Autor: Paco

  • Software & Erinnerung (Teil 2: Matthias Politycki und der Netscape Navigator)

    Polityckis Marietta-Roman »Ein Mann von vierzig Jahren« bietet sich auch deshalb als Erinnerungsträger an, weil bereits die Erstausgabe mit einem nachgerade historisch-kritischen Apparat aufwartet (hehe).

    Wie auch immer, das Buch ist im Jahr 2000 bei Luchterhand erschienen. Der rasante Hardware-Aufschwung, der seitdem stattgefunden hat, lässt die folgende Passage wie einen Schnipsel aus einem historisierenden Kostümfilm wirken:

    »(…) und am Ende rang er sich (…) die Mitteilung ab, daß ein Arbeitsspeicher von 8 MB heutzutage ein Witz sei, Gregor müsse dringend aufrüsten, mindestens 40 MB.«

    Gregor Schattschneiders Informant, »der« Ingo, teilt ihm auch noch mit, »daß die standardmäßig von AOL bereitgestellte Software wirklich weder java- noch sonstwie fähig war«. Und deshalb kommt es zu einer Download-Orgie, wie es sie heute einfach nicht mehr gibt:

    »Zwei Stunden und zweiundvierzig Minuten / dauerte der Download des Netscape Navigators, und weil Gregor das nach zehn Minuten nicht für möglich gehalten hatte und nach einer knappen Stunde auch nicht mehr abbrechen wollte (…), weil Gregor also um jeden Preis jetzt einen ›ordentlichen Browser‹ haben wollte, koste was wolle, saß er bis Viertel nach neun vor dem Bildschirm: Dann war er java- und überhaupt fähig für das, was kommen würde.«

    So war das damals vor 1000 Jahren. Das ist wirklich Zeitzeugenprosa, bei der das kulturelle Archiv Purzelbäume schlägt.

    Netscape 4.79Es handelte sich damals höchstwahrscheinlich um das Bundle Netscape Communicator 4.7, das man bei OldVersion.com noch downloaden kann – und installieren, hehe, siehe Screenshot.

    (Alle Zitate entstammen der Rowohlt-Taschenbuchausgabe, erschienen 2001, S. 65.)

  • Die FAS und der Stauffenberg-Film

    Wer sich heute gefragt hat, warum die FAS schon wieder einen Text zum Stauffenberg-Projekt bringt, schon wieder als Aufmacher und schon wieder von Frank Schirrmacher persönlich verfasst, und warum ihn dann auch noch »Spiegel Online« featuret, der wird endlich mal bitte mitkriegen, dass die bisherige Diskussion um den Film in fast allen Konkurrenzmedien der F-Zeitung in den Orkus des Feuilleton-Jahres gehört.

    Es wird also noch einmal deutlich, dass sich die F-Zeitung und besonders Schirrmacher das »Valkyrie«-Filmprojekt äußerst angelegentlich sein lassen. Und zwar auch deshalb, weil wieder mal niemand anderes rafft, worum es hier gehen wird. Schirrmacher wettet:

    »Dieser Film wird uns nicht nur eine Saison beschäftigen, er wird das Bild Stauffenbergs für Jahrzehnte und das historische Bild Deutschlands in vielen Ländern prägen.«

    Das kann man übertrieben finden, aber nicht als Hype abtun. Der Satz ist der vorläufige Endpunkt der differenzierenden Berichterstattung, die in den letzten Wochen in der F-Zeitung stattgefunden hat.

    Oliver Gehrs hat neulich kurz hervorgehoben, wie dankbar man dem FAZ-Herausgeber Schirrmacher dafür sein muss, dass er eben öfters vom Blattmacher-Mainstream wegdriftet, um auch mal andere Themen oder Aspekte ins Blatt zu heben.

    Natürlich hat das Feuilleton der F-Zeitung den mit Abstand meisten Platz dafür zur Verfügung. Trotzdem: Die Beleuchtung der verschiedensten Aspekte zum Stauffenberg-Film deckt all das ab, was man VOR der Fertigstellung des Films überhaupt sagen kann.

