Kategorie: Buchbuch

  • Rheinischer Merkur trifft Rheinischen Hausfreund

    Komischerweise kam kein Feuilleton drauf zu sprechen, obwohl es wirklich sehr, sehr nahe lag, als Chefredakteur Michael Rutz genau heute vor einer Woche und einem Tag im Deutschlandradio Kultur (sinngemäß) bestätigte:

    Ja, der RM werde als selbstständige Publikation zum Jahresende eingestellt. Und ja, er werde in Form eines »Zeit«-Supplements weitergeführt, als »Schatzkästlein geistiger und geistlicher Inhalte« (mp3).

    Schwerer Fall von Dauerassoziation wahrscheinlich, aber seit diesem »Schatzkästlein«-Statement klingeln meine Hebel-Glocken, und zwar so, dass ich an den »Rheinischen Merkur« gar nicht mehr denken kann, ohne den »Rheinischen Hausfreund« notorisch mitzufantasieren. Sprich das Kalendergeschichten-Gesamtwerk des evangelisch-badischen Lehrers und Pfarrers Johann Peter Hebel.

    RM-Anzeige (Klicken zum Vergrößern)Der im Radio verkündete Wandel der katholi­schen Wochenzeitung zum »Schatzkästlein« hatte sich symbolisch ja schon mit der Werbe­kampagne ab der zweiten Augusthälfte abge­zeichnet: Auf den vielen Anzeigen in den diver­sen Printmedien (z. B. »Welt« vom 9. Septem­ber, S. 27) sah man ein – ja was eigentlich: Schatzkästlein? Auf jeden Fall einen raumgreifenden Tunnel. Einen 3D-artigen Kubus, austapeziert mit weinrot getünchten »Rheinischen Merkur«-Zeitungsseiten, dazu der Slogan: »Gehen Sie mit uns in die Tiefe.«

    Zeitungstotentanz

    Ein ganz klein wenig erinnerte das Design der Anzeige an leere Ladenlokale in schlechteren Shopping Malls. Ihr wisst schon: die Läden, die ihr Schaufenster mit BILD-Zeitungspapier zukleben und offiziell behaupten: »Wegen Umbau geschlossen.« Wobei der semiotische Subtext lautet: »An dieser Stelle schon lange Leerstand.« Oder: »Hier wahrscheinlich nie mehr geöffnet.«

    Ob der verwaiste Zeitungsverschlag also schon pure Symbolsprache war? Zumindest nach der Entscheidung der Deutschen Bischofs­konferenz wirkt der Zeitungskubus so sackgassig, dass man seine Auskleidung mit RM-Seiten glatt als literarische Ansage lesen muss: Rechtswandig weist »Regent Rotstift« erbarmungslos aufs Ende der Tiefe, und zwar genau dorthin, wo die RM-Titelschlagzeile klagt: »Es fehlen klare Sätze« (auch zur Zukunft des RM?).

    Linkerhand liegen »Christ und Welt« am, jawohl, Boden – mithin das einzige RM-Ressort, das ab Januar weiterleben wird, indem es (vorerst) als Supplement der »Zeit« aufgehen soll. Man kennt solche Zeitungsasylgeschichten und ihren Ausgang zum Beispiel vom Schicksal der »Wochenpost« her. Und wünscht schon jetzt: Herzliches Beileid. Der RM-Werbeabteilung aber volle Gratulation zu diesem gelungenen Zeitungstotentanz.

    Das feuilletonistische Schatzkästlein

    Der eine und einzige RM, den ich mir mal aktiv gekauft habe, ist jetzt fast 10 Jahre alt und enthält eine Art literarisches Quartett, das der RM zur Frankfurter Buchmesse 2000 veranstaltet hat: Kulturredakteurin Christiane Florin diskutierte mit Rainer Moritz, Tanja Kinkel und Jürgen Bräunlein über die Frage:

    »Wie viel Talent braucht der Erfolg?« (RM Nr. 44 vom 3. 11. 2000, S. 20).

