Autor: Josik

  • Warum schwieg Grass?

    Heute ist der 14. Juni 2012. Ein ganz besonderes Jubiläum gilt es da abzufeiern, denn auf den Tag genau heute vor fünf Jahren erschien in der »Zeit« Nr. 25/2007 ein grandioses, sich über mehrere Seiten erstreckendes Interview mit den Dioskuren Günter Grass und Martin Walser.

    Dieses Interview schlug riesengroße Wellen, zum Beispiel erinnere ich mich noch genau, wie ich damals in einer Kneipe in der Karl-Kunger-Straße in Treptow mich stundenlang mit dem ehemaligen Nachrichten­chef von Radio Energy und mit einem Claire-Waldoff-Experten darüber stritt, ob diese listige Frage, die Iris Radisch und Christof Siemes an Grass und Walser richteten, eigentlich berechtigt oder unberechtigt war:

    »Aber haben Sie nicht als Schriftsteller das Problem, dass Sie immer klüger und reflektierter werden und es deshalb immer schwieriger wird, etwas Neues zu schreiben?«

    Jedenfalls kann man dieses höchst vergnügliche Gespräch, das in die Annalen der Grass-Walser-Interviews eingegangen ist, gar nicht oft genug lesen, der Umblätterer proudly presents deshalb noch mal die besten Auszüge:

    »DIE ZEIT: Wie fanden Sie die Rede, Herr Grass?

    Martin Walser: Ich weiß noch genau …

    DIE ZEIT: Die heftige Reaktion der Öffentlichkeit auf die Nachricht, dass Günter Grass in der Waffen-SS war, ist auch auf Enttäuschung zurückzuführen. Niemand kritisiert Sie dafür, dass Sie erst jetzt ein Buch darüber schreiben. Aber es gab auch immer den Bürger Grass, der in Reden und Essays Stellung bezogen hat – auch in Dingen, die die eigene Biografie betrafen. Warum ging das hier nicht?

    Martin Walser: Er war doch immer …

    DIE ZEIT: Aber noch mal: Warum konnte das nur literarisch mitgeteilt werden?

    Martin Walser: Heilandsack …

    DIE ZEIT: Was ist an der Frage, warum Sie erst nach über sechzig Jahren über Ihre Wochen bei der Waffen-SS sprechen, so verwerflich? Ihre Antwort muss man respektieren, aber dasselbe gilt für die Frage.

    Martin Walser: Man wollte sich …

    DIE ZEIT: Was ist Ihr Schreibantrieb, Herr Grass?

    Martin Walser: Günter hat immer geschrieben, weil …«

     

  • Fußnoten

    Nicht nur Lena Meyer-Landrut hat einen berühmten Diplomatengroß­vater, nämlich Andreas Meyer-Landrut – nein, auch Karl-Theodor Freiherr zu Guttenberg hatte einen berühmten Diplomatengroßvater, nämlich Karl Theodor Freiherr zu Guttenberg. Dass dieser im Jahr 1971 im Stuttgart-Degerlocher Verlag Dr. Heinrich Seewald ein Werk mit dem Titel »Fußnoten« veröffentlichte (10. Auflage 1974), war ja in den Feuilletons gelegentlich erwähnt worden, und mit eineinvierteljähriger Verspätung kam ich nun endlich dazu, es zu lesen.

    Das Werk ist in drei Teile gegliedert: Der erste und mit Abstand längste Teil enthält tagebuchähnliche Aufzeichnungen, beginnend im »Sommer 1934« und endend im »Frühjahr 1971«. Diese Aufzeichnungen sind mit Dutzenden, wenn nicht sogar Hunderten von Aphorismen garniert, die allesamt in dem typisch mitreißenden, an Joachim Gauck gemahnen­den Sound das Thema Freiheit behandeln.

    Der zweite Teil enthält Auszüge aus zwei Briefwechseln Guttenbergs, mit Ernst-Wolfgang Böckenförde und mit Alexander Mitscherlich. Guttenberg fragt Mitscherlich, warum der ihn als »Todfeind« bezeichnet habe, nämlich in einem Gespräch mit Guttenbergs Schwager. Mitscherlich antwortet dann, das sei doch schon über ein Jahr her, und außerdem habe er, wie er sich zu erinnern glaube, ihn nicht als »Todfeind«, sondern nur als »Erzfeind« bezeichnet.

