Sehr geehrte Damen und Herren,in den letzten Tagen ist in der Presse über die Gewinnerin des diesjährigen Eurovision Song Contests berichtet worden. Das Thema ist auch für unser Forschungsgebiet einschlägig. Der Name der Dame lautet ›Conchita Wurst‹. Bei ›Conchita‹ handelt es sich um die Koseform des spanischen Vornamens Concepción, der auf die unbefleckte Empfängnis der Jungfrau Maria Bezug nimmt, und nicht – wie auch in der sogenannten Qualitätspresse vielfach behauptet – um ein Diminutiv des spanischen Wortes ›concha‹ (Muschel). In seiner Verkleinerungsform ist ›conchita‹ vor allem in südamerikanischen Gefilden als Kraftwort für die weibliche Vagina in mancher Munde, und Wurst und Vagina haben mit unbefleckter Empfängnis schlechthin gar nichts zu schaffen.
Im übrigen ist es lächerlich, sich über von Nahrungsmitteln abgeleitete Namen lustig zu machen. Ich erinnere mich, im Jahr 1988 auf einer Busreise nach Barcelona einen Schweizer mit dem Namen Franz Käse getroffen zu haben. Es hat seinem Erfolg bei den Frauen nicht geschadet! Auch in der Fachliteratur begegneten mir immer wieder Träger nahrhafter Namen, deren wissenschaftliche Leistungen über allen Zweifel erhaben sind. Als Beispiel seien hier nur die Historikerin Brygida Kürbis (1921–2001) und der Philologe Hartmut Erbse (1915–2004) erwähnt, die auch gemeinsam publizierten.
Mit freundlichen Grüssen
Autor: Maltus
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Wurstologia
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Segeln
Letzte Nacht von Helmut Schmidt geträumt. Er war schlank, stand (!) am Tisch und erzählte dem Kollegen Thomas Bärnthaler und mir gestenreich Geschichten. Dazwischen sein schallendes, löwenhaftes Lachen, das Gerhard Schröder ja immer nur kopiert und dann ein Wolfsgrinsen daraus gemacht hat. Ich schaute ihn verwundert an, und Schmidt sprach mit energischer Stimme: »Ich war nur krank und musste eine Zeit lang im Rollstuhl sitzen, jetzt geht’s mir wieder gut.« Dann ging er zum Segeln auf die Alster.
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Die großen Fritz-J.-Raddatz-Festwochen (Tag 21): »Günter Grass. Unerbittliche Freunde« (2002)
(= 100-Seiten-Bücher – Teil 100)

(Vorwort zur Festwoche hier. Inhaltsübersicht hier.)
Wieder einmal habe ich es nicht geschafft, frühmorgens das Hamburger Holthusenbad zu besuchen, um dort im Außenbecken Fritz J. Raddatz seine Kreise ziehen zu sehen. Klar, in einem Bad soll man Linien ziehen, sonst fängt man sich von deutschen Bademeisterinnen und ‑meistern, die darin viel mit deutschen Literaturkritikern und ‑kritikerinnen gemein haben, schnell einen Rüffel ein.
Im Vergleich jedenfalls zu den ganzen Leichtmatrosen im Außenbecken des Literaturbetriebs entspricht der Jahrhundertfeuilletonist FJR mit seinem mächtigen Bart einem Walfisch, der die See nach Krill durchsiebt und nur ab und zu noch einmal an die Wasseroberfläche steigt, um dort die gelangweilten Passagiere von Kreuzfahrtschiffen mit seinen lustigen Sprüngen zu erheitern.
Womit wir beim einzigen Thema wären, das Raddatz und Günter Grass noch verbindet: Beide sind jahrzehntelange Bartträger. Das war’s dann aber auch schon. Sie waren mal »unerbittliche Freunde«, so der schöne Untertitel, den Raddatz für seine schmale Sammlung von Texten zu Grass gefunden hat. Eine lebenslange literarische Liebe und doch, wie soll es im Literaturbetrieb anders sein, immer von Verletzlichkeiten hier, Eitelkeiten da gebrochen.
Am Ende des 2002 bei Arche erschienenen Bändchens scheint noch Hoffnung, da druckt Raddatz zwei Briefe ab: Im ersten beschwert er sich bei Grass, der ihn aus dem Hinterhalt in einem Interview als »rechtsgebeugt« (S. 137) bezeichnet habe. Raddatz tief verletzt. Grass antwortet, sich keiner Schuld bewusst. Schuld sei der Journalist. Nie käme er auf die Idee, den lieben Fritz unter dem Sammelbegriff ›rechtsgebeugt‹ in die Gesellschaft von Botho Strauß zu bringen. »Und doch bleibt am Ende ein Rest, für den ich mich nicht entschuldigen und den ich nicht erklären kann« (S. 141).
Es waren Raddatz‘ später erschienene Tagebücher, diese champagnertrunkenen Sudelbücher aus dem Literaturbetrieb, die Grass endgültig vergrätzten. Als ich ihn vor einigen Monaten interviewte, sprach er bereitwillig über alles. Nur Raddatz war ihm am Ende keine Silbe wert, der musste rausgestrichen werden.
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Impossibile!
An der Via del Corso in Rom liegt der Nuovo Circolo degli Scacchi, ein Herrenclub, der – hätte es ihn damals schon gegeben – Johann Wolfgang komfortableren Unterschlupf geboten hätte als die Casa di Goethe direkt gegenüber. Vespa in der Nebenstraße geparkt, Krawatte umgebunden und rauf die Marmortreppe.
