Autor: Dique

  • Kaffeehaus des Monats (Teil 73)

    Wenn du mal richtig Zeitung lesen willst:

    Pudding, Carrer de Pau Claris, Barcelona (foto oficial)

    Barcelona
    Das »Pudding« im Carrer de Pau Claris.

    (Aus verschiedenen logistischen Gründen musste ich mich letzte Woche mehrfach in diesem schönen Familienkaffeehaus mit dem eher komischen Namen »Pudding« aufhalten. Von der Decke hängen Ausdellungen eines rot-weiß gestreiften Ballons, die mit lauter kleinen Lampen durchsetzt sind. Den Kaffee con leche gibt es aus Sammeltassen und so bekam ich jeden Tag eine andere, bevorzugte aber die schöne weite rote vom ersten Tag. Das Kaffeehaus ist noch kein Jahr alt und erinnert mich an Heintje und seine Oma, denn die Bedienung ist extrem lieb und nett. Trotzdem, hehe, gibt es hier den »Economist«, den ich dann über drei Tage verteilt komplett durchgelesen habe. An meinem letzten Tag gab es noch ein Ereignis, eine Frau führte einen Herrn im Anzug an einer Hundeleine durch die Straßen und am »Pudding« vorbei und ließ ihn an Passanten schnüffeln. Ich habe es selbst nicht gesehen, ich habe ja den »Eco­nomist« gelesen, aber der freundlichste der Kellner war ganz aus dem Häuschen und wiederholte immer wieder begeistert die Worte perro und hombre, den Rest verstand ich nicht, denn ich spreche kaum Spanisch.)
     

    (Foto: wepudding.com – Moltes gràcies, Kamela!)
     

  • Die Mona Lisa von Krakau

    Eigentlich hätte Leonardos Portrait der Cecilia Gallerani, der »Dame mit dem Hermelin«, den Ruhm der Mona Lisa haben bzw. diesen noch übertreffen sollen. So lautet zumindest die Legende und dafür gibt es auch viele Argumente.

    Und eigentlich hängt das Bild im Czartoryski-Museum, doch im letzten Jahr hat es eine große Europatour absolviert (Madrid–Berlin–London). Ich wäre auch fast irgendwo hingegangen, zum Beispiel am Eröff­nungstag der »Gesichter der Renaissance« ins Bode-Museum. Ich war gerade zufällig in der Stadt und in der Nähe der Museumsinsel und hatte noch ein bisschen Zeit und schaute vorbei, doch das Museum kämpfte von Tag eins an gegen den Besucherstrom und ich kam also nicht so einfach da hinein. Herausgesprungen ist dann immerhin noch eine unglaublich gute Currywurst am Bahnhof Friedrichstraße und das ist ja auch nicht so schlecht.

    Bei der Leonardo-Retrospektive in London erging es mir ähnlich. Ich schlenderte wiederum eher zufällig an der National Gallery vorbei und hatte nicht genug Zeit, die restriktiven Einlassmethoden zu überste­hen, und so entging mir auch dort die Besichtigung. Wiederum war ein Wurststand in Reichweite, diesmal gab es einen dieser ziemlich furchtbaren englischen Hotdogs. Die Würste sind so ein eigenartiges Hybrid aus Thüringer und Frankfurter mit sehr hohem Getreideanteil und sie schwimmen immer zusammen mit leicht angebratenen Zwie­beln in einer öligen Brühe. Diese Hotdogs soll man normalerweise, wenn überhaupt, nur nach 3 Uhr nachts essen, ich tat das nun am hellichten Tag und vollkommen nüchtern und hätte es mir aber weitaus schlimmer vorgestellt.