    Insgesamt liest sich dieses harmlose Buch mit seinen entzückenden Episoden sehr gut weg, deshalb fand ich es umso frappierender, wie gehässig Guttenberg von seinem Verlag behandelt wurde, und zwar gleich dreifach: Friedrich Torberg, berühmt geworden mit seiner Tante Jolesch, hat dem Buch ein Geleitwort gewidmet und darf dort über Guttenbergs Tagebuchaufzeichnungen allen Ernstes schreiben: »Es gibt Schilderungen von Natur- und Kunsterlebnissen, deren Reiz gerade darin besteht, daß sie keinen ›fachmännischen‹ Ehrgeiz haben.« (S. 11) – In der Bauchbinde setzten die Verlagsmenschen bei dem folgenden Satz ausgerechnet das Wort ›erlebt‹ in höhnische Anführungszeichen: »Wir lernen den Dreizehnjährigen kennen, der erstmals den Nationalsozialismus ›erlebt‹, als die Gestapo seinen Vater nachts aus dem Bett holt.« – Und auf der letzten Seite, mitten in der Anzeige für ein weiteres Guttenberg-Buch, wird der Reklamezweck völlig sabotiert, denn Golo Mann wird dort mit diesen Worten über Guttenberg zitiert: »Seine Demagogie hält sich in Grenzen.«

    Unzweifelhaft fachmännischen Ehrgeiz scheint Guttenberg in der Beschreibung bestimmter anatomischer Merkmale entwickelt zu haben. Im »Winter 1952/53« notiert er folgende lustige Szene:

    »Seit geraumer Zeit warte ich auf einem kalten, zugigen Gang vor der Röntgenabteilung. Endlich öffnet sich die Tür. Jemand mit weißem Mantel und dunkler Brille steuert mich an: ›Sind Sie die Gallenblase?‹ ›Nein‹, sage ich, ›ich bin der Dünndarm Guttenberg.‹« (S. 44)

    Aus politliterarischer Sicht sehr aufschlussreich ist auch die folgende anatomische Bemerkung aus dem »Frühjahr 1971«:

    »[S]chon bei der Lektüre der vom Schriftsteller Grass verfaßten ›Blechtrommel‹ hatte ich auf langen Seiten den penetranten Geruch eines Bahnhofpissoirs in der Nase. Jemand, dem ich diesen Eindruck mitteilte, äußerte die Vermutung, daß dies auch mit der Eigenart meiner Nase zusammenhängen könne. Ich habe ihm nicht widersprochen. Über Nasen kann man nicht diskutieren.« (S. 181)

    Die Zähne beißt Guttenberg sich nur am Namen Chruschtschow (13 Buchstaben) aus, allem Anschein nach weiß er nicht, wie man den korrekt ausspricht: Mal schreibt er »Chruschtchow« (12 Buchstaben; S. 67), mal schreibt er »Chruschtschtow« (14 Buchstaben; S. 71).

    Wen Guttenberg gar nicht ausstehen kann, ist Walter Scheel. Seine Antipathie verpackt er aber in diese äußerst hintersinnige Formulie­rung, die von einer sehr guten literarischen Bildung zeugt: »Nicht auszudenken, was Karl Kraus über Walter Scheel geschrieben hätte.« (S. 169)

    Der dritte Teil der »Fußnoten« enthält dann noch die Tischreden, die Guttenberg anlässlich der Hochzeiten seiner Kinder Hasi (S. 208), Michaela und Enoch hielt; Hasis Bräutigam Franz Ludwig Schenk Graf von Stauffenberg wird von Guttenberg während der Tischrede mit Luffel angesprochen (S. 208). Praxedis (S. 59–61) heiratete erst später.
     

  • 100-Seiten-Bücher – Teil 25 Wolfgang Hilbig: »Abriß der Kritik« (1995)

    Vier während einer Poetikdozentur im Sommersemester 1995 an der Goethe-Universität Frankfurt am Main gehaltene Vorlesungen ergeben abgedruckt einen schönen Hundertseiter. Von Wolfgang Hilbig erfährt man in diesen Vorlesungen, obwohl es ja eigentlich um den Zusammenhang zwischen Literatur und Literaturkritik gehen soll, ungemein viel über seinen glühenden Hass auf Automobile: »Ich halte die Werbung für den Verkauf von Automobilen für Anstiftung zum Mord«, lautet so ein krasser und sicherlich zum Nachdenken anregender Satz.