Gegründet wurde der Club von römischen Aristokraten, Geschäftsleuten und Intellektuellen im Jahr 1872, logiert aber erst seit rund 20 Jahren im Palazzo Rondinini an der Via del Corso. Dort hätte Sig. Goethe zwar keiner schönen Römerin die Hexameter mit fingernder Hand auf den Rücken zählen können – es ist ein reiner Herrenclub. Als Kunstkenner und Antikeliebhaber wäre er aber auf seine Kosten gekommen, denn die Rondinini-Sippe plünderte im 17. und 18. Jahrhundert Roms Ruinen und putzte den Palast mit jeder Menge antikem Marmor auf. Angeblich soll sich hier das halbe Forum Romanum angesammelt haben, in Form von Friesen, Deckenputz und Marmorböden. Darin eingelegt findet man immer wieder steinerne Schwalben, das Symbol der Rondinini-Familie. Im Innenhof gibt es die einzige 6-Stunden-Uhr Roms, die Papst Pius IX. überlebt hat.
In der Bibliothek dann komme ich mit einem Herrn aus Pisa ins Gespräch, der sich nach dem Kindle erkundigt, das wir hier reingeschmuggelt haben. Eine halbe Stunde später sitzen wir an der Bar und trinken einen Mittagsmartini im Kreis von Personen, die aus einem Roman von Lampedusa stammen. Die Zeit steht still, alles scheint möglich. Nur eins nicht: der Gast, der in Jeans Einlass begehrt, erntet ein mitleidiges Stirnrunzeln des Portiers: »Impossibile!«
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McCartney 70
Im SZ-Feuilleton vom Wochenende bezeichnet Jens-Christian Rabe den Ex-Beatle Paul McCartney als »einen der seltenen Stars, die würdevoll alt werden, weil sie wissen, dass sie ein Erbe verwalten, das längst viel größer ist als sie selbst«. Es ist ja immer unfair gewesen, seinen Weggefährten John Lennon gegen ihn auszuspielen. Lennon der coole Revoluzzer, McCartney der Softie mit den weichen Melodien. Lennon bewahrte die Gnade des frühen Todes vor den Rufschäden des Rockstar-Rentnertums.
Vor drei Jahren besuchte ich in Hamburg ein Konzert. Der Beginn war für 20 Uhr angekündigt, aber in der Zeitung stand schon, daß es erst um 21 Uhr losgehen würde. Das hatten wohl nicht alle gelesen, denn als er um 21 Uhr auf die Bühne kam, wurde der verdutzte Macca erstmal reichlich unhanseatisch mit Buhrufen und Pfiffen begrüßt. Doch zum Fremdschämen blieb schon deshalb keine Zeit, weil McCartney die Pfiffe großzügig ignorierte, »Hummel Hummel, Mors Mors« in die Halle rief und dann den Leuten in einer dreistündigen Show alles gab, was sie wollten.
Und als McCartney seine alten Hits sang, war das genau so, wie Rabe es am Wochenende in der SZ beschrieb: nicht als schlaffe Reminiszenz an vergangene Größe, sondern: »Sir Paul McCartney grinst kurz – und dann singt er den Song so ernsthaft, akkurat, brillant, frisch und groß wie die schönsten Erinnerungen, die man mit der halben Welt teilt, bitte sehr zu sein haben: Naa – na, na, na-na-na-naaa – na-na-na-naaa – hey Jude!«
Das letzte Mal habe ich »Hey Jude« in Nordkorea gehört. Man führte mich in die Große Studienhalle des Volkes in Pjöngjang, in einen Raum mit lauter Ghettoblastern. Dann drückte einer der Nordkoreaner auf »Play« und alle sangen mit: »And anytime you feel the pain, hey Jude, refrain, / Don’t carry the world upon your shoulders«. Er gehört tatsächlich der ganzen Welt.
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Hadesfahrt im Verkehrsverbund
U-Bahn-Verspätung am Südring, Schneegestöber und der eigentlich herrliche Spaziergang durch den Kadettenweg zum Bundesarchiv wird zur Matschsafari. Da muss man einfach mal an T. S. Eliot denken, den notorischen U-Bahn-Hasser und Lyriker Londoner Straßenschmutzes.
Wenn die Lektüre der Werke Peter Handkes, wie Sibylle Lewitscharoff das gerade so schön ausgedrückt hat, einem das Gefühl verleiht, als würde man »mit Stifter auf ein Autobahndreieck schauen«, dann guckt man bei Eliot mit John Donne in den Orkus des London Underground. Eine New Yorker Zeitung nannte sein geniales Gemisch aus Hadesfahrt und ÖPNV nicht umsonst »Subway Metaphysics«.
Aber das hebe ich mir für den nächsten S-Bahn-Streik in Berlin auf. Stattdessen ein paar andere Zeilen dieses lyrischen Straßenkehrers mit Stehkragen, die mir heute im Matsch durch den Kopf gingen und die nassen Füße fast vergessen ließen:
The winter evening settles down
With smells of steaks in passageways.
Six o’clock.
The burnt-out ends of smoky days.
And now a gusty shower wraps
The grimy scraps
Of withered leaves about your feet
And newspapers from vacant lots;
The showers beat
On broken blinds and chimney-pots,
And at the corner of the street
A lonely cab-horse steams and stamps.
And then the lighting of the lamps.— T. S. Eliot, Preludes