    Im deutschen Literaturbetrieb florierten gerade die Popliteraten und Fräuleinwunder, zeitgleich war Verona Feldbusch auf dem Höhepunkt ihrer Peep- und Blubb-Macht. Und Jenny Elvers war noch keine knallharte Schauspielerin, sondern Synonym für Fragen wie diese:

    »Hat auch der Literaturbetrieb seine Jenny Elvers?«

    Jürgen Bräunlein, der darauf antworten sollte, hatte gerade »Schön blöd« veröffentlicht, ein Buch über den Medienerfolg der Untalentier­ten. Und Rainer Moritz berichtete von einer »Leihdogge«, die er für ein Autorenfoto-Shooting von Sibylle Berg bezahlen musste.

    Wie irre, dieses historische Gespräch heute nachzulesen. Höhepunkt aber diese Antonomasie von Jürgen Bräunlein:

    »Für mich ist Benjamin von Stuckrad-Barre der Zlatko der Literatur, auch wenn er eine Zielgruppe hat, die sich für etwas feinsinniger hält.«

    Heute kaum noch ohne historisch-kritischen Apparat vermittelbar, aber vor zehn Jahren – TV-Deutschland hatte gerade die erste Big-Brother-Staffel hinter sich – entfaltete ein Zlatko tatsächliche Schlagwort-Qualitäten (»Zlatkoisierung des Fernsehens« u. ä.).

    Eine Kalendergeschichte aus dem RM-Feuilleton

    Die in feuilletontypischer Zeitgeist-Hybris formulierte Wendung stiftet also eine Erzählung, die letztlich auch nicht anders funktioniert als das »Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes« (zu dem es im Nachwort der Reclam-Ausgabe heißt):

    »Gleich vielen großen Erzählern ist Hebel nicht eigentlich Erfinder, wohl aber ein Meister der Darstellung, ein Plastiker des Worts und des Satzgefüges, ein Freund aller Gegenständlichkeit. Passiert doch in seinen Geschichten niemals etwas in einem x-beliebigen Wirtshaus, sondern durchweg in einem ›Schwanen‹, ›Bären‹ oder ›Roten Ochsen‹, ebenso wenig an einem ungenannten Ort, vielmehr in Segringen, Brassenheim oder Mauchen.«

    Jetzt warten wir nur noch auf den Germanisten, der das Namedropping der Popliteratur aus der Kalendergeschichte ableitet, irgendeinen ganz Wilden, der Johann Peter Hebel mit Douglas Coupland kurzschließt. Und warum nicht? Es war Coupland, der mal zu Protokoll gab (als ihn Marc Deckert in irgendeinem NEON-Interview mit dem »Tod der Popliteratur« nervte):

    »Ich finde Autoren schrecklich, die im Jahr 2003 Sätze schreiben wie: ›Er stieg in seinen Wagen und fuhr zu dem Supermarkt.‹ Nein, es muss heißen: ›Er stieg in seinen Honda Accord und fuhr zu Wal-Mart.‹ Manche Autoren versuchen ihre Literatur für die Ewigkeit haltbar zu machen, indem sie all den oberflächlichen Mist weglassen, der uns umgibt.«

    Namentlich konkret und enzyklopädisch aufgeladen geht’s also zu, im RM-Feuilleton mit einem ›Zlatko der Literatur‹ nicht anders als bei Hebel oder Coupland: Dass aber ausgerechnet Coupland, der in bester »Schatzkästlein«-Tradition fürs poetische Gegenteil des x-Beliebigen plädiert, die »Generation X« erfunden hat: Das ist und bleibt mein Lieblings-Treppenwitz der Popliteraturgeschichte.

  • In der Buchhandlung Thye in Oldenburg

    Wir fahren von Stade über Hamburg-Harburg nach Oldenburg und werden uns dort dann gleich weiter zur Buchhandlung A. Thye begeben. Das wird dann wieder maximal zehn Minuten dauern. Die Besichtigungen gehen schnell und insgesamt wird sich Richard Deiss an diesem Wochenende 12 Buchläden angesehen haben, bei drei Besuchen werde ich dabei gewesen sein.

    Deiss ist ein Enigma in seiner Liebe zu Details von allem Möglichen, zum Beispiel Bahnhöfen (Buch 1, 2, 3, 4) oder der Binnenschifffahrt. Dabei bleibt er bewusst und gern an der Oberfläche, trägt lieber zusammen als tief zu bohren und ist deshalb ja auch Geograf geworden, sagt er.

