Autor: Dique

  • Felsgrottenmadonna, ick hör dir trapsen

    Ich lese gerade den Ausstellungskatalog der leider von mir verpassten ArcimboldoAusstellung in Wien (und Paris). Sehr, sehr, sehr schöner Katalog, und Arcimboldo ist so much more than the famous composite heads (immer mit dazu sagen, ein wichtiger Satz, um sich Bourdieu-mäßig abzugrenzen).

    Er hat auch sehr, sehr schöne Tierzeichnungen gemacht, fast so fein wie Hoffmann, dem er vielleicht sogar begegnet ist am sogenannten Hofe Rudolfs II. Es gibt von ihm Studien von Wildschweinen, Vögeln, Reptilien, aber auch Kostümentwürfe und Kurioses wie z. B. eine study of a featherless three-footed chicken.

    Wobei er eher von Leonardo beeinflusst war, und der hat ja eh alles gezeichnet, was nicht bei drei auf den Bäumen war, mal ein schöner Prollspruch in einem solchen Zusammenhang, hehe. Arcimboldo stammte eben aus Milan, und dort war Leonardo ja auch über 10 Jahre bei den Sforza beschäftigt und versprühte seinen Rieseneinfluss auf die Milaneser Maler.

    Einer davon ist Bernardino Luini, der wohl sogar direkt mit ihm gearbeitet hat. Auf den ganz besonders steht übrigens San Andreas, der einzigartige Filmkritiker des Umblätterers, seit er mal The Virgin and Child in a Landscape in der Wallace Collection gesehen hat.

    Luini malt eindeutig Leonardo-Augen, und genau da ist seine Herkunft extremst und superst deutlich sichtbar. In Berlin würde man sachlich bemerken: »Felsgrottenmadonna, ick hör dir trapsen«, und das nicht erst seit Dan Brown. Aber das hatten wir ja neulich schon mal in einem größeren Kreis diskutiert, wo auch irgendjemand Ahnung zu haben schien und das alles abstritt.

  • Don’t Be Such a Tourist

    Letzten Sonntag wie immer die FAS gekauft und dann nicht ein Stück davon gelesen, weil ich »Brideshead Revisited« von Evelyn Waugh nicht aus der Hand legen konnte.

    Ein mindestens wundervolles Buch, und Waugh schreibt einfach superst. Es geht um eine Jungen-/Männer-Freundschaft in Oxford, der eine aus einer noblen Familie und der andere einfach nur normal wohlhabend. Es spielt Anfang 19.20. Jahrhundert und beschreibt den langsamen Verfall der Upperclass-Familie des einen Burschen. Es gibt aber verschiedene Zeitebenen und handelt in aller Welt, es ist also kein lahmes Oxford-Burschen-Drama.

    Ok, lange Rede und extremst kurzer Sinn, eigentlich wollte ich nur meine Freude über dieses Zitat teilen:

    »Oh, Charles, don’t be such a tourist.«

    Das sagt Sebastian, als Charles bei seinem ersten Besuch auf Brideshead Castle wissen will, ob irgendein Dach der Familienkapelle zur gleichen Zeit wie das Gebäude erbaut wurde.

    Mir passierte noch ein kleines Verhör-Malheur à la »Der weiße Neger Wumbaba«. Es gibt nämlich »Brideshead Revisited« als BBC-Serie (von 1981) und ich schaute mal in die erste Folge rein. Das sah alles sehr gut aus, Jeremy Irons spielt Charles Ryder, und auch Anthony Andrews als Sebastian Flyte scheint gut getroffen. Ich hielt es nur nicht lange durch, weil die Dialoge und auch der Off-Kommentar direkt dem Buch folgen, es also mehr oder weniger eine Bebilderung des gerade Gelesenen für mich bedeutete.

