Autor: Josik

  • 100-Seiten-Bücher – Teil 38 Immanuel Kant: »Grundlegung zur Metaphysik der Sitten« (1785)

    Als Ahnherr des Hundertseiterprojekts darf Arthur Schopenhauer gelten, heißt es doch wörtlichstens in seinem Buch »Über die Grund­lage der Moral« (übrigens dem besten philosophischen Werk, das jemals geschrieben wurde): »Dem Verständniß gegenwärtiger, die Kantische Ethik im tiefsten Grunde unterwühlenden Kritik wird es überaus förderlich seyn, wenn der Leser jene ›Grundlegung‹ Kants, auf die sie sich zunächst bezieht, zumal da diese nur 128 und XIV Seiten (bei Rosenkranz in Allem nur 100 Seiten) füllt, zuvor mit Aufmerksamkeit nochmals durchlesen will, um sich den Inhalt derselben wieder ganz zu vergegenwärtigen.«

    Und genau diese Stelle nahm ich dann zum Anlass, die »Grundlegung zur Metaphysik der Sitten« mit Aufmerksamkeit nochmals durch­zulesen, um mir den Inhalt der Kantischen Ethik wieder ganz zu vergegenwärtigen. Kurioserweise liest sich Kants Büchlein aber in Teilen wie ein Werk aus Hugendubels Ratgeberliteratur-Regal, denn was soll man etwan von einer Stelle wie dieser halten: »Man kann […] nicht nach bestimmten Prinzipien handeln, um glücklich zu sein, son­dern nach empirischen Ratschlägen, z. B. der Diät, der Sparsamkeit, der Höflichkeit, der Zurückhaltung usw., von welchen die Erfahrung lehrt, daß sie das Wohlbefinden im Durchschnitt am meisten befördern.«

    Wenn nun jemand ganz grundsätzlich fragte, ob hier dem Alleszermal­mer oder aber ob dessen Unterwühler beizustimmen sei, so müsste man auf folgende Stelle in jenem Dialog verweisen (hier zwischen 10’05“ und 10’15“ anzukucken), der vor ein paar Tagen zwischen dem derzeitigen Juniorprofessor für Theoretische Philosophie an der Universität Stuttgart Philipp Hübl (dessen Bruder, ein glücklicher FAS-Abonnent, auf eine entsprechende Frage der FAS soeben das FAS-Feuilleton an erster Stelle seiner drei FAS-Lieblingsressorts nannte) einerseits und Stefan Raab andererseits statthatte. Raab: »Das Schöne an Philosophie ist: Philosophie ist nie richtig und nie falsch.« – Hübl: »Das stimmt nicht, sorry, nee.« – Raab: »Das stimmt nicht? Das ist aber meine Philosophie.«

    Länge des Buches: ca. 176.000 Zeichen. – Ausgaben:

    Immanuel Kant: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. In: Immanuel Kant’s sämmtliche Werke. Herausgegeben von Karl Rosenkranz und Friedr. Wilh. Schubert. Achter Theil. Leipzig: Voss 1838. S. 1–100 (= 100 Text­seiten) (online)

    Immanuel Kant: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. Herausgegeben von Karl Vorländer. Unveränderter Neudruck der 3. Auflage. Leipzig: Meiner 1947. S. 1–95 (= 95 Textseiten).

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  • 100-Seiten-Bücher – Teil 35 Johann Gottfried Seume: »Mein Leben« (1813)

    Der letzte Satz in Seumes Autobiografie lautet: »Und nun –«. Natürlich würden sich diese Worte samt dem Gedankenstrich auch ganz hervor­ragend als Grabinschrift eignen und dergestalt den Pragmatismus solcher berühmten Grabsprüche wie: »Es liegt begraben die ehrsame Jungfrau Nothburg Nindl / gestorben ist sie im siebzehnten Jahr / just als sie zu brauchen war« ausstechen. Allerdings war dieser Schluss so nicht beabsichtigt, vielmehr ist Seume zwischendurch gestorben, und seine Autobiografie kann nunmehr nur deshalb den Hundertseitern zugeschlagen werden, weil sie Fragment geblieben ist.

