Kategorie: Buchbuch

  • Europa sucht den Superleser

    »Zu Hause lese ich schon seit Jahren kein Buch mehr (…), ich habe niemals in meinem Leben ein einziges Buch ausgelesen, meine Art zu lesen ist die eines hochgradig talentierten Umblätterers, also eines Mannes, der lieber umblättert als liest …«

    (Thomas Bernhard: Alte Meister. Ffm.: Suhrkamp 1985, S. 38 f.)

    Hatte es der Umblätterer, auf den Spuren von Thomas Bernhard, getAbstract und Lesen 2.0, nicht immer prophezeit? Das ungelesene Buch wird das Mega-Thema der nächsten Jahre. Jetzt geht’s los: Der Literaturbetrieb schreibt sein erstes Lesestipendium aus.

    Richtig gelesen: Le–se–sti–pen–di–um. Subventioniertes Schreiben im Bahnwärterhäuschen ist megaout, neu gibt’s Geld und Zeit und Haus (ok, Gästewohnung) fürs Lesen, offeriert von der Grazer Schreibkraft.

    Was man mitbringen muss, ist eine Leseliste mit zehn Titeln. Eine Begründung, warum man die zu lesen vorhat. Plus die Bereitschaft, sich als Vertreter der »subventionswürdigen Spezies« Leser (FR) hinterher interviewen zu lassen. Im Gegenzug bekommt man drei Wochen Lesezeit in Graz mit 1100 Euro spendiert. Ist das ein Angebot für Umblätterer oder ist es keins?

  • Die Gedenktafel

    Im Englischen Garten. Wir unterhielten uns mit Nicholas Reinke, sicher einer der besten Jungschauspieler around, es ging zunächst um Werner von Haeften, Stauffenbergs Adjutant, den er in der TV-Fiction »Stauffenberg – Die wahre Geschichte« spielt. Das Thema hielt nicht lange, wir konnten gerade noch so das legendäre Boeselager-Interview streifen, das Frank Schirrmacher neulich unmittelbar vor Boeselagers Tod mit diesem geführt hatte.

    Jedenfalls winkte uns dann Marcuccio heran. Die Runde war längst etwas unübersichtlich geworden, und er stand da etwas abseits und unterhielt sich mit einem jungen Bildhauer, der vor sich einige Steintafeln ausgebreitet hatte.

    Eigenen Angaben zufolge studierte er an der ABK Stuttgart und interessierte sich eben besonders für Petrologie, arbeitete auch vorwiegend mit verschiedenen Gesteinen und erzählte uns vor allem von seiner so genannten »Gedenktafel«-Serie.

    Ich war gleich sehr angetan, als mir ein etwa 30×20 Zentimeter großes Steinschild ins Auge fiel, auf dem eingemeißelt war:

    AM 14. FEBRUAR 2002
    BESUCHTE DER SCHRIFTSTELLER
    HELMUT KRAUSSER
    DIESE MÜLLER-FILIALE

    Ich fragte den Künstler sofort, was das sollte, und er meinte, dass Krausser so ein Münchner Autor sei, den er gerne lese, der auch sehr bekannt sei, und in einem seiner Tagebücher habe er eine Stelle gefunden, die eben auf einen Besuch des Schriftstellers in einem Müller-Drogeriemarkt hinwies.

    Der junge Bildhauer sammelte nämlich irgendwie lauter solche auf den ersten Blick banale Anekdoten berühmter Leute und meißelte sie dann in Stein.

    Seine Geschichte stimmte auch noch, via Google Books fand ich sofort die Stelle, in der Krausser kurz von seinem Besuch bei Müller berichtete, und zwar im »Tagebuch des Februar 2002«, auf S. 67 der Erstausgabe (belleville Verlag 2002):

    »In die Stadt. Bei Müller im Tal schmeißen sie Klassik-CDs zum Spottpreis raus. Das Wetter macht mich trübsinnig. (…)«

    Wir gingen dann später noch a. a. O. vorbei (Adresse: Tal 23-25), wo ich dieses Foto schoss:

    München, Müller im Tal

    Im Eingangsbereich wäre auch wirklich noch irgendwo genügend Platz für die schöne ungewöhnliche Gedenktafel. Der aufstrebende Künstler will sein Werk jedenfalls der Filialleitung zuschicken mit der Bitte um Anbringung.

