Kategorie: Buchbuch

  • Wie man Dankesreden für Literaturpreise schreibt

    Eine symptomatische Szene aus dem deutschen Literaturbetrieb. Lesen konnte man sie bisher nur im Regionalfeuilleton (»Südkurier« vom 25. Mai 2009), aber sie hat eigentlich doch überregionale, um nicht zu sagen: www-Relevanz:

    Annette von Droste-Hülshoff, Porträt von J. J. Sprick, 1838 (Quelle: Wikimedia Commons)Die Ausgangslage ist menschlich, allzu literatur­betriebsmenschlich: Schriftstellerin (in diesem Fall: Marlene Streeruwitz) erhält Literatur­preis, mit dessen Namensgeberin (Annette von Droste-Hülshoff) sie nicht wirklich etwas anfangen kann. Für 6000 Euro Preisgeld wird sie aber trotzdem eine Dankesrede halten und darin irgendeine Beziehung zu der Dichterin finden müssen. Also schaut sie halt mal ins Netz, landet im Gutenberg-Portal bei SP*N und liest den dort eingestellten Lebenslauf der Droste. Über diese »Recherche« schreibt sie, und fertig ist die Dankesrede.

    Aber halt! Wer jetzt gleich wieder schreit »Hungert sie aus! Streicht den deutschen Autoren alle Stipendien und Preisgelder!« – der hat eine kleine Sternstunde im Dankesreden-Theater verpasst. Denn Streeruwitz spart sich alles Alibi-Gequatsche von wegen Identifikation mit der Droste: »Das kann ich nicht.« Stattdessen dekonstruiert sie einfach den 10-Zeilen-Lebenslauf der Droste bei Gutenberg@SP*N – sehr gut! Man hätte gar nicht für möglich gehalten, dass die Kurzbio­grafien in dieser Online-Frische-Box für Literatur so gammelig sind:

    »Da heißt es. Zitat: ›Seit 1841 lebte sie meist am Bodensee. Dort erfuhr sie eine halbmütterliche Liebe zum 17 Jahre jüngeren Levin Schücking. Sie starb am 24. Mai 1848 in Meersburg am Bodensee.‹

    Also. Die halbmütterliche Liebe wird erfahren. […] Die Frau, die eine Liebe erfährt. Das relative Verbum ›erfahren‹ beschreibt im Akkusativobjekt das, was erfahren wird. Hier ist es eine Liebe. Die Liebe dringt als Erfahrung über das Verbum selbst auf das Subjekt ein. […] Das Subjekt ist das Bedeutungsobjekt des grammatikali­schen Objekts.

    In dieser Verdrehung wird die Entmächtigung des Subjekts vorge­nommen. […] eine Darstellung, die vollkommen von außen be­stimmt ist. Die Landschaft. Die Liebe. Die Halbmütterlichkeit. Der 17 Jahre jüngere Mann und dann gleich der Tod. So wird über Beschreibung eine Person vollkommen ihres Werks beraubt. Sie wird in minderwertige Kategorien des Geschlechts und der Lebens­führung eingeschrieben.

    […] Über diesen heutigen Text kann ich mich dann sehr wohl mit Annette von Droste-Hülshoff identifizieren. Wir unterliegen aus­schließlich aufgrund unseres Geschlechts dieser Weiterschreibung, die die Männernamen fett druckt und die Frauennamen ins allge­meine zurückfallen lässt und darin die Wertung höchst selbstver­ständlich vorführt.

    Ich bitte also die Droste-Gesellschaft, sich dieses Texts anzuneh­men. Denn. Neben der himmelschreienden Beraubung der Leis­tungen einer Person handelt es sich um einen Vorgang des Anti­demokratischen. Vielen Dank.«

    Okay, das mit den fetten Männernamen (sie sind halt als Links mar­kiert!) wäre ein eigenes Tagungsthema für die feministische Literatur­wissenschaft: Geschlechterspezifische Hypertext-Hierarchien oder so ähnlich …

    Aber der passivisch fomulierte Lebenslauf der Droste ist wirklich un­säglich. Vielleicht sollten sich zukünftig einfach mehr Dankesreden für Literaturpreise an den Dichter-Biografien in Online-Datenbanken abar­beiten. Die Subventionskritiker könnte man damit sicher auch ein we­nig besänftigen, wenn im Literaturbetrieb nicht mehr nur abgestaubt, sondern auch ein bisschen entstaubt wird.

