Autor: Dique

  • Genesis und der Gipfel der Verachtung

    Gestern in der FAS Helmut Krausser über Genesis. Der Anfang des Artikels:

    »Ich verstehe all jene, die im Pop das Leichte suchen und die Fortsetzung der E-Musik mit anderen Mitteln verabscheuen, vielmehr, ich verstehe sie nicht und verabscheue sie. Denn sich gegen ein Leben mit komplexer Musik zu entscheiden, bedeutet, sich einen der dicksten, fruchtvollsten Äste im Baum der Schöpfung unterm Arsch wegzusägen.«

    Feinste kraussersche Wortgewalt und deswegen lese ich den Text, nicht wirklich wegen Genesis. Deshalb kann ich auch Kraussers Betrachtungen nur am Rande nachvollziehen, weil ich die Musik der frühen Genesis kaum kenne und auch mit deren Rezeptionsgeschichte nicht vertraut bin.

    Wer mir aber sofort einfällt, ist Patrick Bateman, der mordende Wall-Street-Yuppie aus »American Psycho«, der von Bret Easton Ellis dazu angehalten wurde, neben Whitney Houston auch Genesis einer musikkritischen Analyse zu unterziehen, als Ausgleich zu seinen blutrünstigen Eskapaden.

    Bateman textet allerdings mit deutlich weniger Tiefgang als Krausser. Da ich im Café sitze, kann ich die Stellen nicht gleich noch mal nachschlagen, nehme mir das aber für daheim vor, doch da erwähnt es Krausser schon selbst. Er sieht darin den »Gipfel der Verachtung« für die Band erreicht, hält es aber für dankenswert, dass Bateman die Anfänge der Band nie verstanden habe und sie daher in seinen Betrachtungen unberücksichtigt lässt.

    Schöner Text also in der FAS, der mich aber nicht wirklich für die Musik von Genesis erwärmen konnte. Das ist nicht meine Zeit, auch wenn Krausser gerade deren Zeitlosigkeit unterstreicht. Der Text hat mich aber daran erinnert, dass es Zeit ist, Kraussers neues Buch zu kaufen, »Die kleinen Gärten des Maestro Puccini«. Puccini ist ja auch nicht meine Zeit, könnte man sagen, aber von dessen Zeitlosigkeit muss mich keiner überzeugen.

  • Lost: 4. Staffel, 1. Folge

    Achtung! Spoiler!
    Episode Title: »The Beginning of the End«
    Episode Number: 4.01 (#72)
    First Aired: January 31, 2008 (Thursday)
    Deutscher Titel: »Der Anfang vom Ende« (EA 15. 6. 2008)
    Umblätterers Episodenführer (Staffeln 4, 5 und 6)

    San Andreas ist in der 3. Staffel ausgestiegen, ein Fehler, wie man im sablog nachlesen kann. Paco und ich sind dabei geblieben, und nach langen 8 Monaten heißt es jetzt endlich wieder »previously on Lost«.

    Seit dem Ende der zweiten Staffel warten wir auf Neuigkeiten bezüglich des riesigen Statuenrests mit den vier Zehen, gesehen durch ein Fernrohr und dem Drehbuch bisher keinen direkten Kommentar wert.

    Das ist selbstverständlich nur ein Beispiel für die vielen offenen Seitenarme des Plotkanalsystems. theTVaddict.com hat mal die anderen bisher unbeantworteten Fragen gesammelt. Sehr schön gleich Frage 1: »The Smoke Monster … what’s the deal?«

    Nun soll es also noch dreimal 16 Folgen »Lost« geben, das ist zumindest der Plan, wegen des Streiks sehen wir davon in dieser Staffel vielleicht nur 8. Da heißt es Ruhe bewahren, und damit sind wir auch gleich bei der ersten neuen Folge: Am Ende der Episode haben sich die Fragen natürlich gemehrt, und die Handlung, wie im ersten Drittel jeder Staffel üblich, bewegt sich im Schneckentempo.

    Trotzdem werden die Gleise gelegt für eine Staffel voller Dynamik, denn die Losties teilen sich am Ende in 2 Gruppen. Eine wird von Jack geführt, der auf das nahende vermeintliche Rettungsteam zugehen will. Die andere von Locke, der nicht an die Rettung glaubt und sich Richtung Barracks entfernt.

    In der letzten Folge von Staffel 3 wurde bereits klar, dass »Lost« offenbar als narratives Diptychon angelegt wurde. Die ersten Flashforwards (statt Flashbacks) waren zu sehen. Ein Stilbruch, der in der vierten Staffel offenbar zum stilistischen Standardmittel wird.