    Jedenfalls dachte ich irgendwie, dass die nicht Brides–head sagen, sondern Bride–shead, und ich habe das einfach mal geglaubt. Bis ich dann später ein paar Leute traf, die gerade vom Christie’s Preview kamen. Sie hatten sich den 36-karätigen Blauen Wittelsbacher angesehen, der dort zur Versteigerung anstand.

    Ich erntete jedenfalls ungläubige Lacher, als ich behauptete, dass es Bride–shead heißt und nicht Brides–head, und das war peinlich, zumal ich erst neulich mehrfach »Vril« verstanden hatte, wo doch einfach von »Drill« die Rede war.

    Der Blaue Wittelsbacher kam dann ein paar Tage später unter den Hammer, für ca. 16 Millionen Pfund, das beste Ergebnis für einen Naturstein ever, und ich hoffe, wenigstens das stimmt jetzt so wie von mir behauptet.

    Heute Morgen habe ich dann natürlich wieder die FAS gekauft, und auch diesmal wird sie wohl nicht so richtig gelesen werden können, denn die Konkurrenz ist auch heute gut, ich lese gerade endlich mal Lottmanns »Zombie Nation«, wegen dessen steigender literaturhistorischer Bedeutung.

  • »Der Cortez«

    San Andreas lässt uns immer noch warten auf die erste weblogtaugliche Werkmonografie der Coen-Brüder. Also weiter mit den Überbrückungstexten, heute geht es um Leo Perutz, gerade gelesen, den ersten Roman, »Die dritte Kugel« (1915). Wenn man Tucholsky und der Blogosphäre glaubt, ist es ein »hübsches« und »nettes« Buch, zudem ist es auch noch, soviel nehme ich vorweg, ein wunderbares Buch.

    Es passt fast schon wieder in die Alternate-History-Richtung, wenn auch nicht ganz. Es geht um ein paar Deutsche, welche schon vor Cortez im Aztekenland herumlungern. Sie werden vom Wildgrafen zu Grumbach geführt und balgen sich da mit den Konquistadoren. Sehr bizarr, wie diese Deutschen dort auf einer Bergkuppe verschanzt von Cortez belagert werden. Allein die Namen der deutschen Bauern, denn es sind Bauern, die mit dem Grumbach von Deutschland in die Neue Welt gezogen sind, haben einen wunderbaren Klang: Mathias Hundt, Peter Dillkraut, Stephan Eberlein, Melchior Jäcklein und noch einige mehr.

    Historisch gesehen ist es der letzte Rastplatz der Eroberer vor dem Einmarsch in Tenochtitlán, der von Wasser umgebenen Hauptstadt der Azteken. Und just hier hat Perutz den Grumbach hingestellt, welcher den Spaniern das Leben schwer macht und das nicht mal wegen irgendwelchem Gold. Das Ganze hat auch eine magische Ebene, nicht nur weil der Grumbach in seiner Hütte den Teufel heraufbeschwört. Borges war übrigens auch Perutz-Fan oder hat ihn zumindest gelesen.

    Perutz wählt eine historisierende Sprache, schreibt zum Beispiel ständig von Arkebusen statt Gewehren, und die Personen werden immer mit Artikel geführt, also »der Cortez« oder »der d’Olio« und natürlich »der Grumbach«. Das liest sich dann so:

    »Thonges hol deine Klotzgeigen! Lienhard, sollst blasen auf deiner Sackpfeif‘, ich will dazu die Trommel schlagen. Jetzt springt und werft die Beine in die Höh‘, dass euch das Stroh aus den Stiefeln fliegt!« Und der Grumbach fand einen dicken Prügel in einem Winkel der Stuben, mit dem begann er wild auf einen von den tönernen Weinkrügen loszuschlagen, als hätt‘ er eine Trommel zwischen den Beinen.

    Das ist alles sehr, sehr gut und, wie gesagt, wunderbar.