    Inzwischen ist Leonardos Hermelinfrau wieder in Krakau angelangt und mit einem strikten Reiseverbot belegt worden. Laut »Art News­paper« darf sie die Stadt in den nächsten 50 Jahren nicht mehr verlassen. Nun war ich neulich vor Ort, und das Czartoryski-Museum ist zwar wegen Renovierung geschlossen. Doch kann man das Gemälde, nur dieses eine, in einem speziellen Saal auf dem Krakauer Wawel besichtigen. Ich war etwas unsicher, ob ich da überhaupt noch hingehen sollte, nach all den verpassten Chancen. Außerdem kenne ich das Bild aus minutiösen kunsthistorischen Beschreibungen und von Reproduktionen, und sagte nicht schon Andy Warhol, als die Mona Lisa, also die echte, in den 60ern nach New York verschifft wurde: »Why didn’t they just send a copy. No one would know the difference.«

    Ich bin dann doch in den Wawel gegangen, zur Frau mit dem Hermelin, zu Cecilia Gallerani, und hielt mich eine ganze Weile da auf und schlenderte anschließend langsam wieder hinunter in die Stadt zurück und aß auf dem Rynek Główny eine leckere Krakauer. Es hat sich gelohnt.
     

  • Hammershøi

    Vilhelm Hammershøi lebte über 10 Jahre in der Strandgade und widmete sein malerisches Werk beinah ausschließlich dem Interieur seiner dortigen Wohnung. Dieser minimalistischen Beschränktheit haben wir seine schönsten Gemälde zu verdanken. Die entweder menschenleeren oder höchstens mit einem Frauenrücken bestückten Innenräume referenzieren die offenen Türen bei Pieter de Hooch, nehmen die schlierig graue Textur der Stillleben von Giorgio Morandi vorweg und sind dabei meditativ wie ein frisch geharkter japanischer Kiesgarten. All das wurde von uns schon nach dem Besuch der 2008er Ausstellung in der Royal Academy of Arts detailliert erörtert.

    Die Strandgade befindet sich in Christianshavn direkt auf dem Weg zum Noma, und wir gehen da neulich sozusagen aus Versehen vorbei. Hammershøi lebte in der Hausnummer 30, da sind wir uns sicher, schauen aber vor Ort doch noch mal im Blackberry nach (ein paar Jahre lebte er auch in der 25, aber die meiste Zeit in der 30). An dem Haus weist dennoch nichts auf Hammershøi hin, kein Schild, keine Tafel, keine Plakette. In minimalistischer Stille verehrt die Stadt den arguably besten Maler Skandinaviens.

    Nach der Mittagsmahlzeit schlendern wir rüber zum SMK, zum Statens Museum for Kunst, wo eigentlich eine gute Auswahl der Werke von Hammershøi hängt. Doch wir haben eine seltsame Form von Glück bei unserem Besuch, denn alle, wirklich alle Hammershøi-Gemälde befinden sich anlässlich der Hammershøi-Großausstellung noch in München. Und so gelingt es uns zum ersten Mal, auch den Rest der Sammlung anzusehen, ohne dieses melancholische Störfeuer, das sonst von den Hammershøi-Bildern ausgeht.
     

  • Investmentliteratur

    Aus mir selbst nicht ganz klaren Gründen lese ich sehr gern Klassiker der Investmentliteratur. Die weltbekannten Highlights sind zum Beispiel Benjamin Grahams »Intelligent Investor« oder »One Up On Wall Street« von Peter Lynch. Dazu zähle ich aber auch die wunderbare Reise durch die Welt der Spekulation »Devil Take the Hindmost: A History of Financial Speculation« von Edward Chancellor.

    Ein weiteres Spitzenwerk ist »Market Wizards« von Jack D. Schwager. 1988 zum ersten Mal erschienen, beinhaltet es 17 Interviews mit Top-Tradern, jedes einzelne mit einem kurzen Intro und Outro von Schwager versehen. Eine denkbar einfache Vorgehensweise, aber äußerst effektvoll und erfolgreich. Das Buch ist ein Megabestseller in seiner Klasse und wegen der Skalierbarkeit der Methode hat Jack D. Schwager einfach eine ganze Serie daraus gemacht, es erschienen noch »The New Market Wizards«, »Stock Market Wizards« und erst kürzlich »Hedge Fund Market Wizards«. Und für Sequels normalerweise unüblich, sind all diese Folgetitel genauso gut lesbar wie der erste »Market Wizard«-Kracher. Für die Investmentwelt sind diese Bücher so etwas wie Eckermanns Goethe-Buch. Ein etwas komischer Vergleich, aber er stimmt nun mal.

