Autor: Josik

  • Vossianische Antonomasie (Teil 37)

     

    1. der Brad Pitt des Saarlands
    2. der Dr. Arnold Fanck des zeitgenössischen Romans
    3. der Jürgen Drews des epischen Theaters
    4. der Dorfrichter Adam der Literaturszene
    5. der Till EulenSpon des Internets

     

  • Döpfner-Porträt

    Es war also soweit alles in Butter. Bis dann am Montag plötzlich ein sechsseitiges, von »Spiegel«-Gesellschaftschef Matthias Geyer gezeichnetes Mathias-Döpfner-Porträt auf uns herniederging. An diesem Porträt wurde inzwischen derart herumgehackt, dass ich es heute in aller Ruhe ein zweites Mal las, um mir eine unabhängige Meinung darüber zu bilden, ob es denn wirklich so schlecht ist, wie alle sagen.

    Nach der ersten Lektüre war ich einfach nur enttäuscht, weil es da hauptsächlich um Döpfner als Verleger ging, aber so gut wie gar nicht um Döpfner als Journalist. Das jedoch hätte mich viel mehr interessiert, war mir doch immer noch die untoppbare neoklassische Antithese in Erinnerung, die Döpfner in seinem Nachruf auf Marcel Reich-Ranicki untergebracht hatte: »dass sein Tod zur Hauptschlagzeile sogar der ›Bild‹-Zeitung wurde … ist ein Lebenswerk für sich«. UMBL-intern gibt es seit diesem Nachruf eine rege Diskussion darüber, ob wir statt den vossianischen Antonomasien, die uns ja allen schon langsam zum Hals heraushängen, nicht viel lieber neoklassische Antithesen sammeln sollten.

    Doch zurück zu Matthias Geyer. Nach der zweiten Lektüre des besagten »Spiegel«-Artikels lautet nun mein Fazit: Es scheint, als ob hier wieder einmal ein Missverständnis vorliegt. Denn die Frage ist natürlich immer, mit welchen Erwartungen man an einen solchen Artikel herangeht. Erwartet man ein feuilletonistisches Glanzstück, einen Meilenstein des impressionistischen Journalismus, eine vitale, anregende, beflügelnde, zwischen Dichtung und Wahrheit oszillierende Darstellung, der man in jeder Silbe anmerkt, dass die Schreibkraft Geyer von der Muse geküsst wurde, so ist dieses Porträt in der Tat rundum misslungen, eine Katastrophe ohnegleichen, der letzte Dreck. Erwartet man aber nichts weiter als hard facts, so ist dieser Artikel über jeden Zweifel erhaben.

    Karl Kraus hat geschrieben, Zweck der Zeitungen sei es, »Tatsachen wiederzugeben« (Fackel 378, S. 26), und an der »nützlichen und unerläßlichen Funktion, Tatsachen zu sammeln« (Fackel 890, S. 22), hat er nie einen Zweifel gelassen. Gemessen an diesem Anspruch also, muss der überragende faktenorientierte Nachrichtenwert des Geyer-Artikels noch mal nachdrücklich verteidigt werden.

    Der Berliner Wintermorgen, an dem Döpfner in ein Flugzeug stieg, war »lichtlos«. Döpfners Lesebrille hat »goldfarbene« Bügel. Döpfner trägt einen »schwarzen« Anzug und ein »weißes« Hemd.

    An seinem Jackett steckt ein Namensschild mit einem »roten« Balken. Gegenüber von Döpfner sitzt ein Mann mit einem »grünen« Balken auf dem Namensschild. Die Haare dieses Mannes »wellen« sich im Nacken »in die Höhe«.

    Döpfner trägt einen weiten »schwarzen« Mantel. Friede Springer setzt sich vorsichtig auf einen »cremefarbenen« Sessel. Sie hält eine »abgegriffene Ledertasche« mit »beiden« Händen auf ihrem Schoß.

    Sie »greift« ihre »Ledertasche«. Döpfner fällt in »weiches, beigefarbenes« Leder. Das Kostüm, das Friede Springer trägt, ist »tadellos gebügelt«.