    Erst kürzlich las ich die Rowohlt-Mono über den Cortés. Der hatte ja eine indianische Übersetzerin, welche auch seine Geliebte war, La Malinche, die eigentlich Malintzin geheißen hat. Bei Perutz kommt sie leider nicht vor, aber es gibt eine ähnliche Figur, eine junge Indianerin, Dalila, welche von Grumbach mitgeführt wird, allerdings nicht zum Dolmetschen, und wie man erfährt, kann der Grumbach die Sprache einigermaßen, denn er befindet sich schon seit zwei Jahren bei den Azteken.

    Ohne die Hilfe der Malinche hätte Cortez sicher niemals die Stämme gegeneinander ausspielen können. Angeblich haben einige Indianer den Cortés sogar ›Captain Malintzin‹ genannt. La Malinche gebar dem Cortés übrigens einen Sohn, heiratete aber irgendwann einen anderen Spanier aus seiner Mannschaft und ward nie mehr gesehen.

    Es bleibt spannend.

  • Nach dem Krieg

    Keiner hatte mehr damit gerechnet, aber Pacos »Aspects of Die Wohlgesinnten« hat jetzt nach 10 Teilen doch noch ein Ende gefunden. Passend dazu lese ich gerade endlich Dicks »The Man in the High Castle«, und da gibt es ja das alternative history book (»The Grasshopper Lies Heavy«) im alternative history book, in dem jemand beschreibt, wie die Welt wäre, wenn denn die Deutschen nicht den Krieg gewonnen hätten. Darauf sagt dann irgendein Ami (Wyndam-Matson) zu seiner Freundin, die von dem Buch begeistert ist:

    No strategy on earth could have
    defeated Erwin Rommel.

    Doch eigentlich inspirierte mich zur Lektüre des Buches der letzte Roman von Christian Kracht, denn das Reduit ist ja wohl das High Castle der High Castles.

    Den immer noch aktuellen »Spiegel« (47/2008) habe ich auch noch gelesen, gleich zuerst die Titelstory über die Weltkrise. Das Gute ist, dass dieser Titel das beste Zeichen dafür ist, dass die Krise bald vorbei ist. Denn auf den großen Ausbruch von Ebola warte ich auch schon seit Anfang der 90er, und nach den damaligen »Spiegel«-Artikeln zu urteilen, war es nur eine Frage von Monaten, hehe, also bleibt dieses Mal hoffentlich auch der richtig große Crash, der noch kommt, aus.

    Dann habe ich diese Woche tatsächlich noch ein paar Fantômas-Filme gekuckt, aber lange hält man das nicht aus.

    Dann noch den neuen Bond. Daniel Craig ist der schlechteste Bond ever, der Beckham-Bond oder einfach Proll-Bond, ohne Witz, ohne Charme und ohne Bond, der ganze Film erscheint wie ein ultra-schlechter Teil der »Bourne«-Reihe. Da sind auch noch die letzten Bond-Elemente herausgewaschen worden.

    Dann war ich eben noch in der neuen Ausstellung der National Gallery, »Renaissance Faces: Van Eyck to Titian«. Das ist ein bisschen ein Nepp, weil zwei Drittel der Bilder eh in der NG hängen, aber wie schreibt Brian Sewell richtig in seiner ES-Kolumne:

    no matter how many times we have all paused to examine Holbein’s Ambassadors and Jan Van Eyck’s Mr and Mrs Arnolfini with Fido at their Feet, we shall still find something in them.

    Natürlich gibt es auch ein paar neue Stücke zu sehen, einen ganz neuen Pontormo zum Beispiel, sehr schönes Ding und schaffte es auf das Cover des aktuellen »Burlington Magazines«. Und dann noch, wenn auch nicht neu, mal wieder das vermeintliche Eyck-Selbstportrait mit rotem Turban. Der Turban ist einfach mal der Wahnsinn, das Bild hängt ja auch offiziell in der NG, und ich kenne es ganz gut, aber heute habe ich einfach diesen Turban gefeiert.

