Autor: Paco

  • Action Replay: FAZ vs. SZ

    Claudia Leyendecker hat für ihre Dissertation über die Musikkritik in den überregionalen Feuilletons hervorragenderweise einmal für ein Jahr die Artikel in FAZ und SZ gezählt:

    FAZ vom 24. 1. 2001 – 23. 1. 2002:

    307 Ausgaben, 2.328 Feuilleton-Seiten, 9.371 Feuilleton-Artikel.

    vs.

    SZ vom 25. 1. 2001 – 24. 1. 2002:

    303 Ausgaben, 1.088 Feuilleton-Seiten, 4.964 Feuilleton-Artikel.

    C. L.: Aspekte der Musikkritik in überregionalen Tageszeitungen. Analyse von FAZ und SZ. Frankfurt/M. usw. usw. usw.: Peter Lang 2003. S. 79.

  • More or less

    Ok, habe nach der FAS dann doch noch den »Spiegel« von morgen durchgezogen. Darin steht ein schlecht geschriebener Vanity-Fair-Totalverriss auf den Seiten 96-98.

    Es ist vor allem sehr nervig, dass Markus Brauck, der eigentlich sehr gute Autor des Verrisses, ständig auf dieser »more or less«-Floskel herumreitet. Als das am Ende noch mal kam, als abgehangene Pointe, hab ich die entsprechenden Seiten Oliver-Gehrs-mäßig herausgetrennt und in die Ecke geworfen, wo auch schon der Immobilienteil der FAS herumlag.

    Newsflash: Kritik an Denglisch sprechenden Leuten ist sowas von over (hehe). ›Denglisch-Kritiker‹ ist mittlerweile ein weithin bekanntes Synonym für Warmduscher.

    So sieht’s aus.

  • Der Neue Antikriticus (Teil 1)

    Ein Hauch von altphilologischen Errata-Listen liegt in der Luft. In meinem persönlichen Lieblings-Rezensionsorgan IASLonline hat Jan Borkowski neulich

    … da wird der Autorin vorgeworfen, zu voraussetzungsreich zu sein. Begründet wird das damit, dass nicht erklärt wird, was jetzt gleich noch mal New Historicism war, warum um alles in der Welt Roland Barthes den Autor totgesagt hat und was jetzt mit Foucaults schönem Diskursbegriff ist. Die Kritik an diesen Fehlstellen wird breit ausgewalzt und begründet, ist aber völlig sinnlos.

    Entweder hat man sowieso natürlich etwas Peilung. Oder man hat in 3 Sekunden 5 Erklärungstexte gegoogelt. Das ist sogar noch besser als eine erklärende Apposition im Buch selber. Das Namedropping dieser Begrifflichkeiten als geisteswissenschaftliche Trademarks hat auch eine umgangssprachliche Qualität. Sie müssen nicht jedes Mal aufs Neue toterläutert werden. Ich will in einem Lehrbuch zur Erzähltheorie nicht erklärt bekommen, was New Historicism ist.

    Und schön ist es ja auch, wenn in Monika Fluderniks eben sehr, sehr guter »Einführung in die Erzähltheorie« jemand zum ersten oder dritten Mal was von Fou- und Bar- hören sollte.

    Das erhöht den süß-sauren Druck, endlich diese ganzen französischen Leute zu lesen.

  • Europa zwischen zwei Polen

    »Das ist schon gut«, sagte Gabriel, und wunderte sich trotzdem, dass ich ihm die FR-Headline von heute so überschwenglich unter die Nase hielt: »Europa zwischen zwei Polen«. Daneben ein Bild der kartoffeligen Kaczynski-Twins, wie sie auf der EU-Flagge herumstehen.

    »Kann man machen.« Das Ganze sähe aber nicht nach einem professionellen, outgesourcten Headliner aus, sondern eher nach einem redaktionellen Zufallstreffer, der dann stolz aufs Cover gehoben wurde. Dann legte er mir haarklein auseinander, warum das trotzdem erst Lehrlingsprosa sei.

    Eine gute Überschrift müsse nicht nur genau in beide Richtungen der Doppeldeutigkeit passen. Diese müssen natürlich auch irgendwie semantisch miteinander zu tun haben. Das fehle in der FR-Überschrift, man merke das aber nicht gleich, weil das Wortspiel einfach zu gut ist. Usw. usw. Ich verstehe da immer nur die Hälfte, vor allem, wenn er dann wieder davon spricht, wie er Überschriften »ausrechnet«, »nachrechnet« und dergleichen.