  • Die FAS vom 13. 7. 2008: Die schönsten Zahlen zwischen 1 und 10 000

    Ganz genau, die FAS wollte ich mal machen, ursprünglich wegen des Interviews, dass die New Kids on the Block mit Johanna Adorján geführt haben. Das Highlight ist aber IMHO ein anderer Text:

    Eberhard Rathgeb über Roland Barthes

    Eberhard Rathgeb schreibt über die deutsche Übersetzung der letzten Vorlesungen von Roland Barthes. Für den Umblätterer eine der wichtigsten Neuerscheinungen des Jahres. Titel: »Die Vorbereitung des Romans«. Geht da u. a. auch um das Verhältnis zwischen der so genannten ›Schriftstellerei‹ und dem so genannten ›Journalismus‹:

    »Die ausufernde Sprache des Journalismus enthalte, so Barthes, ›nichts Archaisches, keinen Ursprungssinn, kein (sprachliches) Ritual, keine Liturgie, kurz: nichts Religiöses‹.«

    Interessant ist dieses Zitat deshalb, weil unsere vermessene Arbeitshypothese ja vorsieht, die FAS so zu behandeln, als sei sie ein unendlich fortsetzbarer Roman der Gg.wart.

    NKOTB

    Dann das Interview mit den New Kids. Johanna Adorján kommt gleich am Anfang mit: »Sie sind nicht mehr New, Sie sind keine Kids mehr …« Das geht eine Weile so weiter, bis Donnie das hier bringt: »Green Day sind auch nicht grün.« Ein gutes Argument, hehe.

    Klickstrecken

    Einen ausführlichen Artikel zum Thema hat Stefan Niggemeier für die Medien-Seite abgeliefert. Geht darum, dass immer sinnlosere Klickstrecken immer mehr Klicks erzeugen sollen, denn Klicks sind momentan die Richtwerte, nach denen bei Onlinemedien Werbung platziert wird.

    Der Teasertext fragt zynisch: »Sollen wir die schönsten Zahlen zwischen 1 und 10 000 bringen?« Die FAS selbst bringt sie dann nicht, also übernehmen wir, hier sind die 10 schönsten natürlichen Zahlen im genannten Zahlenbereich (wenn auch nicht als Klickstrecke):

    76
    811
    1945
    2192
    2525
    2666
    3499
    5401
    7938
    9817

    Soweit zur FAS, jetzt muss ich einen Roman zuende lesen, dann doch noch Zeruya Shalev, »Liebesleben«, doch was ist das, auf Seite 193 bereitet der zu liebe und zu langweilige Ehemann Joni seiner Frau Ja’ara (unverdientermaßen, hehe) eine Portion Schakschuka zu, hmmm, da kann ich jetzt nicht weiterlesen, Schakschuka, genau, ich hab Hunger, also weg mit dem Roman, raus zum Essen, irgendwas, egal, Hunger.

    (Nachtrag um 22:54 Uhr: Auf Seite 359 bäckt Ja’ara ihrem Joni »zu Ehren« einen Schokoladenkuchen. Schokoladenkuchen! Das Roman-Ende ist zwar greifbar nah, aber ich muss vorher noch mal schnell zum Off-Licence, vielleicht haben die noch irgendwas zum Nachtisch.)

  • Der nicht existierende Zusammenhang: Die Sachsen LB und Robert Graves

    Die FAS will Paco machen, er ist irgendwo in Tottenham verschollen, seiner alten Hood, ich fahre da nie hin, wer fährt schon gern nach Tottenham (oder T’nam, wie Leute von da immer sagen).

    Dafür noch mal kurz zum »Spiegel«-Artikel über die Sachsen LB (Ausg. 28, S. 80 ff.), kurz bevor morgen offiziell die neue Ausgabe erscheint. Habe den mit großer Lust gelesen, inhaltlich und auch von der Schreibe her mehr als super, da stimme ich jedem, der das auch sagt, voll zu.

    Irgendwo ist es natürlich auch gemein, wie da über die Provinz­banker abgelästert wird, andererseits schwingt ein Hauch Nick Leeson mit, obwohl es in dieser Geschichte keine schillernde Persönlichkeit gibt, die da allein auf die Kacke gehauen hat, außer vielleicht Wilsing, aber der kommt dann doch ein wenig zu sehr als smart ass rüber. Geil natürlich auch, wie da KPMG und PwC nichts so richtig gepeilt zu haben scheinen. »Casino provincial« ist auch schon ein geiler Titel für den Artikel.

    Ich habe mir heute auf dem Flohmarkt zwei Bücher von Robert Graves gekauft, über: griechische Mythologie. Später im Kaffeehaus meiner Wahl habe ich dann festgestellt, dass das der Autor von »I, Claudius« ist. Ich werde das heute endlich mal anfangen zu kucken (Pacos Review hier).

