Kategorie: Buchbuch

  • Mario Perutz

    Ich hatte einem Bekannten irgendwann mal Leo Perutz empfohlen. Neulich traf ich diesen Bekannten auf einer Hochzeit wieder. Da stellte sich heraus, dass er inzwischen tatsächlich Perutz gekauft und gelesen hatte, und das nicht wenig.

    Allerdings sprach er die ganze Zeit von Mario Perutz, deshalb fragte ich noch mal ganz vorsichtig nach dem Titel des Werks, über das er gerade geredet hatte. Er nannte es dann tatsächlich den »Schwe­dischen Reiter« und hat sich also nur den Namen des Autors falsch gemerkt.

    Korrigiert habe ich ihn nicht, denn das geht ab einem bestimmten Zeitpunkt ja nicht mehr, und er sagte dann noch ein paar Mal Mario Perutz.

  • Vorwort zum laufenden Feuilletonjahr (6/2009)

    Ein schönes Bild

    1. Der Umblätterer – 5 Jahre Feuilleton-Exzellenz-Initiative. Bald:

    2. Am 12. Januar erscheint hier die fünfte Ausgabe unserer jährlichen Feuilleton-Top-Ten. DER GOLDENE MAULWURF wird also wieder verliehen. Letztes Jahr ging er an Iris Radisch für ihren herausragen­den Littell-Verriss. In diesem Jahr haben es bis jetzt 30 Feuilletontexte in die Longlist geschafft (noch sind eineinhalb Tage Zeit, hehe). Die endgültige Auswahl erfolgt dann nach der Lektüre der Silvester­ausgaben. Die Beratungen werden bis zum Schluss andauern, harte Kämpfe innerhalb des Consortiums zeichnen sich schon jetzt ab.

    3. »UNO-Generalsekretär Boutros Boutros-Ghali hat sich für den Weltfrieden ausgesprochen.« (Meldung auf Deutschlandfunk, Anfang/Mitte 90er)

    4. Der in Vorwort 4/2009 unter Nr. 9 erwähnte Aufsatz über die Kommentatoren in Alban Nikolai Herbsts Dschungel-Weblog ist fast fertig. ANHs Position wird darin mit einem Wort Zarathustras herausgestrichen werden: »Ich bin nicht auf der Hut vor Betrügern, ich muss ohne Vorsicht sein: so will es mein Loos.« – Der Satz fällt im Vierten Teil des Nietzschebuches, im Gespräch mit dem Zauberer (einem Prä-Internet-Troll), der den Wanderer mit seinem Kohlenbecken-Gedicht zum Narren halten will.

    5. »Sie habe nicht alles von Christian Kracht gelesen, aber ›1979‹ habe ihr auch gefallen, sagt Judith Hermann.« – http://bit.ly/5vFvUZ

    6. Angesprochen auf Schillers Gedichtfragment »Deutsche Größe« sprach Minister zu Guttenberg von einem »gedichtähnlichen Zustand«.

    7. Die 7. Staffel von »Curb Your Enthusiasm« hat neulich spektakelartig geendet, versehen mit mehreren Momenten TV-Geschichte. (Unser Episodenführer.)

    8. Nächstes Jahr noch die letzte Staffel »Lost«, und das war es dann erst mal mit den US-Serien. In »Desperate Housewives« geht es ja mittlerweile auch nur noch darum, dass irgendwelche Leute sinnlos in der Vorstadt herumwohnen.

    9. Weiter im TEXT.

     
    Weitere Vorworte des Herausgebers zum aktuellen Jahrgang

     
    I (29. 1.)  —  II (20. 4.)  —  III (22. 5.)  —  IV (29. 9.)  —  V (29. 11.)
     
  • Der Titelkopf der F.A.Z.

    Bis auf eine wirklich SCHLIMME Wortspielerei auf Seite 154 ist das Buch »loslabern« von Rainald Goetz das Buch des Jahrzehnts, also zumindest der zweiten Hälfte meines Lesemonats Dezember.

    Darin auch ENDLICH mal eine zitierfähige Passage zum größten bestehenden MYTHOS der Zeitungswelt, dem frakturenen Titelkopf der F.A.Z. – Teil dieses Titelkopfes ist ja nämlich folgende Zeile:

    HERAUSGEGEBEN VON WERNER D’INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

    Und jetzt RAINALD GOETZ:

    »Wer war eigentlich Holger Steltzner, und warum kannte ich den nicht? Ich kannte seinen Namen als den eines der Herausgeber der Zeitung, wusste aber nicht einmal, welches Ressort er verantwortete, Berthold Kohler, wer bist du?, was machst du?, zeig dich doch mal bitte kurz. Ein Sympathieflash für diese Nonfaces an der Spitze dieser Riesenzeitung erfasste mich, zugleich die Einsicht in das Wahnhafte meiner Obsession mit Zeitung überhaupt, mit dieser Art gedruckter, täglich sich erneuernder Totalöffentlichkeit.« (S. 79f.)

    Usw.

  • Christian Klippel: »Es hatte Sinn« (1979/1984)

    »Es hatte Sinn, in ’ner WG zu wohnen, ZDF zu sehen, TAZ zu lesen, es hatte Sinn, Palästinensertücher, Parkas, Transpa­rente zu tragen. Marx hatte Sinn, Hegel, die Bremer Stadt­musikanten. Alles hatte Sinn.«

    Gerade von mir im Online-Feuilleton satt.org herausgegeben: »Es hatte Sinn«. Der Text ist zuerst in der sagenhaften 1274-sei­tigen »MAMMUT«-Anthologie des März Verlags erschienen (1984). Es handelt sich um die letzten Seiten des ersten Kapitels des unveröf­fentlichten Romans »Metro Babylon«, die 1979 entstanden sind.

    Christian Klippel (der sich zeitweise »Kristian Klippel« nannte) be­schreibt darin einen Besuch am Grab von Jim Morrison auf dem Père Lachaise in Paris. Der wiederkehrende Satzbeginn »Es hatte Sinn« bildet den Refrain zu einer beeindruckenden Phänomenologie der 60er- und 70er-Jahre, die DAS KULTURELLE ARCHIV reichhaltig be­stückt. (PEZ-Spender kommen sonst nur noch in alten »Seinfeld«-Folgen vor, hehe.)

