Autor: Dique

  • Die FT Weekend und die FAS vom 29. 6. 2008: Die Butter, die Stille, die großen Häuser Europas

    Ein Teller mit Butter »is the only item of food Hammershoi is known to have painted«, schreibt Jackie Wullschlager in der FT Weekend in ihrem Review zur VilhelmHammershøi-Ausstellung »The Poetry of Silence« in der Royal Academy of Arts, und da muss ich erneut einen Teilnehmer der kürzlich in den Musei Vaticani absolvierten Speedtour zitieren, »now that’s a useful bon mot«.

    Hammershøi ist mir vor Jahren nach einer Empfehlung aufgefallen, von dieser Ausstellung hatte ich vorher allerdings keinerlei Peilung. Wenn man nicht gerade nach Skandinavien fährt, sieht man von ihm auch relativ wenig. Ich bin dann gestern gleich hingegangen, denn so linear können Medien manchmal wirken.

    »Hammershøi led an uneventful life.«

    Das ist der erste Satz der Einführung in Raum 1 der Ausstellung, und im Œuvre des Malers spiegelt sich das genau so wider. Weniger »eventful« geht es kaum, und das meine ich keinesfalls negativ.

    Hammershøi hat sich in weiten Teilen seines Werkes auf das Innenleben seiner eigenen vier Wände beschränkt und erzeugt mit diesen distanzierten Schnappschüssen genau die poetische Stille, mit der die Ausstellung treffenderweise bezeichnet wurde.

    Er erinnert an Vermeer, an de Hooch und andere Niederländer dieses Umfelds, und bei denen hat er sich ausdrücklich bedient, allerdings nicht einfach kopiert. Spartanisch eingerichtete Räume, und wir betrachten sie aus kühler Distanz.

    Wenn auf den Bildern Personen dargestellt sind, dann sieht man sie von hinten oder wie sie beschäftigt nach unten sehen. Man nimmt nicht Anteil an ihnen, und die Figuren laden auch nicht dazu ein. In dieser Distanziertheit erinnert Hammershøi auch an Edward Hopper, allerdings farblich deutlich gedämpfter. Ein leichter Grauschleier hängt über seinen Bildern, und sie wirken dadurch etwas schlierig und erinnern mich darin im weiten Sinne auch etwas an die minimalistischen Stillleben von Giorgio Morandi.

    Die Überschrift des Artikels in der FT Weekend lautet: »Rooms without a view«, und in der gestrigen FAS, welche ich dann beim Kaffee in der RA las, ist Andreas Kilbs Artikel über die Berliner SebastianodelPiombo-Ausstellung so überschrieben: »Warte, bis es helldunkel wird«. Was für Überschriften, und was würde unser Experte Gabriel wohl dazu sagen, zu billig, zu easy? Mir gefallen beide.

    Bei Andreas Kilb gefällt mir aber besonders der Artikel. Der ist ganz wunderbar geschrieben, dicht und informativ, man hat das Gefühl, schon erschöpfend dort gewesen zu sein, aber trotzdem noch mal hinzuwollen, allerdings schreibt Kilb:

    »Die italienischen und spanischen Museen haben ihre Kostbarkeiten für das Projekt hergegeben; aus den großen Häusern Europas dagegen, der National Gallery, dem Louvre, der Ermitage, kommt fast nichts außer ein paar Zeichnungen«.

    Was schlecht für das Projekt ist, ist gut für mich, denn bis zur National Gallery sind es nur ein paar Minuten Fußweg, und ich kann mir gleich noch ein paar der Schätze ansehen, die die »großen Häuser Europas« garstigerweise nicht für die Ausstellung rausgerückt haben.

  • Bei Sotheby’s

    Gestern MIA. im Goethe-Institut. Das ist immer so geil bei diesen deutschen Bands, die auf deutsch singen und zu denen hier auch nur deutsche Expats gehen, die eine Handvoll britischer Freunde mitschleifen, weswegen die Bands dann immer auf Englisch reden. »We are the group MIA. from Berlin.« The group MIA., hehe.

    Zum Ausgleich für gestern dann heute ein bisschen Kultur (hehe) bei Sotheby’s, Modern and Contemporary Art Sales Preview. Ziemlich geiles Zeug überraschenderweise, zwei dieser abgeschliffen wirkenden Richter-Leinwände, eine in kleinem Format. Und wie immer Lucio Fontanas unifarbene Leinwände mit Schlitzen, die mich in ihrer Simplizität immer mehr begeistern.

    Das Gleiche kann ich von Piero Manzoni sagen, ein weißer Rahmen, darin 30 Quadrate aus weißer Dämmwolle, super. Der Hit sind aber Anish Kapoor und sein ca. 2 Meter großer Alabasterblock, in den hinten und vorn ein großes Loch hineingefräst ist. Auch hier bestechen die Schlichtheit und das wunderbare Material. Nach dem Hit noch der Knüller, die »Danseuse« von Gino Severini, eine in gelb, grün, rosa und hellblau leuchtende futuristische Tänzerin, so schön, hat aber auch einen Schätzwert zwischen 7 und 10.000.000 britischen Pfund.

    Gerade rüber, bei Partridge, läuft momentan ein Hammer Sale, Correggio, Pontormo, Reni, Preti, Allori und: Parmigianino. Ein Porträt. Im Katalog vergleichen sie es mit dem Kunsthändler-Porträt in der National Gallery, allerdings wegen der Form des Hutes und der daraus folgenden Rückschlüsse auf die gesellschaftliche Position des Porträtierten, es ist nämlich lange nicht so schön, aber eben ein typisches seiner Porträts.

