Autor: Josik

  • 100-Seiten-Bücher – Teil 177 Annie Ernaux: »La Place« (1983)

    Von Annie Ernaux’ Bestseller »Der Platz« sind in der Münchner Stadtbibliothek zehn Exemplare vorhanden, doch alle sind ununterbrochen ausgeliehen und vorgemerkt. Ich wollte aber gerne mal was von Annie Ernaux lesen, also bestellte ich mir einfach irgend eine andere Hundertseiterin von ihr, »Das bessere Leben«, why not. Davon gibt es in der Münchner Stadtbibliothek genau 1 Exemplar, und das kann man jederzeit ausleihen, denn dafür interessiert sich keine Sau.

    Aber kaum hatte ich »Das bessere Leben« in der Hand, fiel mir auf Wegen, die ich hiermit gerne geheim halten möchte, plötzlich das »Platz«-Buch in die Hände. Und wie big war mein Erstaunen, als ich feststellte, dass »Das bessere Leben« und »Der Platz« eigentlich genau das gleiche Buch ist! Nur eben einmal in der Übersetzung von 1986 und einmal in der Neuübersetzung von 2019 (dass 1986 der recht einfache Titel des französischen Originals, »La Place«, im Deutschen mit »Das bessere Leben« wiedergegeben wurde, damit konnte ja nun wirklich niemand rechnen).

    Ein Vergleich zeigt aber, dass es, obwohl es das gleiche Buch ist, eigentlich zwei völlig verschiedene Bücher sind. Gleich am Anfang, im zweiten Satz, begegnet uns ein Teppich, der 1986 »samtfarben« war. Es ist klar, dass ein Teppich im Laufe von 33 Jahren etwas ausbleicht, 2019 jedenfalls ist er dann nur noch »sandfarben«.

    Die Seite 15 und die Seite 21 sind in beiden Ausgaben besonders interessant. 2019: »Die Ehefrau eines Unternehmers aus der Nachbarschaft wurde abgewiesen, weil er sie nicht hatte ausstehen können, sie und ihre blasierte Art.« Das klang 1986 noch ganz anders: »Die Gattin eines nachbarlichen Unternehmers wurde abgewiesen, da er sie zu seinen Lebzeiten nie hatte leiden können, sie mit ihrem Hühnerhintern-Mund.« Äußerst bedauerlich ist, dass die Humorfrequenz zwischen 1986 und 2019 signifikant abgenommen hat. 2019: »Seine Frau hatte nichts zu lachen.« 1986: »Seine Frau lachte nicht jeden Tag

    1986 war auch noch die Rede vom »Getränkefahrer« (S. 74). Das ist eine Berufsbezeichnung, die schon Anfang 2019 natürlich niemand mehr verstanden hat. Da hieß es dann: »Spirituosenvertreter« (S. 64). In den Rezensionen wurde mitunter so getan, als ob »Der Platz« besser wäre als »Das bessere Leben«. Von den beiden hier vorgestellten Büchern, die ich in der Hand hatte, empfehle ich allerdings eindeutig »Das bessere Leben«, und zwar aus folgendem Grund. In jenem »Platz«-Exemplar, das den Weg zu mir fand, sieht, wenn man das Buch aufschlägt, das Vorsatzblatt so aus:

    Vorsatzblatt

    Hingegen in dem Exemplar des Buches »Das bessere Leben«, das in der Münchner Stadtbibliothek vorrätig ist, sieht, wenn man das Buch aufschlägt, das Vorsatzblatt so aus:

    Vorsatzblatt


    Länge des Buches: ca. 120.000 Zeichen (dt.). – Ausgaben:

    Annie Ernaux: Das bessere Leben. Erzählung. Aus dem Französischen von Barbara Scriba-Sethe. Gütersloh: C. Bertelsmann Verlag 1986. S. 3–111 (= 109 Textseiten).

    Annie Ernaux: Der Platz. Aus dem Französischen von Sonja Finck. Frankfurt/M.: Suhrkamp Verlag 2019. S. 5–95 (= 91 Textseiten).