    Gabriel will trotzdem mal seinen Agenten anrufen, vielleicht weiß der, ob die Überschrift nicht doch die Gelegenheitsarbeit eines hauptberuflichen Headliners ist.

  • Oiwawoi! – Von dem Maulwerff

    Ai Weiwei: Template

    »Oiwawoi!« mag sich der chinesische Künstler Ai Weiwei gedacht haben. Das ist Hebräisch und kann – klanglich adäquat – mit »Auweia!« übersetzt werden. Gerade ist auf dem documenta-Gelände nämlich seine Open-Air-Installation »Template« in sich zusammengestürzt. Es hatte ein kurzes Unwetter gegeben.

    Die heutige Lektüre von Conrad Gesners »Thierbuch« (1606) ruft noch einen anderen möglichen Grund für den Einsturz auf den Plan. Da steht nämlich (Seite 106.b):

    »In Thessalia sol ein statt von den Schärmeusen undergraben und umbgestürtzt sein.«

    Das zugehörige Kapitel heißt »Von dem Maulwerff«, der früher noch mit der Schermaus gleichgesetzt wurde, etwa noch im Zedler.

    Warum die sternförmig aufgetürmten uralten Holztüren und Fenster in sich zusammengebrochen sind, könnte also auch eine andere Ursache haben.

  • Die Drei-Seiten-Doppel-Monstershow

    Offenbar ist heute ein besonderer Tag, nämlich: »Seit zwei Wochen der Erste Medientag ohne Walser und Grass« (Christiane Zintzen). Ich wollte mit einer Woche Verspätung endlich unbedingt noch das Interview mit den beiden in der »Zeit« von letzter Woche lesen, um da jetzt auch noch Zeuge der »Drei-Seiten-Doppel-Monstershow« (wieder CZZ) zu werden.

    Das Interview ist seit letzter Woche Thema Nummer 1 hier am Institut, aber irgendwie auch wieder nicht so richtig, denn der Dialog geht wie folgt:

    -Auch schon das Interview mit Grass & Walser gelesen?
    -Jaaaaaaa.

    Dieses raunend gehauchte Jaaaaaaa ist dann schon alles. Ich habe das Ding jetzt auch durch, kann mich aber an nichts mehr erinnern. Auf dem Flur begegne ich Millek:

    -Und, endlich gelesen?
    -Jaaaaaaa.

  • Der documenta-Hosenmann

    Der Mann mit der roten Hose und dem Regenschirm verfolgte uns streckenweise durch den Gewächshauskomplex vor der Orangerie. Hier läuft er – in sicherer Distanz – bei einem Fotografier-Domino durchs Bild:

    Der Mann mit dem Regenschirm

    Er wollte uns offenbar etwas fragen. Wir hatten aber Angst vor ihm und wollten außerdem keinerlei Dinge beantworten, sondern das Gegenteil tun, nämlich lauschen. Das Bourdieu-Projekt Des Umblätterers (»Volksmundzitate in Museen«) musste vorangetrieben werden.

    Wir konnten dem Hosenmann schließlich entfliehen, und setzten die Berichterstattung vor dem Fridericianum fort:

    Fridericianum

    Da gingen wir aber erst nicht hinein (und auch später nicht mehr), sondern bestaunten aus der Ferne das bezaubernde Siekmann-Kunstwerk, das den schönen Namen trägt »Die Exklusive. Zur Politik des ausgeschlossenen Vierten« (mehr hier):

    Siekmann

    Irgendwie trieb der Mohngeruch viel zu gewollt über den Friedrichsplatz, und dann sahen wir plötzlich den Hosenmann auf uns zukommen. Er wedelte mit seinem Regenschirm vor sich her. Wir machten kehrt und rannten davon und verließen Kassel so schnell wie möglich.

    Es war trotz allem eine schöne documenta. Neben ein paar neuen Punkten auf der Bourdieu-Skala haben wir etwas Realitätsatmosphäre mitgebracht, mit der wir nun sämtliche documenta-Artikel im Feuilleton fairerweise abgleichen können.

