Autor: Dique

  • Caravaggio – Kunstgeschichte, Krimi und Rom

    Ich lese gerade das Buch »The Lost Painting« (2005) von Jonathan Harr, so ziemlich das Beste, was ich seit einer ganzen Weile in die Finger bekam (NYT-Review und 1. Kapitel). »He could retire after writing this book«, schreibt ein anderer Fan über Harr. Es geht um Caravaggios »The Taking of Christ«, welches jahrelang als verschollen galt und heute in der National Gallery in Dublin hängt.

    Harr schreibt in journalistischer Berichtsform, ein bisschen »spiegelig«, über die Ereignisse, die zur Auffindung des Bildes führten, natürlich beginnend in Rom und mit Denis Mahon, einem der wichtigsten Caravaggio-Experten, wie er gerade über die Piazza della Rotonda am Pantheon zu seinem Stammlokal »Da Fortunato« spaziert, um im kleinen Kreis ein Mahl einzunehmen.

    Dann lässt ihn der Autor mit der Geschichte beginnen, ein ganz klassisches Setup, ein bisschen wie »1001 Nacht«. Ein Erzähler beginnt, gibt den Rahmen vor, und dann gleitet man in die Geschichte.

    So fängt zum Beispiel der Film »Der Dieb von Bagdad« (1940) an oder »Sindbad der Seefahrer« (1947), ohne Zyklopen, dafür mit dem Schurken Melik, der viel bedrohlicher ist als die zyklopischen Pappkameraden von Ray Harryhausen. Die Melik-Figur erinnert mich ein bisschen an Ben von der »Lost«-Insel, die undurchsichtige Gestalt im Hintergrund. Unendlich fortsetzbare Assoziationskette.

    Aber zurück: »The Lost Painting« ist auch deshalb edel, weil ich gerade ein anderes Buch über Denis Mahons Gemäldesammlung gelesen habe (vieles davon hängt hier jetzt in der Londoner National Gallery). Irgendwann in den Siebzigern hörte Mahon einfach auf, Bilder zu kaufen. Italienischer Barock wurde wieder populär und die Bilder teuer wie die Sünde.

    Weiter heißt es im Buch, dass Mahon nie selbst einen Caravaggio besessen hat. Diese Information stimmt so nicht mehr, denn eine von ihm vor kurzem (2006) für £50,000 gekaufte Kopie des »Falschspieler«-Bildes von Caravaggio entpuppte sich ein Jahr später als Original und soll nun um die £50 Mio. wert sein.

    Nichtsdestotrotz ist das Harr-Buch ein toller Mix aus Kunstgeschichte, Krimi und Rom. Vom Style erinnert es mich komischerweise an Graysmiths »Zodiac«, weil das eben auch in diesem »Spiegel«-präzisen Style daherkommt.

    Usw.

  • Knut Hamsun: »Mysterien«, revisited

    Ich habe mal wieder die Szene mit der Hotelparty aus »Mysterien« gelesen (Kapitel 13). Nagel lädt ein paar Leute aus der Stadt zu sich ins Hotel, und sie ziehen sich zu, und Nagel wettert gegen Tolstoi, Ibsen und andere. Dabei gibt er sich selbst einfach ständig als Agronom aus:

    »Es mag naseweis klingen, zu sagen, ein Graf [Tolstoi] beschäme einen Agronomen [Nagel] so tief; aber das tut er …«

    Das ist schon sehr bizarr. Auch der Student Øien, der selten in die Diskussion eingreift. Er erinnert fast ein bisschen an den Studenten aus Meyrinks »Golem«, Charousek, na ja, nicht ganz. Ist aber immer bemerkenswert, wenn in älterer Literatur bei gesellschaftlichen Events irgendwelche Studenten auftauchen, also nicht als Gruppe, sondern als Teil einer Konstellation. Neben dem Kämmerer, dem Journalisten und dem Sonstwas ist dann eben auch ein Student dabei:

    »Der junge Mann war stark interessiert. Man erzählte sich, daß er – wie andere Studenten auch – in den Ferien an einem Roman schreibe.«

    Und dann noch mal diese Szene auf dem großen Fest (Kapitel 16). Nagel besitzt ja diesen Geigenkasten, in dem sich aber, wie sich bald herausstellt, nur Wäsche befindet. Er behauptet auch, er könne gar nicht Geige spielen, ergreift dann aber gegen Ende des Festes – die Akrobaten sind gerade fertig, der Applaus ist verklungen, die Leute drängen nach draußen – die Violine und schmettert ein paar Stücke, inklusive einem ungarischen Tanz von Brahms.

    Wunderbar beschrieben und vorstellbar, wie er da im Festsaal steht, im gelben Anzug, und alle sind wie gebannt, lauschen ihm ungläubig, hingerissen, und dann endet er abrupt, und erst nach einer Minute fangen sich die Leute, klatschen und johlen, und Nagel fasst dann bis zum Ende des Buches keine Geige mehr an. Immer wieder schön.

  • Die (nicht durchgeweichte) FAS vom 6. 4. 2008: Altwerden als Schreckensvision

    London FAS Fackel (Preview) Eisiger Wind, Schnee, und ich trage die FAS unterm Arm, unterm Mantel, damit sie nicht durchweicht. Befinde mich auf einem Umweg zum Lisboa, muss noch mein Wochenticket verlängern. Überall Straßensperren und Menschenaufläufe. Ach ja, hier wird wohl jeden Moment die olympische Fackel vorbeirennen.

    Ein paar tibetische Fahnen, aber es scheint sich kein ernsthafter Protest zu formieren. Polizei überall. Ich warte natürlich nicht auf die Fackel, laufe aber quasi der Fackel entgegen, recht schnell, an den die Straße flankierenden Menschen vorüber, die FAS unterm Arm, unterm Mantel.

    Ich denke, dass jeden Moment ein Elitepolizist den Griff seines Assault Rifles in meinen Rücken rammen wird und ich zu Boden gehen muss. Dann wird die Stelle von 5 weiteren Polizisten gesichert, und einer reißt mir den Mantel auf. Statt einer Waffe ist da aber nur die aktuelle FAS drunter … würde man in so einem Fall die Reinigung ersetzt bekommen, denke ich gerade, da sehe ich tatsächlich die Fackel, das olympische Feuer, und das Szenario könnte nicht unolympischer sein.