    Und der Preis? »Fern jeder Schätzung«, sage ich da Mal mit Vincent Ludwig, der Frank Drebin mit diesem Satz in »Die nackte Kanone« ein paar japanische Zierfische zeigt, welche Frank kurze Zeit später mit einem Füllfederhalter, dessen Feder nur durch Wasser zerstörbar ist, aufspießen wird.

    Dann Treffen mit Paco, der die FAS verschlampt hat, Mann, was soll ich heut abend lesen.

  • Slayer und Caravaggio

    Ich höre gerade Possessed, diesen völlig geilen 80er-Jahre-Death-Metal. Es ist die erste Scheibe, »Seven Churches« von 1985, und die ist so hammergut. Der Nachfolger »Beyond the Gates« ist nicht der Rede wert und nach einer darauf folgenden EP, die ich nicht kenne, barst die Band Ende der 80er auseinander.

    Ich habe »Seven Churches« seit 15 Jahren nicht gehört, oder länger, und nun zufällig an diesem römischen Antiquariatsstand geangelt. Dieser Hammerstoff haut einen immer noch um. Er ist ein bisschen ein anderes Kaliber, aber grundsätzlich nicht schlechter als das 85er Slayer-Album »Hell Awaits«.

    Das war die erste Slayer-Platte von ungeheurer Qualität, viel reifer als »Show No Mercy«, die Debütscheibe von 83, die noch sehr Speed-Metal-mäßig war.

    Dazwischen gab es noch zwei EPs, »Haunting the Chapel« und das gefakte Live-Album »Live Undead«, na ja, nicht erwähnenswert dieser Schrott, wobei die Live-Version von »Die By The Sword« schon was hat.

    Nach »Hell Awaits« kam dann 86 das unschlagbare Album »Reign in Blood«, unerreicht in seiner Qualität, jedenfalls nicht mehr von Slayer. Die Band wusste das selber und trieb sich danach in für ihre Maßstäbe seichteren Gewässern herum, mit den ruhigeren Alben »South of Heaven« und »Seasons in the Abyss«.

    Erst Sepultura konnte 91 mit »Arise« aufschließen, obwohl hier gern, nicht ganz unberechtigt, der Kopiervorwurf kommt. Die Stücke sind länger als die der »Reign in Blood«, aber sie werden ähnlich hart und gnadenlos durchgeprügelt.

    Und da bin ich dann wieder bei Caravaggio, denn Hughes sagt in der vorgestern von Paco erwähnten Doku, dass erst ein Rembrandt oder ein Velázquez wieder an Caravaggio anknüpfen konnte, den Faden aufnehmen und weiterspinnen, und Recht hat er:

    »Now in the event all that the Caravaggisti could imitate was the shell and stage props of Caravaggio’s work. And the real lesson to be drawn from his art, that extraordinary overlap between epiphanies and ordinary substances needed a Velázquez, or a Georges de la Tour, or a Rembrandt to carry it on and complete it.«

    Der Link auf Velázquez ist natürlich klar, und überhaupt wäre das »goldene Zeitalter« der spanischen Malerei ohne Caravaggio kaum denkbar. Lange dachte ich ganz vage, dass Ribera die wichtigste Verbindung zu dessen Stil war, der zwar in Spanien geboren wurde, sich aber lange in Neapel aufhielt, wie Caravaggio.

    In Neapel wurde die Hell-Dunkel-Malerei, das Chiaroscuro, ziemlich kultiviert, viele der so genannten Caravaggisti stammen aus dieser Gegend. Aber ein viel wichtigeres Bindeglied von Italien nach Spanien ist, zumindest nach Jonathan Brown (»Painting in Spain, 1500-1700«, 1998), Juan Bautista Maíno, der noch zu Caravaggios Lebzeiten 8 Jahre in Italien verbrachte.

    Fazit: Es brauchte einen Rembrandt und einen Velázquez (und Georges de la Tour, jawohl!), um den Caravaggio-Style wirklich weiterzutreiben, und weniger die ungezählten Caravaggisti, und so ist das auch bei Slayer und Sepultura, und das kann man doch einfach mal so in den Raum stellen, als eine Art »useful bon mot«, wie neulich jemand sagte.

  • Mit der FAS und Cy Twombly nach Ciampino

    Wir standen im Palazzo Barberini und schauten uns an, wie Judith dem Holofernes angewidert den Kopf abtrennt, angestachelt von dieser bösen Alten im Hintergrund, die ein Tuch für den bevor­stehenden Schädel bereithält. Das klingt ja fast ein bisschen nach einer neuen Massakerminiatur von Kollege John Roxton. Ich rede aber von Caravaggio, der für sein visuelles Ölmassaker das gleiche Model wie für seine Katharina im Museo Thyssen-Bornemisza in Madrid verwen­dete. Das sage ich mal so aus dem Hut heraus, ohne nachzulesen.

    À propos Lesen, die FAS schleppten wir noch weitgehend ungenutzt umher, doch dann wurde mitten im Barbarini-Palast doch mal ins Feuilleton geschielt. Als Aufmacher (S. 25) gibt es ein riesiges Tilda-Swinton-Foto, das auch ein bisschen caravaggista aussieht, und oben drüber steht: »Mein Beruf ist ganz einfach«. Da blätterte ich ganz einfach mal weiter. Das Interview taugt maximal als Ernstfallbackup.