    Deiss war noch nicht in der Buchhandlung Thye, kennt aber den Oldenburger Bahnhof. Eines der wenigen Gebäude der Neuen Sachlichkeit und es gibt dort noch eine altmodische Bahnhofswirtschaft in eben diesem Stil, die schönerweise Klinkerburg heißt, und vielleicht ist dafür nachher noch Zeit. Wobei gerade die Idee zu gären beginnt, neben den beiden geplanten Buchläden in Stade und Oldenburg noch einen auf dem Bremer Flughafen einzuschieben, den Space-Shop, obwohl der eigentlich keine Buchhandlung im engeren Sinn ist.

    Zwischendurch hat sich keine Gelegenheit zum Essen gefunden, in Stade fehlte die Zeit, ein belegtes Brot aus der Bahnhofsbäckerei in Hamburg-Harburg wollte ich mir nicht antun, und im überfüllten Speisewagen im Zug war zeitlich auch nichts zu machen vor Oldenburg. Aber Deiss‘ Sportsgeist hält mich am Laufen, es muss weitergehen, auch ohne Nahrung.

    Mir knurrt also der Magen, als wir Oldenburg vom Bahnhof bis zum Marktplatz durchmessen, wo sich die Buchhandlung Thye befindet. Auf dem Markt ist heute wirklich Markt, an Ständen werden Töpferware und Steingut feilgeboten. Wir schauen uns aber unbeirrt die Fassade unseres Zielortes an, welche wirklich sehr schön ist, beeindruckende große und wunderbar eingefasste Fenster.

    Getrübt wird der Blick durch einige Scheibenaufkleber im oberen Segment des rechten Flügels. Es handelt sich um weiße Aufkleber mit roter Schrift, die darauf hinweisen, dass es auch eine Webpräsenz und digitale Medien im Laden gibt. Thye wurde 2007 von Kamloth + Schweitzer übernommen, die zwar am Stil des Ladens nichts geändert, aber für diesen Hinweis in eben dieser Form gesorgt haben.

    Im Geschäft selbst ist dann alles rot. Jedenfalls sind die Holzregale rot getüncht, und das unterstreicht den bunten Eindruck moderner Buchrücken. Nur in der Rechtsabteilung sieht das charmant aus, ansonsten ist das eigentlich eher nicht so schön. Die Regale sind auch wieder nicht komplett aufgefüllt und auch hier gibt es dafür, wie schon bei Schaumburg in Stade, einige dann auch tatsächlich einleuchtende Ausreden.

    Der Fußboden gestaltet sich in baumarktgrauem Filz, Holzfußboden sei gar nicht möglich hier, sagt uns eine Angestellte, und tatsächlich ist der Boden ungeheuer wellig. Der hintere Bereich des Ladens ist ein Anbau und sieht mit seiner schwachen Bestückung wie eine Weltbild-Abteilung bei Karstadt aus, auch hier die rotlackierten Regale, kaum gefüllt, bunte Frontalpräsentation.

    In diesem Bereich gibt es eine Kaffeemaschine auf einem kleinen Tisch mit zwei Stühlen dran. Das ist zwar toll, aber so richtig einladend nicht, die Kaffeemaschine arbeitet sicher mit diesen schrecklichen Kaffeepads und sieht aus wie eine Stereokompaktanlage der frühen Neunziger. Der Tisch ist an der Wand befestigt und wird vorn von einem Bein gehalten, eines dieser dicken lackierten Metallbeine, auf dem eine kunststofffurnierte Tischplatte in schwarz liegt.

    Richard Deiss ist viel versöhnlicher mit der Buchhandlung Thye, ich leider nicht, sicher zu Unrecht, aber wachsende Hungergefühle beeinträchtigen meine Gutmütigkeit, ich hätte vielleicht, wie der Hamsun’sche »Hunger«-Charakter, auf Holzspänen kauen sollen, hatte aber in dieser Hinsicht nicht vorgesorgt.

    Die Hoffnung auf ein spätes Mittag- bzw. frühes Abendessen zerschlägt sich dann auch noch, denn der Space-Shop auf dem Bremer Flughafen ist zeitlich tatsächlich noch möglich. Also schnell ein Ginger Ale in der schönen Klinkerburg und hinein in den Zug nach Bremen.