    Zunächst hat die F-Zeitung den unsäglichen Scientology-Thread gekillt, mit einem Artikel von Florian Henckel von Donnersmarck, der als Erster auf die Impact-Dimensionen eines mit Cruise besetzten Films hingewiesen hat.

    Und dann gab es noch diesen schönen Artikel von Peter Körte, der die anderen Militärrollen von Cruise rekapituliert. Das war mal ein relevanter filmgeschichtlicher Exkurs, der nebenbei verdeutlicht, woran die Leistung des Schauspielers zu messen sein wird und woran nicht.

    Heute nun leitet Schirrmacher die zweite große Wendung der Diskussion ein, indem er auf den Inhalt des Films kommt. Den natürlich noch keiner kennt.

    Schirrmacher hat also mit Tom Cruise und Bryan Singer Torte gegessen, wie auch immer, durch sein Treffen mit den beiden kann er jedenfalls ein Dialogbeispiel aus dem Film geben, einen der »ganz alltäglichen und dabei doch brillanten Dialoge«:

    »Du machst einen guten Bürokraten, Stauffenberg« – »Das ist der einzige Moment, wo ich mich erholen kann«

    Zugegeben, das ist nicht viel, und natürlich weiß niemand, welche dramaturgischen Entscheidungen Singer am Schneidetisch letztlich trifft, ob der Film doch Richtung Klischee neigt, wer historische what-so-ever Gerechtigkeit erfährt und wer vielleicht schlechter dabei wegkommt.

    Aber mit diesem einen Dialogfetzen macht Schirrmacher seinen Punkt. Wer jetzt noch mit anderen Dingen als dem Inhalt Stimmung machen will, der hat den Schuss nicht gehört.

    Übrigens ist in dem Text ein etwas wohlfeiler, aber doch auch schöner Seitenhieb auf die »Vanity Fair« enthalten. Es geht dabei um Ulf Poschardts Editorials, und wer sich fragt, wie man so eine Passage in diesen Text einbaut, ohne für wahnsinnig gehalten zu werden, der sollte ihn noch mal lesen.

  • Darf man das lesen? (Teil 8: »Mitteldeutsche Zeitung«)

    In Regionalzeitungen heißt ja das Feuilleton immer »Kultur« und ist auf eine Seite begrenzt. Wie auch immer, Die MZ hat mit Andreas Hillger und Andreas Montag mindestens zwei sehr gute Redakteure, die es schaffen, mit dem wenigen Platz, den sie auf der Kultur- und der Medien-Seite haben, Feuilleton zu machen.

    Als Beispiel dient jetzt mal die Literatur-Seite (V 4) der Wochenendbeilage »Blick« von gestern, 1. 9. 2007. Was der S- oder der F-Zeitung Stoff für eine Woche wäre, wird hier auf einer Seite abgehandelt, insgesamt 8 kürzere und längere Texte, darunter:

  • Ein Hinweis auf den Katalog zu den New Yorker und Brühler Neo-Rauch-Ausstellungen, inkl. einer Reproduktion der natürlich gut gemalten »Goldgrube«.
  • Eine schöne Rezension von Stefan Maelck zu Michael Kleebergs »Karlmann« mit einer schlagenden Inhaltsangabe: »Fünf ausführliche Episoden aus den Jahren zwischen 1985 und 1989 gliedern die Kapitel, denen man am liebsten Namen geben möchte: Liebe und Sport, Der Autohändler als Psychoanalytiker, Sex 3, Gesellschaft und feine Gesellschaften, Ende und Anfang.«
  • Eine Rezension von Oliver Seifert zum Gleba/Schumacher-Band »Pop seit 1964«, in der immerhin ein fünfzeiliges Goetz-Zitat Platz hat, der Satz mit dem »Big Sinn« aus »Subito«. Außerdem wird dem Artikel ein dpa-Foto von Rolf Dieter Brinkmann im Anzug spendiert.
  • Ein kleiner Hinweisblock zum Schawinski-Buch »Die TV-Falle«.
  • Also, das südliche Sachsen-Anhalt wird mit dieser Regionalzeitung nicht behaupten können, es wäre vom Big Sinn abgeschnitten.