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  • 100-Seiten-Bücher – Teil 176 Colette: »Mitsou« (1919)

    Nicht auf der vierten Umschlagseite, sondern direkt auf dem Cover meiner alten Ausgabe von Colettes Roman »Mitsou« ist in riesigen Lettern ein Blurb des Kritikers Stefan Großmann abgedruckt, der dort Marcel Proust zitiert. Aber vielleicht gerade weil der Blurb so riesenhaft ist, habe ich ihn zuerst nur sehr flüchtig gelesen, jedenfalls begann ich die Lektüre dieses Romans in der Annahme, Stefan Großmann habe gesagt, dass Marcel Proust gesagt hat, er habe über Mitsous Briefe Tränen gelacht.

    Als ich dieses entzückende Buch schließlich zu Ende gelesen hatte, musste ich konstatieren, dass ich während der Lektüre von Mitsous Briefen zwar die ganze Zeit über still vor mich hingelächelt, aber gewiss nicht Tränen gelacht hatte. Da ich mir überhaupt nicht erklären konnte, warum Marcel Proust und ich derart unterschiedlich auf dieses Buch reagierten, las ich den Blurb noch einmal, nun nicht mehr flüchtig, sondern ganz konzentriert, und da traf mich mein fataler Lesefehler wie ein Schlag in die Magengrube. Denn in Wirklichkeit stand da natürlich: »Marcel Proust hat gesagt, er habe heiße Tränen über Mitsous Briefe geweint«.

    Länge des Buches: ca. 150.000 Zeichen (dt.). – Ausgaben:

    Colette: Mitsou. Roman. Hamburg/Wien: Paul Zsolnay Verlag 1958. S. 3–134 (= 132 Textseiten).

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  • 100-Seiten-Bücher – Teil 175 Ghada Samman: »Mit dem Taxi nach Beirut« (1974)

    Fünf zufällige Fahrgäste fahren im Sammeltaxi von Damaskus nach Beirut und reden praktisch kein Wort miteinander, aber so unterschiedlich ihre Lebensgeschichten dann auch weitergehen – packend, explizit, brutal –, sie streifen sich doch. Besonders Yasmina ist eine starke Figur, und so könnten wir die fünf jetzt alle einzeln durchgehen, na, verweilen wir vielleicht noch ganz kurz bei Mustafa, der grade dabei ist, Fischer zu werden: »Aber stand er nun auf der Seite der Fischer oder auf der Seite der Fische?« (S. 30) Holy moley! Eine vergleichbar unerwartete Frage hat mir vor vielen Jahren eine Arbeitskollegin gestellt, mit der ich mich über »Tom und Jerry« unterhalten habe. Sie fragte mich: »Warst du als Kind auf der Seite von Tom oder auf der Seite von Jerry?« Ich war daraufhin mehrere Minuten lang völlig perplex und sprachlos, da ich bis zu diesem Zeitpunkt niemals, wirklich never ever, auch überhaupt nur auf die Idee gekommen war, dass man auf der Seite von Tom sein könnte!

    Länge des Buches: ca. 180.000 Zeichen (dt.). – Ausgaben:

    Ghada Samman: Mit dem Taxi nach Beirut. Roman. Aus dem Arabischen übertragen und mit einem Nachwort versehen von Suleman Taufiq. München: dtv 1993. S. 3–98 (= 96 Textseiten).

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  • 100-Seiten-Bücher – Teil 174 Hedwig Dohm: »Werde, die du bist« (1894)