    In der zweiten Poetikvorlesung geht es um eine Talkshow »über den derzeit bekanntesten deutschen Literaturkritiker«. Die Ausstrahlung dieser Talkshow liegt zum Zeitpunkt der Poetikdozentur zwar schon einige Jahre zurück, Hilbig glaubt sich aber daran erinnern zu können, dass sie aus Anlass eines Jubiläums, womöglich eines runden Geburtstags des derzeit bekanntesten deutschen Literaturkritikers, gesendet worden sei. Auch Gisela Elsner habe dort in der Runde gesessen und den derzeit bekanntesten deutschen Literaturkritiker scharf und rücksichtslos attackiert.

    Natürlich bestellte ich mir unverzüglich beim Südwestrundfunk einen Mitschnitt dieser Talkshow: Die Archivnummer lautet 340075 (SWR) bzw. 21059 (BAD). Wie sich dann herausstellte, handelte es sich aber gar nicht um eine Jubiläumssendung für den derzeit bekanntesten deutschen Literaturkritiker, sondern bloß um eine Talkshow im Rahmen der 10. Internationalen Funkausstellung. Auch Thomas Hettche hat dort einen Auftritt, er sitzt aber nicht in der Runde der eigentlichen Talkshowgäste, sondern steht etwas abseits an der Bar und sagt einige sehr interessante Sachen.

    Länge des Buches: ca. 184.000 Zeichen. – Ausgaben:

    Wolfgang Hilbig: Abriß der Kritik. Frankfurter Poetikvorlesungen. Frankfurt/M.: Fischer-Taschenbuch-Verlag 1995. S. 3–110 (= 108 Textseiten).

    (Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)

  • Die Wahrheit

    Ungefähr bei Minute 3 Sekunde 3 ihrer aufgezeichneten Nobelpreis­rede sagt Elfriede Jelinek laut und deutlich: »Wie soll der Dichter die Wahrheit kennen«, obwohl im österreichischen Originaltyposkript der Nobelpreisrede hier ganz klar steht: »Wie soll der Dichter die Wirklichkeit kennen« (›reality‹, in den englischen Untertiteln des Videos). Elfriede Jelinek hat sich also in ihrer Nobelpreisrede an dieser Stelle einfach ein bisschen verhaspelt, und warum auch nicht.
     

  • Was ist nur aus der NZZ geworden!

    Wenn es einen Ort auf der Welt gibt, an dem auch nicht das allerwinzigste Druckfehlerchen sich einschleichen darf, dann sind es natürlich Anagramme, da ja andernfalls der ganze Witz krepiert. Vorgestern hat die NZZ in einer kurzen und sehr launigen Sammelrezension einen ganzen Haufen Anagramme zitiert bzw. gelobt:

    Barry Heck / Harry Beck und Hyde Park Corner / Prerecord Hanky sind tatsächlich sehr lustig, Lichtenrade / Hitler Dance ist unfassbar großartig, Europa anagrammiert / an Ego-Primärtrauma ist eine Spitzenleistung und Le marquis de Sade / démasqua le désir ist wirklich der absolute Hammer. Sogar Charlottenburg / Burg Rattenloch ist, obwohl die Burg unverändert bleibt, noch sehr originell.

    Bei Lancester Gate / Castrate Angel aber gehen die Schwierigkeiten schon los. Offensichtlich lassen die Abschreibequalitäten der NZZ hier zu wünschen übrig: Aus Lancester Gate könnte logischerweise allenfalls Castrate Engel werden, aber zum Glück heißt es ja im Original: Lancaster Gate.

    Gleich einen ganzen Zacken problematischer wird es nun bei diesem Anagramm, so wie die NZZ es zitiert: La gravitation universelle / La vitale régnant sur la vie. Man sieht auf den ersten Blick, dass in La gravitation universelle nur drei Mal der Buchstabe A vorkommt, hingegen in La vitale régnant sur la vie vier Mal. Hier wird also einfach ein A eingeschmuggelt, wo doch eigentlich noch die Buchstaben I und O übrigbleiben. Selbstverständlich hätte das Anagramm zu lauten: Loi vitale régnant sur la vie.

