Autor: Dique

  • Sonne und Kino — Ein Wochenende in 3D

    Ich gehe am liebsten am frühen Nachmittag ins Kino, da ist es immer so schön ruhig. Wenn der Film dann vorbei ist, bin ich stets angenehm erfreut, dass ich noch den ganzen Abend vor mir und scheinbar schon so viel erlebt habe.

    Werner Herzog: »Cave of Forgotten Dreams«

    Am Samstag sind wir zur Nachmittagsvorstellung ins Gate Cinema in Notting Hill gegangen, um uns »Cave of Forgotten Dreams« anzusehen, den neuen Hit von Werner Herzog. Es wird ein dreifacher Abstieg an diesem sonnigen Tag, in die Dunkelheit des Kinos, in die Tiefe der Höhle und in die plastische 3D-Welt. Als vierte Dimension sollte ich vielleicht noch die eigenartig einzigartige Welt erwähnen, die das sonore Englisch erzeugt, in dem Werner Herzog seine Filme kommentiert.

    An der Kasse fragt man uns, ob wir unsere eigenen 3D-Brillen dabeihaben oder für zusätzliche 70 pence welche kaufen werden. Die Frage kommt mit einer Selbstverständlichkeit daher, dass ich mich beinahe schäme, jetzt hier eine der 3D-Brillen erwerben zu müssen, statt gleich mein eigenes cooles Teil aus der Tasche ziehen zu können. Wegen des billigen Preises halte ich den Obolus zuerst für eine Miete, aber die Brillen gehen tatsächlich in unseren Besitz über. Beim nächsten Mal werde ich also lässig nicken können, wenn jemand mein 3D-Brillen-Besitztum abfragt.

    Im Film selbst gibt es dann neben der irren Landschaft im Tal der Ardèche die über 30.000 Jahre alten Kunstwerke zu sehen. Sie haben die vergangenen Jahrtausende in der zugeschütteten Chauvet-Höhle überlebt und sind erst vor ein paar Jahren wieder entdeckt worden, und Besucher haben normalerweise keinen Zutritt. Als ich die ersten Bilder an den Wänden erblicke, klar und scharf und in 3D, denke ich sofort an einen Fake, einen Hoax, einen Scherz, denn Qualität und Zustand der uralten Malereien sind atemberaubend.

    Im Film wird deshalb auch gleich erklärt, dass die Echtheit in wissenschaftlich redlicher Weise eindeutig nachgewiesen worden ist, dank der Mineralschichten, die über den Zeichnungen gewachsen sind. An einer Wand hat einer der Künstler seine Handabdrücke hinterlassen, die müssten jetzt nur noch mit der Fingerprint-Datei des FBI abgeglichen werden, um vollkommene Sicherheit zu erlangen.

    Ansonsten sieht man meist Pferde, Höhlenbären und Bisons, manche haben ganz futuristisch acht Beine, um Bewegung zu suggerieren, ganz so wie das später auch Giacomo Balla mit seinem vielbeinigen Hund versucht hat. Neben der Kunst an den Wänden gibt es in den Höhlengängen weiteres perfektes 3D-Material. Zugestaubte Totenschädel von Höhlenbären liegen auf dem Boden herum, und Tropfsteine bilden bezaubernde Formationen. Dazu dudelt die im positiven Sinne einlullende Stimme von Werner Herzog.

    Nach dem Film begeben wir uns aus der Quasihöhle in Notting Hill wieder an die Sonne. Es ist noch nicht zu spät für einen Kurzbesuch im wie üblich vollkommen unaufgeräumten »Lisboa« in der Goldborne Road. Trotz intensiven Sonnenscheins lastet noch die Höhlenerfahrung auf meiner Seele, und gedankenversunken suche ich in den Zuckerformationen meines frischen Palmiers nach den Skelettresten von Höhlenbären.

    Wim Wenders: »Pina«

    Begeistert vom 3D-Erlebnis am Samstag und angefixt von der Kinowerbung müssen wir am Sonntag gleich in den nächsten 3D-Film gehen. Auch dieser stammt von einem »alten deutschen Regiehelden«, wie San Andreas später in einer E-Mail an mich schreiben wird, aber um ehrlich zu sein hat mir außer dem »Untergang« kein Film von Wim Wenders jemals gefallen, hehe.

    Auch die Worte Pina Bausch und Tanz erzeugen bei mir eigentlich ignorantes Schulterzucken und die Erinnerung an einen bestimmten Typ Frau. Der Kinotrailer für »Pina«, der tags zuvor vor dem Werner-Herzog-Film gelaufen ist, hat mich allerdings sofort überzeugt. Dieses Mal gehen wir ins Curzon Chelsea und haben unsere neuen 3D-Brillen dabei, die eigentlich sogar ziemlich schick aussehen, wie Wayfarers, aber eben aus sehr billigem schwarzen Plastik gemacht sind. Zuerst hatten wir sie vergessen, ich bin extra noch mal nach Hause gerannt, sie zu holen.

    Nun kaufe ich die Eintrittskarten, und gleich werde ich sagen können, dass ich natürlich meine eigene Brille dabei habe. Allerdings wird die entsprechende Frage gar nicht gestellt, und ich muss erfahren, dass wir im Kino ein spezielles Modell bekommen werden. Man habe eine eigene Technologie, jeder Zuschauer bekomme dafür eine Leihbrille, denn die 70-pence-Teile funktionieren hier wohl nicht.

    Die Curzon-Brillen sind schwer und klobig und sehen aus wie Schweißerbrillen. Sie lohnen sich von der ersten Minute an. Zunächst werden reichlich Ausschnitte aus einer »Sacre du Printemps«-Choreografie von Pina Bausch gezeigt. Eine Bühne wird mit Erde vollgeschüttet, man sieht das im Zeitraffer, durch den 3D-Effekt spürt man das Gewicht der Erde und ist gleich ganz tief drin, und dann beginnen Musik und Tanz, erst langsam, aber bald schon tobt auf dem frisch bestellten Acker das organisierte Chaos.