    Dann noch »Headlong« von Michael Frayn zu Ende gelesen und für gut befunden, die letzten 400 Seiten des 400-seitigen Buches las ich nahezu in einem Rutsch. Ein Roman über einen Typen, der einen Bruegel findet oder vielleicht auch nicht, jedenfalls tief in das Thema eindringt, und damit bekommt diese Fiktion einen breiten sachbuchigen Hintergrund über niederländische Malerei und natürlich Bruegel im Besonderen.

    Das Buch ordnet sich wunderbar ein zwischen Philip Moulds »Sleepers« und Jonathan Harrs »The Lost Painting«, den beiden anderen großen Büchern über die Lust am Finden verschollener Altmeistergemälde.

    Usw.

  • Von Enzensberger zu Hans Hoffmann: Der rote Pullunder und der fein gemalte Igel

    Heute ein bisschen Starkult, wir gehen in Tom’s Restaurant auf der Upper West Side frühstücken. Es ist das Seinfeld-Diner (Monk’s Cafe), jedenfalls von außen, die Innenaufnahmen wurden woanders gedreht. An den Wänden hängen ein paar signierte Devotionalien, ansonsten ist es ein eher typisches Diner, und wir essen Eggs Benedict.

    Der »Spiegel« kostet hier etwas über 8 Dollar, und man bekommt ihn am besten in irgendeinem Universal Press Store, von welchen es leider zu wenige gibt. Für die aktuelle Ausgabe (45/2008) haben sich Matthias Matussek und Markus Brauck mit Hans Magnus Enzensberger in dessen Münchner Wohnung getroffen (S. 76-78).

    Die Konstellation Matussek/Enzensberger erlebten wir ja auch neulich im »Kulturtipp« (Folge 63, Trivia), als der SPON-Vlogger ebenfalls bei Enzensberger vorbeischaute, um sich nach dem Verbleib von ›Ding‹ zu erkundigen und auch Hinweise bekam.

    Dieses Mal geht es bei der Begegnung aber um den Crash der Weltwirtschaft, das Chaos an den Börsen und die Krise des Kapitalismus. Passend zum Thema trägt Enzensberger einen blutroten Pullunder, und das erinnert mich an eines dieser wunderschönen Fotos von Tina Barney.

    Wäre das Autorenfoto tatsächlich von ihr, würde es sicher den Titel »Der rote Pullunder« tragen und würde sich wunderbar in ihre »The Europeans«-Arbeiten einreihen. (Man vergleiche »The Yellow Wall«.) Das Enzensberger-Bild hat eine ähnlich »oszillierende Stille« und Ausgewogenheit wie ihre Portraits.

    Enzensberger braucht eine Weile, bis er sich bei seinem Auftritt im Wirtschaftsfeuilleton des »Spiegel« wohl fühlt und beginnt skeptisch und zurückhaltend:

    »Warum fragen Sie mich? (…) Ich habe noch nicht einmal Geld verloren. Also warum fragen Sie ausgerechnet mich?«

    Das anfängliche Zögern weicht dann aber schnell der abgeklärten Analyse und einer gehörigen Portion Marx:

    »Das ist doch grandios. Das ›Kapital‹ war immer ein tolles Buch. Stark in der Analyse, schwach in der Prophezeiung. Und im Kalten Krieg hätte ein solcher Satz noch einen Skandal ausgelöst. Heute dagegen kann der Kapitalismus damit sehr gut leben. Die Kritik ist es doch, was ihn am Leben hält. Hätte es die nicht gegeben, wäre er schon längst an die Wand gefahren.«

    Die Tina-Barney-Assoziation schreit eigentlich nach einem Besuch des Museum of Modern Art, denn dort sollen ein paar ihrer Fotos hängen. Vor dem MoMA stehen aber leider immer irgendwie Schlangen und außerdem müssen wir noch mal ins Met, allerdings nicht, ohne uns vorher noch die Adele Bloch-Bauer von Klimt in der »Neuen Galerie« anzusehen.

