Autor: Dique

  • GKM

    GKM, Gerhard Kurt Müller, ist ein Maler und Bildhauer aus Leipzig. Er war auch Professor an der dortigen Hochschule für Grafik und Buchkunst.

    Die schönen Wörter Bildhauer und Maler passen besser zur Kunst von GKM, als ihn einfach als Künstler zu bezeichnen. Das ist zu leise für seine Skulpturen und Bilder. Sie verlangen nach Hauen und nach echtem Farbauftrag. Das heißt nicht, dass ihnen Feinheit oder Fragilität fehlen.

    GKM ist weit über 80 Jahre alt. Noch immer verschwindet er jeden Tag in seinem Atelier und arbeitet. Seine Kunst ist groß, auch physisch. Die Skulpturen schwer und mächtig, die Gemälde dicht und voll, gewaltige Textur, kein filigraner Einhaarpinsel, aber auch keine einfallslose breite Bürste, die nur an einer aufregenden Oberfläche interessiert ist. Die Farbe wird mit Kraft aufgetragen und verteilt, bei aller Mächtigkeit bleiben die gründlich durchdachten Sujets aber elegant und figürlich. Keine Nuance ist Zufall.

    Ich hatte das Glück, GKM zweimal in den Räumen der Gerhard-Kurt-Müller-Stiftung in Leipzig zu treffen. Beide Gespräche waren reine Inspiration für mich, wie solche Momente im Schatten einer großen Energiequelle eben sind, unbesiegbar erscheinender Eifer ist ansteckend. Beide Male verließ ich die Räume voller Tatendrang und Schaffenskraft und voller neuer Perspektive, mit dem Wunsch nach Gestaltung und Perfektion.

    Die Arbeitsweise von GKM ist dem Erfolg nicht immer zuträglich, aber er trennt sich auch nicht gern von seinen Werken. Verkauft wird selten. Deshalb sieht man seine Werke auch nicht so oft, ein paar Museen haben Exemplare, aber man muss schon das Glück haben, eine Ausstellung oder Retrospektive zu erwischen oder einen seltenen Moment, wenn die Stiftungsräume anlassweise zu besuchen sind.

    Ich will diesem Antikommerziellen aber nicht den Charme eines idealisierten Gegenpols entgegenstellen, der sich diametral von der Flamboyanz eines Image- oder Medienkünstlers unterschiede. Schließlich bin ich auch Riesenfan von Selbstdarstellern wie Jeff Koons und Damien Hirst. Die Begeisterung für GKM ist einfach eine andere. Seine Werke sind genauso zeitgenössische und in jeder Hinsicht modern und Kinder ihrer Zeit. Vielleicht sieht das GKM selbst nicht so. Er ist ein Verarbeiter, unschwer zu erkennen, er ist ein Kind des Krieges. Es ist für mich unbegreiflich, wie ein Mensch über so viele Jahre so intensiv um ein Thema kreisen kann. Es ist eben nie vorbei.

    Ich erschließe mir Kunstwerke, auch die von GKM, weniger über die Inhalte, eher über die Ästhetik, über Farbe und Form und über die Textur. Die Oberfläche spielt eine große Rolle bei ihm, es geht nicht nur um visuelle Effekte, sondern auch um Haptik. Man möchte die Bronzen berühren, da ergeht es einem so wie vor einem der Vögel von Brâncuși. Das gilt auch für die Gemälde, schon nach kurzem Hinsehen verspürt man den Drang, die Leinwand anfühlen zu wollen, mit der Hand dem Brushstroke zu folgen.