    Bildquelle: Wikimedia Commons.
    Die ganze Dankesrede gibt es auch bei rebell.tv.

  • Helmut Krausser: Tagebuch des März 2003

    (Anonym verfasste Inhaltsangabe. Ohne Gewähr. Siehe Einleitung.)

    H. Krausser: März – Tagebuch des März 2003. München, belleville, 2003.

    1.3.: Erfindet die Abk. Fugäzo für Fußgängerzone. "2002/2003: mein bestes Stück, mein bester Roman, mein bester Gedichtband. Nun geht’s bergab, das wird lustig." Nimmt jede Lesung an: "Ich werde alt und brauche das Geld."

    2.3.: Schaut DSDS. Aphorismen am Bsp. "Stichwortkartenhochhal­terin" Suzanna/Harald Schmidt: "Nein, die Menschen waren früher nicht weniger dumm, inzwischen wurde ihnen jedoch eingeredet, sie dürften es sein, ohne sich schämen zu müssen." Gedanken zur Übersetzung eines Gedichtes von Robert Frost. Anläßlich Übersetzungsproblemen: "Gedichte sind Geschenke an die Muttersprache. Man kann es nicht oft genug sagen." (20) [handschriftlich dahinter:] x x x SUPER!!!

    3.3.: Benutzt weiter Fugäzo: "ist doch nicht so schlecht, das Wort, klingt wie: puh, geht so".

    4.3.: Fast alle Ziele erreicht, die er einmal hatte, & das TaBuProjekt ist ja wirklich bald zu Ende. Zitiert aus Hemingways Die grünen Hügel Afrikas. Größenwahn wegen UC: "Ständig erbleiche ich vor mir, bete mich an, opfere mir, kreische und tobe, küsse jedes Wort wie einen Gottesbeweis, fühle, wie das Universum unter jedem meiner Sätze etwas kleiner wird" usw. (28)

    5.3.: Hat in den letzten Monaten alle Max-Goldt-Bücher gelesen ("ein großer Autor").

    6.3.: "Die erste Kritik zu UC bekommen, Spiegel Online. Sehr gut. Die restlichen werde ich nicht lesen." (35) Arbeit an einer Cäsar-Version, überlegt, nach dem 3. Akt abzubrechen, da Akt 4 & 5 "entweder nicht aus der Feder Shakespeares stammen oder Jahre später von Schauspielern aus ihrer schummrigen Erinnerung niedergeschrieben wurden. Entstellt." (36)

    7.3.: Autografensammler Ralph & Jaqueline, die begabte Ohrstecherin (41–44).

    8.3.: Bezieht Stellung gegen die "verblödungsgesellschaft" (49). Anläßlich Chaplin & seinen 10 Kindern: "Kinder sind scheiße für die Kunst." (50)

    9.3.: Kündigt nächsten Gedichtband an, der aus rechtlichen Gründen nicht Nachtkonzert heißen darf. Schaut African Queen.

    10.3.: Besuch im Tierpark. American Psycho II aus der Videothek ("der letzte Trash").

    11.3.: Zum Irakkrieg, gegen die Demonstranten, die "Happenings politischer Naivität" feiern, will sich aber auch nicht für den Krieg aussprechen und zieht sich auf seine "Chronistenpflicht" zurück. "Konstantin W. behauptet, im Irak wünsche sich kein Mensch, befreit zu werden. Ich glaube, für sowas wie ihn müßte man den Begriff Friedensverbrecher erfinden." (58) "Und neue Sirupsorten von Monin, die kulinarische Signifikanz dieser Saison." (59)

    12.3.: "Ich würde gerne mal lesen, daß ich ein sehr ironiefähiger Autor bin." (61) Zerlegt den Anfangssatz von Kafkas Prozeß, weil er ihn für nicht schlecht, aber auch nicht für genial hält. Er findet K., der "ohne daß er etwas Böses getan hätte" verhaftet wurde, zu eindimensional und findet: "Man würde sich heute zugunsten der erzählerischen Komplexität Optionen offen halten." "denn ohne daß er bewußt etwas Böses getan hätte. Zum Beispiel." (62) "Aber mal grundsätzlich: wenn heutzutage nicht besser geschrieben werden könnte als zu Kafkas Zeiten, hätte kein Fortschritt stattgefun­den." (63)

    13.3.: Bekommt die UC-Autorenexemplare. Sieht Chicago.