    Ich habe ungeheure Lust, jetzt einfach dieses eine Stück komplett sehen zu wollen, aber irgendwann wird dann zum nächsten Stück gejumpcuttet, dann zur nächsten Choreografie usw. Dazwischen O-Töne der Tänzer des Ensembles über Pina. Der ganze Film ist ein ziemlicher Rausch, wie tags zuvor der Höhlenbesuch mit Werner Herzog.

    Als der Film zu Ende ist und wir das Kino verlassen, scheint noch immer die Sonne. Wir sind noch benommen von der Vorstellung, und es wird geschwiegen. Da unsere 70-pence-3D-Brillen abgedunkelt sind, benutzen wir sie nun einfach als Sonnenbrillen und schlendern die Kings Road hinunter, und ich freue mich, dass wir noch den ganzen Abend vor uns, aber schon so viel erlebt haben.
     

  • 100-Seiten-Bücher – Teil 3 Adelbert von Chamisso: »Peter Schlemihls wundersame Geschichte« (1814)

    Ein junger Herr verkauft seinen Schatten an einen grauberockten Mann. Das so beginnende Kunstmärchen ist aber keine Nonsensprosa, sondern eine genaue Ausarbeitung dieser närrischen Augenblicksidee. Der »Schlemihl« hat sich bis heute gehalten, weil die Schattenlosigkeit als Allegorie einfach sehr vielseitig ausdeutbar ist und zu immer neuen Lesarten geführt hat. Jedes beliebige Stigma lässt sich da herausinterpretieren.

    Als Gegenleistung hat der unbedachte Schattenverkäufer übrigens einen Goldbeutel erhalten, der sich von ganz allein immer wieder füllt. Allerdings muss der Neureiche schnell erfahren, dass er ohne Schatten von seinen Mitmenschen verstoßen wird: »Von einem Schattenlosen nehme ich nichts an.« Immerhin taucht der Mann im grauen Rock nach einem Jahr wieder auf und möchte ihm den Schlagschatten zurückgeben. Er könne sogar das Goldbeutelchen behalten, müsse ihm dafür allerdings seine Seele überlassen. Diesmal widersteht der Schattenlose und verbringt den Rest seines Lebens büßend als einsiedelnder Botaniker.

    Um allzu ernsthaften Schulbuchinterpretationen zu entgehen, hilft übrigens ein Blick in Arno Schmidts Roman »Aus dem Leben eines Fauns« (1953), der ebenfalls sehr kurz und schnell zu lesen ist. Dort erscheint Schlemihls tragisches Schicksal plötzlich als ziemlich zukunftsträchtig. Außerdem werden zeitgemäße Alternativen für das Goldsäckel durchgespielt: »Sommersonne : Schatten : Peter Schlemihl ! : Heute würd er in‘ Zirkus gehen und Unsummen verdienen ! Wenn mir bloß mal son <grauer Mann> erschiene, und mir was dafür böte, was Zeitgemäßes : ne Tabakspfeife, die nie leer wird; n Auto, das ohne Benzin fährt, ne Pferdewurst, die nicht abnimmt.«

    Und Recht hat Schmidt. Was gibt es Besseres, Schöneres, Zeitgemäßeres als eine unendliche Pferdewurst!

    Länge des Buches: ca. 123.000 Zeichen. – Ausgaben:

    Adelbert von Chamisso: Peter Schlemihls wundersame Geschichte. Mit einem Nachwort von Thomas Mann. Illustriert von Emil Preetorius. Frankfurt/M.: insel taschenbuch 1984. S. 7–122. (= 116 Textseiten)

    Adelbert von Chamisso: Peter Schlemihls wundersame Geschichte. Mit zwölf Zeichnungen von Karl-Georg Hirsch. Frankfurt/M.; Leipzig: Insel Verlag 2001. S. 3–113. (= 111 Textseiten)

    Adelbert von Chamisso: Peter Schlemihls wundersame Geschichte. Mit einem Kommentar von Thomas Betz und Lutz Hagestedt. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2003. S. 9–82. (= 74 Textseiten)

    Adelbert von Chamisso: Peter Schlemihl’s wundersame Geschichte. München: K. G. Saur Verlag 2003. (Großdruckausgabe.) S. 3–109. (= 107 Textseiten)

    Adelbert von Chamisso: Peter Schlemihls wundersame Geschichte. Mit Anmerkungen von Dagmar Walach. Stuttgart: Reclam 2009. S. 3–79. (= 77 Textseiten)

    (Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)

  • Im Space-Shop am Bremer Flughafen

    Was bisher geschah: Ein Tag im August 2010, ich bin zusammen mit Richard Deiss auf einer seiner Buchladentouren. In der Buchhandlung Schaumburg in Stade sind wir schon gewesen, in der Buchhandlung Thye in Oldenburg ebenfalls.

    Und eigentlich wollen wir nun ein sehr verspätetes Mittagessen einnehmen. Es ist inzwischen kurz nach vier, und Richard hat die Idee, doch noch schnell auf den Bremer Flughafen zu fahren, um den dortigen Space-Shop zu besuchen.

    Zum Essen also wieder keine Gelegenheit, obwohl ich bereits sehr großen Hunger habe, weit über das Maß hinaus, das man noch mit einem kleinen Snack zumindest kurzfristig verringern könnte. Ich lasse mich trotzdem auf Bremen vertrösten, durch die unfassbare Rationalität der Feststellung, dass es dann sowieso auch genau die richtige Zeit zum Abendessen sei.

