Kategorie: Buchbuch

  • Autorenbranding 2.0: Der Buchhändler Hanns-Josef Ortheil

    Ich weiß, ich wollte nie mehr 2.0 sagen. Aber für Hanns-Josef Ortheil muss ich noch einmal eine Ausnahme machen.

    HJO will in seinen beiden Wohnorten, in Stuttgart und Wissen an der Sieg, eigene Buchhandlungen eröffnen. Besondere Buchhand­lungen, denn gemäß Statuten wird/soll nur das in den Läden käuflich zu erwerben sein, was von HJO eigens zum Kaufen und Lesen ausgewählt wurde:

    Andere Bücher gibt es in dieser Buchhandlung nicht, sie können auch nicht bestellt werden.

    Für eine Branche, die sonst schon Angst hat, einen vor dem Erstverkaufstag nachgefragten Kehlmann nicht bedienen zu können, klingt das ziemlich radikal. Letztlich setzt HJO aber auch nur fort, was andere längst vormachen, MRR packt bekanntlich jeden Kanon-Koffer mit seinem Konterfei ein.

    HJO als Flagship-Store

    Wenn mit HJO nun erstmals ein richtig gediegener Autor seinen Marken-Shop eröffnet, lässt das eigentlich nur die ganzheitliche Assoziation von Buch und Tuch zu, die sein Kollege Hans-Ulrich Treichel im »Börsenblatt« postete:

    Werter Kollege!
    Von Herzen alles Gute für Ihr Projekt!
    Führen Sie auch zufällig senfgelbe Hosen?

    Herzlichst

    Ihr
    Ulli

    Ich aber sage: Wenn HJO es wirklich ernst meint, dann wird er neben der Hosenabteilung vor allem auch im Gastro-Konzept neue Maßstäbe setzen – und hoffentlich keine weitere Buchhandlung mit Espresso-Bar eröffnen. Vielmehr sollte der Kalbsbratwurst-Erzähler Ortheil vielleicht die erste Buchhandlung mit Grilltheke einrichten. Das dazugehörige Event sehe ich buchstäblich schon auf der Kreidetafel vor mir (und für sowas kommen die Leute, die sonst Bodo Kirchhoff am Gardasee besuchen, auch nach Wissen an der Sieg!):

    Heute

    12–13 Uhr
    Hanns-Josef Ortheil grillt die Wurst zu und aus
    seinem Buch »Das Verlangen nach Liebe«.
    In senfgelber Hose, versteht sich.

  • Dissertationen von Feuilletonisten (Teil 1): Peter Richter über den Plattenbau

    Ich habe jetzt endlich mal die hochinteressante 2006er Dissertation des FAS-Schriftstellers Peter Richter zuende gelesen:

    »Der Plattenbau als Krisengebiet. Die architektonische und politische Transformation industriell errichteter Wohnge­bäude aus der DDR am Beispiel der Stadt Leinefelde«

    Es geht im weitesten Sinne um Kunstgeschichte, Richter nimmt sich mit dem DDR-Plattenbau und seiner Behandlung nach der Wieder­vereinigung ein Richter-typisches Thema vor. Vielleicht kam ihm im Zuge der medialen Berichterstattung über die preisgekrönte Umge­staltung von Leinefelde-Süd die Idee zu der Arbeit. Sie liest sich jedenfalls trotz Times New Roman mit 12 pt und 1,5er Zeilenab­stand gut weg.

    Die Arbeit liegt als PDF komplett auf dem Server der SUB, inkl. Abbildungen, aber man sollte sowieso lieber gleich selbst mal nach Leinefelde fahren, schon der Kritiker Kaye Geipel hatte 2001 über­schwänglich ausgerufen: »Architekten, kommt nach Leinefelde und seht euch diese Sanierung an.« Und außerdem liegt die Stadt direkt an der Kulturautobahn A38.

    Im allgemeinen Teil (zwei Drittel der Arbeit) beginnt Richter mit einer kleinen Kulturgeschichte des industriellen Wohnungsbaus, im speziellen des Plattenbaus in Deutschland seit den 1920er Jahren (Martin Wagner, Ernst May). Insofern macht die von ihm erwähnte Deutung der DDR-Plattenbauten als »Exzess der Moderne« (S. 7) auch Sinn.