    14.3.: Mail von Tykwer aus NY. Bukowski-Apotheose und Lob Eugen Roths.

    15.3.: Vollzitat, Beitrag zu Oliver Twist für eine Anthologie ("Wir werden, was wir lesen. Danke, Charles Dickens"). Noch ein Vollzitat: 6 Strophen aus Heines Disputation.

    16.3.: Privatrezension von Franzens Corrections.

    17.3.: Ihm wird von der SZ-Kritik berichtet ("moderates Lob", Anleihen an Finchers The Game und David Lynch).

    18.3.: Zum Andersen-Märchen in UC. Nach Berlin. Ally McBeal.

    19.3.: Zum Irakkrieg. (94)

    20.3.: Zitat auf 96.

    21.3.: Nach Leipzig, Buchmesse. "Judith Herrmann im Profil gesehen. Was für eine Nase." Abends Lesung.

    22.3.: Lesung mit Georg Oswald aus Heiner Links Frl. Ursula.

    23.3.: Zurück nach Berlin. "In der Welt ein Interview mit Franzen zum Krieg, das ungefähr meiner Position entspricht."

    24.3.: Oscar-Vereihung. Die neue Placebo-CD. "Kriegsberichterstattung: Die Nachrichtensprecher lächeln schon wieder bei den Anmoderationen." (106)

    25.3.: "Er. Salz. Heim. Liebling." "Um Himmels Willen. Niedergehender Ideenschauer diverser nichtsnutziger Niedrigideen."

    26.3.: Inventur in der Dachstube, Aufzählung von Zeug.

    27.3.: "Lektüre: Kehlmann. Ich und Kaminski. Hervorragend. Klug, witzig, bissig, mit großem Talent für Dialoge, wunderbar komponiert, dabei ganz leicht zu lesen, unbelastet von substanzlosen Tricks." (123)

    28.3.: UC auf Platz 6 der SWR-Bestenliste.

    29.3.: Liest den FAZ-Verriß (von wem?) & die gute Kritik im Standard. Liest das "überhypte" Debüt des 24-jährigen Foer. – Zu Irak: "Wieder viele Demonstrationen in Deutschland. Einige Menschen wünschen sich laut die Niederlage der Amerikaner. Wie müssen solche Hirne beschaffen sein?" (131)

    30.3.: "Kain oder Abel? Die Frage aller Fragen. Die einzige. Lieber tot und schuldlos sein? Oder leben, auf Teufel komm raus?" (134)

    31.3.: Gegen den Schluß in der neuen Céline-Übersetzung: statt "… damit niemand mehr davon berichten kann …" stünde dort jetzt "… damit das alles ein ende hat." (137) – Nach Straubing zur Lesung. Lobt wieder Foers Buch, tadelt es dann: "Die letzten 100 Seiten sind grau-en-haft." (139) Endet mit dem Céline-Schluß der alten Übersetzung.

     

  • Helmut Krausser: Tagebuch des Februar 2002

    (Anonym verfasste Inhaltsangabe. Ohne Gewähr. Siehe Einleitung.)

    H. Krausser: Februar – Tagebuch des Februar 2002. München, belleville, 2002.

    Motto Hebbel, sehr schön.

    1.2. "Trauma" Haltestelle. Geister. Unzufriedenheit mit Theater Heute. Jahresrückblick 2001, ua.: "Das Nibelungendrama, an dem ich mehr als fünf Jahre herumgewerkelt habe – dann Sturzgeburt." (10) Überlegt, aus dem PEN auszutreten.

    2.2. Vergleich UC – Mulholland Drive.

    3.2. "mein bestes Stück, Unser Lied (Das Nibelungendestillat) steht noch aus. Es ist manchmal wirklich nicht schlecht, Helmut Krausser zu sein." (22)

    4.2. Polemik gegen FAS, Thomas Steinfeld. Treffen Goebbels – Kafka 1922: "Stelle ich mir sehr spannend vor."

    5.2. T C Fischer als Regisseur für die Schmerznovelle. Zu Heaven von Tom Tykwer.

    6.2. Malta. Heaven-Berichte: "die endgültige Inthronisierung Toms als Deutschlands Vorzeigeregisseur" (34)

    7.2. Fahrt nach Valletta. Sekundärkommentare, Zwischenrufe, kleingedruckt (39–42, 61, 73, 85, 110, 119, 121, 123, 125, 128, 130). – "neue Arbeitsweise" für UC: Maler statt Komponist.