    Neulich sprach ich mit meinem Newsagent darüber, und der kannte die Serie noch aus seiner Kindheit, als sie zum ersten Mal auf BBC lief, und er befand sie ebenfalls für sehr gut. Ich habe ihm dann (erneut!) ans Herz gelegt, endlich »Rome« zu schauen. Aber wie immer sagt er nur etwas gelangweilt: »Erm, I don’t know.«

  • Patrick Leigh Fermor

    Nachdem Paco und ich fünf Stunden mit Jonathan Dimbleby in Russland waren und Paco in seinem Text Wolfgang Büschers 82-tägigen Fußmarsch von Berlin nach Moskau erwähnte, setze ich die Assoziationskette mal fort.

    Denn ich las parallel zufälligerweise Patrick Leigh Fermors »Between the Woods and the Water«. Fermor (God of travel literature!) brach 1933 vom Hoek van Holland aus nach Konstantinopel auf, zu Fuß.

    Im ersten Teil, »A Time of Gifts«, wandert er durch Holland, Deutschland, Österreich, Tschechien und die Slowakei. »Between the Woods and the Water« setzt sich mit dem Donauübertritt nach Ungarn fort. Bevor der Text beginnt, gibt es übrigens als Epigraph folgende Schiller-Passage, auf Deutsch zitiert:

    Völker verrauschen,
    Namen verklingen,
    Finstre Vergangenheit
    Breitet die dunkelnachtenden Schwingen
    Über ganzen Geschlechtern aus.

    Schiller
    from Die Braut von Messina

    Denn anders als Dimbleby und Büscher (ok, Dimbleby can at least do ›spasibo‹, hehe), lernt Fermor auf seiner Wanderung einigermaßen Deutsch und interessiert sich auch für all die anderen Sprachen und Dialekte, denen er auf seinem Weg begegnet. Als er zum Beispiel, nachdem er Ungarn durchquert hat, die ersten Rumänen in Transsilvanien trifft, heißt es:

    »They could all understand my hard-won fragments of Magyar; but I soon felt that the language they spoke to each other would be much easier to learn. A man was om, a woman, femeie; and ochi, nas, mâna and foaie were eyes, nose, hand and leaf. They were a little puzzled at first by my pointing at everything in sight with gestures of enquiry. Dog? Ox? Cow? Horse? Câine, bou, vaca, cal! It was marvellous: homo, femina, nasus, manus, folium, canis, bos, vacca, and caballus thronged through my brain in a delirious troop. Câmp was a field and fag a beech-tree (… ›quatit ungula campum!‹ … ›sub tegmine fagi …!‹). How odd to find this Latin speech marooned so far from its kindred!«

    Klar, das ist schon alles ein bisschen anders als bei Dimbleby, aber man muss bedenken, dass Letzterer eine BBC-Fernseh­doku­mentation macht und damit einem medialen Zwang unterliegt. Und trotzdem ziehe ich Parallelen, natürlich weil ich es gerade gelesen habe und es auch in (im weitesten Sinne) Osteuropa spielt.

    Doch daneben sind es diese kleinen historischen Bögen, die beide aufschlagen, wenn Dimbleby über die Herkunft der Tataren philosophiert oder Leigh Fermor über die der Magyaren, und kurioserweise gibt es ja zwischen beiden durchaus Verbindungen.

    Und es ist auch die Art, sich mit all diesen verschiedenen Menschen verschiedener Klassen und Völkern unbedingt einzulassen, ohne Bewertung, ohne Schmäh, mittendrin und doch mit der nötigen Distanz.

    Fermor hat seine Bücher viele Jahrzehnte nach seiner Reise geschrieben, basierend auf seinen Aufzeichnungen. Bei Reiseantritt war er gerade 18 Jahre alt. Er hatte danach also genügend Zeit, die historischen und kulturellen Kontexte zu verfeinern. Fermor ist mittlerweile 93 Jahre alt und arbeitet angeblich noch immer am dritten und letzten Band über seine Reise.

  • Darf man das lesen? (Teil 13): »Bücher«

    Na, selbstverständlich darf man Bücher lesen. Bei der gleich­namigen Zeitschrift ist eine gewisse Sigrid Löffler vermutlich anderer Meinung, schließlich hat sie ihr »Journal für Bücher und Themen« seinerzeit nicht umsonst »Literaturen« getauft (und die Domain-Posse mit Christian Kracht nahm ihren Lauf, aber das ist eine andere Geschichte …).

    »Bücher. Das unabhängige Magazin zum Lesen« erscheint seit 2003, in einem Verlag, von dem der eine oder andere vielleicht schon mal die »blond«, das »snowboarder MBM« oder auch »Sylt geht aus« (stand hierzu nicht schon alles in »Faserland«?) in der Hand hatte.