    Jeder neue Informationshappen, der uns in der (vom Inselplot aus gesehenen) Zukunft erwartet, hat freilich gleich hydraartig neue Verrätselungen zur Folge. Wenn zum Beispiel Hurley sich bei Jack dafür entschuldigt, dass er sich damals Locke angeschlossen hat: »I’m sorry I went with Locke, I should have stayed with you.« – Hä? Ach so. Hä?

    Die Gruppenteilung ist auf jeden Fall eine Art Wettstreit von Weltbildern und Glaubensbekenntnissen, verkörpert in Jack und Locke. Die entscheidenden Sätze stammen bereits aus Staffel 2, Folge 3:

    Locke: »Why do you find it so hard to believe?«
    Jack: »Why do you find it so easy?«

    Jack will nicht glauben, sondern wissen. Locke will glauben und hat auch Grund dazu, nachdem er nach der Bruchlandung des Oceanic Flight 815 auf der Insel aus dem Rollstuhl aufstehen konnte. Sein Glaube hat bisher auch gravierende Fehlentscheidungen, die ihm entsprungen sind, überlebt: So wurde Locke mehrfach von seinem leiblichen Vater verarscht bis hin zum Mordversuch und hat am Ende der zweiten Staffel voller Überzeugung die Eingabe der Zahlenkombination verhindert, woraufhin der Hatch explodierte.

    Wie der Jack/Locke-Wettstreit ausgeht ist auch deshalb spannend, weil beide Seiten irgendwie Sympathieträger sind und weil ja offenbar von beiden Seiten Leute den Sprung von der Insel schaffen.

    Nebenbei, die Drehbuchschreiber lieben ja ihr auf einfachen Prinzipien beruhendes Erzählfundament, und dazu gehören auch die Namen der Protagonisten. Mit Sawyer, Rousseau, Bakunin und (John) Locke surft man durch die Literatur- und Philosophiegeschichte und sorgt für einen semantischen Überhang, über den man sich auf jeden Fall lustig machen muss, vor allem wenn es dann auch noch sprechende Namen wie den von Jack (Shephard) gibt, der sicher seiner Herde stets ein guter Hirte ist. Auf Namen und Etymologien werden wir sicher noch zurückkommen, jetzt aber …

    … wieder zurück zur ersten Folge, die sehr viel Hurley bietet und damit viele Szenen im Irrenhaus. Dabei wieder eine der ungelösten Fragen, die auf der Fragenliste des TVaddict übrigens fehlte: Was machte eigentlich Libby, Hurleys bald dahingeraffte Inselliebe, in Staffel 2, Folge 18 in seiner alten Anstalt?

    Libby, die Figur, wird in der vierten Staffel natürlich nicht wieder zum Leben erweckt, doch zumindest die Schauspielerin hat es ans Set geschafft, um immerhin einige Flashbacks abzudrehen, die vielleicht eine Erklärung statt neuer Fragen liefern.

    Jetzt aber wieder Hurley: »I’m one of the Oceanic Six«, schreit er am Anfang der Folge. Neben Jack und Kate (und drei bisher unbekannten Anderen) hat er es runter von der Insel geschafft und ist im Kampf mit seiner Schizophrenie gelandet. Jack besucht ihn und könnte in diesem Moment ein Haltepunkt sein, doch das Treffen verläuft unbefriedigend.

    »What are you really doing here, Jack?«, fragt Hurley. »You’re checking to see if I went nuts. If I was gonna tell.« Ähm, tell what? Genau, Stoff für viele Folgen. Jedenfalls will Hurley aus irgendeinem Grund zurück auf die Insel, und noch winkt Jack ab.

    Bald wird er aber in seinen eigenen Abgrund stürzen, einen Vorgeschmack darauf bekamen wir im Flashforward der letzen Folge der dritten Staffel: einen bärtigen, verzweifelten, gebrochenen Jack, der nun auch auf die Insel zurück will und verzweifelt zu Kate sagt: »I’m sick of lying. We’ve made a mistake. We have to go back!«

    Übrigens, zu Beginn der aktuellen Folge trägt Hurley eine Jeansjacke und darunter ein schwarzes T-Shirt und dazu eine schwarze Schlabberhose. Das Outfit ähnelt farblich dem Anzug von Jack am Ende der Episode, als dieser Hurley im Irrenhaus besucht. Das kann kein Zufall sein, und ich glaube, dass die linken Jackentaschennähte bei beiden genau 23 Stiche haben und dass deren Achsen jederzeit eine Linie zwischen der Cheops-Pyramide und Stonehenge bilden, hehe.

  • Pontormo, Rosso Fiorentino, Berberaffe

    Ich fahre übrigens gerade oder schon seit einiger Zeit auf Pontormo ab, der auch Lehrer von Bronzino war. Ich hatte den noch vor einiger Zeit nicht richtig oder mit leichter Missgunst wahrgenommen, aber finde ihn mittlerweile hervorragend.