    Geradezu hanebüchen wird es nun bei dem folgenden Anagramm: Französische Strasse / Nazi-Ressortchef. Ok, es ist klar, wie das Anagramm eigentlich gebaut wurde: Der Umlaut Ö wurde in OE umgewandelt und Strasse wurde abgekürzt zu Str. Das freilich ergibt das katastrophale Resultat: Franzoesische Str. / Nazi-Ressortchef. Auch hier sieht man natürlich auf den ersten Blick: In Franzoesische Str. kommt der Buchstabe S drei Mal vor, in Nazi-Ressortchef nur zwei Mal. Das korrekte Anagramm müsste also im Plural stehen: Nazi-Ressortchefs.

    Zuerst dachte ich, dass die NZZ es hier einfach nur verabsäumt hat, ruchlosen Anagrammschwindlern das Handwerk zu legen. Aber der Fehler ist abermals bei der NZZ selbst zu suchen, wie ein Blick ins Original zeigt.

    Ach, ach! Als ich vor Jahren die NZZ noch abonniert hatte, habe ich einmal irgendwo gelesen, dass dort 17 festangestellte Korrekturleser inklusive eines Anagrammredakteurs arbeiten. Wo ist dieser Mensch heute? Wo war hier der, hehe: Ressortchef? Mir ist auch völlig schleierhaft, wie die NZZ-Leserschaft nach diesem himmelschreienden Anagrammskandal so gelassen in ihren Alltagsgeschäften fortfahren kann, als wäre nichts gewesen.
     

  • Willibald Alexis: Ruhe ist die erste Bürgerpflicht

    Vor nunmehr sechs Jahren bin ich, weil das Haus, in dem ich damals wohnte, wie überhaupt die ganze Gegend, voller Mäuse war, aus der Willibald-Alexis-Straße weggezogen, und seitdem dachte ich immer wieder einmal daran, dass ich doch endlich auch ein Buch von Willibald Alexis lesen müsste. Zwar habe ich auch schon mal in der Gebrüder-Witte-Straße gewohnt, damals, als ich versehentlich in Greifswald zu studieren anfing, und habe bis heute nicht herausgefunden, wer eigentlich die Gebrüder Witte waren, aber Willibald Alexis ist ja nun allgemein bekannt, zumindest gewesen, im 19. Jahrhundert, und ein Besuch an seinem Grab in Arnstadt ist auf jeden Fall als erste Station meiner großen Thüringen-Rundreise geplant, die im Sommer stattfinden soll.

    Ich hörte einmal jemanden sagen, dass »Ruhe ist die erste Bürger­pflicht« von Willibald Alexis der größte Roman der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts sei, deshalb las ich den jetzt einfach. An einer Stelle dort äußert sich Madam Braunbiegler folgendermaßen: »Nee, sage ich doch, wenn pover Volk noch dicketun will und vornehm sind, die können mich gestohlen werden.« Dem schickt der Erzähler diese herrliche Bemerkung über die Madam voraus:

    »Wenn der Raum unserer Erzählung, die zu Ende geht, es erlaubte, hätte sie das Recht und die Anwartschaft auf eine bedeutendere Rolle darin, als wir ihr angewiesen, aber der Rahmen schließt sich, und die Rücksicht auf den deutschen Stil und die Grammatik, die wir bis da nach unsern schwachen Kräften beachtet, verbietet uns, ein Bild in den Vordergrund zu stellen, welches für viele Leser unverständlich bliebe ohne eine vorausgeschickte Abhandlung über den markbrandenburgischen Unterschied zwischen mir und mich.«

    Ich war hier wie vom Donner gerührt, als ich lesen musste, dass dieser wunderbare Roman schon zu Ende gehen soll, und zählte schnell nach: Glücklicherweise lagen noch 169 Seiten vor mir! Wahrscheinlich ist es psychologisch sehr klug von Willibald Alexis, bei einer etwa 1.270 Seiten dicken Schwarte den Leser nach etwa 1.100 Seiten langsam aufs Ende vorzubereiten, über Hundertseitenschwächlinge hätte er jedenfalls nur lachen können: hehe.