  • Software & Erinnerung (Teil 1)

    »Et tout d’un coup le souvenir m’est apparu.« (Proust, Combray)

    Heute gibt es mal eine Auflistung aller möglichen open- und closed-source-Programme, die wir Umblätterer täglich verwenden. Es geht um die Versions- bzw. Build-Nummern der gerade aktuellen stable releases oder der produktiv einsetzbaren Betas, jeweils die Version, die wir bevorzugt einsetzen.

    Warum? Die verschiedenen Versionen von Programmen binden Erinnerungen. Beim Starten einer alten Programmversion wird sozusagen das Proust’sche Madeleinestückchen im Tee aufgeweicht und verbreitet das Look & Feel einer früheren Zeit.

    Der Netscape Navigator 3 riecht zum Beispiel ganz stark nach dem stickigen Rechenzentrum in den Kellern des Hörsaalgebäudes der Uni Leipzig anno 1997.

    Oder: An die Macken und Verzögerungen des Internet Explorers 6 kann sich jeder noch erinnern, die neue Version fühlt sich ganz anders an. Und dass zwischen Word 2000 und dem neuen Word 2007 Welten liegen, wird niemand bestreiten, das war ein komplett anderes Arbeiten vor 7 Jahren. Usw.

    In diesem Zusammenhang muss umbedinkt auf OldVersion.com hingewiesen werden. Dort finden sich unter dem Slogan »becausenewerisnotalwaysbetter« ältere Versionen vieler Programme.

    Wir werden das vielleicht in regelmäßigen Abständen wiederholen und dabei zuschauen, wie sich einzelne Programme entwickeln und damit unseren Habitus und unsere Kultur beeinflussen. Ceterum censeo: Software-Reviews gehören ins Feuilleton. – Here goes, Stand 1. 9. 2007:

    Browser & Aufsätze:
    Opera 9.23
    Firefox 2.0.0.6
    SeaMonkey 1.1.4
    Netscape Navigator 9.0b3
    Konqueror 3.5.7
    Safari 3.0.3 (522.15.5)
    Amaya 9.55
    Internet Explorer 7.0.5730.11
    Maxthon 2.0.3.4643

    Server/Database/CMS:
    Apache 2.2.4
    MySQL 5.0.45
    PostgreSQL 8.2.4
    MediaWiki 1.10.1
    osCommerce 2.2 RC1
    Trac 0.10.4
    WordPress 2.2.2
    Typo3 4.1.2
    Joomla 1.5 RC1

    Clients:
    WinSCP 4.0.3
    FileZilla 3.0.0 RC3
    FireFTP 0.98
    Trillian 3.1.7.0
    mIRC 6.3
    RapidSVN 0.9.4 (Subversion 1.4.2)
    floAt’s Mobile Agent 2.1.4.0.R243

    Media Players:
    VLC media player 0.8.6c
    Media Player Classic 6.4.9.0
    BSplayer 1.37 (letzte freie Version, immer noch gut)
    Songbird 0.2.5
    Amarok 1.4.6
    foobar2000 0.9.4.4
    Winamp 5.35 (einige bevorzugen allerdings 2.91)

    Editoren/Word Processors:
    OpenOffice 2.2.1
    XMLmind 3.6.1
    Notepad++ 4.2.2
    UltraEdit 13.10a
    Kate 2.5.4
    XEmacs 21.4.19 (ja, ich weiß, .20 ist schon seit MONATEN draußen)
    joe 3.5

    Coding/Database:
    Perl 5.8.8
    PHP 5.2.4
    GCC 4.2.1
    Ruby 1.8.6
    Ruby on Rails 1.2.3
    JDK 6 Update 2

    Gfx/Pics/Print:
    Photoshop CS3
    GIMP 2.2.17
    IrfanView 4.00g
    Picasa 2.7.0
    ImageMagick 6.3.5-6
    Ghostscript 8.60