    Leider sind viele seiner wichtigsten Werke in Fresko nicht mehr erhalten, aus den letzten 20 Jahren seines Lebens gibt es lediglich ein paar Zeichnungen. Ich habe gerade Vasaris Pontormo-Biografie in der Wagenbach-Ausgabe weggebraten und gleich danach noch eine bildbandige Monografie.

    Er war zusammen mit Rosso Fiorentino ein Schüler von Andrea del Sarto, man sieht ganz klar die del-Sarto-Einflüsse, besonders das Dunkle um die Augen, besonders bei Rosso, Pontormo wird dann bei seinen Figuren extrem schlank und fragil.

    Vasari wirft ihm in seiner Biografie ständig vor, hier den deutschen Stil zu kopieren, weil er sich sehr von damals weit verbreiteten Dürer-Stichen beeinflussen ließ. Pontormo war jedenfalls ein ziemlicher Freak, sehr belesen in zeitgenössischer Philosophie und antiken Schriften.

    Er soll in seinem Haus eine Art Turmzimmer gehabt haben, in dem er arbeitete und in das er sich zurückzog, man konnte dieses nur über eine Leiter erreichen, und diese zog er zumeist ein.

    Vasari schreibt außerdem über Pontormos Heim, dass dieses »eher der Behausung eines Phantasten und Eigenbrötlers gleichkommt als einer wohldurchdachten Wohnstätte«. Und weiter: »Doch das, was den Menschen am meisten an ihm mißfiel, war, daß er nicht arbeiten wollte, wenn ihm Zeit und Auftraggeber nicht zusagten, und nur entsprechend seiner Laune.«

    Die Rosso-Vasari-Wagenbach-Biografie las ich auch gleich noch. Von Rosso gibt es noch weniger Arbeiten als von Pontormo, er starb aber auch früher, vielmehr nahm er sich höchstwahrscheinlich selbst das Leben.

    Rosso war wohl ein ziemlicher Exzentriker und hielt sich nach Vasari einen Berberaffen, und »da dieser eine wunderbare Auffassungsgabe besaß, ließ er ihn zahlreiche Hilfsdienste ausführen«. Er liefert eine recht lange Anekdote, wie einer von Rossos Schülern ihn wohl darauf trainiert hatte, im nachbarlichen Kloster Weintrauben zu stehlen.

    Dabei wird der Affe vom Konventsvorsteher erwischt, und es kommt zu allerlei Trubel, und der Affe bricht mitsamt dem Weinstock, der sich um eine Pergola rankt, über dem Ordensbruder zusammen. Wegen der Beschwerde des Bruders wird nach Rosso geschickt, und man »verurteilte den Berberaffen zum Scherz dazu, ein Gewicht an seinem Hinterteil zu tragen, damit er nicht mehr auf Lauben springen konnte wie zuvor«.

    Sehr witzige Geschichte, besonders, wenn sie in diesem zeremoniellen Vasari-Style erzählt wird. Rosso war einer der wichtigsten Maler der Schule von Fontainebleau, neben Primaticcio natürlich. Zu diesem gibt es aber leider noch nicht die Wagenbach-Version der Vasari-Abhandlung.

    Da komme ich auch sofort mal zum nächsten Umblätterer-Betriebsausflug. Im Louvre waren wir schon ein Jahr nicht, damals ja auch eher auf Parmi-Salvatore-Rosa-Ingres-Trip, hier ein Erinnerungsfoto mit mir und Paco (v.l.n.r.) auf dem Weg dahin:

    Dique, Paco, Paris, close to the infamous Louvre

    Doch im Louvre hängen natürlich auch einige Bilder von Pontormo zumindest, aber ebenso von Rosso. Pontormo würde natürlich für Florenz sprechen, denn Ponte war Hofmaler der Medici, und seine schönsten Bilder hängen dort in Kirchen und Palästen und natürlich den Uffizien.

    Gut, es gibt den Joseph-Zyklus hier in der National Gallery mit dem 13-jährigen Bronzino auf der Treppe sitzend. Da gehe ich jetzt gleich noch mal in die NG und glotze mir das Zeug mit frischem Blick an.

    Viele Grüße
    Dique

  • Die FAS und die Tauben

    »Taube, Vogel im grauen Gewand …« – so verherrlichend beginnt der Massenmörder/Dichter Benoît in dem belgischen Mockumentary-Klassiker »Mann beißt Hund« sein Gedicht über diese Tierart, aber sobald mir das gräuliche Federvieh zu sehr auf die Pelle rückt, bekomme ich Paranoia, und anscheinend immer kommen diese blöden Viecher zu mir, zu nah.

