Autor: Josik

  • Loblied auf Lehrte

    Damals, am Ende ihrer Rede zur Einweihung des Berliner Haupt­bahnhofs, als im Beisein des dann auch im sanierten Dresdner Hauptbahnhof wieder zum Einsatz gekommenen Hauptbahnhof­einweihungsmoderators Cherno Jobatey die Bundeskanzlerin Angela Merkel wörtlichst diese volkstümlichen Worte sprach (ab 9:20 Min.):

    »Ich freu mich drauf, wenn ich mal gar nix mehr im Kanzleramt abends zu essen bekomme, entweder einen Döner oder bei McDonald’s vorbeizuschauen, oder – jetzt krieg ich gleich wieder Ärger – auch in einer deutschen Bulettenbude oder wie man das hier nennt, wahrscheinlich etwas gehobener«,

    … damals also gab es noch eine Menge Berliner Ureinwohner, die zum einen die Currywurst in dieser kulinarischen Aufzählung vermissten und zum anderen sich fest vorgenommen hatten, auch weiterhin vom ›Lehrter Bahnhof‹ zu sprechen, statt den albernen Mehdorn’schen Neologismus ›Hauptbahnhof‹ zu benutzen.

    Freilich ist vom ›Lehrter Bahnhof‹ heute keine Rede mehr, ebensowenig wie von der ehemaligen ›Frauenhaftanstalt Lehrter Straße‹, die sich damals in unmittelbarer Nähe des heutigen Berliner Hauptbahnhofs befand und aus der bekanntlich Inge Viett ausgebrochen ist, um dann später in die DDR rüberzumachen. Es scheint da einen ominösen Zusammenhang zu geben zwischen DDR-Sehnsucht und Lehrte. Auch der Schriftsteller Ronald M. Schernikau, ein gebürtiger Lehrter, hat sich ja noch 1990 in die DDR einbürgern lassen.

    Sonst ist Lehrte hauptsächlich leider nur dadurch bekannt, dass Hiltrud Schröder sich dort hat scheiden lassen, genauer gesagt: Hiltrud geborene Schwetje, geschiedene Schröder, nunmehr Hensen, so ähnlich wie man auch bei der ehemaligen jüngsten deutschen Bundesfamilienministerin aller Zeiten inzwischen korrekterweise von Claudia geborene Wiesemüller, geschiedene Nolte, nunmehr Crawford sprechen muss. Was Hiltrud Hensen angeht, so soll ihr Exmann Exkanzler Schröder über das Dach des ehemaligen Lehrter Bahnhofs, das Mehdorn eigenmächtig um 130 Meter verkürzt hatte, gesagt haben, es sehe aus wie eine abgebissene Currywurst.

    Lehrte ist aber auch und vor allem der Geburtsort des Lyrikers ZaunköniG, der sich ganz und gar dem Sonett verschrieben hat. Jede Sonettdichterin und jeder Sonettdichter kann versuchen, im grandiosen Sonett-Archiv des ZaunköniGs, in dieser unerschöpflichen Fundgrube irgendwo zwischen Alexis Aar und Stefan Zweig unterzukommen und Selbstsonettiertes zu publizieren. Vielleicht die drei besten Sonettverse überhaupt stammen von Ferdinand Freiligrath:

    Dann ruft er aus: »Sie ist die 2te Staël!
    Sei sie nun sonsten Lea oder Rahel –
    In sieben Jahren ist sie mein Gemahel!«

    Das sind Reime, da kann die Neue Frankfurter Schule eigentlich einpacken. Gar in starckdeutschen Reimen reimt man in einem Sonettband mit dem Titel: »Um die Wurst«, in dem es auch um die von Schröder verlorene Bundestagswahl geht. Der Wurststand am Berliner Hauptbahnhof aber, der bis vor ein paar Tagen noch »Kantine« hieß, wurde nunmehr in »Wurststand« umbenannt. Und in Lehrte gibt es gar: einen eignen Wurst-Basar! Die lakonischste Liebeserklärung an Lehrte freilich habe ich in einem Exemplar der »Kleinstadtnovelle« gefunden, dem Debüt des natürlich ebenfalls im Sonett-Archiv vertretenen Ronald M. Schernikau. Ein unbekannter Wolf schreibt dort:

     

    Schernikau-Buch, Widmung

     

  • 100-Seiten-Bücher – Teil 5 Markus Werner: »Zündels Abgang« (1984)

    Genau in dem Moment, als im ICE 1605 die Zugführerin per Durchsage von »dem nächsten Unterwegshalt« sprach, wusste ich nicht mehr, ob ich nun über die Oxymoronhaftigkeit des Wortes »Unterwegshalt« nachsinnen soll oder über den schon im Buch in Anführungszeichen gesetzten »Schlankheitsabgrund«, bei dem ich gerade angelangt war. Denn man möchte eigentlich alles, schon den ersten Satz, mit dem Markus Werner in die Geschichte der Weltliteratur eintritt und den so natürlich nur ein Schweizer schreiben konnte, nämlich:

    Schöne Kindheit im Warenhaus.

    – alles also an dieser Herrlichkeit von Debüt, in dem ein sehr sympa­thischer Misanthrop, der wie alle normalen Menschen als Lehrer arbeitet, verduftet, möchte man am liebsten anstaunen.

    Und wenn man etwas nicht versteht und noch kein Google hat, wie zum Beispiel in den 80ern, dann ruft man einfach den Autor an. Eine Freundin des Instituts hat das kurz nach Erscheinen von »Zündels Abgang« getan, als Markus Werner noch nicht berühmt war und sein Name noch im Telefonbuch stand. Sie hat ihn gefragt, wer denn eigentlich »der unstete Geist eines französischen Dichters« ist, von dem es auf Seite 69 heißt, er habe im weltberühmten Portofino seine Ruhe gefunden. Herr Werner gab freundlichst und bereitwilligst Auskunft, dass es sich hier um Guy de Maupassant handle, der in Portofino »Bel Ami« geschrieben habe.

    An das zweite literarische Rätsel, um dessen Auflösung sie ihn ebenfalls gebeten hat, konnte er sich leider partout nicht erinnern. Um die lustige Titelpersiflage »Ahndung und Gegenschlag« handelte es sich jedenfalls nicht und auch nicht um eine der Fragen und Antworten in dem grandiosen Zündholzspiel: Man stellt eine Frage und wenn die Antwort »richtig oder wenigstens gut« ist, gibt’s ein Zündholz; wer zuerst fünf Zündhölzer hat, hat gewonnen. Der vorletzte Satz, der von Zündel überliefert ist, lautet: »Geh jetzt bitte, ich stehe unter Sprechverbot«.

    Länge des Buches: ca. 189.000 Zeichen. – Ausgaben:

    Markus Werner: Zündels Abgang. Roman. Salzburg; Wien: Residenz Verlag 1984. S. 3–138. (= 136 Textseiten)

    Markus Werner: Zündels Abgang. Roman. München: dtv 1988. S. 3–116. (= 114 Textseiten)

    (Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)

  • Schneewuttke und die sieben Kleckslein

    Noch heute ist auf der Rio-Reiser-Homepage jener »taz«-Artikel vom 10. November 2006 nachzulesen, der rekapituliert, wie Fans im Internet wütend auf die Handelskette Media-Markt waren, weil die ein Rio-Reiser-Cover verhökerte. Das, so meinten damals die Fans, passe zusammen »wie Gummibärchen und Blutwurst«, ein Vergleich, in dem Rio Reiser wohl die Gummibärchen sein soll und der Media-Markt die Blutwurst. Als Rio Reiser nun neulich auf den Alten St.-Matthäus-Kirchhof in Berlin-Schöneberg umgebettet wurde, gelangte er in die Nachbarschaft der Gebrüder Grimm, den Aufschreibern des berühmten Wurstmärchens.

    Martin Wuttke nutzte dann kürzlich in der Wiener »Presse« die Gelegenheit, das Wurstmärchen, das er schon 1995 an der Seite von Bernhard Minetti spielte – damals allerdings war Robin Detje zufolge die Blutwurst das Berliner Ensemble und die Leberwurst die Zuschauer –, dem Haiderklon H. Che Strache vorzulesen.