    Ein Chinese in blauem Joggingzeug trägt die Fackel, weitere, in einer Traube drum herum, eskortieren sie. Alle halten an, vielleicht ist die Fackel ausgegangen oder kurz davor zu erlöschen bei diesem Mistwetter? Davor dann tatsächlich eine Eliteeinheit der Polizei, und davor fährt ein offener LKW, überladen wie in der Dritten Welt, aber die Passagiere sind ausschließlich Fotografen und Kameraleute.

    Irgendwann dann doch noch Kaffee und die FAS. In Maxim Billers »Moralischer Geschichte« dann gleich mehr zum Thema, irgendwie. Ihr zufolge hieß der Dalai Lama in seiner Kindheit Itzik Kaganowitsch, und was das bedeutet, sollte man unbedingt in diesem kleinen Text nachlesen (S. 32).

    Auf S. 27 ist ein Interview abgedruckt, welches Johanna Adorján mit einer sehr relaxt und sympathisch rüberkommenden Silvia Bovenschen führte. Es geht um ihr neues Buch »Verschwunden«, über das Verschwinden von Dingen. Sie erinnert sich daran, wie ihr einmal der Computer gestohlen wurde, und dass nach dem Schock auch ein Moment der Erleichterung einsetzte, Chance zum Neubeginn.

    Gestern erzählte mir jemand von einem Bekannten (vielleicht war das also auch eine urbane Legende), der umgezogen ist. All seine Sachen wurden auf einen LKW verladen, sein Leben, oder zumindest sein Besitz. Der LKW wurde gestohlen und tauchte nie wieder auf.

    Das vorletzte Buch von Silvia Bovenschen hieß übrigens »Älter werden«, und Johanna Adorján hat das in ihrer ersten Frage gleich in die Feststellung verpackt, dass Älterwerden ja auch eine Art von Verschwinden ist. Die Medienseite konfrontiert uns dann mit dem Altwerden als Schreckensvision. »Morgen gefällt Ihnen das auch!« heißt der ausgezeichnete Text von Peer Schader, der uns vor und hinter die Kulissen der Volksmusiksendungen des Fernsehens führt (S. 33):

    »(…), und die Isartaler Hexen bedienen E-Gitarren zu einem Playback, in dem keine einzige Gitarre zu hören ist. Da wippt sogar der Mann vom Brandschutz am Studioeingang mit.«

    Alt geworden ist auch David Rockefeller, der Enkel des Gründers des Familienimperiums. Er gibt ein bisschen Geiz- und/oder Sparsamkeits-Blabla von sich, kommt immer gut bei superreichen Gründernaturen (S. 54/55). Über Warren Buffett wird ja auch immer gern angemerkt, dass er in einem Haus lebt, welches er vor ca. 50 Jahren für schlaffe $31,000 erwarb.

    Und IKEA-Gründer Ingvar Kamprad nimmt für sich beim Zugfahren den Seniorenrabatt in Anspruch und fährt nur 2. Klasse, denn: »Mit 80 Jahren bin ich eindeutig Senior.« So steht es dann tatsächlich auf der letzten Seite von »Geld & Mehr« (S. 58).

    Am Ende des Gesprächs mit David Rockefeller wird es dann ein bisschen persönlicher. Enkel Rockefeller zeigt Parallelen zu Ernst Jünger, auch er ist Käfersammler. 150.000 Arten hat er nach eigenen Angaben archiviert. Das Interview mit dem humorvollen alten Herrn endet wie folgt:

    Rockefeller: »Kürzlich erst habe ich in der Wüste Marokkos ein bemerkenswertes Exemplar entdeckt und mit nach Hause genommen.«
    FAS: »Ist das erlaubt?«
    Rockefeller: »Ich habe nicht gefragt.«
    FAS: »Sind Käfer wertvoll?«
    Rockefeller: »Nicht im Vergleich zu den französischen Impressionisten.«

    Seine Kunst hat Herr Rockefeller freundlicherweise dem MoMA vermacht bzw. wird es vermachen. Was aus den Käfern wird, hat er nicht gesagt.

  • Die FAS vom 30. 3. 2008: Peter Rühmkorf, Michael Jackson, Boris Johnson

    Aus aktuellem Anlass drängt die Politik ins Feuilleton, die ersten Seiten widmen sich dem Konflikt in Tibet aus verschiedenen Richtungen. Im Interview mit Ai Weiwei auf der Eingangsseite (sehr kurze Fragen, sehr lange Antworten) und in einem sehr guten, wenn auch ernüchternden Gastartikel der Schriftstellerin Jade Y. Chen.

    Ein paar Seiten weiter sitzt Peter Rühmkorf auf einer Backsteintreppe an einem Gewässer. »Paradiesvogelschiß« heißt sein neuer Gedichtband, und Patrick Bahners widmet diesem einen langen Artikel. Rühmkorf schreibt zum Beispiel von einem »Marcel Rex Ranitzen« und liefert, wie der Artikel mehrfach bescheinigt, eine Menge medialen Gegenwartsbezug:

    »Gedichte, die den Lesenden enteilen,
    flott wie bei ntv die Durchlaufzeilen«

    À propos Gegenwartsbezug und Federvieh: Paradiesvögel sind das nicht, die sich da wieder vorm Lisboa zusammenrotten, ganz gegenwärtig. Schon morgens auf dem Weg zu meinem Newsagent: Noch ganz verschlafen komme ich um die Ecke, und neben mir schrecken drei Tauben auf, Senkrechtstart, aber irgendwie in Zeitlupe und für meine Begriffe mir viel zu nah. Hellwach und leicht schreckhaft kaufe ich dann die FAS.

    Auf dem Foto zum Artikel trägt Rühmkorf übrigens einen Old-School-Trenchcoat. Diese Variante mit all dem Schnickschnack dran, nicht nur Achselklappen und Gürtel, nein, auch noch diese Art Minigürtel um die Unterseite der Ärmel. Dazu rotes T-Shirt, ein holzfällermäßiges Hemd, also kariert, und darüber einen etwas ausgeleierten grau-beige-farbigen V-Pullover. Dann kommt erst der Mantel.

