Autor: Dique

  • Reiterstandbild

    Der letzte Tag in Venedig, und wir waren vorher einfach nicht dort vorbeigekommen. Nun hetzen wir zum Campo vor Santi Giovanni e Paolo und klingeln gleich an der ersten Tür. Aber niemand öffnet uns, obwohl wir von drinnen Geräusche gehört haben. An der nächsten Tür haben wir mehr Glück. Wir deuten auf das Bild im »DK Travel Guide«, aber der Herr, der die Tür geöffnet hat, will uns nicht hineinlassen. Er sucht windige Ausreden und Entschuldigungen, und irgendwann ist die Tür zu und uns rennt die Zeit davon.

    Auf dem Platz draußen kommt uns ein Australier entgegen, den wir gestern schon irgendwo getroffen haben und der nun anscheinend auch einen Blick abbekommen möchte. Der Typ ist ziemlich bizarr bis creepy, gestern sagte er mir, dass er den Rucksack voller Ölsardinenkonserven und, wenn ich das richtig verstanden habe, immer etwas Gold dabei habe, um für den bevorstehenden Ernstfall gewappnet zu sein, den »total crash of the system«.

    Er trägt Blundstones, diese australischen Waldarbeiterschuhe, die wie Chelsea-Boots geschnitten sind, allerdings eine feuerfeste Gummisohle haben, dazu sehr feste Khakis. Im Rucksack hat er auch noch eine Barbourjacke dabei, und mit diesem Survival Kit durchreist er nun die Welt und will sich im entscheidenden Moment für Gold auf einem Bauernhof einkaufen. Den Mogambo Guru kennt er komischerweise nicht.

    Wir sagen dem Australier, der zur selben Tür strebt, bei der wir gerade abgewiesen worden sind, dass es keinen Zweck hat, aber er geht trotzdem weiter. San Andreas macht inzwischen ein paar Fotos, und ich laufe um das Denkmal herum und versuche trotz allem einen Blick zu erhaschen, schütze meine Augen mit beiden Händen gegen die Sonne, aber sie blendet einfach zu sehr. Auch sonst würde man von hier unten keinen guten Blick zustande bringen, die Skulptur ist einfach zu hoch oben aufgestellt:

    Venedig, Verrocchios Colleoni von unten

    Ich wollte das Reiterstandbild des Bartolomeo Colleoni, nach dem Wachsmodell von Verrocchio, unbedingt sehen, die Aussicht darauf war einer der Hauptantriebe, wieder mal nach Venedig zu fahren. Der Colleoni steht hier seit 500 Jahren. Schon Michelangelo und Vasari haben ihn sich zusammen angesehen, bei ihrem Venedigtrip, bei dem sie auch Werke von Tizian betrachtet haben, und vielleicht standen sie sogar direkt hier, als Vasari in Richtung Michelangelo fragte, wie er denn die Bilder von Tizian finde, und Michelangelo sinngemäß erwiderte, dass Tizian ein guter Maler sein könnte, wenn er zeichnen gelernt hätte. Vasari-Seemannsgarn.

    Da die Reiterstatue auf diesem sehr hohen Podest steht und man von unten fast nichts sieht, hat die Stadtverwaltung von Venedig mit Gültigkeit vom 1. September 2009 beschlossen, dass willige Anwohner des Campo Santi Giovanni e Paolo gegen eine entsprechende Mietminderung die Besucher auf Anfrage in ihre Wohnung oder auf ihre Dächer lassen, damit sie von dort einen guten Blick haben und ein schönes Foto machen können. Das funktioniert allerdings überhaupt nicht, jedenfalls nicht für uns, trotz der Mietminderungen und trotz der Aussicht auf Trinkgeld.