    Nach kurzen Abschnitten über Entwicklungen im NS (Ernst Neuferts »Hausbaumaschine«) und der Bundesrepublik folgt ein genauer Abriss der Geschichte der Plattenbauweise in der DDR seit den 1950er Jahren, in der auch die zeitgenössischen Diskussionen (etwa die Monotonie-Debatte) mit abgebildet werden. Die DDR-Neubauten und ihre Anordnung zu Großsiedlungen sollte die Heranbildung der sozialistischen Gesellschaft forcieren und repräsentieren, und damit war es dann 1989 vorbei und die Stigmatisierung begann, die Richter mit sehr schönen Zitaten nachzeichnet (S. 62-74).

    Ebenso lesenswert ist das darauf folgende Kapitel über die nach 1990 einsetzenden, sich teils widersprechenden staatlichen Aufwertungsmaßnahmen. Viele Häuser sollten damals etwa im Schnellschussverfahren »durch esoterische Farbmanöver« (S. 189) individualisiert werden. Nach dem für einige vielleicht überraschen­den Kapitel »Plattenbau und Denkmalschutz« und dem Einbezug der Arbeit in die Diskussion um die »shrinking cities« bringt Richter einige Beispiele für die Auseinandersetzung der bildenden Kunst mit dem Thema Plattenbauten, etwa Erik Schmidts crossmediale Inszenierung seiner Berliner Plattenbauwohnung am Platz der Vereinten Nationen. Auch sehr gut ist der Hinweis auf das Plattenbau-Quartett von Cornelius Mangold.

    Im letzten Drittel widmet sich Richter dann dem Umbau von Leinefelde im nördlichen Thüringen. In der Stadt wurde ab 1961 eine große Baumwollspinnerei installiert, die dafür nachkommenden Arbeiter sollten in Plattenbauten untergebracht werden. So wurde südlich der Altstadt Neubau um Neubau hochgezogen, die Einwohnerzahl der Stadt wuchs bis zur Wende von ca. 2.500 auf über 16.500 an. 90 Prozent der Bevölkerung wohnte in Platten­bauten. Nach dem üblichen Hin und Her der Nachwendejahre lag 1995 ein städtebaulicher Rahmenplan vor. Zu seiner Umsetzung gab es im Jahr darauf einen Architekturwettbewerb, der nach Lösungs­vorschlägen für das Physikerquartier und das Dichterviertel verlangte. Am Ende wurden zwei Architekten ausgewählt: Stefan Forster fielen die Dichter zu, Muck Petzet die Physiker.

    Die erfolgreiche Umgestaltung von Leinefelde wurde nicht ohne Grund mit Preisen überhäuft, und so fallen Richters detailreiche Beschreibungen vor allem von Petzets Arbeit dann auch fast schwärmerisch aus. Dass Forster und Petzet äußerst gegensätz­liche Ansätze haben (Rückbezug auf die Gartenstadt bzw. auf die »sozialistischeren Traditionen der Moderne«), interpretiert Richter dann gegen Ende seiner Dissertation als Vorteil. Beide Archi­tekten haben einen Antagonismus geschaffen, »der den Stadt­umbau von Leinefelde als Möglichkeitsraum ausreizt und den Ort geradezu im Sinne einer Bauausstellung zur Modellstadt macht«.

    Soweit zum Inhalt, also absolute Empfehlung für ein paar Nachmittagsstunden.

  • Neues vom Autor: »Lazarillo de Tormes«

    La vida de Lazarillo de Tormes y de sus fortunas y adversidades (Cover)Ist schon eine Weile her, aber immer noch aktuell. Die spanische Literaturwissen­schaft­lerin Rosa Navarro Durán hat im Jahr 2003, nach einem knappen halben Jahr­tau­send, auf ihre ganz eigene Art und Weise den anonymen Verfasser des frühen Picaroromans »Lazarillo de Tormes« letztgültig ermittelt. Es handelt sich zufällig um ihren Lieblingsforschungs­gegen­stand, den Humanisten Alfonso de Valdés.