    Sehr schön finde ich, dass Seume mehrmals das Wörtchen Hm ver­wendet, einmal auf S. 20 der Reclam-Ausgabe: »Mein Vater, der den Vorfall hörte, sagte weiter nichts als sein bedenkliches Hm, und ich habe nie seine Meinung über den streitigen Punkt erfahren«, und dann auf S. 27: »[E]in Hm hm mit Kopfschütteln oder ein ›du kommst jetzt nicht vorwärts, mein Sohn!‹ waren hinlänglich, mich in den Gang zu bringen.« Das Grimm’sche Wörterbuch fährt in den Belegstellen zum Lemma HM einen Rattenschwanz an Großautoritäten auf, den Maler Müller, Jean Paul, Schiller, Göthe, Klinger, Immermann usw. usw., irrerweise auch einen dort so genannten Kotzebuk – doch Seume fehlt.

    Einen seiner Lehrer schließlich zitiert der dort Fehlende mit dem Wortwitz: »Lumina mundi wollt ihr werden; ja, ihr Halunken, lumpenhundi werdet ihr sein.« (S. 35) Im Grimm’schen Wörterbuch ist sogar das Wort lumpenhündlein verzeichnet! Übrigens kann man dumme Menschen, die abgeschmackte chinesenfeindliche Witze über den Verzehr von Hunden und Katzen reißen, jederzeit mit diesem Zitat aus Seumes Autobiografie beschämen: »Wenn […] ich den schwarzstriefigen Kommisspeck und auch den Rauchlachs zum Überdruß gegessen hatte, schoß uns Serre in den Außengegenden auch wohl einen fetten Hund oder einen feisten Kater, deren frisches Fleisch und Fett uns nicht selten leckere Mahlzeiten gaben.« (S. 95f.)

    Länge des Buches: ca. 181.000 Zeichen. – Ausgaben:

    J. G. Seume: Mein Leben. Leipzig: Göschen 1813. S. 1–183 (= 183 Textseiten) (online)

    Johann Gottfried Seume: Mein Leben. Nebst Fortsetzung von C. A. H. Clodius. Mit einem Nachwort von Günther Birkenfeld. Stuttgart: Reclam 1977. S. 3–98 (= 96 Textseiten)

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  • 100-Seiten-Bücher – Teil 33 Lewis Carroll: »Tagebuch einer Reise nach Rußland im Jahr 1867« (1928/1935)

    Günter Grass, der nach Angaben von Sibylle Berg »ungefähr 119« Jahre alt ist, hat vor ein paar Monaten, von der Öffentlichkeit fast gänzlich unbeachtet, ein einzelnes Kapitel aus dem »Butt« neu ausgekoppelt und als Hundertseiter herausgebracht. Das den Tagebüchern von Charles Lutwidge Dodgson entnommene »Russian Journal« ist da freilich eine Auskopplung ganz anderen Kalibers. Auf der Reise nach Russland stellt Carroll fest: »Gewisse Teile von Berlin sehen aus wie ein Schlachthaus für Fossile«, eine Beobachtung, die ja heute noch genauso zutrifft.

    Ich lese dieses Buch, weil es so unbeschreiblich toll und voller allerliebster Zeichnungen ist, jedes Jahr etwa zwei Mal, hierin dem Beispiel Christiane Frohmanns folgend, die über Kafkas »Proceß«, eines ihrer Lieblingsbücher, neulich sagte: »Dieses Buch lese ich mindestens einmal im Jahr«.

    Felix Philipp Ingold lobt im Nachwort zur deutschen Ausgabe: »Bezüg­lich der Zahlen fällt auf, daß Carroll/Dogdson […] Daten, Termine, Größen oder Distanzen präzis anzugeben pflegt, daß er […] mit genauen Zahlenangaben aufwartet« (S. 126). Dies trifft aber auf folgende, für einen Mathematiker doch recht ungewöhnliche Stelle nicht zu: Am 24. August notiert Carroll, er habe »ein bis zwei Kirchen« (im Original: »one or two churches«) besucht.

    Solche Ungenauigkeiten finden sich aber etwa auch in »Dichtung und Wahrheit«, z. B. dort, wo Goethe berichtet, wie er einmal auf den Gedanken verfallen sei, einen Roman »von sechs bis sieben Geschwistern« zu erfinden, und dann zählt er sie allesamt auf: eine Schwester und sechs Brüder. Macht sieben. Aber womöglich zählt der jüngste Bruder gar nicht, einfach aus dem Grund, weil er eben der jüngste ist, oder wie Goethe ihn nennt: das »Nestquackelchen«.

