Autor: Dique

  • F-Zeitung, FAS, Monocle, strassenfeger

    »Das Grauen vom Lande« eröffnet das sonntägliche Feuilleton, und auf dem Bild zum Text grinst Kurt Beck im kurzärmeligen, karierten Campinghemd, aber es fehlt der »Titanic«-Schriftzug »Knallt die Bestie ab!« – Freitag in Berlin aufgeschlagen, grüßte mich Bruno schon von jeder Zeitung, begonnen mit der Berliner Morgenpost, und da nun ja auch die F-Zeitung ein Bild auf der Titelseite hat, strahlt er auch von dieser.

    Die aktuelle »Monocle« (issue 08) hat auch ein FAZ-Bild auf die Titelseite gesetzt, dahinter wahlweise eine junge Frau oder einen jungen Mann mit jeweils schwerer Brille. Ja, richtig, »Monocle« erscheint mit zwei verschiedenen Titelseiten. Gibt es wirklich Leute, die deshalb wissentlich (oder gar unwissentlich, hehe) zwei Mal kaufen?

    »Achtung! Hold the front page« heißt der Artikel, und es gibt ein ganzes Zeitungsspezial, das einen netten Überblick über weite Teile der internationalen Zeitungslandschaft gibt. Man erfährt zum Beispiel, dass die japanische Tageszeitung »Yomiuri Shimbun« mit einer 14-Millionen-Auflage erscheint, wow!

    Ansonsten: »Horn Of Plenty«, ein Artikel über Djibouti, ist sehr spannend, sowie eine lange Nummer über Murmansk (»High Energy«). In der Politiker-Style-Rubrik geht es um Königin Rania von Jordanien, na ja, immer noch besser, als wenn es um den kurzärmeligen Beck ginge.

    Aber zurück zum FAS-Feuilleton. Claudius Seidl meint, dass das Übel an Beck sein Provinzialismus sei und kann das auch sehr gut begründen. Dieser Provinzialismus sei eben nicht nur »ein Mangel an Ausdruck, Form und Haltung, sondern ein Mangel an Substanz« (wie ihn auch Peter Unfried in der taz von heute zitiert). Den Seidl-Artikel bitte lesen!

    Wenn man Robert Redford aus rahmenloser Brille aus schwarzem Rollkragenpullover aus schwarzem Hintergrund lächeln sehen möchte, schlägt man das Feuilleton-Buch einmal auf. Man kann aber auch gleich eine Seite weiterblättern und die Rezension über die Herman-Melville-Biografie von Andrew Delbanco durchlesen, und die macht wirklich neugierig. (Der Artikel von Manuel Karasek ist nicht online, daher hier die Kritik des Deutschlandradio).

    Daneben dann Peter Richter über das Obdachlosenmagazin »strassenfeger«, welches ich mir tags zuvor in einer Berliner S-Bahn kaufte, auch wegen der »Uta« aus Naumburg auf dem Titelbild.

    Und dann gibt es noch einen großen Johanna-Adorján-Artikel über das Pyramiden-Project von Ingo Niermann und Jens Thiel. Die Idee entstammt Niermanns Buch »Umbauland« von 2006. Um das Beschäftigungsproblem Ostdeutschlands zu lösen, schlägt er den Bau eines riesigen Totenmonuments in Form einer Pyramide vor.

    Diese traumhafte, etwas spinnerte Idee wurde zum Selbstläufer, und nun fangen tatsächlich einige renommierte Architekturbüros dieser Welt mit Entwürfen an. Mit 89.000 Euro fördert die Bundeskulturstiftung das Projekt, und in der Jury des Architektenwettbewerbs befinden sich Namen wie Rem Koolhaas, Miuccia Prada und Omar Akbar.

    Alles in allem wie immer eine super Ausgabe, und ich habe hier nur vom Feuilleton gesprochen.

  • Curb Your Enthusiasm: 6. Staffel, 6. Folge

    Spätreview, und schon die sehr gute Folge 7 gesehen. Die 6. Folge hatte ich fast vergessen, was war da, ach ja, LD und der zu langsame Toaster, der Hund, der einer Ratte ähnelt, der Kammerjäger, der mit LD zum Schüler-»Grease« will, und die gehörlose Frau und diese endlosen Missverständnisse mit der Zeichensprache.

