Kategorie: Buchbuch

  • Kurzes Interview zum 100-Seiten-Marathon

    Richard Deiss ist leidenschaftlicher Zahlenfresser, Sammler und Books-on-Demand-Fanatiker. 20 seiner Bücher sind dort bereits erschienen, darunter Sammlungen von Städte-, Stadtteil- und Gebäudebeinamen. Ein weiteres Faible sind Buchladentouren, bei einer haben wir ihn letzten August begleitet (Teil 1, Teil 2, Teil 3). Nach diesem Wochenende zeigte sein Pedometer 222.222 Schritte an, wie er uns später per E-Mail mit­teilte. Als Richard von unserem Kanon hundertseitiger Bücher erfuhr, fing er sofort zu lesen an.

    Der Umblätterer: Richard, du hast jetzt einfach mal so ein paar Dutzend 100-Seiten-Bücher gelesen.

    Deiss: Ja, ich bin ja Geograph, lese meistens nur Sachbücher und habe leider nicht Literatur studiert, bin also ein bisschen hinterher mit der Literaturlektüre, da nehme ich als Listenfan solche Kanonsachen immer ganz gern als Anlass, Bildungslücken abzubauen.

    In den Weihnachtsferien habe ich Fritz J. Raddatz’ »Tagebücher 1982–2001« gelesen, was mein Interesse für Literatur geweckt hat, und ich habe mich daran erinnert, dass Raddatz damals diese ZEIT-Bibliothek der 100 Bücher herausgegeben hatte. Dieser blaue Suhrkamp-Band war in den 1980er Jahren meine Kanon-Bibel. Ich kam bis zum 25. Buch, und mich reute es in späteren Jahren immer, dass ich nicht weitergemacht hatte.

    Da ich mit den Raddatz-Tagebüchern am 1. Januar durch war und diese Lektüre wie gesagt sehr anregend war, kam es zum Neujahrsvorsatz, in diesem Jahr pro Woche zwei Bücher zu lesen, also nicht nur Hundertseiter, auch längere Bücher, aber das Pensum ist natürlich mit ein paar kurzen Texten dazwischen viel realistischer. 27 Hundertseiter aus eurem 100-Seiten-Kanon habe ich inzwischen durch, also um die 2.700 Seiten (plus 13 Bücher des Kanons, die ich schon vorher gelesen hatte). Deshalb schaue ich immer wieder auf eure Liste, ein Schatz­kästlein der Literatur, das mich einen Edelstein nach dem anderen entdecken lässt.

    Der Umblätterer: Zum Beispiel?

    Deiss: Begonnen habe ich mit Melvilles »Bartleby«, das hat mich gleich umgehauen. Und ich hatte die Hoffnung, dass sich unter den ausstehenden 100-Seiten-Büchern noch weitere »Bartlebys« finden. Beeindruckt hat mich dann auch »Leutnant Burda« von Ferdinand von Saar. Ich kannte den Autor vorher gar nicht. Der Text liegt gerade ausgedruckt auf meinem Schreibtisch, und immer, wenn ich draufschaue, spricht die Schlüssigkeit der Geschichte mich gleich wieder an, sie ist stimmig erzählt und sehr spannend bis zu ihrem tragischen Schluss.

    Der Umblätterer: Du hast den Text zum Lesen ausgedruckt, aus dem Internet?

    Deiss: Ja, viele eurer Hundertseiter sind ja online, im Projekt Gutenberg oder bei zeno.org.

    Der Umblätterer: Sind das dann zuverlässige Textversionen, oder gibt es da reihenweise Tipp- und OCR-Fehler?

    Deiss: Soweit ich es beurteilen kann, ist die Qualität okay, Tipp- oder Scanfehler sind mir bisher eigentlich keine aufgefallen. Ich versuche natürlich trotzdem, möglichst viele der Hundertseiter in traditionellen Buchläden, die es ja weiterhin geben sollte, zu kaufen.

    Der Umblätterer: Was ist dir sonst noch in Erinnerung?

    Deiss: Nach »Bartleby« habe ich »Unterm Birnbaum« gelesen, auch das unglaublich spannend, und dann Aitmatows »Dshamilja« und Schnitzlers »Traumnovelle«. Alles tolle Bücher. Bei »Dshamilja« setzt Aragon in seinem Vorwort die Latte so hoch, dass man anfangs fast enttäuscht ist, doch das Buch nimmt einen dann doch mit.

    Der Umblätterer: Zu welchen Gelegenheiten liest du die Bücher eigentlich so?

    Deiss: »Dshamilja« zum Beispiel habe ich an einem Bahnwochenende gelesen. Ich habe an einem Tag Buchläden in drei Städten besichtigt (Trier, Saarbrücken und Ludwigshafen) und hatte ursprünglich kein anderes Buch dabei, da war es zusätzlich spannend, immer noch zu schauen, wo ich für die Bahnfahrt dazwischen schnell noch eines der Kurzbücher auftreiben konnte, denn andere Bücher mochte ich damals gar nicht lesen.

    Leider landete ich dann immer in den Thalia-Filialen irgendwelcher Einkaufszentren, die alle gleich aussahen, aber dort hatten sie wenigstens einige der Hundertseiter von eurer Liste im Regal. Die Bücher hatten dann auch gerade die richtige Länge für die Fahrabschnitte zwischen den Städten. Allerdings förderte der Griff ins Kanon-Schatzkästlein auch ein paar dröge Brocken zu Tage.

    Der Umblätterer: Welche denn?

    Deiss: Zum Beispiel Fontanes »Grete Minde«. Da hatte ich mehr erwartet nach eurer vollmundigen Empfehlung. Schon der Anfang: Zwei Kinder sprechen herzig über Vöglein und Nestlein, es fiel mir schwer, da weiterzulesen. »Unterm Birnbaum« war viel spannender. »Grete Minde« dagegen ist eine heulsusig dahinplätschernde, für mich wenig spannende Geschichte, der am Schluss ein dramatisches Fanal aufgepfropft wird. Würde ich aus dem Kanon eher streichen, ein Fontane reicht.