    8.2. –

    9.2. "die Tagebücher sollten doch vor allem für mich selbst geschrieben sein" (46). Napoleon "visionierte als Erster die Vereinigten Staaten von Europa. (…) Lützows barbarischen Freischärlern wurden in Deutschland Denkmäler gesetzt. Ekelhaft." (47) Über die deutsche Drehbuchszene.

    10.2. Vanilla Sky.

    11.2. The 51st State.

    12.2. Kommentar zu einer Heidegger-Stelle aus Über den Humanismus.

    13.2. Zurück aus Malta. Zu Oscar-Nominierungen: "Lord of the Rings, bildgewaltig, doch letztlich öder Film nach einem primitiven Buch, sahnt massiv ab." (66)

    14.2. Zur Sprachkritik an Schmerznovelle. Nachrufgedicht auf Jandl. [handschriftlich dahinter:] vgl. Trübst. S. 120–129

    15.2. Welt von morgen: z. überb.? – Kommentar zu Haider, Olympischen Spielen (Curling) und Sex & the City.

    16.2. Anruf Hettche (Updike, Pynchon). Kraussers politisches Programm.

    17.2. Charakteristik der Berlin-Mitte-Typen. Italienisch für Anfänger.

    18.2. Ernst-Jünger-Stipendium. 4 Seiten E-Mail-Zitate. Zu Heinz Schlaffer.

    19.2. –

    20.2. Mit El Conde über Immobilien.

    21.2. Über Theodor Mommsen. 2 Seiten über Heaven. Das geplante Drehbuch für Franka Potente: Frau in der Brandung.

    22.2. Über eine etwaige Liebeslyrik-Anthologie bei Rowohlt.

    23.2. Zitate: "Ich glaube …" (4 Zeil.) Zitat: "Der 11. September …" (3 Zeil.) Über einen Artikel von Matthias Horx, zitiert ihn dann 3 Seiten lang.

    24.2. Nationalgalerie, Guggenheim-Museum. "Der Einfluß amerikanischer Serien auf meinen Alltag hat in diesem Jahr arg abgebaut." (119)

    25.2. Über Strauß-Opern (Salome, Elektra, Ariadne, Arabelle, Capriccio).

    26.2. FAZ-Klassenfoto.

    27.2. –

    28.2. 1,5 Seiten über Resident Evil.

     

  • Helmut Krausser: Tagebuch des Januar 2001

    (Anonym verfasste Inhaltsangabe. Ohne Gewähr. Siehe Einleitung.)

    H. Krausser: Januar – Tagebuch des Januar 2001. München, belleville, 2001.

    1.1. Hat Shakespeares Cäsar "metrisch präzise" neu übersetzt.

    2.1. Gibt ein Beispiel für seine Cäsar-Version. "Ist es so unzeitgemäß pathetisch, an eine eigene historische Mission zu glauben? Nein, man glaubt ja nicht an eine Mission, man hat sie –" (21).

    3.1. Erwägte Rettung eines Habichts.

    4.1. Beim Kunstmann-Verlag, verspricht, Texte für ein Bilderbuch zu liefern: "Bin bescheuert." (29) Die letzten beiden Seiten unlesbares Geschwurbele.

    5.1. Absage an M P (Politycki?) zum Autorentreffen in Elmau.

    6.1. –

    7.1. "Todo sobre mi madre war einer der blödesten Filme, die ich je gesehen habe" (46).

    8.1. "Girgl (Georg Oswald?) schickt eine Mail, hat noch einen Fehler in der Schmerznovelle gefunden, keine Minute zu früh." (51)

    9.1. Lektüre Hemingway (Green Hills). "Kafka. Der Säulenheilige der Totalversager." (58)

    10.1. Besuch bei Franka Potente.

    11.1. Mit Hans-Georg Rodek in der Pressevorführung Traffic. "Bernhard-Stücke sind einfach: Scheiße." (66)

    12.1. Vergleich Welt – Tagesspiegel – Süddeutsche, die Welt kommt dabei gut weg.

    13.1. Polemik gegen den "Talentierten" G (Grünbein?).

    14.1. Anruf von Helmut Markwort vom Focus.

    15.1. –

    16.1. "Feier zum Hörspiel des Jahres." (85)

    17.1. "ein Depp wie Zizek" (93).