    So wie heute Morgen, ich hatte gerade erst die neue FAS von meinem Newsagent erworben, der immer noch ein bisschen zerknittert wirkte, weil they gerade die Straße vor seinem Laden aufreißen. Das kann nicht gut fürs Geschäft sein.

    Ich ging dann ins Lisboa. Man kann da wirklich nur eine Kaffeelänge zubringen, denn es ist einfach zu voll und zu ungemütlich, wenn auch irgendwie charmant. Aber der Kaffee, der Galão, ist so köstlich, und dazu die leckeren Schweinsohren oder, eleganter ausgedrückt, die Palmiers.

    Nun gut, das Ding gerammelt voll, wie erwartet, aber mildes Wetter, da platziere ich mich an einem der kleinen Tische draußen vor der Tür.

    Kaum sitze ich, streue Zucker in den Kaffee und will beim Umrühren schon mal in mein Schweineohr beißen, kommt das erste graue Federviech daherstolziert, pirscht sich langsam heran, unauffällig pickend, und zeigt schon nach kurzem keine Scheu mehr, pickt schon fast an meinen Schuhen herum.

    Ich verjage es, es kommt wieder, ich stampfe noch mal mit dem Fuß auf, und wieder kommt es langsam heranspaziert, es treibt sein Spiel. Und dann, wie aus dem Nichts, ich bemerke es nicht, startet ein gutes Dutzend Tauben vom Häusersims gegenüber, landet vor mir auf dem Fußweg und kreist mich, unauffällig pickend, ein.

    Ich hatte gerade ein paar Bissen getan und ein paar vorsichtige Schlucke des heißen Milchkaffees eingenommen, noch nicht mal die FAS hatte ich umsortieren können, geschweige denn meine Nase in einen der Artikel klemmen.

    Also gut, Flucht nach drinnen, an die kleine Theke zwischen den großen Kaffeemaschinen, und hier falte ich dann im Stehen an der FAS herum. Sport, Technik, Motor, alles will entsorgt sein, stream lining, auf das Wesentliche konzentrieren. Dann austrinken und schnell raus und weg, die Tauben werden sich einen Ast lachen. Dann eben ein Cafe Nero in der Nähe, taubenfrei und endlich Ruhe.

    Peter Richter schreibt als »wir vom gutbürgerlichen Feuilleton« einen Artikel über den deutschen Gangsterrap, hochgradig empfehlenswert. Es geht überwiegend um den Rapper Massiv aus Pirmasens, der jetzt in Berlin lebt und dessen Rap anscheinend nach einem »dicken Jungen« klingt, »der die Treppe nicht hochkommt«, hehe.

    Johanna Adorján macht Lust auf ein auf den ersten Blick unspannend klingendes Buch von Alan Bennett, »The Uncommon Reader« (FAS nicht online, dafür NYT), in dem sich die englische Königin durch Zufall und natürlich fiktiv zum Bücherwurm entwickelt.

    Dann gibt es von Peer Schader lustige Anekdoten über Fernsehzuschauer und deren Wahrnehmung des Mediums, eine lange Kritik von Peter Körte über den neuen und ersten englischsprachigen Film von Wong Kar-Wai, und Feuilleton-Aufmacher ist Wladimir Sorokins Buch »Der Tag des Opritschniks«.

    Jetzt müsste eine Pointe kommen, die irgendwas mit Tauben zu tun hat, denn schließlich fing der Text hier so an, aber ich sah keine Taube, weit und breit nicht, als ich mich auf den Rückweg machte. Ich glaube, das ist auch der Punkt, den Benoît in seinem Filmgedicht machen will:

    Taube, Vogel im grauen Gewand
    In der Städte Hölle hast du von mir
    Deine Blicke verbannt
    Du bist wirklich die Schnelle

  • »I Am Legend«: Alter Schinken mit Will Smith

    Viel zu früh zum Essen verabredet, schon um sieben. Zu bald waren wir schon fertig und saßen satt und auch sitt (hehe) herum. Gleich nebenan ein Kino und jemand machte den launigen Vorschlag hineinzugehen, die Zeit passte gerade und dann so nach dem Essen etc. Ich weiß nicht, ob wirklich alle Lust hatten, aber es gab ein großes »why not« und »I don’t mind« um den Tisch herum, auch meinerseits, und so gingen wir in »I Am Legend«.

    Ich hatte im Voraus keine Informationen über den Film, nur viele Plakate gesehen, auf denen man Will Smith auf sich zukommen sieht. Nach einer Minute weiß ich Bescheid, ein Neuaufguss des »Omega Man« (old-school Science Fiction mit Charlton Heston in der Hauptrolle). Hier nun Will Smith in der Rolle des Charlton Heston, hehe.