    Cheryl ist krank, und LD fällt nichts Besseres ein, als sie verführen zu wollen. Er berührt sie etwas linkisch, und sie sagt in ihrer angenervten Art: »Please tell me you’re not coming on to me.« Ungläubig antwortet er: »No good?«

    Später erzählt er Jeff, wie es ihn irgendwie erregte, als er Cheryl da so hilflos und krank im Bett liegen sah. Jeff kann es gut nachvollziehen aber mag es the other way round, also wenn er krank ist. Eine Vorwegnahme, so endet die Folge dann auch: LD liegt nun krank im Bett und Cheryl bemuttert ihn, und wieder fängt er an sie zu gruscheln, woraufhin Cheryl ihn wegstößt und LD wieder ungläubig fragt: »No good?«

    Das klingt ja alles nicht schlecht und ist sehr CURB. Aber irgendwie knistert es nicht. Viele Szenen sind zu übertrieben und einfach zu sehr inszeniert. Schreiend und kreischend zertritt LD auf dem Schulhof eine Spinne, eine Spinne, die 3 Meter entfernt irgendwo auf dem Boden herumkriecht. Die Kinder und auch die Eltern sind geschockt und auch die Zuschauer, weil das einfach so aus dem nichts heraus passiert.

    Andererseits, greift man mal eine Ereigniskette heraus, ist da eine Menge High-Quality-Material. LD spricht mit der gehörlosen Frau eines Freundes und sagt ihr ins Gesicht, dass ihr Pekinese aussieht wie eine Ratte. Später entschuldigt er sich bei seinem Freund dafür, weigert sich aber, bei ihm zu Hause vorbeizukommen und bei ihr persönlich Abbitte zu leisten. Im Gegenteil, er verfängt sich in einem Monolog, dessen Quintessenz die Erkenntnis ist, dass »they« (»What do you mean, they?«) die einzigen Behinderten seien, bei denen man sich nicht übers Telefon entschuldigen könne, weil sie ja nichts hören.

    So weit, so Larry. Doch dann verliert sich diese Folge in unnötigen Zusätzen. Nach dem Gespräch mit dem Freund der gehörlosen Frau trocknet sich LD die Hände am Handtrockner und macht dabei, anscheinend aus Versehen, ein Symbol der Zeichensprache, das den Freund beleidigt. Das Gleiche passiert dann später beim Kauf eines neuen Toasters: LD trifft die Gehörlose wieder und entschuldigt sich bei ihr. Alles scheint nun wieder gut, aber sie sieht ihn dann aus der Ferne wieder irgendein Zeichen machen und wieder ist alles im Argen.

    Das ist zu viel und überdeckt die wirklich guten Momente der Folge, wie z. B. die wunderbare Szene, in der Larry bei Jeff klagt, dass er, weil Cheryl krank ist, niemanden hat, mit dem er zu »Grease« gehen kann. Es ist eine Schüleraufführung, in der auch eine Tocher der Blacks mitspielt. Im Hintergrund sieht man Jeffs Exterminator arbeiten, und als der von LDs Problem hört, sagt er mit Schmalzfresse: »I’ll go«.

    Etwas verwirrt erklärt Larry, »this is a middle-school production«, aber: »I love ›Grease‹ and I’d love to go«. Und tatsächlich nimmt LD dann den Exterminator mit zu diesem Schulstück. Er holt ihn ab, er ist all dressed up, und Susie macht ihm noch ein Kompliment, wie gut er aussieht ohne seine Exterminator-Uniform.

    Das Stück endet dann, bevor es beginnt, denn der Pekinese der gehörlosen Frau befreit sich aus seiner Tasche und schnüffelt durch die Stuhlreihen. Als dann LDs Dad mit seiner Riesenbrille brüllt »a rat, there is a rat« erwachen die Exterminator-Instinkte, und so wie LD am Anfang die Spinne, zertrampelt er den armen, kleinen Hund.