    Wir müssen schnell weiter zum Bahnhof, um rechtzeitig zum Flughafen zu gelangen. Bei einem Blick zurück sehen wir noch den Australier aus dem Haus kommen, in dem wir abgewimmelt worden waren, und ich sehe, wie er grinsend seine Digicam durchblättert. Wir erblicken diese Szene aber nur noch von weitem, als wir gerade die Kanalbrücke in westlicher Richtung überqueren, und mich hätte sehr interessiert, wieso er eingelassen wurde, wir aber nicht. Vielleicht hat es etwas mit seinem Militärrucksack zu tun, in dem sich angeblich Ölsardinen und Gold befinden.

  • Ein Brief von Umar Vadillo Goicoechea

    Morgen wird es hier im Umblätterer wieder eine Massakerminiatur von John Roxton geben, wie jedes Jahr am 23. Mai. Vor ein paar Tagen traf ich John auf ein Stück Butterkuchen in der Konditorei Stenzel, und wir sprachen kurz über die Tradition der Massakerminiatur in der Literatur allgemein und in der Blogosphäre im Speziellen.

    Später kamen wir, wahrscheinlich abgekoppelt von diesem Thema, auf Ernst Jünger zu sprechen. Das ging dann vielleicht fünf Minuten so dahin, bis wir aufstanden und gehen wollten, als uns ein allein sitzender junger Mann vom Nebentisch aus ansprach und provokant fragte, was denn mit »dem Arbeiter« sei! Kein »Entschuldigense bitte«, kein »Darf ich mich kurz vorstellen?«, einfach nur: »Ähm, was ist denn mit ›dem Arbeiter‹!«

    In retrospect finde ich diesen Anschluss suchenden Fragensteller eigentlich ziemlich superst, auch weil ich gerade den 5. Band von »Siebzig verweht« lese und auf die folgende Stelle stieß. Am 2. Februar 1991, der Golfkrieg ist im Gang, erhält Ernst Jünger einen Leserbrief von Umar Vadillo Goicoechea, in dem ihn der Schreiber seinen moslemischen Bruder heißt. Dann geht es u. a. darum:

    »Das Lesen Ihres Buches ›Der Arbeiter‹ in Spanisch hat mich überwältigt. Sie haben den Mythos des ökonomischen Menschen zerbrochen, ein selbst verfasstes Gefängnis, das durch den fortlaufenden Lebensprozess verdeckt wird.«

    Es sind tatsächlich einige kulturgeschichtliche Eckdaten, die man einbedenken muss, um sich ein Bild davon machen zu können, was es heißt, dass a) ein spanischer Konvertit b) dieses Buch c) in der spanischen Übersetzung d) im Jahr 1991 liest und sich dann e) auch dazu bemüßigt fühlt, dem Autor knapp 60 Jahre nach Erscheinen des Bandes noch eine Nachricht zukommen zu lassen.

    Noch spannender fand ich aber einen Eintrag weiter vorn. Jünger schreibt ja sehr viel über seine Träume, und manchmal fühlt man sich beim Lesen wie Freud nach einer interessanten bis weirden Sitzung oder wie Hitchcock, als er zum ersten Mal Dalís Bauten für die Traumsequenz in »Spellbound« zu Gesicht bekommen hat.

    Jedenfalls beschreibt Jünger in einem dieser Träume ein Techtelmechtel mit einer jungen Dame in einem »verwohnten Berliner Hause, einer meiner Absteigen«. Nun steigt er die Treppen bis zum Dachgeschoss in Begleitung eben dieser Dame hinauf, »einer jungen, korrekt gekleideten Lehrerin, Potsdamer Stil«. Die beiden Turteltauben schauen dann durch ein Fenster, »in dem Buchhalter auf Büromaschinen den Hohenfriedberger hämmerten«.

    Wenn ich bedenke, dass man ja zum Beispiel auch von John Roxtons Massakerminiaturen träumen könnte, zöge ich es ebenfalls vor, auf dem Höhepunkt der REM-Phase aus einem Schreibmaschinengewitter heraus den Hohenfriedberger zu erkennen.