    Die Brille ist relativ groß, aber vielleicht nicht groß genug, um trendig zu sein, denn im »Gesellschafts«-Teil erfahren wir, dass große »Streber«-Brillen aus den Achtzigern wieder hitverdächtig sind. Das kommt mir allerdings nicht so neu vor.

    Bleiben wir im Ressort, ein paar Seiten vor dem Brillenartikel. Die Politik ist ja heute tief ins Feuilleton gekrochen, das dafür auf die »Gesellschafts«-Seiten weitergezogen ist, möchte man meinen, obwohl das ja auch nicht neu ist.

    Es gibt dort einen großen Artikel über Michael Jackson, »King of Pop ohne Reich«, von Alexander Marguier. Auf einem Begleitfoto sieht man ihn mit seinem Sohn an der Hand in Bahrain, und darauf trägt er schwarze Vollverschleierung. Hätte er nicht die obligatorischen schwarzen Loafer mit weißen Socken dazu an, könnte man ihn für eine Einheimische halten.

    Daneben ein Artikel über Boris Johnson, den Ex-Herausgeber des »Spectator« und konservativen Bürgermeisteranwärter in London, der im Augenblick anscheinend gute Chancen gegen Ken Livingstone hat.

    Der »Spectator« wurde ja erst kürzlich in Folge 63 von Matusseks Videoblog über den grünen Klee gelobt, als eine Institution des Meinungsjournalismus, welche es in dieser Form in Deutschland (natürlich leider) nicht gebe.

    Johnson, der »konservative Witzbold«, wird als Kasper, Eigenbrötler und Liebhaber charakterisiert. Ein Luftikus, der sich beim Besuch im Irak kurz nach dem Sturz Saddam Husseins im Jahr 2003 aus den Trümmern der Residenz des Außenministers einfach mal eines von dessen Zigarettenetuis eingesteckt hat.

    Er hat sich später allerdings in einer Zeitungskolumne selbst angezeigt und jetzt, 5 Jahre danach, kündigt Scotland Yard Ermittlungen an. Johannes Leithäuser kommentiert das in seinem Artikel so:

    »Solche Schildbürgereien kommen Boris gerade recht. Er liebt alle Gelegenheiten, die ihm Hohn und Spott für die Bürokratie, für politische Korrektheit oder gesellschaftliche Fortschrittsbemühungen erlauben.«

    Ein bisschen erinnert der semmelblonde Johnson, den alle nur Boris nennen, an den verqueren Charakter des Johan Nilsen Nagel aus dem wunderbaren Roman »Mysterien« von Knut Hamsun, der gern Verwirrung um der Verwirrung willen zu stiften scheint und seine Meinung ohne Probleme in kurzer Zeit auch mal ganz grundlegend ändert.

    Zurück zum Feuilleton, dort gibt es dann noch eine kleine Rezension zweier Bücher über Frauenthemen oder vielleicht sogar Feminismus von Johanna Adorján. Inhaltlich nicht unbedingt der Brüller, aber wunderbar verpackt von der Autorin, »Allerliebst – Der neue Feminismus ist mädchenhaft brav«.

    Usw.

  • In der Tate Britain: Kanus, Kälte und Kaffee

    Zwei Ausstellungen in der Tate Britain. Da gibt es zum einen Peter Doig und zum anderen »Modern Painters: The Camden Town Group«.

    Peter Doig

    Eigentlich kein Riesenfreund moderner Malerei, gehe ich doch wegen Doig dorthin. Großformatige Leinwände sind das normalerweise. Zum ersten Mal sah ich die in der alten Saatchi Gallery in »Triumph of the Painting«.

    Der heroische Titel lockte mich damals, und neben Kippenberger und Immendorff gab es dort eben auch Peter Doig. Eine Handvoll Bilder, und die gingen sehr gut. Eines davon zeigte ein überlanges Kanu mit einer relativ gesichtslosen Gestalt darin, ein waldiges Ufer dahinter, was für eine Stille.

    Dann gab es da noch ein waldiges Bild, und hinter dem Gestrüpp sah man ein bauhausartiges Gebäude hervorscheinen. Im Februar kamen bei Sotheby’s zwei Doig-Bilder unter den Hammer, mindestens eines aus der Saatchi-Sammlung, das »White Canoe«, das satte £5,7 Mio. brachte. Und nun eine fette Einzelausstellung.

    Camden Town Group

    Irgendwie gruselt mir dann ein bisschen vor all diesen großen Leinwänden moderner Malerei, und ich gehe erst mal zur Camden Town Group, wegen Sickert, der ja wahrscheinlich Jack the Ripper war, aber eben noch wahrscheinlicher doch nicht.

    Ein bisschen unambitioniert kommt mir vor, was hier zusammengehängt wurde. Post-Impressionismus in England, in London, London um 1910, »Modernity«, »Sex«, »Sensation«, »Anti-Modern«, um einige Räume beim Namen zu nennen, und der letzte heißt »Home Front«, und wir sind im Ersten Weltkrieg, der Briten liebstes Kind.

    Aber egal, besonders die Sickert-Bilder faszinieren, einige seiner Mordszenen in Camden und besonders das Bild eines älteren Herrn, der vor seinem Pint Bier am Tisch sitzt und eine Zigarre pafft. Dahinter steht eine (seine?) Frau und betrachtet ein Bild an der Wand. Beide für sich und doch zusammen, gefangen, einsam zweisam, Hopper’sche Züge, nicht nur auf diesem Bild.

    Members Café

    Danach einen Kaffee im Members Café. Leider ist das Members Café in der Tate Britain ein ziemlicher Witz im Vergleich zur Tate Modern oder zur Royal Academy. In der Tate Britain ist es immer kalt, rein von der Atmosphäre her, und die Seite mit dem riesigen Fenster eröffnet einen 2 Meter weiten Blick auf eine weiße Wand, und das verstärkt den Kühlhauscharakter noch.

    Eine Einreichung als Vorschlag zum nächsten Kaffeehaus des Monats wäre auch rein technisch nicht möglich, weil keine Telefonkamera der Welt bei diesen Temperaturen arbeitet. Man fährt also eigentlich deutlich besser im öffentlichen Café.