    Die Pointe überlasse ich mal einem anderen, dem TV Squad:

    »So … a deaf woman got insulted, a dog got killed, and Larry went on a ›date‹ with an exterminator. Sounds like a pretty typical day in the David household.«

    Das hatte ich nämlich vergessen, diese Date-Atmosphäre zwischen Larry und dem Kammerjäger. Das Ganze wird mit französelnder »Amélie«-Musik unterlegt, das ist wirklich großartig, wie überhaupt der »Curb«-Soundtrack hammergut ist, angefangen von der »Frolic«-Intromelodie bis hin zu solchen Spezialeinlagen. Das Posting des TV Squads beginnt übrigens mit den Worten: »Best episode of the season thus far.« Na ja: na ja.

    Der Umblätterer über andere »Curb«-Episoden:
    Season 6: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10
    Season 7: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10

  • Paperback und trotzdem schick: »Art and Ideas«

    »Art and Ideas« heißt eine Reihe von Phaidon Press. Kompakte Werke entweder über einen Künstler oder eine Epoche. Paperback und trotzdem schick, ganz dezent, auf Front und Buchrücken nur eine kleine schablonierte Abbildung auf weißer Fläche, z. B. der berühmte Pferdekopf vom Gespann der Selene vom Ostgiebel des Parthenon auf Nigel Spiveys Band über griechische Kunst oder ein Dämon mit Hängeohren und Trichter auf dem Kopf auf dem Bosch-Band von Laurinda Dixon.

    So schön der klassische große Kunstband mit qualitativ hochwertigen Abbildungen auch ist, führt er aufgrund des Formats doch eher ein Coffee-Table-Dasein und liest sich am besten zu Hause. Die »Art and Ideas«-Reihe kommt in A5 und lässt sich deshalb sehr gut mit herumtragen und unterwegs lesen. Die Bilder sind vielfältig und hochwertig und sehr frisch präsentiert, überhaupt verbreiten diese Bücher ein wohliges Gefühl. Das Konzept, auch den Textrand ab und an für Abbildungen zu nutzen, funktioniert hier nach meinem Ermessen zum ersten Mal, ohne störend zu wirken.

    Das Papier ist gestärkt, mit leichtem Glanz versehen, der Font fett gedruckt und monochrom anstatt schwarz und liest sich sehr, sehr gut. Der Text fließt bis tief unters Dach der Seite und nach unten weit in den Keller, lässt aber mehr Rand als üblich, eben für besagte Seitenabbildungen, die wunderbar mit dem Text verblendet und perfekt bezeichnet und beschrieben sind.

    Ich begann mit dem Band über David. Acht Bände weiter bin ich bei Piero della Francesca. Mit dem würde ich mich unter normalen Umständen vielleicht nicht ein ganzes Buch lang beschäftigen.

    Weil ich häufig einen der weißen Bände unter dem Arm herumschleppe, denken einige regelmäßig von mir getroffenen Leute inzwischen, dass ich immer das gleiche Buch lese, nun schon seit Monaten. Wie mein Newsagent, der jetzt immer nur enttäuscht sagt »ah, the book«, ohne wie gewohnt inhaltlich zu werden.

    »I know these books«, sagte er dann neulich, aber er bevorzuge die »wunderschönen mintgrünen Bände von Umberto Allemandi«. »Mint green«, das hatte er tatsächlich so gesagt, und ich wunderte mich, warum er immer irgendwelche Boulevardzeitungen las. Wahrscheinlich Newsagent Policy, um die Kunden zu animieren. Ben-Graham-Bücher verkaufen sich einfach schlechter als die »Daily Mail«.

  • Curb Your Enthusiasm: 6. Staffel, 4. Folge

    Ok, Paco hat gerade keine Zeit (Literaturbeilagen!), deshalb hier jetzt kurz mein Rückblick auf Staffel 6, Folge 4 von »Curb Your Enthusiasm«.

    Die eher nicht gut war, schon das Personal stimmte nicht richtig: Es war die erste 6er-Folge ohne den Drehbuchliebling Marty Funkhouser. Und Richard Lewis‘ neue Freundin Cha Cha, die traumhaft in ihrer eher imaginären Rolle in Folge 1 funktionierte, ist auf einmal handelnde Person.