    Eigentlich weiß Richard gar nicht, ob es sich bei diesem Space-Shop überhaupt um einen würdigen Buchladen handelt, er hat sich das aber irgendwie erschlossen, unter anderem auch durch die Lektüre der Flughafenwebsite:

    »Der Space-Shop in der Bremenhalle bietet Artikel und Literatur über Luft- und Raumfahrt, sowie Flugzeugmodelle und Souvenirs an.«

    Kein reiner Buchladen also. Vielleicht reicht es aber trotzdem, vielleicht gibt es ein paar qualitative verlegerische Höhepunkte da zu kaufen, damit der Laden in das berühmte, von Deiss bei BoD verlegte Werk »Kaufhaus der Worte – 222 Buchläden, die man kennen sollte« aufgenommen werden kann.

    Der Besitzerin werden gute Beziehungen zur NASA nachgesagt. Eine Menge spaciger Utensilien und natürlich jede Menge Bücher zum Thema gehören zum Erwartbaren, alles eben sehr spezialisiert, und Spezialbuchhandlungen findet Richard Deiss extremst interessant. In der »Welt« hieß es einmal über den Bremer Space-Shop und seine Inhaberin Birgit Fitch:

    »Birgit Fitch verkauft Raumfahrtbegeisterten Souvenirs aus dem Weltall. Meteoritenstücke, Astronautenessen und Münzen aus geflogenem Space-Shuttle-Material gibt es in ihrem Space Shop am Bremer Flughafen. Ihre Verkaufsschlager bezieht sie direkt von der Nasa sowie von einem Lieferanten der US-Weltraumbehörde.«

    Pünktlich erreichen wir den Bremer Hauptbahnhof, es ist kurz nach fünf. Wir nehmen ein Taxi und rauschen zum Flughafen, viel Zeit bleibt nicht bis Ladenschluss. Den Space-Shop kennt der freundliche Taxifahrer nicht, setzt uns aber direkt »bei den Geschäften« ab, da wird der Shop schon sein.

    Eine junge Frau von der Wechselstube weist uns den Weg in den ersten Stock, in dem sich dann der Space-Shop tatsächlich befindet. Es ist ein ultrakleiner Laden, eine kleine Box aus Glas, gefüllt mit Klimbim rund um die Raumfahrt, Meteoritengestein, irgendwelchen Gegenständen und Medaillen aus Space-Shuttle-Resten.

    Alles spärlich eingerichtet und befüllt. Mein Interesse an Raumfahrt ist zwar sowieso sehr gering, aber ich bin mir sicher, dass es zum Thema die schönste Literatur und die prächtigsten Bildbände geben muss. Und Bücher gibt es hier auch, etwa zwei Hände voll, und sie sehen aber so aus wie diese in bunten Kunststoff geschlagenen Bildbände, die man für 5 Euro im Eingangsbereich bei Hugendubel mitnehmen kann, im Stil der »WAS IST WAS«-Reihe, nur unspannender und irgendwie angestaubt. Lieblos liegen sie irgendwo im Seitenfenster herum.

    Auch die übrigen Artikel wirken ungeheuer belanglos, aber das ist gar nicht das Schlimmste. Ich habe inzwischen einfach auf eine sehr ursprüngliche Art Hunger. Ich erinnere mich an MIR-Astronautennahrung, die es hier natürlich tatsächlich geben könnte, und träume von einer Scheibe Atombrot mit Anchovispaste. Unterdessen muss Richard Deiss irgendetwas kaufen, irgendetwas aus Weltraumschrott Hergestelltes, eine Vollzugshandlung, denn er ist ja nun mal extra hergekommen.

    Mit der Straßenbahn zurück in die Stadt, der Space-Shop ist schnell vergessen, denn endlich gibt es etwas zu essen, direkt an der Schlachte. Der Wind kräuselt die Weser, der Oberkellner serviert eine Suppe.

    Richard muss weiter, und als er sich verabschiedet hat, blättere ich unkonzentriert und ziellos ein paar Zeitungen durch und steige dann in den Zug nach Hamburg.

    Ein paar Tage später schreibt mir Richard, dass er an diesem Wochenende insgesamt ein Dutzend Buchläden besucht hat, ein Dutzend, und ich bekomme plötzlich Hunger, riesengroßen Hunger, als ich das lese.
     

  • Mit San Andi und Arcimboldo in Washington

    Im September in Washington gewesen, einziges Ziel dieses Ausflugs: Besichtigung der National Gallery of Art. Wir reisen also von New York aus mit dem Greyhound Bus an und drehen nach Ankunft direkt Richtung Museum ab.

    Es ist entsetzlich heiß hier, über vier Stunden haben wir gebraucht und nun, kurz nach 10, stehen wir vor dem richtigen all der klassizistischen Tempel, die da zwischen Lincoln Memorial und Kapitol aufgestellt worden sind.

    Sofort stelle ich fest und zeige mich sehr erfreut darüber, dass gerade eine Giuseppe-Arcimboldo-Ausstellung stattfindet. Es handelt sich um die abgespeckte Version der Schau, die vor ein paar Jahren in Wien und Paris zu sehen war, den Katalog habe ich hier schon mal erwähnt.

    Philip Haas, Winter (Quelle: Wikipedia)Damals habe ich auch wiederholt behauptet, dass Arcimboldo mehr ist als die Composite Heads, diese obskuren Porträts aus vornehm­lich Obst- und Gemüsestücken, aber im Fokus stehen sie trotzdem und hier ganz besonders: Gleich vor dem Eingang ist eine Leihgabe aus Wien aufgestellt, die von Philip Haas angefer­tigte Riesenattrappe des »Winters« aus Arcimboldos Jahreszeitenzyklus, nicht schlecht!

    Ich will gleich in die Sonderausstellung stürmen, aber San Andis Missmut hält mich zurück. Er habe jetzt keine Lust, eigentlich sogar nicht nur jetzt, sondern überhaupt nie mehr Lust, sich diese blöden Gemüseköppe anzuschauen. Lieber sofort und ausschließlich in die Dauerausstellung!