  • Tobias Wimbauer

    Tobias »téwé« Wimbauer beim Twittern zuschauen ist wie Joachim Lottmann lesen, ist wie Guido-Knopp-Dokus schauen. Alles eigentlich ungehbar und höchst zweifelhaft, aber auf diese streng antiaufkläre­rische Weise süchtig machend. Es handelt sich um eine dieser »Unwürdigen Lektüren«, über die Autoren in der Literaturzeitung »Volltext« immer berichten.

    Paco und ich verbringen ganze Skype-Abende damit, abschätzig und missbilligend téwés neueste Twittermeldungen zu rezitieren. Unser Vokabular steigert sich dabei schnell zu unveröffentlichenbaren Tiraden. Und doch bringen wir Stunden damit zu, und jetzt ist es soweit. Jetzt müssen wir bekennen, dass Tobias Wimbauers jüngstes Online-Schrifttum unsere Courths-Mahler ist, unser 64-Seiten-Groschenroman.

    Wir können nicht anders, wir müssen das lesen, immer wieder, eine Herauslöschung aus den Bookmarks und dem Browser-Cache hat nichts gebracht. Der Wimbauer-Fun ist ein Stahlbad, wir wissen das, in klaren Momenten handeln wir auch danach, tippen dann aber doch wieder eigenhändig die Adresse nach, twitter dot com slash wimbauer.

    Wie aus dem aufsteigenden Ernst-Jünger-Forscher ein twitternder Biokoch wurde, das ist eine der schärfsten Volten der bundesrepu­blikanischen Geistesgeschichte. Der einsame Wolf, der wegen »Grössenwahn, Samenstau und grandios überzogenem Konto« auch mal für die »Junge Freiheit« schrieb, ist einer der beliebtesten Twitte­rer Deutschlands geworden. Es ist unglaublich, wie er das durchhält und stetig seine kulinarischen Tageskreationen durchzwitschert, am besten gleich mit Twitpic:

    »Heut gab’s Gnocchi in Basilikum-Mascarpone-Sosse mit frischen Tomaten und Käse überbacken, alles 100%bio wie im«

    Diese Meldung, erschienen vor zwei Stunden, ist wegen der Zeichen­limitierung hinten etwas abgehackt, aber wir wissen eh alle, was da stehen muss, »alles 100% bio wie immer«. Kurz vor dieser Bekanntgabe des Speiseplans hat téwé auch mal wieder seinen Hang zur Nascherei bewiesen, aber auch hier bitte nicht Ritter Sport, sondern Bioschokolade:

    »Extrem lecker ist übrigens die handgeschöpfte Buttercaramel-Schokolade von Zotter«

    Ja, und dann noch der liebe Wein: »Im Glas: 2007er Spätburgunder/Dornfelder von Zwölberich«. Biowein, natürlich, der gern auch mal überschwänglich attribuiert wird: »zum Niederknien«. Das ist alles zusammen genommen ähnlich inhaltsfrei wie das »Libro Mio« von Pontormo, in dem es ja auch vorderhand um die Einnahme von Nahrungsmitteln geht. Der späte Pontormo, der mittlere Wimbauer, Brüder im Geiste. Der eine hat zwischen den Mahlzeiten an ein paar Fresken herumgemalt, der andere katalogisiert in den wenigen verbleibenden Minuten Bücher und gibt einen Jünger-Newsletter heraus.

    Vor Monaten haben wir mal die Idee besprochen, Wimbauers Beiträge zur Gebrüder-Jünger-Forschung mit seinen Twittereien parallel darzu­stellen. Als Online-Autor ist Tobi Wimbauer jedenfalls die Fleisch ge­wordene naive Dichtung im Schiller’schen Sinn. Er twittert über Biowein in einer Weise, wie das sonst nur unverbildete griechische Schafhirten in der vorhomerischen Zeit hingekriegt haben würden.

    Gunther Nickel schrieb mal in seiner Rezension zu Wimbauers »Personenregister« der Jünger-Tagebücher, der Registermacher »hätte sein Studium doch besser beenden sollen. Und gut wäre sicher auch gewesen, seine Einleitung wäre vor ihrer Drucklegung gegen­gelesen worden.« Falsch, ganz falsch. So wie der Erzähler in Helmut Kraussers »Durach« sein Studium abgebrochen hat, um sich »nicht Freizeit und literarischen Stil mit einer Magisterarbeit zu versauen«.

    Tobias Wimbauer hat den Zustand schreiberischer Glückseligkeit erreicht. Seine Twittermeldungen werden einmal historisch-kritisch ediert werden müssen, und das unverstandene Schlimme daran ist: Wahrscheinlich werden wir selbst den DFG-Antrag dazu durchboxen, obwohl wir das – so werden wir jedenfalls immer behaupten – gar nicht gewollt haben können.

  • Deutschlands erster Supermarkt-Roman

    Vier Äpfel (Cover)Der Kaufland-Tip mit seiner 19-Millionen-Auflage kann doch nicht alles sein, was wir über Super­märkte zu lesen bekommen. Mag sich David Wagner gedacht haben und legt »Vier Äpfel« vor – Deutschlands ersten Super­markt-Roman.

    Der Plot ist schnell erzählt: David Wagner kauft sich keine nachtblaue Hose, wiegt aber vier Äpfel ab. Die bringen exakt 1000 Gramm auf die Kundenwaage – und den Gedan­ken: »Vielleicht ist heute ein besonderer Tag.« Nach 77 Seiten stellt sich heraus:

    »Wahrscheinlich ist heute doch kein besonderer Tag, denn daß vier Supermarktäpfel zusammen genau tausend Gramm wie­gen, kommt bestimmt gar nicht so selten vor. Äpfel werden sicher auf dieses Gewicht hin gezüchtet und nach der Ernte entsprechend sortiert (…).«

    Nach 157 Seiten ist das Buch zu Ende – doch es werden natürlich nicht nur vier Äpfel gewogen. Im Gegenteil.