    Der Umblätterer: Und was noch?

    Deiss: Auf jeden Fall die Sachbücher. Immer wieder ärgere ich mich bei der Lektüre, wenn ich eine spannende Geschichte erwarte und doch nur ein literaturbezogenes Sachbuch in der Hand halte. Ich würde die Liste auf genau 100 Titel begrenzen und die Sachbücher in eine eigene Liste übertragen und diese dann wiederum auf 100 ergänzen.

    Der eben erwähnte ZEIT-Kanon mit 100 belletristischen Titeln wurde dann etwas später um eine Sammlung mit 100 Sachbüchern ergänzt, sehr lobenswert und auch von Raddatz herausgegeben. Bei den Sachbüchern kam ich allerdings auch nicht sehr weit, die lesen sich teilweise mühsamer als Belletristik, auch hier würde eine Liste der kurzen Werke helfen, deshalb bin ich froh, dass ich mit der Liste der Kurzwerke weitermachen kann.

    Der Umblätterer: »Grete Minde« wird auf keinen Fall gestrichen, hehe.

    Deiss: Schön übrigens, dass einer der ersten eurer Vorstellungstexte gleich Chamissos wirklich »wundersame Geschichte« ist, die habe ich jetzt erst am Freitag gelesen, ein wahrer Edelstein von Geschichte. Am Samstag dann noch Hemingways »Der alte Mann und das Meer«, ein wunderbares Buch, jetzt sind es, wie gesagt, mit den bereits früher gelesenen 38 aus der Liste, und ich möchte dieses Jahr noch auf 50 oder 60 kommen.

    Der Umblätterer: Wie liegst du im Plan?

    Deiss: Es sieht gut aus. Ich will ja nicht nur Kurzbücher lesen, aber weil ich mich in letzter Zeit darauf konzentriert habe und zum Beispiel zwischendrin dieses leseintensive Bahnwochenende hatte, bin ich meinen Leseplänen voraus, falle aber im Moment wieder ein bisschen zurück, da die Arbeitswoche hektisch ist. Zumindest den Klabund will ich aber bis morgen noch lesen, sind ja nur 45 Seiten.

    Der Umblätterer: Wieder ausgedruckt?

    Deiss: Ja, von Wikisource aus auf A4 ausgedruckt, da werden aus den 100 Seiten eben 45, die Textmenge bleibt natürlich hoffentlich die Gleiche. Aber vielleicht liest man schneller, wenn man im Hinterkopf die Zahl 45 hat und denkt, dass das ja nicht so viel ist.

    Der Umblätterer: Kannst du vielleicht kurz erklären, was ein Hundertseitenbuch ist, in Abgrenzung zu anderen Textmengen?

    Deiss: Also für mich ist es nur wichtig, dass es kurz ist, damit ich mit meinem 100-Bücher-Projekt vorankomme, die Abgrenzung auf eurer Liste habt ihr ja selbst definiert, ich glaube es sind Bücher mit zwischen 50.000 und 150.000 Zeichen oder so ähnlich.

    Der Umblätterer: Das Maß ist 100.000 bis 225.000, durch lange Experimente bestimmt, unter Zuhilfenahme einiger Arno-Schmidt-Formeln! Was wirst du tun, wenn du hundert Hundertseiter gelesen hast?

    Deiss: Durch die Liste bin ich zum Schnitzler-Fan geworden. Letzte Woche habe ich »Leutnant Gustl« gelesen, das war wieder mal großartig. Ich möchte unbedingt alle seine Werke lesen. Wenn ich damit fertig bin, möchte ich die 100 wichtigsten/besten Reisebücher lesen. Eine entsprechende Liste habe ich bereits erstellt und vor fünf Jahren auch schon mit dem Lesen angefangen, kam allerdings auch da erst bis Buch 25. Der Grund war, dass ich zu diesem Zeitpunkt begann selbst Bücher zu schreiben und keine Zeit mehr hatte. Da ich mein eigenes Veröffentlichungsprogramm Ende 2010 abgerundet habe, kann es mit dem Lesen wieder weitergehen, aber wie gesagt, im Jahr 2011 habe die Kurzbücher Vorrang.

    Der Umblätterer: Welche drei Titel von der Liste fallen dir jetzt gerade spontan noch ein?

    Deiss: Ok, also Stifters »Abdias«, ganz nett zu lesen, aber irgendwie fehlt der Spannungsbogen. Flex’ »Der Wanderer zwischen beiden Welten« …

    Der Umblätterer: Flex, was? Wer hat den denn auf die Liste gesetzt! Ach so, ja, das war irgendwie als Ausgleich zu Christa Wolfs »Kein Ort. Nirgends« gedacht, wenn wir uns recht erinnern.

    Deiss: Also wieso, ich fand Flex beeindruckend sprach- und bilderstark. Und »Frühstück bei Tiffany« hab ich auch noch lebhaft in Erinnerung, viel besser als der Film und im englischen Originaltext mit tollen Ausdrücken (»I’m the top banana of the shock department«). Aber was rede ich hier lang und breit herum, statt des Interviews hätte ich jetzt eigentlich schon wieder fünf Seiten lesen können.

    Ende des Gesprächs. Inzwischen hat uns Richard wissen lassen, dass er nun auch mit »Tonio Kröger« durch sei. Habe ihn trotz unserer ausdrück­lichen Empfehlung wenig angesprochen, die Erzählung. Er stelle sie auf eine Stufe mit »Grete Minde«. Ansonsten werde er nächste Woche seinen 1000. Buchladen besuchen und habe sich dafür den »25books« in Berlin ausgesucht. Warten wir also auf neues Zahlenmaterial vom Pedometer.
     