    Zurück zu Doig

    Wegen unserer Trödelei und den ganzen Diskussionen beim Kaffee haben wir dann für Doig nur noch ca. 55 Minuten Zeit. Von denen wir aber nur ganze 20 in Anspruch nehmen, denn in dieser Fülle funktioniert Doig für mich einfach nicht.

    Es gibt ein paar Lichtblicke. Die Kanuszene wird noch ein paar Mal verballert, eigentlich ziemlich gut sogar, und immer wieder diese Wälder mit diesen eigenartigen Flecken auf dem Bild, nicht schlecht, aber eben auch nichts, das lange fesselt, nichts, in das man sich gern hineinmeditiert, und viele der Bilder scannt man schnell weg, und das scheint zu reichen.

    Irgendwann sitzt dann mal eine Art Jesus in einem dieser langen Kanus, und ich frage nicht nach dem Grund. Dieser Jesus taucht dann ständig auf, auf Inseln, im Wasser. Das sind die neueren Bilder. Die allerneusten zeigen Wasserflecken, diese sind natürlichen Ursprungs, denn in Doigs Studio schien es reinzuregnen, und er nutzte dann einfach die Flecken als Teil des Bildes.

    Das schnappe ich im Vorbeigehen im Foyer auf, denn da laufen ein paar Videos über den Künstler, und er erklärt es gerade persönlich, und hier erkenne ich genau dieses Bild wieder, neben dem Ausgang. Dem nähern wir uns dann recht schnell und nutzen die letzten 35 Minuten, um uns noch ein bisschen an den reichhaltigen Turner-Schätzen zu laben, zum Akklimatisieren, wenn man so will.

  • Lost: 4. Staffel, 7. Folge

    Achtung! Spoiler!
    Episode Title: »Ji Yeon«
    Episode Number: 4.07 (#78)
    First Aired: March 13, 2008 (Thursday)
    Deutscher Titel: »Ji Yeon« (EA 27. 7. 2008)
    Umblätterers Episodenführer (Staffeln 4, 5 und 6)

    Eine Sun-zentrierte Folge, und ich bin erst mal enttäuscht. Dieser ganze Affären-, Klassen- und Vaterkomplexkram geht mir gehörig auf den Zeiger. Doch die 4.07 entpuppt sich dann schnell als starke Folge mit einer ganzen Menge Puzzleteilen.

    Gehen wir voll rein in die großen Bedeutungsfelder: Benjamin Linus und Charles Widmore verkörpern zwei Mächte, die sich im Kampf um die Insel gegenüberstehen und dabei informationspolitisch-manipulatorisch die Sau rauslassen. Wer wen als Scherge und Opfer benutzt, ist noch nicht ganz klar, aber beide nutzen alle Tricks, um den Gegner taktisch zu schwächen.

    Wenn man den Aussagen des Frachter-Captains Glauben schenkt, hat Ben also aufwendig falsche Spuren gelegt, indem er den gecrashten Rumpf der Oceanic 815 irgendwo im Ozean platziert hat, zusammen mit 324 Leichen, die zahlenmäßig der Passagierliste des Fluges entsprechen. Mit dieser Finte will er offenbar alles und jeden von der Insel fernhalten, hat aber nicht mit Widmore gerechnet, der irgendwie (wie?) die Original-Black-Box des 815er Fluges auftreiben konnte. Und jetzt ankert sein Freighter namens »Kahana« in der Nähe der Insel.

    Allerdings wird dieser auch sabotiert, wahrscheinlich von einem alten Bekannten, Michael. Denn: Ein bisschen frisiert und inkognito (als Kevin Johnson), aber immer noch mit seinem gereizten Blick, sehen wir ihn endlich wieder. Welcome back, brotha, würde Desmond sagen, sagt er aber nicht, da er ihn ja gar nicht kennt. Michael, der im Finale der 2. Staffel mit seinem Sohn Walt erfolgreich von der Insel fliehen durfte, scheint also Bens Spion an Bord des Freighters zu sein.

    Benjamin Linus erschien ja von Anfang an als äußerst vierschrötig und unheimlich, schon als er sich noch als Henry Gale ausgab, mit oder ohne sein gelb-blau geschlagenes Gesicht, und nun wird ihm noch dieses »staged wreckage« des Fliegers angehangen. Aber jetzt kommt’s:

    »What’s even more disturbing … where exactly does one come across 324 dead bodies? And that, Mr. Jarrah [Sayid], Mr. Hume [Desmond], is just one of the many reasons we want Benjamin Linus.«

    Das sagt wiederum Widmores Kapitän. Verkörpert also Widmore die gute Seite der Insel-Medaille? Unwahrscheinlich. Das kann man der Serie gar nicht genug danken, dass sie bei ihrer Konstellation der Mächte eben nicht klar zwischen Gut und Böse unterscheidet. Die Konturen verschwimmen je nach Informationslage, und es begegnen uns auf der Mikroebene der Charaktere sowie auf der Makroebene des Plots stark ausgeprägte Ambivalenzen.

    Juliet zum Beispiel ist uns in ihrer wachsenden Apathie gegen ihren Boss Ben Mal um Mal sympathischer geworden. Doch in dieser Folge lässt sie wieder ihre Skrupellosigkeit heraushängen. Mit berechnender Eiseskälte haut sie dem gerade so Englisch radebrechenden Jin das Affärengeheimnis seiner Frau ins Gesicht. Das Geheimnis, das ihr von Sun in einer prekären Lage vertraulich mitgeteilt wurde. Am Ende vertragen sich aber alle wieder, Jin & Sun, Sun & Juliet. Sie wollen ja alle bloß von dieser verdammten Insel runter, und da haben die Emotionen eben mal kurz übergekocht.

    Für Sun sowieso, klar, aber auch für uns Zuschauer mit Wissensvorsprung gegenüber der koreanischen (nun) Mutter, erscheint Juliet noch immer zwielichtig, was treibt sie eigentlich, will sie wirklich einfach von der Insel runter, irgendwo sicher, aber is it as simple as that?