    Zur Optik nur soviel: Heft 3/2008, mit einer makellosen Nina Hoss auf dem Cover und dem Titelthema »Einsamkeit: Das Gefühl 2008«, könnte glatt als Klon des G&J-Titels »emotion« durchgehen.

    Aber ich muss gestehen, ich fühle mich, seit ich das Magazin kenne, vom normalen Feuilleton ein wenig unterversorgt, denn mindestens vier feine »Bücher«-Rubriken gibt es, die es so sonst nirgends gibt:

    1. Das »Cover-Ranking«

    Please judge a book by its cover: Hier werden Bücher (und zwar jeweils zwei) endlich mal unter rein verpackungsästhetischen Gesichtspunkten rezensiert. »Denn das Auge liest mit« … Die in Heft 3/2008 gestellte Frage, warum ein- und dasselbe Cover (»a rose is a rose is a rose«) hier vollkommen in Ordnung und da total daneben geht, ist wirklich eine hübsche Idee, zumal für Paratext-Freunde.

    2. »Wiederentdeckte Klassiker«

    Das Prinzip der Buchpatenschaft als solches ist ja nichts Neues, die lit.Cologne hat ein eigenes Veranstaltungsformat draus gemacht und der »Spiegel« präsentiert allwöchentlich »Das Buch meines Lebens«. Ob es funktioniert, hängt wie im DLF bei »Klassik-Pop-et cetera« eben immer auch davon ab, wer den Paten macht. Hier schreibt Helmut Krausser, und das seit mittlerweile 28 Folgen – womit sich das Ganze schon jetzt als Steilvorlage für ein zukünftiges Bibliotheksporträt bei »Cicero« empfiehlt.

    3. »Verhinderte Bestseller«

    Egon Friedell als »Klassiker, der in diesen Ferien dran ist«? Was uns Peter Richter in der FAS empfiehlt (neben »Maschinenwinter« als Strandlektüre), steht vorher hier: Schon im letzten »Bücher«-Heft feierte Björn Vedder die »Kulturgeschichte der Neuzeit« (»ein barocker Überfluss an Wissen, eine virtuose One-Man-Show«) und ihren Autor gleich dazu:

    »Seinen Künstlernamen Friedell trug er seit seiner Dissertation über ›Novalis als Philosoph‹ 1904. Sein Leben in der Wiener Boheme erforderte bald Kuren gegen Alkoholismus und Fettlebigkeit. Als am 16.03.1938 SA-Männer den ›Juden Friedell‹ abholen wollten, wie er selbst meinte, sprang er aus dem Fenster seiner Wohnung in den Tod – jedoch nicht, ohne die Passanten vor seinem Aufprall zu warnen.«

    4. »Überschätzte Bücher«

    Eine so überschriebene Seite als letzte Seite einer Zeitschrift namens »Bücher« – das ist doch mal ein super selbstironisches Heftfinale. Dabei versteht sich das Motto durchaus als seriös, nämlich als Gelegenheit, um zwischen allerlei akuten »Feuchtgebieten« und dem nicht zitierfähigen »Neid. Ein Privatroman« noch mal nachzufragen: Was war eigentlich dran an Elfriede Jelineks »Lust« vor fast 20 Jahren, was stand da drin? Klare Antwort von Andrea Neuhaus in Bücher 3/2008: Nichts, außer einem einzigen »Altherrenwitz, ausgebreitet auf mehr als 250 Seiten«.

    Literaturhypes revisited, ein Gegengift zu mancher Feuilleton-Sause, das erst retrograd so richtig heilsam wirkt.

  • Mit Thomas Bernhard auf NZZ-Rallye

    Wir Umblätterer tun ja viel, um an unseren Stoff zu kommen: Wir stellen uns dem Tauben-Terror und teilen brüderlich den »Spiegel«. Aber bei aller Passion haben wir immer noch ein unerreichtes Role Model: Thomas Bernhard.

    »Und es ist mir damals auch klargeworden, daß ein Geistesmensch nicht an einem Ort existieren kann, in dem er die Neue Zürcher Zeitung nicht bekommt. (…) Wir sollten uns nur immer da aufhalten, wo wir wenigstens die Neue Zürcher Zeitung bekommen (…).«