    Ich lasse mich von dieser Devise erst mal breitschlagen und erkläre, zunächst auch ein bisschen in die dauerausgestellte Sammlung mitzukommen und erst später allein zu Arcimboldo zu wechseln, um mir dann zum tausendsten Mal die wunderschönen Gemüseköppe anzusehen.

    Wir schleichen durch die Hallen und bestaunen die Erwerbungen von Andrew W. Mellon, Samuel H. Kress und all den anderen groooooßen amerikanischen Sammlern. Im NGA hängt auch übrigens das einzige Ölgemälde von Leonardo in ganz Nord-, Mittel- und Südamerika. Dieses Stück, die »Ginevra de’ Benci«, wurde 1967 aus der Sammlung Liechtenstein herausgekauft, um jetzt hier in der National Gallery zu sein. Die Wacholderfrau ist noch dazu viel schöner als die »Mona Lisa«, wenn auch unten um einige Zentimeter Leinwand beschnitten, weshalb ihre vermutlich formvollendeten Hände jetzt fehlen, aber auch die Hände der Nike von Samothrake zum Beispiel sind ja nur fragmentarisch überliefert, also!

    Wegen des frühen Aufstehens haben wir unendlich viel Zeit, so kommt es mir vor, und wir begeben uns dann auch wie gewöhnlich erst einmal ausgiebig in die Museumskantine. Irgendwann frage ich aber trotzdem nach den Öffnungszeiten, und San Andreas, den ja stets der Nimbus des Sich-Auskennens umgibt, antwortet sofort und ohne zu überlegen: »Bis 21 Uhr.«

    Dementsprechend gemächlich geht es auch nach dem ausgedehnten Essen weiter. Stundenlang unterhalten wir uns über die Süße und Farbe der amerikanischen Fanta und über das Blau des Brokatmantels der Madonna auf Jan van Eycks »Verkündigung«.

    Und weiter geht’s durch die Ausstellung, und als es ca. Viertel nach vier geschlagen hat, frage ich trotzdem noch mal bei San Andi nach, ob er sich denn auch sicher sei, dass das Museum bis 21 Uhr geöffnet habe, und dann sagt er ganz normal, dass er das gar nicht wisse, er habe das mit den 21 Uhr nur so dahin gesagt, woher soll er denn die Öffnungszeiten ausgerechnet dieses Museums so genau wissen!

    Ich habe nicht mal Zeit für eine Schockstarre, und ganz davon abgesehen, dass ich die amerikanische Sammlung noch nicht gesehen habe, sorge ich mich natürlich vor allem um meinen Besuch bei den Gemüseköpfen und frage besorgt den am nächsten stehenden Museums-Irrsigler, wann das Haus schließe. »Um 17 Uhr, in 35 Minuten!«

    Sofort verschwinde ich gen Arcimboldo, »von der Sorge Qualen gejagt«, und erreiche 20 Minuten später und kurz vor Toresschluss die kleine Ausstellung und sehe noch alle 16 Composite Heads, die man von Europa hierher gebracht hat. Obst, Gemüse, Getreide, soweit mein Auge blickt!
     

  • Die FAS vom 12. Dezember 2010: Nougattorte, Wirtschaftsteil, Runge

    Was davor geschah

    Auf dem Weg zur Konditorei Lindtner in Eppendorf, die FAS in der Manteltasche. Ich mache die letzten Schritte auf die Eingangstür zu, vorbei an einem beleibten und unscheinbaren Paar Ende 40, Typ Wochenendurlauber.

    Als die Frau bemerkt, dass ich dasselbe Ziel habe wie sie und ihr Mann, rennt sie plötzlich kurzentschlossen los und an mir vorbei, wackelnd wie ein kleiner Elefant, das Gesicht zwischen Anstrengung und Empörung. In der Netztasche ihres Outdoor-Rucksacks plätschert in einer Halbliter-Cola-Light-Plastikflasche das nachgefüllte Leitungswasser.

    Fassungslos über soviel Ehrgeiz betrete ich die Konditorei und sehe, wie sich die beiden Urlauber aus ihren Outdoorjacken schälen und befriedigt niederlassen. Der Kampf der beiden um die letzten freien Plätze war aber voreilig, das Lindtner ist im Moment nur zur Hälfte gefüllt.

    Ich bestelle eine Tasse Kaffee und, Hauptgrund für mein Hiersein: ein Stück von der Nougattorte. Am Tisch neben meinem sitzt ein Mann mit abgelegtem Hut, der seine FAS schon aufgeblättert vor sich hält. Er schöpft gerade den letzten Schaum aus seinem Latte-Macchiato-Glas, als zwei ältere Herren auf ihn zugestürzt kommen und behaupten, dass der Tisch gar nicht frei gewesen sei.

    Jedenfalls schnappt sich der eine erbost ein Gläschen vom Rand des Tisches, in der nicht mehr als noch ein Schluck Orangensaft schwappt. Der Hutmann lacht die beiden auf sympathische Weise aus und vermeldet, dass er da jetzt schon 30 Minuten an diesem Tisch sitze und Zeitung lese. Die Bedienung kommt herbeigeeilt und beschwichtigt, und bald verschwinden die beiden älteren Herren nach draußen, die Mäntel hatten sie eh schon übergezogen.

    Was in der FAS geschah

    Ok, wie immer lese ich zuerst den Wirtschaftsteil. Der sogenannte »Sonntagsökonom« gefällt mir heute mal sehr gut, es geht um Prognosemodelle, und in der Literaturliste wird das »International Journal of Forecasting« erwähnt, was für ein schöner Titel!

