Autor: Josik

  • Willi Winkler und der Ulf-Poschardt-Mythos

    Die Feuilletonforschung muss ihr Arbeitsgebiet nunmehr auch auf die Glamour-Zeitschrift GALA ausdehnen. Am vergangenen Sonntag, gerade als die Buchmesse dabei war, zu Ende zu gehen, machte Marcuccio in irgendeiner zwischen dem Café Puschkin und dem Hotel Seeblick gelegenen, komplett atmofreien Bäckerei mich nämlich darauf aufmerksam, dass der Aufmacher der damals aktuellen GALA von niemand Geringerem als Willi Winkler stammt.

    Auf Wikipedia steht, das Motto der Zeitschrift GALA sei: »Gute Nachrichten und schöne Bilder statt negativer Schlagzeilen und Leid«. Und es bestätigt sich hier wieder einmal, dass man Wikipedia grundsätzlich nichts glauben soll. Denn wie nicht anders zu erwarten, führt Willi Winkler das besagte Motto gewohnt subversiv ad absurdum. Gute Nachrichten gibt es in seiner Titelgeschichte schlichtweg nicht, geht es darin doch um den gereiften, aber auch um den jungen Karl-Theodor zu Guttenberg.

    Der erste, von der GALA-Redaktion stammende Satz unter einem Foto von Willi Winkler lautet: »Willi Winkler ist einer der renommiertesten deutschen Autoren.« Was die GALA-Redaktion dann aber im zweiten Satz dieser Bildunterschrift über Willi Winkler schreibt, ist die Tatsachenbehauptung des Jahres, wenn nicht des Jahrzehnts. Dort steht: »Exklusiv für GALA arbeitet er sich am Guttenberg-Mythos ab«. Der Witz dabei ist, dass Willi Winkler sich exklusiv für GALA eigentlich weniger am Karl-Theodor-zu-Guttenberg-Mythos abarbeitet als vielmehr am Ulf-Poschardt-Mythos – freilich ohne Ulf Poschardt ein einziges Mal beim Namen zu nennen.

    Ulf Poschardt wird als »ein amtlich anerkannter Ersteiger der sozialen Pyramide mit untrüglichem Blick« umschrieben, und Willi Winkler zitiert aus einem 2009 in der »Welt« erschienenen Artikel von Ulf Poschardt die folgenden beiden Sätze – den ersten Satz wörtlich, den zweiten Satz nur partiell: »Ein promovierter Adliger mit einer ebenso adligen, attraktiven Frau als Hoffnungsfigur einer betont sozialen Volkspartei ist in der Heimat des Egalitären eigentlich unmöglich. Wird solches als List der Geschichte möglich, gibt es der Figur ein Profil und eine Authentizität, welche in der Politik fast erodiert war.«

    Als Willi Winkler ein weiteres Mal Ulf Poschardts Namen umgeht, bezeichnet er ihn bloß als einen »Analytiker beim Abhorchen der sozialen Verhältnisse«. Besonders macht Winkler sich über Poschardts Wendung »List der Geschichte« lustig, indem er sie im vorletzten Satz seiner Story gehässigerweise noch einmal ironisch zitiert. Wenn es Schule machen sollte, dass solche genuin feuilletonistischen Kämpfe künftig vermehrt in der Yellow Press ausgefochten werden, so steigt die Spannung natürlich ins Unermessliche: Wird Ulf Poschardt einen Gegenangriff publizieren, und wenn ja, wo? Im »Gartenspaß«? Im »Umblätterer«? Im »Metal Hammer«?
     

  • 100-Seiten-Bücher – Teil 50 Peter Handke: »Versuch über den Stillen Ort« (2012)

    Leider kommt Der Umblätterer nicht umhin, einen philologischen Skandal riesenhaften Ausmaßes aufzudecken. Auf dem Cover dieses epochemachenden ›Versuchs‹ ist nämlich der größte Teil der ersten Manuskriptseite abgebildet. Man sieht dort Handkes wunderschöne, gestochen scharfe Handschrift; wie üblich hat er alles mit Bleistift geschrieben.

    Einzelne Wörter auf dieser Manuskriptseite sind durchgestrichen. Wenn man die Manuskriptseite auf dem Cover nun mit dem Beginn des gedruckten Fließtextes, im Buch ab Seite 7, kollationiert, stellt man fest: Die Worte, die im Manuskript gestrichen sind, kommen auch im gedruckten Text nicht vor. So weit hat also alles seine Richtigkeit. Im ersten Satz des ›Versuchs‹ berichtet Handke, dass er vor langer Zeit einmal einen Roman des englischen Schriftstellers A. J. Cronin gelesen habe, und er löst in einer Parenthese die Initialen dieses Autornamens wie folgt auf: »›Archibald Joseph‹, wenn ich mich nicht irre«. Haargenau so ist es auch auf dem Cover zu sehen – großartig!

    Im dritten Satz gibt Handke eine knappe Inhaltsangabe des Cronin’schen Romans, so wie er sich an ihn erinnert. Liest man den gedruckten Text, so steht da: »Eine englische Bergwerksgegend und die Chronik einer darbenden Bergleutefamilie, abwechselnd mit jener von betuchten Besitzern (›wenn ich mich nicht irre‹).« Kuckt man nun aber den Text auf dem Cover an, die Manuskriptseite, das Original – so steht da etwas völlig anderes, nämlich: »Eine englische Bergwerksgegend und die Chronik einer darbenden Bergleutefamilie, abwechselnd mit jener von betuchten Besitzern (wiederum: ›wenn ich mich nicht irre‹)«. Das wiederum und der darauffolgende Doppelpunkt sind hier eindeutig nicht gestrichen, sondern Bestandteil der Handkehandschrift!

    Warum sind im gedruckten Text dieses wiederum und der darauffolgende Doppelpunkt verschwunden? Steht hier Handke’sche Beschreibungspotenz gegen Suhrkamp’sche Editionsimpotenz? Dass ein Handkebuch erhaben ist, auch und gerade dann wenn es sich um ein poetologisches Scheißhaustraktat handelt, leuchtet ja unmittelbar ein. Umso unverantwortlicher sind also derartige Streichungsorgien, wie sie hier zelebriert wurden. Vielleicht wird Herr Dr. Fellinger oder wer auch immer einmal dazu Stellung nehmen müssen, wie es zu solchen Inkohärenzen kommen konnte.