    Als Ulknudel und aufgezogene Quasselstrippe mag Will Smith vielleicht funktionieren, aber hier steht er auf verlorenem Posten, völlig verkrampft müht er sich damit ab, Emotionen zu transportieren. Ganz allein, begleitet von seinem Hund, seit nun schon fast drei Jahren, zieht er tagsüber durch das leere New York und verzieht sich gen Abend in sein zur Festung umfunktioniertes Haus, wo er die Stadt dem durch einen Virus extrem aggressiv wie lichtempfindlich gewordenen Rest der Menschheit überlässt.

    Während der alte Schinken mit Heston noch eine Menge Charme hat, wie er da am Tage bei Sonnenschein im Sportwagen durch die leere Stadt rauscht und beim »Einkaufen« mit den Schaufensterpuppen Smalltalk hält, entbehrt die Krampfdarbietung von Will Smith jeglicher Komik. Pure Langeweile, unterbrochen von Spannungsmomenten, wenn er auf die zombiehafte Restbevölkerung trifft, die sich als übercomputeranimierte, fauchende Viecher gerieren und vollkommen unrealistisch wirken, sodass man sich vor denen nicht wirklich erschrecken muss.

    Dann verliert er seinen Hund an den Zombiefeind, muss ihn selbst töten und trifft schließlich doch noch zwei menschliche Wesen. Die Reaktionen auf die anderen Überlebenden sind nicht etwa Freude oder tausende Fragen, nein, der Protagonist zeigt sich bockig und verstört und klatscht schließlich einen Teller mit Rührei gegen die Wand, und man fragt sich, warum da niemand am Set oder im Schnittraum gesessen und einfach mal eingegriffen hat, um uns diese peinlichen Momente zu ersparen.

    Hätte ich mir mal ein bisschen mehr Zeit für die Tom Ka Ghai Suppe gelassen.

  • Eastern Promises

    Armin Müller-Stahl als russischer Mafiaboss ist ja eigentlich ein Witz. In Amerika mag das funktionieren, aber ich kaufe keinen russischen Mafiaboss mit eindeutig deutschem Akzent. Überhaupt schaffte es kein einziger Russe in diesen Film über Mafiarussen in London.

    Aber das ist auch nicht der Punkt, der Film ist von David Cronenberg, der Film läuft rund, der Film fesselt und wird ähnlich packend und stringent erzählt wie »A History of Violence«, und wie dieser wird auch »Eastern Promises« von Viggo Mortensen getragen.

    »I am just the driver. I go left. I go right.« Er erklärt das mit stoischer Ruhe – aber natürlich ist der bis auf die Handrücken tätowierte, in schwarzem Zuhälterchic auftretende Mortensen ein bisschen mehr als nur der Fahrer.

    Es ist auch ein Film über London, und es ist erfrischend (wenn auch auf schauerliche Weise), die Stadt mal nicht als Kulisse für Filme à la »Bridget Jones«, »Love Actually« oder »Notting Hill« zu sehen. Ein Film wie »Match Point« hatte auch schon andere Seiten gezeigt, auch Brüche. »Eastern Promises« gewährt ebenso ungewohnte Blicke hinter die unscheinbaren Fassaden der Backsteinhäuser.

    Dabei ist der Film keine Sozialstudie. Es wird nichts erklärt oder bewertet, es wird einfach gezeigt, und das kompromisslos. Die Kamera bleibt drauf, auch bei den Eruptionen der Gewalt, die ich mir eigentlich weggeblendet oder nur angedeutet wünschen würde.

    Und weil der Film keine Sozialstudie, sondern ein Film für große Kinos und ein großes Publikum ist, benötigt er auch keine echten Russen mit Untertiteln, sondern gute Schauspieler, und die (oder einfach nur den?) hat Cronenberg gefunden, zumindest kommt mir das so vor, trotz des Akzents von Müller-Stahl.

  • Wie war die Pizza?

    FAS von vorgestern, Thomas Hettche hat Monika Miller besucht, die Haushaelterin von Ernst Juenger. Eigentlich ein super Thema, aber Hettche versenkt es, weil er leider den lustigen Entlarver spielen muss. Dann Peter Richter ueber seine Einladung zu einer Teeparty mit Gloria von Thurn und Taxis. Am Schluss eine alte Pointe, die ich zum ersten Mal in einer Seinfeld-Show sah (Folge 8.14, »The Van Buren Boys«):

    Kramer erzaehlt, wie er in einem Pizzaladen dumm angemacht wurde und ins Visier der Van Buren Boys (»a street gang named after President Martin Van Buren«) geriet. Er versuchte aufs Klo zu fliehen, doch die Tuer war verschlossen, und er fand sich an die Wand gedrueckt wieder, umringt von den Boys der Gang. Gespannt haengen Elaine und Jerry an Kramers Lippen, und der sagt dann aber, dass sie ploetzlich von ihm abliessen.