    Wenn man mit Easyjet fliegt, bedient einen »der Typ mit dem Teewagen«. Im Learjet holt Döpfner »Dosenbier« und »Nüsse« aus dem Kühlschrank. Döpfner lässt das Bier nicht, wie naive Leser erwartet hätten, angebrochen stehen, sondern: »Er trinkt das Bier aus«.

    Zuvor war Döpfner mit »elastischen« Schritten in die Ankunftshalle gelaufen. (Und wie anders als in der Luft sind die Verhältnisse zu Lande: Ein Kleinbus »ruckelt« über die »löchrigen« Berliner »Straßen«.) Das »Tischchen« vor Döpfner ist aus »poliertem« »Wurzelholz«.

    Friede Springer und Mathias Döpfner treffen einen Asiaten, der »akzentfrei« Deutsch spricht. Die Wände in Friede Springers Büro sind mit dem »dunklen« Holz der »Douglasfichte« verkleidet. Der »Bourdeaux« (Hölderlin), den Döpfner in der Paris Bar bestellt, ist »gut«.

    Döpfner scheint eine »Welt«-Tüte »wie eine Erinnerung« bei sich zu tragen. Das Verlagshaus Springer hat »Stammzellen« »ausgespuckt« (was auch biologisch interessant ist!) »wie verdorbenes Essen«. Ein Fünfsternehotel, in dem eine Roadshow stattfindet, muss man sich vorstellen »wie einen Luxuspuff«.

    Irgendwo steht die Zahl 920.000.000 »wie ein Appetitanreger«. Der Mann, dessen Haare sich im Nacken »in die Höhe« »wellen«, blättert in einem Ringbuch »wie in einer einfallslosen Speisekarte«. Stefan Aust steht neben Döpfner »wie sein persönlicher Journalistenpreis«.

    In Friede Springers Büro bedecken alte, in »Leder« gebundene Bücher mit »Goldschnitt« die Wände »wie Schlingpflanzen«. Friede Springer lebt in ihrem Büro »wie eine stille Museumswärterin«.

    Von hinten betrachtet sieht Mathias Döpfner aus »wie ein Kardinal«. Alfred Neven DuMont sitzt hinter seinem Schreibtisch »wie ein König«.

    Aus Neven DuMonts Westentasche hängt die »goldene« Kette einer Taschenuhr. Neven DuMonts Beine liegen auf einem großen Kissen, das mit »weichem Leder« bezogen ist.

    »Manche Begriffe pfiffen wie Kugeln durch den Raum«. »Pfff.«

    Aus rechtlichen Gründen kann hier leider nicht der komplette Artikel zitiert werden.
     

  • Die großen Fritz-J.-Raddatz-Festwochen (Tag 31): Ausblicke (2)

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    (Vorwort zur Festwoche hier. Inhaltsübersicht hier.)

    Fritz J. Raddatz’ sagenumwobene, legendenumwitterte, mythenumrankte Produktivität ist erfreulicherweise nach wie vor ungebrochen.
     

  • Die großen Fritz-J.-Raddatz-Festwochen (Tag 30): Ausblicke (1)

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    (Vorwort zur Festwoche hier. Inhaltsübersicht hier.)

    Viel zu schnell gehen die großen Fritz-J.-Raddatz-Festwochen ihrem Ende entgegen. Wir bedanken uns bei allen Leserinnen und Lesern für ihr enormes Durchhaltevermögen über einen ganzen Monat hinweg. Vor allem natürlich danken wir auch Fritz J. Raddatz himself. Es ist keine bloße Floskel, sondern es kommt von Herzen, wenn wir sagen, dass ohne ihn die feierliche Durchführung der großen Fritz-J.-Raddatz-Festwochen praktisch gar nicht möglich gewesen wäre. Nun bleibt eigentlich nurmehr der Ausblick auf den morgen erscheinenden zweiten und letzten Teil der Ausblicke.

    Und warum des tieftraurig-schnellen Großkritikers Raddatz Gesamtwerk einen Glücksphall der Weltliteratur darstellt, kann man noch mal hier im »Freitag« nachlesen.
     