    Oft sind die philologischen Fachzeitschriften das bessere Feuilleton. Aus dieser Ecke kam neulich auch der etwas verspätete Bericht von dieser literaturwissenschaftlichen Farce, verfasst vom Romanisten Hanno Ehrlicher für die vorletzte Ausgabe (Nr. 46, 2008) der kleinen und feinen Online-Zeitschrift »Philologie im Netz« (PhiN).

    Es kann nicht gut um das spanische Literatursystem bestellt sein, wenn es Navarro Durán gelingt, ihre an keiner Stelle sauber begründete Behauptung durchzusetzen und mehrere Neueditionen des »Lazarillo«-Textes mit dezidierter Verfasserangabe zu publizieren. Mit einem Seitenblick auf Bourdieus »Homo academicus« beschreibt Ehrlicher den »Transfer des Symbolkapitals eine kanonisierten Textes auf ›ihren‹ Autor«, zum letztlich ökonomischen Nutzen der Hispanistin und der mit ihr verbündeten Verlage.

    Die als sicher verkaufte Autorschaft schlägt so auch auf den Kanon durch. In der digitalen »Biblioteca Miguel de Cervantes« ist der Text nun zum Beispiel zweimal vorhanden, einmal ohne, einmal mit Verfasserangabe.

    Ehrlicher plädiert für die Erhaltung des Anonymats, auch um der Mehrdeutigkeit des Textes zu entsprechen und die Interpretations­möglichkeiten nicht künstlich zu beschränken. Neben frühen Kritikern der ostentativ vorgebrachten Valdés-These wie Valentín Pérez Venzalá (in Espéculo Nº 27, 2004) führt er auch die spanischsprachige Wikipedia an, die sich neutral zu Navarro Duráns Thesen verhält:

    »In diesem speziellen Fall entspricht die von Laienphilologen hergestellte Netzöffentlichkeit von Wikipedia durchaus den Standards der von Habermas idealtypisch konstruierten vernunftbasierten Struktur der bürgerlichen Öffentlichkeit, besser jedenfalls als die monologische Nutzung des Internets durch die Fachphilologen.«

    Auch die Neuübersetzung von Hartmut Köhler, die 2006 in einer zweisprachigen Ausgabe als Reclam-Heft Nr. 18481 erschienen ist, besteht weiterhin auf dem anonymen Verfasser. Köhler nennt den Flussgeborenen im Titel übrigens: »Klein Lazarus vom Tormes«, das klingt dann noch ein wenig pikaresker als die bisherigen Varianten, die ohne eingedeutschtes Diminutivum auskamen. Er erwähnt außerdem noch mal, dass der vorgebliche Autor Valdés schon 1532 gestorben, der »Lazarillo« aber erst 1554 erschienen ist. Die bisher angenommene Entstehungs­zeit müsste also en passant auch noch um zwei Jahrzehnte vorverlegt werden.

    Das Anonymat wird übrigens auch von den Bibliotheken geschätzt, denn dann müssen sie ihre »Lazarillo«-Ausgaben nicht dauernd umsortieren, wenn wieder mal eine andere Autorvermutung hoch im Kurs steht.

    (Bildausschnitt: Wikimedia Commons)

  • Volker Hages Kehlmann-Artikel vor Gericht

    Literaturkritiker kennen sich aus im Gerichtssaal: Sie sind Ankläger und Anwälte der Literatur, fällen Urteile und gelten schon mal als »Dorfrichter Adam der Literaturszene« (Jochen Hörisch über MRR).

    Aber wie gut kennen sich Gerichte eigentlich in der Literaturkritik aus? Danach fragt dieser Tage komischerweise keiner. Der Rowohlt-Verlag verklagt den »Spiegel« wegen Missachtung der Sperrfrist bezüglich des neuen Kehlmann-Buchs – eine Vertraulichkeits­erklärung hatte alle Empfänger eines Vorabexemplars verpflichtet, keine Besprechung vor dem 16. Januar zu veröffentlichen.