  • Das längste Gedicht der Welt

    Manchmal ist ein langes Gedicht einfach nur ein langes Gedicht. Der amerikanische Präriepoet Dave Morice (Künstlername: »Dr. Alphabet«) hat so eines geschrieben, es ist 10.000 Seiten lang, und es ist per einstweiliger Behauptung tatsächlich: das längste der Welt.

    Ich habe darüber im Feuilleton der »Financial Times Deutschland« gelesen, auf der Seite für basiskulturelle Berichterstattung, die dort »Out of Office« heißt, das ist also tatsächlich die Bezeichnung für das Feuilleton der FTD, und das ist auf jeden Fall besser als kompromiss­lerische Rubriknamen wie »Kultur« oder, noch grausiger: »Kultur & Medien«.

    Aber zurück zum 10.000-Seiten-Gedicht. Im FTD-Artikel wird natürlich vor allem die superlative Größenordnung des Werks diskutiert. Dabei hat der Redakteur vor lauter Zahlenmaterial sogar vergessen, den Titel des Gedichts anzugeben. Er lautet wahrscheinlich, so genau weiß ich das auch nicht: »City Poetry Marathon«.

    In der weltweiten Berichterstattung darüber geht es eigentlich auch nie um dessen Inhalt. Was steht auf den 10.000 Seiten? Das ist offenbar auf sympathische Weise nicht das Wichtigste, also genau wie bei den Romanbollwerken von Proust, Joyce, Foster Wallace usw.

    Das Gedicht wurde übrigens live geschrieben, unter den Augen der Öffentlichkeit, an den 100 Tagen zwischen dem Unabhängigkeitstag und Halloween 2010, in der Main Library der University of Iowa. Dort wurde dann auch ein Exemplar gebunden, und es ist schon eine große Kunst, das Buch sachgemäß aufzuschlagen und zum Beispiel mal zu kucken, was so auf Seite 7.437 steht (siehe das Bild hier).

    Ansonsten liegt das Dichtwerk auch komplett in herunterladbaren Word-Dateien vor. Ich bin gerade auf Seite 82 des 1. Bandes. Es geht dort um den unbändigen Hass auf Vokale, der unter Aliens üblich zu sein scheint:

    When you write 10,000 pages, you’ve got to go beyond the world
    and borrow things from aliens who land here and whisper
    »Write a poem that doesn’t have any vowels in it.«
    I ask »Why?«
    They reply, »We hate vowels.«
    Vowel hatred is
    not common on
    earth.

    Und ohne Vokale wäre der Dichter auch nicht auf 10.000 Seiten gekommen.
     

  • 20 unter 30: Frühvollendete deutsche Dichter

    Ja, ein »27 Club« (Hendrix! Joplin! Cobain!) ließe sich auch für die deutsche Literatur aufstellen, mit ebenso großem Berüchtigtkeitsgrad (Günther! Hölty! Trakl!).

    Jedenfalls habe ich neulich wieder mal Guido K. Brands sehr spezielle Literaturgeschichte »Die Frühvollendeten« von 1928 aufgeschlagen. Dann diskutierte ich beim Abendessen noch eine Weile mit Ben, und schnell war eine Übersicht fertig mit den (sagen wir mal:) 20 berühm­testen deutschsprachigen Autoren, die keine 30 Jahre alt geworden sind.

    In Klammern steht das jeweilige Sterbealter, und geordnet sind die Leute nach der Größe ihrer Wikipedia-Artikel, das fiel mir als sehr heutiges Relevanzmaß ein, hehe. Unangefochten: Borchert! Sein Artikel ist mehr als doppelt so lang wie der des zweitplatzierten Novalis. Hinter dieser Art des Rankings lauert aber auch ein veritabler Skandal:

    Denn Theodor »Hurra!« Körner hängt den groooßen Georg Büchner mühelos ab, so sieht es nämlich aus in der Wikipedia. Der Körner-Artikel ist aber auch deshalb so lang, weil ein überambitionierter Lokalhistoriker(?) alle möglichen Körner-Denkmäler dort eingetragen hat. Wäre mal eine Idee für Wolfgang Büscher, die alle abzuwandern.

    Aber hier nun die 20 unter 30:

    1. Wolfgang Borchert (26)
    2. Novalis (28)
    3. Theodor Körner (21)
    4. Georg Heym (24)
    5. Georg Büchner (23)
    6. Georg Trakl (27)
    7. Karoline von Günderrode (26)
    8. Hertha Kräftner (23)
    9. Wilhelm Hauff (24)
    10. Johann Christian Günther (27)
    11. Wilhelm Waiblinger (25)
    12. Gerrit Engelke (27)
    13. Ludwig Hölty (27)
    14. Wilhelm Heinrich Wackenroder (24)
    15. Hermann Conradi (27)
    16. Elisabeth Kulmann (17)
    17. Walter Calé (22)
    18. Fritz Stavenhagen (29)
    19. Sibylla Schwarz (17)
    20. Alfred Lichtenstein (25)

     

  • 100-Seiten-Bücher – Teil 3 Adelbert von Chamisso: »Peter Schlemihls wundersame Geschichte« (1814)

    Ein junger Herr verkauft seinen Schatten an einen grauberockten Mann. Das so beginnende Kunstmärchen ist aber keine Nonsensprosa, sondern eine genaue Ausarbeitung dieser närrischen Augenblicksidee. Der »Schlemihl« hat sich bis heute gehalten, weil die Schattenlosigkeit als Allegorie einfach sehr vielseitig ausdeutbar ist und zu immer neuen Lesarten geführt hat. Jedes beliebige Stigma lässt sich da herausinterpretieren.