    Als gewichtigere Nebenrolle funktioniert sie aber nicht, und so wirkt die ganze Klogangzählerei und das missverständliche Telefongespräch (»What are you wearing?« »What am I wearing right now?«) plump und aufgesetzt und hölzern. Anstatt diese Situation etwas reduzierter und dosierter zu entwickeln, gibt es ungewohnt langwierige Überspitzungsdialoge, die der Folge die Dynamik rauben.

    Es ließ mich z. B. kalt, als Cha Cha plötzlich im selben Restaurant wie Larry sitzt, allein, natürlich wieder neben dem Restroom, und trotz LDs Aufforderung, sich ihre Kommentare zu sparen, seinen erneuten Toilettengang anspricht.

    Um weiteren soziologischen Horrorsituation zu entkommen, schleicht LD später dann in die nächste Etage, um seinem Harndrang nachzugeben. Dort hat er wegen der lauten Spülung dann einen Hörsturz wie Tom Hanks an der Küste der Normandie in »Saving Private Ryan«.

    Das ist halt der typische Seinfeld-Extremismus, sagte Paco später, und er meinte damit auch die Doggy-Bag-Nummer mit Kellner Daviday, der wegen der Restaurant’s Policy keine Doggy Bags herausgibt, wenn der Inhalt tatsächlich an Tiere verfüttert werden soll.

    Die guten alten Infragestellungen von menschengemachten Policies gehen eigentlich immer, wie z. B. die Policy, dass man das Telefon im Behandlungsraum einer Arztpraxis nicht verwendet (4. Staffel, 1. Folge). Die Doggy Bag Policy erzeugt bei mir aber keinerlei Reaktionen, sie plätschert dahin, endet allerdings im längsten »Stechblick des Zweifels«, dem berühmten Indianerblick von Larry David, mit dem er in der Seele seiner Dialogpartner nach der Wahrheit sucht, wenn er ihnen etwas nicht glaubt.

    Stückwerk und Flickschusterei kommen mir in den Sinn, obwohl ich das überhaupt nicht will, nicht bei CYE, nicht bei LD, er ist doch der Co-Creator of Seinfeld, hehe, und deshalb schiebe ich es auf meine damalige Tagesform. Folge 5 kam ja am Sonntag, wir sahen sie natürlich, sie war besser als die 4, aber dazu später.

    Der Umblätterer über andere »Curb«-Episoden:
    Season 6: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10
    Season 7: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10

  • Zwei Ziele: Neue Sachlichkeit und Futurismus

    Das deutschsprachige Feuilleton war noch nicht hier, wir gehen schon mal vor.

    »Lonely Prophets: German Art From 1910-1930«, zwischen Neuer Sachlichkeit und Expressionismus. Kirchner sieht man ja alle Nase lang, und das ist auch gut so und immer wieder schön, aber hier soll es endlich mal wieder was von Rudolf Schlichter, Christian Schad, Manfred Hirzel et al. geben. Von Schlichter wird sogar ein als verschollen gegolten habendes Porträt versprochen. Das Ganze in der Agnew’s Gallery in der Old Bond Street.

    Ich gehe wie immer viel zu spät los und erreiche die Galerie ca. 15.35. Die Tür ist zu, ein Gitter hängt herunter, und hinten an der Wand sehe ich eine feine, großformatige Bleistiftarbeit hängen, die mich an Karl Hubbuch erinnert, bin mir nur nicht sicher, leider unerreichbar, Scheibe und Gitter dazwischen.

    Laut Öffnungszeiten hätte die Galerie noch bis 16.00 geöffnet haben sollen, aber drinnen regt sich nichts. Schlichter, Schad, vielleicht sogar Hubbuch, und ich stehe da wie ein Idiot. Jetzt steht noch ein älterer Herr vor der Tür, fassungslos wie ich rüttelt er wenigstens mal an der Tür und verschwindet kopfschüttelnd, ich raune ihm noch ein »it’s supposed to be open till four« hinterher.

    Glücklicherweise hatte ich am Samstag zwei Ziele, Neue Sachlichkeit und Futurismus. Sieht man beides viel zu selten, beide Strömungen sind in den großen Museen dieser Welt erbärmlich unterrepräsentiert.