    Nachdem ich also fertig war, lief ich in meiner Begeisterung gleich in die Bibliothek, lieh mir noch Sekundärliteratur aus und ackerte sie durch. Am ergiebigsten erschien mir eine narratologische Analyse mit dem Titel: »Willibald Alexis: Ruhe ist die erste Bürgerpflicht«. In mühevoll­ster Kleinarbeit hat dort jemand tatsächlich z. B. den Dialoganteil jedes einzelnen Kapitels ausgerechnet:

    Im ersten Buch betrage der Dialoganteil 74% im 1. Kapitel, 77 im 2., 16 im 3., 39 im 4., 66 im 5., 27 im 6., 79 im 7., 84 im 8., 40 im 9., 77 im 10., 66 im 11., 59 im 12., 58 im 13., 35 im 14., 69 im 15., 81 im 16., eben­falls 81 im 17., 65 im 18., 50 im 19., 65 im 20., im zweiten Buch betrage er 68% im 1. Kapitel, 81 im 2., 55 im 3., 87 im 4., 80 im 5., 87 im 6., 74 im 7., 38 im 8., 86 im 9., ebenfalls 86 im 10., 62 im 11., 78 im 12., 88 im 13., 70 im 14., 87 im 15., 83 im 16. und 70 im 17., im dritten Buch 43% im 1. Kapitel, 47 im 2., 79 im 3., 38 im 4., 58 im 5., 77 im 6., 34 im 7., 71 im 8., 66 im 9., 63 im 10., 85 im 11., 88 im 12., 75 im 13., 61 im 14., geradezu lächerlich magere 22 im 15., 53 im 16., 57 im 17., 91 im 18., 63 im 19., im vierten Buch sodann betrage der Dialoganteil sagenhafte 92% im 1. Kapitel, 66 im 2., 87 im 3., 83 im 4., 43 im 5., 77 im 6., 66 im 7., 53 im 8., 77 im 9., 61 im 10., 62 im 11., 64 im 12., 36 im 13., 24 im 14., 86 im 15., 37 im 16., 73 im 17., 61 im 18., 59 im 19., 73 im 20., und schließlich im fünften Buch 76% im 1. Kapitel, 69 im 2., 38 im 3., 81 im 4., 56 im 5., 54 im 6., 51 im 7., 90 im 8., 76 im 9., abermals sagenhafte 92 im 10., 40 im 11., 59 im 12., 53 im 13., 50 im 14., 68 im 15. und 53 im 16.

    Ich dachte, eigentlich müssten diese Angaben mal stichprobenartig überprüft werden. Das Kapitel, das ich mir aussuchte, ist das 8. Kapitel des vierten Buchs, es enthielt offenbar nicht zu viel, nicht zu wenig Dialoganteil, 53%, also genau der richtige Umfang für eine Stichprobe. Wenn man nun alle Wörter in diesem Kapitel zählt, kommt man auf 2.422 Wörter. Davon sind 1.251 Wörter in direkter Rede geschrieben. Nach meinen Berechnungen sind das rund 52% Dialoganteil. Die offizielle Angabe liegt damit ganz eindeutig im Bereich der Fehler­toleranz, und deshalb sei diese vorzügliche Literatur, die sekundäre wie natürlich auch die primäre, hiermit allen Lesern ans Herz gelegt.
     

  • 100 einsilbige Schriftsteller

     
    Arndt
    Arp

    Bahrdt
    Benn
    Bloch
    Böll
    Brant
    Brasch
    Brecht
    Brett
    Broch
    Brod
    Busch

    Christ
    Coe

    Dick
    Dor
    Dorst

    Eich
    Erb

    Fet
    Frayn
    Freud
    Fried
    Fries
    Frisch
    Frost

    Gide
    Goetz
    Goldt
    Graf
    Grass
    Greene

    Hacks
    Hauff
    Hein
    Hein
    Heym
    Hogg
    Huch
    Huch
    Hume

    Ilf

    Jahnn
    Jens
    Joyce

    Kant
    Keats
    Kerr
    King
    Kirsch
    Kirsch
    Kling
    Kracht
    Kraus
    Kroetz

    Lenz
    Lind
    Loest

    Mann
    Mann
    Mann
    Mann
    Mann

    Neuss

    Orths
    Ott

    Paul
    Poe
    Pound
    Proust

    Roth
    Roth
    Roth

    Sachs
    Sachs
    Schleef
    Schlink
    Schmidt
    Schuh
    Self
    Shaw
    Spiel
    Stein
    Stein
    Sterne
    Storm
    Sue

    Tieck

    Weiss
    Wilde
    Wolf
    Wolfe
    Woolf

    Yeats

    Zahl
    Zech
    Zorn
    Zweig
    Zweig

     