    Die Feuilletons berichteten, am scharf­sinnigsten vielleicht die »Welt«, die feststellte, dass der Streitwert sicher nicht der vollen Konventionalstrafe (250.000 Euro) entspricht, »weil sich die verhohlene ›Ruhm‹-Rezension als Porträt tarnt. Insofern wird das Gericht sich auch zur Trennschärfe zwischen journalistischen Genres äußern müssen«.

    Wohl wahr. Hochrichterlich verhandelt werden wird und muss also, zu welchen Teilen Volker Hage mit seinem Artikel eine Rezension und zu welchen Teilen er ein Porträt verfasst hat. Damit hat das Gericht etwas zu klären, was nicht mal innerhalb der Literatur­berichterstattung selbst klar ist, denn die Grenzen zwischen Personality und echter Kritik sind ja seit Jahren eigentlich an vielen Stellen fließend. Auch eine spezifische Genre-Theorie der Literatur­berichterstattung existiert bislang nicht, es gibt so gut wie keine Fachliteratur zum Thema.

    Das Pikante an der Sache: Ausgerechnet (der symbolisch angeklagte) Volker Hage könnte vom Gericht nun als Sachver­ständiger, als Gutachter seiner selbst herangezogen werden. Für den August ist bei Suhrkamp nämlich sein Kompendium über »das breite Spektrum journalistischer Beschäftigung mit Literatur« angekündigt.

    Und egal wie das Urteil ausfällt, die schriftliche Urteils­begründung wird ein prima Plädoyer für Hages Buch über Literatur­journalismus sein – die »Tätigkeit, die sich keineswegs nur auf das Rezensieren von Büchern beschränkt, sondern zugleich Textformen wie Porträt, Interview, Glosse, Leitartikel, Debatten­beiträge oder Nachrufe umfaßt. Ein solcher Leitfaden – nicht zuletzt für Studenten und Journalistenschüler – hat bisher gefehlt.« (Kurzbeschreibung)

    Wenn sich das Gericht zur Prüfung der täterlichen Genre-Tatsachen jetzt nicht sofort ein Vorabexemplar kommen lässt, dann weiß ich auch nicht.

    Und was ist eigentlich mit der FAS? Immerhin erschien der große Kehlmann-Report (in der Nr. 2/2009 vom 11. Januar) ja auch vor dem Erstverkaufstag 16. 1. – was die Frage aufwirft, ob hier entweder eigene Sperrfristen galten oder ob es mit der Institution Erstverkaufstag sowieso nicht so weit her ist, wie Rowohlt behauptet. Das Thema Sperrfrist brodelt also weiter – siehe auch den PT-Essay von Ekkehard Knörer.

  • Im Halbschlaf

    London Symphony Orchestra, »Death and Transfiguration« von Richard Strauss, dirigiert von dem schweren und etwas bärigen Leif Segerstam, der mit seinem langen weißen Bart an die vielen Darwin-Poster erinnert, welche im Darwin-Jahr die Stadt schmücken.

    Strauss schrieb dieses über den Tod sinnierende Stück in jungen Jahren, doch als er dann im hohen Alter von 85 im Sterben lag, sagte er zu seiner Schwiegertochter, dass sich der nun kommende Tod genauso anfühle, wie er ihn damals in »Tod und Verklärung« beschrieben hatte.

    Das erinnert mich an die Prequiems von David Woodard, die den jeweiligen Sterbenden angemessen hinüber auf die andere Seite begleiten sollen. Wie man in einem Interview mit ihm lesen kann, entwirft er dazu auch fantastisch-gesamtkonzeptige Aufführungs­visionen.

    Irgendwie könnte man Strauss‘ »Tod und Verklärung« als eine Art unbewusst geschriebenes persönliches Prequiem verstehen, auch wenn es im Vergleich zu Woodards Ideen sicher deutlich weniger malerisch daherkommt, und sicher ist das auch ein bisschen sehr weit hergeholt.

    Jedenfalls fängt der Abend mahlerisch, hehe, an, mit dem Adagio aus Mahlers unvollendeter 10. Sinfonie. Ganze 9 hat er vollendet, und das liegt ja zumindest quantitativ im guten komponistischen Mittelfeld, aber an so was denke ich natürlich nicht. Erst als ich im Programmheft lese, dass Leif Segerstam ganze 215(!) Sinfonien komponierte, denke ich daran und ich frage mich, ob jemals alle wenigstens einmal irgend­wann gespielt werden oder gar schon wurden?