    Edu:
    LingoPad 2.5.1 (325)
    Google Earth 4.2.0181.2634

    Distros:
    Kubuntu 7.04
    OpenSUSE 10.2
    Slackware 12.0

    Desktop/Command Line:
    KDE 3.5.7
    Beagle 0.2.18
    Bash 3.2.17
    Konsole 1.6.6
    grep 2.5.1
    sed 4.1.5-1
    awk (mawk 1.3.3-11)
    apt 0.6.46
    dpkg 1.13.24

  • »Stalingrad-Saufen«, Counter-Strike, Sarkozy

    Bevor morgen die neue Ausgabe erscheint, hier ein kleiner Rundown der letzten »Vanity Fair«-Ausgabe, Nr. 35 vom 23. August 2007. Darin mindestens 3 Hammerartikel, die mein Urteil von gestern bestätigen.

    Passend zur Games Convention, die für mich in diesem Jahr ja ausfiel, gab es einen Bericht von Andreas Rosenfelder über die Counter-Strike-Szene (»Die Waffen der Frauen«, S. 88-95).

    Nun ist jeder Artikel besser und seriöser als der total noob-Artikel in der F-Zeitung von letztem Mittwoch. Und glücklicherweise merkt man schon an Rosenfelders Schreibduktus, dass hier nicht der nächste pseudojournalistische Bedenkenträgerartikel kommt. Der »Verachtung der ohne DSL-Flatrate aufgewachsenen Generationen« stellt er ein paar verständnisheischende Worte entgegen:

    »Dabei ist Counter-Strike eine ganz nüchterne Angelegenheit (…). Tatsächlich folgt das Spiel einem so strengen Regelwerk, dass wohl selbst ein Sepp Herberger seine helle Freude daran gehabt hätte.« (S. 92)

    Sepp Herberger – na ja, okay. Jedenfalls begleitet der Autor zwei Mädchenclans bei ihrem Headshot-Hobby, und das ist doch mal eine gute Idee, um die eingefahrenen Wege der CS-Berichterstattung zu verlassen.

    Ansonsten gab es noch diesen Artikel mit dem »Stalingrad-Saufen«: Der Salem-Bericht von Friedrich von Trotha (S. 54-59) will Arbeit am Mythos sein, aber mehr als die Geschichte mit den Wehrmachtsuniformen (auf S. 55) wird davon wohl nicht bleiben, hehe.

    Dann muss umbedinkt noch der Artikel von Martina Meister erwähnt werden, »100 Tage Raserei« heißt er und handelt von Sarkozy und seinem »naturgewaltigen« Regierungsantritt (S. 74-81).

    Das ist inhaltlich und stilistisch eine absolut »Spiegel«-würdige Story. In den Bildbeschreibungen wird auch mal nicht verzeichnet, welcher Herrenausstatter jetzt für welchen getragenen Anzug verantwortlich ist, und das kann der kritischen Haltung des Textes nur dienlich sein (hehe).

    Die Sarkozy-Auslandsberichterstattung ist ja auch deshalb so wichtig, weil in den französischen Leitmedien gern mal Dinge weggelassen werden, ob das jetzt der Schwips beim G8-Gipfel ist oder eine »rouleau de gras«.

    Ach ja, im »Kultur«-Teil fragt Adriano Sack endlich einmal nach, wie »Irene Dische« nun eigentlich ausgesprochen wird. Die Antwort ist dann unpräzise, aber man kann sich im Zweifelsfall darauf berufen. Man könne den Nachnamen der Autorin aussprechen »wie man will: Dische, Disky, Dish« (S. 130).

  • Darf man das lesen? (Teil 7: »Vanity Fair«)

    Man will ja die deutschsprachige »Vanity Fair« schon wegen einiger ihrer Kritiker gut finden. Wer aber auch nur halbwegs mit dem konform geht, was Vargas Llosa neulich in »El País« (und etwas später auch in der S-Zeitung) geschrieben hat, wird die VF nicht lesen dürfen. Darin wird nun mal genau das Entertainment (als Gegenteil von Information, Meinung, Kritik) geliefert, das der zornige Autor anprangert. Aber langsam, erst mal die Basics:

    Jede VF-Ausgabe besteht aus den 4 Teilen »Leute«, »Agenda«, »Kultur« und »Stil«. Den ersten Teil, den ganzen »Leute«-Kappes und Jetset-Ennui sollte man gleich übergehen, eine Rubrik wie »Die Partys der Woche« ist nicht mehr als der Vorhof zur »Was macht eigentlich …«-Hölle. Auf den vielen zerhäckselten Seiten mit Fotos und irgendwelchen Ein-Satz-Zitaten von Schauspielerinnen kann man sich auch nicht lange aufhalten, da hat naturgemäß kein Gedanke Platz.