    Eine Erklärung dahingehend, dass die Streichung des Wortes wiederum und des hierauf folgenden Doppelpunkts in Absprache mit Handke erfolgt sei, wäre natürlich allzu billig und auch völlig unglaubwürdig, abstrus und aberwitzig, schließlich präsentiert uns hier ein und dasselbe Buch je verschiedene Seiten des gleichen Textes, von denen man mit Fug und Recht der abgebildeten Manuskriptseite eine höhere, werktreuere Autorität wird zubilligen müssen. Suhrkamp müsste gewarnt sein: Das unmögliche Schachbrettcover eines anderen Verlags wurde bereits zum ikonischen Zeichen für den »ahnungslosen Dilettantismus« Peer Steinbrücks.

    Länge des Buches: ca. 90.000 Zeichen. – Ausgaben:

    Peter Handke: Versuch über den stillen Ort. Berlin: Suhrkamp 2012. S. 5–109 (= 105 Textseiten).

    (Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)

  • Nekrologstricher und Nekrologdealer

    Irgendwann während des morgendlichen Arbeitsessens im wunderbaren Café Leonar – ich hatte selbstverständlich das Josefstädter Frühstück bestellt – kam, wie so oft in diesen Tagen, die Rede auf den Papst, und ich hörte zum ersten Mal die denkwürdige These, dass Joseph Ratzinger, anders als etwa Karol Wojtyła, gar nicht genug Charisma besessen habe, als dass er jemals einen Attentatsversuch hätte befürchten müssen.

    Unmittelbar nach diesem Arbeitsfrühstück raste ich los zum S-Bahnhof Stadthausbrücke, aber leider war der Akku meines Handys alle und so konnte ich Dique nicht darüber in Kenntnis setzen, dass ich, der sich sonst niemals verspätet, mich etwas verspäten würde. Dique wartete schon am Ausgang Neuer Wall und wir eilten zu dieser hervorragenden Pelmeni-Butze (deren Namen ich leider vergessen habe), um dort das Mittagessen einzunehmen und weiter über John F. Kennedys Charisma zu diskutieren sowie über die Tatsache, dass nun allerorten Nachrufe auf Ratzinger zu lesen waren, die sich nicht Nachrufe nennen durften.

    Wir beschlossen, die Diskussion im herrlichen Café Paris fortzuführen, und waren uns einig, dass das Allerunsäglichste und Nervigste, was man im Internet überhaupt zu lesen bekommt, dieser verdammte Satz nach jeder einzelnen Eilmeldung ist: »In Kürze mehr auf SPIEGEL ONLINE.« Als Leser möchte man ja immer sämtliche Informationen sofort abrufbereit haben, und entsprechend müssen die Redaktionen gegenüber sämtlichen überhaupt denkbaren Eventualitäten jederzeit gewappnet sein. Zwar wünscht niemand, dass Ratzinger sterben wird, aber was, wenn es eben doch einmal irgendwann passieren sollte?

    Seine Biografie hatten alle Redaktionen bekanntlich längst eingetütet gehabt, und entgegen der Meinung mancherer Meckerer und Moserer ist es in Tat und Wahrheit eben überhaupt nicht pietätlos, darüber zu sprechen. Spätestens seit wir Andrej Kurkows grandiosen Roman »Picknick auf dem Eis« gelesen haben, ist ja uns allen der Beruf des auf absolut alles topvorbereiteten Nekrologredakteurs sogar ein bisschen ans Herz gewachsen. Jedenfalls überlegten wir jetzt im zauberhaften Café Paris, welcher lebende Deutsche eigentlich Charisma besitze. Uns fiel nur ein einziger ein, und auch nach sehr langem Nachdenken blieb es bei diesem einen: Helmut Schmidt natürlich.

    Wir fragten uns, ob die »Zeit« für den Fall des Falles vielleicht schon eine Sonderausgabe vorbereitet habe, die dann noch am gleichen Tag in Druck gehen wird, und Dique meinte, wir könnten doch einfach zum »Zeit«-Redaktionsgebäude laufen, das sei ganz in der Nähe, und dort den Pförtner fragen. Wo, wenn nicht dort, würde man darüber Gewissheit erlangen können? Ich hatte einige Bedenken und wollte eigentlich nicht persönlich dort aufkreuzen, sondern lieber anrufen, aber dann erinnerte ich mich wieder daran, dass ja mein Akku alle war. Wir zahlten also und sprinteten zum Speersort 1, doch welche Überraschung! – es gab am Eingang überhaupt keinen Pförtner.

    Wir stiegen in den Aufzug, ins Ungewisse, eine junge Frau hechtete noch im letzten Moment zu uns herein und fragte: »Wissen Sie, wo man zum Bewerbungsgespräch für ZEIT Reisen hin muss?« Dique und ich sagten unisono: »Dritter Stock«, und hofften insgeheim, dass das auch stimmte. Wir stiegen dort dann gemeinsam mit der jungen Frau aus, ließen ihr aber den Vortritt, ihr wurde von zwei Empfangsdamen der Weg gewiesen. Schließlich fragten wir die beiden Rezeptionistinnen, wer aus der Redaktion für Nekrologe zuständig sei.

    Überraschenderweise fragte eine der Damen mit einer absoluten Selbstverständlichkeit, d. h. ohne das leiseste Erstaunen in der Stimme und ohne jegliche Verwunderung – tja, aber was genau sie nun fragte, da gehen meine und Diques Erinnerungen auseinander. Ich meine ge­hört zu haben: »Wollen Sie sich anbieten?« Dique hingegen meint gehört zu haben: »Wollen Sie was anbieten?«

    Sich anbieten bedeutete, dass wir offenbar für seriöse freie Journalisten gehalten wurden, die sich für feste Stellen in der Nachrufabteilung bewerben. Etwas anbieten bedeutete, dass wir offenbar für seriöse freie Journalisten gehalten wurden, die einen, wenn nicht sogar mehrere ganz konkrete hochaktuelle selbstverfasste Nachrufe schon in der Tasche hatten und die in der Redaktion vorbeibringen wollten.