    Diagnostizierte Abhängigkeiten sind für jeden lebenden Künstler meist ein Grauen. Ich stelle es mir jedenfalls schlimm vor, wenn ich mir anhören müsste, dass meine Werke so aussehen wie von X, in der Tradition von Y stehen und die Farben von Z verwenden. Andererseits funktioniert Kunstgeschichte ja genau so. In Pontormo erkennt man seinen Lehrer del Sarto, in Bronzino wiederum Pontormo, aber irgendwie auch noch einen Hauch von del Sarto. Bei GKM dachte ich wegen seiner Skulpturen anfangs schnell an Käthe Kollwitz und Ernst Barlach, auf den zweiten Blick aber auch an Brâncuși, bei den Bildern an eine sehr eigene Fortsetzung des italienischen Futurismus, als wäre Boccioni 1916 nicht vom Pferd gefallen, aber auch an den manieristischen Teil der Renaissance, überlängte Gliedmaßen, das kalkweiße Hellblau von Bronzinos »Allegorie der Liebe« aus der Londoner National Gallery. Aber es geht noch weiter zurück, die genaue Abgemessenheit in den Gemälden des Mathematikers/Malers Piero della Francesca kommt mir in den Sinn und natürlich Jean Fouquet, besonders seine Madonna mit Kind aus dem Königlichen Museum in Antwerpen. Von letzterer weiß ich mittlerweile, dass sie für GKM von besonderer Bedeutung ist.

    GKM ist auch ein großer Zeichner und Holzschneider. Bei meinem letzten Besuch Mitte dieses Jahres konnte ich mir die 44 Zeichnungen ansehen, die von dem Roman von Henri Barbusse »Das Feuer. Tagebuch einer Korporalschaft« inspiriert wurden und die er über einen Zeitraum von über zehn Jahren geschaffen hat. Sie sind im Frühjahr im Leipziger Passage-Verlag auch als Buch erschienen:

    Gerhard Kurt Müller: La Grande Guerre (2014 book cover), ISBN ISBN 978-3-95415-024-3

    Er verwendete für die Zeichnungen eine seltene Technik, die Aquarell und Wachsmalstift kombiniert, sehr ähnlich der, die Henry Moore für seine Shelter Drawings benutzt hat. Wieder eine dieser wilden Assoziationen, aber diese wurde mir von GKM selbst zugespielt, als ich ihn fragte, wie er denn solche Effekte in diese wunderbaren Zeichnungen bekommen hat.
     

  • Café-com-leite mit »Economist«

    Nach zwei Wochen in São Paulo sehne ich mich nach vertrauten Printmedien. Leider gibt es hier an den sehr, sehr vielen blechverkleideten Zeitungskiosken nicht einfach mal so die FAZ zu kaufen. An manchen bekommt man immerhin sehr billige Pocketausgaben von Nietzsche, Schopenhauer oder de Sade.

    Auf Angloinfo werden einige Buchhandlungen erwähnt, in denen es internationale Presse geben soll. Also auf zur Livraria Saraiva und zwar der Filiale in der Mall am Parque Ibirapuera. Die Erwartungen sind groß. Der Laden ist in der dritten Etage.

    Die Hoffnung auf eine ausgewiesene internationale Rubrik wird nicht erfüllt und inmitten der ganzen lokalen Titel sticht auf den ersten Blick nichts Schönes heraus. Ich frage also einen Verkäufer, der auch gleich mit mir in die Magazinabteilung kommt, Tagespresse gibt es sowieso nicht.

    Brasilianer gehören übrigens, wie Jonathan Meese, zu den »freundlichsten Menschen überhaupt«. Der Verkäufer sucht ein bisschen und findet dann ein paar »TIME«-Specials, über Imperien, den Zweiten Weltkrieg etc. Falls es noch andere ausländische, am ehesten englischsprachige Titel gibt, befinden sie sich inmitten der anderen, lokalen Magazine. Ich erwähne den »Economist«, meine Hoffnungen auf alles andere haben sich längst zerschlagen, und der junge Verkäufer hat keine direkte Ahnung.

    Ich sifte noch ein bisschen durch die Reihen und irgendwann finde ich dann tatsächlich auch die ungefähr aktuelle »TIME« und daneben den »Economist«, gleich drei Ausgaben, die jüngste ist die vorletzte und die kaufe ich dann auch für schlaffe 31,90 Reais. Von der Kasse aus sehe ich dann in der Ferne den Verkäufer wieder, ich winke ihm mit dem Heft zu, er sieht richtig glücklich aus. Und ich kann endlich mal wieder ohne Kindle ins Café gehen.