    Auf S. 27 bewunderten wir die gute Arbeit der Anzeigenredaktion. Unter Nils Minkmars Artikel über George W. Bush und den Anwalt, der ihn nach seiner Amtszeit wegen Mordes verklagen will, prangt eine große Anzeige für Obamas Buch »Hoffnung wagen«. Well done.

    Auf S. 29 dann eines der seltenen Interviews mit Cy Twombly. Das hat die FAS aber nicht selber geführt, sondern druckt einen Auszug des Gesprächs, das der Tate-Direktor Nicholas Serota aufgezeichnet hat (vor 2 Wochen gab es auch schon im »Guardian« eine Kurzfassung davon). »Der große Cy Twombly über seine noch größere Kunst« steht übrigens im Untertitel der FAS-Version. Ich muss aber gestehen, dass ich mit ihm wenig anfangen kann, und das Interview, wie selten es auch sein mag, verschafft auch keine Erleuchtung.

    Oft setzt er noch ein paar Bleistift-Kritzeleien auf seine Bilder. Eine wichtige Inspirationsquelle ist ihm T. S. Eliot, und er hat sich wohl eine schöne Sammlung Erstausgaben zugelegt, sagt er, inklusive einem Faksimile von Ezra Pounds Korrekturen zu »The Waste Land«.

    »Die nächste Bilderserie enthält Zeilen aus ›The Waste Land‹. Es gibt kaum etwas Schöneres, vor allem der Anfang, über die Jahreszeiten. ›Sommer überfiel uns, kam über den Starnberger See / Mit Regenschauer; wir rasteten im Säulengang / Und schritten weiter im Sonnenschein in den Hofgarten.‹«

    Da fällt mir die prima Simpsons-Referenz auf »The Waste Land« ein: Als Lisa ein paar traurige Notizen des Kneipenmannes Moe zusammenfügt, erinnert sie das sofort an Eliots Jahrhundertwerk (Folge 18.06: »Moe’N’a Lisa«).

    Wenn ich jedenfalls auf das mit dem Interview gepaarte große Foto schaue (Cy Twombly vor einem seiner Monumentalbilder), dann sehe ich da einen netten alten Herrn, der vor einer riesigen Leinwand voller Farbkleckse steht. Der etwas krakelige in der Mitte, der mehr oder weniger auf seinem Rücken klebt, hat dann auch noch ungeheure Ähnlichkeit mit dem Ergebnis des wunderbaren Spiels Misthaufenfahren (kann man hier spielen). Immerhin ist der Kunstkaiser auf dem FAS-Foto nicht nackt: C. T. trägt zu einem hellblauen Button-down-Hemd eine sackhosenähnliche Sackhose, die gerade noch so von Hosenträgern gehalten wird.

    Zu viel mehr kamen wir kaum in der FAS, aber gegen Abend mussten wir zum Flughafen und da würden wir ja Zeit genug haben. Statt den Shuttle Bus zu nehmen, der uns vielfach empfohlen wurde, fuhren wir lieber wieder mit der U-Bahn bis zur äußersten Station und von dort mit dem Bus weiter nach Ciampino. 5 Minuten dauert das normalerweise und kostet nur eineinhalb Euro oder so. So waren wir vor ein paar Wochen morgens angekommen, und das ging ganz prima.

    Als wir aber gerade eben in Anagnina ankamen, war alles anders. Wo am Morgen unserer Ankunft Trubel herrschte und Händler von der Pferdedecke bis zum Bügeleisen so ziemlich alles feilboten, war jetzt gähnende Leere und kaum eine Menschenseele zu sehen. Die Ausschilderung war immer noch miserabel, aber irgendwie fanden wir doch den richtigen Busstand.

    Ich wollte eigentlich das 12-seitige China-Spezial der FAS lesen, wurde aber langsam nervös, weil ewig kein Bus kam. Ging heute überhaupt noch einer? Paco machte in einer dunklen Ecke eine Art Information ausfindig und bekam die beruhigende Antwort, dass schon noch Busse verkehrten und wir nur eine Weile warten müssten, da wir den vorigen gerade verpasst hatten.

    Einen FAS-Text später war immer noch kein Bus da. Jürgen Kesting schreibt über das neue Buch von Jonathan Carr über den Wagner-Clan (S. 30). Das umfangreiche Werk deckt 150 Jahre deutscher Geschichte ab und macht auf jeden Fall neugierig.

    Schon am Samstag hatte die FAZ deutsche Historie empfohlen. Tilmann Lahme besprach die Hörbuchausgabe von Golo Manns »Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts«, ungekürzt, 37 CDs, 41 Stunden. Ein tollkühnes Projekt, nur die CD-Einlegerei verdirbt mir den Geschmack. Gibt’s das nicht als MP3 auf einer einzigen DVD? Oder gleich im Paket mit dem Wagnerbuch, als Popcorn-Edition für ein verlängertes Wochenende.

    Irgendwann kam dann übrigens der Bus. Weil es aber spät am Abend war, fuhr er nicht direkt zum Flughafen, sondern über ein paar Vororte, um noch Leute einzusammeln. Langsam wurde die Zeit etwas knapp (wie damals in Madrid). Außerdem waren wir so ziemlich allein im Bus und eingesammelt wurde auch niemand so richtig. Der Bus gurkte nur durch viele angekaffte Dörfer. In einem hielt der Fahrer dann an, machte den Motor aus, nahm seine Tasche und Jacke und verließ den Bus.