  • Was Deutsch kann

    Auch wenn im »Centaur«, dem Kundenmagazin der Drogeriekette Rossmann, gerne von ›Rossmannstadt Hannover‹ die Rede ist (so wie man ja auch von Lutherstadt Wittenberg spricht), befindet sich die Konzernzentrale gar nicht in Hannover, sondern in Burgwedel. Nicht in Burgwedel allerdings, sondern auf einem Schloss bei Dresden machte, von der literarischen Öffentlichkeit gänzlich unbemerkt, Uwe Tellkamp die Kulturredakteurin der HAZ, Martina Sulner, anlässlich eines Interviews zur Sau.

    Erschienen ist es in der Ausgabe 7/2011 des Kundenmagazins der Drogeriekette Rossmann. Dort beanstandet Uwe Tellkamp, dass in der ansonsten durchgehend positiven HAZ-Rezension seiner Schwebebahn auch Folgendes steht: »Tellkamp schreibt in der ersten Hälfte des Buches dermaßen geschraubt und gestelzt, dass es dem Leser auch auf die Nerven gehen kann. Die Sätze sind unendlich lang und verschachtelt, die vielen Sprachbilder oft schief und pathetisch

    Die »Centaur«-Redakteure fragen ihn deshalb: »Ist das Geschraubte, Gestelzte, Verschachtelte für Sie eine dichterische Notwendigkeit? Oder wollen Sie Ihre Leser herausfordern und es ihnen möglichst schwer machen?« Sofort greift Uwe Tellkamp »nach der Ausgabe der ›Schwebebahn‹, die auf dem Tisch liegt, und liest« den Redakteuren des Kundenmagazins der Drogeriekette Rossmann zwar nicht die erste Hälfte des Buches, aber doch immerhin »den ersten Satz vor«. Dieser erste Satz lautet:

    »Das Dresden meines Temperaturgedächtnisses ist eine Winterstadt voller Fernwärmerohre und Heizungen, von deren Rippen die Farbe abgeplatzt war; oft lag ich, ein Junge von zehn oder elf Jahren, nachts wach und lauschte den Flüsterstimmen der Gespenster, die in der Braunkohle wohnten und durch die Überredungskünste von Riesaer Sicherheitszündhölzern und Flammat-Kohleanzünder (weiß, hartseifig – oder braun und zäh wie ›Plombenzieher‹-Toffeebonbons) aus ihren tertiären Schlafstätten gelockt wurden.«

    Nachdem Uwe Tellkamp mit dem Satz fertig ist, beginnt er eine Tirade, wie sie auch Joachim Lottmann nicht furioser hätte gestalten können:

    »Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber für mich ist das ein Satz, der vollkommen klar ist. Es gibt Sätze, die komplexer sind, aber wenn Sie sie wirklich mal laut lesen, werden Sie hören, dass die Beziehungen der Nebensätze zueinander vollkommen klar sind, und darüber lasse ich nicht mit mir reden. Da hat die Dame kein Ohr. Das muss sie sich von mir sagen lassen. Da hört sie nichts, ist sie taub, da versteht sie nichts und weiß nicht, was Deutsch kann. Vermutlich ist sie an Hauptsatzprosa geeicht, die journalistisch funktioniert, damit Abonnenten und Werbekunden nicht abspringen.«

    Das Kundenmagazin versucht daraufhin, Uwe Tellkamp zu beruhigen, wechselt das Thema und stellt ihm gleich vier Fragen hintereinander: »Was machen Sie, wenn Sie nicht schreiben? Ganz alltägliche Dinge? Kaufen Sie selbst ein? Beispielsweise bei Rossmann?« Uwe Tellkamp antwortet, nun wieder ganz entspannt:

    »Ich bin doch ein ganz alltäglicher, normaler Mensch. Um halb Acht bringe ich meinen Sohn in den Kindergarten, dann kaufe ich auf dem Rückweg ein paar Semmeln, und bei Rossmann bin ich auch öfter. Da kaufe ich übrigens ab und zu auch mal eine DVD, denn es ist ganz schwierig für mich, mal in die Stadt reinzukommen.«

     