    Länge des Buches: > 115.000 Zeichen (?). – Ausgaben:

    Lewis Carroll: Tagebuch einer Reise nach Rußland im Jahr 1867. Aus dem Engl. von Eleonore Frey. Hrsg. von Felix Philipp Ingold. Ostfildern: Edition Tertium 1997. S. 3–115 (= 113 Textseiten, einige davon mit hübschen Bildchen vollgepflastert)

    Lewis Carroll: Tagebuch einer Reise nach Rußland im Jahr 1867. Aus dem Engl. von Eleonore Frey. Hrsg. von Felix Philipp Ingold. Frankfurt/M; Leipzig: Insel-Verlag 2000.

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  • Marlene Streeruwitz

    In dem berühmten »Spiegel«-Interview mit Marlene Streeruwitz (Ausg. 48/2006, S. 173) ist übrigens wirklich jeder einzelne Satz spitze: »Ich will als handelndes und denkendes Subjekt nicht auf ein sprechendes Geschlechtsorgan reduziert werden.« Oder: »Das Theater hält sich selbst nicht für kritisierbar. Das muss besprochen werden.« Oder: »Wir sind damit wieder beim Hanswurst-Theater auf dem Marktplatz, von dem Lessing einst wegwollte.« Oder: »Ich bin telefonisch erreichbar.« Oder auf die Frage: »Sie bekennen sich zur Humorlosigkeit?« die schöne Antwort: »Ja.« Ach ach, ich könnte jahrzehntelang nichts anderes tun als aus diesem herrlichen Interview zitieren!
     

  • 25 berühmte Günters und 25 berühmte Günthers

    (inspiriert von Marcus Jauer)

    25 berühmte Günters ohne H:

    Günter Amendt
    Günter Baumann
    Günter Behnisch
    Günter Blöcker
    Günter de Bruyn
    Günter, der innere Schweinehund
    Günter Eich
    Günter Bruno Fuchs
    Günter Gaus
    Günter Graß
    Günter Grünwald
    Günter Guillaume
    Günter Herburger
    Günter Kunert
    Günter Lamprecht
    Günter Netzer
    Günter Nooke
    Günter Pfitzmann
    Günter Rexrodt
    Günter Rohrmoser
    Günter Schabowski
    Günter Strack
    Günter Struve
    Günter Verheugen
    Günter Wallraff

    25 berühmte Günthers mit H:

    Günther and the Sunshine Girls
    Günther Anders
    Günther Beckstein
    Günther Beelitz
    Günther, der Treckerfahrer
    Günther Fielmann
    Günther Fischer
    Günther Grotkamp
    Günther Haack
    Günther Maria Halmer
    Günther Hoffmann
    Günther Jauch
    Günther Kaufmann
    Günther Kaunzinger
    Günther Klum
    Günther von Lojewski
    Günther Lütjens
    Günther Nonnenmacher
    Günther Oettinger
    Günther Patzig
    Günther Quandt
    Günther Rall
    Günther Rühle
    Günther Saßmannshausen
    Günther Weisenborn

     

  • 100-Seiten-Bücher – Teil 29 Johann Gottfried Herder: »Journal meiner Reise im Jahr 1769« (1846)

    Laut Arno Schmidt und einigen anderen steht das Original auf »72 enggeschriebenen Quartseiten«. Gedruckt sind das rund hundert Seiten, die als ›Reisejournal‹ allerdings ziemlich irreführend gelabelt sind: Über die Reise selbst, die Herder von Riga nach Paris und von dort wiederum ins sogenannte Weimar des Nordens, nach Eutin, führte, erfährt man hier fast gar nichts, vielmehr hat man bei der Lektüre über weite Strecken den Eindruck, die Notate eines über­eifrigen jungen bayerischen Kultusministeriumsbeamten vor sich zu haben, der auch im Urlaub noch die bestmöglichen Schullehrpläne auszuarbeiten versucht.