    Er machte sich eine Zigarette an, und es kamen zwei andere Typen, und zu dritt quatschten und rauchten sie vor sich hin. Irgendwann stellten wir fest, dass zumindest einer von denen unser neuer Busfahrer sein musste, Fahrerwechsel also. Wir versuchten ein bisschen Druck zu machen, aber der wurde nur freundlich abgetan, »wann fliegt ihr, in einer Stunde, ach, kein Problem«.

    Der Neue stieg dann endlich ein, legte die Jacke ab und öffnete seine Tasche. Er wühlte eine Weile darin und holte ein Glas hervor. Es sah aus wie ein Honigglas, und das gab er dann unserem Ex-Fahrer. Der sah es sich an, bedankte sich und redete weiter. Der neue Fahrer ging dann noch mal raus zu ihm, kam dann aber nach kurzer Diskussion und Blicken auf das Honigglas wieder in den Bus und wühlte in seiner Busfahrertasche.

    Er holte eine Zeitung heraus, überraschenderweise den »Corriere della Sera«, und schlug damit das Honigglas ein. Der Beschenkte war es zufrieden, und nach einem herzlichen Abschied fuhren wir endlich zum Flughafen.

    Dann kam es doch noch zu einem gemütlichen Check-in, und auf ging’s nach London. Ich hatte dann endlich Zeit für das China-Spezial, stand aber nichts Neues drin.

  • Hulk. Smash. David. Smash. Citizen Kane.

    Zur Abwechslung mal den »Guardian«. Ob man den lesen darf verraten wir ein anderes Mal. Gerade im Palazzo Doria Pamphilj, und ich bin deutlich schneller fertig als San Andreas, denn der hat auf meine Empfehlung hin den Audio Guide genommen, welcher vom aktuellen Prinzen Jonathan Doria Pamphilj in exzellentem Englisch gesprochen wird. Da gibt es neben der angenehmen Stimme auch ein paar kleine Palazzofamilienanekdoten und damit hebt er sich ein bisschen vom üblichen Audio-Guide-Einheitsbrei ab.

    Ich warte also im Buchladen der Galerie neben einer gelangweilt dreinschauenden Spanierin ohne Lesematerial und beschäftige mich mit dem »Guardian«-Kulturteil. Peter Bradshaw schreibt über die neuste Verfilmung des Hulk und für eine gute Kritik braucht man ja bekanntlich nicht zwangsläufig einen guten Film. Umgekehrt läuft es oft besser.

    »Hulk. Smash!« Yes. Hulk. Smash. Yes. Smash. Big Hulk smash. Smash cars. Buildings. Army tanks. Hulk not just smash. Hulk also go rarrr! Then smash again. Smash important, obviously.

    So geht der Text los, so geht er weiter und so kommt er zum brillanten Ende. Und ich frage mich, ob Peter Bradshaw vielleicht heimlich »Jungle World« liest. Im dortigen Heuteblog gab es Ende März einen Kurzreview von Maik Söhler zu »Gran Turismo 5«, welcher sich so anliest:

    Brum, bruuuum, brm, brm, quieeetsch, schepper, bruuuuuum, brm, brm, bruuum, knack, bruuuum, quietsch, zosch. 5000 Credits. Neues Auto. Neue Strecke. Bruum, bruuuum, knack, schepper, bruuum, bruuuuum, brm, brm, zadong. Scheiß Kiesbett. Bruuum, bruuuuuum, brm, brm, endlich im Ziel.

    Aber bleiben wir im Hulk-Text, denn der ist schon ein bisschen ausgereifter als die kleine Spaßattacke der Jungle World. Da werden zum Beispiel wichtige Analysen zur Physiognomie des Hulk geliefert:

    Film co-written by star. Edward Norton. Norton in it. Norton write it. Norton not need gamma-radiation poisoning to get big head. Thing is: Hulk head weirdly small. Compared with rest of big green body. Hulk not scary. Hulk look like Shrek. Wait. Critic have … second thought. Hulk look like Shrek when Shrek turn handsome, in Shrek 2. Like Gordon Brown.

    Und bei dieser Exegese über die Größe von Hulks Kopf denke ich an den David von Michelangelo, denn dessen Kopf halte ich für viel zu groß. Erst vor zwei Wochen stand ich mit San Andreas (dem Filmkritiker des Umblätterers, hehe) vor der riesigen Marmorstatue in der Galleria dell’Accademia und wunderte mich erneut über dessen großen Kopf und seine recht überdimensionierten Hände.

    Tatsächlich fragte ich damals San Andreas, wieso es nach der Verfilmung von Ang Lee nun schon wieder einen »Hulk« im Kino gibt? Der Film von Ang Lee sei wohl zu kopflastig gewesen, heißt es. Deshalb waren die Fans enttäuscht, und deswegen gibt es jetzt wieder einen Hulk Classic. Yes. Hulk smash. Yes. Smash. Big Hulk smash. Natürlich konnte Bradshaw diesen Kontext nicht umgehen:

    Critic remember Ang Lee version. Ang Lee version slagged off. Yet rubbish new Hulk film make that look like Citizen Kane. Critic exit cinema miffed. Film take away two hours of critic’s life. Critic not get time back. Ever. Rarrrrr.

    Ein bisschen dankbarer könnte er allerdings sein, denn ohne den grünhäutigen Schotter hätten wir nicht diesen Lesespaß gehabt. Ich gebe den Text spontan an meine wartende Nachbarin weiter. This is so funny, read this, sage ich. Etwas zögerlich nimmt sie die Zeitung, starrt eine Weile auf den Text und sagt: »What mean ›smash‹?«

  • Die FAS vom 1. 6. 2008: »Zur Erinnerung«

    Auch hier von Tauben eingekreist, am Sonntag, bei Sonnenschein, im Schatten des Konstantinsbogens. Und aus dem FAS-Feuilleton grüßte John McEnroe, ein Artikel von Tobias Rüther zur McEnroe-Biografie von Tim Adams. Aber ich dachte zunächst an das »Freak Book« und erst später an 1-a-Tenniswetter.