    Was sich hier und heute wie ein bestelltes Testimonial-Statement liest, steht so tatsächlich in »Wittgensteins Neffe« (Suhrkamp-Ausgabe von 1982, S. 90) und kündet von weiland echter Not: Denn erstens gab es damals weder NZZglobal noch Perlentaucher noch sonstige Netz-Dienstleistungen des »betreuten Lesens« (Kathrin Passig). Und zweitens war die papierne NZZ in Österreich seinerzeit wohl wirklich nicht an jeder Ecke erhältlich. »Jedenfalls«, so Bernhard, »nicht an jedem Tag und gerade dann, wenn man sie unbedingt braucht.«

    km 0

    Einmal aber, schreibt Bernhard in »Wittgensteins Neffe«,

    »(…) hatte ich die Neue Zürcher Zeitung haben müssen, ich wollte einen Aufsatz über die Mozartsche Zaide, der in der Neuen Zürcher Zeitung angekündigt gewesen war, lesen und da ich die Neue Zürcher Zeitung, wie ich glaubte, nur in Salzburg, das von hier achtzig Kilometer weit weg ist, bekommen kann, bin ich im Auto einer Freundin mit dem Paul um die Neue Zürcher Zeitung nach Salzburg, in die sogenannte weltberühmte Festspielstadt gefahren. Aber in Salzburg habe ich die Neue Zürcher Zeitung nicht bekommen. Da hatte ich die Idee, mir die Neue Zürcher Zeitung in Bad Reichenhall zu holen und wir sind nach Bad Reichenhall gefahren, in den weltberühmten Kurort. Aber auch in Bad Reichenhall habe ich die Neue Zürcher Zeitung nicht bekommen und so fuhren wir enttäuscht nach Nathal zurück. Als wir aber schon kurz vor Nathal waren, meinte der Paul plötzlich, wir sollten nach Bad Hall fahren, in den weltberühmten Kurort, denn dort bekämen wir mit Sicherheit die Neue Zürcher Zeitung und also den Aufsatz über die Zaide und wir sind tatsächlich die achtzig Kilometer von Nathal nach Bad Hall gefahren. Aber auch in Bad Hall bekamen wir die Neue Zürcher Zeitung nicht. Da es von Bad Hall nach Steyr nur ein Katzensprung ist, zwanzig Kilometer, fuhren wir auch noch nach Steyr (…)« usw. usf. (S. 88)

    Man mag die absatzlose Rallye kaum unterbrechen, um raffend zu erwähnen, dass es bei dieser ganzen erfolglosen NZZ-Besorgungsfahrt noch »durch halb Oberösterreich und bis nach Bayern« ging. Gleichzeitig läuft Bernhards Österreich-Zorn, sein »Zorn gegen dieses rückständige, bornierte, hinterwäldlerische, gleichzeitig abstoßend größenwahnsinnige Land«, in dem noch nicht mal eine ordentliche Zeitung zu bekommen ist, mal wieder zur Hochform auf.

    km 350

    Am Ende sind es dann wirklich »dreihunderfünfzig Kilometer« geworden, noch dazu, »das muss ausdrücklich gesagt werden, in einem offenen Auto, was unweigerlich eine wochenlang anhaltende Verkühlung von uns dreien zur Folge gehabt hatte«.

    Der vermutlich längste, auf jeden Fall atemloseste Zeitungs­einkaufsversuch der deutschen Literatur. Und alles wegen eines einzigen Artikels über die Zaide.

    »Ich habe den Aufsatz längst vergessen und ich habe naturgemäß auch ohne diesen Aufsatz überlebt. Aber im Augenblick hatte ich geglaubt, ihn haben zu müssen.« (S. 91)

    That’s true passion for the paper. Das ist Umblättern. Wer das nächste Mal zu faul für den Sonntagsspaziergang zur FAS-Ausgabestelle ist, denke gefälligst an den Bernhard’schen Roadmovie.

  • Die FAS vom 4. 5. 2008: Lindenstraße, Lenz, Löwenzahn

    In der Kolumne von Stefan Niggemeier, die immer als Seitenfüller neben dem TV-Programm vom Sonntag steht, wird heute gegen die »Lindenstraße« gewettert (S. 34). Auch wenn der altehrwürdige ARD-Dauerhit in Wirklichkeit natürlich eine der interessantesten, einfallsreichsten & trotz der nur knapp 30 Sendeminuten pro Woche abwechslungsreichsten Serien der Welt ist, geht der Verriss absolut in Ordnung. So wie man ja auch Niggemeier-Artikel öfters mal schlecht findet, obwohl man sie eigentlich meist gern wegliest.

    Goddag! Volker Weidermann hat Siegfried Lenz in Sønderhav besucht, knapp hinter der deutsch-dänischen Grenze (S. 27). Wieder wurde eines der beiden Fotos vom Autor geschossen – solche Schnappschuss-Eigeninitiativen forciert die »Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung« ja in ihrem Feuilleton, und wie von uns schon mehrfach behauptet, das kommt sehr gut: Siegfried Lenz mit offener Jacke, einem rötlichen Schal und einer Art Herrenhand­tasche, sympathisch lächelnd. Warum immer Agenturfotos wenn ein Autor nicht auch vor Ort schnell mal seine Digicam draufhalten kann? Die dadurch erzielte Authentizität steht problemlos höher im Kurs als eine korrekte Brennweiteneinstellung.