    Den ersten Café-com-leite mit »Economist« trinke ich dann bei Starbucks auf der Avenida Paulista, direkt gegenüber dem MASP. Das Museu de Arte de São Paulo ist ein Spitzenmuseum. Beim Skat ist ›Aus jedem Dorf einen Bauern‹ nicht gerade das Idealblatt, bei einem Museum kann das Trumpf sein. Wie das Thyssen-Bornemisza in Madrid hat auch das MASP aus den meisten Epochen und von den meisten wichtigen Künstlern ca. ein gutes Beispiel (Raffael, Bosch, Velázquez, Turner, Constable etc.). Von Frans Hals immerhin gleich mal drei seiner herrlichen Portraits. Eine weitere Ausnahme ist Modigliani, das ist aber auch kein Wunder, denn der ist ja auch der meistgefälschte Künstler aller Zeiten und auf ihn passt sowieso der Spruch (den es auch mal für Rembrandt gab, bevor das Rembrandt Research Project begann, mit den Zuschreibungen aufzuräumen), dass es ca. 800 Modiglianis gibt und davon ungefähr 1.000 allein in Amerika, oder so ähnlich. Eine weitere Ausnahme bzgl. Anzahl im MASP bildet Toulouse-Lautrec, aber der gilt ja auch nicht als Künstler, sondern als Dekorateur.
     

  • Datenbanksysteme

    Paco und ich haben ja in Leipzig Informatik studiert, und so sah das aus:

    mdr-Screenshot

    Wie man an Pacos Norwegerpulli erkennt (hehe), war das offenbar ein Wintersemester, ich tippe auf 1999/2000, und soweit ich mich erinnere, sind wir auf dem mdr-Screenshot in einer Datenbank­vorlesung bei Prof. Rahm zu sehen.

    Prof. Rahm zitierte in seinen Datenbankbüchern auch gern mal Kant und hatte einen Assistenten namens Dr. Sosna, dem wir ausnahmslos alle huldigten, etwa indem wir bei den praktischen Übungen im Sunpool immer Passwörter wie dieter1, dieter2 usw. benutzten.

    Soweit mal ein Gruß aus dem Archiv. Auf die Idee, ein paar alte Festplatten zu durchforschen, kam ich natürlich, als Paco neulich von Rainald Goetz und der Sonderermittlersau schrieb. Bitte untersucht auch ihr eure alten »Kisten« (Miroslav Klose) und berichtet, was ihr vorfindet.

    Danke und viele Grüße,
    Dique
     

  • Tropical Heat

    Eigentlich (eigentlich, hehe, was für ein schönes Wort immer wieder), eigentlich wollte ich kurz was zu Rainer Karlschs herrlichem, sehr Borges-esque geschriebenem Doppelseitenartikel über Hans Kammler in der letzten FAS schreiben, aber dann lese ich gerade dieses endgeile Buch von Robert G. Hagstrom, ein Investor und mir bekannt als einer der besten Autoren über den Investing-Style von Warren Buffett, mit seinem Buch »The Warren Buffett Way«.

    Nun also bin ich grad an »Investing: The Last Liberal Art«, und wie der Titel vermuten lässt, setzt Hagstrom Investing in den Kontext verschiedener Wissens- und Wissenschaftsfelder. Das ist sehr schön und ein bisschen wie »Sofies Welt« in gut. Ein Gang durch verschiedene Wissensgebiete (Evolutionsbiologie, Mathematik etc.) und dann schlägt er immer den Bogen zum Investing. Jetzt berichtet er gerade von John Allen Paulos, und das passt ziemlich gut zu dem ongoing Thema THE TWO CULTURES, der hat Bücher geschrieben wie »A Mathematician Reads the Newspaper« oder »Once Upon a Number: The Hidden Mathematical Logic of Stories«, also so Mashups der ZWEI KULTUREN, wie man sie nur lieben kann.

    Aber okay, und à propos, wisst ihr noch, wie damals so Ende der Neunziger unser Freund Tropical-Heat-Barthel den Vorschlag, jemandem ein Buch zu schenken, abwehrte mit dem Satz: »Ja, gute Idee, aber das ist so ein veraltetes Medium, wer will das schon haben«? – Dieser Satz erweist sich immer mehr als visionär. Hier in Hamburg liegen ständig überall aussortierte Bücher zum Mitnehmen herum. Auf den Fensterbänken im Treppenhaus, in Kartons vor Haustüren, gestapelt in irgendwelchen Unterständen. Die Leute wollen die Dinger einfach loswerden. Tropical-Heat-Barthel war also in den Neunzigern ein absoluter Visionary.
     