    Denn in einer der besten Episoden der 6. Staffel von »Curb Your Enthusiasm« (wir berichteten) verdingt sich Larry als Limo-Driver und holt einen berühmten Fahrgast ab, nämlich John McEnroe. In der FAS wird er als »grau und drahtig und garstig« beschrieben, der auch mal »You’re shit!« ins Publikum des Düsseldorfer »Masters of Legends« brüllt.

    In der Serie amüsiert sich der garstige Tennisstar später mit Larry lauthals über einem Bier in einer VIP-Lounge über dieses »Freak Book«. Und wir amüsierten uns beim Lesen der FAS-Leserpost. Einem Leser gefiel die traumhafte Titelseite mit der Haartracht von Gesine Schwan nicht (wir berichteten), wozu er Folgendes anmerkt:

    Die FAS unterm Konstantinsbogen

    Etwas schwer zu erkennen im Bild (im Hintergrund übrigens der erwähnte Triumphbogen), deshalb hier noch mal geOCRt:

    »Zur Erinnerung: Es gibt in der deutschen Geschichte unselige Zeiten, in denen Menschen einer bestimmten Religionszugehörigkeit oder Rasse ähnlich selektiv-herabsetzend bildlich dargestellt wurden, was, wie wir wissen, die Vorstufe zur tödlichen Selektion war.«

    Das schreibt also der unfassbare FAS-Leser, es klingt fast wie sehr gut ausgedacht, aber das Thema ist denn doch zu delikat.

    Irgendwann, zwischen Trastevere, San Giovanni und Parioli, ging die FAS dann verloren, teilweise ungelesen. Glücklicherweise gab es am nächsten Morgen den frischen »Spiegel«, trotz feiertäglicher Festa della Repubblica. (Alles Gute, Silvio.)

    Und in diesem »Spiegel« gibt es auf S. 40-43 ein Interview mit Gesine Schwan, und da sagt sie das hier:

    »Vorige Woche hat eine Zeitung auf der ersten Seite ein Foto gedruckt, auf der nur meine Locken zu sehen waren. Ich habe mich totgelacht.«

    So schnell kann es also heutzutage gehen mit der »tödlichen Selektion«, hehe.

  • Die FAS vom 18. 5. 2008: Indianer, Girlsreihe, Dalai Lama

    Peter Richter rezensiert ein Buch über die weit verbreitete Lust vieler Ostdeutscher am Indianerspielen (S. 30). Anscheinend wurde da schon in den 50er-Jahren mit selbst gebastelten Knarren herumge­ballert. Das Begleitfoto zeigt dann auch ein Indianerzeltlager mit untergemischten Trabbis.

    Mich erinnert das an die »Seinfeld«-Folge »The Burning« (9.16), in der sich Kramer und Mickey als Schauspieler für Krankheitssymptome verdingen, damit ein paar Medizinstudenten an ihnen üben können. »The Burning« ist vollgepackt mit Dialogfeuerwerken wie diesem:

    Jerry: What’s with the fake sneezing?
    Kramer: Yeah, we’re going down to Mt. Sinai Hospital. See, they hire actors to help the students practice diagnosing.
    Mickey: They assign you a specific disease and you act out the symptoms. It’s an easy gig.
    Jerry: Do medical schools actually do this?
    Kramer: Well, the better ones. Alright, let’s practice retching.
    Kramer & Mickey: Huaaahh!!

    Als die Krankheiten verlost werden, bekommt Kramer »gonorrhea« zugeteilt, also Tripper. Er zeigt sich anfänglich etwas enttäuscht von seiner Krankheit, wird aber von Seinfeld auf eine Idee gebracht, als dieser in einer Konversation »showmanship« erwähnt: »Showmanship. Maybe that’s what my gonorrhea is missing.«

    Weil er »seinem Tripper« so ein Eins-A-Showmanship verpasst hat, fällt ihm von da ab ständig die »gonorrhea« zu – Kramer wird typecast.

    Peter Richter erscheint auch immer ein bisschen getypecastet, quasi als Ostberichterstatter der FAS. Dass er diese Themen macht, ist ein Glück. Er ist der erste und einzige, der sie immer locker und mit Laune rüberbringt, auf jeden Fall ohne dräuende Stasigrundierung oder dergleichen. Dabei springen immer wieder tolle Artikel heraus, showmanship ist eben alles.

    Ich bleibe gleich mal im Osten, auf S. 27 tanzt das Ballett des Friedrichstadtpalastes, und mir wird himmelangst. Eleonore Büning, die offenbar neue Musikredakteurin der FAS (vgl. Die Dschungel), weiß um solche Ängste und beginnt den Artikel gleich mal so:

    »Ich war wieder im Friedrichstadtpalast. Nee, oder? Mitleidig bis sorgenvoll sind die Blicke der Nachbarn, Kinder, Freunde und Kollegen.«

    Und dann geht es auch schon los und ich fühle mich lächerlich in meiner Ignoranz. Von vierundsechzig exakt in die Luft gestreckten Mädchenbeinen ist die Rede, und das ist erst der Anfang. E. B. spricht hier übrigens von der professionell getanzten »Girlsreihe«.