    Die »Neue Galerie« wurde von Ronald Lauder gegründet und widmet sich moderner Kunst aus dem deutschsprachigen Raum, neben Klimt und Schiele gibt es auch viele Objekte der Wiener Werkstätten. Der Teil, in dem normalerweise die Sammlung der deutschen Expressionisten hängt, ist mit einer Alfred-Kubin-Sonderaustellung belegt, also kein Kirchner heute.

    Umso schneller gelangen wir ins Met und sehen uns endlich, wie angekündigt, die 300 ausgewählten Montebello-Ankäufe aus 30 Jahren an. Die Ankündigung in der New York Times hatte nicht zu viel versprochen, es handelt sich tatsächlich um »a wonder-cabinet situation, an exercise in proprietorial pride, an unabashed, if surprisingly low-key, display of fabulousness«.

    Wir staunen uns durch die Räume, die kleine Duccio-Madonna ist sicher der größte Hit, 45 Millionen Dollar waren vor einigen Jahren für dieses um 1300 entstandene Werk bezahlt worden. James Beck, der Gründer von ArtWatch, bezeichnete das Stück in seinem Buch »From Duccio to Raphael. Connoisseurship in Crisis« als Fälschung, blieb mit dieser Meinung aber relativ allein, und wir wollen ihm auch keinen Glauben schenken.

    Wir gehen dann weiter, und es gibt einige Wände mit Altmeisterzeichnungen, Leonardo, Bronzino, Parmigianino, und sogar eine von Jacques Bellange! Und dann passiert das Erstaunliche, ein paar Meter weiter an der gleichen Wand erweckt etwas meine Aufmerksamkeit, und ich nähere mich ungläubig der kleinen Gouache eines Igels, und dann gibt es keinen Zweifel mehr: Es ist ein Hans Hoffmann.

    Hoffmann ist der wohl wichtigste Vertreter der so genannten Dürer-Renaissance und war im späten 16. Jahrhundert bei Rudolf II. in Prag tätig. Bekannt ist er vor allem durch seine feinen aquarellierten Tierzeichnungen, darunter einige Kopien, aber auch eigene Erfindungen.

    Mehrere seiner Hasenbilder wurden in den letzten Jahren für hohe Summen versteigert. 2001 wurde in New York ein Hase, am Waldrand sitzend, für $2.4 Mio. an das Getty Museum verkauft, und Anfang dieses Jahres ging eine wunderschöne Kopie von Dürers Feldhasen bei Lempertz in Köln unter den Hammer. Und zwar ohne Skandal, obwohl sich dieser Feldhase ursprünglich in der Kunsthalle Bremen befunden hatte – nach dem Krieg geriet er dann »in die Hände der Russen – und war weg« (FAZ).

    Der Hase tauchte unter dubiosen Umständen wieder auf und, ziemlich einmalig in so einem Fall, die Bremer ließen die Auktion durchgehen und kassierten dafür die Hälfte der ca. 700.000 ersteigerten Euro.

    Wir bestaunen den wunderbaren Hoffmann-Igel und denken an unseren Lieblingssatz von Vasari, der natürlich einem anderen Zusammenhang entstammt und andere Werke meint:

    »Diese werden von all denjenigen, die sich mit derartigen Dingen auskennen, wahrlich für wunderschön gehalten.«

    Beim Abendessen erzähle ich einem befreundeten Kunstexperten von dem fein gemalten Igel im Met und will gerade noch die Postkarte zeigen, welche ich mir davon mitgenommen habe, da winkt er schon ab, denn nach seiner Ansicht sei das Bild nichts als eine Fälschung.

    Es gebe zwei findige Italiener, die diese Art von Tiergouachen in hoher Qualität herstellen, in Renaissance-Rahmen fassen und dann verkaufen, und da komme es schnell mal zu Fehleinschätzungen bezüglich der Echtheit.