  • Se7en

     
    Der Umblätterer goes BuzzFeed, hier sind
    die Top-7-Bekleidungsverbrechen:
     

    1. Pullover mit Schalkragen
    2. Vorgebundene Fliege
    3. Geschlossener unterster Jackettknopf
    4. Das Jackett vom Anzug als Blazer tragen
    5. Kurzarmhemd in Kombination mit Krawatte
    6. Minirucksäcke aus Leder (und überhaupt)
    7. Button-Down-Hemd mit geöffneten Kragenknöpfen

     

  • Cinderella, deine Doppelmonks stehen bereit

    Dieser Superclip soll niemandem vorenthalten werden. Matt Hranek besucht für seine Serie »Alternate Route« beim Esquire Network einen der edelsten Herrenausstatter der Welt, Ben Silver in Charleston, und kauft da auch noch ein Paar Doppelmonks von Crockett & Jones. Er trägt aber keine Socken und die Reaktion im Gesicht des Laden­inhabers, Bob Prenner, ist auf herrlichste Weise schön. Ein Paar Socken wird ausgehändigt, und dann geht es an die Schuhe: »Ok, Cinderella, sit down and we try it on.«

    Auch gleich am Anfang, als der »Esquire«-Typ ein paar Messingknöpfe für seinen Blazer möchte und Prenner aber gleich charmant abrät: »I will tell you that, in my personal opinion, I wouldn’t have metal buttons on that blazer, I would just use some form of horn buttons.« Prenner selbst auch sehr contundente in seinen supercoolen italienischen Penny Loafers aus Krokoleder, sieht man kurz, als sie dann beim Anprobieren zusammen sitzen.

    Ok, das ist doch alles ziemlich relevant, and I tried to put all my funk in this information, and hope my funk is all over it. Ich las zuerst in Christian Chensvolds »Ivy Style« (woher auch die Überschrift geklaut ist) über diesen Clip, und wie gesagt, er soll niemandem vorenthalten werden.
     

  • Fünfundsechzig verweht

    Wer von Ernst Jünger spricht, darf von Christine Westermann nicht schweigen. Ich erkläre gleich warum.

    Neulich jedenfalls wieder mal mit John Roxton auf ein Stück Butterkuchen bei Stenzel. Danach fahren und spazieren wir ein bisschen kreuz und quer durch die Gegend und kommen dann zufällig an einem Antiquariat vorbei, das ich noch nicht kenne. Sehr klein, schön vollgestellt. Der Antiquar ein gediegener älterer Herr, der eigentlich gerade schließen will, aber nichts dagegen hat, dass wir uns noch kurz umsehen.

    In einer Vitrine steht eine breite Zeile mit Ernst-Jünger-Büchern und wir geraten darüber kurz ins Gespräch mit dem Antiquar. Nichts Besonderes, er bringt die alte Kamelle, dass Jünger in Deutschland noch immer verpönt sei, in Frankreich dagegen ohne Probleme schon lange mit Lust gelesen werde. Zeit zu gehen.

    In der Verabschiedungszeremonie fällt aus irgendeinem Grund noch der Name Ernst von Salomons und der Antiquar sagt, dass er den Fahrer des Rathenaumordfahrzeuges persönlich gekannt habe, Ernst Werner Techow, außerdem besitze er privat eine handsignierte Ausgabe der »Kadetten«. Das klingt jetzt wie eins dieser äußerst fragwürdigen Facebook-Likes, also lieber nicht weiter bohren und weg da, aber dann sehe ich im Hinausgehen drei Bände »Siebzig verweht« schön gebunden da stehen und ich frage noch schnell, was die denn kosten. Also eigentlich ja 58 Euro, stehe auch so im Buch drin, und er bietet sie mir dann für 40 an, und obwohl mir das ein wenig unangenehm ist (ist das der Kameradenpreis?), schlage ich ein.