    Es ist übrigens überraschend, dass fast alle interviewten Trader des ersten »Market Wizard«-Bandes ein Buch, noch dazu einen Roman, von 1923 als Pflichtlektüre benennen. Es handelt sich dabei um »Reminiscences of a Stock Operator« von Edwin Lefèvre. Erzählt wird die Lebensgeschichte des Traders Lawrence Livingston. Die Hauptfigur ist sehr eng an einen der ersten großen wirklichen Trader angelehnt, Jesse Livermore (»who might be considered the original day trader«). Natürlich habe ich das Buch sofort gelesen.
     

  • 100-Seiten-Bücher – Teil 31 Sun Tsu: »Die Kunst des Krieges« (um 500 BC)

    Das Buch ist für Leseökonomen der beste Shortcut vorbei am tausendseitigen Ziegelstein von Clausewitz, ob zu Recht oder Unrecht, soll hier nicht das Thema sein. Der kurze Klassiker von Sun Tsu ist 2.500 Jahre alt und liegt seit ca. 100 Jahren auf Deutsch vor. Das Buch gilt als zeitlos und zu jeder Lebensphase passend, ungefähr so wie der »Fürst« von Machiavelli.

    Ich hörte das erste Mal von dem schönen kleinen Büchlein in Oliver Stones »Wall Street«, in dem er Gordon Gekko daraus zitieren lässt. Es handelt sich dabei natürlich nicht um die beiden Gekko-Klassiker »If you need a friend, get a dog« oder »Lunch is for wimps«. Sondern eher hierum: »I don’t throw darts at a board. I bet on sure things. Read Sun-tzu, The Art of War. Every battle is won before it is ever fought.« Der aufstrebende Bud Fox folgt natürlich dem Rat von Gekko und zitiert später im Film selbst noch Sun Tsu.

    Das Buch ist in seiner Kürze schnörkellos, pragmatisch und kompakt. Theoretisch könnte das auf viele Titel dieser Serie über 100-Seiten-Bücher zutreffen. Im Vergleich zur fließenden Lektüre der »Kunst des Krieges« gleicht aber zum Beispiel das Lesen von Handkes »Angst des Tormanns beim Elfmeter« einer endlosen Woche in der Dante-Hölle.

    Wie üblich bei urheberrechtsfreien Titeln gibt es jede Menge Ausgaben in schrecklicher Aufmachung oder PDF-Versionen direkt aus dem Internet. Die gängigste deutsche Version hat ein Vorwort von James Clavell, das mit den versöhnlichen Worten endet: »… das wahre Ziel des Krieges ist der Frieden.«

    Länge des Buches: ca. 117.000 Zeichen (dt.). – Ausgaben:

    Sunzi: Das Buch vom Kriege. Der Militär-Klassiker der Chinesen. Mit Bildern nach chinesischen Originalen. Verdeutscht von Bruno Navarra. Berlin: Boll u. Pickardt 1910.

    Sunzi: Die Kunst des Krieges. Hrsg. u. mit e. Vorw. von James Clavell. Aus d. Amerikan. von Jürgen Langowsky. München: Droemer Knaur 1988.

    (Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)

  • 100-Seiten-Bücher – Teil 30 Wallace D. Wattles: »The Science of Getting Rich« (1910)

    Hundert Jahre alt und hundert Seiten lang. Reichwerden mit Ansage. Seit seinem ersten Erscheinen ist dieses Buch natürlich ein Dauer­brenner. Der irgendwie wissenschaftliche Ansatz entpuppt sich dabei gleich als ziemlich esoterische Kante.