    Es ist kaum zu glauben, wie fetzig Hedwig Dohm bereits 1894 über ein Thema geschrieben hat, das gesellschaftlich selbst heute noch relativ tabu ist, nämlich über die Liebe einer älteren Frau zu einem erheblich jüngeren Mann (hier trägt die ältere Frau den bezeichnenden Allerweltsnamen Agnes Schmidt). Diese superste Novelle wurde immer wieder aufgelegt und kursiert in den unterschiedlichsten Buchausgaben. Mir fiel jene Ausgabe in die Hände, die Berta Rahm besorgt hat, und das ist deswegen so interessant, weil nicht nur die Novelle selbst, sondern auch das von Berta Rahm verfasste, exakt drei Seiten lange Nachwort bleibende Eindrücke hinterlässt. »als ich die geschichte der Agnes Schmidt […] gesetzt hatte«, so geht dieses Nachwort los, »blieben (bei 6 bogen) 3 seiten leer. womit sollte ich sie füllen? / es war ein sonniger tag im märz. ich fuhr in den schwarzwald, kaufte DIE ZEIT (nr. 11) und las (EXTRA, S. 49–55 […]), was vor 50 jahren geschah […]. ›Der Marktführer setzt Maßstäbe‹, steht in der ZEIT-EXTRA im inserat daneben […]. nach der ZEIT-EXTRA-lektüre machte ich langlauf im weichen schnee. weil es aussah, als könnten wolken die sonne überziehen, setzte ich mich auf eine bank am waldrand um noch die warmen strahlen zu geniessen. / eine spaziergängerin liess sich auch nieder […]. ich fragte sie, ob sie die novelle von Hedwig Dohm kenne. nein. sie ging weiter dem wald entlang und ich wieder auf die loipe« (S. 93–95). Und damit der Kurzweil auf Erden kein Ende sei, ergeht hiermit folgender flammender Appell an die Weltöffentlichkeit: Wenn Ihr mal ein Buch herausbringt und am Ende bleiben noch drei Seiten leer: Füllt sie einfach!

    Länge des Buches: ca. 130.000 Zeichen (dt.). – Ausgaben:

    Hedwig Dohm: Werde, die du bist. Novelle. Neunkirch: Ala Verlag 1988. 3. Auflage. Vor- und Nachwort von Berta Rahm. S. 3–92 (= 90 Textseiten).

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  • 100-Seiten-Bücher – Teil 173 Emily Nasrallah: »Kater Ziku lebt gefährlich« (1997)

    Obwohl dieses Buch ein Kriegsbuch ist, ist es extremst entzückend, denn hier wird fast bis ganz zum Schluss das Kriegsgeschehen aus der Sicht eines Katers erzählt. Außerdem werden in diesem Buch auch viele praktische Tipps gegeben, so heißt es zum Beispiel, »dass Stricken das beste Mittel sei, um die Angst zu vertreiben« (S. 63). Also, Leute, wenn Ihr gewappnet sein möchtet, falls mal wieder ein Krieg kommt: Lernt bitte stricken!

    Länge des Buches: ca. 100.000 Zeichen (dt.). – Ausgaben:

    Emily Nasrallah: Kater Ziku lebt gefährlich. Aus dem Arabischen von Doris Kilias. Zürich/Frauenfeld: Nagel & Kimche 1998. S. 3–105 (= 102 Textseiten).

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  • 100-Seiten-Bücher – Teil 172 Sharon Dodua Otoo: »Synchronicity« (2014)

    Ich hatte sämtliche Bibliotheken hier in der Provinz abgegrast (München), aber Sharon Dodua Otoos »Synchronicity« war einfach nirgends aufzutreiben. Zum Glück machten wir mal wieder einen Kurztrip nach Berlin und hatten spontan so zwanzig, dreißig Freundinnen und Freunde in den Gleisdreieckspark eingeladen. Wir stellten Wasser, Bier und Chips bereit, alle waren tippi-toppi drauf, und dann kam zu meiner großen Freude auch noch Claudia direkt von der Amerika-Gedenkbibliothek herbeigeradelt und brachte dieses superste Buch vorbei, das sie dort extra für mich ausgeliehen hatte. Zuhause angekommen, las ich in Ruhe diese wunderbare, u. a. im Bergmannkiez spielende »sehr lange Kurzgeschichte« (S. 94) über Cee, eine freiberufliche Grafikerin, die 24 Tage vor Weihnachten dramatischerweise ihre Farben zu verlieren beginnt – und die nebenbei die Beziehung zu ihrer Mutter und die Beziehung zu ihrer Tochter (und auch generell die Beziehung zu Männern) neu sortiert. Besonders großartig ist, wie Cee an Tag 9 ihren Vermieter und gleichzeitig beruflichen Auftraggeber am Telefon runterputzt, ihre Forderungen stellt und danach einfach nur sagt: »Ich bin froh, dass wir uns einigen konnten. Auf Wiederhören!« (S. 25) Ganz bezaubernd sind auch die Illustrationen von Sita Ngoumou, die über das Buch verteilt sind. Als ich »Synchronicity« ausgelesen hatte, schickte ich es von München aus einfach per Post wieder zurück nach Berlin, in die Zivilisation.