    Die IN&OUT-Doppelseite ist übrigens die Hochform dieser Häckselkunst. Dort gibt es ganz rechts außen immerhin einen Pressespiegel, in dem auch mal ein »Merkur«-Artikel erwähnt wird (Nr. 29, S. 15!) – an solchen versteckten Stellen wird deutlich, dass eben Ulf Poschardt Chefredakteur ist und nicht Hinz oder Kunz.

    Trotzdem werden die wenigen Feuilleton-Themen, die sich die VF leistet, mitunter extrem boulevardisiert, siehe die Botho-Strauß-Homestory von neulich. Das sind dann oft die im falschen Stil verfassten Texte zum falschen Thema im falschen Medium. Es gibt dann aber doch genügend Ausnahmen, etwa Rainald Goetz‘ Bericht über Peter Steins »Wallenstein«.

    Und damit zum Schluss noch das Gute und die Beantwortung der obigen Frage mit »ja«: Die Storys, bei denen der Text auch mal länger ist als eine Seite, sind ein guter Grund dafür, regelmäßiger »Vanity Fair« zu lesen – etwa die Übersetzung des VF-Original-Artikels von Todd Purdum über die »84«, die Bushs, die US-Präsidenten Nr. 41+43 (Nr. 28 vom 5. 7. 2007).

    Die VF hat mit ihrem »Kultur«-Chef Volker Corsten, mit Robin Alexander und Andreas Rosenfelder ein paar sehr gute Feuilletonisten dabei. Bei Ingeborg Harms werden sogar einige (leider nicht alle) der Society-Porträts zum interessanten Gegenstand, z. B. das über den römischen Designer (in der VF heißt das freilich durchgehend »Couturier«, hehe) Valentino Garavani – 10 Seiten Fotos und immerhin 2 Seiten Text.

    Und Rosenfelders Artikel über die Witwe von Hunter S. Thompson behandelt zwar nicht gerade ein Top-notch-Thema, wäre aber so auch in der »SZ am Wochenende« oder der FAS denkbar. Und der herrliche Artikel von Robin Alexander, der den Bundespräsidenten auf den Balkan begleitet hat (Nr. 29, S. 74-79), könnte genauso gut auch auf der »Seite 3« der S-Zeitung stehen.

  • Sonntag: Ablaufdiagramm

    -Welchen Teil liest du zuerst? Feuilleton?
    -Nein.
    -Politik?
    -Nein.
    -Gesellschaft? Wirtschaft?
    -Nein. Geld & Mehr.
    -Nee, echt?
    -Und du?
    -Wissenschaft.

  • Die große Oliver-Gehrs-Nacht

    Fast kein Mensch kennt WatchBerlin, und wer das da ist und was die da machen, scheint auch noch so ein Geheimnis zu sein, obwohl die Karten gut erkennbar auf dem Tisch liegen. Es ist mit Sicherheit kein neues 08/15-Videoportal nach dem youtube-sevenload-myvideo-Schema.

    Die dort redaktionell betreuten Videoblogger sind die zurzeit besten Videoblogger around, das kann man ganz ohne Übertreibung mal hier hinschreiben, die Mischung ist rund und spicy, auch ein paar Duschbeutel sind dabei, aber die gehen schön unter.

    Von Henryk M. Broder erscheint leider viel zu selten etwas Neues. Wenn man Harald Martenstein zuhört, weiß man endlich, dass man seine fetzigen Kolumnen langsam und bedächtig lesen muss, so wie er selber eben spricht, wenn er in seiner Küche vor der WatchBerlin-Kamera spricht.