    Auch Bernard findet eine schöne Beschreibung für die wabernde gut/böse-Dichothomie. Bernard, der zusammen mit seiner Frau Rose einer der wenigen zu sein scheint, der keine Leichen im Keller hat. Nachdem Jin die Affäre seiner Frau serviert bekommen hat und sich zur Beruhigung zum Fischen aufs Meer zurückzieht (als Symbol der Reinigung funktioniert das ja immer gut), hält ihm Bernard diesen Monolog über die Ehe, der wohl Jin darin bestärkt zu verzeihen und zu Sun zurückzukehren, um dieses Kapitel ein für alle mal abzuschließen.

    Vor allem stellt Bernard zum ersten Mal fest, was auch die Zuschauer noch nicht so gedacht haben werden, obwohl es stimmt: »Locke is a murderer.« Dann erklärt er Jin das Karma-Konzept, eine Hommage à »My Name Is Earl«, die NBC-Comedyserie, in der das allgegenwärtige Karma neben dem Ex-Tunichtgut Earl die Hauptrolle spielt:

    »You see, now, that’s karma. We must be the good guys, huh?«

    Das ist einerseits ironisch, wenn man Jins Vergangenheit als mordender Scherge von Suns Vater bedenkt. Andererseits stimmt man sofort zu, ja, Jin is one of the good guys. Das passt irgendwo auch ein bisschen zu unserer kürzlich geführten Diskussion um Schirrmachers Artikel über Peter Hacks. Schuld, Sühne, Chance, Fehler, gut, böse »und der ganze Crap«, wie George Costanza vielleicht sagen würde.

    Die Sterberate ist übrigens für eine Serie, die ja immer wiederkehrende Figuren braucht, recht hoch, und manche Tode kommen und gehen ohne irgendeine Konsequenz. Da springt nun diese Regina (Tarantinos »Death Proof«-Muse Zoë Bell) mit Ketten um den Leib ganz von sich aus in den Ozean. Die Besatzung juckt das nicht, keiner springt hinterher um sie zu retten.

    Gut, vielleicht kann man da auch nichts machen, cabin fever und so, aber trotzdem wird dann ziemlich schnell umgeschaltet, obwohl da gerade ein Mensch in den Tod gesprungen ist (auch wenn Z. B. im wirklichen Leben Stuntfrau ist und ihr nichts passiert sein wird, hehe). Man denke hier auch noch mal an Locke. Der ballert einfach mal Naomi ab und wird dann Führer des einen Flügels der Überlebenden. Auch diese ganzen Morde an den Others, etwa in einer der letzten Szenen der dritten Staffel, als Sawyer den Other Tom regelrecht hinrichtet.

    Jack sehen wir dieses Mal nur ganz kurz. Eine dieser Jack-Szenen, in denen er sich nach irgendjemandes Wohlbefinden erkundigt. Er erinnert mich darin sehr an Doctor Livesey in irgendeine Verfilmung der »Schatzinsel«. Der kommt da auch manchmal mit der weißen Fahne ins Blockhaus und erkundigt sich nach dem Wohlbefinden der verfeindeten Piraten, die auch gerade Jim Hawkins auf ihrer Seite haben.

    Auch Kate wurde etwas stiefmütterlich in die Folge hineingeschrieben und erscheint wie einer dieser Vollgummibälle, die mit unglaublicher Kraft unkontrolliert herumspringen, nicht wissen, wo sie hinwollen und dabei eine Menge Porzellan zerschlagen.

    Ach ja, Jin ist angeblich tot. Das Datum auf seinem Grabstein ist das Datum des Flugzeugabsturzes. Zumindest dieses Datum hat er aber überlebt, das müssten Jin und Hurley eigentlich wissen. Andererseits scheinen beide im Flashforward trotzdem anzunehmen, dass er tot ist, warum auch immer.

    Sehr schön ist die Parallelisierung von Suns Entbindung im Flashforward mit Jins Kauf eines riesigen Plüschpandas, den er slapstickhaft durch den koreanischen Großstadtverkehr schleppt, bevor er ihn als Representative von Suns Vater, Mr. Paik, in einem Krankenhaus abliefert, offenbar eine Flashback-Szene.

    Sun wird jedenfalls als eine der Oceanic Six bezeichnet, also fehlt noch einer. Aaron scheint nicht zu zählen, da er ja auch nicht auf der Passagierliste stand, weil er beim Absturz noch nicht geboren war.

    Okay, vielleicht ist das beste an dieser Folge, dass dieser ganze Sun/Jin-Affärenkram ein für alle mal vorbei ist. Bleiben Vaterkomplex und Klassenunterschied, also immer noch genügend Lückenfüller, hehe.

  • Die FAS vom 9. 3. 2008: 90 Wörter von Peter Hacks

    Zwei Wochen fremdgekauft, weil auf Reisen, heute wieder die FAS bei meinem Newsagent. Ich habe manchmal ein schlechtes Gewissen, wenn ich meine Lektüre unterwegs kaufe und nicht wie gewohnt in seinem kleinen Laden auf Westbourne Grove.

    Letzteren laufe ich nun hinunter, und mir kommt Peer Steinbrück entgegen bzw. eine sehr gute Kopie in einem furchtbaren hellen Anzug. Was will der denn hier, Budget Hotel in Bayswater? Es ist wohl die Combo aus Frisur und Brille, die ihn dem deutschen Finanzminister so täuschend ähneln lässt, und der Anzug natürlich.

    Ich denke sofort an eine »Seinfeld«-Szene (»The Diplomat’s Club«, Folge 6.22), in der George Costanza seinem Boss Mr. Morgan sagt, dass er aussehe wie Sugar Ray Leonard. Der findet das aber gar nicht komisch und sagt: »I suppose we all look alike to you, right, Costanza?«

    Wer die Folge kennt: Ich befinde mich nicht auf der Suche nach einem Freund mit Halbglatze und Brille, um eventuellen Verdachtsmomenten vorzubeugen, obwohl mir da sofort Jason Alexander oder eben gleich Larry David selber als mögliche Kandidaten einfallen, hehe. Jedenfalls raune ich dem Westbourne-Grove-Steinbrück leise aber verständlich »Ypsilanti« zu, als wir auf gleicher Höhe sind, aber keine Reaktion, strahlend marschiert er weiter.

