Kategorie: Buchbuch

  • Sueton, Claudius, H. P. Lovecraft

    Suetonius: »The Lives of the Caesars«, gerade gelesen, und das rief mir wieder »I, Claudius« von Robert Graves ins Gedächtnis und ebenso zwei Bilder von Lawrence Alma-Tadema.

    1. »A Roman Emperor« zeigt Claudius in den Schatten eines Vorhangs gelehnt:

    Alma-Tadema, A Roman Emperor (source: Wikimedia Commons)

    Der Arme trägt eine weiße Tunika und rote Pantoffeln und will sicher nicht, dass dieser Praetur ihm da jetzt huldigt. Neben ihm liegt die frische Leiche des Caligula, dahinter steht eine blutbeschmierte Stele, die in einer Augustusbüste endet. Alles gemalt in Breitbandformat, im Hintergrund prangt das untere Drittel eines Gemäldes der Schlacht bei Actium, auf dem Bildausschnitt oben leider nicht zu sehen.

    2. »Proclaiming Claudius Emperor« zeigt den zukünftigen Kaiser auf Knien vor dem Praetur, der ihm an Ort und Stelle sein neues Amt aufdrängt:

    Alma-Tadema, Proclaiming Claudius Emperor (source: Wikimedia Commons)

    Claudius hält die Hände bettelnd gefaltet, bitte verschont mich von diesem Amt, so schaut es aus, und so heißt es bei Graves: »Put me down! I don’t want to be Emperor. I refuse to be Emperor. Long live the Republic!« (S. 395 in meiner Penguin-Ausgabe)

    Aber der Praetur verbeugt sich, und die Legionäre bejubeln den neuen Kaiser, den einst verspotteten Claudius, von dessen mitleidigem Zustand Sueton ausführlich berichtet, von seinen schwachen Knien, seinem zitternden Kopf, seinem konfusen Stottern und davon, dass ihm bei Aufregung die Nase lief und er zu sabbern begann.

    Die Mutter des Claudius, Antonia, sprach von ihrem Sohn als »eine Missgeburt von Menschen«, »die Natur hätte ihn nur skizziert, nicht vollendet«. Parallelen zu Lovecraft sind natürlich an den Haaren herbeigezogen, schließlich wurde HPL in seiner Jugend nicht gehänselt und war auch keine »Missgeburt«, jedenfalls nicht per se.

    Allerdings bezeichnete seine Mutter ihn offiziell als hässlich, er sei so hässlich, dass er sich nicht gern auf die Straße wage, weil ihn die Leute anstarren. Dabei war Lovecraft zwar keine Schönheit, aber so hässlich nun auch wieder nicht, hehe. Angestarrt wurde er maximal, weil der arme Mensch in den frühen 1930er Jahren mit einem Mantel von 1909 und einem völlig durchgeriebenen Anzug herumlief.

    Wie auch immer, das Beste am Claudius-Buch von Graves ist dieser herrliche Anfang, der ebenso von Derek Jacobi in der Eröffnung der gleichnamigen Serie aufgesagt wurde:

    »I, Tiberius Claudius Drusus Nero Germanicus This-that-and-the-other (for I shall not trouble you yet with all my titles) who was once, and not so long ago either, known to my friends and relatives and associates as ›Claudius the Idiot‹, or ›That Claudius‹, or ›Claudius the Stammerer‹, or ›Clau-Clau-Claudius‹, …«

    Das ist natürlich völlig blödsinnig, diese Passage hier einfach so als die beste des Buches auszurufen, aber vielleicht finde ich bei der Zweitlek­türe noch eine bessere Stelle.

    (Bilder: Wikimedia Commons [1] [2])

  • Kulinarische Literaturkritik

    Auch schon vor Jürgen Dollase gab es sensationelle Geschmacks­erlebnisse im Feuilleton. Darauf weist Michaela Köhler hin, in ihrer jetzt nicht neuen, aber immer noch einzigartigen Arbeit zur Sprache der Literaturkritik. Ihr Thema u. a.: die »Tradition der Synästhesien von Geschmacksempfindung und Literatur«, also die »Anwendung des Begriffs Geschmack nicht nur auf die Wahrnehmung von Essen und Trinken, sondern auch von ästhetischen Objekten«.