    Als Gegenleistung hat der unbedachte Schattenverkäufer übrigens einen Goldbeutel erhalten, der sich von ganz allein immer wieder füllt. Allerdings muss der Neureiche schnell erfahren, dass er ohne Schatten von seinen Mitmenschen verstoßen wird: »Von einem Schattenlosen nehme ich nichts an.« Immerhin taucht der Mann im grauen Rock nach einem Jahr wieder auf und möchte ihm den Schlagschatten zurückgeben. Er könne sogar das Goldbeutelchen behalten, müsse ihm dafür allerdings seine Seele überlassen. Diesmal widersteht der Schattenlose und verbringt den Rest seines Lebens büßend als einsiedelnder Botaniker.

    Um allzu ernsthaften Schulbuchinterpretationen zu entgehen, hilft übrigens ein Blick in Arno Schmidts Roman »Aus dem Leben eines Fauns« (1953), der ebenfalls sehr kurz und schnell zu lesen ist. Dort erscheint Schlemihls tragisches Schicksal plötzlich als ziemlich zukunftsträchtig. Außerdem werden zeitgemäße Alternativen für das Goldsäckel durchgespielt: »Sommersonne : Schatten : Peter Schlemihl ! : Heute würd er in‘ Zirkus gehen und Unsummen verdienen ! Wenn mir bloß mal son <grauer Mann> erschiene, und mir was dafür böte, was Zeitgemäßes : ne Tabakspfeife, die nie leer wird; n Auto, das ohne Benzin fährt, ne Pferdewurst, die nicht abnimmt.«

    Und Recht hat Schmidt. Was gibt es Besseres, Schöneres, Zeitgemäßeres als eine unendliche Pferdewurst!

    Länge des Buches: ca. 123.000 Zeichen. – Ausgaben:

    Adelbert von Chamisso: Peter Schlemihls wundersame Geschichte. Mit einem Nachwort von Thomas Mann. Illustriert von Emil Preetorius. Frankfurt/M.: insel taschenbuch 1984. S. 7–122. (= 116 Textseiten)

    Adelbert von Chamisso: Peter Schlemihls wundersame Geschichte. Mit zwölf Zeichnungen von Karl-Georg Hirsch. Frankfurt/M.; Leipzig: Insel Verlag 2001. S. 3–113. (= 111 Textseiten)

    Adelbert von Chamisso: Peter Schlemihls wundersame Geschichte. Mit einem Kommentar von Thomas Betz und Lutz Hagestedt. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2003. S. 9–82. (= 74 Textseiten)

    Adelbert von Chamisso: Peter Schlemihl’s wundersame Geschichte. München: K. G. Saur Verlag 2003. (Großdruckausgabe.) S. 3–109. (= 107 Textseiten)

    Adelbert von Chamisso: Peter Schlemihls wundersame Geschichte. Mit Anmerkungen von Dagmar Walach. Stuttgart: Reclam 2009. S. 3–79. (= 77 Textseiten)

    (Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)

  • 100-Seiten-Bücher – Teil 2 Willem Elsschot: »Käse« (1933)

    Zu kurz sei das Buch. »Für kleine dünne Bände besteht in Deutschland augenblicklich bei dem Publikum ein verhältnismässig geringes Interesse«, schreibt der Verleger Peter Diederichs 1951 an die Über­setzer von Willem Elsschots »Käse«-Novelle. Kurz darauf erscheint der Band dann doch, ein Erfolg wird das Buch aber erst 2004 mit der überarbeiteten Neuauflage.

    Frans Laarmans ist Büroschreiber auf einer Schiffswerft in Antwerpen, und das ist eigentlich auch gut so. Seine Hybris besteht nun darin, aus dem kleinbürgerlichen Kreislauf ausbrechen zu wollen, als sich die Gelegenheit bietet. Er besucht nämlich die Mittwochsgesellschaft des Anwalts van Schoonbeke, wo seine geringe Stellung zum Problem wird. Dort wird geschwätzt und große Welt gespielt, und selbst wenn der Hausherr ein Meister im Schönreden ist (aus dem Büroschreiber wird ein »Inspektor«), reicht das nicht. Laarmans wird quasi dazu gedrängt, belgischer Vertreter für einen niederländischen Käsehändler zu werden, um seine Tätigkeitsbezeichnung zu verbessern.

    Er lässt sich bei der Werft krankschreiben, will seinen Schreiberposten aber nicht einfach so aufgeben. Diese Halbherzigkeit nimmt dann schon seinen späteren Sinneswandel vorweg. Was aber bis dahin geschildert wird, ist eine der komischsten Firmengründungen aller Zeiten. Laarmans spielt den Geschäftsmann so gut er kann und geht schrittweise alle Probleme an. Noch nie sind die Anschaffung von Briefpapier und eines Diplomatenschreibtisches so entzückend beschrieben wurden. Und dann werden die ersten 20 Tonnen Edamer angeliefert, vollfett.

    Im Geschäftsalltag reiht sich Windigkeit an Windigkeit, und irgendwann hat Laarmans genug davon, dass er »in aller Stille und unbemerkt Käse verkaufen muss, als ob es ein Verbrechen wäre«. Er begibt sich zurück in die vertraute Eintönigkeit seines Bürolebens. Und es war alles, alles gut.

    Die 24 Kurzkapitel enthalten übrigens viele schöne Käsewörter (Käseelend, Käsetestament, Käseheimsuchung), die der Autor dankenswerter gleich am Anfang schon alle auflistet.