    Auf der nächsten Seite steht ein Interview mit Norbert Rethmann, der gleich zu Beginn zu Georg Meck sagt: »Ich stelle fest: Dies ist mein erstes großes Interview. Übrigens nicht, weil ich Sie unbedingt kennenlernen wollte.« Meck nennt ihn im Gegenzug »Europas Müllkönig«, auch nicht schlecht, und es geht also leicht provokativ zur Sache, in diesem Fall vor allem um Müll und Schrott, mit deren Entsorgung bzw. Recycling Rethmann aus einem kleinen Familienunternehmen einen weltweit agierenden Konzern geschaffen hat.

    Nach dem Umblättern wird es erwartungsgemäß krisig, Lisa Nienhaus spekuliert auf einer Doppelseite über die Rückkehr der D-Mark, Petros Markaris (Berufsbezeichnung: »griechischer Krimiautor«) erzählt im Gespräch mit Winand von Petersdorff, wie leer die Straßen Athens inzwischen leider seien: »Athen ist so tot wie eine Kleinstadt in Skandinavien.« Und Lena Schipper schreibt einen beeindruckend schneidigen Artikel über die Hochschulreform in England, die ursprünglich von Lord Browne angeregt wurde, dem ehemaligen BP-Chef (und nunmehrigen Peter Hartz des englischen Universitätswesens).

    So vergeht eine kleine Weile, und es bleibt eigentlich jetzt keine Zeit mehr fürs Feuilleton, ich schaffe vor lauter Zeitdruck nur Jan Freitags sensationelles Interview mit Gung aus der »Lindenstraße«.

    Was in der Kunsthalle geschah

    Aber nun muss ich Paco treffen, er war zu einem Stück Nougattorte im Lindtner nicht zu überreden gewesen und wartet nun am Bühneneingang des Schauspielhauses, wo er sich noch angeregt und lachend mit der Einlassfrau unterhält, als ich ankomme. Das Gung-Interview hat er ebenfalls längst gelesen, und schon sind wir auf dem Weg zur Kunsthalle, um die allseits gepriesene Runge-Ausstellung zu sehen.

    Regelrecht erschrocken gehen wir durch die Räume! Die Ausstellung ist zwar didaktisch ein Hit, siehe Swantje Karich in der FAZ, aber in so einem Gesamtüberblick macht die Lokalgröße Runge einfach keinen Spaß, seine mittelmäßige Begabung überschreitet selten die Qualität gehobener Akademiestudien.

    Am Schlimmsten sind aber eigentlich die »Hülsenbeckschen Kinder«, leblos wie tote Puppen stehen sie da vor dem Gartenzaun, zum Fürchten! Also schnell weiter ins kunsthalleneigene Café Liebermann, und plötzlich ist alles wieder gut: Nougattorte!
     

  • In der Buchhandlung Thye in Oldenburg

    Wir fahren von Stade über Hamburg-Harburg nach Oldenburg und werden uns dort dann gleich weiter zur Buchhandlung A. Thye begeben. Das wird dann wieder maximal zehn Minuten dauern. Die Besichtigungen gehen schnell und insgesamt wird sich Richard Deiss an diesem Wochenende 12 Buchläden angesehen haben, bei drei Besuchen werde ich dabei gewesen sein.

    Deiss ist ein Enigma in seiner Liebe zu Details von allem Möglichen, zum Beispiel Bahnhöfen (Buch 1, 2, 3, 4) oder der Binnenschifffahrt. Dabei bleibt er bewusst und gern an der Oberfläche, trägt lieber zusammen als tief zu bohren und ist deshalb ja auch Geograf geworden, sagt er.

    Deiss war noch nicht in der Buchhandlung Thye, kennt aber den Oldenburger Bahnhof. Eines der wenigen Gebäude der Neuen Sachlichkeit und es gibt dort noch eine altmodische Bahnhofswirtschaft in eben diesem Stil, die schönerweise Klinkerburg heißt, und vielleicht ist dafür nachher noch Zeit. Wobei gerade die Idee zu gären beginnt, neben den beiden geplanten Buchläden in Stade und Oldenburg noch einen auf dem Bremer Flughafen einzuschieben, den Space-Shop, obwohl der eigentlich keine Buchhandlung im engeren Sinn ist.

    Zwischendurch hat sich keine Gelegenheit zum Essen gefunden, in Stade fehlte die Zeit, ein belegtes Brot aus der Bahnhofsbäckerei in Hamburg-Harburg wollte ich mir nicht antun, und im überfüllten Speisewagen im Zug war zeitlich auch nichts zu machen vor Oldenburg. Aber Deiss‘ Sportsgeist hält mich am Laufen, es muss weitergehen, auch ohne Nahrung.

    Mir knurrt also der Magen, als wir Oldenburg vom Bahnhof bis zum Marktplatz durchmessen, wo sich die Buchhandlung Thye befindet. Auf dem Markt ist heute wirklich Markt, an Ständen werden Töpferware und Steingut feilgeboten. Wir schauen uns aber unbeirrt die Fassade unseres Zielortes an, welche wirklich sehr schön ist, beeindruckende große und wunderbar eingefasste Fenster.

    Getrübt wird der Blick durch einige Scheibenaufkleber im oberen Segment des rechten Flügels. Es handelt sich um weiße Aufkleber mit roter Schrift, die darauf hinweisen, dass es auch eine Webpräsenz und digitale Medien im Laden gibt. Thye wurde 2007 von Kamloth + Schweitzer übernommen, die zwar am Stil des Ladens nichts geändert, aber für diesen Hinweis in eben dieser Form gesorgt haben.

    Im Geschäft selbst ist dann alles rot. Jedenfalls sind die Holzregale rot getüncht, und das unterstreicht den bunten Eindruck moderner Buchrücken. Nur in der Rechtsabteilung sieht das charmant aus, ansonsten ist das eigentlich eher nicht so schön. Die Regale sind auch wieder nicht komplett aufgefüllt und auch hier gibt es dafür, wie schon bei Schaumburg in Stade, einige dann auch tatsächlich einleuchtende Ausreden.