    Es handelt sich also um jenes berühmte Märchen, in dem eine Blut­wurst und eine Leberwurst in Freundschaft lebten, die Blutwurst die Leberwurst zu Gast bittet, die Leberwurst ganz vergnügt zur Blutwurst in die Stube geht, dort aber auf der Stiege viele wunderliche Dinge sieht, woraufhin sie, die Leberwurst, erschrickt, von der Blutwurst aber freundlich empfangen wird, schließlich fragt die Leberwurst die Blut­wurst, was denn da im Stiegenhaus los sei, freilich stellt sich die Blutwurst der Leberwurst gegenüber taub und marschiert in die Küche, während sie, die Leberwurst, in der Stube auf und ab geht, dann kommt jemand, von dem die Gebrüder Grimm schreiben, sie wüssten nicht, wer es gewesen ist, zur Tür herein und warnt die Leberwurst, sie solle sich schleichen, also schleicht sich die Leberwurst zur Tür hinaus auf die Straße und sieht von dort aus die Blutwurst. Soweit das Märchen.

    Martin Wuttke fragt dann Strache: »Tolles Märchen, oder? Lässt sich so etwas politisch beurteilen?« Strache antwortet, dass hier der Bundeskanzler Faymann die Blutwurst sei und der Vizekanzler Pröll die Leberwurst.

    Es ist überhaupt auffällig, wie sehr schon im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts die Beschäftigung mit Würsten im Schwange war. Justinus Kerner etwa veröffentlichte 1820 die Schrift »Neue Beobachtungen über die in Württemberg so häufig vorfallenden tödtlichen Vergiftungen durch den Genuß geräucherter Wurst« und 1822 das noch bahnbrechendere Werk »Das Fettgift oder die Fettsäure und ihre Wirkung auf den thierischen Organismus, ein Beitrag des in verdorbenen Würsten giftig wirkenden Stoffes«.

    Seine »halbe Erblindung«, wie er sie selbst nannte, hat Justinus Kerner sich nach Gunter Grimm, dem Herausgeber der »Ausgewählten Werke« Kerners, wohl durch seine medizinischen Versuche über Wurstvergiftungen zugezogen. Justinus Kerner aber hat das Beste aus seinem Augenleiden gemacht und uns die genialen »Klecksographien« hinterlassen, bedichtete Tintenkleckse:

    Als ich mit Druckerschwärze heut klecksographiert‘,
    Wozu mich nur der Teufel hat verführt,
    Kam dieses Skandalum heraufspaziert.

    Usw.

  • Tolstoj besucht Auerbach!!!!!!!!!!!!!!!

    Erst neulich ist im Literaturhaus München die Ausstellung »›Ein Licht mir aufgegangen‹ – Lev Tolstoj und Deutschland« zu Ende gegangen. Es gab dort sonst selten gezeigte Videos zu sehen, die Tolstoj samt seiner Frau beim Spazierengehen im Wald zeigen, entgegen dem Ausstellungstitel allerdings nicht in einem deutschen Wald, sondern in einem russischen.

    Natürlich ist Tolstoj aber auch durch Deutschland gereist, so am 27. Juli 1860 nach Bad Schandau, wo er sich Berthold Auerbach mit den Worten vorstellte: »Ich bin Eugen Baumann.« Da Eugen Baumann eine Figur aus Auerbachs Roman »Neues Leben« ist, war das also ein ziemlich bunter Scherz, der offenbar sogar ganz gut ankam.

    Und tatsächlich folgte am 21./22. April 1861 ein weiterer Besuch Tolstojs bei Auerbach, nun allerdings nicht mehr in der Sächsischen Schweiz, sondern in Berlin, in der Potsdamer Str. 134a, also in unmittelbarer Nähe des heutigen Dönerimbisses in der Potsdamer Str. 120, der zur Freude der in der Nachbarschaft wohnenden Russen »Durak« heißt, zu deutsch ›Dummkopf‹.