  • Die großen Fritz-J.-Raddatz-Festwochen (Tag 18): »Tucholsky. Ein Pseudonym« (1989)

    (= 100-Seiten-Bücher – Teil 97)

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    (Vorwort zur Festwoche hier. Inhaltsübersicht hier.)

    Der erste Satz ein Paukenschlag: »Das Lottchen heißt nicht Lottchen, Malzen nicht Malzen, Nuuna nicht Nuuna und Kurt Tucholsky nicht Kurt Tucholsky« (S. 7). Hatte man diesen Sound nicht schon mal irgendwo gehört? Ach ja richtig, der Raddatz-Hundertseiter »Heine. Ein deutsches Märchen« (1977) begann genauso: »Die Mouche hieß nicht Mouche, Mathilde nicht Mathilde, und Heinrich Heine hieß nicht Heinrich Heine.« (S. 7)

    In diesem Pseudonymbuch also lüftet Fritz J. Raddatz das Geheimnis, warum Kurt Tucholsky – with all due respect und unbeschadet seiner sonstigen überragenden Leistungen auf allen anderen Gebieten – immer derart unterirdische, ja nachgerade minderbemittelte Literaturkritiken verfasst hat:

    »Von Bertolt Brecht bis James Joyce hat Tucholsky große literarische Begabungen ganz früh erkannt, auch Franz Kafka oder Gottfried Benn. Befreundet war er mit keinem einzigen, die meisten kannte er persönlich gar nicht. Er hat George Grosz bewundert, Walter Mehring bejubelt, Erich Kästner reserviert respektiert, John Heartfield verehrt und Heinrich Mann hoch geachtet – mit keinem von ihnen hat er Umgang gepflegt. Brecht hat er einmal gesehen. Benn ist er flüchtig begegnet, Heinrich Mann wenige Male, den – ungeliebten – Thomas Mann sprach er ebenfalls nur ein einziges Mal (…). Erich Maria Remarque oder Ludwig Renn, Erwin Piscator oder Max Reinhardt, Friedrich Hollaender oder Hanns Eisler: nichts.« (S. 32)

    Fritz J. Raddatz hingegen ist mit tout le monde bekannt und eben das verleiht seinen Kritiken ihren unermesslichen Wert. Da hält er es nämlich ganz mit Karl Kraus, der bekanntlich sagte: »Ein Gedicht ist so lange gut, bis man weiß, von wem es ist.« (Fackel Nr. 406–412, S. 131) In diesem Sinn ist Fritz J. Raddatz auch ein würdiger Preisträger des Karl Kraus-Preises 1986; vermutlich der einzige Preis in seinem Leben, den er nicht angenommen hat.

    Länge des Buches: > 150.000 Zeichen. – Ausgaben:

    Fritz J. Raddatz: Tucholsky, ein Pseudonym. Essay. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1989. S. 3–155 (= 153 Textseiten).

    Fritz J. Raddatz: Tucholsky, ein Pseudonym. Essay. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1993.

    (Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)

  • Die großen Fritz-J.-Raddatz-Festwochen (Tag 11): »Warum« (1982)

    (= 100-Seiten-Bücher – Teil 90)

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    (Vorwort zur Festwoche hier. Inhaltsübersicht hier.)

    Diese Kolumne, die über ein Jahr lang in einer renommierten Hamburger Wochenzeitung erschien, begann immer mit dem W-Wort »Warum«; doch wollte Raddatz hier die dargebotenen Fragen nicht eigentlich beantworten, sondern nur stellen, in seinem ganz eigenen kulturkritisch-ironischen Stil, dessen Ironie er oft so ausnehmend gut verborgen hat, dass nur er selbst sie zu finden in der Lage ist: »Warum ergötzen Menschen sich so lustvoll am Unglück anderer?« (S. 32) »Warum drängeln Menschen sich vor, auch dort, wo es gar keinen Sinn gibt?« (S. 40) »Warum betrügen Menschen – sich oder andere?« (S. 44) »Warum lassen Menschen neuerdings Konventionen so leicht außer acht?« (S. 62) »Warum gehen Menschen auseinander, die ihren Weg gemeinsam gehen wollten?« (S. 64) »Warum scheuen Menschen sich, den eigenen Tod in ihr Leben mit einzudenken?« (S. 68) »Warum haben Menschen so weitgehend die Fähigkeit zur Anteilnahme verloren, zu Erbarmen – gar Barmherzigkeit?« (S. 116) »Warum scheuen Menschen Verantwortung?« (S. 122)