  • Webloggerey als Buch (»52 Wochenenden«)

    Es ist ein schönes Triptychon, das Dietmar Dath da als Vorwort für Jens Friebes Ausgehbuch »52 Wochenenden« abgeliefert hat. Der Anfangsflügel ist kurz und gleich mal sehr gut:

    Wer Jens Friebe als Musiker immer war und bleiben wird, wissen alle: Ein prima Prinz und ein extrem effizienter Kampfroboter, wobei die Betonung weder auf »Kampf« noch auf »Roboter«, sondern auf »Eichhörnchen« zu legen ist.

    Ein perfekter erster Satz, der Friebes schöne Musik gleich mal allgemeingültig beschreibt und zwar so niedlich-kryptisch, wie Friebes Texte selber sind.

    Auf der Haupttafel, die 90 Prozent der 3 Seiten Vorwort ausmacht, entscheidet sich Dath dann dafür, ein bisschen Weblog-Antipathie mit einer Goethe-Parodie zu mixen. Immerhin springt dabei das schöne 19.-Jahrhundert-Wort »Webloggerey« heraus. Die Invektiven gegen die Blogger-Szene sind dann im Stil der Kulturkritik seit mindestens Nietzsche gehalten, insofern also durchironisiert, und sie würden daher auch keinen Sturm im Blogger-Wasserglas auslösen, auch wenn sie irgendwo online stünden:

    Kaum nämlich war das Internet erfunden, durften Leute, die nicht denken, lesen oder schreiben konnten und keinerlei Persönlichkeit besaßen, einander ihre Nichtgedanken mitteilen und die dabei entstehenden Stummeltexte und Schnappquerschüsse wechselweise verlinken.

    Der Aufschrey wird also ausbleiben, und dahingeschrieben wird das ja auch nur, um das bevorwortete Werk vor allen Konkurrenzprodukten herauszuheben, eine alte, herrlich ungerechte Tradition unter Schriftgelehrten.

    Der kurze Schlussflügel bringt dann zwar keine Pointe, aber einen dreist hervorgezauberten Cliffhanger, der das Verlangen erweckt, unbedingt unmittelbar ins Buch selber weiterzublättern, als befände man sich in einem 40er-Jahre-Hitchcock und nicht in einer Sammlung von Ausgeh-Anekdoten. Denn Dath erinnert daran (hehe), dass Jens Friebe kurz vor dem Beginn seines Kolumnistendaseins,

    wie damals überall gemeldet, in einer mit Eiswasser gefüllten Regentonne blutverschmiert und ohne Gedächtnis unweit der Berliner Museumsinsel zu sich kam.

    Read on! ist das Stichwort. Hervorzuheben sind übrigens Nr. 15 (israelische Hochzeit) und Nr. 33 (›Panne-Bar‹).

  • Wozu ist man Dichter

    Sehr gut! Die »Jungle World« hat gestern im Dossier das Grünbein-Kapitel aus Steffen Jacobs‘ »Lyrik-TÜV« abgedruckt:

    »Der Götterliebling. Durs Grünbein gilt als bedeutendster deutschsprachiger Dichter. Prüft man jedoch seine Lyrik, kommt man zu einem anderen Ergebnis: pubertäre Sprachklingeleien, Bildungshuberei, verknäulte Syntax, geschwollene Rede.«

    Ein sicherer Kandidat für die 2007er Liste. Ein langer Text, der überraschenderweise mit einigen Zitaten aus Amazon-Leserrezensionen beginnt (freilich ein allzu leichtes Opfer für Kritik, aber eben auch ein Quell steter Freude, insofern okay), bevor mit schlagenden Beispielen Grünbeins Poetik recht schön zerlegt wird.

    Als ich bei Gabriel vor Jahren eines der in »Sinn und Form« abgedruckten Gedichte aus »Nach den Satiren« entdeckte, fand ich die historisierende Emphase noch ziemlich interessant: »Beim Schlachten im Zirkus, wenn die Hirnschalen krachten,« usw. Warum dieser erste Eindruck aber schnell enttäuscht wurde, beschreibt Steffen Jacobs anlässlich einiger Zeilen des Gedichts »Club of Rome«:

    »Erneut setzt Grünbein auf das einverständige Kopfnicken humanistisch vorgebildeter Menschen, denen ein paar nostalgische Reminiszenzen wichtiger sind als ein eigenständiger Gedanke. Auch sonst stört, dass den Dingen immer die nächstbeste Bildungsassoziation angeheftet wird, so als säße man im Auffrischungskurs ›Römische Geschichte I‹. Wo die Alpen sogleich an Hannibals Elefanten denken lassen, stellt sich zu Rom unweigerlich die Katakomben-Assoziation ein.«

    Das ist doch mal schön festgestellt. Ebenso gut trifft es Helmut Kraussers Anekdote mit der Gedichtmappe, die Grünbein angeblich bei Lesungen dabei hat und auf der in güldenen Lettern stehen soll: »Unveröffentlichtes«.