    Warum? Weil er deren geheimes Erkennungszeichen machte. Er stand mit erhobenen Armen an der Wand und hatte dabei eine Knoblauch-Zange in der Hand und zeigte deshalb nur 8 Finger, und Van Buren war gluecklicherweise der 8. Praesident. Elaine hat noch immer vor Anspannung den Mund offen und Jerry fragt: »How was the pizza?« Und Kramer antwortet: »A little oily.«

    Und Peter Richter beendet seinen Text ueber den untergehenden Adel damit, dass die Kekse uebrigens vollkommen okay waren.

  • Curb Your Enthusiasm: 6. Staffel, 9. Folge

    Mhh, viel lieber hätte ich Folge 8 reviewed, denn dann hätte ich nur von Brenda Strong geschwärmt, wie sie in »Seinfeld« die Sue Ellen Mischke spielte, Elaine’s braless college friend, wegen der Kramer seinen Wagen gegen den Baum setzt, weil sie einmal einen Bra trägt, den ihr Elaine geschenkt hat, aber eben nur den Bra und außer einem offenen Blazer nichts darüber. Das Brenda-Strong-Foto in den Wikimedia Commons ist ziemlich passend, bitte mal nachsehen.

    Jetzt aber zu Folge 9, »The Therapists«. Nachdem Larry von Cheryl verlassen wurde und er ein bisschen mit einer Ärztin herumprobiert hat, eben Brenda Strong, konzentriert sich LD nun darauf, Cheryl zurückzugewinnen. Diese Folge ist relativ untypisch für »Curb«, weil hier konstant ein Erzählstrang im Mittelpunkt steht und nicht wie sonst üblich ein fein gewobenes Netz aus Nebenplots, die sich mit großem Tamtam auflösen.

    Die beiden David-Parteien stehen sich mit Hilfe ihrer Psychotherapeuten gegenüber, und die Annäherung klappt zunächst bestens. LD setzt ganz auf eine Strategie, die er »the new Larry« nennt. Dieser neue Larry hat nicht mehr nur immer ein Mint dabei, Papiertaschentücher und einen Kugelschreiber, nein, der neue Larry steckt sich sogar das Hemd in die Hose und will mit Cheryl nach Europa fahren und Fahrradtouren machen.

    Hemd in der Hose, richtige Schuhe an, und Cheryl fällt das auch gleich auf, und stolz berichtet Larry seinem Therapeuten: »I looked like a man!« Sein Therapeut scheint das falsch auszulegen und bläst zum Angriff. Er rät LD, beim nächsten Treffen ein Ultimatum zu stellen: Cheryl soll sich umgehend entscheiden, ob sie wieder zu ihm ziehen soll oder eben nicht.

    Das Argument des Therapeuten ist dabei, dass Cheryl dann zumindest nicht sagen könne, dass LD eine Pussy sei, denn: »No one likes a pussy.« Der Beginn eines traumhaften Dialogs. »What, you’re getting a lot of pussy from me?«, fragt Larry zurück. »Not an amount that is not manageable«, antwortet der Therapeut. »Being a pussy really wasn’t my problem with her«, versucht sich LD nun zu bescheinigen, aber er kommt nicht mehr so richtig dazu, weil die Sitzung zu Ende ist.

    »WE HAVE TO STOP!« Die Härte des Therapeuten passt in LDs Erfahrungswelt, in der Therapeuten, Anwälte, Mediziner strikt auf ihrer vereinbarten Stundenbasis arbeiten und nicht bereit sind, eine Minute länger für den Klienten aufzuwenden als vereinbart. Das Resultat ist abzusehen: Die kühn ausgedachte Idee mit dem Ultimatum bewirkt bei Cheryl das Gegenteil, das vielversprechende Treffen endet in Scherben, LDs Chancen, die so gut standen, sind dahin.

    Hier kommt nun ein alter Trick ins Spiel, der an den Trick erinnert, mit dem Larry in Staffel 5 seinen Freund und Antipoden Richard Lewis in der Nierenspendenliste nach oben hieven wollte. Damals (Folge 5.08, »The Ski Lift«) fuhr LD mit seinem Prius in den Cadillac des Nierenlisten-Verantwortlichen, hinterließ eine Nachricht an dessen Auto und sorgte damit zielgerichtet für ein baldiges Treffen.

    Das gleiche Strickmuster wird nun angewandt. LD will über Cheryls Therapeutin wieder an sie herankommen. Gewinnt sie einen guten Eindruck von ihm, würde sie vielleicht auch Cheryl dazu raten, wieder mit ihm zusammenzuziehen.