    Hier schrieb der Girolamo Savonarola des 20. Jahrhunderts, ja mehr noch, hier schrieb der Peter Hahne des 20. Jahrhunderts; immer auf dem hohen stilistischen Niveau einer oberkonsistorialrätlichen Gewissenserforschung. Hans Magnus Enzensberger, so berichtet Fritz J. Raddatz im Nachklapp, habe diese Kolumne »eine der amüsantesten Rubriken der ZEIT« (S. 133f.) genannt, und Irenäus Eibl-Eibesfeldt habe »einen kleinen Widerlegungsessay« geschickt, »auf imposantem Briefbogen« (S. 134). Schade, dass dieser Widerlegungsessay nicht mit abgedruckt ist; man wüsste doch gerne, wie etwa die seit jeher unwiderlegbar richtige Beobachtung, dass Menschen neuerdings Konventionen so leicht außer acht lassen, widerlegt worden sein soll.

    Länge des Buches: > 100.000 Zeichen. – Ausgaben:

    Fritz J. Raddatz: Warum. Frage-Geschichten aus der ZEIT. Mit Zeichnungen von Hans-Georg Rauch. Hamburg: Hoffmann und Campe 1982. S. 5–136 (= 132 Textseiten).

    (Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)

  • Die großen Fritz-J.-Raddatz-Festwochen (Tag 7): »Paul Wunderlich: Lithographien 1959–1973« (1974)

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    (Vorwort zur Festwoche hier. Inhaltsübersicht hier.)

    An den Paul-Wunderlich-Bildern, die in diesem Band präsentiert werden, fällt vor allem auf, wie sehr sie die heutige Popkultur bereits antizipiert haben. »Twilight, Blatt 3« heißt eine Lithografie (S. 113), und tatsächlich sieht die darauf abgebildete Frau so aus wie Kristen Stewart. Auf S. 140 berichtet Fritz J. Raddatz gar von »Batman«. Der von Raddatz beigesteuerte Essay trägt den Titel: »Vom Umschlag der Negation in Kunst; statt ins Positive« (S. 9ff.). Das Semikolon, Raddatz’ liebstes und unentbehrlichstes Satzzeichen, das er mindestens so dringend benötigt wie sein Buttermesser, ist hier also bereits im Titel anzutreffen; es gibt wohl keinen einzigen Raddatz-Text, der kein Semikolon enthält.

    Außerdem erfahren wir in diesem Buch, was bisher die wenigsten wussten: dass Paul Wunderlich im Jahr 1951 eine »Dankspende des Deutschen Volkes« (S. 157) erhielt. Dieser Name war ein wenig unglücklich gewählt. Denn wie schrieb die »Zeit« Anfang der 50er-Jahre: »Der Bundespräsident distanzierte sich etwas ironisch von der irrtümlichen Auffassung, man wolle mit der Dankspende in erster Linie notleidenden deutschen Künstlern helfen.« In der nachfolgenden Dekade war von diesem Dank dann ohnehin nicht mehr viel zu spüren: »Als antiautoritäre Studenten«, schreibt Raddatz, »ihren Professor Wunderlich nicht nur verbal attackierten, sondern in seiner Privatwohnung spektakelten, legte er sofort seine Professur nieder – und porträtierte diese Studenten!« (S. 18) Denn Strafe muss sein.

    Länge des Buches: < 30.000 Zeichen. – Ausgaben:

    Paul Wunderlich: Lithographien 1959–1973. Text von Fritz J. Raddatz. Stuttgart: Belser Verlag 1974.

    (Das Buch hat offiziell 157 Seiten, der Raddatz-Essay geht aber nur von Seite 9 bis 26, dann kommen x Bilder und dann kommen noch ein paar Raddatz’sche Annotationen zu den Bildern.)