    Hier mal für zwischendurch einige Gaumen-Hits des Literaturjahres 1988. Cocktails, Longdrinks, Feinschmeckersuppen. Festmähler, Braten und Pralinen:

    • »Der Roman-Cocktail, mit Krimi- und Gesellschaftssatire-Sätzen aufge­peppt, mundet nicht (…)« (Walter Klier über Karin Scholten, in: Die Zeit, 25. 3. 1988)
    • »Gegen dieses von Gerd-Peter Eigner vor drei Jahren ausgeschenkte hochprozentige Sprachelixier ist das Nachfolgeprodukt, ist ›Mitten entzwei‹ wohl eher ein Longdrink.« (Ulrich Horstmann über Gerd-Peter Eigner, in: Die Zeit, 19. 8. 1988)
    • »Mir schmeckt diese Suppe. In den Gebräuchen des ästhetischen Nihilis­mus ein braves Eintopfgericht. Ihr gleichwohl unleugbarer Mangel an literarischer Delikatesse (…).« (Karl Heinz Kramberg über Werner Kofler, in: SZ, 10. 2. 1988)
    • »Der ›Anhang‹: Ein Meisterstück. Ein Festmahl des Geistes mit immer­grünen ewigfrischen Zutaten. Biß für Biß ein Genuß.« (Andreas Kilb über Ulla Hahn, in: Die Zeit, 25. 3. 1988)
    • »›Barbarswila‹ ist ein epischer Brocken, wie er nicht alle Tage auf den Tisch kommt, ein deftiges, dampfendes Stück Literatur« (Jürgen Jacobs über Gerold Späth, in: FAZ, 10. 9. 1988)
    • »eine schweizerische Prosapraline erster Wahl« (Friedhelm Rathjen über Jürg Laederach, in: SZ, 15. 11. 1988)

    (nach Michaela Köhler: Wertung in der Literaturkritik. Bewertungs­kriterien und sprachliche Ausdrucksmöglichkeiten des Bewertens in journalistischen Rezensionen zeitgenössischer Literatur. Würzburg. Diss. 1999, S. 125–129.)
     

  • Ein Essen mit San Andreas

    Wir sitzen auf eine Thaisuppe im Cha Cha. Zwei Schlucke vom Bier und ein paar Löffel Suppe, und auf einmal springt San Andi auf, schreit, dass er weg müsse. Ich frage mich, was los ist, vielleicht Besuch, der mit Koffern vor der Wohnung steht? Er sprudelt heraus, dass er Kinokarten habe, wohl die Preview für den neuen Scorsese-Film. Er wirft sich die Jacke über, sagt nervös, dass er das nie schaffen werde, und verschwindet, fairerweise ließ er noch Geld für sein Essen zurück.

    Ich saß dann allein dort, vor mir mein Bier und meine Suppe, auf der anderen Tischseite das gleiche Bild, nur ohne Esser. Ich habe dann mein Buch ausgepackt, die extremst gute Rudolf-II.-Biografie von Gertrude von Schwarzenfeld (1. Aufl. 1961), und beim Lesen meine Suppe gegessen und langsam mein Bier geleert und später noch einen Schluck von San Andis Bier getrunken, die Suppe ging zurück. Ein Essen mit San Andreas.

  • Musil to Zweig: »Drop dead!«

    Ab und zu, wenn ich nicht gerade neuere deutsche Literaturgeschichte in Harlem zusammenflicke, lese ich die »London Review of Books«. Die liegt hier immer herum, selbst die fünf ältesten Ausgaben sehen aus, als wären sie nie gelesen worden und so kann man ein paar schöne Stunden verbringen.

    Zunächst hatte ich auch etwas Interessantes darin gefunden, hatte aber keine Einleitung. Nachdem die Einleitung hier aber alles ist, bin ich aus dem Lesesaal ins Leben, in der Hoffnung, über eine schöne Einleitung zu stolpern.