    Volker Weidermann bereitet sich in seiner schönen Videokolumne »Book.Book« hoffentlich auf Einsätze im Fernsehen vor, er wäre eine schöne Bereicherung zu den mittlerweile fast einzigen Buchmenschen im deutschen TV, Thea Dorn, Elke Heidenreich und Denis Scheck.

    Und dann ist da noch die Rubrik »Blattschuss!«, in der Oliver Gehrs seit dem 30. April jeden Montag den neuen »Spiegel« kurz bespricht. Das ist so gut und so unterhaltsam, dass es im Prinzip auch ohne Kenntnis des kritisierten Gegenstands funktioniert.

    Die 16 bisher geuploadeten Folgen ergeben bei einer durchschnittlichen Länge von 3 bis 5 Minuten einen kürzeren Spielfilm, und daher haben wir gestern Abend »Die große Oliver-Gehrs-Nacht« veranstaltet, im Bunkerkino im zweiten Stock.

    Die Mädels waren hin und weg. Und das wöchentliche Verschwinden und Wiederauftauchen des Gehrs’schen 7-Tage-Barts war vielen schon Schauwert genug.

    Das Kunststück von Gehrs ist es, immer grundsympathisch zu bleiben, obwohl er ja zuweilen recht beckmesserisch über das beste Magazin der Welt (so weit kann man immer mal wieder gehen) räsonniert, während die Handkamera um ihn herumtänzelt. Das könnte pedantisch bzw. total bescheuert wirken, tut es aber nicht.

    Das Tolle ist ja, dass man sich über den »Spiegel« anders aufregt, als etwa über die »Bild«. Da haben Bezeichnungen wie »bodenlose Dämlichkeit« und »reinster Schrott«, die aus dem aktuellen Beitrag über die Titelstory »Europas coole Städte« stammen, noch eine unterscheidende Aussagekraft.

    Gehrs lobt nämlich auch, meist zurecht, und dann plauzt eine »Spiegel«-Begeisterung aus ihm heraus, die jeder langjährige Leser kennt und die sofort ansteckt und besser wirkt als jeder Werbespot und jeder Titelbild-Aufsteller.

    Trotz einiger Resonanz in der Blogosphäre – ganz vorn in der Gehrs-Berichterstattung liegt übrigens der popkulturjunkie Jens Schröder – fallen die Klickzahlen unverständlicherweise eher gering aus (immer so knapp oder auch mal etwas deutlicher über 1000). Immerhin habe ich im Institut schon mehrfach den Gehrs-Begrüßungstext »Hallo, liebe Zielgruppe« gehört, die Popularisierung schreitet also voran.

  • Hans Neuenfels trifft Richard Wagner – häää?

    +++ Bevor morgen die neue Ausgabe erscheint +++ Neues von Neuenfels in der letzten »Zeit« +++ Vollkommene Ratlosigkeit beim Leser +++ Wer Wie Was? +++ Die Meldung im Einzelnen:

    Es war der Aufmacher des Feuilletons (S. 35 und 36). Der Opernregisseur Hans Neuenfels ist endlich mal in Bayreuth gewesen und schildert nun zunächst mal sehr schön die Reise dorthin.

    Schilderungen von Zugfahrten sind immer interessant, so etwas will jeder lesen. Irgendwann kommt aber jeder Zug an, und der Regisseur ist also mittlerweile in Bayreuth und wir mit ihm im Festspielhaus. So weit, so gut.

    »Wagner ist unter uns« lautet die (wie sich später herausstellt: irgendwie programmatisch gemeinte) Überschrift des »Zeit«-Textes. Jedenfalls wird Neuenfels beim Nachdenken über Wagner & Bayreuth kurz unterbrochen:

    »In der zweiten Pause sollte ich mich im Konferenzzimmer einfinden, wurde mir von einem jungen Mann mitgeteilt. Oder war es ein Knappe?«

    Mit dem Wort ›Knappe‹ wechselt der Text schon hinüber in eine irgendwie historisierende Fantastik inklusive Ironie, und tatsächlich, »dann öffnete sich die Tür, und der Meister, er, Richard Wagner war da«.