    Textlich gibt es vor allem Anekdoten: die vom »deutschen Dänen Lenz«, wie der Autor von einer Regionalzeitung genannt wurde; oder die von seiner Handschrift, die Lenz‘ verstorbene Frau als »künstlerisch organisierten persischen Küchendreck« bezeichnet hat. Wie in jedem guten Autorenporträt wird hier nicht wohlfeil an irgendwas herumgekrittelt, und überhaupt, schreibt Weidermann, scheint es »unmöglich, ein böses Wort in seiner Gegenwart auch nur zu denken«. Konkreter Anlass des Treffens war übrigens das Erscheinen des neuen Lenz-Romans »Schweigeminute«. Am Ende wird der FAS-Redakteur von Lenz auch noch brüderlich umarmt. Farvel!

    Eine Seite weiter gibt es, jetzt schon, eine würdige feuilletonis­tische Einordnung des Amstetten-Falls, eine Materialsammlung zum »manischen Wunsch nach Deutung« solcher Tragödien (S. 28). Nils Minkmar schlägt viele Bedeutungsbrücken, beginnt mit Kaspar Hauser, zitiert dann Reemtsma genauso herbei wie einen »Daily Mail«-Autor, außerdem Sarkozy, Manfred Deix und Elfriede Jelinek, »Tante Prusselise« aus dem Pippi-Langstrumpf-Storykosmos (sehr gute Idee), dann noch Platon, Dante und Pulp Fiction, David Lynch und J.-C. Carrière. Minkmars Diagnose fällt dabei pessimistisch aus:

    »Vergewaltigung, Folter und Mord sind bereits verboten. (…) Etwas mehr Ermittler in den Jugendämtern wären gut, aber auf Sadisten, Kannibalen und Serienmörder ist keine Verwaltung vorbereitet.«

    Er geht aber in der Deutung noch einen Schritt weiter: Die schallgedämpften Privatverliese, aus denen kein Mucks nach außen dringt, haben auf der Ebene der modernen Kriegsführung nämlich ihre Äquivalente in »nicht ausgewiesenen Gefängnissen, Folter ohne Blutvergießen und unrechtmäßig entführten Personen«. Soweit die Feststellung, leichter wird das Verständnis durch so eine Einordnung natürlich nicht. Trotzdem ist dieser Artikel mehr wert als alle zum gerade aktuellen Fall stattfindenden Detailhatzen.

    Unter diesem Artikel beantwortet dann Marcel Reich-Ranicki eine Frage zu Wolf Biermann. Er ergeht sich eigentlich in einem ziemlichen Lob des Dichters. Vor allem dessen Nichteinordenbarkeit wird für gut befunden. Lustigerweise beginnt aber der letzte Absatz so: »Es ist jetzt still um Biermann geworden, …« – Reich-Ranicki schreibt damit dasselbe, was Volker Weidermann vor 2 Jahren in seiner Literaturgeschichte »Lichtjahre« geschrieben hat (»sehr, sehr still«). Damals hatte Biermann seinen Verlag Ki&Wi verlassen, bei dem auch das Buch von V. W. erschienen war.

    Noch kurz zum Wirtschaftsteil: Aus irgendeinem Grund gibt es in diesem FAS-Ressort mit die besten Interviews der deutschen Medienlandschaft – das ist in unseren FAS-Rundowns schon oft durchgeschienen. Ob man da dem »Spiegel« den Rang abgelaufen hat (der ja bis auf ein paar lustige Patzer weiter souverän Leute interviewt), das will nicht ich beantworten müssen. Heute ist jedenfalls der seltene Gesprächspartner Bernhard Schadeberg dran, der Krombacher-Chef (S. 37). Auch dieses Entretien trifft wieder die für eine Sonntagszeitung ideale Mischung aus Business & Entertainment.

    Im Wissenschaftsteil gibt es dann noch einen Artikel von Susanne Donner über die »Nazi-Pflanze« Löwenzahn (S. 67). Diese Deutungsvariante vergisst aber vollkommen, dass die kulturhistorische Stellung der schönen Pflanze Löwenzahn im deutschen Sprachraum durch die gleichnamige Kindersendung mit Peter Lustig unabänderlich bestimmt ist. Da hilft auch kein Foto mit Löwenzahnblüten, in das so eine Art Hakenkreuz-Wasserzeichen eingearbeitet ist (holla!). Der Artikel eignet sich aber sicher hervorragend als Materialbasis für einen noch ausstehenden Teil der »Hitler«-Serie von Guido Knopp: »Hitler und die Blumen«.