    Als ich dann vor ein paar Minuten an einer Französin vorbeiging, die sich eine Pepsi aus dem Automaten zog, dachte ich mir, Wahnsinn, großartig, endlich muss ich nicht mehr über eine Einleitung für diesen wunderbaren Satz aus dem Artikel von Michael Hofmann, »Vermicular Dither«, nachdenken und kann ihn hier einfach zitieren (LRB, Vol. 32 No. 2):

    »Stefan Zweig just tastes fake. He’s the Pepsi of Austrian writing.«

    Wie Michael Hofmann da, angesichts der Neuübersetzung von »The World of Yesterday«, mit Stefan Zweig abrechnet, großes Vergnügen. Am schönsten ja, wie sich selbst Robert Musil von Zweig nicht nur die Laune, sondern ganze Kontinente verderben lässt:

    »The veteran Germanist Hans Mayer remembers a visit to Musil in Switzerland in 1940; Musil couldn’t get into the USA, and Mayer was suggesting the relative obtainability of Colombian visas as a pis aller. Musil, he wrote, ›looked at me askance and said: Stefan Zweig’s in South America. It wasn’t a bon mot. The great ironist wasn’t a witty conversationalist. He meant it … If Zweig was living in South America somewhere, that took care of the continent for Musil.‹«

    Eine alte Anekdote, klar, aber man kann sie ja ab und an mal wieder hervorkramen, so wie das eben Anekdoten-Hofmann in der LRB gemacht hat.

    Usw.

  • Unser Mann in New York: »It’s vild here!«

    Habe nach dem Mittagsschlaf, inspiriert durch David Wagners gerade bei Twitter stattfindenden Umzug, ein paar alte Ausgaben der »New York Review of Books« durchgearbeitet und bin dort auf einen lange vergessenen Aufsatz von Zadie Smith gestoßen, »Speaking in Tongues«. Wie immer bei Zadie Smith: sehr gut, im Ton wie im Inhalt usw. usf., aber besonders interessant war folgende Stelle, die sich am Obama-Wahlabend abspielt:

    »I was at a lovely New York party, full of lovely people, almost all of whom were white, liberal, highly educated, and celebrating with one happy voice as the states turned blue. Just as they called Iowa my phone rang and a strident German voice said: ›Zadie! Come to Harlem! It’s vild here. I’m in za middle of a crazy Reggae bar – it’s so vonderful! Vy not come now!‹

    I mention he was German only so we don’t run away with the idea that flexibility comes only to the beige, or gay, or otherwise marginalized. Flexibility is a choice, always open to all of us. (He was a writer, however. Make of that what you will.)«

    Den Namen dieses deutschen Autors erwähnt Zadie Smith nicht. Ich hatte aber heute morgen ein bisschen in »Klage« geblättert und war beim Eintrag vom 19. April 2007 hängen geblieben.

    Rainald Goetz hat diesen Eintrag mit »Holzfällen« überschrieben und also von Bernhard gehandelt sowie von einem fragenden Daniel Kehlmann, »der mit seinen praktisch textfreien Büchern die gehobene Angestelltenkultur vertritt«. Wie auch immer, in diesem Zusammen­hang fiel mir eine Interviewstelle wieder ein, siehe den »Spiegel« Nr. 46/2008, S. 175:

    SPIEGEL: Herr Kehlmann, Sie sind extra nach New York geflogen. Wie haben Sie die Wahlnacht erlebt?

    Kehlmann: Zunächst bei einer privaten Party auf der Upper East Side, dann auf einer großen Wahlparty in einem Lokal in Harlem. Es war überwältigend, in diesem Moment in Harlem zu sein, wirklich überwältigend. Das war ja nicht nur ein Augenblick, es dehnte sich über Stunden.

    Soweit diese kleine Synopse zwischendurch, und egal, ob es nun vild oder vonderful oder einfach nur überwältigend war, eigentlich sollte man eine andere Stelle dieses kurzen Interviews genauer durchkauen, aber dazu hätte ich länger schlafen müssen.
     