    Wie sehr sich der sturmunddrängende Mittzwanziger vor lauter Begeisterung über seine Ideen – hier für die zweite Klasse – über­schlägt, sieht man an den inflationär gebrauchten Ausrufezeichen: »Welch Gymnasium! Welche schöne Morgenröte in einer antiken Welt! Welch ein römischer Jüngling wird das werden! Hier also kommt antike Historiographie, Epistolographie, Rhetorik, Grammatik! Man sieht, wie übel, daß man […] überhaupt Grammatik einer antiken Sprache nicht von der modernen unterscheidet! Hier wird alles unterschieden, lebendig gekostet, nachgeeifert! In dieser Klasse muß sich der lateinische Stil bilden!« (S. 55)

    Na ja, und so geht’s halt weiter. Immerhin, ursprünglich war das Journal gar nicht zur Veröffentlichung bestimmt. Was Herder an den Franzosen schließlich überhaupt nicht fassen kann, ist folgendes: »Alles spricht hier Französisch, sogar Piloten und Kinder!« (S. 77) Kurz darauf notiert er noch einmal für sich als Gedächtnisstütze: »Ja, aber daß ich nirgends die Frage vergesse: in Frankreich reden auch die Kinder französisch?« (S. 80; vgl. YouTube)

    Länge des Buches: ca. 182.000 Zeichen. – Ausgaben:

    Johann Gottfried Herder: Journal meiner Reise im Jahr 1769. Berlin: Aufbau-Taschenbuch-Verlag 1999. S. 3–113. (111 Textseiten)

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  • 100-Seiten-Bücher – Teil 28 Joseph Brodsky: »Erinnerungen an Leningrad« (1986)

    Der Hanser Verlag hat aus Joseph Brodskys 500-seitigem Essayband »Less Than One« (1986) für das deutsche Publikum zunächst einen kompakten Hundertseiter herausgeschält. Dieser Auswahlband »Erinnerungen an Leningrad« erschien 1987 und lässt sich qua Titel auch heute noch gut als Tourismusartikel verkaufen, jedenfalls wird er weiterhin in allen St.-Petersburg-Reiseführern empfohlen. Er besteht aus zwei Essays, dem ziemlich faden »Weniger als man« und dem fulminanten »In eineinhalb Zimmern«.

    Seine Übersetzer hat Brodsky auf jeden Fall mit folgendem Satz, in dem es um das Wort ›Jude‹ geht, vor Probleme gestellt: »In printed Russian, ›yevrei‹ appears nearly as seldom as, say, ›mediastinum‹ or ›gennel‹ in American English.« Die Deutschen übersetzen noch recht brav: »Im gedruckten Russisch kommt ›Jewrej‹ fast so selten vor wie etwa ›Mediastinum‹ oder ›Lichthaube« im Deutschen.« (S. 13) Die Russen hingegen lassen richtig die übersetzerische »Freiheits-Sau« raus: »В печатном русском языке слово ›еврей‹ встречалось так же редко, как ›пресуществление‹ или ›агорафобия‹.«

    ›Transsubstantiation‹ und ›Agoraphobie‹ sollen also im gedruckten Russisch selten vorkommen! Das ist mit Google Books heute leicht widerlegbar, es ist aber noch harmlos gegen die folgende Stelle – den entsetzlichsten Druckfehler, der mir jemals begegnet ist: Auf S. 62 der deutschen Ausgabe ist von der »Frontanka« die Rede.

    Gut, dafür kann Brodsky nichts; in seinem zweiten Essay schreibt er allerdings höchstpersönlich: »Ein normaler Mensch erinnert sich nicht daran, was er zum Frühstück gegessen hat.« (S. 108) Das ist nun wirklich völliger Blödsinn, denn jeder normale Mensch erinnert sich in der Regel jeden Tag daran, was er zum Frühstück gegessen hat, aus dem einfachen Grund, weil man normalerweise jeden Tag das Gleiche zum Frühstück isst. Ich zum Beispiel trinke seit mehreren Jahrzehnten jeden Tag zum Frühstück eine heiße Schokolade und esse dazu eine Stulle, und mir ist es sogar gelungen, diese Frühstücksangewohnheit auch auf Reisen beizubehalten, egal wo ich gerade auf Urlaub war, ob in Schottland oder auf der Krim, ob in La Réunion oder wie neulich mit Marcuccio und Paco in Chemnitz.