    Wattles geht davon aus, dass es eine Kraft gibt, die frei verfügbar ist und von jedem Individuum abgerufen werden kann. Mit Hilfe dieser Kraft kann man alles erreichen. Es geht ihm dabei nicht unbedingt um monetären Reichtum, sondern Erfolg im Allgemeinen. Diesen Erfolg muss man wollen, man muss ihn planen und man muss sich diesem opfern. Man muss sich bereits in der Position sehen, in die man strebt, man muss von seinem Ziel ein mentales Bild formen (das Traumhaus mental planen, einrichten und bewohnen), damit sich das angestrebte Ziel einstellen kann und schlussendlich Realität wird, werden muss.

    »Every man or woman who does this will certainly get rich; for the science herein applied is an exact science, and failure is impossible.«

    Das Buch ist hochgradig repetitiv. Das Buch ist hochgradig repetitiv. Das Buch ist hochgradig repetitiv.

    Ich habe es vor Jahren trotzdem ganz zu Ende gelesen, danach gleich noch »Think and Grow Rich« (1937) von Napoleon Hill und »Secrets of the Millionaire Mind« (2005) von T. Harv Eker. Und was soll ich sagen, ich bin sehr, sehr reich geworden.

    Länge des Buches: ca. 123.000 Zeichen (engl.), ca. 141.000 Zeichen (dt. Übersetzung von Helmut Linde, 2007). – Ausgaben:

    Wallace D. Wattles: The Science of Getting Rich. Rockville: Arc Manor 2007. S. 5–107. (103 Textseiten) (online)

    Wallace D. Wattles: Die Wissenschaft des Reichwerdens. Aus dem Engl. von Johanna Ellsworth. Hamburg: Nikol 2009.

    Wallace D. Wattles: The science of getting rich. Die Kunst des Reichwerdens. Aus dem Engl. von Katrin Ingrisch. München: Knaur-Taschenbuch 2010.

    (Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)

  • Die Künstler

    Tate Modern, die Besichtigung der Damien-Hirst-Ausstellung ging ziemlich schnell, dabei gibt es doch so viel zu sehen, aber in einem Raum voller Medizinkabinette unterschiedlicher Größe, die fein säuberlich mit Pillen bestückt sind, schaue ich mir dann einfach nicht jeden einzelnen Schrank an.

    Es ist am angenehmsten, so einen Raum langsam im Querschnitt zu durchschreiten, und das gilt ebenso für die Räume, die mit Spot Paintings und verschiedenen Variationen von Schmetterlingsbildern vollgehängt sind. Das ist alles sehr, sehr schön und im Detail völlig uninteressant.

    Mehr Textur und etwas weniger sterile Glattheit liefern die präparierten Kälber, Fische und Schafe oder auch der nicht sehr schön anzusehende Rinderschädel, der in der Riesenvitrine von einem fiebrig summenden realen Fliegenschwarm umkreist und befallen wird.

    So sind wir nach ca. 20 Minuten durch, und das ist gar nicht verkehrt. Wir gehen dann nämlich auch noch nach nebenan in die momentan ebenso stattfindende Ausstellung der freiwillig in einer Nervenheil­anstalt lebenden Yayoi Kusama.

    Ihre Werke drehen sich beinah exklusiv um ein Hauptthema: Phallusse. Anfangs ist mir das nicht vollkommen klar, ich wundere mich nur etwas über die weißen Zapfen, die in großer Anzahl um allerlei Gegenstände herum angeordnet sind. Irgendwann fällt der Groschen, als ich die Beschreibung eines weißen Ruderboots, das ebenso mit Zapfen bestückt ist, lese: »penis-incrusted boat«. Auch diese Ausstellung ist extrem gut, und ebenfalls sehr schön in 20 Minuten absolvierbar.