    Und als ich mir Segerstam noch mal ansehe und an diese ungewöhnlich hohe Sinfonienanzahl denke, fällt mir meine morgendliche Lektüre beim Schweinsohr im Lisboa ein, »The Picture in the House« von HPL. Ein Mann betritt irgendwo in der Einsamkeit, bei einer Radtour, ein einsames Haus, welches ungeheuerlich altmodisch eingerichtet ist, wie aus einer anderen Zeit, aber sehr bescheiden:

    »Most of the houses in this region I had found rich in relics of the past, but here the antiquity was curiously complete; for in all the room I could not discover a single article of definitely post revolutionary date. Had the furnishings been less humble, the place would have been a collector’s paradise.«

    Im Regal entdeckt er dann aber ein paar recht antiquarisch-wertvolle Bücher, die nicht so recht zum Rest des Hauses passen wollen. Um hier nicht in die Tiefe zu gehen, schlussendlich hat das Haus doch noch einen Besitzer, der dann auch noch, wie man über Winkelzüge und Andeutungen erfährt, sein Leben sehr stark durch den Konsum von Menschenfleisch verlängern konnte, wie schaurig.

    Jedenfalls sehe ich Segerstam nun in anderem Licht. Wenn er auch über 200 Jahre alt wäre, dann wäre die Zahl seiner Sinfonien schon weniger beeindruckend, ich denke daran, weil er physisch an den Alten in der HPL-Story erinnert, aber ich verwerfe diesen Gedanken schnell, denn die Konsequenz wäre ja selbst als Vermutung viel zu grausig, zumal Leif Segerstam ungeheuer gütlich und gemütlich erscheint, besonders, wenn er beim Applaus seine Arme ganz weit aufblättert, ganz so wie der vitruvianische Mann von Leonardo.

    Aber diese Gedanken habe ich auch, weil ich mich gerade in einer Art leichten Müdigkeitsdeliriums befinde, in so einem halbwachen Zustand, in welchem sich Traum und Wirklichkeit fließend annähern. Und es geht weiter, im Anschluss an Mahlers Adagio gibt es nämlich noch vier Lieder von Strauss (Four Last Songs), gesungen von Christine Brewer.

    Sie trägt einen kupferfarbenen Mantel mit dunklen Zeichen darauf und ist eine sehr voluminöse Erscheinung mit recht großer blonder Frisur und in meinen zufallenden Augen ähnelt sie plötzlich dem babylonischen König Belshazzar, so wie ihn Rembrandt in einem seiner berühmtesten Gemälde darstellte. Das kommt mir wohl in den Sinn, weil ich am Morgen in der Babylon-Ausstellung im British Museum war.

    Dort widmet man eine ganze Ecke dieser Geschichte und dort wird, wenn auch nur in Form einer Farbfotografie, auf das Rembrandt-Bild verwiesen. Belshazzar im güldenen Mantel, erschrocken auf die Zeichen an der Wand (»The writing is on the wall!«) deutend.

    Daneben hängt dann, im Original und in all seiner Pracht, John Martins »Belshazzar’s Feast«, auch hier is the writing on the wall, wenn auch weiter weg, am Ende des Prachtsaals. Und ganz im Hintergrund, im Dunkel, der Turm zu Babel, im kegelförmigen Bruegel-Style.

    Brian Sewell ist von Martins Arbeit in Öl nicht so besonders angetan, er nennt das Werk in seinem Babylon-Review eine »crude and ugly illustration«, aber dem muss man ja nicht folgen. Ich versuche jedenfalls meine crude and ugly Halbschlaf­assoziationen loszuwerden, auch wenn das nur durch einen kurzen Moment des Schlafs gelingt. Im zweiten Teil, nach der Pause, bin ich endlich wieder fit für »Death and Transfiguration«, meiner Hauptmotivation für den heutigen Besuch.