  • 60 berühmte Doppelinitiale

    (Nach dem groooßen Erfolg der 50 berühmten Mittelinitiale🙂

     
    A. A. Milne
    A. L. Kennedy
    A. R. Penck

    B. A. Baracus
    B. B. King

    C. C. Catch
    C. F. Meyer
    C. G. Jung
    C. H. Beck
    C. S. Lewis
    C. W. Ceram

    D. H. Lawrence

    E. E. Cummings
    E. M. Cioran
    E. M. Forster
    e. o. plauen
    E. O. Wilson
    E. T.

    F. C. Delius
    F. C. Weiskopf
    F. K. Waechter
    F. W. Bernstein
    F. W. Murnau
    FX Karl

    G. G. Anderson
    G. K. Chesterton

    H. C. Artmann
    H. G. Wells
    H. M. Murdock
    H. P. Baxxter
    H. P. Lovecraft

    I. M. Pei

    J. D. Salinger
    J. J. Abrams
    J. K. Rowling
    J. K. Simmons
    J. M. Coetzee
    J. R. Ewing

    k. d. lang
    KD Wolff
    KT zu Guttenberg

    L. A. Lakers

    M. C. Escher
    M. M. Warburg
    M. N. Roy

    N. N.

    O. J. Simpson
    O. W. Fischer

    P. D. James
    P. G. Wodehouse
    P. M. Magazin
    P. P. Arnold
    P. T. Barnum

    T. C. Boyle
    T. E. Lawrence
    T. S. Eliot
    T. V. Kaiser

    V. S. Naipaul

    W. C. Fields
    W. H. Auden

     

  • Von Berlin nach Baden-Baden

    Sophie Rois hatten wir schon lange nicht mehr schreien hören, deshalb entschlossen wir uns, mal wieder in die Volksbühne zu gehen. Wir waren zwar erst vier Tage zuvor dort gewesen, aber nur im Roten Salon, wo das neue und natürlich neuartige Computerspiel »TwinKomplex« vorgestellt wurde, für das berühmte Fassbinder-Schauspieler wie Irm Hermann leibhaftig Videosequenzen eingespielt haben.

    Weil »Der Spieler« ja einer der kürzeren Dostojewskis ist, kann, so dachten wir, die Inszenierung auch nicht soo lange dauern. Ein Irrtum! Schon der Titel war gefaket, es ging hauptsächlich gar nicht um den »Spieler«, sondern unter anderem um das viel weniger bekannte, aber noch viel bessere »Krokodil«, und wie immer bei Castorf waren die Videosequenzen und Sophie Rois’ Geschrei am besten.

    In der Pause bekamen wir heraus, dass das Stück noch bis Mitternacht dauern sollte, insgesamt also fünf Stunden. Natürlich wollten wir aber auch noch ein Bier trinken und gingen deshalb unverzüglich in eine der umliegenden Kneipen. Wir kamen wieder auf die Berlin-Wahl zu sprechen und die wundervolle Szene vom Wahlabend, als das SPD-Parteivolk einem von Wowereit in der Hand gehaltenen Teddybären zujubelte.

    Außerdem erfuhr ich von der hochschwangeren Kellnerin, dass »TwinKomplex«, das Computerspiel aus dem Roten Salon, von Leuten entwickelt wird, die früher mal »Lettre International« geleitet o. ä. haben, und dass Dostojewski in Moskau geboren ist!

    Weniger schön war der Nachhauseweg. Ganz entgegen meiner Gewohnheit ging ich nicht zu Fuß, wie es Rousseau, Kant, Franz Hessel und eben alle großen Denker vorgemacht haben. Sondern weil ich am Hackeschen Markt eine S-Bahn schon dastehen sah, sprang ich vor lauter Freude gleich hinein und fuhr los.

    Seit nunmehr anderthalb Jahren war ich wegen des S-Bahn-Chaos immer entweder gelaufen oder U-Bahn gefahren, und kaum schloss sich die Tür, wurden natürlich die Fahrscheine kontrolliert. Es gab nichts drum herumzureden, weder hatte ich überhaupt nur daran gedacht, dass ich ein Ticket brauche, noch hatte ich damit gerechnet, dass die S-Bahn nach so vielen Jahren Chaos plötzlich wieder Kontrolleure ausschickt.

    Ich ließ mir sofort den Überweisungsschein aushändigen. Die 40 Euro Strafe musste ich dann an die infoscore Forderungsmanagement GmbH überweisen, die kurioserweise in 76532 Baden-Baden sitzt, wo ja auch schon Dostojewski usw. usw.