    Der Fußboden gestaltet sich in baumarktgrauem Filz, Holzfußboden sei gar nicht möglich hier, sagt uns eine Angestellte, und tatsächlich ist der Boden ungeheuer wellig. Der hintere Bereich des Ladens ist ein Anbau und sieht mit seiner schwachen Bestückung wie eine Weltbild-Abteilung bei Karstadt aus, auch hier die rotlackierten Regale, kaum gefüllt, bunte Frontalpräsentation.

    In diesem Bereich gibt es eine Kaffeemaschine auf einem kleinen Tisch mit zwei Stühlen dran. Das ist zwar toll, aber so richtig einladend nicht, die Kaffeemaschine arbeitet sicher mit diesen schrecklichen Kaffeepads und sieht aus wie eine Stereokompaktanlage der frühen Neunziger. Der Tisch ist an der Wand befestigt und wird vorn von einem Bein gehalten, eines dieser dicken lackierten Metallbeine, auf dem eine kunststofffurnierte Tischplatte in schwarz liegt.

    Richard Deiss ist viel versöhnlicher mit der Buchhandlung Thye, ich leider nicht, sicher zu Unrecht, aber wachsende Hungergefühle beeinträchtigen meine Gutmütigkeit, ich hätte vielleicht, wie der Hamsun’sche »Hunger«-Charakter, auf Holzspänen kauen sollen, hatte aber in dieser Hinsicht nicht vorgesorgt.

    Die Hoffnung auf ein spätes Mittag- bzw. frühes Abendessen zerschlägt sich dann auch noch, denn der Space-Shop auf dem Bremer Flughafen ist zeitlich tatsächlich noch möglich. Also schnell ein Ginger Ale in der schönen Klinkerburg und hinein in den Zug nach Bremen.

  • In der Buchhandlung Schaumburg in Stade

    Soeben erschienen gleich zwei Bücher über schöne Buchhandlungen. Einmal das Coffee Table Book »Die schönsten Buchhandlungen Europas« von Rainer Moritz und zum zweiten »Kaufhaus der Worte – 222 Buchläden, die man kennen sollte« von Richard Deiss.

    Moritz‘ Buch ist eine feine Auswahl von 20 Highlights, die jeweils mit einem Kurztext und vielen Fotos präsentiert werden. Der große Buchladenhit, der wohl weitgehend übereinstimmend schönste Buchladen, die Livraria Lello in Porto, ziert das Cover. Das Buch von Richard Deiss kommt hingegen im schlichten Books-on-Demand-Gewand daher, geht aber inhaltlich weiter und liefert eine über 200 Läden starke Liste mit Kurzbeschreibungen.

    Die Idee zu seinem Buchladenbuch trug Deiss schon eine Zeit lang mit sich herum. Der Listenliebhaber und Beinamensammler fühlte sich quasi zur Erstellung dieses Buches verpflichtet. Nun sammelt er nicht einfach die Namen von schicken Buchläden ein, sondern bemüht sich auch darum, die Läden selbst zu besuchen.

    Letzten Samstag begleitete ich ihn spontan auf einer seiner Buchladentouren. Die erste von drei Stationen lag in Stade, die Buchhandlung Schaumburg, die es immerhin auch in die Top 20 des Coffee Table Books von Moritz schaffte. Die Buchhandlung hat eine lange Tradition (1840) und ist auch ansonsten sehr schön und für Stade und eine breite Umgebung eine wahre Perle. Ob sie wirklich europäisches Top-20-Material ist, kann man sicher bezweifeln, wenn man zum Beispiel bedenkt, dass etwa Hatchards nicht in die Auswahl gelangen konnte. Aber, sagt Deiss:

    »Für mich ist es ein ebenso großes Wunder, dass es in Stade Schaumburg gibt, wie dass es in einer Millionenmetropole wie London Hatchards gibt.«

    Einer der Mängel von Schaumburg ist, dass die Regale, die nur beinah bis unter die Decke gehen, nicht bis oben mit Büchern gefüllt sind. Ein Kriterium, welches für Deiss von höchster Wichtigkeit ist, und ich kann ihm diesbezüglich natürlich total beipflichten. Besonders dieser Umstand nimmt dem Laden, trotz alter Regale, dann doch etwas den Charme.

    Auch das Angebot scheint nicht so richtig zu überzeugen, ok, wir sind hier schließlich in Stade und irgendwie ist die ganze Atmosphäre zu aufgeräumt. Die Regale, die nicht komplett gefüllten, besonders oben sieht man die Freiflächen, schließen auch nicht mit der Decke ab, und an letzterer hängen dann auch noch relativ unattraktive Beleuchtungs­körper.

    Ich fragte mich die ganze Zeit, also bis zum ersten Buchladen, den ich mit Richard Deiss gemeinsam besichtigen würde, was er in so einem Buchladen dann wohl so treibt, wenn er ihn auscheckt und bewertet, und das war dann eigentlich nicht so viel. Schon nach weniger als 10 Minuten signalisiert er, dass er eigentlich durch ist.

    In dieser kurzen Zeit hat er allerdings jeden Winkel des Ladens mehrfach durchschritten, ein nachvollziehbares System mache ich aber nicht aus und frage auch nicht danach. Ein bisschen Mythos muss bleiben.

    Am Ende des Besuchs kaufen wir uns dann beide, ganz Klischee, das Coffee-Table-Book von Rainer Moritz und kommen an der Kasse noch mit dem Inhaber ins Gespräch, den Deiss sofort mit der Schwäche der nicht bis nach oben gefüllten Regale konfrontiert.

    Unser Kurzauftritt in Stade endet mit einem Kaffee am alten Hafen, maximal 20 Minuten sind dafür vorgehalten, denn dann geht es zum Bahnhof und weiter nach Hamburg-Harburg und von dort nach Oldenburg in die Buchhandlung Thye.