    Mit einem Indianerblick à la Larry David versuche ich diese Aussagen im Gesicht meines Gegenübers zu verifizieren, aber es gelingt nicht, und niedergeschlagen kaue ich auf meinem Steak, American Beef French Style im Les Halles, Empfehlung von San Andreas und sogar aus Vor-Zagat-Zeiten, er besitze sogar ein Kochbuch des ehemaligen Chefs, Anthony Bourdain.

    Bourdain ist ein rechter Rüpel, nachzulesen in seinem Wikipedia-Artikel. Er hat mal eine Kobra gegessen (komplett mit noch schlagendem Herzen), das Rektum eines Warzenschweins sowie den Augapfel eines Seehunds. Das Ekligste, das er je gegessen hat, war aber nach eigener Aussage ein Chicken McNugget.

    Usw.

  • New Yorks verschwundene Buchläden und ein Besuch bei Sokrates

    Georg Baselitz besitzt eine der besten Sammlungen manieristischer Druckgrafik, und über diese Sammlung gibt es das wunderschöne Buch »La Bella Maniera«, in welchem mir besonders die Stiche von Jacques Bellange ins Auge fallen.

    Bellange ist ein Spätmanierist der Schule von Fontainebleau, und man weiß fast nichts über ihn. Seine Gemälde sind fast gänzlich zerstört, doch gibt es ca. 50 Stiche und einige Zeichnungen. Leichtschwebende figürliche Überlängungen, und das ist keine Kopiererei wie so häufig bei den späten Fontainebleau-Malern, sondern Handschrift und Erfindungsreichtum.

    Bei bookfinder.com fand ich dann einen Ausstellungskatalog, »The Etchings of Jacques Bellange«, und weil der Laden in New York residiert, wollte ich also persönlich vorbeigehen, um das Stück zu erwerben.

    Aber 1 University Place ist ein Apartment House, und da steht nichts von »Design Books«, wie der Laden heißen sollte. Ich habe natürlich auch die Telefonnummer nicht mitgenommen und stehe dumm da, frage aber trotzdem den Doorman und irgendeinen semi-uniformierten Delivery Man, ob sie vielleicht eine Ahnung haben.

    Der Doorman hat keinen Schimmer, doch der Delivery Man sagt, dass die hier vor ca. 8 Jahren einen Laden gehabt hätten, »you’re eight years late, man«, sagt er und setzt nach einer kurzen Pause hinzu: »But if you want a book, why don’t you go to Barnes & Noble?« – »I’m not here because I want a book, you moron!«, sage ich dann aber nicht.

    Wahrscheinlich operiert Design Books nur noch online. Aber weil wir einmal da sind, gehen wir gleich zur nächsten Adresse, denn hier im Umkreis der NY University gibt es einige interessante Buchläden. Über »12th Street Books« habe ich zum Beispiel noch gelesen, und tatsächlich gibt es unter der Adresse einen Laden, oder wenigstens die Überreste eines solchen, denn an der baumelnden Sonnenblende steht mit Sprühfarbe, dass sie nach Brooklyn umgezogen sind. Was für ein Tag.

    Ein paar Straßen weiter dann die Rettung, »Strand Bookstore«. Motto dieses Ladens: »18 Miles of Books«, und genau so sieht es hier auch aus. Stunden später fällt uns ein, dass wir eigentlich endlich mal ins Metropolitan Museum of Art wollen, und wir lassen die Büchermeilen zurück, jeder ein paar Bändchen unterm Arm, wenn auch nicht den Bellange-Katalog.