    »Manchmal kommt es mir so vor, als könnte ich mich ans Jagen erinnern, einen Speer in der Hand, unterwegs in der Savanne. Eine Million Jahre Jagen und Sammeln, achttausend Jahre Landwirt­schaft, neunzig Jahre Supermarkt. Kein Wunder, dass ich verwirrt bin, es ging doch alles ziemlich schnell.«

    Genau so, möchte ich mal sagen, haben wir uns das mit dem Verbraucher-Feuilleton immer vorgestellt! Wer David Wagners Buch gelesen hat, wird Supermärkte neu entdecken, anders betreten, besser lieben und besser hassen. Ein Roman für …

    1. Archäologen   – Die Liste der verschwundenen Supermarkt-Dinge
    2. Archivisten   – Mit Liebeskummer in den Laden
    3. Biografen   – Generation Granny Smith
    4. Ethnologen   – Sex and the Supermarket
    5. Galeristen   – Action Painting, Art Basel, documenta
    6. Germanisten   – Wie heißt der Hund von Effi Briest?
    7. Kunsthistoriker   – Supermarktpointillismus
    8. Politologen   – Der Supermarkt als Apartheids-Regime
    9. Psychologen   – Das Kunden-Trennholz
    10. Romantiker   – Zum Milchschäumer-Vorführen zu mir
    11. Serientäter   – Stromberg – die Supermarkt-Version
    12. Soziologen   – Bourdieu auf Lebensmittelbasis
    13. Systemtheoretiker   – Kein Shampoo für normales Haar
    14. Theologen   – Der Supermarkt als Sündenfall

    1. Der Supermarkt für Archäologen

    So ein Kundenleben fängt im Einkaufswagen-Kinderklappsitz an. Und hört mit einem Rollator, der gleichzeitig Warenkorb ist, auf. Dazwischen geht in jeder Generation eine ganze Supermarkt-Kultur verschütt. David Wagner (Jg. 1971) hat mal ein paar Dinge ausgegraben, die allein schon, seit wir dabei sind, von der Bildfläche verschwunden sind:

    • der Schutzkarton, der die Zahnpastatube bis zum Paradigmenwechsel zwischen Metall- und Plastiktube umgab (98)
    • Kassenzettel ohne Produktzuordnung der Preise: »es stand ja nichts drauf, nur Zahlen, in einer langen Kolonne untereinander, es fehlte die Information, welcher Preis sich auf welches Produkt bezog« (150)
    • Preisetiketten auf den Produkten: »Am Rand stand DM, das D über dem M und links daneben, in größeren Ziffern, der Preis. (…) Der Umriß dieser Etiketten sah einer bestimmten Sorte von Verbundpflastersteinen ähnlich, die nicht selten vor den Geschäften (…) verlegt waren.« (144 f.)
    • die Etikettierpistole, »die wie eine Weltraumwaffe aussah, aber bloß kleine Preisschilder ausspuckte« (144)
    • »der lange Samstag«! (101)

    2. Der Supermarkt für Archivisten

    »geträumt, mit meinem Einkaufswagen gegen einen anderen Einkaufswagen zu stoßen, in dem genau die gleichen Lebensmittel liegen wie in meinem.« (13)

    Liebeskummer als Lizenz für das enzyklopädische Verfahren – was Moritz Baßler mal zu Stuckrad-Barres »Soloalbum« notierte, gilt auch für den Ich-Erzähler der »Vier Äpfel«. Er kauft ein, und sie ist weg. Und doch mit jedem Griff ins Regal präsent: »dass ich noch immer das Waschpulver kaufe, das L. gekauft hat«. Oder: »meine Marken sind noch bei mir, L. ist es nicht.« (69)

    L. heißt der Einfachheit halber übrigens wirklich L., also (phonetisch) elle. Vordergründig wird eine gescheiterte Beziehung besungen, hintergründig wandern lauter Dinge ins kulturelle Archiv nach dem Motto: »Zahnpastatreu bin ich nie gewesen«. Und dann folgt ein astreiner Lebenslauf, erzählt anhand von Zahnpastasorten. (99) Popliteratur lebt!

    3. Der Supermarkt für Biografen

    David Wagners Supermarkt-Inspektion ist DIE apokryphe Schrift zur Generation Golf! Einfach weil die »Vier Äpfel« ein paar Dinge über­liefern, die in den Illies-Evangelien schlichtweg fehlen. Zum Beispiel die Geschichte vom Apfel, der alt wurde.

    Ja, Granny Smith (78 f.) war wirklich einmal so ›in‹ wie die 1980er makellos und giftgrün waren. Vielleicht auch nur als »Idee eines Apfels (…) – die Vorstellung, die ein Innenarchitekt von einem Apfel hat, der zu einer reinweißen Einrichtung passen soll«. Und deswegen war, wie David Wagner richtig notiert, Granny Smith natürlich auch die passende Apfel-Marke zu den Esprit und Benetton tragenden Neubaumädchen.

    Heute, wo ein Apfel gar nicht streuobstgleich genug sein kann, wirkt der Granny Smith nur noch wie ein Schatten seiner selbst und wird denn auch in der Obsttheke »viel seltener und weniger prominent platziert«. Aber apfelkonsumgeschichtlich war er wahrscheinlich einfach eine notwendige Entwicklungsstufe: Man wollte und musste sich die Emanzipation vom Schrumpelapfel der Eltern und Großeltern leisten, da war ein gefühlter Retorten-Apfel gerade gut genug. Ob Granny Smith genauso Chancen gehabt hätte, wenn wir das mit Oma Schmidt schon damals gewusst hätten:

    »Erst anderthalb Jahrzehnte später ist es mir gelungen, das Wort Granny, das ich als eine Kurzform für Großmutter kannte, auch als Bestandteil des Apfelnamens zu verstehen. All die Jahre hatte ich es einfach bloß als einen Klang wahr- und hingenommen (…).«

    (Me too.)

    4. Der Supermarkt für Ethnologen

    Wagners Einkaufs-Ich ist Supermarkt-Single und wird es lange bleiben, denn

    »tatsächlich (…) habe ich noch nie jemanden im Supermarkt kennengelernt. Ich habe Bekannte getroffen, ja vielleicht ist mir auch mal die Begleitung eines Bekannten oder der Freund einer Freundin vorgestellt worden, noch nie aber habe ich jemanden einfach so kennengelernt.« (13)

    Eigentlich ist der Supermarkt ein absolut flirtfeindlicher Ort. Denn es gehört zur »Konvention des Supermarktverhaltens, (…) alle anderen zu übersehen, durch sie hindurchzublicken« (31).