    Der Unterschied zwischen sich anbieten und was anbieten wäre also in etwa der Unterschied zwischen Nekrologstrichern und Nekrolog­dealern. Ich halte allerdings meine Version für die wahrscheinlichere, denn wie wir aus dem Aufzug wussten, wären wir ja nicht die einzigen gewesen, die sich an diesem Tag beworben hätten. Das Gespräch mit den Empfangsdamen endete jedenfalls so, dass uns zwei Telefon­nummern auf ein gelbes Post-it geschrieben wurden: eine Nummer für Nachrufe im Politikteil, die andere für Nachrufe im Feuilleton.

    Dass es da in Politik und Feuilleton also allem Anschein nach zwei verschiedene Nachrufabteilungen gibt, macht die Sache nun freilich erst recht vertrackt und eine Auflösung unserer Frage eigentlich unmöglich, denn wir können ja nicht wissen, ob Helmut Schmidt nach Einschätzung der »Zeit«-Redaktion mehr für die politischen Ämter, die er einmal innehatte, zu würdigen ist oder mehr für seine Weltweisheit.
     

  • »Financial Times Deutschland«-Hymne

    Zwei Tage vor ihrem Ende hat die FTD noch mal einen echten Scoop gelandet. Hatte Roland Kaiser nämlich noch im Jahr 2005 deshalb öffentlich gesungen, »damit Schröder Kanzler bleibt« (SPON), und hatte Schröder damals unmittelbar darauf die Wahl verloren, so erklärte der beliebte Schlagersänger nun im FTD-Interview nicht nur, dass er 2013 auch für Peer Steinbrück kampfsingen wolle, sondern es blieb ihm, Roland Kaiser, auch vorbehalten, diese historische, aber in der Fülle der Nachrichten irgendwie untergegangene Botschaft zu übermitteln: »Gerhard Schröder posthum zu negieren, das wäre falsch.«

    Als ich mich am Abend des 7. Dezember aufmachte, von Göttingen nach Witten zu fahren, war der ICE 534 enorm verspätet und ich konnte in Hannover den geplanten Anschluss-IC 2444 nicht mehr erwischen. Sowohl in sämtlichen Göttinger als auch in sämtlichen Hannoveraner Bahnhofskiosks war die letzte Ausgabe der FTD mit dem genialen Titel »Final Times Deutschland« ratzfatz ausverkauft. Aber das Glück war mir hold! Im ICE 552, mit dem zu fahren ich genötigt war, hatte nämlich irgendjemand die »Final Times Deutschland« liegenlassen, und so las ich sie gleich von der ersten bis zur letzten Zeile zwei Mal durch, nur die überflüssige Quatschbeilage »Interim-Management« ignorierte ich. Besonders begeisterte mich natürlich, dass auf der vierzehntletzten Seite ein Bericht aus Witten zu lesen war!

    Ganze zwei Mal las ich die FTD deswegen, weil ich nach der ersten beendeten Gesamtlektüre dachte, ich hätte irgendwo einen Beitrag von Willy Theobald übersehen. Aber nein! Es war unfassbar: Während z. B. Ines Zöttl allein auf der drittletzten Seite gleich mit zwei Beiträgen vertreten war (wobei ihr Nachname einmal für das internationale Publikum Zoettl und einmal für das deutschsprachige Publikum Zöttl geschrieben wurde), war Willy Theobald mit keinem einzigen Beitrag vertreten! Dass auf der einundzwanzigstletzten Seite ein für das menschliche Auge kaum sichtbares Willy-Theobald-Foto (im Format 1,5 cm × ca. 1,65 cm) abgebildet war, konnte da wohl schwerlich entschädigen.

    Um Willy Theobald angemessen würdigen zu können, muss man vielleicht beherzigen, was Jörg Sundermeier neulich in der »Jungle World« schrieb: »Die Pleite der Investmentbank Lehman Brothers, die schlagartig alle erkennen ließ, wie schlecht es um die globalen ökonomischen Verhältnisse bestellt ist, traf die Redaktion der FTD genauso überraschend wie zum Beispiel die Redaktion der Glocke, eine Regionalzeitung im Münsterländischen.« Nun kann man sicherlich darüber streiten, ob man jene Teile, für die die FTD berühmt war, wirklich in der Pfeife rauchen konnte und ob Gruner + Jahr deshalb genau das auch getan hat.

    Jedenfalls: Jener Teil, der einen wirklich unersetzlichen Verlust bedeutet, ist natürlich das von Willy Theobald verantwortete geprägte und in geradezu barocker Manier »Out of Office« titulierte Feuilleton. Zwar würden wir selbstverständlich jeder Zeitung, die eingestampft wird, ob ihres jeweiligen Feuilletons mehr oder weniger hinterhertrauern. Im Fall der »Financial Times Deutschland« ist es uns damit allerdings wirklich ernst. Ein Team, das über mehr als eine Dekade hinweg in einer durchgehend defizitären Wirtschaftszeitung regelmäßig eine ganze Seite nach Lust und Laune mit kulturellem Schnickschnack vollkleistern kann, und zwar ohne indirekt von Inseraten für Sachbuch- oder Belletristiktitel abhängig zu sein, ein solches Team hat beinahe alles richtig gemacht, was man im Berufsleben überhaupt nur richtig machen kann. Was man im prädigitalen Zeitalter oft über die FAZ sagen hörte: nämlich dass man idealerweise das Feuilleton separat abonnieren können sollte – das traf auf »Out of Office« ja noch viel mehr zu.

    Wenn diese Würdigung hier, die schon seit ungefähr zwei Jahren geplant war, nun zu spät kommt und sich wie ein Nachruf liest, ist das einerseits natürlich entsetzlich und furchtbar, war andererseits aber auch irgendwie unvermeidlich. Denn mit uns und der FTD ging es quasi zu wie beim Hasen und beim Igel: Immer wenn wir eine Zusammenfassung des genialen Schaffens der »Out of Office«-Redaktion liefern wollten, hatte die schon wieder ein neues geniales Stück rausgehauen, so dass wir mit dem Sammeln und Hinterherhecheln gar nicht fertig wurden. (Der Vergleich ist aber eigentlich ziemlicher – mit Harry G. Frankfurt gesprochen: – Bullshit, weil in diesem Fall ja nun nicht der Hase, sondern der Igel tot ist.) Vielleicht aber haben wir untereinander in den vergangenen Jahren auch einfach nur, ohne es immer groß zu notieren, zu viel über die »Out of Office«-Bewertungsskala gequatscht. Denn jedes Buch wurde am Ende der jeweiligen Rezension noch auf einer Skala von 1 bis 5 Punkten bewertet.