    Nach seinem Besuch bei Auerbach machte Tolstoj in seinem Tagebuch eine kurze Notiz, der die Münchner Ausstellung den Titel entlehnt hat. Die Eintragung lautet: »Auerbach!!!!!!!!!!!!!!! Ein reizender Mensch! Ein Licht mir aufgegangen.«

    Der liebenswerte russische Übermut, der sich in den fünfzehn Ausrufe­zeichen hinter dem Namen ›Auerbach‹ ausdrückt, scheint allerdings den Herausgebern der deutschen Übersetzung von Tolstojs Tagebü­chern (München 1979) suspekt gewesen zu sein. Dort nämlich werden fünf der fünfzehn Ausrufezeichen einfach eliminiert. Es finden sich an dieser Stelle nur noch zehn Ausrufezeichen: »Auerbach!!!!!!!!!!« Im Original stehen allerdings eindeutig fünfzehn Ausrufezeichen: »Ауэрбах!!!!!!!!!!!!!!!«

    Ein editorisch sehr zweifelhafter Eingriff, diese radikale Reduzierung der Ausrufezeichen auf nur noch zwei Drittel ihrer ursprünglichen Anzahl. Hoffentlich gibt es bald eine verlässlichere Neuausgabe.

    Die Münchner Ausstellung war übrigens auch deshalb ein so großer Erfolg, weil quasi zur Illustration des Tolstoj’schen Waldspaziergang­videos quer über den kleinen Ausstellungsraum viele scheinbar in den Himmel wachsende, sehr schöne künstliche Birken verteilt waren. Dementsprechend lauteten etwa 70% der Bemerkungen im Gästebuch: »Schöne Birken!«
     

  • Die Wurzelbürste in der deutschen Literatur

    Ich beschäftige mich ja gerade mit der Wurzelbürste in der deutschen Literatur, da kam mir ein Text sehr zupass, den ich letzten Samstag in der FAZ gelesen habe. Und zwar durfte Berthold Kohler, einer der FAZ-Herausgeber, als einziger Journalist überhaupt Guttenberg auf seiner Reise nach Afghanistan begleiten.

    Warum Kohlers literarisch hochambitionierter Text- und Bild-Essay allerdings im Politikteil statt im Feuilleton erschienen ist, wo er eigent­lich hingehört hätte, lässt sich nur damit erklären, dass sich dort gerade Thilo Sarrazin und Patrick Bahners ausgiebigst beharkten.

    Aber zurück zu Kohler: Seinen Essay lässt er in einem dem Topseller des 19. Jahrhunderts nachempfundenen Tonfall beginnen, den »Schwarzwälder Dorfgeschichten« seines Vornamensvetters Auerbach:

    »Ein Bauer pflügt mit einem Ochsengespann sein Feld, Meter um Meter, Furche um Furche. Ein Mopedfahrer knattert mit flatterndem Gewand vorbei. Von Osten her tippelt eine Gruppe verschleierter Frauen heran. In der Luft liegt ein Hauch von Frühling. Wo, bitte, ist hier der Krieg? (…) Der Krieg hat nur pausiert im Winter, um Luft zu holen für das Frühjahr und den Sommer. Auf den staubigen Hügeln zeigt sich schon ein erster Schimmer von Grün.«

    Doch dann kommt die fulminante Volte: »15 Mann in einer schwer befestigten Stellung, die an Ernst Jüngers Beschreibungen der Gräben und Unterstände im Ersten Weltkrieg erinnert, (verteidigen) Deutsch­land am Hindukusch (…), wo Guttenberg am Donnerstag noch die Hühnerzucht eines weiblichen Oberfeldwebels besichtigte«!

    Hier gelingt Kohler sozusagen die Legierung des frühen 20. Jahrhun­derts mit dem frühen 21. Jahrhundert, also mit dem berühmten Deutschland-muss-am-Hindukusch-verteidigt-werden-Spruch des Alt-68ers und Guttenberg-Vorvorgängers Peter Struck, der wie der unbekannte Afghane bekennender Mopedfahrer ist und wie Gutten­berg in Jura promoviert hat, allerdings über ein viel stylisheres Thema: »Jugenddelinquenz und Alkohol. Ein Beitrag zur Persönlichkeit des Alkoholtäters. Vergleichende kriminologische Untersuchung an 436 jugendlichen und heranwachsenden Hamburger Straftätern der Jahre 1968 und 1969«.