  • Die Welt als Schopenhauer und Überschrift

    Gabriel ist mir im Traum erschienen, der hier schon öfters erwähnte Überschriftenerfinder. Und zwar in Form von Christoph Poschenrieder, der Überschriften gefischt hat. Überschriften aus dem großen Meer der Anspielungen, mit denen Journalisten und namentlich Feuilletonisten gern Buchtitel, Filmtitel, Songtitel usw. umsegeln. Klassisch hierzu natürlich schon der ewige MRR:

    • »Jenseits der Literatur« = Überschrift seines Verrisses zu Martin Walsers »Jenseits der Liebe« (1976)
    • »Die Angst des Dichters beim Erzählen« = Überschrift zu Peter Handke (1972)

    Es gibt gewisse ungeschriebene Gesetze der Branche: Wenn z. B. Franka Potente neulich einen Erzählband vorlegt, dann kann die Überschrift natürlich nur wie lauten? Genau:

    • »Lola schreibt« (Tagesanzeiger, 5. August, und WELT, 7. August)

    Witzig ist es dann eben auch mal, Langzeitprofile anzulegen. Christoph Poschenrieder hat genau das getan und eine Liste gesammelter Verballhornungen vorgelegt, die auf Schopenhauers »Die Welt als Wille und Vorstellung« anspielen:

    • »Die Welt als Willy und Vorstellung« (Tagesspiegel, Artikel über die SPD)
    • »Die Welt als William und Vorstellung« (ZEIT, Artikel über Shakespeare am Berliner Ensemble)
    • »Die Welt als Wille und Wechselstrom« (FAZ)
    • »Die Welt als Pille und Vorstellung« (SZ-Magazin)
    • »Die Welt als Wille und Vorurteil« (Der Standard)

    Diese und weitere Findungen sind nachzulesen im aktuellen Diogenes-Magazin (Nr. 4, Sommer 2010, S. 22).

    Wieso sammelt Poschenrieder Schopenhauer-Überschriften? Weil er einen Schopenhauer-Roman vorgelegt hat: »Die Welt ist im Kopf«. Das Buch liest sich schnurstracks weg. Ein bisschen so als hätte Daniel Kehlmann über Schopenhauer & Lord Byron statt über Humboldt & Gauß geschrieben.

  • In der Buchhandlung Schaumburg in Stade

    Soeben erschienen gleich zwei Bücher über schöne Buchhandlungen. Einmal das Coffee Table Book »Die schönsten Buchhandlungen Europas« von Rainer Moritz und zum zweiten »Kaufhaus der Worte – 222 Buchläden, die man kennen sollte« von Richard Deiss.

    Moritz‘ Buch ist eine feine Auswahl von 20 Highlights, die jeweils mit einem Kurztext und vielen Fotos präsentiert werden. Der große Buchladenhit, der wohl weitgehend übereinstimmend schönste Buchladen, die Livraria Lello in Porto, ziert das Cover. Das Buch von Richard Deiss kommt hingegen im schlichten Books-on-Demand-Gewand daher, geht aber inhaltlich weiter und liefert eine über 200 Läden starke Liste mit Kurzbeschreibungen.

    Die Idee zu seinem Buchladenbuch trug Deiss schon eine Zeit lang mit sich herum. Der Listenliebhaber und Beinamensammler fühlte sich quasi zur Erstellung dieses Buches verpflichtet. Nun sammelt er nicht einfach die Namen von schicken Buchläden ein, sondern bemüht sich auch darum, die Läden selbst zu besuchen.

    Letzten Samstag begleitete ich ihn spontan auf einer seiner Buchladentouren. Die erste von drei Stationen lag in Stade, die Buchhandlung Schaumburg, die es immerhin auch in die Top 20 des Coffee Table Books von Moritz schaffte. Die Buchhandlung hat eine lange Tradition (1840) und ist auch ansonsten sehr schön und für Stade und eine breite Umgebung eine wahre Perle. Ob sie wirklich europäisches Top-20-Material ist, kann man sicher bezweifeln, wenn man zum Beispiel bedenkt, dass etwa Hatchards nicht in die Auswahl gelangen konnte. Aber, sagt Deiss:

    »Für mich ist es ein ebenso großes Wunder, dass es in Stade Schaumburg gibt, wie dass es in einer Millionenmetropole wie London Hatchards gibt.«

    Einer der Mängel von Schaumburg ist, dass die Regale, die nur beinah bis unter die Decke gehen, nicht bis oben mit Büchern gefüllt sind. Ein Kriterium, welches für Deiss von höchster Wichtigkeit ist, und ich kann ihm diesbezüglich natürlich total beipflichten. Besonders dieser Umstand nimmt dem Laden, trotz alter Regale, dann doch etwas den Charme.