  • Erwartung enttäuscht

    Einmal Hamburg–Düsseldorf und zurück. Diese Zugstrecke reicht ziemlich genau für die Lektüre von Thomas Bernhards »Untergeher«. Das Buch fand ich nicht nur erfrischend, weil sich der Text ohne Absatz, wie immer bei Bernhard, quasi im Sturm von Buchdeckel zu Buchdeckel bewegt, sondern auch inhaltlich im Kontrast zu dem eben gelesenen »Verfolger« von Julio Cortázar.

    Bernhard gelingt das Portrait Glenn Goulds aus Sicht eines, wenn auch fiktiven, engen Freundes und irgendwie auch Biografen deutlich besser, ohne dabei in irgendeine Tiefe zu gehen und zu versuchen, tatsächlich die Person Gould zu entblättern. Natürlich ist Gould nur eine Krücke, ein Pendant zum Untergang des »Untergehers« Wertheimer, doch bleibt das Buch auch ein Quasi-Portrait des grööößten Pianisten aller Zeiten.

    Im Gegensatz dazu steht sich der Erzähler und Biograf im »Verfolger«, der Jazzkritiker Bruno, die meiste Zeit selbst im Weg. Die Liebe zum Jazz, die Musik als Lebensmittelpunkt, wird weder über die Figur des Biografen noch über die des drogensüchtigen Jazz-Saxophonisten Johnny Carter/Charlie Parker von Cortázar in bewegende Literatur umgesetzt. So kamen mir die 200 Seiten »Untergeher« deutlich kürzer vor als die 100 Seiten »Verfolger«.

    Nun stehe ich im Antiquariat und nehme eine Taschenbuchausgabe des »Untergehers« aus dem Regal, schlage sie auf und werde mit einer handgeschriebenen Kritik des Vorbesitzers konfrontiert, der sich G.S. nennt und sich vor genau 10 Jahren durch das Buch gequält hat:

    Suhrkamp-Taschenbuch 2956, Bernhard, Der Untergeher, Handschriftliche Kritik

    Beurteilung:
    das Buch hat mich
    insgesamt enttäuscht,
    zeitweise sogar gelang-
    weilt, meine Erwartungen
    an Autor u. Titel wurden
    nicht erfüllt
    Note: 3–4 (G.S.)

    Ich habe das dann genauso abgeschrieben, in meine Suhrkamp-Taschenbuchausgabe vom »Verfolger«, und schmuggle sie morgen heimlich dort ins Regal.

  • Listen-Archäologie (Teil 3): Leonardo: »Ach so, ja, ich kann auch malen«

    Leonardo, Study of Horse Ungefähr 1483 schickt Leonardo da Vinci ein Bewerbungsschreiben an Ludovico Sforza. Es besteht aus einer Liste mit vor allem Waffen und Kriegsgerät, die er für den Mailänder Herrscher zum Einsatz bringen will. Diese Liste ist natürlich relativ bekannt und auch recht lang, und der Clou ist dann erst ziemlich am Ende versteckt (Punkt 10.): Dort erwähnt Leonardo, dass er übrigens, falls es Sie, lieber Herzog, interessieren sollte, auch als bildender Künstler exzellent sei.

    Ganz zum Schluss erwähnt er dann noch das berühmte Reiterstandbild von Ludovicos Vater, Francesco Sforza, für dessen geplante Umsetzung er sich anbietet. Über zehn Jahre arbeitet er sporadisch an dem Riesenpferd, kreiert das Tonmodell, bekommt aber nie genug Bronze zusammen, damit es auch gegossen werden kann, und 1499 zerstören dann die Franzosen das Modell.