    Schon bei Ernst Jünger geistert ja der Alkohol durch die Seiten, dass es dem Fass den Boden ausschlägt: »Reichlich verteilt wurde ein blass­roter Schnaps, der in Kochgeschirrdeckeln empfangen wurde und stark nach Spiritus schmeckte, doch bei der kalten und feuchten Witterung nicht zu verachten war.« (Seite 15) »Wir aßen kräftig und ließen die Flasche mit ›Achtundneunzigprozentigem‹ rundgehen.« (Seite 188) Usw.

    Ziemlich überraschend stellt Kohler dann aber einen weiteren inter­textuellen Bezug her: »Ein großes rotes Licht, das über der Festung regelmäßig in der Finsternis aufflammt, verwischt weiter die Grenzen zwischen Realität und Fiktion, zwischen Taliban-Country und Tolkien

    Da Kohler der einzige Medienvertreter überhaupt war, der Guttenberg begleiten durfte, scheint er auch keinen Fotografen dabeigehabt zu haben (die Bilder sind alle »© Berthold Kohler, F.A.Z.«). So ist Kohler selbst offenbar auch nirgends mit abgebildet, aber immerhin kann man auf einem der Bilder erkennen, dass der dritte von rechts, der im Tropentarn mit dem Rücken zum Betrachter steht, den ersten von links fotografiert, der wiederum den Fotografen fotografiert, so dass die ganze Versuchsanordnung wirkt, als habe der Fotograf, also vermutlich Berthold Kohler, mal eine von Thomas Kapielski im Buch »Sozial­manierismus« beschriebene Versuchsanordnung imitieren wollen:

    »ich fotografierte (…) einen Menschen, der fotografiert. (…) Mehr noch: ich stehe in einem Ring der apostolischen Sukzession von Fotografen die Fotografen fotografieren, denn ich fotografierte den hier abgebildeten Fotografen, während dieser seinerseits einen Fotografen fotografierte, der wiederum (…) mich fotografierte! Die Mindestzahl an Teilnehmern bei einer solchen Kreisesbildung ist Drei, nach oben aber offen bis unendlich, sofern unendlich viele Fotografen vorhanden wären, was unwahrscheinlich, aber denkbar ist. (…) So fotografiert in der sukzessiven Reihe also jeder Fotograf einen Fotografen, der beim Fotografieren eines Fotografen nicht bemerkt, dass er seinerseits von einem Fotografen fotografiert wird«. (Seite 169f.)

    Nach Jünger, Tolkien und Kapielski kommt die beste literarische Anspielung freilich erst zum Schluss des Essays, als Guttenberg schon wieder nach Deutschland zurückgeflogen ist: »Er hat, als er ins Kanzleramt eilt, noch die Montur an, die er im Feldlager trug. Der Schlamm Afghanistans, der an den Stiefeln hängt, ist zäh, aber einer deutschen Wurzelbürste nicht gewachsen

    Der mit Wurzelbürstenborsten hantierende Guttenberg’sche Stiefel­putzer, der hier vor dem geistigen Auge aufscheint, erinnert an jenen berühmten Ich-Erzähler, der (auf Seite 41) sagt:

    »ich weiß noch, dass mir damals in der Kasematte von Breendonk ein ekelhafter Schmierseifengeruch in die Nase stieg, dass dieser Geruch sich, an einer irren Stelle in meinem Kopf, mit dem mir immer zuwider gewesenen und vom Vater mit Vorliebe gebrauchten Wort ›Wurzelbürste‹ verband«.

    Wenn in Zukunft von der Wurzelbürste in der deutschsprachigen Literatur die Rede ist, müssen neben dem Grimm’schen Wörterbuch und W. G. Sebald auch Berthold Kohler und Karl-Theodor zu Guttenberg erwähnt werden.