    Auch das Angebot scheint nicht so richtig zu überzeugen, ok, wir sind hier schließlich in Stade und irgendwie ist die ganze Atmosphäre zu aufgeräumt. Die Regale, die nicht komplett gefüllten, besonders oben sieht man die Freiflächen, schließen auch nicht mit der Decke ab, und an letzterer hängen dann auch noch relativ unattraktive Beleuchtungs­körper.

    Ich fragte mich die ganze Zeit, also bis zum ersten Buchladen, den ich mit Richard Deiss gemeinsam besichtigen würde, was er in so einem Buchladen dann wohl so treibt, wenn er ihn auscheckt und bewertet, und das war dann eigentlich nicht so viel. Schon nach weniger als 10 Minuten signalisiert er, dass er eigentlich durch ist.

    In dieser kurzen Zeit hat er allerdings jeden Winkel des Ladens mehrfach durchschritten, ein nachvollziehbares System mache ich aber nicht aus und frage auch nicht danach. Ein bisschen Mythos muss bleiben.

    Am Ende des Besuchs kaufen wir uns dann beide, ganz Klischee, das Coffee-Table-Book von Rainer Moritz und kommen an der Kasse noch mit dem Inhaber ins Gespräch, den Deiss sofort mit der Schwäche der nicht bis nach oben gefüllten Regale konfrontiert.

    Unser Kurzauftritt in Stade endet mit einem Kaffee am alten Hafen, maximal 20 Minuten sind dafür vorgehalten, denn dann geht es zum Bahnhof und weiter nach Hamburg-Harburg und von dort nach Oldenburg in die Buchhandlung Thye.

  • Mit Evelyn Waugh in Abessinien

    Laut Ann Pasternak Slater ging Evelyn Waugh 1930 auf eine Party, wo ihm ein Freund davon erzählte, wie er in Kairo mit zwei abessinischen Prinzen zu Tisch saß. Beide hatten sie seidene Umhänge getragen und dazu eine Melone, die sie beim Essen aufbehielten. Keiner der beiden sprach eine Sprache, die einer der anwesenden Übersetzer hätte übersetzen können.

    Waugh war von dieser kleinen Geschichte vollauf begeistert, beschäftigte sich ein wenig mit dem märchenhaften Herkunftsland der Prinzen und schaffte es schließlich, als Sonderkorrespondent der »Times« nach Abessinien zu reisen, zur Krönung des Königs der Könige, Haile Selassie.

    Waugh zog noch ein bisschen weiter durch Afrika und veröffentlichte seinen Reisebericht dann unter dem Titel »Remote People«, auf Deutsch in der »Anderen Bibliothek« bei Eichborn erschienen, noch zu Enzensbergers Zeiten, in einer schönen Ausgabe, grünlicher Sammet mit blauen Tupfen darauf (UMBL berichtete).

    Bis zur Krönung des Königs der Könige verbringt Waugh viel Zeit mit den anderen Westlern, die angereist sind, und um aller Wohlergehen kümmert sich ein Deutscher, ein gewisser Mr. Hall. Dieser ist überaus freundlich, hört sich stets alle Probleme und Beschwerden der Besucher an, schreibt sie auf, verspricht sich zu kümmern, verschwindet und tut dann aber eben – nichts.