  • Vorwort zum laufenden Feuilletonjahr (1/2010)

    In Island

      ∙ für Julien Louis Geoffroy ∙  

    1. The Maulwurf has landed! Ausgabe 5, für das Feuilletonjahr 2009, ergänzt von einem Umbl-Interview bei DRadio Kultur: »Das Feuilleton lauert überall.« – 12. Januar 2010, mp3

    2. Vor ein paar Jahren, im Café Cantona: Die Erfindung des Umblätterers.

    3. Das neue Outfit der Literaturzeitschrift EDIT, aua! Dieses Apothekerblau, und die Frontpage sieht aus, als ob die eigentliche Frontpage mutwillig ausgerissen wurde. Was ist da passiert? WER IST DAFÜR VERANTWORTLICH!

    4. Auch wenn Christian Kracht inzwischen von Guido Westerwelle bevorwortet wird, wogegen sich leider niemand wehren kann, und jetzt hab ich das Ende des Satzes vergessen. Jedenfalls, der gerade erschienene Band »Christian Kracht« ist voller primärer Sekundär­literatur und eine uneingeschränkte Empfehlung wert. Eckhard Schumacher in Bestform! Und die erste apokryphe Schrift zum Band ist bereits hier im Umblätterer erschienen: »Der Eisenbahner Christian Kracht«.

    5. »Zum 80. Geburtstag von Rainald Goetz.«

    6. Immer noch die germanistische Königsdisziplin: die Aufzählung aller Teilbände der »Römischen Octavia«.

    7. Seit dem 25. November 2008 kündigen wir hier so regelmäßig wie großspurig die große Coen-Brothers-Retrospektive an, eine Werkmonografie über alle bisherigen 14 Coen-Filme. Seit über einem Jahr war sie »so gut wie« fertig, und jetzt musste noch »A Serious Man« laufen, und jetzt ist es dann angeblich soweit. Der reguläre Betrieb setzt aus, hier gibt es dann zwei Wochen lang In-depth-Film-Feuilleton von San Andreas.

    8. »Lost«, die sechste Staffel, das Finale, ab dem 2. Februar auf ABC. Wir sind beim narrativen Showdown dabei, Folge für Folge, wie immer (our very own Episodenführer). Nach dem ganzen zusammenge­stückelten SciFi-Brei in den Staffeln 4 und vor allem 5 kann es eigentlich nur schlecht enden, hehe. Bisheriger dramatischer Tiefpunkt ist natürlich der Satz von Locke bzw. dessen Resurrection-Double: »I think this is the best mango I’ve ever eaten.« (Folge 5.07) Die Recaps starten hier dann irgendwann nach der Coen-Brothers-Werkschau.

    9. Hehe.

  • Überschriften-Workshop beim ADAC

    Benjamin von Stuckrad-Barre hat damals in »Remix I« eine Namensliste von »Fahrradläden in Studentenstädten, die wirklich so heißen«, zu­sammengestellt:

    • Gegenwind
    • Stadtrad
    • Sattelfest
    • Fahr Rad Laden
    • Rad ab
    • Kein Rad Au
    • Fahr Rad (ich dir)
    • Fahrraden & Verkauf
    • Radelführer
    • Räderwerk
    • Zentralrad
    • Fahrradies

    »Thesaurus der Gegenwart« nannte das Moritz »Poproman« Baßler. Aus aktuellem Anlass scheint mir mal ein Katalog der Überschriften­masche im »ADAC-Reisemagazin« angebracht.

    Im Heft Nr. 111 (»Graubünden«):

    • Chur ohne Schatten (über die Vorzüge der Kantonshauptstadt)
    • Schweizer Suppkultur (über das Nationalgericht Bündner Gerstensuppe)
    • Seensucht (über badetaugliche Bergseen)

    Im aktuellen Heft Nr. 114 (»Ruhrgebiet«):

    • Schönen Ruhrlaub! (Über Bademöglichkeiten im Ruhrgebiet)
    • Fußballungsgebiet (über die Vereinsdichte im Revier)
    • Rückzugsreviere (über Hotels und Herbergen)
  • Mit Katja und Max Frisch auf den Piz Kesch

    Neulich, pünktlich zur Davos-Saison, gab es mal wieder Zauberberg-Deko in der FAZ. Der für literarische Ortstermine viel spannendere Berg liegt aber eigentlich schon immer ein Tal weiter, im Engadin, und heißt Piz Kesch.