    Nach einer Portion Beijing Dumplings im ehemaligen Kaffeehaus des Monats, dem Jen Cafe, verabschiede ich mich zum Flughafen. Im Terminal 5 gehe ich direkt zum Gate und setze mich hin und lese. Als ich irgendwann gedankenverloren aufschaue, fällt mein Blick auf ein riesiges Paar beigefarbener Überkniestiefel, in denen eine große blonde Frau steckt, an deren Ohren überdimensionierte goldene Kreolen hängen und deren Gesicht strahlt wie eine Sonne.

    Ich schaue sie einen Moment lang an und dann den neben ihr sitzenden Herrn mit dem feucht-glänzenden Haar und der dicken Hornbrille und erkenne, dass es sich um Kai Diekmann handelt, der laut Wikipedia Gesamtherausgeber der berühmten BILD-Gruppe ist, und die blonde Dame mit den Monsterstiefeln ist natürlich die beliebte Katja Kessler.

    Als kurze Zeit später Kai Diekmann und Katja Kessler aufstehen, um dem letzten Aufruf für die Maschine nach Berlin zu folgen, flüstert der weibliche Teil des neben mir sitzenden deutschsprachigen Touristenpaares ihrem Partner kopfschüttelnd ins Ohr: »Er Künstler und sie Künstlerfrau, oder was?«
     

  • David Woodard

    In der Debatte um das schöne neue Buch von Christian Kracht, »Imperium«, fällt nun häufig der Name David Woodard. Vor einem guten Dreivierteljahr ist im Wehrhahn Verlag der erste Band des E-Mail-Wechsels der beiden erschienen, und wegen der kürzlichen Aufregung darum hat nun sogar Michèle Roten angefangen, den Band zu lesen.

    Jedenfalls habe ich David Woodard vor Jahren auf einer Geburtstags­feier kennengelernt und erinnere mich immer wieder gern an die Begegnung mit dem angenehm leise auftretenden Künstler.

    Am Partyabend, beim Ortswechsel von einem Lokal in eine Karaokebar, erzählte ich den damals noch recht neuen, mittlerweile sehr bekannten und berühmten Hamsterwitz. Auch Woodard gehörte zur Gruppe der Zuhörer.

    Der Wolf hat also Geburtstag und lädt alle Tiere des Waldes zu sich ein, es soll die Party des Jahres werden. Nur den Hamster hat er nicht eingeladen. Der Hamster will nun natürlich unbedingt zur Party, schließlich werden alle seine Freunde und alle anderen Tiere des Waldes dort sein.

    Er fragt einige seiner Freunde, ob sie ihn irgendwie mit auf das Partygelände schmuggeln würden, sei es unter dem Stummelschwanz des Hasen oder im Fell des Fuchses. Doch alle Tiere lehnen letztlich ab, sie haben natürlich Angst vor dem Wolf, und falls der Trick auffliegt, werden sie womöglich noch an Ort und Stelle von der legendären Party des Wolfs ausgeladen. Schlussendlich erklärt sich jedoch der Bär dazu bereit, den Hamster in seiner Brusttasche zu verstecken und ihn so mit hineinzuschmuggeln.

    Der Wolf hat allerdings schon gehört, dass der Hamster unbedingt mit auf die Party will, und so kontrolliert er am Eingang akribisch alle seine Gäste, er sucht unter dem Schwanz des Hasen und im Fell vom Fuchs, und schließlich betrachtet er misstrauisch den großen Bären und fragt ihn, was denn da alles in seiner Brusttasche sei.

    Der Bär holt nun allerlei Dinge hervor, seinen Personalausweis, Zigaretten, seinen Schlüsselbund … »Aber ist da nicht noch was?«, fragt der Wolf skeptisch. Aus Verlegenheit schlägt sich der Bär mit voller Wucht seine Tatze gegen die Brusttasche, greift dann dort hinein und zieht etwas Flaches heraus: »Das ist nur ein Foto vom Hamster!«

    Der Witz war damals, wie gesagt, noch recht neu, und alle Zuhörer begannen lauthals zu lachen, außer David Woodard, der zwar leicht schmunzelte, aber nachdenklich blieb. Wir redeten dann über etwas anderes und erreichten schließlich unser Ziel, die Karaokebar.