    Aber ein Bereich birgt dann doch so etwas wie Flirt-Potenzial, und das ist die »Kassenbrandung« (allein schon das: ein Wahnsinnswort), also da, wo das Einkaufen ins Bezahlen ausläuft und die Kundenströme in mehr oder weniger starken Wellen aus dem Laden schwappen. Wo die »Kassenloreley (…) über Wellen und Strom auf ihrem Terminalfelsen sitzt«. An ihr zerschellen männliche Kundenfantasien wie ein Ei auf einem Fels. Zumindest, wenn man den seitenlangen Bewusstseins­strom liest, mit dem Wagners Supermarkt-Held sich in eine Art Warteschlangen-Tagtraum hineinmanövriert:

    »meine Lieblingskassiererin (…) lächelt mich an, obwohl ich noch gar nicht an der Reihe bin, sie hat mich erkannt. (…) Ich habe mich schon einmal gefragt, ob ich sie mit einer Auswahl besonders ausgefallener Produkte beeindrucken könnte.«

    Usw. usf. Irgendwann zieht sie gefällig seine Waren über den Scanner, alles super, und er innerlich schon bei der Frage: »Will es vielleicht mein Schicksal, dass ich heute hier um ihre Hand anhalte? Könnte ich dann endlich L. vergessen?« Da bringt sie den Satz, der einem Flirtstorno gleichkommt. Sie fragt ihn, »ob ich eine Kundenkarte hätte, immer fragt sie mich nach dieser Karte und immer schüttele ich den Kopf«.

    Was für ein Moment der Desillusion, bis zum nächsten Einkauf, der ihn wieder glauben macht, in einer besonderen Beziehung zu seiner Lieblingskassiererin zu stehen. So viel fruchtlosen Frauendienst hat man lange nicht gelesen in der deutschen Literatur. Man könnte auch sagen: David Wagner verlegt die Hohe Minne an die Supermarktkasse.

    5. Der Supermarkt für Galeristen

    »Was sich nicht bewährt, verschwindet aus den Regalen, was sich nicht verkauft, fliegt aus dem Sortiment. Der Supermarkt ist ein Museum der Dinge und Marken, die sich gehalten haben, ja, der zeitgenössischste Ausstellungsraum überhaupt.« (96)

    Und von wegen nur Eat Art! In David Wagners Supermarkt ist Action Painting angesagt: »Mit dem rechten Vorderrad meines Einkaufswagens fahre ich nun absichtlich durch den Sahnefleck, ziehe eine dünne Linie auf den Supermarktboden.«

    In der Sonderpostenzone lauert das documenta-Déjà-vu: Ein »Stapel weißer Kartons (…), die sich mitten im Gang auftürmen«:

    »In ihnen befinden sich Tresore, einer von ihnen steht zur Ansicht. Sieht aus wie einer der kleinen Safes, die in Hotelkleiderschränken eingebaut sind, denke ich und daß ich nicht wüßte, was ich in einen Safe aus dem Supermarkt hineinlegen sollte.«

    Sperrige Aktionsware, mit der man wenig anfangen kann? Im Prinzip müsste dieser Turm voller Tresore nur zum Einsturz gebracht werden, dann wäre die documenta-Imitation perfekt. Das Supermarkt-Pendant zur Art Basel kann, schon vom Prestige her, natürlich nur die Frischfischtheke sein:

    »Ein ganzer, rauchblau glänzender, gar nicht kleiner Lachs liegt da neben Forellen und Doraden. Die meisten Fische kann ich nur deshalb benennen, weil neben ihnen kleine Schildchen im Eis stecken (…). Es ist also fast wie in einer Gemäldegalerie (…).« (41)

    Hier wie dort mag sich die dicksten Fische geschmacklich wie finanziell nicht jeder leisten. Aber nur mal kucken kann ja auch schon schön sein.

    6. Der Supermarkt für Germanisten

    Ganz genau: Rollo darf hier nicht hinein! Aber es gibt an manchen Unis ja diese berüchtigten Leselisten und Leselisten-Prüfungsfragen à la: »Wie heißt bei Theodor Fontane der Hund von Effi Briest?«

    »Literaturwissenschaft auf Kreuzworträtsel-Niveau« nannte das der »Spiegel« damals, und die Fangfrage für das Prüfungsthema »Vier Äpfel« wird einmal sein: »Was kauft David Wagners Ich-Erzähler eigentlich alles ein?« Es sind mitnichten nur vier Äpfel! »Zählen Sie also bitte aus dem Kopf lückenlos alle Produkte auf und bestehen Sie damit die Zwischenprüfung.«

    7. Der Supermarkt für Kunsthistoriker

    »L. und ich besuchten einmal ein Museum, in dem neben anderen kuriosen Dingen auch alte Konservendosen ausgestellt wurden. Die Exponate durften angefasst werden (…).« (33)

    Im Grunde sind Supermärkte, was Vielfalt, Buntheit, Fülle angeht, Wunderkammern! Es begegnen einem:

    • … Parallelexistenzen von Lebensmitteln »in verschiedenen Aggregats­zuständen«: »Erbsen in Dosen und Tiefkühlerbsen und, fast vergessen, weil so unpraktisch, getrocknete Erbsen zum Einweichen vor dem Kochen«
    • … allerlei Assoziationen entlang des kulturellen Archivs: die Tiefkühltruhe als Schneewittchensarg, Spinat als Soylent Green … (17)
    • … und die absolut geniale Idee, dass es eigentlich nur eine ästhetische Form der Supermarktaneignung gibt: »Die Regale um mich herum sind ein einziges verschwommenes Farbenmehr, es bräuchte, so ein Bild könnte mir gefallen, einen Supermarktpointillisten, um sie zu malen«. (106)

    Dass Wagner an dieser Stelle des Buches natürlich längst selbst der Supermarkt-Seurat ist, den er einfordert – geschenkt: 144 Kurzkapitel auf 159 Seiten werfen viele kleine Schlaglichter auf das Paradigma Supermarkt. In der Summe vielleicht wirklich so was wie ein pointillistisches Sittengemälde. Alles wird punktuell, quasi im Vorbeigehen und insofern sehr supermarktstimmig erzählt/gemalt.