    »Da war ein Mr. Hall, in dessen Büro ich viele hektische Stunden verbrachte, ein Kaufmann deutsch-abessinischer Abstammung, extrem gutaussehend, geschmackvoll gekleidet und monokeltragend, ein Mann von ausgesuchter Höflichkeit und ein außergewöhnliches Sprachtalent.« (S. 45)

    Dieser Mr. Hall war während der Feierlichkeiten für so ziemlich alles zuständig:

    »Wenn die italienische Telegraphengesellschaft eine Stunde Pause machte, nahm Mr. Hall die Beschwerden entgegen. Wenn ein allzu eifriger Polizist jemandem den Zutritt zu einer Zuschauertribüne verweigerte, (…) Wenn kein Omnibus da war, (…) wenn jemand aus irgendeinem Grund in Addis Abeba schlechte Laune hatte (…), stets wandte man sich an Mr. Hall. Und welcher Sprache man sich auch bedienen mochte, Mr. Hall verstand und fühlte mit. Mit geradezu weiblicher Geduld beruhigte er den Betreffenden, mit männlicher Entschlossenheit notierte er die Angelegenheit deutlich auf seinem Notizblock. Dann erhob er sich, verbeugte sich und komplimentierte den besänftigten Besucher mit einem Lächeln und der Versicherung seines guten Willens wieder hinaus – und unternahm rein gar nichts.« (S. 45/46)

    Waughs Bücher sind voll solcher sympathisch-grotesker Charaktere, aber Mr. Hall rangiert auf der Topliste weit vorn. Neben diesem Reisebuch veröffentlichte Waugh noch zwei Romane, die auf abessinischem Terrain angesiedelt sind, »Scoop« und »Black Mischief«, und ein weiteres Reisebuch. Alles inspiriert durch die ihm zugetragene Geschichte von zwei Prinzen, die zum traditionellen Gewand Melone trugen, auch während des Essens.

  • Maxim Biller: Der gebrauchte Jude

    Ein sehr lesefreundliches Buch, erzählt in 61 kurzen Snippets. Man muss nie mehr als zweimal umblättern bis zum nächsten Kapitel. Immer wenn ich zurückkam aus dem Wasser, vom Eisstand oder von einer Runde Beachvolleyball, lag das Buch noch aufgeschlagen da, und im Verlauf einer Strandwoche war ich dann durch.

    Es ist jetzt zwar etwas angenässt und voller Sandkörner, aber ich werde versuchen es weiterzuverleihen, denn das Buch ist so ein unglaublicher Hammer. Besonders gelungen sind die Kapitel 4, 17, 34, 41 und 56.

    Als nächstes wollte ich ein von Biller empfohlenes Thomas-Mann-Buch anfangen, da waren aber die Kapitel zu lang für den Strand, ich kann davon unter diesen Umständen nur abraten.

    Glücklicherweise ist heute an den Kiosken des französischen Basken­landes der neue »Spiegel« eingetroffen, also werde ich erst mal die Aufmacherstrecke zu den »Afghan War Logs« lesen, die auch sehr lesefreundlich gestückelt ist.

  • Winckelmanns Spaziergang von Halle nach Hamburg

    Grundsätzlich bin ich immer fasziniert von langen Laufstrecken, aber wer ist das nicht, deshalb geht die Menschheit auch dem Ich-bin-dann-mal-weg-Kerkeling (ein Rainald Goetz’sches »Ja! Jaaa!« danach) auf den Leim, aber ich rede hier natürlich eher von Seume, Fermor oder Brâncuşi, der sich 1904 von Bukarest nach Paris aufmachte, um die moderne Skulptur zu revolutionieren, und man könnte noch 400 weitere Beispiele aufzählen. Eines davon Winckelmann:

    »…, als er sich zu Fuß nach Hamburg aufmachte, wo gerade die Bibliothek eines Verwandten des Theologen Samuel Reimarus, des Schwagers von Lessing, versteigert wurde. Winckelmann kaufte sich, was er erschwingen konnte, und trug die Bände im Rucksack nach Hause.«

    Dazu muss man wissen, dass er gerade an der Uni Halle studierte und sich von dort aus aufmachte, also mehr als 300 Kilometer zu Fuß zum Book Shopping Trip von Halle nach Hamburg. Das erzähle ich dann also dem Zeitungsverkäufer, der wie immer auf irgendwelchem Essen kaut, wenn ich die FAZ und die SZ dort kaufe. Außerdem riecht es hier im ganzen Laden immer irgendwie nach Butter.