    Länge des Buches: > 115.000 Zeichen. – Ausgaben:

    Joseph Brodsky: Erinnerungen an Leningrad. Aus d. Amerikan. von Sylvia List u. Marianne Frisch. Frankfurt/M.: Fischer-Taschenbuch-Verlag 1990. S. 3–119. (= 117 Textseiten)

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  • Post von Philip Roth

    Im Jahr 2009 wurde Reich-Ranicki in der Kolumne »Fragen Sie Reich-Ranicki« von Unterschrift unlesbar suggestivgefragt, warum Philip Roth den Nobelpreis bekommen sollte. Im Prinzip die gleiche Frage war Reich-Ranicki aber auch schon 2007 gestellt worden, und als die mehr oder weniger gleiche Frage ihm auch 2008 gestellt wurde, antwortete Reich-Ranicki völlig zu Recht: »Bitte, lassen Sie mich in Ruhe.«

    Nun hat Philip Roth den Nobelpreis noch immer nicht erhalten, man sollte aber natürlich gewappnet und informiert sein. Deshalb: Philip-Roth-Hagiografen, aufgepasst! In der Juniausgabe des »Atlantic« ist auf Seite 14 folgender Leserbrief von Philip Roth abgedruckt:

    »Joseph O’Neill ist in seinem Artikel über mein Werk ein unglück­licher biografischer Irrtum unterlaufen. Er schreibt, ich hätte einen Nervenzusammenbruch gehabt. Diese Aussage ist nicht zutreffend, und mein Lebensweg gibt rein gar nichts her, was diese Aussage stützen könnte.

    Nach einer Knie-OP im März 1987, als ich 54 Jahre alt war, bekam ich das Schlafmittel Halcion verschrieben, ein hypnotisches Sedativ aus der Medikamentengruppe der Bendzkodiazepine, das eine ganze Reihe von Nebenwirkungen lähmender Art hervorrufen kann. Man spricht bisweilen auch von der »Halcion-Durchgeknalltheit«. Zu der Zeit, als mir von meinem Orthopäden dieses Medikament für die Nachbehandlung verschrieben wurde, war es in Holland, Deutschland und anderswo aufgrund seiner extremen Nebenwir­kungen, die bis hin zu Selbstmord gehen konnten, bereits vom Markt genommen worden.

    Die Nebenwirkung, wie ich selbst sie verspürte, entsprach exakt jener, wie sie klinisch eindeutig definiert und in der medizinischen Literatur erschöpfend dokumentiert ist, sie begann, als ich das Mittel zu nehmen anfing, und sie endete abrupt, als ich es, mit hilfreicher Unterstützung meines Hausarztes, absetzte.

    In einem Aufmacher der New York Times aus dem Januar 1992 wurde unter der Überschrift ›Schlaftablettenhersteller vertuschten Daten über die Nebenwirkungen‹ Halcion als ›gefährlicher denn sonstige Schlafmittel‹ bezeichnet und – genau so habe ich es in den drei Monaten erlebt, in denen ich, mir nichts weiter dabei denkend, dieses Mittel einnahm – als ›eher dazu angetan, Symptome wie Amnesie, Paranoia, Depression und Halluzinationen zu verursachen‹.

    Philip Roth
    New York, N. Y.«

    Revenge is sweet, dachten sich da aber die »Atlantic«-Macher. Wenn man nämlich den Leserbrief gelesen hat und dann genau zweimal umblättert, springt einen im Fettdruck das folgende Barack-Obama-Zitat aus einem »Rolling Stone«-Interview an:

    »The New Yorker and The Atlantic still do terrific work.«

     

  • 100-Seiten-Bücher – Teil 27 Lion Feuchtwanger: »Moskau 1937« (1937)

    Als Lion Feuchtwanger diesen Text im Jahr 1937 veröffentlichte, löste er damit einen der größten Skandale in der Geschichte der Weltlitera­tur aus. Er berichtet davon, wie er auf seiner Reise in die Sowjetunion sich mehrere Stunden mit Stalin persönlich unterhalten hat. Stalin selbst scheint von seinem Gesprächspartner allerdings ziemlich ge­langweilt gewesen zu sein, wie Feuchtwanger offen zugibt: »Stalin […] malt, während er seine bedachten Sätze formt, mit blau und rotem Bleistift Arabesken und Figuren auf ein Blatt Papier.« (S. 82)