    8. Der Supermarkt für Politologen

    Apartheid ist vielleicht das falsche Wort, aber David Wagners Super­markt-Held bekennt sich offensiv zur Warentrennung (Food vs. Non-Food), vor allem zu »den Drogerieartikeln, die ich nie im Supermarkt kaufe, weil ich sie nicht neben Wurst, Zitronen und Honig in meinem Wagen liegen haben will« (93).

    Das Verbrauchervolk weiß er dabei auf seiner Seite: »Scheint so, daß es nicht nur mir so geht, viele Kunden trennen diese Einkaufssphären. Wie könnten sonst neben all den Supermärkten so viele Drogerie­märkte existieren?« (93)

    9. Der Supermarkt für Psychologen

    Schon wieder dieser Psychostress, bei jedem Einkauf die gleiche »beklemmende Verlegenheit«, dem Kunden, der an der Kasse hinter einem kommt, das Ding, für das so viele keinen Namen haben, vor die Waren zu legen!

    »Schöner wäre es doch, wenn wir alle gemeinsam einkaufen und essen würden, ein Wunsch, bei dem es sich vermutlich um einen Höhlenatavismus handelt. Ich würde das große, zusammen erlegte Mammut lieber teilen und ein großes Festmahl feiern, statt dessen muss ich kleinlich Warentrenner legen.«

    Tja, früher wären solche Typen in Woody-Allen-Filmen untergekommen. Heute werden sie von der Supermarktseelsorge direkt bedient: Bei der Schweizer Coop-Kette (Claim: Für mich und dich) haben sie die Kassen-Toblerone überhaupt nur für Therapiefälle wie ihn bedruckt. Nach der einen Seite steht ein freundliches: »Für mich.« Und nach der anderen: »Für Dich.« Diese Mischung aus Seelen-Wellness und We-are-Family-Marketing, das dürfte die Zukunft sein.

    10. Der Supermarkt für Romantiker

    David Wagner ist wirklich ein »Proust der Warenwelt« (Wolfgang Schneider/Börsenblatt), was die Poesie von Mangogabeln, Staubsau­gerbeuteln oder Tiefkühltorten angeht. Meine romantische Lieblings­szene aber ist und bleibt das Date mit dem »Chrommilchschäumer« aus dem Sonderpostenregal:

    »Zweimal habe ich ihn überhaupt nur benutzt, das erste Mal, als er neu war, das zweite Mal, als L., die ich gerade wiedergetroffen hatte, mit zu mir kam und ich ihr imponieren wollte. Ich stand am Herd und bewegte das Sieb sehr schnell durch die warme Milch auf und ab, so produzierst du also diesen tollen weißen Schaum, sagte L. und lachte und meinte dann, für mich mußt du das nicht machen, ich mag gar keine Milch.« (100)

    11. Der Supermarkt für Serientäter

    »Angenommen, ich war einmal pro Woche, früher mit meiner Mutter oder Großmutter einkaufen, dann war ich es mit fünfundreißig, fast sechsundreißig schon fünfundreißig-mal-zweiundfünfzig-mal, jedenfalls war ich in meinem Leben schon viel öfter im Supermarkt als in der Kirche.« (63 f.)

    Dieses Buch sensibilisiert für so manches, nicht nur für die eigene Supermarkt-Sozialisation (Höllentrip bei Feinkost Zipp als Assoziation zur Wölfin an der Kasse auf S. 149), sondern auch für sämtliche Supermarkt-Beziehungen, die man in seinem Einkaufsleben schon so hatte:

    David Wagner erinnert sich »an Rewe, Edeka, Coop, Metro, Aldi, Spar, Superspar, Reichelt, Franprix, Champion, Tesco, Kaisers, Bio Company, Price Chopper, Wal-Mart, Plus, Extra und an einen in Rumänien mit dem für meine Ohren sonderbaren Namen Angst.« (33) Hätte Wagner das Ganze noch ein bisschen umfassender sortiert und kapitelweise präsentiert – Rebecca Casatis Roman über einen Fick durchs Alphabet hätte sich ein Supermarkt-Fetisch-Ableger zugesellt.

    Und warum hatten wir eigentlich noch nie eine richtig gute Supermarkt-Soap? Kenne ich nur keine oder gab es auch keine? Im Übrigen bin ich mir sicher, dass ein Stromberg auch als Filialleiter zur Hochform aufgelaufen wäre (im Übrigen hätte auch seine Büro-Jalousie Platz gehabt – kein Marktleiterkabuff ohne diese Spionage-Lamellen!).

    Ernie wäre wohl wechselweise für die Pfandflaschenannahme und das Zurückrangieren der Einkaufswagen (vom Parkplatz in den Laden) zuständig. Erika die altgediente »Frischfleischfachkraft« und gute Seele des ganzen Supermarkts, die vertretungsweise auch Kühlregal auffüllen und Kasse kann. Dort säße in der Hauptsache natürlich Tanja, während ihr Ulf die Getränkeabteilung (Biernachschub und so) versorgt, wo er sich so richtig gut mit Ernie zoffen kann, denn der braucht ja immer eine Vertretung an der Leergut-Annahme, wenn er wieder Einkaufswagen einsammelt.

    Und Stromberg? Streut jeden Tag Gerüchte, dass der vollautomatische Pfandautomat bald kommt, die Frischfleischtheke in SB umgewandelt wird usw. usf. Kunden? Hätte ein Supermarkt mit der Stromberg-Crew eigentlich kaum noch nötig.