    Länge des Buches: ca. 105.000 Zeichen (dt.). – Ausgaben:

    Sharon Dodua Otoo: Synchronicity. Übersetzung: Mirjam Nuenning. Illustrationen von Sita Ngoumou. Münster: edition assemblage 2014. S. 1–92 (= 92 Textseiten).

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  • 100-Seiten-Bücher – Teil 171 Paulina Chiziane: »Liebeslied an den Wind« (1990)

    Sarnau verliebt sich in Mwando, den Priesterseminaristen, äh, sagt man das so? Oder heißt das Priesteramtskandidat? Wie auch immer, Mwando wird dann eh aus dem Priesterseminar rausgeschmissen. Nun findet das Christentum die Institution Ehe zwar eigentlich gut, nur eben leider nicht mit einem Priester oder Priesteranwärter, aber noch dazu ist hier in Mosambik die Liebe zwischen Sarnau und Mwando ein besonders problematisches Problem, denn hier ist Polygamie noch weit verbreitet, und die wiederum findet Mwando als Christ nicht gut. Von Sarnau, deren ungeheuer turbulente Lebensgeschichte in diesem Roman erzählt wird, kann man nun lernen, dass Polygamie alle möglichen schlechten Seiten hat, »doch eines ist wundervoll: Es gibt keine unehelichen Kinder« (S. 124). So geht es zwischen Sarnau und Mwando auf und ab und hin und her, und als die beiden wieder einmal miteinander herumturteln, verwendet die Autorin Paulina Chiziane dafür ein Bild, das leider so verdammt gut ist, dass ich in meiner Funktion als Menschenfreund ausdrücklich davor warnen muss, sich die folgende Szene vorzustellen, weil man dieses Bild sonst nie wieder aus dem Kopf rauskriegen wird und weil es einfach jegliche Romantik für immer zerstört: »Wir entkleideten uns hastig, wie jemand, der von Durchfall überrascht wird« (S. 73).

    Länge des Buches: ca. 230.000 Zeichen (dt.). – Ausgaben:

    Paulina Chiziane: Liebeslied an den Wind. Roman. Aus dem mosambikanischen Portugiesisch von Claudia Stein und Michael Kegler. Nachwort von Michael Kegler. Frankfurt/M.: Brandes und Apsel 2001. S. 3–134 (= 132 Textseiten).

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  • 100-Seiten-Bücher – Teil 170 Mary Shelley: »Verwandlung • Der falsche Vers • Die Trauernde« (1829)

    Mary Shelley hat ja »Frankenstein« geschrieben, aber wer sich noch nicht an diese weltberühmte Weltliteratur heranwagt, kann natürlich stattdessen einfach unbekannte Weltliteratur lesen, z. B. die kurzen Geschichten »Transformation«, »The False Rhyme« und »The Mourner«, die Mary Shelley allesamt 1829 rausgehauen hat. Ich nehme an, dass Mary Shelley, während sie etwa »Verwandlung«, die Geschichte von Guido dem Höflichen, niederschrieb, sich die ganze Zeit scheckig gelacht hat über ihre eigenen Einfälle. Es geht schon funny los: »Man hielt mich für einen stattlichen Mann« (S. 9), lässt sie Guido den Höflichen eingangs berichten. Auf diese Weise erfahren wir also, wofür »man« Guido den Höflichen hielt. Und alle, die Guido den Höflichen nun fragen, wofür denn er selbst sich hielt, werden von ihm wie folgt beauskunftet: »[I]ch hielt mich für einen recht gutaussehenden jungen Mann, als ich das geliebte Spiegelbild meiner eigenen wohlvertrauten Züge betrachtete« (S. 35). Ein Typ, den Guido der Höfliche dann unterwegs trifft, sagt zu ihm: »[M]ir gefällt etwas an deinem wohlgeformten Körper und deinem hübschen Gesicht« (S. 22). Aha, und was genau, fragt Guido der Höfliche sinngemäß, gefällt dem Typen denn so gut daran? Dessen lustige Antwort lautet: »Dein hübsches Gesicht und deine wohlgestalteten Glieder« (S. 24). Jetzt ist es noch sehr bemerkenswert, welche Entwicklung Guido der Höfliche im Verlauf dieser Geschichte rein stattlichkeitstechnisch durchmacht, oder genauer gefragt, ob er überhaupt eine Entwicklung durchmacht. 1× dürft Ihr raten, und siehe da, am Ende des Textes sagt er tatsächlich: »[I]ch bekenne, daß ich eine beträchtliche Zuneigung für das Gesicht und den Körper hege, welche ich sehe, wann immer ich in den Spiegel blicke; und ich habe mehr Spiegel im Hause und benutze sie häufiger als alle Schönheiten Venedigs« (S. 35f.).