    18.1. "Routine ist etwas sehr gefährliches." (96)

    19.1. "Im Hugendubel gesehen: Oliver Kalkofe mit Freundin." (100)

    20.1. "Der Monat steht wohl unter dem Motto >>Fragwürdige Filme prüfen<<." (106)

    21.1. "Schnöseltum à la Tristesse Royale" (111).

    22.1. Webcams (Schachturnier): "dieses Wunder" (116).

    23.1. Über eine Tacitus-Übersetzung vom "delirierenden Radikallatinisten" Karl Büchner.

    24.1. Schreibt an einem "Franka-Drehbuch" (128). – Die vier Schlußinterpretationen der Schmerznovelle. (evt. mit L G vergleichbar?)

    25.1. Über seinen Zeit-Artikel zum Klonen von Embryonen. – "Und der Altar des Notebooks leuchtet" (136).

    26.1. Erwähnung der Homepage www.perlentaucher.de. Diplomarbeit zu Haltestelle. "Mein Leben ist ein Projekt, also ein Kunstwerk" (144).

    27.1. Zitat aus Canetti-Autografen.

    28.1. Superbowl im TV.

    29.1. Zitate und Kommentare zu Marais Tagebüchern: "Von seiner Frau redet er nie, obwohl seine Ehe sehr glücklich gewesen sein soll." (161) Dialog: "Die Sache mit dem Zwergchamäleon" (164).

    30.1. "Idee für einen Filmanfang" "Klingt nach Pulp-Fiction-Stil, durchaus, warum nicht?" (167)

    31.1. "Langweiliger Monat, dieser Januar." (172)

    [handschriftlich darunter:]
    Es ist sehr sympathisch, d. Krausser lieber fernsieht anstatt Bücher zu wälzen. Z.: "Kann man überhaupt noch Schriftsteller sein, ohne die Simpsons zu kennen?"

     

  • Notizen: Helmut Krausser: Tagebücher Januar 01—März 03

    »Bei den von dir markierten Stellen
    Wusste man nie, warum sie’s war’n«

    (Jens Friebe)

    In einem Antiquariat im 5ème habe ich letzte Woche Helmut Kraussers Tagebuch des Oktober 1997 (belleville 1998, nummeriertes Exemplar Nr. 356) entdeckt, fand das sehr schön und habe es gleich mitgenom­men, 4,50 Euro.

    Darin lagen überraschenderweise zwei doppelt ineinander gefaltete A4-Blätter, billiges Druckerpapier, auf dem jemand (ein Kritiker? ein Fan? ein Student?) ein paar Inhaltsangaben zu anderen Krausser-Tagebüchern aufgelistet hat (Arial-Schrift, ca. 12 Punkt, Schriftbild schon etwas verblichen). Es handelt sich um die Diarien vom Januar 2001, Februar 2002 und März 2003. Notizen zum Oktober 1997 selbst sind nicht dabei.

    Die in den Aufzeichnungen wiedergegebenen Zitate (ruppig aus ihren Kontexten gerissen, aber wenigstens meist mit – von mir nicht überprüften – Seitenangaben versehen) wurden vielleicht alle aus einem bestimmten Blickwinkel heraus gesammelt. Auch wenn es sich also nur um eine subjektive Auswahl handelt, blitzt beim Lesen oft genug die bonmotische Kraft und Ironiefähigkeit (hehe, vgl. dann die Notiz zum 12. März 2003) des Tagebuchautors Krausser durch.

    Ich fand die Listenlektüre jedenfalls sehr super, und die sofort auf­brandende Frage: »Wer bitte hat sich solche Notizen gemacht?« ließ mich nicht mehr los. Ich habe die Blätter heute alle abgeschrieben und gebe deren Inhalt hier ab morgen wieder, ohne Gewähr für deren korrekte Wiedergabe. Alles sollte aber so transkribiert werden, wie ich es auf den Blättern gefunden habe. Ich kann die Krausser-Zitate leider gerade nicht in den entsprechenden Tagebüchern selbst nachprüfen, weil ich sie nicht vor Ort habe. Mir kryptisch oder unverständlich erscheinende Stellen habe ich as is mit abgeschrieben. Ansonsten habe ich im Januar ’01 und im März ’03 zwei Passagen ausgelassen, ohne dafür jetzt hier im Einzelnen die Gründe angeben zu wollen.