    Länge des Buches: ca. 151.000 Zeichen (dt.). – Ausgaben:

    Willem Elsschot: Kaas. Übertragen von Agnes Kalmann-Matter. Düsseldorf; Köln: Eugen Diederichs Verlag 1952. S. 5(?)–118. (= 114 Textseiten)

    Willem Elsschot: Käse. Aus dem Niederländischen von Agnes Kalmann-Matter und Gerd Busse. Mit einem Nachwort von Gerd Busse. Zürich: Unionsverlag 2004. S. 3–121. (= 119 Textseiten)

    (Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)

  • 100-Seiten-Bücher – Teil 1 Klabund: »Deutsche Literaturgeschichte in einer Stunde« (1920)

    Ich habe für dieses angebliche Ein-Stunden-Buch drei Stunden ge­braucht. Eine Paketlieferung für Nachbars hat mich aus dem Tritt gebracht, und eins zwei andere Ausreden habe ich auch noch. Dabei ist das Buch eine gelungene Begeisterungsshow für deutsche Literatur aller Epochen, eine Art Deutsch-Grundkurs in gut.

    Klabund beginnt beim Althochdeutschen um 800, beim Wessobrunner Gebet, und springt und hüpft und stolpert sich durch die Jahrhunderte, zu den Minnesängern, zu Luther, zu den Barockdichtern und Klassi­kern, den Vormärzlern, Realisten und Expressionisten, bis zu seinen Zeitgenossen um 1920. Wie ein Theaterkorrespondent direkt nach der Premiere berichtet er uns von uralten Texten, man kann ihn sich gut mit Deutschlandfunk-Stimme vorstellen.

    Und fast hätte man es nicht gemerkt, Klabund hat sich auch selbst mit viereinhalb Zeilen in seine Literaturgeschichte hineingeschrieben, hehe. Ansonsten kommen natürlich alle üblichen verdächtigen Autoren vor, allerdings ebenso viele inzwischen Vergessene. Am Überraschend­sten ist Klabunds Vorliebe für Johann Christian Günther (1695–1723), vor dem selbst der Lyriker Schiller zurückstehe.

    Günther wird neben Goethe an mehreren Stellen als wichtigste Referenzgröße herangezogen, bis ins Schlussgedicht hinein, in dem dann doch Goethe dominiert: »Und du, o ewige Früh- und Abendröte: / Du Turm, du Sturm, du erster Mensch, du: Goethe!« Über das gelegentliche Pathos liest man lachend hinweg, die knallharte Schwärmerei nervt an keiner einzigen Stelle. Das einzige, was bei der Lektüre stört, sind fremde Paketlieferungen.

    Länge des Buches: ca. 176.000 Zeichen. – Ausgaben:

    Klabund: Deutsche Literaturgeschichte in einer Stunde. Von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart. Vierte, vom Autor neu durchgesehene und überarbeitete Auflage. Leipzig: Dürr & Weber 1923. S. 5–97. (= 93 Textseiten)

    Klabund: Deutsche Literaturgeschichte in einer Stunde. Von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart. (»Die Ausgabe folgt der zweiten vom Autor durchgesehenen Auflage, Leipzig 1921. Der Epilog folgt der Fassung der dritten vom Autor durchgesehenen Ausgabe, Leipzig 1922.«) Hamburg: Textem 2006. S. 9–121. (= 113 Textseiten)

    (Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)

  • 100 Seiten — Ein Kanon kurzer Bücher

    Das 100-Seiten-Buch ist ein Mythos. Es ist gerade so lang, dass es den Einzeldruck rechtfertigt. Es hat die magische Seitenzahlenuntergrenze erreicht, ohne sie dann wirklich zu überschreiten. Man kann es in einem Schwung lesen, zwei Stunden, drei Stunden, fertig, nächstes Buch.

    Immer wenn es mir einfiel, habe ich um mich herum nach berüchtigten 100-Seiten-Titeln gefragt. Und immer wussten alle sofort, was gemeint war, obwohl die Maßeinheit ›100 Seiten‹ alles andere als unproblema­tisch ist. Schon beim ersten Aufscheinen der Idee, beim Baden im Gold­fischteich des Cour aux Ernest in der Rue d’Ulm, kam eine stattliche Zahl prototypischer Hundertseiter zusammen:

    Chamisso: Peter Schlemihl. – Dostojewski: Weiße Nächte. – Heine: Harzreise. – R. L. Stevenson: Jekyll & Hyde. – Schnitzler: Traumnovelle. – Thomas Mann: Tod in Venedig. – Nietzsche: Ecce homo. – Machiavelli: Der Fürst. – Voltaire: Candide. – Diderot: Rameaus Neffe. Etc. Etc. Und César Aira schreibt berüchtigterweise fast ausschließlich 100-Seiten-Bücher.

    Lob des kurzen Buches

    Die Vorschlagsliste ist im Moment ca. 125 Titel lang (Voraussetzung war: mindestens eine nachgewiesene Einzelausgabe; und keine Theaterstücke, die sich ja in einem ähnlichen Seitenzahlenbereich bewegen). Jedem dieser Bücher, so der Plan, werden wir hier ab sofort einen kurzen Teasertext widmen, der anekdotenhaft die Kürze der Form feiern soll, das Leseerlebnis, den Inhalt, den Stil, die Rezeptionsgeschichte oder was auch immer, je nachdem.

    Diese Anamnesen sollen ihrerseits schlagartig kurz sein, so um die 1.500 Zeichen (Vorbild: Marius Fränzels »Lektüren eines Nachtwäch­ters«). Sie würden dann locker auf jeweils eine Buchseite passen. Und am Ende dieses Experiments steht dann vielleicht ein 100-Seiten-Buch über 100-Seiten-Bücher, mal sehen.

    Enzensberger und »Die hundert Seiten«

    In seinem »Ideen-Magazin«, das seine »Lieblings-Flops« beschließt (vor ein paar Wochen bei Suhrkamp erschienen), stellt Hans Magnus Enzensberger Projekte vor, die »über das Stadium der Skizze nie hinausgekommen« sind. Eines davon hatte den Arbeitstitel »Die hundert Seiten«. Anders als wir schlägt er vor, Klassiker der Weltliteratur, die besonders umfangreich, besonders unzugänglich sind, auf genau hundert Seiten zu komprimieren, als Nacherzählung eigenen Rechts. Denn »viele der berühmtesten Klassiker werden nicht gern gelesen«, da sie eine »Zumutung an das Zeitbudget« seien.