    Der Kauer kommt immer von hinten, wahrscheinlich aus einem kleinen Raum am Ende des Ladens hervor. Er muss dort stapelweise belegte und unterbutterte Brötchen liegen haben, die er den ganzen Tag lang isst, bis es an der Tür schellt und jemand in den Laden kommt und er dann kauend an den Tresen treten muss.

    Und nun beginne ich mit diesem kauenden Zeitungsverkäufer ein recht komisches Gespräch, es geht soweit, dass ich Winckelmann erwähne und Reimarus und die nach ihm benannte Straße gleich hier um die Ecke. Und er, der Kauer, nennt dann einfach so die Anzahl der Reimarus-Erwähnungen im Personenregister der neuen Lessing-Biografie von Hugh Barr Nisbet, »58 Mal«, ich hab’s nicht nachgeprüft.

  • Vorwort zum laufenden Feuilletonjahr (3/2010)

    Stämme

    1. Motto: »Die Zeitungen von gestern sind viel besser als man gemeinhin glaubt.« (Andreas Platthaus, mp3)

    2. Das halbe Feuilletonjahr ist um. Noch 6 Monate bis zur Feuilleton-Meisterschaft, dem Goldenen Maulwurf 2010. Schon jetzt platzt die Longlist aus allen sogenannten Nähten, schon jetzt könnten wir eine Jahres-Top-Ten mit supersten Texten präsentieren. Danke, deutsches Feuilleton. Mehr an dieser Stelle am 11. Januar 2011.

    3. Ansonsten war das Feuilleton-Großereignis des Jahres: die im ZDF übertragene Verleihung der Börne-Medaille an Reich-Ranicki in der Paulskirche am 6. Juni. Herles moderiert an, dann treten alle nur denkbaren Überlaudatoren auf: Thomas Gottschalk, Harald Schmidt mit einem Bert-Brecht-Song, Frank Schirrmacher, Henryk M. Broder. Ein unfassbares Powwow allerhöchster Hochkultur, ich selber hab es mir in Abständen drei Mal komplett angeschaut und würde es jederzeit wieder tun.

    4. Die Entdeckung des Jahres und unser neues Lieblingsblog: nach21.wordpress.com.

    5. Tagung: »Durs Grünbeins Fahrradunfall am 7. Dezember 2008«. Call for Papers folgt.

    6. Remember: Der große Eklat, für den einmal der unnachahmliche Jean d’Ormesson gesorgt hat. Der adlige wie rechtsgerichtete Intellektuelle, Autor bildungsprotziger Romane, Möchtegern-Chateaubriand und Le Figaro-Hauptkolumnist erklärte vorlaut den strammen Stalinisten Aragon zu Frankreichs größtem Romancier des 20. Jahrhunderts. Ich war noch klein, kann mich aber noch genau an all die Erwiderungen und endlosen Rechtfertigungen erinnern.

    7. Demnächst: Die Best of US-Serien der Saison 2009/2010, analog zu den Vorjahren: 2005/06, 2006/07, 2007/08, 2008/09.

    8. Krise des Schlüsselromans.

     
    Was bisher geschah:
     
    Vorwort Nr. 1/2010Nr. 2/2010

     
  • Bundespräsidiales Feuilleton

    Unter rein feuilletonistischen Gesichtspunkten bleibt ja bis auf weiteres nur ein Bundespräsident wählbar.

    Einer, der Hodler und Goya zum Amtsantritt genauso souverän besprochen hat wie er Max-Reinhardt-Inszenierungen rezensiert oder Detlev von Liliencron zum 60. gratuliert hat. Der seine »Architektur-Notizen aus Belgien und Holland« ebenso ins Amt mit einbringt wie seine Abhandlungen über »Gotik in Paris« oder das Baptisterium von Florenz.

    Einer, der bundespräsidiale Stippvisiten schon 1909 in Naumburg geübt hat: »Dreieinhalb Stunden Zeit. Es muß reichen. Ich will ja nur die alten Statuen im Dom ansehen.«

    Ein Bundespräsident, der zudem auch mit der politischen Farbenlehre vertraut scheint:

    »Reichlich viel Violett – das sind die geistlichen Gebiete –, allerhand reichsunmittelbare Grafschaft und Ritterschaft, einige vorderösterreichische Landvogteien, dazwischen eingesprenkelt das harte Rotbraun der Reichsstädte.«

    Voilà, Theodor Heuss, wie er sich gerade mit dem Putzger-Atlas in Kunstreiselaune bringt. Heuss – der Abiturient, der keine Ahnung hatte, was er studieren wollte, aber dann halt mal mit »National­ökonomie, Staatslehre, Philosophie, Historie, Kunstgeschichte und Literatur« begann – im Prinzip konnte dieser Heuss nur ein guter Feuilleton-Allrounder werden.