    Zum Beispiel diskutierten wir stundenlang erbittert über die Frage, warum das Buch »Vier Äpfel« von David Wagner, das innerhalb etwa eines Monats schließlich gleich zwei Mal rezensiert wurde, das eine Mal 4 von 5 Punkten erhielt, das andere Mal aber nur 3 von 5 Punkten. Steckte da ein interner Machtkampf der Redaktion dahinter? (Das war meine Vermutung.) Oder war das Ausweis einer liberalen Grundhaltung? (Paco.) Oder eine semiotische Revolution? (Montúfar.) Oder ein Versehen? (Finanzfachmann Dique.) Für ein Versehen sprach immerhin, dass zum Beispiel Adolf Muschgs Roman »Löwenstern«, welcher ebenfalls zwei Mal – diesmal im Abstand von etwa anderthalb Monaten – rezensiert wurde, vollkommen einheitlich und übereinstimmend beide Male zwei Punkte erhielt.

    Übrigens muss man sich darüber im klaren sein, dass das »Out of Office«-Team sich einen seiner grandiosen Hauptspäße daraus gemacht hat, immer neu zu verhandeln, ob auf der besagten Skala 5 oder aber ob 1 nun der niedrigste Punkt war bzw. umgekehrt: ob 1 oder aber ob 5 nun der höchste Punkt war. Das musste die Leserschaft eben von Fall zu Fall selber herausfinden. Gab es nur 2 oder 4 oder gar (horribile dictu!) 3 Punkte, so war damit unendlicher Spielraum gelassen für bisweilen boshaft-satirische, bisweilen luzid-verunklarende Formulierungen. Ich zitiere mal zu Demonstrations­zwecken zwei Rezensionen in voller Länge:

    »Nachtprinzessin« von Sabine Thiesler

    Ein Thriller über die Vereinigung von Eros und Thanatos, wie der Klappentext vollmundig verspricht? Weit gefehlt. Die Prinzessin ist ein homosexueller, narzisstischer Mittvierziger mit krankhafter Mutterliebe, übersteigerter Geltungssucht und genug Liquidität, um sich einen ausschweifenden Lebensstil zu leisten. Als die Mutter einen Schlaganfall erleidet, mordet er das erste Mal. Zu dem als Koch überforderten Sohn kommen noch eine alleinerziehende Kommissarin samt pubertierender Tochter und ein von seiner Frau dominierter Carabiniere: Thiesler zieht sämtliche küchenpsychologischen Klischees heran, wirft alles in einen Topf, rührt kräftig durch – vergisst aber die nötige Würze. Die Fahndung, die Psyche des Täters – alles bleibt oberflächlich und unmotiviert, sodass man das Buch am Ende enttäuscht zur Seite legt.

    Von Anna Tschackert

    Nachtprinzessin
    Autor: Sabine Thiesler | Heyne | 576 S. | 19,99 Euro
    FTD-Bewertung: 5 von 5 Punkten

    Und:

    »Weltliteratur für Eilige« von Henrik Lange

    Zum Thema »Fachwissen für Dünnbrettbohrer« gibt es nicht nur tonnenweise Bücher, Fernsehsendungen und DVDs, sondern sogar Volkshochschulkurse. Menschen jedoch, die sich als profunde Bücherwürmer ausgeben wollen, sollten um dieses schmale Bändchen – auch wenn es auf knapp 180 Seiten fast 100 Literaturklassiker vorstellt – einen großen Bogen machen. Am originellsten ist an »Weltliteratur für Eilige« noch der Untertitel »Und am Ende sind sie alle tot«. Auf jeweils einer Seite mit drei Comiczeichnungen und ebenso vielen Sätzen werden Belletristikevergreens von »Der Tod in Venedig« bis »American Psycho« vorgestellt. Leider sind diese Inhaltsangaben so kryptisch, dass man damit noch nicht einmal vor einem einigermaßen belesenen Hund (siehe Thomas Pynchon) als Literaturfachmann auftreten kann.

    Von Willy Theobald

    Weltliteratur für Eilige
    Autor: Henrik Lange | Droemer/Knaur | 186 S. | 7,95 Euro
    FTD-Bewertung: 5 von 5 Punkten

    Zwei vernichtende Kritiken – und beide Male 5 von 5 Punkten! Man versteht, warum Willy Theobald in seiner von Hellmuth Karasek bezweitgutachteten Dissertation den wunderbar pikaresken Satz schrieb: »Man hat dem Feuilleton (…) immer wieder den Vorwurf des Feuilletonismus gemacht«. Trotzdem gilt aber, dass in der Regel fünf Punkte das Höchste, also das Beste waren. Doch wenn Willy Theobald Martin Walsers »Über Rechtfertigung, eine Versuchung« immerhin 4 von 5 Punkten gab, dann las sich das wieder so:

    Vom Holocaust über den Vietnamkrieg bis zur DKP: Walser hat fast überall mit der Schreibmaschine gerasselt, nimmt aber trotzdem das Privileg des ewigen Zweifels für sich in Anspruch. (…) Munter schwadroniert er vom Ablasshandel und dem Schweizer Theologieprofessor Karl Barth – schade, dass er Mario Barth ausgelassen hat – über Max Weber und »Tonio Kröger« bis hin zu Zarathustra. Trotzdem bleibt man am Schluss ratlos: Wenn jede Rechtfertigung ohne »religiöse« Basis zur Rechthaberei verkommt – an welchen Gott oder welche Götzen sollen wir denn nun glauben? Und eine ontologische Letztbegründung scheint Walser mit seiner semiphilosophischen Postwurfsendung sowieso nicht im Sinn zu haben.