    Auch bei Enzensberger findet sich der Mythos des 100-Seiten-Buchs: »Hundert Seiten erschrecken niemanden; sie geben jedem das angenehme Gefühl, ein ganzes Buch zu Ende gelesen zu haben.« Aus seiner Idee ist dann nichts geworden. Wir gehen das Problem nun von einer anderen Richtung her an. Das Sammeln von bereits existierenden Hundertseitern wird vielleicht erst mal konkretisieren, was ein 100-Seiten-Buch überhaupt eigentlich ist, was es kann, was es nicht kann usw.

    Seitenpolitik

    Die ›Seite‹ ist mindestens seit Gutenberg das populärste und nachvollziehbarste Maß für die Länge eines Textes. Wenn jemand ein Buch empfiehlt, gibt es ja stets sofort die Gegenfrage: »Wie lang?« Autoren und Verlage spielen natürlich mit der Anzahl der Seiten, und oft wird ein Buch mit satztechnischen Mitteln auf eine bestimmte Seitenzahl gebracht. Arno Schmidt, wer sonst, hat daher mal vorgeschlagen, die »Normalseite« einzuführen:

    »Wie irreführend ist es oft, zu sagen, ein Buch zähle 500 Seiten; nachher hat es auf jeder einzelnen davon nur 20 Zeilen und in jeder 40 Anschläge = 800 Buchstaben. Ein anderes, von ›nur‹ 200 Seiten, aber mit 40 Zeilen a 50 Anschläge, enthält genau so viel Text. Man führe endlich in Wissenschaft und Buchhandel den Begriff der ›Normalseite‹ (abgekürzt: SN) von 2000 Buchstaben pro Seite ein! Es bleibe natürlich auch in Zukunft jedem unbenommen, mit Format, Zeilenzahl oder Typen völlig souverän zu schalten, aber man füge der Anzeige auch des apartesten Sonderdruckes noch in Klammern hinzu: ›SN 340‹ – oder wieviel es nun gerade sind. Das würde, konsequent durchgeführt nicht nur in Katalogen aller Art, viel nützen, sondern endlich auch einmal ermöglichen, das Werk eines Schriftstellers rein quantitativ zu fixieren und mit anderen vergleichbar zu machen.«

    Für das 100-Seiten-Projekt hier gehen wir großzügig von einer Zeichenanzahl zwischen 100.000 und 225.000 aus (wie üblich inkl. Leerzeichen). Das sind je nach Ausgabe normalerweise zwischen 75 und 125 Textseiten. Wenn es sich um fremdsprachige Titel handelt, gilt die Zeichenzahl der deutschen Übersetzung. Für die zehn oben genannten Beispiele sieht es so aus (aufsteigend nach Länge geordnet, die Zeichenzahlen entstammen digitalen Versionen der Texte und sind auf den nächsten Tausender aufgerundet):

    Dostojewski: Weiße Nächte (russ. 92.000, dt. 125.000)
    Chamisso: Peter Schlemihl (132.000 Zeichen)
    Heine: Die Harzreise (136.000)
    R. L. Stevenson: Jekyll & Hyde (engl. 138.000, dt. 164.000)
    Schnitzler: Traumnovelle (165.000)
    Thomas Mann: Der Tod in Venedig (169.000)
    Machiavelli: Der Fürst (ital. 164.000, dt. 177.000)
    Nietzsche: Ecce homo (196.000)
    Voltaire: Candide (frz. 187.000, dt. 219.000)
    Diderot: Rameaus Neffe (frz. 177.000, dt. 221.000)

    Zum Vergleich: Goethes »Werther« (240.000 Zeichen) und Rousseaus »Gesellschaftsvertrag« (frz. 257.000, dt. 275.000 Zeichen, Überset­zung von 1880) haben das Hunderter-Genre bereits verlassen. Sie lesen sich auch nicht mehr wie klassische Hundertseiter und fühlen sich eher nach 300 Seiten an (was in dem einen Fall sicher auch an den Ossian-Gesängen liegt, hehe).

    »Candide« (in der Übersetzung von 1782) und »Rameaus Neffe« (in der Übersetzung von 1891) gehen in der aktuellen Experimentanord­nung aber gerade noch so durch und grenzen die Sammlung nach oben hin ab. Jedenfalls im Moment, denn mal sehen, wie sich der Mythos ›100-Seiten-Buch‹ so macht, wenn wir ihm hier auf den Leib rücken.

    Keine Zeit! – Ein Buch oder fünfzig Bücher?

    Als Drückerkolonne im Auftrag fragwürdigster Leseökonomie würden wir natürlich schon sagen: Statt 5.000 Seiten lang Prousts »Recherche« zu lesen, könnte man auch 50 Hundertseiter lesen. Da hat man, rein rechnerisch, mehr davon, nämlich genau 49 Autoren und 49 Werke mehr, bei sozusagen gleichbleibender Strecke.

    Diese Art von Rechnungen sind natürlich absolut unschöngeistig, und wir werden öffentlich auch jederzeit vehement abstreiten, so etwas zu befürworten! Lieber schieben wir wieder alles auf Arno Schmidt, den Statistiker der deutschen Literatur. Seine berühmte Lesevermögens­rechnung ging ja so:

    »Das Leben ist so kurz ! Selbst wenn Sie ein Bücherfresser sind, und nur fünf Tage brauchen, um ein Buch zweimal zu lesen, schaffen Sie im Jahr nur 70. Und für die fünfundvierzig Jahre, von Fünfzehn bis Sechzig, die man aufnahmefähig ist, ergibt das 3.150 Bände : die wollen sorgfältigst ausgewählt sein !«

    Und wer kürzere Bücher liest, liest normalerweise auch mehr Bücher. Wobei es dieser Rechnung natürlich an einem Koeffizienten für die Textschwierigkeit mangelt.