    Außerdem weggelassen habe ich »Kap[itel?]«-Angaben, die an einigen Stellen handschriftlich angebracht worden sind. Meist in Bezug auf Tage, in denen Krausser über Filme geschrieben zu haben scheint. Vielleicht handelt es sich bei den Aufzeichnungen also um eine Materialsammlung zum Thema »Krausser und der Film« o. ä.

    Inhalt (ab morgen)

    Januar (Tagebuch des Januar 2001)
    Februar (Tagebuch des Februar 2002)
    März (Tagebuch des März 2003)

     

  • Das Kleiderproblem

    »Auch zur Polizei hatte Irrsigler ja nur gehen wollen, weil ihm mit dem Beruf als Polizist das Kleiderproblem als gelöst erschien.«

    Einen Uniformberuf wählen, um das Kleiderproblem zu lösen, was für ein Ansatz! Irrsigler ist eine Figur aus »Alte Meister« von Thomas Bern­hard, ein Museumswärter im Wiener KHM. Diese Art livrierter Mitarbei­ter ist überhaupt spannend (also natürlich völlig unspannend), jetzt mal ganz allgemein, diese Leute, die da den lieben langen Tag neben diesen Bildern stehen, auf Stühlen neben Türen sitzen oder langsam durch ein paar Museumsräume schleichen.

    Manche wissen dann auch ganz gut über die hauseigene Sammlung Bescheid. Nach all den Jahren haben sie sich einen Wissensschatz angeeignet, immer wieder Führungen gesehen, Diskussionen haus­eigener Experten vor den Bildern vielleicht auch, vielleicht auch ein bisschen selbst etwas angelesen, sie besitzen aber normalerweise keinerlei Referenzwissen.

    Mir passierte das neulich im Hampton Court. Der Wärter, der eben noch eine tolle Story über eines der Bilder erzählte – er kam ungefragt, nachdem er uns sehr lange vor einem bestimmten Bild stehen sah –, hatte überhaupt keine Peilung von ähnlichen Bildern aus der National Gallery zum Beispiel, obwohl das so offensichtlich war, besonders nachdem er derart passioniert über jenes eine Bild im Hampton Court gesprochen hatte.

    Bei dem Bild handelt es sich übrigens um das Vollportrait einer jungen, wohl schwangeren Frau. Man geht mittlerweile davon aus, dass es sich um Elisabeth I. handelt, welche zu dieser Zeit gerade unehelich schwanger war, und der Sohn sei kein anderer als Francis Bacon. Das Bild ist ein Schlossdachbodenfund, es schlummerte dort quasi Jahr­hunderte und es gibt dazu keinerlei Dokumentation, but that’s a different story.

    Die Figur des Irrsigler ist jedenfalls ein sehr gutes Abbild dieses zu­meist im älteren Semester befindlichen uniformierten Museumsperso­nals. Tja, und wir haben in unseren Jobs oder Funktionen immer noch das Kleiderproblem, so geil, das Kleiderproblem.

  • Montaigne, übersetzt aus dem Japanischen

    Montaigne, ca. 1578 (Quelle: Wikimedia Commons)Heute endlich mal wieder den Zeitungs- und Magazin-Stapel verarztet. Im »Nouvel Obser­vateur« von vor 2 Wochen (7. Mai) fand ich (auf S. 107) einen kurzen Artikel über zwei neue Montaigne-Übersetzungen – ins Französische. (« Montaigne traduit du japonais »)

    Der Artikel kreist um die Frage, ob Montaignes Essais (die ersten Bände erschienen 1580) nicht in einer Art Fremdsprache geschrieben seien. Michel Onfray, der eines der beiden frisch erschienenen Bücher bevorwortet hat, diagnostiziert gar (im Ton von Dr. House, wie der »Nouvel Obs« schreibt), dass Montaignes Französisch nachgerade zu den toten Sprachen gehöre. Montaigne braucht Botox!, schreit es also aus dem Text, bevor dann natürlich die obligatorische Kritik an einer solchen Unternehmung folgt (Tenor: Was soll das, bitte schön???).