    12. Der Supermarkt für Soziologen

    »In fremde Einkaufswagen zu starren gilt als ähnlich ungehörig, wie während der Wartezeit an einer roten Ampel in den Innenraum eines in der Nebenspur stehenden Wagens zu sehen.« (135)

    Allein schon für diesen Intimsphärenvergleich muss man David Wagner lieben! Zeig mir, was du in den Wagen legst und ich sag dir, wer du bist. Wo bzw. wie sonst sollten sich die feinen Unterschiede besser studieren lassen. Wer zum Beispiel kauft so was:

    »Eine Halbliterflasche frischgepresster Kiwi-Orangen-Saft aus der Kühltheke, zwei Fenchelknollen, eine Tüte Biomöhren, zwei Flaschen stilles Wasser mit Orangenaroma und Naturjoghurt im Glas.« (130)

    Natürlich, klischeemäßig, eine Frau. Und tendenziell sexy: »ich rieche, ich kenne es, ihr Parfüm. Ich nehme Fahrt auf und eile dem Duft der Frau hinterher.« Anderer Einkaufswagen, andere Kundin. Sie bestellt Leberwurst an der Bedientheke:

    »Im Einkaufswagen der Leberwurstfrau liegen zwei Packungen Knäckebrot, Kartoffeln, Margarine und eine Salatgurke. Sieht nicht so aus, als kaufte sie für eine Familie ein. Prompt stelle ich mir vor, wie sie am Abend an ihrem Esstisch im Wohnzimmer vor dem Fernseher sitzt und isst, wahrscheinlich gegen sieben, vielleicht auch erst um acht.

    Und ich stelle mir weiter vor, wie sie ganz spät in der Nacht, sie kann nicht schlafen und weiß nicht warum, in ihre kleine Küche geht und sich noch einmal eine Scheibe Knäckebrot mit Leberwurst schmiert, die Kaloriengrenze, die sie sich für jeden Tag setzt, hat sie damit wieder weit überschritten, ihr Gewicht zu halten fällt ihr schwer.« (46 f.)

    Bei Max Frisch hieß es ja auch immer: »Ich stelle mir vor«, »Ich probiere Geschichten an wie Kleider«. David Wagner überträgt das Prinzip auf die dritte Person, sein Supermarkt-Held probiert an seinen Mitkunden die Weight-Watchers-Version von »Mein Name sei Gantenbein« aus.

    Und auch das ist eine soziologische Erkenntnis: Wer über den Ladenbereich hinaus an Einkaufswagenladungen dranheftet, landet ganz schnell bei den »Randgruppen, die abseits der Supermärkte und ihrer Parkplätze mit Einkaufswagen unterwegs sind« (65).

    13. Der Supermarkt für Systemtheoretiker

    »Während des Einkaufens entwickelte L. gern Theorien« (75)

    Shampoo-Shopping bitte immer nur im Drogeriemarkt (siehe Supermarkt-Apartheid). Und da passiert es: Unter »den hundertneunundachtzig verschiedenen Pflegeprodukten« findet der Erzähler eines Tages sein Stamm-Shampoo nicht mehr (115 f.):

    »Wahrscheinlich wurde die Flasche, an deren Aussehen ich mich gerade erst gewöhnt hatte, schon wieder neugestaltet und ich erkenne sie nicht mehr. Aus der Pflegelinie, die ich davor verwendet habe, verschwand eines Tages das Shampoo für normales Haar. Erst dachte ich, es wäre nur nicht da, aber als ich die Woche darauf und später noch einmal und dann auch in anderen Drogeriemärkten danach suchte, fehlte es immer. Es gab das Shampoo für normales Haar nicht mehr.«

    Luhmann hat nie über den Supermarkt der Gesellschaft geschrieben, leider. Denn David Wagner gibt allen Anlass für die Frage: Sieht die funktional differenzierte Gesellschaft ein Haarwaschmittel ohne Spezialfunktion überhaupt noch vor?

    »Ich hätte mich für eine der Spezifikationen entscheiden müssen, von denen mir aber keine zusagte. Mein Haar braucht weder mehr Volumen noch einen Schutz vor Schuppen, und ich möchte auch kein Shampoo, auf dem ich lesen muß, dass ich sprödes oder schnell fettendes Haar habe. Ich will ein Haarwaschmittel für normales Haar.«

    Das Sortiment als autopoietisches System. Ähnliche Auflösungs­erscheinungen des unmarkierten Normalzustands ja auch bei der Palette der ganzen Fleisch-, Kirsch-, Eier- und Cocktail-, Strauch-, Biostrauch-, Biokirsch- usw. -Tomaten (64). Von der Ausdifferenzierung ganzer Subsysteme (siehe wieder oben) ganz zu schweigen:

    14. Der Supermarkt als Sündenfall

    Das seltsame Verhalten Sahnebecher kaufender Kunden:

    »Ich höre ein dumpfes Platschen, schaue auf und sehe, daß ein Becher Schlagsahne auf den Fußboden gefallen und aufgeplatzt ist. Er muß dem Mann mit dem Einkaufskorb vor der Kühltheke aus der Hand gerutscht sein, er sieht betroffen nach unten. Langsam, die Sahne fließt behäbig, wird der weiße Fleck neben seinen schwarzen, glänzenden Schuhen immer größer. Der Mann bückt sich, hebt den tropfenden Behälter auf, schaut sich verstohlen um, stellt ihn zurück ins Kühlregal und nimmt sich einen anderen, unversehrten Becher. Er kontrolliert das Haltbarkeitsdatum (…), legt ihn (…) zu zwei Weinflaschen und einem Radicchio-Salat und entfernt sich (…).« (28)

    Eine Schlüsselszene des ganzen Supermarktromans! Aus Sicht der Moral-Theologie auf jeden Fall symptomatisch für die Ursünde aller Super- und modernen Warenmärkte überhaupt: die Anonymität. Anonymität schützt nicht nur Betrugsversuche des Systems Supermarkts am Kunden.

    Anonymität deckt auch den Betrug des Kunden am Supermarkt. Und keiner redet hier von Diebstahl! Der zurückgestellte Sahne-Sabberbecher. Der Beutel Mozzarella, der kurz vor der Kasse doch noch auf der Strecke geblieben ist (›Wir machen doch kein Caprese!‹) und jetzt auf dem Sonderpostentisch (zwischen Skisocken!) versauert. Die Flasche Chardonnay, die irgendjemand im Weichspülerregal entsorgt hat. Lauter schöne Supermarkt-Findlinge.