    Die Tate Modern hatte mal zwei Top-Stücke von Christian Schad, seine typischen Ölbilder aus den 20ern, leider nur Leihgaben, und die sind schon seit über einem Jahr nicht mehr da. Gut, dafür hat die Tate einen Abguss von »Unique Forms of Continuity in Space« von Boccioni, und das entschädigt für das sonst eher schwachbrüstige Œuvre des Hauses (hehe).

    Egal, glücklicherweise gibt es in London die Estorick Collection, eine kleine feine Sammlung, die sich auf italienische Kunst und eben speziell auf Futurismus spezialisiert hat. Eine Perle, die selten gehoben wird zwischen den Large und Mid Caps großer Sammlungen.

    »Piety and Pragmatism: Spiritualism in Futurist Art« heißt die derzeitige Sonderausstellung. Das ist später Futurismus, quasi die zweite Welle. In diese Zeit fällt auch die Aeropittura und die Arbeiten von Gerardo Dottori. Dottoris »Crucifixion« von 1928 ist ein Widerspiel aus Farbe und Form, das den Betrachter sofort reizt und anzieht.

    Ungewöhnlich ist die Ausstellung, weil der Futurismus nicht unbedingt eine sehr spirituelle Bewegung war, und wohl auch deshalb sind überwiegend Werke von Dottori und Fillia zu sehen. Letzterer begeistert mich nicht sehr, aber allein wegen Dottoris »Crucifixion« lohnt sich der Gang in die Estorick Collection.

    Außerdem ist die kleine und feine Dauerausstellung immer wieder prima, besonders wegen »La Musica« von Luigi Russolo und Giacomo Ballas »Movement of the Violinist«.

    Das Museumscafé ist auch nicht schlecht.

  • Auf dem Flughafen mit dem neuen »Economist«

    Ich hatte heute noch ein kleines Malheur in Barajas. Ich dachte, ich hätte genug Zeit, und las daher noch den Sarkozy-Artikel im »Economist« zu Ende und fing auch noch »How fit is the panda?« an, zum x-ten Mal China und zum x-ten Mal lese ich mir das durch.

    Dann verlor ich noch einige Dutzend Minuten wegen recht eigenartiger Check-in-Ausschreibungen und damit verbundenem falschen Anstehens. Dann musste ich noch selbst einchecken am Automaten, was ja kein Problem ist, aber als ich dann endlich meine Boarding-Karte hatte, musste ich erneut warten, um mein Gepäck aufzugeben.

    Als ich dran war, hieß es, dass ich leider 5 Minuten zu spät sei für das Gepäck und niemand etwas für mich tun könne. Das war am British-Airways-Check-in. Die meinten, ich solle mit Iberia sprechen, warum auch immer. Ich tat es und die schickten mich wieder zurück zu BA.

    Irgendwann hieß es, dass mein Billigticket auch nicht umgebucht werden könne und ich ein neues brauche. Panik. Ein paar weitere Infodesks, und ich sah mich bereits die Nacht auf dem Flughafen verbringen oder vielleicht sogar wieder im Hotel des bärtigen Funnymannes.

    Zum Glück hatte ich mir doch noch den »Economist« gekauft, eben als Lektüre oder Zudecke.

    Schlussendlich, es waren noch ca. 25 Minuten Zeit bis zum Take-Off, ging ich dann einfach zum Flugzeug, mit meinem Koffer. An der Sicherheitskontrolle sagte niemand etwas, ich musste mich nur von einigen Kosmetikartikeln trennen.

    Dann der Weg zum Gate, auch hier wieder komische Beschriftung. Das Ticket sagte ›Gate M‹, dort sollte ich dann feststellen, dass es ›Gate S‹ ist.

    Ich traf unterwegs einen schweizer Geschäftsmann (der hatte neulich auch die Speed Tour durch den Prado absolviert, der mit den Löwenzahn-Manschetten), der auf meinem Ticket sah, dass ich den gleichen Flug hatte. Wir solidarisierten uns wie neulich beim 10-Minuten-Lauf im Museum und rannten mit wechselnder Führungsspitze auf und davon.

    Im Shuttle-Zug betete er, und ich las weiter über die Kondition des chinesischen Pandas. Ist der chinesische Bär schon Bulle genug, um die Weltkonjunktur zu stützen, wenn der Abschwung in den USA schlussendlich in eine Rezession umschlägt?