    Hier nun der Brief samt Liste in seiner Gänze. Ich las ihn in der schönen Leonardo-Bio von Charles Nicholl, »Flights of the Mind«, zitiere das Anschreiben aber mal lieber nach der Leonardo-Monografie von Hugo Graf von Gallenberg (Leipzig 1834):

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  • Der Dresscode der Alten

    Das neue Highlight von Dresden ist die »Türckische Cammer«. Über 100 Jahre nach Rudolf II. haute der Sachsenkönig mit seiner Sammlung auf die Pauke, häufte zwar keine vergleichbaren Schätze an, aber er war ja auch nicht römischer Kaiser. Ich habe die Cammer noch nicht gesehen, bin aber schon nach der Einleitung dieses FAZ-Artikels von Dieter Bartetzko Feuer und Flamme:

    »Wenn August der Starke es abends einmal leger mochte oder eine seiner Mätressen beeindrucken wollte, kleidete er sich in einen Kaftan. Lachsrot, glänzende Seide mit tausenderlei Paspeln und Abnähern, …«

    Der Sachsenkönig im lachsroten Kalifengewand voller Paspeln und Abnäher. In der Printausgabe der FAZ war dieses Gewand auch abgebildet. Zumindest farblich könnte man es in die Nähe des berühmten Skythenfilzanzuges rücken, den man vor wenigen Jahren in Berlin bewundern konnte. Der flamboyante Dresscode der ›Alten‹ ist doch immer wieder faszinierend. Da wurde noch mit herrlichem Material in noch herrlicheren Farben geprotzt. Dagegen verblasst sogar der gelbe Anzug von Johan Nilsen Nagel.

    Über Matthias Grünewald weiß man eigentlich nicht viel, aber jeder (jeder!) kennt und verehrt den von ihm geschaffenen Isenheimer Altar. Immerhin existierte ein Nachlass des Malers, der dereinst in fünf Kisten in Frankfurt am Main lagerte. Die Kisten waren dort geblieben, als Grünewald nach Halle zurückkehrte, wo er 1528 starb. Darin befanden sich Malutensilien, aber auch reformatorische Schriften, und das ist für die Forschung von extremem Interesse. Für uns ist aber viel wichtiger, dass Grünewald eine sehr elegante Garderobe pflegte. In den Kisten befanden sich zudem:

    • drei rote Hofgewänder
    • ein grauvioletter Rock mit Sammet an den Ärmeln
    • ein purpurianischer Rock mit schwarzem Futter
    • vier Atlaswämser
    • ein goldgelbes Paar Hosen
    • ein Mantel aus weißem Filz mit Leder überzogen
    • ein damastenes Brusttuch
    • goldgestickte Hemden und dazu noch Geschmeide, Ringe etc.

    Wie Wilhelm Fraenger, nach dem das hier zitiert ist, sagt: »Alles in allem ein Kostümaufwand, für die besonderen Erfordernisse eines Hofmannes zugeschnitten.« Zum Vergleich: Dürer hatte sich 1506, also ein paar Jahre vor Grünewalds Abgang, in einem Brief aus Venedig an seinen Freund Pirckheimer beklagt: »Hÿ pin ich ein her, doheim ein schmarotzer etc.«

    Ein »her« zu sein, manifestiert sich sicher nicht nur in der Kleidung, aber wie das Beispiel Grünewald zeigt, scheinen zumindest einige, oder eben einfach nur einer der nordischen Renaissancemaler, schon ganz Gentleman gewesen zu sein.

    Der italienische Dürer, nämlich Leonardo, war bekanntermaßen ganz Herr, Hofmann und Dandy. In der berühmten Biografie von Nicholl steht dann auch mal drin, wie viel er mitunter für ein feines Kleidungsstück hinlegte:

    »In the 1490s Leonardo purchased a 600-page book on mathematics, in folio, for 6 lire, and a silver cloak with green velvet trim for 15 lire.«

    Von dem Geld für den mit grünem Samt abgesetzten Silbermantel konnte man immerhin für eine vierköpfige Familie ein Jahr lang Brot kaufen, soweit der Vergleich der historischen Währungsumrechner.

  • Der größte Plebejer der zeitgenössischen Kunst

    »Grimmelshausen ist seit Ende des Dreißigjährigen Krieges nicht mehr Mitglied des deutschen Schriftstellerverbandes.« So kom­mentierte Michael Naumann den angestrebten Generationswechsel, der bei der Eichborn’schen »Anderen Bibliothek« zu seiner Kündigung geführt hat.