  • Die großen Fritz-J.-Raddatz-Festwochen (Tag 4): »Erfolg oder Wirkung« (1972)

    (= 100-Seiten-Bücher – Teil 85)

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    (Vorwort zur Festwoche hier. Inhaltsübersicht hier.)

    Fritz J. Raddatz porträtiert in diesem Buch Kurt Tucholsky, Carl von Ossietzky, Erich Mühsam, Willi Münzenberg, Ernst Niekisch und Robert Havemann. Es sind meisterliche impressionistische Genrebilder, die er mit leichter Hand skizziert, absolute Pflichtlektüre für alle, vielleicht nur für den Erdkunde- oder Geschichtsunterricht nicht unbedingt. Aus Raddatz spricht die ungestillte Sehnsucht nach dem Süden, wenn er einen Kreis junger Naturalisten nach »Friedrichshafen am Müggelsee« (S. 55) verlegt; aus ihm spricht der klare Wunsch, dass Hitler schon viel früher hätte weggeräumt werden müssen, wenn er das berühmte Attentat auf den »20. Juli 1940« (S. 130) datiert; und dass eine zweibändige Erich-Mühsam-Auswahl, die 1958 in der DDR erschien, dort »nie wieder aufgelegt« (S. 53) worden sei, ist natürlich ebenfalls falsch.

    Cool sind die lebenspraktischen Tipps: Indirekt empfiehlt Raddatz, in keine Autos zu steigen, in denen vom Rückspiegel eine Zottelhexe hängt. Allen Geheimdiensten gemeinsam nämlich sei eine »Atmosphäre von Blechkaffeekanne, Blümchen auf dem Fensterbrett und die Zottelhexe am Rückspiegel der Abholautos« (S. 129). Muffige Zottelhexen am Rückspiegel kann der Stilexperte Raddatz nicht gutheißen; und gerade in Stilfragen sollte man sich generell auf Raddatz’ Urteil verlassen, seit er im FAZ-Interview erklärte: »Ob Sie einer schwangeren Frau den Bauch aufschneiden oder sechs Millionen Juden vergasen – das hat alles mit Stil überhaupt nichts mehr zu tun« und darüber hinaus auch noch lehrte, dass man normalerweise die Unterwäsche jeden »zweiten« Tag wechselt.

    Länge des Buches: > 100.000 Zeichen. – Ausgaben:

    Fritz J. Raddatz: Erfolg oder Wirkung. Schicksale politischer Publizisten in Deutschland. München: Hanser 1972. S. 3–137 (= 135 Textseiten).

    (Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)

  • Die großen Fritz-J.-Raddatz-Festwochen (Tag 3): »Tucholsky« (1961)

    (= 100-Seiten-Bücher – Teil 84)

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    (Vorwort zur Festwoche hier. Inhaltsübersicht hier.)

    Dieses Kleinod ist die erste von mehreren Tucholsky-Betrachtungen aus Fritz J. Raddatz’ Feder. Der direkte Vergleich zeigt, dass Raddatz in späteren Tucholsky-Essays gravierendste Änderungen vorgenommen hat, betreffen sie nun Jahreszahlen, Monatszahlen, Tageszahlen oder einfach ganz natürliche Zahlen.

    Heißt es in dieser Bildbiografie von 1961 noch: »Mord wurde die legitime politische Waffe, sie stand billig im Kurs: (…) am 8. Oktober 1919 Hugo Haase« (S. 60), so steht 1989 in »Tucholsky. Ein Pseudonym« plötzlich etwas völlig anderes: »Mord wurde die legitime politische Waffe: (…) am 7. November 1919 Hugo Haase« (S. 24).