    Nächstes Projekt: Tausend Tausendseiter!

    Aber das Zeitproblem ist ja nun mal da. Marcel Reich-Ranicki hat sich 1993 zum Beispiel geweigert, den 1006-Seiten-Roman »Der rote Ritter« von Adolf Muschg zu lesen:

    »Autor und Verlag versuchten, mich zu überreden: In dem Buch seien sehr gute Kapitel und Abschnitte. Das mag ja sein, aber ich habe nicht die Zeit, die Rosinen in diesem gigantischen Kuchen zu suchen.«

    Fernab all dieser rechnerischen Unverschämtheiten behaupten wir hier natürlich gern und weiterhin, dass wir die »Recherche« lieben, den »Ulysses« und »Zettel’s Traum«, Alexander Kluges »Chronik der Gefühle« und Hans Henny Jahnns »Fluß ohne Ufer«. Wir haben Pynchons »Against The Day« und Wallace‘ »Infinite Jest« gelesen, Bolaños »2666« und Littells »Die Wohlgesinnten«, und zumindest kennen wir jemanden, der sich angeblich auch den barocken Ziegelstein »L’Astrée« sowie die »Römische Octavia« komplett reingezogen hat.

    Und da nichts ohne sein Gegenteil wahr ist, kündige ich hiermit also auch gleich das Pendant und Nachfolgeprojekt zu diesem 100-Seiten-Projekt an: eine Sammlung der 1000 besten 1000-Seiten-Bücher!

    Aber jetzt erst mal das Lob des kurzen Buches. 100 Seiten Zeit hat jeder, jeden Tag aufs Neue. Los geht es übermorgen mit Klabunds »Deutscher Literaturgeschichte in einer Stunde« (1920), dann folgen die »Käse«-Novelle des herrlichen Belgiers Willem Elsschot (1933), Chamissos »Peter Schlemihl« (1813) und Nietzsches »Ecce homo« (1888). Alles Hundertseiter vom Feinsten! Mögliche nächste Testobjekte sammeln wir dann weiter hier.

    i.A. Paco
    –Consortium Feuilletonorum Insaniaeque–

     

  • Schneewuttke und die sieben Kleckslein

    Noch heute ist auf der Rio-Reiser-Homepage jener »taz«-Artikel vom 10. November 2006 nachzulesen, der rekapituliert, wie Fans im Internet wütend auf die Handelskette Media-Markt waren, weil die ein Rio-Reiser-Cover verhökerte. Das, so meinten damals die Fans, passe zusammen »wie Gummibärchen und Blutwurst«, ein Vergleich, in dem Rio Reiser wohl die Gummibärchen sein soll und der Media-Markt die Blutwurst. Als Rio Reiser nun neulich auf den Alten St.-Matthäus-Kirchhof in Berlin-Schöneberg umgebettet wurde, gelangte er in die Nachbarschaft der Gebrüder Grimm, den Aufschreibern des berühmten Wurstmärchens.

    Martin Wuttke nutzte dann kürzlich in der Wiener »Presse« die Gelegenheit, das Wurstmärchen, das er schon 1995 an der Seite von Bernhard Minetti spielte – damals allerdings war Robin Detje zufolge die Blutwurst das Berliner Ensemble und die Leberwurst die Zuschauer –, dem Haiderklon H. Che Strache vorzulesen.

    Es handelt sich also um jenes berühmte Märchen, in dem eine Blut­wurst und eine Leberwurst in Freundschaft lebten, die Blutwurst die Leberwurst zu Gast bittet, die Leberwurst ganz vergnügt zur Blutwurst in die Stube geht, dort aber auf der Stiege viele wunderliche Dinge sieht, woraufhin sie, die Leberwurst, erschrickt, von der Blutwurst aber freundlich empfangen wird, schließlich fragt die Leberwurst die Blut­wurst, was denn da im Stiegenhaus los sei, freilich stellt sich die Blutwurst der Leberwurst gegenüber taub und marschiert in die Küche, während sie, die Leberwurst, in der Stube auf und ab geht, dann kommt jemand, von dem die Gebrüder Grimm schreiben, sie wüssten nicht, wer es gewesen ist, zur Tür herein und warnt die Leberwurst, sie solle sich schleichen, also schleicht sich die Leberwurst zur Tür hinaus auf die Straße und sieht von dort aus die Blutwurst. Soweit das Märchen.

    Martin Wuttke fragt dann Strache: »Tolles Märchen, oder? Lässt sich so etwas politisch beurteilen?« Strache antwortet, dass hier der Bundeskanzler Faymann die Blutwurst sei und der Vizekanzler Pröll die Leberwurst.

    Es ist überhaupt auffällig, wie sehr schon im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts die Beschäftigung mit Würsten im Schwange war. Justinus Kerner etwa veröffentlichte 1820 die Schrift »Neue Beobachtungen über die in Württemberg so häufig vorfallenden tödtlichen Vergiftungen durch den Genuß geräucherter Wurst« und 1822 das noch bahnbrechendere Werk »Das Fettgift oder die Fettsäure und ihre Wirkung auf den thierischen Organismus, ein Beitrag des in verdorbenen Würsten giftig wirkenden Stoffes«.

    Seine »halbe Erblindung«, wie er sie selbst nannte, hat Justinus Kerner sich nach Gunter Grimm, dem Herausgeber der »Ausgewählten Werke« Kerners, wohl durch seine medizinischen Versuche über Wurstvergiftungen zugezogen. Justinus Kerner aber hat das Beste aus seinem Augenleiden gemacht und uns die genialen »Klecksographien« hinterlassen, bedichtete Tintenkleckse:

    Als ich mit Druckerschwärze heut klecksographiert‘,
    Wozu mich nur der Teufel hat verführt,
    Kam dieses Skandalum heraufspaziert.