    Dort saß ich dann etwas später zufällig neben Woodard und nach einer Weile beugte er sich langsam zu mir herüber, sah mich an und sagte: »I like that with the hamster.«
     

  • Landschaftsmalerei

    In seinem FAS-Artikel über die Claude-Lorrain-Ausstellung im Frankfur­ter Städel erwähnt Peter Richter gleich mit den ersten beiden Wörtern Bob Ross, den Fernseh­maler. Sofort erscheint er vor meinem geistigen Auge, samt seiner Lockenpracht und seiner beruhigenden Stimme. Das letzte Mal habe ich ihn in »Peep Show« gesehen, ganz kurz nur. Mark und Jeremy schalten spontan rüber zu seinem Dauermalprogramm, und »God« beschäftigt sich gerade mit einem schönen wolkigen Himmel.

    Zwischen Claude Lorrain und Ross liegen zwar kunsthistorische Welten, aber beide haben sich überwiegend der Landschafts- und damit zwangsweise auch der Himmelsmalerei gewidmet, der eine als barocker Superstar, der andere eben als Fernsehmaler. Was für eine schöne Berufsbezeichnung übrigens und wie schön würde das auf einer Visitenkarte aussehen.

    Der Peter-Richter-Artikel kommt gleich zu Beginn auch auf Vitali Komar and Alexander Melamid zu sprechen, die Mitte der Neunziger den all­gemeinen Geschmack mit klassischen Befragungstechniken statistisch erfassen wollten, »intending to discover what a true ›people’s art‹ would look like«. Heraus kam jedenfalls, dass in fast allen Ländern (außer Italien und Holland) das landschaftliche Bild bevorzugt wird und dass abstrakte Formen nicht so gern als gute Kunst wahrgenommen werden. »Truth is a number«, sagt Alex Melamid noch, und wenn das stimmt, dann sollte die Frankfurter Ausstellung ein Hit werden.
     

  • Tobias-Meyer-Interview

    Der größte Hit gelang der FAZ am Samstag mit dem Tobias-Meyer-Interview, geführt von Rose-Maria Gropp. Von vorn bis hinten ein schönes Gespräch. Das liegt auch an Tobias Meyer, der einfach ein guter Fragenbeantworter ist und mit großer Lust einfach loserzählt. Der reinste Enthusiasmus schäumt da aus den Zeilen hervor, immer wieder mal gibt es emotionale Bestätigungen wie »Ja, natürlich!« oder »Und wie!« Das kennen wir schon aus dem »Spiegel«-Interview vom Januar 2006, »Let’s make it a million«. Im »Spiegel« war Meyer der »coolste Auktionator der Welt« und die FAZ spricht dagegen vom »elegantesten Mann am Pult des Auktionators«.

    Neben dem wunderschönen Dahinerzählen bekommen wir auch ein paar Halbfakten endgültig aus erster Hand bestätigt. Ja, Ronald S. Lauder hat 135 Millionen Dollar für den güldenen Klimt gezahlt. Ja, kurze Zeit später wurde Pollocks »No. 5« für 140 Millionen Dollar verkauft. Geschickt tut Rose-Maria Gropp dabei immer ein wenig ungläubig. »Wenn Sie das sagen, dann glaube ich es von nun an auch«, sagt sie auf den Klimt, und auf den Pollock: »dann glaube ich Ihnen auch das«. Am Ende erzählt Meyer noch, dass er für sich selbst gern Kunstgewerbe aus dem 18. Jahrhundert kaufe, weil es einfach so billig sei, z. B. einen Becher von Höroldt für 2000 Euro, und da hat er doch einfach mal Recht.