    Die erste geupdatete Version (von André Lanly, bei Gallimard) hatte nun langweiligerweise den Urtext als Vorlage, der sprachlich einfach modernisiert wurde. Bei der zweiten Version (Pascal Hervieu, bei Flammarion) handelt es sich dann aber technisch gesehen um eine echte Übersetzung. Als Vorlage für die Neufassungen zweier ausge­wählter Kapitel der Essais (»De l’expérience« und »Sur des vers de Virgile«) diente die Übersetzung ins Japanische.

    Übersetzungsspiele mit maschinellen Translatoren wie Babel Fish sind immer gut für einen Scherz zwischendurch. Im vorliegenden Fall FRA–JAP–FRA hat sich aber ein menschlicher Übersetzer mehrere hundert Seiten vorgenommen, damit sich durch das Prinzip ›Stille Post‹ die blumige Schwerfälligkeit des Originals verflüchtige. Diese Übersetzung der Übersetzung bleibt jedoch als typisch romantische Potenzierung trotzdem vor allem ein luxuriöses Spiel.

    In einem ähnlichen Fall hatte man jedenfalls schlagendere Gründe: Als 1823 zwei Franzosen die 1805 erschienene, von Goethe angefertigte Diderot-Übersetzung »Rameaus Neffe« in die Originalsprache rück­übertrugen, taten sie dies, weil das französische Originalmanuskript nicht lokalisierbar war (wurde erst 1891 gefunden).

    Quoi qu’il en soit, vielleicht ist es alsdann auch einfach mal an der Zeit, irgendwelche deutschen Klassiker aus einer exotischen Sprache rückzuüber­setzen. Gryphius? Grimmelshausen? Oder einfach mal Kant? Oder, wenn wir mit Montaigne im 16. Jahrhundert bleiben: Vielleicht über­setzt einfach mal jemand die Lutherbibel zurück ins Althebräische bzw. Altgriechische?

    (Bildquelle: Wikimedia Commons)

  • Dique — Das Interview

    Auf Wall of Time ist heute in der Reihe »Time traveler’s wisdom« ein großes Interview mit Le Dique erschienen, der hier beim Umblätterer vor allem für pindarische Sprünge und bisher nicht existierende Zusammenhänge zuständig ist. Hier zwei Auszüge aus dem Gespräch:

    Zur Wirkungsgeschichte der Slayer-Platte »Reign in Blood«:

    »Ich denke, wenn Stefan Zweig das noch erlebt hätte, hätte er bei Insel noch eine seiner Sternstunden der Menschheit dazu veröffentlicht.«

    Zur Überwindung des Zeitlochs beim Zähneputzen:

    »Ja, das Zähneputzen sollte man ja mindestens drei Minuten tun und je nach Schriftsatz kann man in dieser Zeit ungefähr ein bis zwei Buchseiten konsumieren. Ich brauche aber für die Dentalpflege etwas mehr Zeit, weil ich vor dem Bürsten noch die Zahnzwischenräume reinige, mittlerweile nicht mehr mit Zahnseide, dazu braucht man ja zwei Hände und kann kein Buch halten, sondern mit diesen kleinen borstigen Reinigungsstäbchen, und schaffe also in dieser Zeit einen längeren Artikel oder einige Buchseiten

    Das Gespräch gibt es auch als entzückend schön gesetztes PDF-Handout.

    Dique zur Einführung:

    The Best Newsagent (05/2007)
    Der beste Investment-Essay aller Zeiten (09/2007)
    Die FAS und die Tauben (01/2008)
    Der letzte »Economist« (09/2008)
    Der Vagina-Katalog (01/2009)
    Im Halbschlaf (02/2009)
    Im Apsley House (03/2009)

    Usw.

  • Lazarillo, Hoffmann, ZERN, Gemäldegalerie, Bode

    Neulich kurz in Berlin gewesen, dort auf dem Flohmarkt endlich mal den Lazarillo von Tormes gekauft, welchen mir Paco immer wieder ans Herz gelegt hatte. Ich las ihn gleich auf der nächsten Kaffeehausbank in einem Zug, und er hat mir natürlich bestens gefallen.