    LD plant einen Überfall auf die Therapeutin, wobei er dann den Übeltäter in die Flucht schlagen will. Das ist natürlich keine CYE-Erfindung, dieser Trick wird auch gern mal vom schlimmen Finger in einer billigen Vorabendfernsehproduktion angewandt. In diesem Fall zeigt sich aber, dass man auf so einer klassischen Konstellation herumreiten und trotzdem auch Überraschungen und Spannung erzeugen kann.

    Die Rolle des Angreifers wird LDs Therapeuten zuteil, denn er hat ja alles vermasselt (»I told you she wasn’t bothered by the high pussy percentage but you didn’t listen to me!«, sagt Larry zu ihm). Nun wird der Therapeut aber leider direkt nach der Tat verhaftet, verbringt ein paar Tage im Gefängnis und teilt sich die Zelle mit einem 300 Pfund schweren Mithäftling. Sehr lustig, wie Larry dann sagt, dass aus solchen Extremsituationen wunderbare Freundschaften erwachsen, worauf der Therapeut erbost entgegnet, dass sein Zellengenosse keinerlei Englisch spreche.

    Nach seiner heldenhaften Tat unterhält sich LD mit Cheryls Therapeutin, die ihn mag, sogar so sehr, dass sie Cheryl abrät, mit diesem wunderbaren Mann wieder zusammenzuziehen, weil sie ihn für sich selbst gewinnen will.

    Daraufhin wird die einzige kleine Nebengeschichte dieser Episode aufgegriffen, der Alzheimer’s Walk. Dank ihr ist auch Bob Einstein als Marty Funkhouser kurz mit von der Partie. Er hatte LD dazu gebracht, für einen Alzheimer-Solidaritätsmarsch zu spenden und daran teilzunehmen.

    Als Larry nun in der Menge mitläuft, sieht er plötzlich Funkhouser in einem Straßencafé sitzen, wo er genüsslich applaudierend den Läufern zusieht. Natürlich hat Larry ein Problem mit dieser offensichtlichen Doppelmoral, wird aber durch das schön einsetzende Schreigespräch sofort auf eine Idee gebracht: Er will der Verehrung der Therapeutin entgehen, indem er ihr vorlügt, er habe Alzheimer. Sie zeigt sich einsichtig und will Cheryl und Larry wieder vereint wissen, wobei am Ende natürlich wieder … usw.

    Diese und die vorangegangene Folge stimmen versöhnlich mit einigen nicht restlos überzeugenden Folgen der 6. Staffel und läuten eine Finalfolge ein, zu der San Andreas in den nächsten Tagen etwas posten wird. Ach ja, unbedingt hervorzuheben ist noch Steve Coogan, der Larrys Therapeuten Dr. Bright spielt und sich mit dieser Gastrolle einfach kongenial in den »Curb«-Stil einpasst.

    Der Umblätterer über andere »Curb«-Episoden:
    Season 6: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10
    Season 7: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10

  • Die FAS und ihr Wirtschafts-Feuilleton

    Zur Ausgabe der FA-Sonntagszeitung vom 18. 11. 2007

    Manchmal ist der Wirtschafts-Teil das bessere Feuilleton. Großartiger doppelseitiger Artikel von Gerald Braunberger über Werner Sombart, »Ode an den Dämon«. Sombart wird wohl wieder ausgegraben, und ich will mich hier nicht aufmandeln, kenne die Materie nicht, aber in dem Artikel kommt er als wunderbar semi-exzentrischer Kauz daher, der in seiner privaten Bibliothek immerhin 35.000 Bände anhäufte.

    Das Buch von Klaus Walther fällt mir da ein, »Bücher sammeln«, aus der dtv-Reihe »Kleine Philosophie der Passionen«, ein bunter Blumenstrauß an Kapiteln rund ums Büchersammeln. Dazu passt auch eines der FAS-Fotos, auf dem Sombart mit Spitzbart vor einem Regal sitzt und schmökert.

    Und noch ein schönes Porträt findet sich in dieser Ausgabe, im Politik-Teil allerdings, Abteilung »Zur Zeit«, über den Umzugsunternehmer Zapf, der mit genschergelben Hosenträgern ZZ-Top-mäßig aus dem großen Bild grinst, und dann noch eines über Roland Berger, wieder im Wirtschafts-Teil, von Rainer Hank.

    Berger hat Unternehmensberatung nach Deutschland gebracht, so wie einst Elisabeth Noelle-Neumann die Meinungsforschung, aber eben ein paar Jahre früher, die Noelle-Neumann, oder ›die Noelle‹, wie sie der Fachkreis nennt. Am Institut nannten wir sie immer Noelle-Luhmann, weil einer unserer studentischen Helfershelfer mal diesen Versprecher begangen hat.