    Länge des Buches: ca. 115.000 Zeichen (dt.). – Ausgaben:

    Mary Shelley: Verwandlung • Der falsche Vers • Die Trauernde. Aus dem Englischen übersetzt und mit einem Nachwort von Alexander Pechmann. Zürich: Manesse 2003. S. 3–82 (= 80 Textseiten).

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  • 100-Seiten-Bücher – Teil 169 Salwa Bakr: »Atijas Schrein« (1986)

    Ich lese ja völlig wahllos so ziemlich alles, aber Science-Fiction rauscht irgendwie fast komplett an mir vorbei. Von Science-Fiction habe ich einfach überhaupt keine Ahnung, und ich bin darauf weiß Gott nicht stolz, sondern bedaure es sehr, denn ich wäre ja liebend gerne ein totaler Science-Fiction-Crack, aber ich habe eben diese angeborene Science-Fiction-Uninformiert­heit. Umso mehr freue ich mich aber immer wie Bolle, wenn ich ganz zufällig auf etwas Science-Fiction-artiges stoße, so wie hier: »So verstiegen sich einige gar zu der Aussage, die alten Ägypter seien von einem anderen Planeten gekommen, dessen Kultur derjenigen der Erde um Jahrtausende voraus sei. Sie seien im Niltal niedergegangen und hätten dort die grossartige Pharaonenkultur gegründet« (S. 16).

    Usw.

    Länge des Buches: ca. 105.000 Zeichen (dt.). – Ausgaben:

    Salwa Bakr: Atijas Schrein. Roman aus Ägypten. Aus dem Arabischen von Hartmut Fähndrich. Basel: Lenos 1992. S. 5–121 (= 117 Textseiten).

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  • 100-Seiten-Bücher – Teil 168 Rosario Castellanos: »Die Tugend der Frauen von Comitán« (1964)

    Allein in den letzten paar Monaten war ich bereits auf vier Beerdigungen, sodass man wohl mit Fug und Recht behaupten kann: Die nachhaltigste Investition, die ich in jüngster Zeit getätigt habe, war, dass ich mir einen schwarzen Anzug gekauft habe. Und der sitzt dermaßen tadellos, dass ich seitdem auf jeder Beerdigung der bestangezogene Gast bin. Darüber so unselfconsciously zu sprechen, hätte ich noch vor Kurzem für unschicklich gehalten, aber mein Leben hat mittlerweile eine entscheidende Wendung genommen – es teilt sich nun in die Zeit vor und in die Zeit nach der Lektüre von Rosario Castellanos’ Erzählung »Die Tugend der Frauen von Comitán«. Dort sagt nämlich der Arzt Don Carlos Román zum Priester Don Evaristo: »Wenn Sie sich vielleicht noch an ein Ereignis erinnern, das schon lange zurückliegt […], ich meine den Tod meiner Frau, werden Sie auch nicht vergessen haben, daß ich dabei gar keine schlechte Figur gemacht habe« (S. 34).

    Länge des Buches: ca. 160.000 Zeichen (dt.). – Ausgaben:

    Rosario Castellanos: Die Tugend der Frauen von Comitán. Erzählung. Aus dem Spanischen von Petra Strien. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1998. S. 3–114 (= 112 Textseiten).

    (Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)