    Als der Zug am Gate stoppte, rannten wir beide los, über Rolltreppen, ich mit Rollkoffer, mein Leidensgenosse nur mit Handgepäck leicht im Vorteil, über Laufbänder, durch den Zoll, zum falschen Gate M und dann zu S.

    Wir kamen 5 Minuten vor dem Abheben an. Die Stewardessen waren gerade am Schließen und Abräumen, haben aber zum Glück auch irgendwie auf uns gewartet: »Are you Mr. Soandso and Soandso?« Mein Koffer wurde noch mit in den Gepäckraum gestopft und ich war im Flieger.

    Das Hemd meines schweizer Leidensgenossen war fleckig wie Pandafell geworden, und der »Economist« beurteilt die Lage des chinesischen Bären zumindest kurz- und langfristig positiv, rechnet dabei mittelfristig mit einer Korrektur, aber »China can keep sprinting even if America takes to its sick bed. That is good news for the world.«

  • Darf man das lesen? (Teil 9: »Der Aktionär«)

    Ich habe mir dieses Heft nicht etwa gekauft. Nein, San Andreas brachte es speziell für mich von seinem Lufthansa-Flug mit.

    Ohne lange zu fackeln, den »Aktionär« sollte man auf keinen Fall lesen.

    Die wenigen längeren Artikel in diesem Magazin, zumindest in dieser Ausgabe (38/2007), unterbieten bezüglich des Informationsgehalts fast den »Focus« (hehe), bei dem man sich am Ende eines Artikels oft fragt, warum einem nichts zum Thema gesagt wurde.

    Mit »Vollgas fürs Depot – Mit diesen Aktien starten Sie durch« werden parallel zur IAA in Frankfurt, welch ein Zufall, Automobilaktien als Schnäppchen angepriesen. Unter anderem die Aktie von General Motors, einem Konzern, der seit Jahren strauchelt und bei dem von jedem verkauften Auto 1.500 Dollar für Sozialleistungen ehemaliger Mitarbeiter aufgewendet werden müssen; die neue »Ökostrategie« wird daran wenig ändern. Danke für den Tipp.

    Unter dem Titel »Das blaue Gold« liest man die üblichen Lobpreisungen auf den Wassersektor, der bei immer knapperem Wasservorrat und wachsender Weltbevölkerung in den kommenden Jahrzehnten angeblich mit hoher Rendite lockt. Das ist sicher grundsätzlich nicht falsch, aber keinesfalls originell. Ich habe in den letzten Jahren bestimmt viertausend Artikel gleichen Inhalts gelesen. Und das lässt sich ebenso über den Beitrag über den Billionenmarkt Infrastruktur sagen.

    Kurz, das Magazin ist das typische Branchenblatt und bläst die Trompete nicht für den Aktionär, sondern will diesen nur dazu animieren, ständig neuen Trends zu verfallen und, statt es langfristig anzulegen, sein Geld lieber für Transaktionskosten, Managementgebühren und Ausgabeaufschläge zu verplempern.

    Bleibt die Frage, warum mir San Andreas dieses Heft angedreht hat. »Es war doch kostenlos«, hat er gesagt. Aber das sagt er immer.

  • Judith Lembke (zugeschrieben), Alan Greenspan (Rückenschmerzen), Monocle (Zugabe)

    Warum hat der Umblätterer eigentlich nichts dazu gesagt, dass vor zwei Wochen Martin Walser für den Wirtschaftsteil der FAS interviewt wurde und in diesem wunderbar gegen die Steuerlast in Deutschland schwadroniert? Wir werden es nicht verraten.

    Ich war heute der Einzige in Madrid, der die aktuelle FAS lesen konnte, denn Paco nimmt immer ›Papier‹ und denkt, das merkt sich niemand (LOL).

    Judith Lembkes »Neulich in meinem Café« hat dermaßen abgebaut, dass ich der Meinung bin, dass das gar nicht mehr von Judith Lembke geschrieben wird. Wie bei einem zweitklassigen Altmeistergemälde handelt es sich hier maximal noch um Werkstattarbeiten. Zuschreibungen wie »Nachfolger von« oder »Im Stil von« Judith Lembke würden mich bei den Kolumnen der letzten Wochen nicht überraschen.