    Willy Theobald! Unter seiner gefühlten Ägide ist es auch gelungen, Thоr Kunkеl für die Mitarbeit zu gewinnen, der in »Out of Office« fleißig Rezensio­nen publizierte. Er war für die ganz großen Namen und für die ganz großen Werke zuständig, ich nenne hier nur Jean-Jacques Rousseaus »Träumereien eines einsam Schweifenden« (5 von 5 Punkten), León Bloys Erzählband »Blutschweiß« (5 von 5 Punkten), Michael Knokes »Das Tal des Grauens« (5 von 5 Punkten), Guido Rоhms »Blutschnеise« (5 von 5 Punkten), Leander Sukovs »Warten auf Ahab« (5 von 5 Punkten) oder Thomas Steinfelds »Der Sprachverführer« (2 von 5 Punkten). (Apropos Thоr Kunkеl, hat sich eigentlich schon mal jemand um das himmelschreiende Plagiat gekümmert, das der »Guardian« damals an Volker Weidermann begangen hat? FAS, 1.2.2004: »Es sollte eines der Bücher dieser Saison werden. Mit allem, was einen schönen, großen Publikumserfolg zu garantieren scheint: Sex, sehr viel Sex. Nazis, sehr viele Nazis (…) und ein großes romantisches Finale.« – The Guardian, 12.2.2004: »(…) until last week, few in Germany’s literary world doubted that Thоr Kunkеl’s latest novel, Final Stage, was going to be anything but a rip-roaring success. The novel had all the right ingredients – sex, a lot of sex, Nazis, more Nazis, and a spectacular romantic finale.« Aber das nur nebenbei.)

    Vermutlich würden sich »sensible Literaturkritiker wie Marcel Reich-Ranicki« (Willy Theobald) an einem solchen Punktesystem stören. Wenn man aber gar nicht weiß, was die Punkte bedeuten, ist dieses System natürlich als herrliche intellektuelle Spielerei leicht zu rechtfertigen. Dankenswerterweise konnte Willy Theobald auch seine Emphase in der Regel seitengenau verorten: So war er beispielsweise von Andreas Bernards »Vorn« (5 von 5 Punkten) »ab der dritten Seite schwer begeistert«, wohingegen über Philip Roths »Die Demütigung« (4 von 5 Punkten) zu lesen stand: »Dass dieses Buch ein kleines Meisterwerk ist, merkt man erst auf der letzten Seite«, was, wenn man’s genau bedenkt, ja das absolute Gegenteil einer Empfehlung ist.

    Ein gewisses Muster ließ sich in »Out of Office« auch immer dann erkennen, wenn von Schauspielern verfasste Bücher rezensiert wurden. So hieß es über »Zehn. Stories«: »Literatur ist ein heikles Feld. Vor allem Schauspieler ernten schnell Häme und Spott, wenn ihre ersten Schritte auf fremdem Terrain zu profan, zu schwülstig oder zu gestelzt erscheinen. Doch Franka Potente bewegt sich mit ihren Kurzgeschichten auf sicheren Wegen«. Und z. B. die »Mittelreich«-Rezension begann folgendermaßen: »Wenn Schauspieler Bücher schreiben, kann es schnell peinlich werden. Diese Gefahr besteht bei Josef Bierbichler nicht.« Trotzdem erhielt Josef Bierbichler überraschenderweise nur 4 von 5 Punkten, wohingegen Franka Potente 5 von 5 Punkten erhielt. Aber das kann ja, wie gesagt, alles mögliche bedeuten.

    Bisweilen ersetzte ein einziger Satz aus einer Willy-Theobald-Kritik die Lektüre des Gesamtwerks des rezensierten Autors, zum Beispiel des Gesamtwerks von Nicholson Baker: »Um nicht auf jeder Seite die Wörter Penis, Vagina und Geschlechtsverkehr einzusetzen, benutzte der Autor jede Menge Vulgärbezeichnungen wie ›Schwanz‹, ›Muschi‹ oder ›Ficken‹, schreckte aber auch nicht vor ziemlich merkwürdigen Formulierungen wie ›pochender Höllenhund‹, ›siedender Bienenstock‹, oder ›united Parcel‹ zurück.« Nicht immer aber war der »Out of Office«-Humor so leicht zu durchschauen. Schrieb Alphonse Daudet wirklich ein so grottiges Französisch? Das müsste man mal überprüfen. Oder warum sonst hieß es über Julian Barnes, dass er »auch französische Literatur wie zum Beispiel von Gustave Flaubert und Alphonse Daudet ins Französische übersetzt«? Und warum wurde in der Kritik zu dem Roman »Die Tiere von Paris« (3 von 5 Punkten) diese sonderbare Einschränkung formuliert: »Margit Schreiner ist mit einigen österreichischen Literaturpreisen ausgezeichnet worden – doch der Zugang zu diesem Buch fällt nicht leicht«?

    Wie man zumindest in die sichere Nähe eines der bedeutendsten deutschen Literaturpreise kommt, dafür jedenfalls hat Willy Theobald einmal einen goldenen Tipp gegeben, nämlich als er Wilhelm Genazinos »Wenn wir Tiere wären« (5 von 5 Punkten) rezensierte: »Irgendwie entsteht immer der Eindruck, der Autor wandere durch einen Zoo – der eigentlich das real existierende Leben ist – und wundere sich pausenlos über die merkwürdigen Tiere, denen er dort begegnet. Dass es Genazino damit auch auf die Longlist des Deutschen Buchpreises geschafft hat, versteht sich von selbst.«

    Eine der großartigsten Taten, die die »Financial Timеs Deutschland« vollbracht hat, war aber, dass sie eine sensationelle Parodie auf das Günter-Grass-Gedicht (man kann ja inzwischen praktischerweise im Singular von dem Günter-Grass-Gedicht sprechen, ganz so als ob er in seinem Leben nix anderes geschrieben hätte) als Leitartikel abdruckte. Wer den noch nicht gelesen hat, sollte das möglichst sofort tun, denn in der münsterländischen »Glocke« stand, dass der Webauftritt der FTD »voraussichtlich noch bis zur Jahreswende erhalten« bleibt, also nur noch wenig mehr als zwei Tage. Und wer noch nicht der FTD-Empfehlung, das sagenhafte Wenzel-Hablik-Museum in Itzehoe zu besuchen, gefolgt ist, sollte auch das allerschleunigstens nachholen! Übrigens liegt in einigen Kiosken, nachdem ja aufgrund der großen Nachfrage 30.000 Exemplare nachgedruckt wurden, die »Final Times Deutschland« noch immer aus – das nur zur Info für diejenigen, die sie noch nicht haben oder die noch auf der Suche sind nach einem tollen Neujahrsgeschenk.
     