    Danach gleich noch von Hoffmann den »Meister Martin der Küfner und seine Gesellen« (was soll man auch sonst in Berlin machen?), auch sehr fein und die von uns neulich begonnene Liste der besten 100-Seiten-Bücher wächst. Wenn wir 100 beisammen haben, geben wir einen entsprechenden Kanon heraus. Goldschnitt, Lesebändchen, säurefreies Papier, gedruckt bei Alfred A. Knopf.

    Dann zur Eröffnung in die ZERN Gallery, obwohl ich kaum noch was erkennen konnte, nach all der Leserei. Dort war auch Ingo Niermann, und ich erzählte ihm von der hier berichteten Drill/Vril-Verwechslung, er freute sich aber mehr über die Erinnerung an den Auftritt von Gilbert & George (ebenda). Gesa Johanna Roskamp erinnerte mich an Pontormo und das wurde mit Wohlwollen quittiert.

    Am nächsten Tag in der Gemäldegalerie zur Rogier-van-der-Weyden-Ausstellung, danach die italienische Reproduktionsgrafik von Mantegna bis Caracci. »Gibt es zu der Ausstellung einen Katalog?« »Nein.« »Mist.«

    Dann noch schnell ins Bode-Museum, um das Flaxman-Relief anzuschauen, ultraklein für die Größe, mit der es überall in diesem Berlin beworben wird, aber trotzdem sehr schön. Wobei das Schönste im Bode immer noch diese wunderschöne Dorothea-Terrakottafigur von Andrea della Robbia ist.

    Diese altarmäßige Präsentation und diese schöne Figur, welche durch das Material so weich wirkt, sieht fast aus wie Holz und ist mal eine angenehme Abwechslung zu den sonst meist weiß-blauen glasierten Reliefs des della-Robbia-Clans.

    Usw.

  • Das Feuilleton schwänzt den Walser-Wandertag

    Was dem Dique seine RoRoRo-Monografien, sind mir ja die Suhrkamp-Prachtbände »Sein Leben in Bildern und Texten«. Okay, sie passen eher auf Tische als in Taschen, und hinein kommt auch nur, wer zwingend altgedienter Suhrkamp-Backlist-Autor ist: Also Hesse. Brecht. Und natürlich Walser, Robert, nicht (mehr) Martin.

    Doch schon mit diesen wenigen Großkalibern haben sich mir ganze Ikonografien deutscher Literaturgeschichte ins Gehirn gefräst: Hesse mit Strohhut und Gartenfeuer, Brecht auf Frischs Letzibad-Baustelle in Zürich – und eben Robert Walser mit Schirm und Hut am Rand der langen, leeren Straße.

    Es ist DAS Bild des Spaziergängers Robert Walser, oder muss man sagen: des von seinem Vormund zum Spazierengehen abgeholten Anstalts-Insassen Robert Walser? Das Foto, aufgenommen von Carl Seelig am 23. April 1939, wurde dieser Tage 70 Jahre alt. Aber was macht das sonst so jubiläumsgeile Feuilleton? Es schwänzt diesen Wandertag.

    Dabei war es doch ein großer Tag: »Wir machen den Weg Herisau–Wil, ständig plaudernd, in dreieinhalb Stunden«, schreibt Seelig, und weiter: »Er läßt sich auch ohne Widerstand fotografieren. Ich bin baff. Es macht ihn glücklich und lustig, daß wir die 26 Kilometer so schnell hinter uns gebracht haben, nur mit einem Vermouth als ›Benzin‹.«

    Und naja, in Wil wurde natürlich, wie immer bei solchen Gelegen­heiten, noch zünftig eingekehrt: »Wir essen ›Im Hof‹, haben gewaltigen Hunger und kehren nachher von einer Wirtschaft zur anderen ein. Im ganzen waren es fünf.« So halb stolz, halb betreten konnte es nur ein Carl Seelig protokollieren, wahlweise auch mit Speisenfolge, Rotweinsorten, Walsers Worten zu den Serviertöchtern.

    Solange »Der Vormund und sein Dichter« nicht endlich mal wieder gesendet wird, bleibt »Robert Walser. Sein Leben in Bildern und Texten« die einzige Alternative zum Nachwandern durch Text und Bild, herausgegeben und gestaltet von dem wie immer unermüd­lichen Bernhard Echte.