    In einem der Bände der (guten alten?) Enzensbergerzeit, in Philipp Bloms »Sammelwunder, Sammelwahn«, steht neben vielen anderen supersten Anekdoten zum Thema Sammelei auch eine über den General Franco, er soll den Arm der Heiligen Teresa von Ávila mit sich herumgetragen haben, aber nicht, um damit zu unterschreiben, sich damit zu kratzen oder sonst irgendetwas Nützliches zu tun, sondern wegen der mythischen Kraft dieser Reliquie.

    Aus ähnlichen Gründen wollte Rudolf II. unbedingt einen bestimmten Narwalzahn (galt damals noch als Horn des Einhorns bzw. Ainkhürns) und die berühmte Achatschale besitzen, in der durch schattige Einschlüsse der Name Christi zu lesen gewesen sei.

    In Bloms Buch gibt es auch ein paar spannende Überlegungen zur Demokratisierung des Sammelns. War das uferlose Zusammentragen wertvoller oder wundersamer Dinge ehedem Privileg, ist die heutige Sammelei in alle Schichten der Bevölkerung vorgedrungen (Bierdeckel, Milchflaschen, Überraschungseiinhalte).

    Zum Glück bleibt wenigstens die Kunst schön undemokratisch, siehe Helmut Krausser: »Kunst ist ein aristokratisches Phänomen, kein demokratisches, und erst recht kein plebejisches.« Dieses Zitat ist in der eben erschienenen »Substanz« des 12-bändigen Krausser’schen Tagebuchprojekts zu lesen, immer noch einem der unfassbar hervor­ragendsten Literaturgroßprojekte aller Zeiten.

    Vorhin war ich noch in der PopLife-Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle. Die einzige Entschädigung für die schiere Langeweile, die bunte Warholsiebdrucke nun einmal verbreiten, war das in Formalde­hyd eingelegte Goldene Kalb von Hirst, dem vielleicht größten Plebejer der zeitgenössischen Kunst.

    Usw.

  • Die fünf besten Studenten der Weltliteratur

     
    1. Stanislaus Demba in Leo Perutz: »Zwischen neun und neun«

    2. Charousek in Gustav Meyrink: »Der Golem«

    3. Anselmus in E. T. A. Hoffmann: »Der goldne Topf«

    4. Øien in Knut Hamsun: »Mysterien«

    Ein fünfter fällt mir gerade nicht ein, hehe.
     

  • Sueton, Claudius, H. P. Lovecraft

    Suetonius: »The Lives of the Caesars«, gerade gelesen, und das rief mir wieder »I, Claudius« von Robert Graves ins Gedächtnis und ebenso zwei Bilder von Lawrence Alma-Tadema.

    1. »A Roman Emperor« zeigt Claudius in den Schatten eines Vorhangs gelehnt:

    Alma-Tadema, A Roman Emperor (source: Wikimedia Commons)

    Der Arme trägt eine weiße Tunika und rote Pantoffeln und will sicher nicht, dass dieser Praetur ihm da jetzt huldigt. Neben ihm liegt die frische Leiche des Caligula, dahinter steht eine blutbeschmierte Stele, die in einer Augustusbüste endet. Alles gemalt in Breitbandformat, im Hintergrund prangt das untere Drittel eines Gemäldes der Schlacht bei Actium, auf dem Bildausschnitt oben leider nicht zu sehen.

    2. »Proclaiming Claudius Emperor« zeigt den zukünftigen Kaiser auf Knien vor dem Praetur, der ihm an Ort und Stelle sein neues Amt aufdrängt:

    Alma-Tadema, Proclaiming Claudius Emperor (source: Wikimedia Commons)

    Claudius hält die Hände bettelnd gefaltet, bitte verschont mich von diesem Amt, so schaut es aus, und so heißt es bei Graves: »Put me down! I don’t want to be Emperor. I refuse to be Emperor. Long live the Republic!« (S. 395 in meiner Penguin-Ausgabe)

    Aber der Praetur verbeugt sich, und die Legionäre bejubeln den neuen Kaiser, den einst verspotteten Claudius, von dessen mitleidigem Zustand Sueton ausführlich berichtet, von seinen schwachen Knien, seinem zitternden Kopf, seinem konfusen Stottern und davon, dass ihm bei Aufregung die Nase lief und er zu sabbern begann.