    Jetzt habe ich schon die Hälfte der Zeilen, die mir Paco für heute eingeräumt hat, für das Vorgeplänkel verballert, deshalb mal ein bisschen was zum Inhalt der heutigen FAS:

    Mein Lieblingssatz stammt aus dem Artikel »Neue Herren, harte Schnitte, freche Mode« von Bettina Weiguny, der vom Engagement vieler Private-Equity-Gesellschaften in Modefirmen handelt. Thomas Schlytter-Henrichsen von der Alpha-Gruppe wird da zitiert:

    »Wenn Sie einem Designer als Einsparmaßnahme die Kekse streichen, kippt die Stimmung. Das ist tödlich für ein kreatives Team.«

    In einer Extra-Beilage gibt es mal wieder ein Städte-Ranking (»Städte im Wettbewerb«), dieses Mal geordnet nach Kreativitätspotenzial. München ist vorn, und die FAS kommentiert das im Teasertext mit einem »Wer hätte es gedacht«. Dabei wurde die bayrische Metropole bereits letztes Jahr von »Vanity Fair« und »Monocle« zur coolsten Stadt gekürt (wir berichteten), bei »Monocle« sogar im weltweiten Maßstab.

    Das Feuilleton wird von Frank Schirrmacher persönlich eröffnet, mit einer Hymne auf 90 Wörter von Peter Hacks. 90 Wörter formvollendet ausgewählt und zusammengeführt, ein traumhaftes Gedicht (»Beeilt euch, ihr Stunden«), von dem Stefan Amzoll schon vor einem halben Jahr im »Freitag« geschrieben hat, dass es »das schönste« der Hacksgedichte sei. Man liest es zweimal oder dreimal, bevor es mit Schirrmacher weitergeht:

    »Die Frage ist, ob diese paar Zeilen eine halbe Bibliothek von politischen Gemeinheiten aufwiegen. Die Antwort lautet, dass neunzig Worte in der richtigen Reihenfolge mehr wert sind als zehntausend Worte in der falschen. Das Letztere ist Gesellschaft, das Erstere ist Kunst.«

    Ich folge einfach. Das betrifft ja nicht nur Hacks. Vor ein paar Tagen las ich die Céline-Biografie von Ulf Geyersbach, ebenfalls erst kürzlich in der FAS empfohlen. Geyersbach lässt kaum ein gutes Haar an Leben und Werk Célines, aber dann gibt es ja noch die »Reise ans Ende der Nacht«. Und vielleicht sollte man auch hier richtigerweise in Kunst und Gesellschaft trennen.

    Ansonsten viele Buchvorstellungen (Buchmesse approaching), von denen Tobias Rüthers Rezension »Der Dandy im Kochtopf« in grotesker Weise hervorsticht. Der Artikel endet mit dem Satz:

    »Herr Ehlers war längst zum nächsten Sehnsuchtsort unterwegs: Neuguinea. Etwas später ist er dann aufgegessen worden.«

    Es geht um die Neuauflage des Buchs »Samoa. Die Perle der Südsee« vom reiselustigen Otto E. Ehlers (hier der Link zu einer Altauflage). Tatsächlich wurde Ehlers Opfer von »Hungerkannibalismus«, was für ein Wort, aufgegessen von seinen melanesischen Trägern. Details bleibt uns die FAS schuldig, aber ich denke an den finsteren Heroismus des Untergangs des Medusa-Floßes auf dem fantastischen Bild von Géricault im Louvre, auch wenn die Umstände etwas anderer Natur waren.

    Nicht zu vergessen ein Interview mit Clemens Meyer, von dem wir hören, dass er seinen auch finanziellen Erfolg mit »Als wir träumten« vor allem für »Wein, Weib und Gesang« verschossen hat. Darauf ein Prosit.

    Und habe ich schon erwähnt, dass Billers »Moralische Geschichte« wieder sehr gut ist, nein, aber das ist sie ja immer, dieses Kleinod am Rande.

  • Lost: 4. Staffel, 5. Folge

    Achtung! Spoiler!
    Episode Title: »The Constant«
    Episode Number: 4.05 (#76)
    First Aired: February 28, 2008 (Thursday)
    Deutscher Titel: »Die Konstante« (EA 13. 7. 2008)
    Umblätterers Episodenführer (Staffeln 4, 5 und 6)

    Der Propeller rattert, ein glücklich lächelnder Desmond, ein besorgter Sayid, und der »Renegade«-mäßige Pilot bringt die Chopper schlingernd in eine Schlechtwetterfront.

    Ziemlich verregnet geht es weiter, wir befinden uns plötzlich in einer Kaserne in Schottland, wo Desmond Militärdienst leistet, im Jahr 1996.

    Was für ein Schotte, dieser Desmond. Was für ein Schotter, diese Folge. Zumindest kam mir das so vor. Egal ob Bewusstseinsstörung oder Zeitreise: Wer da keine Konstante hat, ja, der ist verloren und todgeweiht. »Lost« wird mit dieser Folge also endgültig Science-Fiction – das war ja nicht unbedingt in dieser Konsequenz zu erwarten.

    Und das muss auch nicht schlecht sein, doch leider geht es nicht so richtig vorwärts, eher seitwärts. Besonders die Sache mit Desmond und seinen Zeitsprüngen muss erst mal inhaltlich verdaut werden. Die Angst wächst, dass sich viele Mysterien um die Insel in Klischees auflösen.

    Desmonds Traumsucht kennen wir ja schon von seinen Blicken in die Zukunft, durch die er mehrfach Charlies Tod voraussah, bis der Rocker am Ende der 3. Staffel schließlich im Looking Glass ersoffen ist. Nachdem Des nun die Insel verlassen hat, scheint er über seine Realvisionen den Verstand zu verlieren. Wieso weiß er plötzlich nicht mehr, wer Sayid ist und wo er selber sich gerade befindet und überhaupt?

    Das klärt sich dann einigermaßen auf: In dieser Folge werden Konstanten gesucht, wie schon der Titel ankündigt, und für uns, die Zuschauer, fungiert Daniel Faraday als Konstante, wie er back in time als junger hitziger Professor für Aufklärung sorgen soll, Mitte der Neunziger, am Physics Department in Oxford.