    Auch deswegen ist so ein gelegentlicher Supermarkt-Relaunch immer ein Traum: Wenn dann Wiedereröffnung ist und so ein ganzes Sortiment mal wieder kaufsündenfrei auf Kante steht … und kein erratischer Block, nirgends. Wahnsinn! Das Einkaufsparadies.

  • Vorwort zum laufenden Feuilletonjahr (5/2009)

    Der Brocken im November – O Brocken em Novembro

    1. Um|blät|te|rer, der; -s, - (Feuilleton-Thinktank).

    2. Nur noch ein paar Wochen bis zum Goldenen Maulwurf – Best of Feuilleton 2009, die fünfte Ausgabe. (vorherige Jahrgänge: 2005, 2006, 2007, 2008)

    3. Kunstbücher von Taschen sind wie Schuhe von Deichmann.

    4. Я в восторге! Gestern in der FAZ in »Bilder und Zeiten« ein riesiger Artikel über Jünger, also die Renovierung seines Hauses und den damit verbundenen temporären Umzug seiner Hinterlassen­schaften nach Marbach. Dann noch Biller und Grandmaster Flash, da braucht man gar kein eigentliches Feuilleton mehr, deshalb haben sie das auch entsprechend mies belegt.

    5. »Klassenkampf«, sagte Doppler. »Wäre ’ne schöne Überschrift. Wie Klassenkrampf. Vielleicht lohnte es sich schon deshalb, einen Artikel über ihn zu schreiben. Wegen der Überschrift.« (Karasek, Das Magazin, S. 358)

    6. US-TV-Serien: Wie gesagt, der Hype ist vorbei (cf. Umbl und serienjunkies.de). Narratologisch steht jetzt eine Flaute an, zu sehen an all den unterirdischen bis höchstens semi-mediokren Serien-Neustarts der Saison, detailliert nachzuverfolgen im sablog. Wir machen hier nur noch Curb 7 zu Ende (ich weiß, wir sind etwas hinterher) und im nächsten Jahr Lost 6.

    7. »Dienstag, zu Hause, ich tat, ich weiß nicht was.« (Pontormo, »Il Libro Mio«)

    8. L’Umblätterer goes Reading Room. Nach dem zehnteiligen Rundown der »Wohlgesinnten« im letzten Jahr folgt nun eine vierzehnteilige Exegese des grandiosen Supermarkt-Romans »Vier Äpfel« von David Wagner, und zwar am Dienstag.

     
    Weitere Vorworte des Herausgebers zum aktuellen Jahrgang

     
    I (29. 1.)   —   II (20. 4.)   —   III (22. 5.)   —   IV (29. 9.)
     
  • Endlich mal

    Neulich endlich mal von Patricia Highsmith »Venedig kann sehr kalt sein« zu Ende gelesen. Endlich, denn das Buch war grottenlahm. Ich wollte ein bisschen Venedigstimmung für meinen jetzigen Aufenthalt aufbauen, aber wie gesagt, ein äußerst sinnloses Buch, auch sehr schlecht geschrieben, vielleicht auch eine schlechte Übersetzung, aber ich erinnere mich, dass ich mich durch den »Ripley« auch gequält habe, den las ich auf Englisch, ehrlicherweise war hier der Film, waren beide Filme deutlich besser als das Buch.

    Also lieber nie wieder Patricia Highsmith, die amerikanische Donna Leon, hehe. Stattdessen las ich gestern einfach mal den »Tauge­nichts« von Eichendorff, herrlich, wie er da kurzzeitig als Zollvorsteher arbeitet und den ganzen Tag im gepunkteten Morgenmantel seines Vorgängers herumstolpert, einfach sehr köstlich das ganze Buch, ein 100-Seiten-Powerpackage.

    Jetzt sitze ich also in der Dogenstadt und lese Eichendorff. Und die Dürer-Briefe. Lasset mich Euch hiemit befohlen sein. Geben zu Venedich am anderen Sunntag in der Fasten im 1506 Jahr. Grüsst mir Euer Gesind.

  • Eine Pferdewurst, die nicht abnimmt

    In vielen Witzen erhält jemand von einem Geist, einem verwunschenen Tier oder einer Fee ein Geschenk. Zum Beispiel der Typ, der irgend­einem Waldgeist behilflich gewesen ist und dafür zwei Wünsche frei hat.

    Er wünscht sich eine Flasche Bier, die sich, nachdem man sie ausgetrunken hat, immer wieder von selbst füllt. Der Typ bekommt seine Flasche, trinkt sie aus, sie füllt sich wieder auf und er freut sich. Der Geist drängt nun, dass der Typ seinen zweiten Wunsch einlöse, und er wünscht sich dann eben noch so eine Flasche.

    In »Peter Schlemihls wundersamer Geschichte«, aufgeschrieben von Adelbert von Chamisso, erhält dieser Schlemihl von einem Mann im grauen Rock einen kleinen Sack mit Gold, der sich von ganz allein immer wieder füllt. Dafür muss ihm der Beschenkte allerdings seinen Schatten überlassen. Das erscheint ihm zunächst nicht weiter tragisch, bis er dann erfahren muss, dass er ohne Schatten von seinen Mitmenschen verstoßen wird.

    Peter hat keinen zweiten Wunsch frei. Immerhin taucht der Mann im grauen Rock nach einem Jahr wieder auf und möchte ihm den Schatten zurückgeben. Er könne sogar das Goldbeutelchen behalten, müsse ihm dafür allerdings seine Seele überlassen.

    Arno Schmidt erwähnt in seinem Kurzroman »Aus dem Leben eines Fauns« die Schlemihl-Geschichte im Zusammenhang mit den möglichen Gaben und Geschenken:

    »Sommersonne: Schatten: Peter Schlemihl!: Heute würd er in‘ Zirkus gehen und Unsummen verdienen! Wenn mir bloß mal son <Grauer Mann> erschiene, und mir was dafür böte, was Zeitgemäßes: ne Tabakspfeife, die nie leer wird; n Auto, das ohne Benzin fährt, ne Pferdewurst, die nicht abnimmt.«

    Und Recht hat er, was gibt es Besseres, Schöneres, Zeitgemäßeres als eine never-ending Pferdewurst!