    Die Mutter des Claudius, Antonia, sprach von ihrem Sohn als »eine Missgeburt von Menschen«, »die Natur hätte ihn nur skizziert, nicht vollendet«. Parallelen zu Lovecraft sind natürlich an den Haaren herbeigezogen, schließlich wurde HPL in seiner Jugend nicht gehänselt und war auch keine »Missgeburt«, jedenfalls nicht per se.

    Allerdings bezeichnete seine Mutter ihn offiziell als hässlich, er sei so hässlich, dass er sich nicht gern auf die Straße wage, weil ihn die Leute anstarren. Dabei war Lovecraft zwar keine Schönheit, aber so hässlich nun auch wieder nicht, hehe. Angestarrt wurde er maximal, weil der arme Mensch in den frühen 1930er Jahren mit einem Mantel von 1909 und einem völlig durchgeriebenen Anzug herumlief.

    Wie auch immer, das Beste am Claudius-Buch von Graves ist dieser herrliche Anfang, der ebenso von Derek Jacobi in der Eröffnung der gleichnamigen Serie aufgesagt wurde:

    »I, Tiberius Claudius Drusus Nero Germanicus This-that-and-the-other (for I shall not trouble you yet with all my titles) who was once, and not so long ago either, known to my friends and relatives and associates as ›Claudius the Idiot‹, or ›That Claudius‹, or ›Claudius the Stammerer‹, or ›Clau-Clau-Claudius‹, …«

    Das ist natürlich völlig blödsinnig, diese Passage hier einfach so als die beste des Buches auszurufen, aber vielleicht finde ich bei der Zweitlek­türe noch eine bessere Stelle.

    (Bilder: Wikimedia Commons [1] [2])

  • Ein Essen mit San Andreas

    Wir sitzen auf eine Thaisuppe im Cha Cha. Zwei Schlucke vom Bier und ein paar Löffel Suppe, und auf einmal springt San Andi auf, schreit, dass er weg müsse. Ich frage mich, was los ist, vielleicht Besuch, der mit Koffern vor der Wohnung steht? Er sprudelt heraus, dass er Kinokarten habe, wohl die Preview für den neuen Scorsese-Film. Er wirft sich die Jacke über, sagt nervös, dass er das nie schaffen werde, und verschwindet, fairerweise ließ er noch Geld für sein Essen zurück.

    Ich saß dann allein dort, vor mir mein Bier und meine Suppe, auf der anderen Tischseite das gleiche Bild, nur ohne Esser. Ich habe dann mein Buch ausgepackt, die extremst gute Rudolf-II.-Biografie von Gertrude von Schwarzenfeld (1. Aufl. 1961), und beim Lesen meine Suppe gegessen und langsam mein Bier geleert und später noch einen Schluck von San Andis Bier getrunken, die Suppe ging zurück. Ein Essen mit San Andreas.

  • Die »Süddeutsche« vom 13./14. Februar 2010

     
    –»Aren’t you relieved to know that you’re not a golem?«
    –»Yes, I am relieved to know that I am not a golem.«
    (»Stranger than Fiction«)

    Letzter Samstag, ich hatte wie immer die FAZ gelesen. Die Samstags-FAZ ist das mittlerweilige Lieblingsobjekt weiter Teile des Umblätte­rers (with FAS losing ground), die Ausgabe von letzter Woche war aber nur okay, nicht wie sonst richtig superst. Später ging ich dann in eine Kneipe auf ein paar Heringe, und da hing die »Süddeutsche« im Zeitungshalter. Ich hatte die S-Zeitung länger nicht gelesen, und sie hatte ja in letzter Zeit wegen verschiedenster Dinge auch eine Menge Bashing abbekommen.