    Dieses Wort taucht mehrfach auf im Text, Girlsreihe, was für ein Wort, bei Google bekommt man darauf im Moment gerade Mal 81 Hits. Das liegt sicher auch daran, dass die »Girlsreihe« ausstirbt. Laut Büning gibt es nur noch drei passable, in Paris, Las Vegas und eben in Berlin.

    Der Text ist ganz wunderbar, Nominierungsgefahr liegt in der Luft. Die Autorin berichtet von 5 Musikveranstaltungen, angefangen bei der Revue im Friedrichstadtpalast, über Neuenfels‘ »Tannhäuser« in Essen bis hin zum Kabukitheater im Berliner Haus der Kulturen der Welt.

    Diese 5 Events gehören nicht etwa irgendwie zusammen, nein, sie fanden separat und autark statt. Deren Synopsis funktioniert aber wohl gerade deshalb so wunderbar, weil sie den Text so kontrastreich macht.

    Von der Startseite des Feuilletons grüßt es übrigens knallrot. Nein, nicht schon wieder Cindy McCain. Dreimal sieht man da den Dalai Lama hocken, wie er sich gerade einen roten Sonnenschutz auf den Kopf montiert.

    Ich hätte mir den Text von Nils Minkmar (S. 25) fast gespart, Übersättigung. Ich fing dann doch noch an zu lesen, zum Glück! Es geht viel um Dämonen, Schutzgeister und Orakel. Der Dalai Lama redet sich in Rage, weil vor der Tür Anhänger des Schutzgeistes Shugden demonstrieren, und mit Shugden ist anscheinend nicht zu spaßen.

    Vor verdutztem westlichen Publikum redet sich der Dalai Lama also über diesen Schutzgeist in Rage, und im Publikum staunen Veronica Ferres, Peter Maffay und Liz Mohn.

    Hier können wir noch mal zu Peter Richter schalten, der in seiner Indianerbuchrezension schreibt:

    »Hier saß Karl May in seiner sächsischen Enge und träumte sich in die Prärien, die damals in Deutschland gerade zur Projektionsfläche wurden für ein Bild von Indianern, in dem sich uralte Weisheit und kindliche Unschuld, moralische Über- und militärische Unterlegenheit die Friedenspfeife reichten (also das, wofür im Augenblick die Tibeter zuständig sind).«

  • Lost: 4. Staffel, 10. Folge

    Achtung! Spoiler!
    Episode Title: »Something Nice Back Home«
    Episode Number: 4.10 (#81)
    First Aired: May 1, 2008 (Thursday)
    Deutscher Titel: »Die Operation« (EA 17. 8. 2008)
    Umblätterers Episodenführer (Staffeln 4, 5 und 6)

    Nach der grandiosen Folge mit Ben im Flashforward-Fokus steht dieses Mal Jack im Mittelpunkt, vielleicht eine Licht-und-Schatten-Anspielung der Autoren. Nach der voll gestopften Vorgängerfolge geht es diesmal storytechnisch aber kaum weiter. Es gibt zu viele Momente, in denen man »Zeitspiel!« schreien könnte.

    Von Jacks psychischen Schwächen haben wir schon viel gesehen. Man denke an die zerrüttete Beziehung zu seinem Vater und seiner Ex-Frau sowie an seine Neigung »to fix things«. Heute bekommt er noch einen physischen Schmiss dazu – eine Blinddarmentzündung.

    Die ganze Story um den schwärenden Appendix erschien mir vollkommen irrelevant, aber okay, sie ist vielleicht im weiteren Verlauf von Interesse, doch dafür hätte man nicht die ganze Folge darin baden müssen. Liegt vielleicht auch an mir, denn OP-Szenen kann ich nicht ertragen, es sei denn aus weiter Ferne und wenn Kramer ein Junior Mint in die Wunde schnippst, so wie in der »Seinfeld«-Folge 4.20, »The Junior Mint«, hehe.

    Einspruch Paco, eben über Skype:

    »Bist du noch zu retten! Das ist doch eines der ganz großen ›Lost‹-Themen: DIE ABRUPTE ÄNDERUNG VON MACHTVERHÄLTNISSEN. So wie damals in Folge 3.07, als Ben operiert werden musste und Jack seine Stellung als Operateur mit einem angeblich lebensgefährlichen Nierenschnitt ausnutzte, um Kate & Sawyer freizupressen.

    So eben auch jetzt: Jacks Blinddarm muss raus, er kann sich nun mal nicht selbst operieren, sondern ist auf VERTRAUEN angewiesen. Das bringt Juliet wieder ganz dick ins Spiel, ihr ganzes Ambivalenz-Potenzial.

    Und was passiert? Der toughe Jack will bei der OP wach bleiben, um ein wenig Kontrolle behalten zu können, wird dann aber von Juliet rüde anästhesiert. Sie holt den entzündeten Appendix dann natürlich trotzdem ordnungsgemäß raus, aber wer weiß, wozu ihr dieser Vertrauensbeweis später noch mal nützen wird.«

    Also gut, beiseite mit meiner Jammerei, immerhin sind auch ein paar gigantische Dinge passiert: Jack & Kate, Kate & Jack. Endlich knutschen sie, im Flashforward, und dann folgt auf der Insel, unmittelbar vor Jacks Blinddarm-OP, sein Heiratsantrag, der von Kate auch angenommen wird.