    Neuenfels unterhält sich ein wenig mit Wagner und … Moment, häää? … ich erschrak immer mehr, Neuenfels sieht Zombies im taubtrüben Ginst am Musenhain! Und die »Zeit« druckt es ab!

    Bestürzung machte sich breit hinsichtlich dieses brachialen Literarisierungsversuchs. Gibt es eine Goldene Himbeere für die ausgedachteste Fiktion aller Zeiten? Die Bestürzung wich der Ratlosigkeit, ich blätterte um und um und um, bis die »Zeit« zuende war.

    Hinterher wandelte sich meine Meinung ein wenig, ich hatte folgenden anerkennenden Gedanken: Da macht der das einfach mal! Sich ein Gepräch mit Richard Wagner ausdenken und dort alles reinpacken, was er vielleicht zu sagen hat.

    Ich höre schon Austins »gaaanz schlecht«, und er hätte ja Recht damit. Trotzdem sind solche Brechertexte, also Texte im Feuilleton, die da eigentlich nicht reingehören und die Leseroutine kaputtbrechen, immer mal wieder schön, allerdings natürlich nur im Nachhinein.

    Ich werde den Artikel aber nicht weiter erwähnen, sonst werde ich wieder gedisst wie damals, als ich Marcus Jauers Wowereit-Tagebuch gut fand.

  • Ein Meisterwerk der Überschriftenkunst

    Im »ZEITmagazin LEBEN« vom letzten Donnerstag gab es eine Seite über die offiziellen Slogans der Bundesländer. Der berüchtigte Baden-Württemberg-Slogan war natürlich auch mit dabei:

    »Wir können alles. Außer Hochdeutsch.«

    Die »Zeit«-Leute kommentierten: »Den Spruch dachte sich die Agentur Scholz & Friends aus und bot ihn zunächst Sachsen an, das ihn nicht wollte«. So weit, so anekdotig und so lustig. Der Slogan erinnerte mich aber an eine andere Sache:

    In den internen Release Charts der Headliner-Szene war in diesem Jahr eine Überschrift besonders lange oben. Die stammte aus der »taz«, was ab und zu vorkommt, denn für die »tageszeitung« arbeiten die Pro-Headlinerz von morgen.

    Trotzdem war Gabriel in – für seine Verhältnisse – heller Aufregung, als er in der Ausgabe vom 16. April den genialen Titel zu dem Aufmacher las, der von Oettingers fehlgriffiger Filbinger-Rede berichtete:

    »Ich kann alles. Außer Geschichte«

    Gabriel fiel der sprichwörtliche Döner aus der Hand. Ein Meisterwerk sei das. Das sehe nicht nach Redaktionsarbeit aus.

    Ich sage bei solchen Feststellungen zwar immer: Da kann doch jeder mal drauf kommen, da kann doch mal ein Kreativblitz in die unterbesetzte Redaktion reinsegeln usw.

    Aber Gabi entgegnet dann, dass das nicht geht, dass man sowas nicht zufällig hinbekommt, dass eine gut gemachte Überschrift aus mehr besteht als aus einer Haha-Pointe, dass sie vielschichtig ist, dass sie mehr sagt, als der Artikel darunter und den Artikel im Prinzip überflüssig macht usw. usw.

    In der Jubiläumsausgabe der »Jungle World« neulich hat Thomas Blum davon erzählt, wie in der dortigen Redaktion die Titel-Schlagzeilen entstehen, nämlich beim haltlosen Brainstormen mit dem Layouter (Gabriel kopfschüttelnd: »Mit dem Layouter!«).

    Blum konzediert dann, dass sie auf diese Art und Weise »hie und da auch übers Ziel hinaus … hmm … geschossen« seien, und das sei auch kein Wunder, meinte Gabi: »So arbeitet man nicht.«

    Wenigstens lachte er danach ein wenig, und ich weiß auch, dass er die neue »Jungle World« immer am Ersterscheinungstag durchsieht, wohl irgendwie fasziniert von den Kraut-und-Rüben-Betitelungen der Dschungelkrieger.