  • 100-Seiten-Bücher – Teil 45 Peter Hacks: »Zur Romantik« (2001)

    Ganz nebenbei erfährt, wer im Biologieunterricht nicht aufgepasst hat, in diesem Buch Erstaunliches über das Sexualleben von See-Elefanten (S. 37f.). Gleich auf der ersten Seite aber legt Peter Hacks los mit einem Zitat aus dem »Spiegel« vom 5. April 1999, also jener Ausgabe, die das berühmte Interview enthielt, in welchem Sandra Bullock sagte: »Ich habe das Surfen aufgegeben. Die Entwicklung der virtuellen Welt hat mich wirklich erschreckt. Da draußen geht es zu wie im Wilden Westen.«

    Mein Lieblingssatz in Hacks‘ Romantikbuch ist allerdings der mittlere der folgenden drei Sätze: »Aber auch Johnston hatte Vorgänger in der Kleistforschung. Ich erwähne die Namen. Es sind Reinhold Steig und August Fournier.« (S. 55) Natürlich hätte der Satz »Ich erwähne die Namen« ebensogut weggelassen werden können. Aber gerade das ist ja wahrscheinlich das Tolle an Hacks: dass er diesen Satz nicht weglässt, sondern uns seiner Offenbarungen teilhaftig werden lässt. Eine mir völlig unverständliche Aversion hegt Hacks jedoch gegen den schönen Namen Leberecht und verhunzt ihn sowohl im Falle Karl Immermanns (S. 40) als auch im Falle des Generalfeldmar­schalls von Blücher (S. 69) auf eine ganz entsetzliche Weise.

    Das formvollendete Deutsch, das Peter Hacks zu schreiben pflegte, wurde schon oft gelobt. Ein Hacks indes bedarf des Lobes nicht, deshalb wäre es falsch, ihn mit noch mehr Lob zu überhäufen. Vielmehr ist es nun an der Zeit, den nächsten Schritt zu tun und Peter-Hacks-Sätze als Musterbeispiele in Stilfibeln aufzunehmen. Da man aus Platzgründen leider nicht alle Peter-Hacks-Sätze wird nehmen können, wird man auswählen müssen. Ich rate zu diesen beiden: »Später wird es so hergehn, daß […] Hardenberg einen hohen Rang bei den Illuminaten bekleiden wird, während vom Freiherrn vom Stein zu sagen sein wird, daß sein Assistent Carl Wilhelm Koppe […] den Tugendbund […] formen wird.« (S. 64) Und: »Das Buch ist ein sowohl schwul als sadistischer Porno.« (S. 13)

    Länge des Buches: > 115.000 Zeichen. – Ausgaben:

    Peter Hacks: Zur Romantik. Hamburg: Konkret Literatur Verlag 2001.

    Peter Hacks: Zur Romantik. In: Ders.: Die Massgaben der Kunst III. Hacks Werke, Band 15. Berlin: Eulenspiegel-Verlag 2003. S. 5–107 (= 103 Text­seiten).

    Peter Hacks: Zur Romantik. Berlin: Eulenspiegel-Verlag 2008. (Zitatgrundlage für oben. Diese Ausgabe erschien zeitlich parallel und seitengleich auch im Konkret Literatur Verlag.)

    (Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)

  • 100-Seiten-Bücher – Teil 44 Christian Reuter: »Schelmuffsky« (Erste Fassung 1696)

    Schelmuffskys Curiose und Sehr gefährliche Reißebeschreibung zu Wasser und Land führt ihn von seinem Geburtsort Schelmerode über Hamburg, Altona, Stockholm, Amsterdam, Indien, England, die spanische See und St. Malo wieder zurück über London und die Hamburger Vorstadt nach Schelmerode. Schelmerode ist zwar laut Wikipedia zusammen mit Hunrode, Rumerode, Mackenrode, Auf dem Rode, Schwickschwende und Thunrichsberg eine der Wüstungen, aus denen die Gemeinde Birkenfelde hervorging, mit Schelmuffskys Schelmerode hat das aber eigentlich nichts zu tun.

    Es ging auch schon gut los mit Schelmuffsky, dem braven Kerl, denn bei seiner Geburt spielte eine Ratte die Hauptrolle. Dass Oskar Matzeraths Geburt, die ja auch irgendwie seltsam war, mit Schelmuffsky zu tun hat, das hat Grass selber oft erklärt. Allerdings scheint diese Erklärung ein bloßes Vertuschungsmanöver zu sein, wenn es nach der vor ein paar Monaten im Meinungsmedium der Freitag geäußerten Meinung geht, dass der Anfang der Blechtrommel nicht etwa, wie Grass vorgibt, vom ewigen Studenten Christian Reuter inspiriert sei, sondern vielmehr das Plagiat einer Geschichte der später im Kino von Hannelore Elsner verkörperten Gisela Elsner darstelle. »Müssen wir nun mit einer neuen Plagiats-Affaire rechnen?«, heißt es in besagtem Artikel. Gemessen am bisherigen öffentlichen Echo auf die Enthüllung: eher nicht.

    Doch wie dem auch sei, ich jedenfalls habe aus meiner etwas zu umfangreich geratenen Privatbibliothek inzwischen über 1.200 Bände verkauft, den hinreißenden Schelmuffsky aber behalte ich natürlich!

    Länge des Buches: um die 115.000 Zeichen (?) (erste Fassung, nur 1. Teil erhalten), 259.000 Zeichen (zweite Fassung 1696/97, inkl. dem 2. Teil). – Ausgaben:

    Christian Reuter: Schelmuffsky Curiose und Sehr gefährliche Reiße­beschreibung zu Wasser und Land. Gedruckt zu St. Malo. Anno 1696. (120 Textseiten laut Zarnckes Christian-Reuter-Monografie, Leipzig: Hirzel 1884, S. 591. Das einzige erhaltene Exemplar der ersten Fassung liegt in Gotha.)

    Christian Reuter: Schelmuffsky. Abdruck der ersten Fassung 1696. Halle/S.: Niemeyer 1885. S. 1–57 (= 57 Textseiten).

    Christian Reuter: Schelmuffsky Curiose und Sehr gefährliche Reißebeschreibung zu Wasser und Land. Gedruckt zu St. Malo. Anno 1696. In: Christian Reuter: Schelmuffsky. Abdruck der Erstausgaben 1696[A/B]. 1697. Zweite, verbesserte Auflage hrsg. von Peter von Polenz. Tübingen: Niemeyer 1956. S. 121–174 (= 54 Textseiten).