    In der Zukunft außerhalb der Insel leben sie dann auch zusammen, das macht gleich drei der Oceanic Six auf einem Haufen, denn der kleine Aaron ist auch mit dabei. Sawyer habe sich für die Insel entschieden, heißt es zwischendurch lapidar. Das wirft mal wieder die Frage nach den Insel-Ereignissen vor dem Entkommen der Oceanic Six auf.

    Dann bekommen wir noch den Beginn von Jacks Tablettensucht zu sehen, die wahrscheinlich durch die dämonischen Worte von Hurley ausgelöst wird, als Jack ihn in seinem dunklen Loch in der Irrenanstalt besucht.

    Ich erinnere hier an die letzte Folge der dritten Staffel: Jack mit Vollbart und auf dem Weg zu einer Beerdigung, immer das Tablettenröhrchen in Griffweite. Da zeigt sich das traumhafte Konzept der 4. Staffel (das sicher auch die Staffeln 5 und 6 bestimmen wird) – Zukunft und Inselgegenwart nähern sich langsam an, die Spannung steigt. So ähnlich sieht es auch Critique en séries: »les flash forwards sont le meilleur concept de la série car on en a quasiment fini avec les flash chiants«, hehe.

    Kate und Jack ziehen nun also Aaron auf. Wir bekommen Einblicke in einen sortierten Haushalt, Dad liest seinem Sohn vor, während die Kate-Mutter liebevoll lächelnd im Türrahmen steht. Dass das Familienglück zu dritt nicht stabil ist, liegt dann schon am Adoptivsohn – solange man nicht weiß, wie er dazu kam, Kates Sohn zu werden, ist auch das Schlimmste denkbar.

    Aaron ist übrigens das ödeste TV-Serien-Kind ever. Noch nie hat der einen Mucks von sich gegeben. Er sieht im Flashforward gar nicht mehr jung aus, sollte schon sprechen können, tut es aber nicht, man hätte gleich eine Puppe für diese Rolle besetzen können.

    Endlich scheint in ganz kleinen Ansätzen auch durch, warum der Kleine ohne seine eigentliche Mutter Claire die Insel verassen haben könnte. Denn beide irren seit der Attacke der Widmore-Soldaten in der letzten Folge zusammen mit Sawyer und Miles durch den Dschungel, um zum Beach Camp zurückzukehren. Nachts erscheint Claire dann eine Fantasmagorie ihres Vaters (auch Jacks Vater!), der ihren Sohn in seinen Händen wiegt. Am nächsten Morgen ist sie verschwunden, Sawyer kann nur noch den eingewickelten Aaron im Dschungel aufsammeln.

    Eine Parallele hat Claires Vision in der inselfernen Zukunft, wenn auch Jack seinen Vater kurz in Blickweite sitzen sieht. Auch hier ist es spät nachts, im Krankenhaus, kurz nachdem ihm Hurley seine Prophezeiung zugeraunt hat.

    Vor Claires Verschwinden kam es übrigens wie nebenbei wieder zu einer dieser ultragruseligen »Lost«-Szenen. Die Flüchtenden passieren die Stelle, an der Rousseau und Karl verscharrt wurden, nachdem sie der Keamy-Trupp erschossen hat. Miles hat dort einen seiner medialen Momente, er spürt die Geister der Toten, und dann sieht man die grauen Gesichter unter dem Staub. Das ist fast eine Genreszene, so schaurig wie damals in Folge 3.14, als Paolo und Nikki aus Versehen lebendig begraben wurden.

    Überhaupt hatte diese Episode zu viele dunkle Settings: das OP-Zelt, Kates und Jacks Appartement, Jacks Krankenhaus und die Irrenanstalt, in der ein scheinbar immer dicker werdender Hurley herumhockt. Freuen wir uns also auf die nächste Folge, auf irgendeine Sonnenschein-Szene mit creepy Ben in hellen Chinos.

  • Darf man das lesen? (Teil 12): »The Daily Reckoning«

    »In a surprising flash of crass commercialism, I interrupt this newsletter to introduce the latest ›gotta have it‹ item from Mogambo Interstellar Enterprises (MIS), which is a new diet program based on the idea that if you are always too frightened to eat or keep food down, then your caloric intake is reduced, and you should lose weight. Easy and brilliant!

    This caloric-attenuation regimen is scientifically paired with an aerobic, cardio program to insure that you get a terrific exercise workout from merely cleaning up your own puke all the time.« (25. 4. 2008)

    So liest sich der Mogambo Guru bei dailyreckoning.com, dem einzigen Newsletter, auf den ich mich freue. Der Mogambo Guru ist ein Goldbug. Und Goldbugs denken, dass bald schon – morgen, übermorgen oder eben einfach bald – das Finanzsystem zusammenbrechen wird und es vorbei sein wird mit dem breiten Wohlstand.

    Sie denken das schon seit vielen Jahren (gut, der kontinuierliche Goldpreisanstieg gibt ihnen Recht), und dann wird Papiergeld keinen Pfifferling mehr wert sein, und das einzige richtige Geld wird, genau: Gold sein.

    Welche Einstellung man auch immer zum Zustand des Währungs­systems haben mag, darum geht es erst in zweiter Linie. In erster sind da die »Angry Mogambo Tirades« (AMT), und manchmal wird er ganz schön böse und ballert diese herrlichen Abkürzungen heraus, so wie seine im Eingangszitat vorgestellte Diät, the Mogambo Diet Plan (MDP), entwickelt von den Mogambo Nutritional Laboratories (MNL), vorgestellt in the Rude Way Of The Mogambo (RWOTM) im Shadow Of A Freaking Doubt (SOAFD).