    Manchmal verwickelt Feuchtwanger sich in Widersprüche, einmal sagt er: »Stalin also redet laut und deutlich« (S. 60), dann sagt er wieder: »Stalin […] spricht mit leiser […] Stimme«. (S. 82). Da soll man sich auskennen! Interessant aber, wie sehr Feuchtwanger zufolge die Sowjetmenschen sich gegenüber ausländischen Ministern als Spaß­bremsen gaben: »Der akkreditierte Minister eines ausländischen Staates erzählte mir, und es war nur halb im Scherz, wie er an Feier­tagen sehnsüchtig vor den Swimming-pools der Arbeiter stehe; er habe nirgends Zutritt.« (S. 15)

    Im Westen hingegen sieht es nicht nur an Feiertagen düster aus: »Die meisten Briefe«, berichtet Feuchtwanger, »die junge Menschen außer­halb der Sowjet-Union an mich schreiben, sind SOS-Rufe. Zahllose junge Menschen im Westen […] haben nicht nur keine Aussicht, die Arbeit zu bekommen, die ihnen Freude macht, sondern überhaupt keine Aussicht auf Arbeit.« (S. 19f.) Es ist zwar nicht bekannt, ob Feuchtwanger diesen SOS-Rufern dann den Rat erteilt hat, in die Sowjetunion rüberzumachen, aber offensichtlich gab es eben schon damals Schriftsteller, die nachgrübelten, wie man junge Menschen wieder in Arbeit bringt und welche Maßnahmen für einen Standort überlebensnotwendig sind. Unter den Literaten machen sowas heutzutage ja nur noch Günter Grass und sein Biograf Michael Jürgs.

    Länge des Buches: > 115.000 Zeichen. – Ausgaben:

    Lion Feuchtwanger: Moskau 1937. Ein Reisebericht für meine Freunde. Amsterdam: Querido Verlag 1937.

    Lion Feuchtwanger: Moskau 1937. Ein Reisebericht für meine Freunde. Berlin: Aufbau-Taschenbuch-Verlag, 2. Auflage, 1993. S. 3–111. (= 109 Textseiten)

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  • 100-Seiten-Bücher – Teil 26 Peter Handke: »Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien« (1996)

    Als Peter Handke diesen Text im Januar 1996 in der S-Zeitung veröffentlichte, löste er damit einen der größten Skandale in der Geschichte der Weltliteratur aus. Noch fast zehn Jahre später hat Elfriede Jelinek vermutet, dass Handke den Nobelpreis wohl nur deshalb nicht kriegt, weil er immer »wieder irgendwelche Blödheiten über Serbien äussert«.

    Andere hingegen loben Handke für seinen unbestechlichen Blick aufs Detail, aufs Unscheinbare, dem sich dann umso tiefere Erkenntnisse verdanken würden, und tatsächlich: Man staunt nicht schlecht, wenn Handke während seiner Winterreise einen Supermarkt neben »dem einheimischen Delo, der Tageszeitung aus Ljubljana, das deutsche Bild« (S. 110) vorrätig haben lässt, im Neutrum!: das deutsche Bild, obwohl doch ausnahmslos jeder andere Mensch sonst sagt: die Bild. Handke aber besteht da erfreulicherweise auf dem korrekten Genus, und man kann sicher sein, dass er grammatikalisch präzise auch ›der König der Biere‹ sagen würde.

    Andererseits, so weit kann’s mit dem Blick aufs Detail bei Handke dann auch wieder nicht her sein, der Hitler-Attentäter Georg Elser wird von Handke furchtbarerweise und auch in der 3. Auflage des Buches noch unkorrigiert »Georg Elsner« (S. 38) genannt, und in einem Satz, der so beginnt: »Was war das etwa für ein Journalismus, wie etwa« (S. 123), hätte Handke ruhig ein ›etwa‹ weglassen können.

    Auf Seite 42 übrigens stößt Handke in einer Zeitung auf ein »Folge­photo«, das erinnerte mich daran, dass ich neulich in irgendeinem Museumsbericht das Wort »Folgesaal« gelesen und mich gleich maßlos über diesen vermeintlichen Quatsch-Neologismus aufgeregt habe, aber wenn selbst der von Jelinek als »lebender Klassiker« titulierte Handke das Wort »Folgephoto« benutzt, dann ist natürlich auch das Wort »Folgesaal« völlig o.k.

    Länge des Buches: ca. 130.000 Zeichen. – Ausgaben:

    Peter Handke: Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien. 3. Aufl. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1996. S. 3–135 (= 133 Textseiten)

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