    Piz Kesch (Quelle: Wikimedia Commons)

    Dieser Piz Kesch (übrigens in Sichtweite von Tarantinos Piz Palü) hat einen ganz großartigen Auftritt in »Mein Name sei Gantenbein«. Mit Anfang 20 gelesen und nie mehr vergessen hab ich die Szene, wie Gantenbein 1942 auf dem Gipfel einen urlaubenden Nazideutschen trifft:

    »Als ich in die Kesch-Lücke kam, hatte ich den Mann eigentlich schon vergessen, doch als ich das Kreuz und Quer seiner Stapfen sah, erinnerte ich mich, dass man etwas hätte tun können, was ich nicht getan habe. Es interessierte mich aber, wohin er voraus­sichtlich gestürzt wäre. Nur so.«

    Dein Name sei Großvater

    Unter diesem Titel schreibt Katja Frisch, die Enkelin von Max Frisch, letzten Sommer für das »ADAC-Reisemagazin Nr. 111 Graubünden«. Das penetrante Du hält sie übrigens den ganzen Beitrag lang durch: »Heute, hier am Piz Kesch, bin ich dein Leser«.

    Doch es wäre wohlfeil, das als Selbstfindungstrip abzukanzeln. Oder als Auto-Motor-Sport-Jargon – Katja ist zwar Redakteurin der »ADAC Motorwelt« (Du gibst Gas, du erhöhst deine Drehzahl, du spürst den Berg!). Denn gern vergessen wird, was für prominente Vorbilder das Outdoor-Du hat: In allen Wipfeln spürest du …

    Und eines ist auch klar: Als Besitzerin eines Tantra-Sex-Studios oder mit ähnlichen Zusatzqualifikationen hätte sie es natürlich längst schon mal ins FAS-Feuilleton geschafft (wie vor ein paar Jahren dieser Enkel von Heinrich Mann). Wenigstens Bademeisterin im Letzibad hätte Katja Frisch ja noch sein können. So aber schreibt sie fürs ADAC-Feuilleton.

    Schlüsselqualifikation: Schriftsteller-Enkelin

    Interessant an der Bergtour auf Großvaters literarischen Spuren ist das gemeinsame Metapherngelände. Sie erwähnt »schier endlose, graubraune Geröllfelder, ganz leicht verschneit, ein gigantischer Nusskuchen, der gleichmäßig mit Puderzucker bestäubt ist«. Latent kuchenrezepttauglich textete auch schon er: Der Fels »wie Bernstein«, »der Schnee eher wie Milch«.

    Und: Man versteht sich generationsübergreifend auf Swiss Product Placement im Hause Frisch: Gantenbein »frühstückte eine trockene Ovomaltine«. Katja: »Ich bestelle Rösti und ein Rivella. Frage Ruthli, die Hüttenwirtin mit dem sonnengebräunten Bubengesicht, ob sie etwas über ›Gantenbein‹ und eine darin beschriebene Wanderung von Max Frisch wisse. Sie schüttelt den Kopf. Aber Max Frisch, ja natürlich, den kenne sie.«

    Später im Tal, die Enkelin in der Buchhandlung von Pontresina:

    »›Stiller‹ ganz vorn im Regal, der einzige Frisch, der im Laden zu haben ist. Nachfrage bei der Buchhändlerin: ob sie denn wisse, dass das Buch auch den Ort zum Thema mache. Stirnrunzeln, Erstaunen, nein, man habe den Roman hier, weil er eben eines der wichtigsten Werke des Schriftstellers sei. Ich nenne meinen Namen nicht und gehe weiter.«

    Am Schluss eine schöne, weise Absage an alle hermeneutischen und sonstigen Enkelinnenverpflichtungen des Literaturbetriebs: »Ich verstand und verstehe so viel oder so wenig von Literatur wie Millionen andere Menschen auch.« Ab sofort liest man Katja Frisch wieder exklusiv in der ADAC Motorwelt.