    Und neulich gab es dann zur Abwechslung mal eine Ladung Immortal Mogambo Poetry (IMP). Herausgekommen ist dieses Gedicht, »which doesn’t have a title yet, but the opening stanza is:«

    The governments have firepower out the wazoo,
    Looking for something to do.
    One of these days, in dozens of ways,
    They’ll be coming after you, too, and you’ll be in deep doo-doo.

    Diese naive Gelegenheitslyrik erinnert mich an einen der schönsten Dichtunfälle im öffentlichen Raum, ein Gedicht, welches dem »Café P.« des Panoramamuseums in Bad Frankenhausen gewidmet ist (Paco hat es vor Jahren mal für satt.org interpretiert).

    Bleibt die Herkunft der naiven Dichtung des Museumscafés ungeklärt (mittlerweile ist es auch von der Homepage verschwunden), so schenkt uns der Mogambo Guru wenigstens reinen Wein ein und erklärt:

    »Well, those who have any familiarity with poetry whatsoever recognize right away that I have absolutely no talent, and it is obvious that I spent less than twenty seconds writing it, including thinking up the original idea, writing it, re-writing it, then editing it before giving it that final polish that turns it into a shining gem of literature.«

    Vielleicht hätte ich mir auch nur 20 Sekunden Zeit nehmen sollen, um zu sagen, dass man dailyreckoning.com mit gutem Gewissen lesen darf.

  • Die FAS vom 27. 4. 2008: Drei Frauen, drei Generationen, drei Artikel

    Volker Weidermann mag »Taxi«, das neue Buch von Karen Duve, und hat sie in ihrem zum Wohnhaus umfunktionierten Bahnhof in Blangenmoor bei Brunsbüttel besucht. Locker schreibt er über die Reise in den Norden, die Landschaft und Abgelegenheit des Ortes und die energische Bulldogge der Autorin (S. 25).

    Hinterm Haus, am Teich mit den Molchen, zwischen Vogelgesang und Sonnenschein, dann mal was über das Menschenbild der Autorin:

    »Vor allem die eine Hälfte des Menschentums steht im Fokus ihrer Verachtung: Männer. Ein Mann übersteht die Karen-Duve-Lektüre nicht unbeschadet.«

    V. W. scheint die Lektüre überstanden zu haben. Allerdings bleibt mir in diesem durchweg guten Text unklar, was er an dieser Geschichte über die Menschen verachtende Taxifahrerin Alex Herwig so besonders findet.

    »Fahrgäste waren Gesindel. Reiche Fahrgäste waren vergoldetes Gesindel. Nette Menschen fuhren nicht Taxi.«

    Das wirkt eher aufgesetzt als provokant. Außerdem, bei ›Taxi‹ denkt man ›Driver‹, vor allem, wenn es sich um Taxistas handelt, die von ihrem Umfeld angewidert sind. Und gegenüber Travis Bickle und seinem »some day a real rain will come and wash all this scum off the streets« klingt »Taxi« ein bisschen nach Lightversion. Pufftouren im Mercedestaxi in Hamburg, denn männliche Taxiinsassen scheinen ständig in den Puff zu fahren. Aber gut, die Frau hat 13 Jahre in diesem Gewerbe gearbeitet und wird es wissen:

    »Die ersten drei Jahre waren okay, die letzten zehn hätte es nicht unbedingt gebraucht.«

    Vom »low« des Taxifahrerdaseins zum »high« der Society, Cindy McCain. Nach der Berichterstattungsflut über Hillary und Obama und Obama und Hillary nun mal was zur Frau des republikanischen Kandidaten John McCain. Anstatt 13 Jahre Taxi gefahren zu sein, wurde sie mit 14 Jahren Rodeoqueen und zur bestangezogenen Schülerin gekürt, und gut angezogen erscheint sie auch noch heute.

    Ansonsten der klassische konservative First-Lady-Typ, philanthropisch, Mutter, Support im Hintergrund, alles nicht so spannend. Aber die Seite sieht schön aus, das Foto, die McCain im roten Kostüm, am rechten Bildrand, und hinter ihr nur der rot-weiße Teil der Stars & Stripes, sehr rot, so wie auf Seite 4, da wird Sigmar Gabriel im Comicformat porträtiert, und zwei Seiten weiter gibt es vier Bilder eines Embryos, ebenfalls rot, sehr intensiv. Nicht umsonst ist die FAS erneut unter den vier »world’s best-designed newspapers«.

    Und, um das hier mal »gender biased« abzurunden, noch eine Generation weiter, wieder eine Frau, Leonora Carrington (s. Wikipedia). Es geht in dem Text von Monika Maron überwiegend um Carringtons Roman »Das Hörrohr« (EV 1974), der jetzt in 5. Auflage erscheint. Darin bekommt eine eigentlich taube, alte Frau ein Hörrohr geschenkt, erfährt auf diese Weise, dass sie von ihrer Familie ins Altenheim verbannt werden soll und schmiedet sofort Ausbruchspläne.

    Das Altenheim heißt »Die Bruderschaft zur Quelle des Lichts«, und das Buch endet in einem surrealistischen Desaster. Leonora Carrington ist auch Malerin und stellte 1938 zwei Bilder in der Pariser Surrealismus-Ausstellung aus. Seit den 40er-Jahren lebt sie mit kurzen Unterbrechungen in Mexiko.

    Viele der anderen Artikel in der FAS handeln übrigens von Männern, so wie der von Joachim Lottmann zum Film »Iron Man«.