    Das sind Szenen zum Aufpassen, hier wird sicher irgendwie der Plan für das »Lost«-Finale schon in Gang gesetzt, und bei all dem Ernst geht Daniels coole Antwort ein bisschen unter, die er Desmond gibt, nachdem dieser ihm sagt, was ihm vom 2004er Faraday aufgetragen wurde zu sagen:

    »Why didn’t I just help you there, in the future? Why would I put you through the headache of time travel? You know what I mean, it just seems a little unnecessary.«

    Danach wird es allerdings ziemlich klischiert: Wir sehen eine mit Formeln vollgeschmierte Tafel, ein Experiment mit einer Laborratte und einen besessenen Faraday, dem es irgendwie zu gelingen scheint, den Beweis für die Funktionalität dieser träumerischen Zeitreisen zu erbringen.

    Wenigstens wird in dieser Desmond-Folge ein wichtiger loser Erzählfaden aufgegriffen: Im Jahr 1996 haben Penny und Desmond ihre Beziehung beendet, die genauen Gründe bleiben im Dunkel. Es gibt aber Parallelen zu einem früheren Ereignis: Desmond lernte Penny kennen, als er gerade aus einem Kloster entlassen wurde. Recht spontan hatte er sich davor für den Gang ins Kloster entschieden, kurz vor seiner Hochzeit, also eine Art Flucht. War der Gang in die Kaserne eine ähnliche Flucht? Ist das der Grund why Penny is »trying to make a clean break« von Desmond?

    Und dann ist da noch die Sache mit der Telefonnummer. Gib mir deine Telefonnummer und ich rufe dich in 8 Jahren an. Das klingt dick aufgetragen und unglaubwürdig, sorgt aber trotzdem für starke Momente:

    »I won’t call for 8 years. December 24th, 2004, Christmas Eve.«

    Dazu dieses gänsehautige Musikthema, dieser Teil, wenn an einem knackigen Bass eine Saite angerissen wird und lange ausschwingt. Solche Momente lassen jedenfalls alle Räder stillstehen und enden in einem emotionalen Feuerwerk. Penny mit ihrem wunderbaren Akzent schmeißt Desmond aus der Wohnung. Aber 8 Jahre danach, wir müssen gar nicht lange warten, es ist ja auf der Insel bzw. offshore jetzt genau Weihnachten 2004, da kommt auch tatsächlich der Anruf von Desmond:

    »Hello?«
    »Penny?«
    »Desmond?«
    »Penny, Penny, answer, answer, Penny …«
    »Des, where are you?«
    »I’m, I’m, I’m, I’m on a boat, errm, I’ve been on an island …«

    Beenden wir das Ganze mit ein paar offenen Fragen, nein, nicht mit der nach dem vierzehigen Statuenrest, sondern mit der nach dem letzten der Oceanic Six, oder der nach dem komisch gestrandeten Schiff, das die Losties am Ende von Staffel 1 mitten auf der Insel finden, und dessen Logbuch nun von Mr. Widmore, Pennys Vater, bei Southfield’s in London ersteigert wird.

    Und wer ist Bens Mann an Bord des Schiffes? Die »Lost«-Fansites erwarten in diesem Zusammenhang die Rückkehr von Michael, oder vielleicht ist es doch ein tropischer Eisbär, der hier eingehüllt von schwarzem Rauch die Szene betreten wird?

  • Kaffeehaus des Monats (Teil 25)

    Wenn du mal richtig Zeitung lesen willst:

    Lisboa Patisserie, Golborne Road

    London
    Die Lisboa Patisserie in Golborne Road.

    (Knietief in Servietten, und die Zeitung muss man
    im Stehen lesen, meistens, das sprichwörtliche
    Gegenteil des Wiener Kaffeehauses. Bitte nicht
    die Tauben (auch noch) füttern! Und neulich griff
    ein einheimischer Lümmel nach meiner FAS,
    betrachtete sie kurz und warf sie angewidert
    zurück auf den Tisch, ja, ich hatte einen Sitzplatz.)

  • Lost: 4. Staffel, 3. Folge

    Achtung! Spoiler!
    Episode Title: »The Economist«
    Episode Number: 4.03 (#74)
    First Aired: February 14, 2008 (Thursday)
    Deutscher Titel: »Der Ökonom« (EA 29. 6. 2008)
    Umblätterers Episodenführer (Staffeln 4, 5 und 6)

    Eine Sayid-Folge, und man fragt sich, wie der ehemalige Foltermeister der Republikanischen Garde immer wieder zum Werkzeug dunkler Mächte wird. Besonders, wenn man ihn von der Insel her kennt, kontrolliert, dominant und somewhat in charge. So wie er in dieser Folge bei seiner Charlotte-Befreiungsaktion rüberkommt, um dadurch auf den Frachter vor der Küste zu gelangen, wie es ihm als Lohn in Aussicht gestellt wird von dem Chopper-Pilot, der aussieht wie der Typ aus »Tropical Heat«, nur eben in alt und versoffen.

    Aber so tough er auch sein mag, Sayid hat erkannt: »Everyone has a boss.« Seine Dienstherren scheinen bevorzugt zur Kategorie ›schlimme Finger‹ zu gehören, wenn man seinen Werdegang vom Folterer zum Auftragsmörder von Bens Gnaden betrachtet. Von diesem neuesten Karriereschritt wird uns nämlich im Flashforward gegen Ende der Folge berichtet. Dabei hatte er auf der Insel noch getönt: »The day I start trusting him [Ben] is the day I would have sold my soul.« Hat er also in einem faustischen Pakt, von dem wir noch nichts wissen, seine Seele verkauft?

    Und was wissen wir schon. Für jeden Ansatz einer Erklärung, und davon gibt es in dieser Folge glücklicherweise mal so einige, werden uns immer wieder neue Fallstricke der Verwirrung gedreht, werden neue Personen und schwindelerregende Plot-Winkelzüge präsentiert.

    Da schlendert nun der harte, weiche Sayid, ›der weiche Riese‹ möchte man sagen, ein bisschen wie Axel Schulz, nur ohne die frischen Koteletts auf den Augen, durchs winternasse Berlin und verliert, binnen einer Folge, erneut eine blonde Geliebte. Bauchschuss. So starb auch Shannon auf der Insel (am Ende von Folge 2.06), nur hat Sayid diesmal in Berlin selbst die Hand am Abzug.