     
    Bildquelle: Wikimedia Commons

  • Willkürliche Superlative (Teil 1): Wann wurde der schönste Satz aller Zeiten gesagt?

    Der schönste Satz aller Zeiten wurde irgendwann in den ersten Jahrzehnten des 4. Jahrhunderts n. Chr. in Ägypten, genauer: in den Wüsteneien der Thebais, gesagt, oder eher: geschrien, mit voller, vibrierender Stimme und mit einer erhabenen Geste der Weigerung samt hoch über den Kopf erhobenen Armen. Und zwar vom Anachoreten Palemon, der zum Glück Pachomios‘ Meister war, denn der inzwischen zum Heiligen avancierten Famulus hat den sublimen Satz in die Ewigkeit retten können.

    « En ce temps-là, le désert était peuplé d’anachorètes … » (Anatole France: « Thaïs », auch nicht schlecht). Und am Abend saßen sie munter zusammen zum Abendbrot und -gebet und verzehrten mit Olivenöl übergossenes Salz.

    Und siehe da, als Palemon des Öls ansichtig wurde, da durchfuhr ihn der Geist und ließ ihn verlautbaren:

    »DER HERRGOTT WIRD GEKREUZIGT,
    UND ICH, ICH, ICH ESSE ÖL?«


  • Die Nouvelle Revue Française vom 1. März 1935

    Die Zeitungen waren heute nicht geliefert worden, also ging ich hinaus Richtung Jardin du Luxembourg, um sie mir nachzuholen. Ich blieb auf halber Strecke in einem Antiquariat stecken und kaufte mir dann dort lieber eine alte NRF, die Ausgabe vom 1. März 1935, und ging gleich wieder zurück nach Hause.

    Wie herrlich! Darin die Anfangskapitel von Malraux‘ »Le temps du mépris«. So ein gewaltiger Erzählschrott ist mir lange, lange, lange nicht mehr untergekommen. Genosse Kassner, von Beruf her jetzt also Protagonist dieses Romans, ist in die Fänge der Gestapo geraten, das ist dann im März 1935 eben frisch zeitgenössisch. Die Interrogations­szene gleich zu Anfang liest sich wie »CSI: Miami«, und das ist in diesem Fall negativ gemeint.

    Vor Jahren hatte ich einen anderen Roman von Malraux, »L’Espoir«, lesen und anschließend zu Tode kommentieren müssen. Und obwohl das Buch viel besser ist als der übliche Malraux (auch zum Beispiel »Les Noyers de l’Altenburg« … aaaahh!), erinnere ich mich vor allem daran, dass wir ständig über die Stilblüten lachen mussten.

    Zum Beispiel ergeht sich Malraux in so einer Art ausgeweiteter Lavater’scher Physiognomie und verbindet Gesichtszüge ständig mit dem Charakter oder dem Beruf (diese Intellektuellen! mit ihrer hohen kahlen Stirn! diese Bauern! mit ihrem quadratischen Schädel! diese Piloten! mit ihrer typischen krummen Nase! … sicher noch nicht die schlimmsten Beispiele).

    Zurück zur NRF, denn dieses Hefterl ist so schön durchzublättern, so eine Monatsrundschrift im alten Stil mit lauter interessanten Sachen aus der zweiten Reihe, dargebracht mit einer uckermärkischen Lang­samkeit, einfach nur superst. Sowas war mir zuletzt vor ein paar Wochen beim Durchbrowsen einer alten »Sinn und Form« aus den Siebzigern passiert.

    Irgendwie jedenfalls hatte mich auch der Anfang dieses Malraux-Romans letztlich zu fesseln begonnen, vielleicht sogar wegen dieser narrativen Latschigkeit, als der Text nach 20 Seiten mit einem »(à suivre)« abbrach, und da werde ich mal versuchen, die Folge-NRF aufzutreiben.

    Ich könnte auch gleich den fertigen Roman irgendwo kaufen, aber das wäre natürlich witzlos.