    »Einen eigenen, unverwechselbaren Stil entwickelte er aber nicht«, schreibt Reiner Burger von der FAZ in seiner Studie »Theodor Heuss als Journalist«. Vielmehr liegt die Schreib-Leistung dieses Bundespräsi­denten im soliden Bildungsfeuilleton, Burger spricht denn auch vom »Volkshochschulkurs in gedruckter Form«, hehe.

    Spannend auch Heuss als Role Model des landsmannschaftlich gefärbten Feuilletonismus, wie er uns in Form von Peter Richter (Sachsen) oder Claudius Seidl (München) bis heute begegnet. So sympathisch befangen zum Beispiel Nils Minkmar immer über das Saarland (be)richtet, so ungeniert lässt Heuss keine Gelegenheit aus, seine schwäbischen Dichter zu promoten.

    Heuss hat über »Weinbau und Weingärtnerstand in Heilbronn a. N.« promoviert, zeigt sich in seinen Reisereportagen aber durchaus geschmacksoffen: »Der Wein von Ischia ist recht ordentlich; wir kannten uns schon und haben in den paar Tagen des Besuchs gute Kameradschaft gehalten.«

    Sämtliche Originalzitate aus der Sammlung »Von Ort zu Ort« (hrsg. von Hermann Leins, Tübingen 1959, mehrere Auflagen, zuletzt 1986 bei der DVA), antiquarisch erhältlich.

  • Kafka, redigiert

    Man könnte ein ganzes Blog mit Lieblingsstellen aus den Krausser-Tagebüchern bestreiten, »einem der unfassbar hervor­ragendsten Literaturgroßprojekte aller Zeiten«, wie Dique neulich schon schrieb. Auf Jahre hin hätte man Stoff. Gerade ist »Substanz« erschienen, eine Auswahl aus den 12 Tagebuchbänden, aber »Substanz« zählt natürlich nicht, man muss sie schon alle lesen, im Zusammenhang.

    An eine Stelle aus dem »März« (2003) habe ich mich wieder erinnert, als ich Florian Illies‘ »Substanz«-Verriss in der »Zeit« gelesen habe. Und selbst der verrisswillige Illies lässt diese Stelle gelten: »Ein einziges Mal, als er auf drei Seiten einen Satz von Kafka auseinander­nimmt und redigiert und verbessert, scheint auf, wieso im begründeten Denkmalsturz eine eigene Größe gewonnen werden kann.« Es geht um den ersten Satz aus Kafkas »Proceß«:

    »Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.«

    Den Satz hat vor zwei Jahren auch Frank Schirrmacher mal schön exemplarisch auseinandergenommen. Krausser aber macht noch etwas anderes, etwas Unerhörtes, er macht Verbesserungsvor­schläge.

    Er schreibt über den Satz: »Das ist nicht schlecht, aber genial?« Und formuliert ihn probehalber um und begründet es damit, dass man »sich heute zugunsten der erzählerischen Komplexität Optionen offen halten« würde, damit das, was im Roman folgt, nicht gleich »als tragisch gestempelt, eingleisig« wäre: »genaugenommen kann man sich den Rest auch sparen«. Kraussers Alternativvorschlag:

    »Josef K. glaubte an eine Verleumdung, denn ohne bewußt Böses getan zu haben, wurde er an seiner Haustür verhaftet.«

    Krausser schreibt übrigens auch: »Es geht nicht darum, den heiligen Franz zu verbessern. / Aber mal grundsätzlich: wenn heutzutage nicht besser geschrieben werden könnte als zu Kafkas Zeiten, hätte kein Fortschritt stattgefunden. Unsereins stehen so viel mehr Techniken zur Verfügung.«

    Also, kleiner Kafka-Sockelsturz, schulbuchwürdig, im positiven Sinn.