    (Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)

  • Helmut Lottmann

    Als ich neulich bei Lanz zu Gast war, genauer gesagt bei Cron & Lanz in der Weender Straße, und voller Begeisterung im »Freitag« herumlas und dann plötzlich auf diese wunderbare Rezension von Helmut Lethens Buch »Suche nach dem Handorakel« stieß, marschierte ich nach beendigter Rezensionslektüre sofort nach quasi nebenan in die berühmte altehrwürdige Buchhandlung Deuerlich, die allerdings ein paar Tage zuvor in eine Hugendubel-Filiale umgewandelt worden war, und fragte nach dem Lethen-Buch, das dort aber nicht vorrätig war, weswegen ich also wieder hinauseilte und spontan beschloss, vor Ort nach dem Lethen’schen Handorakel zu fragen, ein paar Straßen weiter, direkt in dem Verlag, in welchem es erschienen ist, so dass ich also Richtung Geiststraße lief, dort bei Wallstein einfach mal klingelte, prompt summte der Türsummer, niemand stellte irgendwelche Fragen durch die Gegensprechanlage, ich hurtete also die Treppe hinauf, vorbei an einem riesigen Schild, auf dem, wenn ich das richtig gesehen habe, lauter outgesourcte Göttinger Augenärzte verzeichnet sind, und fragte dann freundlichst nach dem Lethen’schen Handorakel, ich sei durch die wunderherrliche Rezension im »Freitag« auf dieses Buch aufmerksam geworden, hätte es aber bei Deuerlich bzw. Hugendubel nicht auftreiben können und würde es sehr gerne kaufen, und keine halbe Stunde später war ich schon wieder zuhause und las drauflos und schrieb mir einen Satz nach dem anderen heraus, weil ich es gar nicht fassen konnte, wie man in einem so schmalen Band so wunder­sam leichtfüßig die jahrzehntelange Geschichte von Leuten, die mal links waren, Revue passieren lassen kann, Lethen schreibt ja gleich eingangs, dass er dieses Buch in nur zwei Wochen verfasst habe, irgendwo an der Ostsee, er bibliografiert im Vorwort seine kompletten zwei Bücherkoffer, die er an die Ostsee mitgenommen habe, doch wie stockte mir der Atem als ich in dieser Bücherliste zwischen den größten Namen der Theorie-, Kultur- und Geistesgeschichte, zwischen Theodor W. Adorno und Jakob von Uexküll, zwischen Walter Benjamin, Hans Blumenberg, Hans Magnus Enzensberger, Alexander Kluge, Gerd Koenen, Reinhart Koselleck, Siegfried Kracauer und Helmuth Plessner plötzlich auch auf diese Angabe stieß:

    »Joachim Lottmann, Hundert Tage Alkohol, Wien 2012.« (S. 9)

    Es ist dies die wohl unerwartetste Joachim-Lottmann-Erwähnung in der Geschichte der Menschheit!

    Sie erscheint mir inzwischen aber eigentlich ganz konsequent, denn Sätze wie die folgenden könnten ja auch von Lottmann sein, tatsäch­lich aber stammen sie samt und sonders aus dem Lethen’schen Handorakel:

    »[A]ls ich ihn im Oktober 1989, auf der Bettkante des Hotels Sussex in San Francisco sitzend, nachdem ich in der Sendung Good Morning America vom Fall der Mauer erfahren hatte, anrief, um ihm zur prognostischen Kraft seiner stereotypen Nervsätze zu gratulieren, keuchte er, atemlos wie alle, ›Wahnsinn‹«. (S. 32)

    Und so geht es immer weiter im Lottmann-Sound, oder wie man in Zukunft wohl sagen muss, im Lethen-Sound:

    »Mutter kam atemlos ins Hotel: Die Haut der schwarzen GIs färbe gar nicht auf deren Unterwäsche ab!« (S. 102)

    »300 Zuhörer hielten den Atem an; das war virtuos. Stille im Saal – 1961!« (S. 54)

    »[D]er Mensch ist von Natur aus künstlich! Großes Aufatmen.« (S. 117)

    Eine Lethen-Szene, die eigentlich ebenfalls eine Lottmann-Szene ist:

    »Die Darstellung des Sechstagekriegs in der BILD-Zeitung erzeugte eine Wende zu einer antiisraelischen Haltung, die uns – atemlos und ungläubig vor dem Kiosk die Schlagzeilen beratend – überrascht hat.« (S. 17)

    Noch faszinierender:

    »Wir gewöhnten uns an den Jansenismus beim Espresso« (S. 126).

    Oder:

    »Die Geographiestudenten trugen ausnahmslos Knickerbockerhosen.« (S. 53)

    Doch dass in diesem Traktat nicht nur funky Knickerbockerhosen geschildert werden, ersieht man aus der folgenden, natürlich ebenfalls lottmannartigen Personenbeschreibung:

    »Karl Pestalozzi, der berühmte, baumlange, kluge und milde Mann, aber immer in Hochwasserhosen« (S. 99).

    Am allerallerbesten, hammermäßigsten und wohl auch zeitgemäßesten und aktuellsten ist aber natürlich diese unübertrefflich grandiose Darstellung:

    »Nun herrschte atemlose Stille. Der Beamte des Verfassungsschutzes kannte die komplexe Systemtheorie von Niklas Luhmann.« (S. 19)

     

  • 100-Seiten-Bücher – Teil 43 Elfriede Jelinek: »bukolit« (1979)

    Elfriede Jelinek hat das Sekundärdrama erfunden, sie hat das Parasitärdrama erfunden, sie hat den Privatroman erfunden und sie hat schon in sehr jungen Jahren den Hörroman erfunden. So nämlich nennt sich »bukolit« im Untertitel, jenes Buch, das noch mit ca. einem Dutzend seitenfüllender Illustrationen von Robert Zeppel-Sperl versehen ist.

    Im Klappentext der im Berlin Verlag erschienenen Ausgabe wird »bukolit« Jelineks »erster« Roman genannt – das ist wohl als Rant gegen den Rowohlt Verlag zu verstehen, dem Jelinek dieses Buch schon Ende der Sechziger zur Veröffentlichung angeboten hatte. Rowohlt hat dann vorher aber doch lieber »wir sind lockvögel baby!« gedruckt.

    So kam es zu der kuriosen Situation, dass »bukolit« erst mit etwa einer Dekade Verspätung erschien, als Jelinek die dort praktizierte Schreibweise schon längst aufgegeben hatte: »bukolit wieder jetzt wickenkühles eigelb setzte pumpend bukolita an die lippen glaubte doch nicht wie jeder würde dasz sie flasche sei oder wuszte dies lange schon & wollte bukolita gewaltsam verändern aus lebens stellungen reißen nun.« (S. 34) Das ist nun wirklich kein besonders toller Satz, aber so schrieb man eben damals.