    Fakt ist, die Ausgabe von letztem Samstag hatte ein FEUILLETON­FEUERWERK zu bieten, das sich bis in den Wirtschaftsteil zog. Dort fand man einen Artikel von Helga Einecke über Botticelli, der, na ja, einfach sehr gut war. Das Bild zum Artikel zeigte einen Ausschnitt aus dem Altargemälde für die Zanobi, auf dem sich Botticelli offensichtlich selbst verewigt hatte, kurz, ein Selbstportrait, und ein ganz feines.

    Er hat da sehr moderne Gesichtzüge und schaut dem Zuschauer fest in die Augen, dazu trägt er herrliche gelb-goldene Klamotten, wie Johan Nilsen Nagel in Hamsuns »Mysterien«. Im Text ging es um wirtschaft­liche Aspekte und Ungereimtheiten im Leben des Künstlers und dessen Erfolg, der ihm von Vasari zwar bescheinigt wurde, der ihn aber als Menschen eher unvorteilhaft portraitiert hatte, vielleicht wegen seiner Konkurrenzfähigkeit zu dem von ihm, wieder Vasari, geliebten und gehypten Michelangelo.

    Im Feuilleton selber gab es dann einen langen Bericht von Alex Rühle über Wuppertal, über die miese Finanzlage und die daraus resultierende wahrscheinlich erste Schließung eines Schauspielhauses in einer Großstadt. Ein Tristesse-Artikel, der beim Lesen tatsächlich so einen beängstigenden Untergangszukunftskosmos eröffnete, ein nicht gerade erstes, aber ansehnliches Zeichen von Ernsthaftigkeit diesen ganzen Verschuldungswahn betreffend.

    Außerdem werden gerade die »Sandokan«-Romane neu übersetzt und erscheinen im Wunderkammer Verlag, Burkhard Müller hat einen davon rezensiert, der geschrieben sei »aus dem Geist der Großen Oper«, d. h. es komme auf Logik und Folgerichtigkeiten nicht unbedingt wirklich an. Ich wusste bis dato nicht, wer der Autor der Reihe war, Emilio Salgari, dem Artikel nach eine Art italienischer Karl May, in Verona geboren und nie irgendwo hingekommen, aber knapp 80 Abenteuerromane geschrieben, die überall auf der Welt spielen, von denen der »Sandokan«-Zyklus am erfolgreichsten war. Ein schönes Portrait dieses Mannes und des, im direkten Abgleich mit Karl May, Schreibtischkolonialismus der zu spät gekommenen Nationen Deutschland und Italien.

    Auf der Panorama-Seite stand noch ein Artikel über Muttermilch, der mit der schön verschwenderischen Abbildung einer Madonna von Andrea Solari illustriert war, hängt im Louvre:

    Andrea Solari: La Madonna del cuscino verde (Louvre)

    Eine superste Ausgabe der S-Zeitung also, die ich da beim Hering im Zeitungshalter weggelesen habe. Die Ausgabe war auch trotz so später Stunde noch vollzählig und korrekt sortiert, eben dank Zeitungshalter. Auf der Website eines Zeitungshalterherstellers findet man diese einführenden und hier jetzt abschließenden weisen Worte:

    »Wer von uns Zeitungslesern hat sich im Café, beim Friseur, im Wartezimmer des Arztes oder an anderen Orten mit öffentlich ausliegenden Presseerzeugnissen noch nicht fürchterlich geärgert, wenn er bei der Lektüre dieser Zeitung und Zeitschriften feststellen mußte, das Teile fehlten oder sich das Lesegut in einem ungeordneten oder erbärmlich zerfledderten Zustand befand?

    Solche Unbill, die Konsumenten gemeinschaftlich genutzter Printmedien gelegentlich widerfährt, hätte sich in einer Vielzahl der Fälle sicherlich verhindern lasse, hätte die auslegende Stelle auf ein Produkt zurückgegriffen, das seit Jahrhunderten den Zeitungen den Rücken stärkt: den Zeitungshalter.«

    (Bild: Wikimedia Commons)