  • Die Handschellen-Odyssee: Leo Perutz: »Zwischen neun und neun«

    Studenten sind oft begnadete Nebenfiguren, etwa Øien in Hamsuns »Mysterien« oder Charousek in Meyrinks »Golem«. In Leo Perutz’ Roman »Zwischen neun und neun« (1918) begegnen wir dem Studenten Stanislaus Demba dann aber in einer Hauptrolle. Es ist ein Wien-Roman, die Geschichte um ein kleines Verbrechen.

    Vor drei Jahren hat Demba drei Bände aus der Bibliothek mitgehen lassen und beginnt diese nun in Geldnot an einen Trödler zu verscherbeln. Beim letzten Band, dem wertvollsten, riecht der Ankäufer Lunte und ruft die Polizei. Demba wird gestellt und kann dann zwar fliehen, ist dabei allerdings immer noch in Handschellen gekettet, bekommt diese in den kommenden 12 Stunden (zwischen neun und neun) auch nicht ab und streicht mit diesem misslichen Handicap durch die Stadt.

    Dummerweise ist ihm gerade die Freundin ausgespannt worden, welche am folgenden Tag mit ihrem neuen Verehrer eine Reise nach Venedig antreten wird. Demba will sich nun selbst Geld besorgen, um im letzten Moment vielleicht doch noch an der Seite seiner Ex in die Lagunenstadt fahren zu können, und so beginnt seine mehrstündige Handschellen-Odyssee.

    Aus diesem Roman sollte ursprünglich eine 12-teilige Serie entstehen, die den Namen »12« trägt und in 12 Episoden jeweils genau eine Stunde dieser Zeitspanne in Echtzeit nachzeichnet. Aber dann hatte niemand diese Idee. Umgesetzt wurde sie erst Jahrzehnte später in der Actionserie »24«.

    Die weltweite Perutz-Rezeption wird außer bei Borges u. a. auch in den Filmen von Hitchcock sichtbar. Er insinuiert im Gespräch mit Truffaut jedenfalls, dass die Handschellen-Szene in »The Lodger« auf der Perutz-Vorlage basiert.

    Aber mir geht es weniger um die Inhalte und die Aufnahme des Buchs, sondern um den Charakter Stanislaus Demba, besonders im Vergleich zu anderen Studententypen. Anders als die oben genannten ist Demba ein unfreundlicher, aufbrausender Choleriker voll spöttischer Menschenverachtung, dabei allerdings bizarr komisch und einfach sehr sympathisch in seiner Antiheldenrolle.

    Da beschreibt er doch seinen Rivalen Georg Weiner im Streit um seine Geliebte, welche ihn eigentlich schon verlassen hat, herablassend, im Gespräch mit einer Freundin, wie folgt:

    »Dieser Mandrill hat doch eigentlich einen ganz menschenähnlichen Gang. Weißt du, nicht aus Gehässigkeit, sondern ich war wirklich erstaunt, dass er so gut aufrecht gehen konnte, und dachte mir, das muss ihm doch große Mühe machen, warum plagt er sich so und geht nicht einfach auf allen vieren?«

    Außerdem ist sein äffisch wirkender Kontrahent ein Mensch, der kein Kinn hat, und Demba hat das gleiche an dem Trödler beobachtet, welcher ihn dann an die Polizei ausliefern wird, und entwickelt die folgende Theorie über die Kinnlosen:

    »Manchen Menschen fehlt das Kinn. Das Gesicht geht unter dem Mund gleich in den Hals über. Sie sehen aus wie Hühner. Auch der Weiner gehört zu diesen Menschen. Sie tragen entweder Vollbart, dann sieht man es weniger, oder, wenn sie glattrasiert sind, dann sehen sie stupid aus. Ich glaube, das ist ein Atavismus. Zwischen der zweiten und der dritten Eiszeit sollen die Menschen so ausgesehen haben. – Nein, das ist kein Witz, ich hab’ das wirklich einmal in einem Aufsatz über den prähistorischen Menschen gelesen. Mir sind Leute ohne Kinn zuwider. Und wie ich den Alten anschau’, kommt mir der verrückte Gedanke, dass vielleicht ein Geheimbund aller dieser Kinnlosen besteht gegen die übrige Welt, dass sie zusammenstehen, und dass vielleicht der alte Trödler mit dem Georg Weiner im Einverständnis ist und mir nur eine Bagatelle für das Buch zahlen wird, damit ich nicht mit der Sonja nach Italien fahren kann.«

    Die 12 Stunden mit dem handgeschellten Stanislaus Demba sind jedenfalls wahre Freuden. Aber die 24, welche ich letzthin an die erste Staffel der gleichnamigen Serie verschwendet habe, waren auch nicht zu verachten.