    Zu Hause durchblättere ich die Bände dann nach Blutspuren, Übersprungshandlung, und dann fällt mir ein, dass ich es wie Bardamu bei Céline hätte machen sollen. Ein paar unverbindlich zustimmende Worte mehr (»Salomon wird ja auch viel zu wenig gelesen, Rathenau war ja eh schon ziemlich alt, Jünger ist ja leider nie Bundespräsident geworden« oder Ähnliches) und ich hätte die »Siebzig verweht«-Bände für umsonst bekommen, hehe.

    Von Céline und der »Reise ans Ende der Nacht« übrigens hatte Harald Schmidt nach eigenem Bekunden noch nie etwas gehört, bis ihm Helge Malchow seine berüchtigte Liste mit Must-read-Büchern gab, so Schmidt Mitte Dezember im Interviewgespräch mit der sympathischen Christine Westermann. À propos, »Klick ins Buch«, in den derzeitigen Bestseller eben jener Christine Westermann: »Da geht noch was – Mit 65 in die Kurve«, ich bin noch immer nicht über den ersten Satz hinweg: »Das Wesen einer Einleitung ist, dass sie am Anfang eines Buches steht.«
     

  • Die großen Fritz-J.-Raddatz-Festwochen (Tag 16): »Die Wirklichkeit der tropischen Mythen« (1988)

    (= 100-Seiten-Bücher – Teil 95)

    Logo der Raddatz-Festwochen

    (Vorwort zur Festwoche hier. Inhaltsübersicht hier.)

    Unsere Mütter, unsere Väter, noch im Krieg geboren oder kurz danach, hat Fritz J. Raddatz ihr ganzes Leben lang begleitet, er schwebt über ihnen und ihrem kulturellen Leben wie ein Schatten, aber ein weißer weicher, gleich einer Kumuluswolke.

    Unsere Generation kennt Raddatz dagegen eher aus dem Kellinghusenbad in Hamburg, in dem er regelmäßig seine Runden im Außenpool dreht und sich danach aufregt, wenn mal jemand ohne Socken in seine Bootsschuhe schlüpft oder die Chinos direkt auf der Haut trägt, weil frische Boxershorts gerade nicht zur Hand sind. Unter Hamburger Intellektuellen ist es schon seit einiger Zeit Funsport, Raddatz morgens im Kellinghusenbad aufzulauern und dann vor seinen Augen im Umkleideraum Bekleidungsverbrechen zu begehen und sich danach über die entsetzten Blicke des wunderbaren Literaturkolosses und Ästhetikers zu amüsieren.

    1988 machte sich Fritz J. Raddatz auf nach Kolumbien, mit der Lufthansa und in freudiger Erregung. Er begab sich auf die Spuren von García Márquez, der »Stimme Lateinamerikas«. Bei Márquez denkt man natürlich sofort an sein Jahrhundertwerk, »Hundert Jahre Einsamkeit«, das steht auch gleich auf dem Klappentext, schon damals eine Auflage von 10 Millionen Exemplaren, so viele Exemplare sind es heute mit Sicherheit allein in der Schweiz. Zu »Hundert Jahre Einsamkeit« heißt es, dass Borges gefragt haben soll, ob es hundert Tage nicht auch getan hätten. Eine Fragestellung, mit der Borges bei Kurzbuchfana­tikern und Leseökonomen wie uns natürlich offene Türen einrennt.

    Raddatz fliegt also mit der Lufthansa nach Bogotá und liegt nicht faul am Strand, von der Sonne braungebrannt (in der kolumbianischen Hauptstadt gibt’s ja auch gar keinen Strand), sondern zirkelt von dort aus durch ganz Kolumbien, immer auf den Spuren von Márquez. Während der Reise kreisen seine Gedanken um dessen Schriften. Er versucht zu ergründen und zu begreifen, hier vor Ort, an der Wiege, und so spiegelt er durch das ganze Buch hindurch seine Erlebnisse gegen Originalzitate von Márquez. Dabei sind die Ereignisse, an denen Raddatz teilhat, nur selten magisch-realistisch, sondern zumeist banal-real und würden gut in den von Hans Magnus Enzensberger herausgegebenen Sammelband »Nie wieder! oder Die schlimmsten Reisen der Welt« passen:

    »Hier tauchen leider auch Touristen auf. In Cartagena sind es unerklärlicherweise vor allem Kanadier, riesige, fahlhäutige Geschöpfe, Frauen von immensem Umfang, die sich gleich orientierungslos an Land gespülten Walen in Rudeln zwischen die tänzelnd-fragilen Kreolen, Mestizen und Neger verirrt haben. Sie werden gegen Mittag aus den ›Traumschiff‹ genannten schwimmenden Altersheimen gebaggert …« (S. 74)

    Ein gutes Buch, ein schönes Buch, und wie bei so vielen Büchern dieser Reihe besticht auch dieses durch seine Länge, genau richtig dosiert, viel mehr würde ich davon nicht haben wollen.

    Länge des Buches: ca. 159.000 Zeichen. – Ausgaben:

    Fritz J. Raddatz: Die Wirklichkeit der tropischen Mythen. Auf den Spuren von Gabriel García Márquez in Kolumbien. Mit Zeichnungen von Hans-Georg Rauch. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1988. S. 3–156 (= 154 Textseiten).

    Fritz J. Raddatz: Die Wirklichkeit der tropischen Mythen. Auf den Spuren von Gabriel García Márquez in Kolumbien. In: Unterwegs. Literarische Reiseessays. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1991. S. 129–202 (= 74 Textseiten).

    (Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)

  • Der Malerdarsteller

    Lange hat man nichts von ihm gehört und jetzt hatte er einen Auftritt bei Jay Leno: George W. Bush, Nr. 43 der ewigen Bestenliste, hehe. Nach eigener Aussage ist er jetzt Maler geworden. Dazu inspiriert habe ihn ein Buch von W. Churchill, »Painting as a Pastime«.

    W. Churchill war ja ein sehr berühmter Hobbymaler, ebenso wie der berühmte und deutsch-österreichische Postkartenmaler A. Hitler. Und schon im Februar hatten amerikanische Quatschmedien festgestellt, »dass Bush gar nicht so ungeschickt male für einen Amateur – besser jedenfalls als Adolf Hitler und Winston Churchill«.

    Der entsprechende Dialog bei Leno geht nun so:

    Leno: Now, I know you’ve taken up some hobbies, you’re painting now, you showed me some of your paintings. I was very impressed.
    Bush: I am a painter.
    Leno: Yeah, yeah … oh, you are a painter now!?
    Bush: I mean, you may not think I’m a painter. I think I’m a painter.
    Leno: Is that second on your credits, President of the United States, painter, on your resume?
    Bush: It depends whether you like the painting or not.

    Natürlich bin ich sofort neugierig, was wird er malen und in welchem Stil? Glücklicherweise werden gleich ein paar Beispiele eingeblendet. Sein Hund Barney ist als erstes zu sehen und dazu gibt es gleich noch die herrliche Anekdote, wie der kleine Terrier mit eigenem Wikipedia-Eintrag damals von W. Putin gedisst wurde, als dieser auf Besuch bei Bushs war.

    Das nächste Motiv ist Bushs neuer Kater Bob (noch ohne Wikipedia-Eintrag) und als große Überraschung gibt es dann als Gastgeschenk noch ein Jay-Leno-Portrait. Von weitem erinnern die Bilder ziemlich an die Malerei, die normalerweise entlang von Einkaufsstraßen und auf Pariser Brücken angeboten oder verfertigt wird (grobe Pinselstriche, dicker Farbauftrag, etwas unnatürlich wirkende Farben), aber das kann täuschen.

    Bei einem seiner vierjährlichen Fernsehauftritte bei Denis Scheck gestand Christian Kracht einmal, dass er eigentlich Maler habe werden wollen und nicht Schriftsteller. Sogar ein entsprechendes Studium sei er angegangen. Irgendwann habe er dann aber feststellen müssen, dass er gar kein Maler sei, sondern nur ein Malerdarsteller, also jemand, der sich kleidet wie ein Maler und sich benimmt wie ein Maler, der sich sogar Farbflecken auf seinen Overall kleckst, um die Darstellung zu perfektionieren.