    Wie auch immer, zurück zu Zapf: Er gibt die kuhle Berliner Pflanze, die mit Umzügen ein Vermögen anhäufte und auch gern aus Langeweile an der Börse zockt und von sich selbst sagt: »Ich bin kein Kleinaktionär, ich bin eine Streuschrecke«, hehe.

    Ein Feuerwerk der Porträts war das diesen Sonntag, Wirtschafts-Feuilleton, wie es nur die FAS kann. Abgerundet wird das Ganze durch ein Porträt der Bestseller-Kinderbuchautorin Cornelia Funke, sie wird auf der Rückseite des Wirtschafts-Teils vorgestellt, der typischen Porträtseite. Literatur als Wirtschaftsfaktor ist das Stichwort. Es gibt auch ein Foto von C. F., mit MacBook vor und Bücherregal hinter ihr. Im Gegensatz zu Sombart hat sie aber ein paar offensichtliche Lücken in ihren Buchreihen.

    Und im Feuilleton selbst? Biller ist natürlich wieder sehr gut, Johanna Adorján beschwert sich über die miesen Vorstellungen von »Schmidt & Pocher« (das macht auch Thomas Tuma im aktuellen »Spiegel«), und dann gibt es endlich mal einen guten Artikel über Stefan Aust und die Entlassung, von Claudius Seidl, mit der ganz hervorragenden Überschrift »Psst: Wollen Sie Chefredakteur werden?« – besser kann man das Dilemma der momentanen Führungslosigkeit des »Spiegels« nicht thematisieren.

    Oliver Gehrs hat ja selbstverständlicherweise auch kein gutes Haar an seinem Buchgegenstand Aust gelassen und hat ihm nach Dauerbeschuss in der taz und im n-tv-Interview auch noch einen ganzen watchberlin-Blattschuss gewidmet. Als Gegenmeinung hat Rainald Goetz in seinem »Klage«-Blog ein paar versöhnliche Worte über Stefan Aust geschrieben und das zu Recht, wie wir Umblätterer meinen.

  • England—Kroatien im Wembley-Stadion

    Ich war live dabei gestern Abend, 21. 11. 2007. Zwei Karten für die Executive Lounge im neuen Wembley-Stadion, 90.000 Zuschauer wurden erwartet.

    Wie Fußball fühlt sich nur die Hinfahrt an, denn hier kommen wir dem berüchtigten und gefürchteten Mob nahe. Fußball-Shirts, kroatische und englische, Schweißgeruch, auch kroatischer und englischer, Alkoholfahnen und plötzlich anschwellende Sprechchöre.

    Das Stadion dann völlig anders. Auf dem Weg in den Executive-Teil wird es immer unfußballiger, kaum noch Fußball-Shirts, geschweige denn Fahnen oder Schals, alles eher wie auf einer Messe oder auf dem Flughafen.

    Noch eine Etage höher und vor uns tut sich die Seafood und Champagner Bar auf. Alle paar Meter gibt es sanitäre Anlagen und alles ist total zivilisiert. Überall kann man essen und trinken, rumsitzen und stehen. Kaum Frauen. Wir essen irgendwo ein gar nicht schlechtes Thai Green Curry, na ja, aus der Assiette, aber wir sind ja schließlich beim Fußball hier oder ›Footie‹, wie der Engländer gern sagt.

    An unserem Tisch Klaus Bednarz, ja, der Klaus Bednarz. Mit seinem strengen, seriösen Monitorblick geht er die kostenlose Stadtzeitung thelondonpaper durch und nascht dabei Rippchen und trinkt Cola Light. Würde Bednarz nicht eher große Schlachtschiffe à la Telegraph, Times und Guardian wälzen statt des Billigpapers? Ist vielleicht doch nicht Bednarz.

    Dann zum Spiel oder quasi ins eigentliche Stadion. Man geht durch die Glastür nach draußen auf seinen Platz, recht gut gepolsterte Klappsitze. Zwischen den ganzen »Executives« gibt es vereinzelt richtige Fans oder solche, bei denen das ehemalige Fantum der Pre-Executive-Zeit wieder hervorbricht.

    Dann springen sie auf, sehen sich auf den Rängen um und brüllen »Come on, England!« oder versuchen, die abgearbeiteten Bürohengste dafür zu gewinnen, in Sprechchöre und Gesänge einzustimmen, allerdings mit wenig Erfolg. Das kann aber am Ergebnis liegen, wir sind kaum über die 14. Minute hinaus und da hatte der leider sehr schlechte Torhüter der Engländer schon zweimal das Leder durch die Lappen gelassen.

    Zum Spiel selber will ich lieber nichts sagen, da fragen Sie lieber Klaus Bednarz oder den Typen, der dessen Style so sicher imitiert.