    In ihrem Buch »Elfriede Jelinek. Eine Einführung in das Werk« erklärt die renommierte Jelinek-Exegetin Bärbel Lücke (bekannt geworden durch drei YouTube-Videos, in denen sie von einem Computer interviewt wird: 123): »bukolit [kann] auch Hitler sein und Lumumba.« (S. 21) Und das stimmt dann wahrscheinlich sogar!

    Länge des Buches: ca. 114.000 Zeichen. – Ausgaben:

    Elfriede Jelinek: bukolit. Hörroman. Mit Bildern von Robert Zeppel-Sperl. Hrsg. von Vintilă Ivănceanu. Wien: Rhombus-Verlag 1979. S. 1–90 (= 90 Textseiten).

    Elfriede Jelinek: bukolit. Hörroman. Mit Bildern von Robert Zeppel-Sperl. Berlin: Berliner Taschenbuch-Verlag 2005. S. 3–90 (= 88 Textseiten).

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  • 100-Seiten-Bücher – Teil 42 Daniel Kehlmann/Sebastian Kleinschmidt: »Requiem für einen Hund. Ein Gespräch« (2008)

    Gleich auf der ersten Seite teilt Daniel Kehlmann dem Interviewer Sebastian Kleinschmidt via E-Mail mit, dass sein Hund Nuschki, bei dem ein fortgeschrittener Lebertumor diagnostiziert worden sei, nun habe eingeschläfert werden müssen. Das erinnerte mich an unseren wun­derbaren alten Kater Robert Schmusil, der zuerst an Niereninsuffizienz litt, später eine Diabetes hatte und schließlich einen Darmtumor, »daher haben wir dann, auf Rat aller Ärzte, der Euthanasie zuge­stimmt« (S. 7).

    Seine E-Mail beendet Kehlmann mit den Worten: »Ganz herzliche Grüße / Ihres Daniel Kehlmann«, und das ist doch erstaunlich, dass, wo jeder andere Mensch schreiben würde: »Ganz herzliche Grüße / Ihr Soundso«, Kehlmann hier eben nicht »Ihr« schreibt, sondern »Ihres«, aber, so würde Iris Radisch sagen: »Wozu ist man Dichter.«

    Später geht es in dem Buch auch noch um Katzen, zunächst aber eben um Hunde, und dabei brennt Kehlmann ein solches Feuerwerk an Maximen und Reflexionen ab, dass man getrost etwa 85% aller in diesem Buch enthaltenen Sätze noch mal als eigenes Aphorismen­bändchen herausbringen könnte. Zum Beispiel sagt er auf S. 15 über Hund und Mensch: »die beiden Spezies gingen den Weg gemeinsam«, oder dann auf S. 21: »Hund und Mensch sind einen langen Weg gemeinsam gegangen«.

    Auch muss ich gestehen, dass ich einiges an der »Vermessung der Welt« überhaupt erst bei der Lektüre des Requiembuchs begriffen habe, etwa wenn Kehlmann erklärt: »Goethe tritt zweimal auf (…), und beide Male sind es komische Stellen« (S. 76). Ansonsten geht es in diesem Gespräch noch um Hegel, Heidegger, Gott usw.

    Länge des Buches: ca. 137.000 Zeichen. – Ausgaben:

    Daniel Kehlmann/Sebastian Kleinschmidt: Requiem für einen Hund. Ein Gespräch. Berlin: Matthes & Seitz 2008.

    Daniel Kehlmann/Sebastian Kleinschmidt: Requiem für einen Hund. Ein Gespräch. Reinbek: Rowohlt-Taschenbuch-Verlag 2010.

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  • Baguettiana

    Ich höre hier in Göttingen mit wachsender Begeisterung den Sender NDR Info, es gibt da immer wieder Staumeldungen aus Fallingbostel, einer Stadt, die ich bisher nur aus einem Arnold-Stadler-Roman kannte, und wenn es keine Staumeldungen aus Fallingbostel gibt, dann wird darüber berichtet, dass sich in Fallingbostel ein Chemieunfall oder dergleichen ereignet hat. Zwischendrin hört man auf NDR Info auch mal ein Interview mit Ruprecht Polenz oder einen Bericht über Toni Kroos, aber das sind offenkundige Versehen, denn gleich nach solchen Intermezzi geht es wieder weiter mit den neuesten Nachrichten aus Fallingbostel und der Gegend um Fallingbostel herum.

    Während also im Hintergrund das Radio lief, blätterte ich so ein biss­chen in ein paar alten ZEIT-Magazinen und anderen ZEIT-Druckerzeug­nissen, die meine Zimmerwirtin immer auf dem Küchentisch deponiert. Plötzlich aber war ich wie vom Donner gerührt, denn in einer Rezension in ZEIT-Literatur stieß ich auf folgenden vielleicht besten ersten Satz, der jemals geschrieben wurde und der in diesem Fall von Ijoma Mangold stammt:

    »Gleich auf der ersten Seite kauft Sperber, der Protagonist in Anne Webers neuem Roman Tal der Herrlichkeiten, in einer Bäckerei in der Bretagne ein Baguette.«

    Was für ein herrlicher Einstieg! Was für eine herrliche Klimax! Was für eine herrliche Alliteration! Bäckerei, Bretagne, Baguette. Und man kann Gott nur danken, dass die Geschichte nicht in der Provence spielt. Eigentlich fällt in dieser Reihe die Bäckerei ja etwas aus dem Rahmen, stilechter wäre vielleicht eine Boulangerie gewesen? Aber sei’s drum, hier in dieser bretonischen Baguettebibel geht es medias in res, mitten hinein in den Baguettekauf, und ich habe die Rezension gar nicht mehr weitergelesen, sondern mir stattdessen sofort das Buch herunter­geladen.

    Ich machte mich gleich an die Lektüre, ich hörte auch schon gar nicht mehr hin auf die Staumeldungen aus Fallingbostel, so toll ist das Buch, und ich kann es jedem nur sehr empfehlen, meiner und Ijoma Mangolds Euphorie voll zu vertrauen und endlich wieder mal ein Anne-Weber-Buch zu lesen.