    Das derzeitige allgemeine Unbehagen an Poesie hat sicher auch mit der Stellung von Grünbein zu tun, dem von Gustav Seibt gekürten »Götterliebling« (hehe). Zu welchen Effekten diese Zuschreibung beim Dichter selbst geführt hat, lässt sich schön an einer der komischsten Stellen der Gegenwartsliteratur zeigen. Zitat aus Grünbeins Tagebuch »Das erste Jahr. Berliner Aufzeichnungen«. Es geht um die Geburt seiner Tochter:

    »Unvergeßlich der Augenblick, als im geöffneten Muttermund sich ein erster Ausschnitt des kleinen Schädels zeigte, mein Frohlocken beim Anblick des dunklen Kopfhaars, fein gesträhnt wie auf den Bildern des Botticelli.« (S. 131)

    Legendär ist die Bestürzung von Hellmuth Karasek über diese Passage (in der letzten LQ-Sendung am 14. 12. 2001). Botticelli. Des Botticelli. Darunter macht es Grünbein nicht mehr.

    »Wozu ist man Dichter«, stellte Iris Radisch damals belustigt fest.

  • Der drittanstrengendste Beruf der Welt

    Austin brachte mir gestern die letzten zwei Wochen der S-Zeitung. Heute fünf Stunden darin gelesen, zum Beispiel das hier:

    Andreas Bernard: BABEL 2007. In der nächsten Woche beginnt in Heiligendamm der G8-Gipfel. Mit dabei: George W. Bush, Wladimir Putin und Angela Merkel. Doch die wichtigsten Teilnehmer bleiben namenlos. Über die stille Macht der Dolmetscher. In: SZ-Magazin, 1. Juni 2007. S. 20-24.

    Diese Überschrift zieht zwangsweise eine Erwähnung von Javier Marias‘ Dolmetscher-Roman »Mein Herz so weiß« nach sich, und nach zweimaligem Umblättern wurde ich auch fündig, Seite 24, fast am Ende. Leider hat Andreas Bernard den Roman nicht gelesen. Oder es ist schon zu lange her.

    Denn er schreibt, dass Marias‘ Übersetzer Juan »weiß, dass es zumeist keine Kontrollinstanz gibt, die die Wahrhaftigkeit seiner Arbeit bezeugen könnte: Niemand außer dem Dolmetscher selbst kann beurteilen, ob die übersetzten Worte den geäußerten tatsächlich entsprechen.« Der Witz an dem Roman ist aber, dass die Co-Dolmetscherin sehr wohl versteht, was da abgeht, und erst aus dieser Situation heraus entwickelt der Roman seine beiden zentralen Figuren.

    Ok, dieser Errata-Nachtrag würde im BILDblog zu Recht unter der Stickler-Rubrik »Kurz korrigiert«, bei der spiegelkritik.de unter »Korinthe« abgehakt (usw.), und darum geht es natürlich auch mal gar nicht. Der Artikel von Andreas Bernard ist nämlich grandios: Ein Hammerthema, auch der Anlass ist plausibel (G8-Treffen), und Klaus Kinkel scheint zwar der einzige befragte Politiker zu sein, aber dafür fällt mehrmals der Begriff ›Relais-Sprache‹, und es gibt mehrere Hammersätze in dem Artikel.

    Etwa den hier, der auch gleich gerahmt wurde: »Dolmetscher arbeiten unter Bedingungen, die diesen Beruf zum drittanstrengendsten der Welt machen – nach Astronaut und Pilot für Hochgeschwindigkeitsflugzeuge.« Wer sowas auch nur überfliegt, will sofort weiterlesen. Ansonsten interessiert sich Bernard sehr für die Psychologie der Dolmetscher, die ja mit ihrem Tun danach streben, hinter den von Ihnen gedolmetschten Würdenträgern zu verschwinden.