    (Ganz kurz noch: Nachdem der zweifelhafte Ruf des kautschukhaltigen Löwenzahn verjährt sei, beginne jetzt so langsam wieder die Löwenzahnforschung.)

    Usw.

  • Darf man das lesen? (Teil 11: »getAbstract«)

    Wer sich schon immer die Frage stellte, »wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat«, für den geht es heute mal um eine ganz spezielle Dienstleistung in der boomenden Branche: Es geht um Abstracts von »getAbstract« – also die Produkte des (nach eigenen Angaben) Weltmarktführers für Buch-Zusammenfassungen.

    Das Prinzip

    Jeder noch so dicke Wälzer der Wirtschafts- und Weltliteratur wird auf ein Standard-Format von fünf bzw. acht PDF-Seiten (oder entsprechende MP3-, Palm-, Blackberry-Äquivalente) komprimiert. »Heiße Luft aus Büchern rauslassen«, nannte Rolf Dobelli, der Mitbegründer von getAbstract, das Verfahren mal ganz treffend.

    Content von brutto auf netto, sozusagen, wobei dieser Service, nur als Flatrate zu bekommen, nicht ganz billig ist: das Abstract-Abo für die Bibliothek der Wirtschaftsbücher kostet 299 €, das für die Klassiker 189 € pro Jahr. Vielleicht, hehe, fragen wir also besser nicht: »Darf man das lesen?« Sondern: »Möchte man sich das leisten?« Und: Kann das, was für Business-Bücher passen mag, für belletristische oder philosophische Werke überhaupt funktionieren?

    Wir machen die Probe aufs Exempel und nehmen heute endlich das Abstract zu Nietzsches »Zarathustra« zur Kenntnis, das uns die NZZ seinerzeit als Gratis-Beilage zum legendären Sonntagstaucher-Frühstück servierte. (Als Promotion bzw. in Kooperation mit Printmedien lanciert getAbstract immer wieder solche Buchzusammenfassungen zum Sammeln. Aktuell kriegt man mit der NZZ am Sonntag die »Klassiker der Wirtschaftstheorie«, 2007 gab’s eine Philosophen-Serie und schon 2006 zwei Staffeln Belletristik.)

    Also sprach Zarathustra kompakt – der netto 11 DIN A 5 Seiten (brutto 420 Buchseiten) umfassende Nietzsche hat folgende Inhaltsstoffe zu bieten:

    Die »Buchinformation«

    … bildet gewissermaßen vorneweg das Abstract des Abstracts. Bis auf die Allerwelts-Attribute, die begründen müssen, warum der »Zarathustra« überhaupt eine Buch-Zusammenfassung wert ist, geht der Satz in Ordnung:

    »Das faszinierende und irritierende Hauptwerk Nietzsches, in dem er die Ideen des Übermenschen und der ewigen Wiederkehr als Rettung für die Menschheit verkündet.«

    Die »Take-Aways«

    … heißen wirklich so und sollen, Bourdieu lässt grüßen, wohl so etwas wie eine Liste gesellschaftlich verwendbarer Stegreifsätze über das Werk anbieten. Nur klingen die meisten von ihnen eher nach der Sorte Floskeln, wie sie ahnungslose Lehramtsstudentinnen verfertigen, um sie für die nächste Prüfung auswendig zu lernen. Stilschublade G8 Abiturwissen, Grundkurs Reli respektive Philo:

    »Zarathustra hatte besonders große Wirkung in der Literatur, der Musik und der bildenden Kunst, weniger in der Philosophie.«

    Oder hier, das Take Away zum Plot:

    »Der Einsiedler Zarathustra steigt nach Jahren der Einsamkeit aus den Bergen herab, um den Menschen seine Weisheit mitzuteilen.«

    Wüsste man es nicht besser, man könnte Nietzsche glatt für einen Märchenonkel halten.

    Das eigentliche Abstract

    Die banalisierende Sprache ist der Dreh- und Angelpunkt, ja vielleicht das eigentliche Problem eines solchen Abstracts, denn in ihr kommt der souveräne Umgang mit dem Gegenstand weiß Gott nicht immer zum Ausdruck: Wenn es etwa heißt, Nietzsche hätte »lange mit dem Nihilismus geliebäugelt«, dann ist das einfach mal das völlig falsche Verb zum richtigen Sachverhalt. Oder liebäugelt man mit Nihilismus wie man mit einem, sagen wir, Topfenstrudel in der Kaffeehausvitrine liebäugelt? Eben.