    Usw.

  • Tolstoj besucht Auerbach!!!!!!!!!!!!!!!

    Erst neulich ist im Literaturhaus München die Ausstellung »›Ein Licht mir aufgegangen‹ – Lev Tolstoj und Deutschland« zu Ende gegangen. Es gab dort sonst selten gezeigte Videos zu sehen, die Tolstoj samt seiner Frau beim Spazierengehen im Wald zeigen, entgegen dem Ausstellungstitel allerdings nicht in einem deutschen Wald, sondern in einem russischen.

    Natürlich ist Tolstoj aber auch durch Deutschland gereist, so am 27. Juli 1860 nach Bad Schandau, wo er sich Berthold Auerbach mit den Worten vorstellte: »Ich bin Eugen Baumann.« Da Eugen Baumann eine Figur aus Auerbachs Roman »Neues Leben« ist, war das also ein ziemlich bunter Scherz, der offenbar sogar ganz gut ankam.

    Und tatsächlich folgte am 21./22. April 1861 ein weiterer Besuch Tolstojs bei Auerbach, nun allerdings nicht mehr in der Sächsischen Schweiz, sondern in Berlin, in der Potsdamer Str. 134a, also in unmittelbarer Nähe des heutigen Dönerimbisses in der Potsdamer Str. 120, der zur Freude der in der Nachbarschaft wohnenden Russen »Durak« heißt, zu deutsch ›Dummkopf‹.

    Nach seinem Besuch bei Auerbach machte Tolstoj in seinem Tagebuch eine kurze Notiz, der die Münchner Ausstellung den Titel entlehnt hat. Die Eintragung lautet: »Auerbach!!!!!!!!!!!!!!! Ein reizender Mensch! Ein Licht mir aufgegangen.«

    Der liebenswerte russische Übermut, der sich in den fünfzehn Ausrufe­zeichen hinter dem Namen ›Auerbach‹ ausdrückt, scheint allerdings den Herausgebern der deutschen Übersetzung von Tolstojs Tagebü­chern (München 1979) suspekt gewesen zu sein. Dort nämlich werden fünf der fünfzehn Ausrufezeichen einfach eliminiert. Es finden sich an dieser Stelle nur noch zehn Ausrufezeichen: »Auerbach!!!!!!!!!!« Im Original stehen allerdings eindeutig fünfzehn Ausrufezeichen: »Ауэрбах!!!!!!!!!!!!!!!«

    Ein editorisch sehr zweifelhafter Eingriff, diese radikale Reduzierung der Ausrufezeichen auf nur noch zwei Drittel ihrer ursprünglichen Anzahl. Hoffentlich gibt es bald eine verlässlichere Neuausgabe.

    Die Münchner Ausstellung war übrigens auch deshalb ein so großer Erfolg, weil quasi zur Illustration des Tolstoj’schen Waldspaziergang­videos quer über den kleinen Ausstellungsraum viele scheinbar in den Himmel wachsende, sehr schöne künstliche Birken verteilt waren. Dementsprechend lauteten etwa 70% der Bemerkungen im Gästebuch: »Schöne Birken!«
     

  • Listen-Archäologie (Teil 8): Die 17 besten Novellen von Paul Heyse

    Paul Heyse – um es kurz zu machen – hat 177 Novellen geschrieben und 1910 den Literaturnobelpreis bekommen, also schon mal nicht schlecht. Fontane wollte am liebsten gleich die ganze Nach-Goethe-Epoche mit Heyses Namen versehen (»Heysesches Zeitalter«), wurde aber von der Literaturgeschichtsschreibung brüsk ignoriert.

    Heute ist Heyse eher nicht mehr so präsent, was wie immer schade ist, aber wo soll man bei 177 Novellen, dazu noch acht Romanen und meh­reren Dutzend Dramen auch anfangen?

    Doch hier kommt Rainer Hillenbrand ins Spiel (Germanist, geb. 1962, lehrte in Cambridge und Heidelberg und ist seit 2006 an der Universi­tät Pécs). Er hat sich zumindest mal der Novellen angenommen und 1998 ein entsprechendes Kompendium veröffentlicht, 991 Seiten dick.

    Auf den letzten drei Seiten, 989–991, findet sich ein Titelregister mit allen Novellen. Das Besondere daran ist, dass einige der Titel mit einem, zwei oder drei Sternen versehen sind: »Ein Sternchen (65 mal) bedeutet gute, zwei Sternchen (21 mal) sehr gute und drei Sternchen (17 mal) herausragende Qualität.«

    Hillenbrand konzediert, dass man dieses Verfahren für »subjektiv und fragwürdig« halten mag, aber falls jemand Heyse-Empfehlungen braucht, hier sind sie, die 17 besten Heyse-Novellen aller Zeiten (in Klammern Datum der Erstveröffentlichung). Einige davon stehen auch gleich im Projekt Gutenberg bereit:

    • Andrea Delfin (1859)
    • Das Haus »Zum unglaubigen Thomas« oder Des Spirits Rache (1893)
    • Das Mädchen von Treppi (1856)
    • Der letzte Centaur (1860, überarb. 1870)
    • Die Dichterin von Carcassonne (1880)
    • Die Einsamen (1858)
    • Die Kaiserin von Spinetta (1875)
    • Die kleine Mama (1865)
    • Die Nixe (1899)
    • Die Stickerin von Treviso (1868)
    • Die Witwe von Pisa (1866)
    • F.V.R.I.A. (1885)
    • Himmlische und irdische Liebe (1885)
    • L’Arrabbiata (1854)
    • Nino und Maso (1883)
    • Siechentrost (1883)
    • Vroni (1891/92)