung mit Cortázar ging es aber Schlag auf Schlag, er erweiterte seine Lektüren und suchte die nächsten Autoren auf.

    Er schrieb das Buch, wie gesagt, zunächst auf Englisch. Als der New Yorker Verleger Selbstmord beging, verlor sich das Projekt jedoch und wurde erst wieder für die spanischsprachige Ausgabe reaktiviert.

    Harss hatte damals Gespräche mit 10 Autoren geführt, zu denen sowohl bereits bekanntere gehörten (Borges, Asturias) als auch noch unbekannte (Alejo Carpentier, Onetti, Cortázar, Fuentes, Vargas Llosa). Er hat nie kommentiert, warum er gerade diese Autoren ausgewählt und warum er andere, auch bereits durch die europäische Kritik akzeptierte Autoren, ausgelassen hat. Genau das interessiert jetzt Eloy Martínez.

    Harss berichtet von einer sich selbst so bezeichnenden »Mafia« lateinamerikanischer Autoren, die damals über die Welt verstreut war und die spanische Sprache als ihr gemeinsames Zuhause betrachtete. Cortázar empfahl ihm den noch völlig unbekannten Vargas Llosa, und von ihm ging es weiter reihum von Empfehlung zu Empfehlung.

    Den schon über 60-jährigen Guatemalteken Asturias, der 1967 den Nobelpreis bekommen sollte, besuchte er etwa in Genf. Das Interview mit dem brasilianischen Autor Guimarães Rosa in Rio de Janeiro wurde übrigens auf deutsch geführt; hier kam auch die Mitautorin Barbara Dohmann ins Spiel.

    Zur Frage, warum er bestimmte Autoren ausgelassen habe, liefert Harss eine erwartbar banale Antwort: Entweder kannte er sie noch nicht, oder deren Werke gefielen ihm nicht wie im Falle von José Donoso (»me pareció ambicioso y mediocre«) und Ernesto Sabato (»como novelista, me parecía de un dramatismo banal y estereo­tipado«).

    Am Ende sprechen sie schließlich über Harss‘ erklärten Herzensautor, den 1964 verstorbenen Felisberto Hernández, den er ins Englische übersetzt hat, sowie über Roberto Bolaño, dessen Vermächtnisroman »2666« er nicht zuende gelesen hat, weil er die professoralen Hauptfiguren darin so langweilig fand.

    Im Epilog beschreibt Eloy Martínez noch die Enttäuschung, die Harss der Misserfolg seines 1968 publizierten Romans »La otra Sara o la huida de Egipto« beschert hat. Er kehrte damals Argentinien den Rücken und ging nach West Virginia. Im Moment arbeite er an einem zweibändigen Roman namens »Ani y la vida«, es bleibe abzuwarten, ob er die durch sein Land erlittenen Enttäuschungen in Literatur verwandeln kann.

    Fazit: »La Nación« hat da einen herausragenden »Was macht eigentlich«-Artikel veröffentlicht, in dem sich Literaturgeschichte auf interessanteste Weise mit alten und neuen Anekdoten mischt.