    Heißt es 1961 noch: »Am 23. Februar 1922 erschien der Artikel Die Reichswehr, dessen Klarsicht uns noch heute entsetzen kann (…). Schon sieben Jahre später, 1929, zog Hitler mit 106 Abgeordneten in den Reichstag« (S. 63), so heißt es 1989: »Am 23. Februar 1922 erscheint der Artikel ›Die Reichswehr‹, dessen Klarsicht uns noch heute entsetzen kann (…). Genau acht Jahre später – 1930 – zieht Hitler mit 107 Abgeordneten in den Reichstag« (S. 24). Am 23. Februar 1922 erschien Tucholskys Artikel und tatsächlich fanden die Reichstagswahlen genau acht Jahre später statt, am 14. September 1930. Auf Genauigkeit legt Raddatz nämlich besonderen Wert und 1922+8 ist, das wird jeder Mathematiker bestätigen, genau 1930.

    Auffallende optische Verbesserungen hatte Raddatz bereits in dem 1972 erschienenen Band »Erfolg oder Wirkung« vorgenommen, dort war z. B. die Zahl 106 ausgeschrieben: »Mord wurde die legitime politische Waffe: (…) am 8. Oktober 1919 Hugo Haase (…). Am 23. Februar 1922 erschien der Artikel ›Die Reichswehr‹, dessen Klarsicht uns noch heute entsetzen kann (…). Sieben Jahre später – 1929 – zog Hitler mit hundertsechs Abgeordneten in den Reichstag« (S. 17f.) Seltsam, dass Raddatz dann wiederum im Jahr 1989 die Zahl 107 nicht ausgeschrieben hat. Hoffentlich bringt Klett-Cotta bald eine historisch-kritische buntscheckige mehrfarbige Synopse dieser höchst unterschiedlichen Tucholsky-Abhandlungen heraus, damit man ihre Genese kritisch nachverfolgen kann; was für Ernst Jüngers »In Stahlgewittern« recht ist, sollte für Raddatz doch billig sein.

    Länge des Buches: > 100.000 Zeichen. – Ausgaben:

    Fritz J. Raddatz: Tucholsky. Eine Bildbiographie. München: Kindler 1961. S. 3–141 (= 139 Textseiten).

    (Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)

  • Die großen Fritz-J.-Raddatz-Festwochen (Tag 1): Vorwort

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    (Inhaltsübersicht hier.)

    Es ist ein bisschen ungerecht, dass Fritz J. Raddatz hauptsächlich für seine dickeren Bücher berühmt ist, etwa für den 938-Seiter »Tagebücher 1982–2001« oder für den 291-Seiter »Warum ich Marxist bin«. Man sollte nämlich nicht vergessen, dass Fritz J. Raddatz ein Meister nicht nur der Langstrecke, sondern auch ein wohl ungeschla­gener vielfacher Weltrekordhalter der Kurzstrecke ist: Im Lauf der letzten 82 Jahre hat er unfassbarerweise insgesamt über zwei Dutzend Hundertseiter rausgehauen! Diese wollen wir in den nächsten Wochen in gefühlt chronologischer Reihenfolge würdigen.

    Damit präsentiert Der Umblätterer einen verlängerten Adventskalender, der sich über den gesamten Monat Dezember erstreckt. Hinter jedem Türchen befindet sich die schlaglichtartige Beleuchtung eines Raddatz-Hundertseiters oder eine andere tolle kleine Überraschung. Morgen geht’s los mit seiner 1958 eingereichten Dissertation »Herders Konzeption der Literatur, dargelegt an seinen Frühschriften«. Wir empfehlen, alle im Handel erhältlichen Raddatz-Hundertseiter als Komplettpaket zu kaufen und an Weihnachten großflächig zu verschenken. Diese Bücher eignen sich für jeden, auch für Kinder und Greise.

    Auf die Idee, die großen Fritz-J.-Raddatz-Festwochen zu zelebrieren, sind wir übrigens gekommen, als wir neulich in der Mittagspause kurz mal eben in den Fritz-J.-Raddatz-Hundertseiter »Nizza – mon amour« geklickt haben und bei folgender Stelle hängenblieben:

    »Man muß stets eingedenk sein, daß auch hier im Süden Frankreichs deutsche Truppen marodierten, plünderten, mordeten. So recht behaglich kann einem nicht sein beim Einkauf in Nizzas ›Galeries Lafayette‹, wenn da links an einer Säule eingemeißelt steht: Ende der Vorschau für dieses Kindle eBook. Hat Ihnen die Vorschau gefallen?«