  • Mit Schirm, Charme und Scheck

    Wahlsonntag, 18 Uhr, in der Buchhandlung Osiander. Die erste Hochrechnung aus Hessen ist hier ganz weit weg. Stattdessen große Koalition für Denis Scheck: Lehrerinnen mit Notizblöcken aus Olivenholz. Der Edeka-Geschäftsführer von gegenüber. Studentenpärchen. Und am Eingang ungefähr 150 Regenschirme ohne Garderobe.

    Der Mann, der die »Spiegel«-Bestsellerliste zur Show mit der Mülltonne machte, ist da. Und will sich bei Osiander Konschdanz (er sagt natürlich: Konschdanz) ein bisschen von dem Geld wiederholen, das er als Student seinerzeit bei Osiander Tübingen gelassen hat. Lacher im badischen Publikum, das heute (Filialeröffnung) mal ganz auf Kosten der Schwaben da ist.

    Dann ein Lob auf die hiesigen Seelen, mit dem er aber auch schon zur Sache kommt, denn vor zu vielen Büchern (90.000 Neuerscheinungen pro Jahr, huch!) fürchtet sich Scheck, bitteschön, »genauso wenig wie vor zu vielen Auslagen einer Bäckerei«. Es folgt: Für TV-Seher eine volle VHS-Kassette »Druckfrisch«. Für Radio-Hörer ein gelungenes Solo zur DLF-Sendung »Bestes und Allerletztes«.

    19:40 Uhr. Die ersten Leute wollen heim zur »Tagesschau«. Scheck schalkt durch die letzten Bücher. Im Obergeschoss werden die Häppchen gerichtet. Die Schirme (von oben betrachtet wie ein schlecht genagelter Günther Uecker) warten mit ihren feinen Unterschieden, bis der Wein alle ist.

  • Die Bratwurst in der Literatur: »Niemals mit Senf«

    Noch ein kleiner literaturgeschichtlicher Nachtrag kurz vor Jahresende. Hanns-Josef Ortheil hat sich in seinem immer noch aktuellen Roman »Das Verlangen nach Liebe« (2007) als Kurator einer exquisiten Sonderausstellung im Bratwurstmuseum empfohlen, und Rainer Moritz unterstützt ihn in der NZZ (23. 1. 2008):

    »Selten dürfte in der Weltliteratur derart genüsslich der Verzehr von St. Galler Bratwürsten nebst Bürli beschrieben worden sein«.

    Die Szene im O-Ton: Ortheils Ich-Erzähler Johannes besucht den Grillstand am Zürcher Bellevue (S. 25):

    »Als ich den Platz erreichte, erkannte ich einen schmalen, zum Teil überdachten Grillstand, der in einer Häuserlücke untergebracht war, diesen Grillstand kannte ich, ja genau, hier gab es diese unvergleichlichen Bratwürste, wie hießen sie doch gleich, diese leicht gedrungenen Würste mit einer hellen, porenlosen, milchig wirkenden Füllung von Kalb- und Schweinefleisch. Wegen ihres intensiven und für Bratwürste ganz raren Eigengeschmacks aß man sie niemals mit Senf, sondern mit dunkelbraunen, knusprigen Bürli, die ebenfalls eine Köstlichkeit waren und in nichts mehr erinnerten, was man im Deutschen als Brötchen bezeichnete. Bürli waren nämlich innen flockig, porös und weich wie gewisse Pilz-Schwämme, außen aber überzogen von einer hier und da aufgeplatzten Kruste mit einer ganz unmerklich dunklen Lasur. Eine solche Bratwurst und ein solches Bürli, dazu ein kaltes Glas Bier – das war genau richtig (…).«

    Irgendwann wird es also sicher Zeit, Elisabeth Frenzels »Motive der Weltliteratur« um die Bratwurst zu erweitern.