  • Lars-Oliver Frökel: Von einem Bett zum andern

    Unsere Popmoderne (Cover)Der 2005 erschienene Band »Unsere Popmoder­ne« von Marc Degens präsentiert 28 Auszüge aus fiktiven Werken der Gegenwartsliteratur mit kurzen Erläuterungen zu Autor und Wirkungsge­schichte. Unser Lieblingstext ist das hier folgende erotische Käsegedicht eines übereifrigen Ex-Thomaners.

    Eine erweiterte Neuausgabe des Buches ist für 2010 im Verbrecher Verlag geplant.

    *

                            Die Stühle
                            bilden
                            ein Quadrat
    
    Ein kleiner, runder Beistelltisch
                   steht im Schnittpunkt der Diagonalen
    
        Die Hände der Frauen
        sind mit Elektrokabeln
        hinter den Lehnen
        zusammengezurrt
    
            ihre Füße
            mit Stricken
            an die vorderen
            Stuhlbeine gefesselt
    
        Auf leisen Sohlen 
    schleiche ich
            durch die Waschküche
        trete zum Tisch
                    in die Mitte
            des Frauenquartetts
    und lasse meinen Blick schweifen
    
    Die Frauen atmen flach und erwartungsvoll
        vielleicht gar erregt
    
    Ihre Gesichter sind mir zugewandt
                                    ihre Augen
                                    mit Seidentüchern
                                    verbunden
    
    Ich genieße das Stilleben
        die reglosen Körper
    im Geist rufe ich ihre Vornamen
    
            Auf der Tischplatte liegt
            eine gelbe, bleiche, viereckige
        Käsescheibe
                nackt
    von keiner Hülle geschützt.
    
    Ich nehme sie in meine Hand
        und prüfe
        mit den Fingerkuppen
            ihre Beschaffenheit
    
            Das Käsestück fühlt sich künstlich an
            unecht
            wie ein Streifen Kautschuk
    
    oder ein zu weiches Radiergummi
    
        Ich habe meine Wahl rasch getroffen
        und trete zu der Frau im langen, schwarzen Kleid
    deren Mund
    
                                        ein Stück weit
    geöffnet ist
            so daß ich ihre obere Zahnreihe sehen kann
    
        In aller Ruhe pirsche ich um den Stuhl
                                                beäuge sie
    von allen Seiten
                        in immer engeren Kreisen
    
    Sie spürt meine Anwesenheit
    merklich von Minute zu Minute beben ihre Brüste heftiger
    
                                        ihr Atem wird gepreßter
                                        sie schluckt arg
                                        und aufgebracht
    
            Ich stelle mich vor sie
    
                    schiebe mit den Fingerspitzen
                die schulterlangen, kupferbraunen Haarsträhnen
            aus ihrem Gesicht
    
            und entblöße die sonnverbrannt fleckigen
    
    Wangen
    
    Hernach rolle ich die Käsescheibe zusammen
                    der Silberring an ihrem Ohrläppchen zittert
    
        ihr Atem stockt
        und scheint für einen Moment sogar zu versiegen
    
    Mit der Spitze des Käsestücks streichele ich sanft
    
                                        beinahe 
                                            ohne Berührung
                        ihre Stirn
    
    Vorsichtig tupfe ich ihre Haut
            wandere an ihr hinab
        bemale episodisch den Nacken
                das Kinn
                    ihre Wangen
    
        Sie erschaudert bei jeder Berührung
                    zittert
    zuckt und meidet die Treffen
    
                        Bestimmter herze ich nunmehr ihre Haut
                        der Käse gleitet
                        langsam
                        über jede Pore
                wird stetig schlaffer
    und sämiger
    
                            Ihre Wehr erstirbt
    schlagartig
                                unterbreche ich
        die Verbindung
                                                    isoliere sie
    entrückt harrt ihr Kopf in stummer Erwartung
    
        um sich endlich
                            als ich sie wieder berühre
                                wie selbsttätig
                            und mit aller Kraft
    
        in mein Gekose zu stemmen
    
    Ich wische ihr Fleisch
    
                            Der Käse klebt und seift
                            hinterläßt eine molkige Spur
                            nicht Butter, nicht Wachs
    
        Entschlossen umkreise ich nunmehr ihre Lippen
    
                begierig öffnet sich der Mund
            die Zunge schnellt hervor
                            und sucht das Labnis
    
        Ich locke sie
            spiele mit ihr
    
                    kurz küßt der Köder die Glut
    
            entflammt einen Vorgeschmack
        sie schwärmt
    und erlebt in Gedanken bereits die Erfüllung
    
                            Krankhaft buhlt sie um das Geschenk
    
    schmust nach Genuß
                    flau und vergebens
    
        Ich rolle die Käsescheibe auseinander
    
                                    presse sie an ihre Stirn
    
    an ihr Kinn
                                    drücke sie fest
                                    auf ihre linke
                                    und rechte Wange
    
    Schlußendlich verhülle ich ihre Lippen
    
        Ihr Mund springt auf
        klafft auseinander
                die Zunge trachtet nach dem Schlemmen
    
    sie schlingt
    
        hungrig, gierig und geizig
    
            der Käse verschwindet im Krater

    *

    Das erotische Traumtagebuch Von einem Bett zum andern des 19 Jahre alten Leipziger Gymnasiasten Lars-Oliver Frökel verkaufte sich in den ersten vier Monaten nach Erscheinen bislang über zehntausendmal und gilt als die literarische Entdeckung der diesjährigen Frühjahrsbuchsaison. Die Frauenzeitschrift Mademoiselle wählte Lars-Oliver Frökel kürzlich zum »hübschesten Schriftsteller Deutschlands«, und ab November wird der ehemalige Thomaner-Chorknabe die Lifestyle-Sendung Glam des Kölner Musiksenders Viva moderieren. Zehn der achtundzwanzig Traumaufzeichnungen aus Von einem Bett zum andern werden derzeit für die ARD verfilmt, Regisseure der TV-Folgen sind unter anderem Detlef Buck und Sönke Wortmann.

    Lars-Oliver Frökel: Von einem Bett zum andern