  • Mit Evelyn Waugh in Abessinien

    Laut Ann Pasternak Slater ging Evelyn Waugh 1930 auf eine Party, wo ihm ein Freund davon erzählte, wie er in Kairo mit zwei abessinischen Prinzen zu Tisch saß. Beide hatten sie seidene Umhänge getragen und dazu eine Melone, die sie beim Essen aufbehielten. Keiner der beiden sprach eine Sprache, die einer der anwesenden Übersetzer hätte übersetzen können.

    Waugh war von dieser kleinen Geschichte vollauf begeistert, beschäftigte sich ein wenig mit dem märchenhaften Herkunftsland der Prinzen und schaffte es schließlich, als Sonderkorrespondent der »Times« nach Abessinien zu reisen, zur Krönung des Königs der Könige, Haile Selassie.

    Waugh zog noch ein bisschen weiter durch Afrika und veröffentlichte seinen Reisebericht dann unter dem Titel »Remote People«, auf Deutsch in der »Anderen Bibliothek« bei Eichborn erschienen, noch zu Enzensbergers Zeiten, in einer schönen Ausgabe, grünlicher Sammet mit blauen Tupfen darauf (UMBL berichtete).

    Bis zur Krönung des Königs der Könige verbringt Waugh viel Zeit mit den anderen Westlern, die angereist sind, und um aller Wohlergehen kümmert sich ein Deutscher, ein gewisser Mr. Hall. Dieser ist überaus freundlich, hört sich stets alle Probleme und Beschwerden der Besucher an, schreibt sie auf, verspricht sich zu kümmern, verschwindet und tut dann aber eben – nichts.

    »Da war ein Mr. Hall, in dessen Büro ich viele hektische Stunden verbrachte, ein Kaufmann deutsch-abessinischer Abstammung, extrem gutaussehend, geschmackvoll gekleidet und monokeltragend, ein Mann von ausgesuchter Höflichkeit und ein außergewöhnliches Sprachtalent.« (S. 45)

    Dieser Mr. Hall war während der Feierlichkeiten für so ziemlich alles zuständig:

    »Wenn die italienische Telegraphengesellschaft eine Stunde Pause machte, nahm Mr. Hall die Beschwerden entgegen. Wenn ein allzu eifriger Polizist jemandem den Zutritt zu einer Zuschauertribüne verweigerte, (…) Wenn kein Omnibus da war, (…) wenn jemand aus irgendeinem Grund in Addis Abeba schlechte Laune hatte (…), stets wandte man sich an Mr. Hall. Und welcher Sprache man sich auch bedienen mochte, Mr. Hall verstand und fühlte mit. Mit geradezu weiblicher Geduld beruhigte er den Betreffenden, mit männlicher Entschlossenheit notierte er die Angelegenheit deutlich auf seinem Notizblock. Dann erhob er sich, verbeugte sich und komplimentierte den besänftigten Besucher mit einem Lächeln und der Versicherung seines guten Willens wieder hinaus – und unternahm rein gar nichts.« (S. 45/46)

    Waughs Bücher sind voll solcher sympathisch-grotesker Charaktere, aber Mr. Hall rangiert auf der Topliste weit vorn. Neben diesem Reisebuch veröffentlichte Waugh noch zwei Romane, die auf abessinischem Terrain angesiedelt sind, »Scoop« und »Black Mischief«, und ein weiteres Reisebuch. Alles inspiriert durch die ihm zugetragene Geschichte von zwei Prinzen, die zum traditionellen Gewand Melone trugen, auch während des Essens.

  • Winckelmanns Spaziergang von Halle nach Hamburg

    Grundsätzlich bin ich immer fasziniert von langen Laufstrecken, aber wer ist das nicht, deshalb geht die Menschheit auch dem Ich-bin-dann-mal-weg-Kerkeling (ein Rainald Goetz’sches »Ja! Jaaa!« danach) auf den Leim, aber ich rede hier natürlich eher von Seume, Fermor oder Brâncuşi, der sich 1904 von Bukarest nach Paris aufmachte, um die moderne Skulptur zu revolutionieren, und man könnte noch 400 weitere Beispiele aufzählen. Eines davon Winckelmann:

    »…, als er sich zu Fuß nach Hamburg aufmachte, wo gerade die Bibliothek eines Verwandten des Theologen Samuel Reimarus, des Schwagers von Lessing, versteigert wurde. Winckelmann kaufte sich, was er erschwingen konnte, und trug die Bände im Rucksack nach Hause.«

    Dazu muss man wissen, dass er gerade an der Uni Halle studierte und sich von dort aus aufmachte, also mehr als 300 Kilometer zu Fuß zum Book Shopping Trip von Halle nach Hamburg. Das erzähle ich dann also dem Zeitungsverkäufer, der wie immer auf irgendwelchem Essen kaut, wenn ich die FAZ und die SZ dort kaufe. Außerdem riecht es hier im ganzen Laden immer irgendwie nach Butter.

    Der Kauer kommt immer von hinten, wahrscheinlich aus einem kleinen Raum am Ende des Ladens hervor. Er muss dort stapelweise belegte und unterbutterte Brötchen liegen haben, die er den ganzen Tag lang isst, bis es an der Tür schellt und jemand in den Laden kommt und er dann kauend an den Tresen treten muss.

    Und nun beginne ich mit diesem kauenden Zeitungsverkäufer ein recht komisches Gespräch, es geht soweit, dass ich Winckelmann erwähne und Reimarus und die nach ihm benannte Straße gleich hier um die Ecke. Und er, der Kauer, nennt dann einfach so die Anzahl der Reimarus-Erwähnungen im Personenregister der neuen Lessing-Biografie von Hugh Barr Nisbet, »58 Mal«, ich hab’s nicht nachgeprüft.