  • Wildes Gefecht

    In Dresden haben zum Jahresende alle erleichtert ihre Uwe-Tellkamp-Schinken ins Bücherregal des Vergessens gestellt, das Lesezeichen irgendwo zwischen Seite 30 und 40. Das Jahr 2008 geht zu Ende, niemand muss mehr Tellkamp lesen.

    Ansonsten hat wirklich jeder, den ich kenne, zu Weihnachten die Marx-DVDs von Alexander Kluge geschenkt bekommen oder diese verschenkt. Die Gabentische müssen in diesem Jahr also in diesem etwas krank aussehenden Suhrkamp-Orange geleuchtet haben.

    Und dann gab es im Dezember noch eine der besten Überschriften des Jahres, in der SZ natürlich (Ausgabe vom 16. 12.). Es ging um das Römer-Schlachtfeld aus der Commodus-Zeit, das bei Kalefeld im Kreis Northeim entdeckt wurde und eigentlich gar nicht hätte da sein dürfen. In der SZ war der Artikel von Harald Eggebrecht so überschrieben:

    »Ein wildes Gefecht an der A7«

    Das ist so hervorragend gut wie es ahistorischen Benennungen oft eben sind. Wenn etwa Hannibal durch Frankreich Richtung Alpen zieht. Oder wenn der Museumsmann von Lützen sagt: »Das protestantische Heer stand südlich der B87.«

    Wie auch immer. Hier beim Umblätterer geht es ab jetzt um unser Hauptprodukt, die Jahresendliste, den Feuilleton-Reader mit den »angeblich zehn besten Feuilletonartikeln des Jahres«, wie es der Perlentaucher wahrheitsgemäß formulierte. (Hier die Top-10 der Jahre 2005, 2006, 2007, demnächst dann die für 2008.)

    Dieses Jahr war ein sehr gutes Jahr, die Ausbeute ist unvorhersehbar riesig gewesen. Wir warten jetzt noch die Silvesterausgaben ab und zerfetzen uns dann sicher wieder wildes-gefecht-mäßig über das Ranking, von dem wir öffentlich immer behaupten, dass es in der Liste gar keine Rolle spielt.

  • Felsgrottenmadonna, ick hör dir trapsen

    Ich lese gerade den Ausstellungskatalog der leider von mir verpassten ArcimboldoAusstellung in Wien (und Paris). Sehr, sehr, sehr schöner Katalog, und Arcimboldo ist so much more than the famous composite heads (immer mit dazu sagen, ein wichtiger Satz, um sich Bourdieu-mäßig abzugrenzen).

    Er hat auch sehr, sehr schöne Tierzeichnungen gemacht, fast so fein wie Hoffmann, dem er vielleicht sogar begegnet ist am sogenannten Hofe Rudolfs II. Es gibt von ihm Studien von Wildschweinen, Vögeln, Reptilien, aber auch Kostümentwürfe und Kurioses wie z. B. eine study of a featherless three-footed chicken.

    Wobei er eher von Leonardo beeinflusst war, und der hat ja eh alles gezeichnet, was nicht bei drei auf den Bäumen war, mal ein schöner Prollspruch in einem solchen Zusammenhang, hehe. Arcimboldo stammte eben aus Milan, und dort war Leonardo ja auch über 10 Jahre bei den Sforza beschäftigt und versprühte seinen Rieseneinfluss auf die Milaneser Maler.

    Einer davon ist Bernardino Luini, der wohl sogar direkt mit ihm gearbeitet hat. Auf den ganz besonders steht übrigens San Andreas, der einzigartige Filmkritiker des Umblätterers, seit er mal The Virgin and Child in a Landscape in der Wallace Collection gesehen hat.

    Luini malt eindeutig Leonardo-Augen, und genau da ist seine Herkunft extremst und superst deutlich sichtbar. In Berlin würde man sachlich bemerken: »Felsgrottenmadonna, ick hör dir trapsen«, und das nicht erst seit Dan Brown. Aber das hatten wir ja neulich schon mal in einem größeren Kreis diskutiert, wo auch irgendjemand Ahnung zu haben schien und das alles abstritt.