    Ansonsten: Alan Greenspan auf Promotour durch die Gazetten dieser Welt, um sein neues Buch zu preisen. Das doppelseitige FAS-Interview (S. 38–39, hier die Ankündigung auf faz.net) ist sehr gut. Es gibt da ein schönes altes Foto von dem über Rückenschmerzen klagenden Greenspan, am Boden liegend in einem vollbesetzten Büro im Weißen Haus.

    Dass er mit der aktuellen Finanzkrise nach seinem Ermessen überhaupt nichts zu tun hat, erscheint ein bisschen kurz geschossen, schließlich hat doch seine Fed Dollars gedruckt wie andere Butterbrotpapier. Egal, ich glaube ihm und freue mich auf die Lektüre von »The Age of Turbulence: Adventures in a New World«.

    Dann noch schnell die aktuelle »Monocle«, die September-Nummer (Vol./Jahrgang 1, issue 6). Darin erfährt man etwas über Sarkozys Liebe zu Tassel Loafers. Außerdem widmet sich das Magazin dem Nation Branding. In der Einführung werden potenzielle Kandidaten genannt, z. B. das Kosovo oder das vielleicht irgendwann wiedervereinigte Korea oder auch Schottland, wo die Unabhängigkeitspartei derzeit die Mehrheit im Parlament hält.

    Jedenfalls folgt dann das Ideenbeispiel eines Phantasiestaates Costazzurra (Ergebnis einer Vereinigung von Liguria und Monaco im Jahr 2014). Für diesen werden originelle Designs vorgeschlagen, für Briefmarken, die Flagge, Straßenschilder usw.

    Der Font Gotham wird als Corporate Typeface benutzt, mit dem alle offiziellen Dokumente des Landes verfasst würden, und er macht sich wirklich prima auf den vorgeschlagenen Schildern, den Briefmarken und dem schnittigen Reisepass.

    Dabei muss man dem Artikel als einzige Schwäche ankreiden, dass in der Einführung Belgien nicht genannt wird, ist doch die mögliche Spaltung des Landes gerade wieder weit oben auf der Möglichkeitsagenda, siehe den »Spiegel« von neulich, wir unterhielten uns im »Subway« darüber.

  • Der beste Investment-Essay aller Zeiten

    Die letzte Woche zerbrach ich mir den Kopf über aktive und passive Fonds und druckte mir einen über 100 Seiten langen Thread aus dem Wertpapier Forum aus. Schlauer bin ich jetzt auch nicht.

    Unter dem Arm trage ich immer mal wieder mein zerfleddertes Exemplar von Grahams »Intelligent Investor«. Auch neulich beim »Spiegel«-Kauf bei meinem Newsagent hatte ich es dabei. Er nahm grinsend das Buch wahr und wies mich so nebenbei auf Kapitel 20 hin, »Margin of Safety«.

    Das ist so wie in der »Nackten Kanone«, wenn sich Frank Drebbin immer wertvolle Tipps von einem Stiefelwichser auf der Straße holt. Wieso liest mein Newsagent Benjamin Graham?

    Warren Buffet zufolge ist »Margin of Safety« der beste Investment-Essay aller Zeiten, so ähnlich hat er das mal bei einem Vortrag vor einer Horde MBA-Anwärtern gesagt, im roten Polo-Shirt, ich sah es auf YouTube.

    Mir gefällt sehr die Bezeichnung »der beste Investment-Essay«. Mein Newsagent schien das auch so zu sehen, »the best, it’s really the best«. Ich erwähnte im Gegenzug Buffetts »The Superinvestors of Graham-and-Doddsville«. Auch sehr schön und kommt in aktuellen Graham-Ausgaben im Appendix gleich mit.

    »This is also the best«, sagte mein Newsagent.

  • Happenings und Grunge-Partys

    Was ist los beim großen Städte-Ranking. Die deutsche »Vanity Fair« lese ich nicht, aber dort wurde ja laut Oliver Gehrs München zur coolsten Stadt erklärt, und da ist man sich immerhin einig mit »Monocle«.