  • Die FAS vom 20. Juni 2010: Die Sportteil-Aussortierung

    Beginn der Rahmenhandlung

    Ich konnte die FAS nicht gleich morgens lesen bzw. nur einen kleinen Teil, denn ich musste zum Spanischkurs. Dort fragte mich meine Banknachbarin in der Pause, ob denn etwas über die HSH Nordbank in der Zeitung stehe. Sie blätterte kurz in meine Sonntagszeitung hinein und fand nichts, und als ich sie fragte, was sie denn für einen Artikel über die HSH Nordbank erwarte, verstand ich dann nicht so genau, worum es ihr ging.

    Später am U-Bahnsteig begann ich mit dem Aussortieren der Zeitungs­teile. Auch während der WM bin und bleibe ich FAS-Sportteil-Aussor­tierer, obwohl ich schon mehrfach, auch von vertrauenswürdigen Bekannten, darauf hingewiesen wurde, wie gut doch die Artikel im Sportteil oft seien, besonders am Wochenende, besonders in der FAZ und in der FAS.

    Die U-Bahn traf ein, ich konnte gerade noch den Sportteil herausziehen und hinter mir auf der Bank ablegen. Während der Fahrt begann ich mit dem dramatischen Wirtschaftsteil, den ich dann auch erst im Café beendete.

    Der Wirtschaftsteil

    Die Dramatik startet gleich im obligatorischen Interview auf Ressortseite 3 (= Seite 33), wo sich Jagdish Bhagwati zur aktuellen Finanzmarktproblematik äußert. Er hebt sich dabei angenehm ab vom viel zu populären Bankerbashing und bleibt dabei so logisch und freundlich, man hört ihn beim Lesen fast laut reden. Auf dem Foto zum Interview wirkt Bhagwati auch ungeheuer sympathisch, die beiden Zeigefinger in die Luft gestreckt, ohne Krawatte und bescheiden lächelnd sitzt er vor einer Bücherwand, deren buntgemischte Buch­rücken auf eine moderne Wirtschaftsbibliothek schließen lassen.

    Ansonsten hat diese Ausgabe einen ziemlichen Benzingeruch, es geht um Autos und Öl, gleich von der FAS-Frontseite wird man in den Wirtschafts­teil hineingeteast. Die S-Klasse von Mercedes muss wieder in Sonderschichten hergestellt werden, weil immer mehr Chinesen ihre stetig wachsende Infrastruktur damit befahren möchten. Die Krise ist vorbei, ade Kurzarbeit, jetzt wird auch am Samstag geschraubt, montiert und lackiert.

    Dagegen reißen bei BP die Probleme einfach nicht ab, statt der üblichen sechs rechnet man in diesem Jahr zur kommenden Hurrikanzeit mit vierzehn Wirbelstürmen. Dann wird es historisch, mit einem Gang durch die Geschichte des BP-Konzerns. Das Unternehmen wurde vor über hundert Jahren von einem spekulierenden Glücksritter begründet, der sich persische Bohrlizenzen besorgte und kurz vor der eigenen Pleite endlich Öl fand.

    Bewegt ging es weiter, und dazu gibt es dann eine Menge Fotos, angefangen beim Schreibtischporträt des Gründers William Knox D’Arcy über die englische Königin bei der Einweihung des Forties-Ölfeldes in der Nordsee bis hin zum Schutzhelmfoto des unglücklichen Tony Hayward, des aktuellen Bosses des Konzerns. Gerade wurde er als Krisenmanager suspendiert und tritt gleich ins nächste Fettnäpfchen. Er entspannt wohl erst mal auf einem Segeltörn, und SPON zitiert dazu Obamas Stabschef, Rahm Emanuel: »Ich glaube, wir kommen alle zu dem Schluss, das Tony Hayward nicht vor einer Zweitkarriere als PR-Berater steht.«

    Eine Umblätterung weiter geht es abermals mehr oder weniger um Treibstoff, denn der Industrielle Herbert Quandt wurde vor ca. 100 Jahren geboren und hat sich vor ca. 50 Jahren für die Sanierung von BMW engagiert, indem er sein Aktienpaket aufstockte usw., und vielleicht geht es sogar im Rückseitenportrait irgendwie um Treibstoff, um das Zaubermittel, das die 32-jährige Kristina Schröder, Mini fahrende und twitternde Familienministerin, immer wieder antreibt. Herausfinden wollte ich das aber nicht, der Ritt bis dahin war dramatisch genug, Ressortwechsel.

    Schluss der Rahmenhandlung

    Nun suchte ich das Feuilleton und konnte es nicht finden. Mehrfach blätterte ich hin und her, ordnete die Bücher neu – nada. Sofort verdächtigte ich die HSH-Nordbank-Interessierte aus dem Spanisch­kurs! Hatte sie sich mit ihrem Taschenspielertrick Zugang zu meiner Zeitung verschafft, um sich das Feuilleton anzueignen? Aber so was ist ja unter allen möglichen Geschehnissen auf dieser Welt nicht vorgesehen und konnte eigentlich nicht sein.

    Wahrscheinlicher ist, dass das Feuilleton eben zusammen mit dem Sport auf der Bahnsteigbank gelandet ist, denn beide Ressorts werden ja in der FAS genau hintereinander gelegt. Mir war der Sportteil auch ungewöhnlich dick erschienen, aber ich hatte das auf die zusätzliche WM-Berichterstattung geschoben, irgendwelche Extras, Fußballer­figuren zum Ausschneiden und Aufstellen oder Luftballons. Nun hoffte ich, dass der Finder nicht enttäuscht war, wenn er statt Luftballons und Fußballspielern zum Basteln nur ein ungelesenes Feuilleton fand.

    Soweit die Rahmenhandlung, und falls ich irgendetwas im verlorenen Feuilleton verpasst haben sollte, bitte ich um kurze Mitteilung.