    Zum eigenen Leidwesen habe Christian Kracht seinen Plan irgendwann aber aufgegeben und hat uns nun als Schriftstellerdarsteller ein paar sehr schöne Romane geschenkt und jetzt sogar noch einen grandiosen Film in Gemeinschaftsproduktion mit seiner Frau.

    Seiner historischen Leistung nach zu urteilen, ist auch George W. Bush also ein Malerdarsteller, und zwar ein sehr guter!
     

  • 100-Seiten-Bücher – Teil 81 John Kenneth Galbraith: »Eine kurze Geschichte der Spekulation« (1990)

    John Kenneth Galbraith ist ein Vielschreiber der ökonomischen Literatur, eine Art Johannes Mario Simmel seines Genres. »The Great Crash, 1929«, der ganz nüchterne Account der größten Krise aller Zeiten, ist natürlich sein größter Hit. Der große Crash spielt auch in (Originaltitel:) »A Short History of Financial Euphoria« eine Rolle, aber diese kurze Geschichte ist nicht der kleine Bruder des großen Klassikers desselben Autors, sondern so was wie der kleine Stiefenkel von »Extraordinary Popular Delusions and the Madness of Crowds« von Charles Mackay.

    Charles Mackay veröffentlichte seinen Ziegelstein bereits 1841 und reißt neben der Tulipomanie und der South Sea Bubble auch gleich mal die Geschichte der Alchemie und Scharlatanerie mit ab. Ein irres Buch, ein schönes Buch, aber eben ein Ziegelstein. Galbraith tanzt mindestens genauso elegant durch die Geschichte der Spekulation, aber leichter und flockiger und mit viel weniger Schnörkel und Detail. Ab und an klaut er sich auch mal eine Anekdote von Mackay. Zum Beispiel die mittlerweile berühmte mit dem Seemann, der nach Holland kommt und einen reichen Händler in seinem Warenhaus aufsucht, um ihm das Eintreffen seiner Waren zu melden.

    Der Händler ist natürlich, wie quasi jeder im Holland des Tulpenwahns, ein Tulpenspekulant. Zwischen Samt und Seide im Warenhaus sieht der Seemann, der gern Zwiebel isst, auch etwas liegen, das er für eine solche hält, und lässt sie in seiner Tasche verschwinden. Kaum hat er das Lagerhaus verlassen, bemerkt der Händler das Fehlen der Zwiebel. Es handelt sich um eine Semper Augustus, die teuerste Tulpenart. Rasend vor Wut durchforstet er das ganze Lager und kann die Semper Augustus nicht finden.

    Da erinnert er sich an den Besuch des Seemanns. Zusammen mit seinen Angestellten stürmt er hinunter zum Quai. Dort sehen sie den Seemann sitzen, er hängt zufrieden in einer großen Rolle Seil und verzehrt genüsslich das letzte Stück seiner ›Zwiebel‹. Von dem Wert dieser Semper Augustus hätte man ein ganzes Jahr lang die Besatzung des Schiffes ernähren können. Als ich das las, saß ich gerade im Bordrestaurant bei Königsberger Klopsen mit Butterreis und hätte mir auch fast eine rohe Zwiebel dazu bestellt.

    Man kann natürlich für alle Hundertseiter sagen, dass sie sich bestens auf einer Bahnfahrt erledigen lassen. Man beginnt dann Reise und Buch gleichzeitig und schließt beide auch zur selben Zeit ab. Der letzte Schrei zur Geschichte der Spekulation ist übrigens »Devil Take the Hindmost: A History of Financial Speculation« von Edward Chancellor. Doch dieses Buch ist dann auch wieder etwas umfangreicher, wenn auch noch kein Ziegelstein. Trotzdem muss man dann schon eine längere Zugreise wagen, Hamburg–München und zurück und das ganze zwei Mal, zum Beispiel.

    Länge des Buches: > 115.000 Zeichen. – Ausgaben:

    John Kenneth Galbraith: Finanzgenies. Eine kurze Geschichte der Spekulation. Aus dem Amerikanischen von Wolfgang Rhiel. Frankfurt/M.: Eichborn 1992.

    John Kenneth Galbraith: Eine kurze Geschichte der Spekulation. Aus dem Amerikanischen von Wolfgang Rhiel. Frankfurt/M.: Eichborn 2010.

    (Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)