    Umgekehrt gilt aber auch: Nicht alles ist schlecht. Was im hinteren Teil des Abstracts über Nietzsches Stellung in der modernen Philosophie zu lesen ist, hätte so oder so ähnlich in jedem Feuilletonartikel zum nächsten »Zarathustra«-Jubiläum Platz:

    »Nietzsche hielt es für eine Illusion, alles Menschliche auf Basis der Vernunft zu konstruieren, weil die Vernunft nur ein Teil des Menschen ist: Wer sie auf ein Podest erhebt, missachtet den Körper und die Leidenschaften. Der Leib, der Rausch, der Impuls gehören genauso zum Menschen wie die Rationalität. Damit nahm der Philosoph die Grundgedanken Sigmund Freuds vorweg. (…) Der moderne Mensch ist auf sich selbst gestellt, absolute Gewissheiten und eine universelle Moral gibt es nicht mehr, insbesondere keine christliche.«

    Fazit: »Gott ist tot«

    Und der »Nietzsche kompakt« war nicht grad eine lebendige Lektüre. Ein bisschen so wie eine Tube pures Tomatenmark: ordentlich konzentriert wohl, aber als reine Masse fad schmeckend. Wer den »Zarathustra« gelesen hat, wird von diesem Konzentrat wenig überzeugt sein. Und wer das Buch nicht kennt wohl kaum zur Lektüre des Originals verführt.

    Das viel bessere Abstract eines Buches versteckt sich manchmal ganz woanders, in einem anderen Buch zum Beispiel. Fabelhaft fasst etwa Rüdiger Safranski den »Zarathustra« zusammen, auf den Seiten 297-301 seines Romantik-Buchs gerät man ganz unversehens in eine süffige, bonmotreiche Paraphrase. Damit gelingt Safranski auf 4 Seiten, was getAbstract auf 11 nicht schafft: Kürze mit Würze.

  • Jochen Hörisch / Burkhard Müller: Schon wieder Neues vom 1. FC Feuilleton

    Die Halbwelt tritt ins Licht. Hatte man denken können, wenn man so den Schlagabtausch beobachtete, den sich der SZ-Rezensent Burkhard Müller und der Lit.wiss.ler Jochen Hörisch letzte Woche beim Perlentaucher geliefert haben. Jetzt kommen sie aus ihren Genres herausgekrochen, die Bücherveröffentlicher, die Rezensenten.

    Kaum hatte Marcuccio an dieser Stelle über den 1. FC Feuilleton geschrieben, lief das Team also wieder auf und sorgte für ein unterhaltsames, spannendes Spiel. Die Fußballmetapher benutzt auch Malte Dahlgrün vom »Dummy«-Blog in seiner äußerst treffenden Nachlese zum Schlagabtausch, bei der er uns auch einige herrlich feierbare Formulierungen schenkt, bitte unbedingt lesen: »Actionkino im Meta-Feuilleton«.

    Im Institut war die Zeit zwischen dem 6. und 14. April ein stetiges Warten auf den nächsten Beitrag. Es kam zu jauchzenden Jubelrufen am Kaffeeautomaten, wenn jemand durch die Gänge brüllte: »Replik Hörisch!«, »Müller hat nachgeliefert!«

    Der Perlentaucher hatte das genau richtige Gespür, als er Hörischs offene Mail publizierte. Dass die beiden Sparringspartner am Ende der Debatte die neuen Möglichkeiten des sogenannten »Internets« hervorhoben, klang dann auch nur deshalb so altbacken, weil eine Institution, wie es die Zeitschrift »Der Antikriticus« im 18. Jahrhundert war, längst überfällig ist.

    Allzu innovativ war das Online-Scharmützel allerdings nicht. Ich erinnere an das ebenso herrliche Hin und Her zwischen dem Romancier Raoul Schrott und seinem Kritiker Wendelin Schmidt-Dengler vor ein paar Jahren:

    Schmidt-Dengler hatte am 11. 10. 2003 in der österreichischen »Presse« Schrotts Roman »Tristan da Cunha« verrissen. Einige Wochen später erschien dann, ähnlich wie im Fall Hörisch/Müller ein Verriss des Verrisses durch den verrissenen Autor. Auch damals reagierte der auf diese Weise kritisierte Kritiker.

    Der gesamte Schlagabtausch war mal hier auf der Website der »Volltext« dokumentiert. Der Online-Auftritt der immer noch besten deutschsprachigen Literaturzeitschrift ist allerdings mittlerweile leider irgendwie eingeschlafen.

    Usw.