    Wir kennen das alljährliche Städte-Ranking. Welche ist wohl die teuerste der Metropolen, und der aktuelle Gewinner ist Moskau. London ist auch immer oben dabei, und Zürich, und Genf, und New York, und Tokio, also die üblichen Verdächtigen.

    Wo es sich dagegen wirklich gut lebt und warum, ist vielleicht eine andere Frage, und da hat »Monocle« mit einem relativ einleuchtenden System nach bestimmten Grundsätzen und Annehmlichkeiten einer Stadt eben besagtes München auf den Top-Platz gesetzt.

    London fliegt raus wegen seines unzulänglichen öffentlichen Verkehrssystems, der vergleichsweise hohen Kriminalität und vor allem, weil man Probleme hat, nach um 11 noch irgendwo in relaxter Atmosphäre einen picheln zu gehen.

    Stimmt zwar alles, aber mit dreihundertachtundvierzig Millionen Topmuseen und Galerien, ebenso vielen Theatern, einer Handvoll Opernhäuser und unzähligen Klassik-, Rock-, Pop-Events und Restaurants jeglicher Art und Qualität könnte man bestimmte Prioritäten bezüglich der Lebensqualität infrage stellen.

    Aber gut, das ist Tyler Brûlé, und John Roxton hat sicher Recht mit seiner Beobachtung, dass Brûlé eben eine Schwäche für alles Feine, Saubere und gut Funktionierende hat, am besten mit skandinavisch-nordischem Einschlag, damit eben auch eine nachvollziehbare Liebe zu Zürich, München und Wien, aber auch zu Tokio und Kyoto.

    Während »Monocle« einen Maßstab anlegt, welcher eins a erklärt wird, haut uns der »Spiegel« mit recht abstruser Begründung so genannte »second cities« um die Ohren, die sich aus dem Schatten der großen, jetzt uncoolen Städte erhoben haben.

    So ist auch hier London out, und Berlin und Paris erst recht, aber die estnische Vierhunderttausendeinwohnerklitsche Tallinn ist in und hip und unter anderem hier vermuten die »Spiegel«-Redakteure den nächsten Steve Jobs und/oder Bill Gates.

    Mal ganz kurz: Was genau ist eigentlich cool an einem Ort, der Leute wie Gates und Jobs ausspuckt. Ist Silicon Valley cool? Will da oder wollte dort irgendwer leben, der nichts mit Computern zu tun hat?

    Warum der »Spiegel« auf Krampf versucht, Amsterdam zu empfehlen, bleibt auch unklar. Die Story hangelt sich an einer Kreativen entlang, die aus Fahrradschläuchen und Luftmatratzen Handtaschen näht und, ach wie toll, die Dinger werden sogar bei Guggenheims verscherbelt.

    Ansonsten wohnt die Frau in irgendeinem subventionierten Zentrum für einhundert weitere Kreative, und das ist natürlich super und vor allem cool. Amsterdam ist cool, ja, aber das war es schon immer, und das ist es eher trotz als wegen der Fahrradschlauchtaschendesignerin.

    Und dann noch mal Tallinn. »Projekte für die alternative Szene, Happenings und Grunge-Partys« steht da als Unterschrift unter zwei Bildern zum Text. Grunge-Partys, meine Güte, und Happenings.

    Auf einem der Fotos aus einer Tallinner Diskothek sieht man zwei tanzende Mädchen, von denen eine einen grinsenden Teufel auf die Jeans genäht hat, eben cool, und am Ende des Textes erzählt uns Erich Follath, dass man über irgendeine Entertainmentfirma einen KGB-Abend einschließlich Verhaftung und Verhör mit anschließendem Wodka-Umtrunk buchen kann.

    Das klingt ungefähr so attraktiv wie eine Fahrt mit dem Trabant durch Berlin und anschließendem Eintopfessen mit Erich Mielke im Stasimuseum.

    Das ist die längste Spiegelsommerpause ever, erst wurde die Kunst vor 38.500 Jahren in Deutschland erfunden und dann ist Tallinn unter den fünf coolsten Städten Europas. Der einzig gute Artikel ist der auf Seite 126 über den sehr lustigen »Islamic Rage Boy«. Islamic Rage Boy, so ein edler Name, mit dem würde ich gern mal ins Museum für Morgenlandfahrer gehen.