    Im Café »Die Mauer« lernt er Elsa kennen. Sie soll eigentlich nur ein Lockvogel sein, eine Informationsquelle, ein Vorwand. Der Mörder Sayid, das kann man ruhig mal so hart sagen, will ihren Boss niederstrecken, so wie er den Herrn zu Anfang der Folge auf dem Seychellen-Golfplatz erledigt hat. Der altmodische Boss von Elsa, über den wir nichts wissen, wird ein alter Bekannter sein. Dazu gibt es sicher bald mehr, oder eben gegen Ende der 6. Staffel, falls es die Autoren irgendwie zwischenzeitlich vergessen, verschieben oder verplanen. Deshalb frage ich auch nicht schon wieder nach dem Statuenrest mit den vier Zehen.

    Die Folge ist auch wieder ein bisschen touristisch, so wie Paco es bei der letzten Folge bereits feststellte, nach dem anfänglichen Abstecher auf die Seychellen wird uns ein kühles Deutschland präsentiert, Berlin. Und es gibt auch wieder Namensspiele: Sayids Geliebte (und Opfer) Elsa erinnert einerseits an den berühmten Exploitationklassiker »Ilsa, She Wolf of the SS« von Don Edmonds, hehe, aber vor allem natürlich an die ach-so-deutsche Elsa (von Brabant) aus Wagners »Lohengrin«. Die Parallelen der Todesumstände beider Elsas sind zumindest recht deutlich. Aber vielleicht gehen wir hier ein bisschen zu weit mit unseren Mutmaßungen, denn eine Zigarre ist manchmal eben nur eine Zigarre.

    Wo wir gerade dabei sind, Namen, Zahlen … Faraday lässt vom Frachter aus eine kontrollierte Rakete auf seine Position abschießen, welche mit einiger Zeitverzögerung auf der Insel ankommt. Die Zeit auf der Insel scheint deutlich langsamer zu laufen. Das ist natürlich ein dickes Ei. Erklärt vielleicht auch, warum Richard, den Ben auf seiner kurzen Flucht während seiner Kindheit hinter den Sicherheitspylonen im Wald traf (Folge 3.20), seither nicht oder nur sehr wenig gealtert ist. Als er ihn nach dem Massenmord an der gesamten Dharma-Besetzung wiedertraf, sah der noch genauso aus, aber aus dem jungen Benjamin war inzwischen ein Mann geworden.

    Die Rakete brauchte übrigens 03:16:22 Realflugzeit, nach Inselmessung aber nur 02:45:03. 3+1+6+2+2=14 (1+4=5, die Quersumme von 23). Nun mal bitte die Inselzeit zusammenrechnen, scary, platt oder Zufall? Ach so, flight number 8+1+5, hehe.

    Es gab ja das U-Boot, und wir wissen auch um den Kontakt der Inselbewohner mit der Außenwelt, welcher allerdings immer sehr sporadisch wirkte und an dem Ben nicht beteiligt war. Es erschien immer, als hätte er sein Leben nach der Ankunft auf der Insel ausschließlich dort verbracht. Nun entdeckt aber Sayid diesen geheimen Raum in Bens Haus (ganz klassisch: ein drehbares Bücherregal).

    Ein Raum voller Pässe, plus Geld in verschiedenen Währungen und anderen Reiseutensilien. Ben war also out and about in der weiten Welt. Und dann bekommen wir noch einen kurzen Blick auf Bens Schweizer Reisepass. Und was wird wohl herauskommen, wenn wir von Bens Geburtsdatum die Quersumme bilden, 3. März 62, 3+3+6+2?

    Bens Reisetätigkeit wird auch erklären, warum einige Leute auf ihn so sauer sind und ihn suchen. Es sieht nach Rache der Dharma-Initiative aus. Vielleicht gehört Ben zu einer Organisation, die direkt mit den Dharmas in Konkurrenz steht. Nach dem in Tunesien freigelegten Skelett eines Eisbären mit Dharma-Halsband liegt die Vermutung nahe, dass Dharma nicht nur auf der Insel Experimente mit dem weißen Meister Petz durchführte, sondern verschiedene Stationen betrieb.

    Vielleicht hat Ben die alle nacheinander ausgeschaltet. Die Insel war für ihn sicherer Fluchtpunkt, denn niemand konnte sie orten, aber nach der Explosion im Hatch und der Zerstörung von »The Looking Glass« hat sich das alles geändert, und die heile Inselwelt des Benjamin Linus entgleitet immer mehr ins Chaos.

    Locke führt in der aktuellen Folge seine »Herde« über die Insel und folgt dabei seinem ganz persönlichen Abendstern, in Form von Mr. Ekos Schnitzereien. Nun begegnen sich die Gruppen at gunpoint, aber doch zivilisiert. Sayid wird von Kate überrascht, noch ehe er seine Gedanken über Bens Versteck verdauen kann und wird, wie zufällig, zu Ben gesperrt, der ihn mit »I guess they’re running out of jail space« begrüßt.

    Vielleicht haben die beiden hier ihren teuflischen Pakt geschmiedet, obwohl dafür wohl die Zeit nicht gelangt haben dürfte. Denn Sayid wird sich schnell einig mit Locke: Er tauscht Charlotte gegen den Geisterjäger Miles und kehrt mit ihr zum Heli zurück, zu Jack und den anderen. Der Plan geht auf, und der Chopper hebt ab, mit dem versoffenen Tropical-Heat-Piloten, Sayid, Desmond und der toten Naomi.

    Für Herz und Record, Kate hat sich mal wieder für Sawyer (und damit die Insel) entschieden, aus Mangel an Perspektive. Das wird sie sich aber scheinbar noch mal anders überlegen, schließlich ist sie eine der Oceanic Six. Wie übrigens eben auch Sayid, der jetzt Nr. 4 von 6 ist, fehlen also noch 2 (wenn man Ben nicht mitzählt, der ja im Flashforward mit Sayid unterwegs war). Die Komplettierung dieses Figuren-Sixpacks ist im Moment wohl die spannendste Perspektive, und sie wird auch nicht so lange auf sich warten lassen wie die Auflösungen all der anderen Fragen (die Monumentalstatue mit den vier Zehen will ich gar nicht erst wieder erwähnen, was zur Hölle ist das!).