    Das Met schließt schon 17:30 Uhr, also haben wir keine Zeit für lange Lunches, und deshalb gibt es nur einen Oh Henry! Candy Bar, exakt den gleichen, den Sue Ellen Mischke, »the braless wonder«, in der Seinfeld-Episode »The Caddy« (7. Staffel, 12. Folge) in Jerrys Wohnung hinterlässt, also das Einwickelpapier, welches dann Jerry verrät, woraufhin folgender Dialog beginnt:

    Kramer: I see. Yes. Little Miss Candy Bar paid a visit, didn’t she?
    Jerry: Kramer, it is not what you think.
    Kramer: Ahhhhh! I know what I think. I think you’re gaga over this dame. She’s twisted you around her little finger, and now, you’re willing to sell me, and Elaine, and whoever else you have to, right down the river.
    Jerry: And what about you! Tryin‘ to bilk an innocent bystander out of a family fortune, built on sweat and toil, manufacturing quality Oh Henry! candy bars, for honest, hard-working Americans!
    Kramer: You’re just out for sex!
    Jerry: You’re just out for money!
    Kramer and Jerry (together): Ahhhhh!

    Die erdnussigen Riegel schmecken übrigens super, besser als Snickers, und als ich zu San Andi sage, dass ich mir davon einen Koffer mitnehmen werde, sagt er, dass ich dann auf komische Fragen der Zollbeamten sagen kann: »This is my Oh Henry! Candy Bar Fortune«, hehe.

    Im Met rennen wir dann so schnell es geht zum »Sokrates«-Bild von David. Wir wünschten, Sébastien2000 wäre bei uns, der beste aller Speed Guides, oder dass wir wenigstens diese hässlichen, aber bequemen MBT-Schuhe tragen würden, die wir in Rom getestet haben. Im Zuge der Finanzkrise hat aber auch Sébastien2000 zu kämpfen, wie er per E-Mail mitteilt, macht er im Augenblick deutlich weniger Touren.

    Sokrates sitzt auf dem Bett, und einer seiner Schüler reicht ihm den Schierlingsbecher. Der Becherüberreicher und auch die anderen Schüler befinden sich in dramatischen Posen der Fassungslosigkeit. Angeblich soll Sokrates am Vorabend seines Todes noch Gedichte verfasst haben. Auf die Frage eines Schülers, wie er denn zu diesem Zeitpunkt anfangen könne, Gedichte zu schreiben, obwohl er das vorher noch nie getan habe, antwortete der weise Mann: »Wann soll ich es denn sonst machen«, oder so ähnlich. (Anekdote)

    Ansonsten gibt es im Met irgendwie alles, ein Rausch, mehrere dieser frühen Caravaggios mit lüsternen Knaben, die er für den frivol-dekadenten Kardinal del Monte (für die Betonung des Namens bitte die Hughes-Doku kucken) anfertigte, und gleich fünf (von denen wir nur vier sehen) der 36 oder 37 bekannten Vermeer-Bilder.

    Wir haben uns zeitlich völlig vertan, und weil wir hier und heute eh nicht mehr viel reißen können, verziehen wir uns auf die Dach­terrasse, auf der wir von einem dieser erzhässlichen Jeff-Koons-Ballonhunde begrüßt werden, dafür gibt es aber eine schöne Aussicht über den Central Park.

    Und wenn ich endlich einen iPod hätte, würde ich jetzt »How fortunate the man with none« von Dead Can Dance hören, in dem Brendan Perry folgende Strophe singt:

    You heard of honest Socrates
    The man who never lied
    They weren’t so grateful as you’d think
    Instead the rulers fixed to have him tried
    And handed him the poisoned drink
    How honest was the people’s noble son
    The world however didn’t wait
    But soon observed what followed on
    It’s honesty that brought him to that state
    How fortunate the man with none

    Abendessen in China Town, im Wo Hop, welches im Zagat (ohne den geht San Andreas nirgendwo mehr rein) als »the basement from hell« angekündigt wird, und außerdem wird eine Brücke zu Woody-Allen-Filmen geschlagen, die ich nicht verstehe, anyway, »the food is excellent«, steht auch im Zagat und stimmt, besonders die Fried Dumplings.

  • In der Frick Collection: Wie von Neo Rauch, nur in gut

    Bevor wir ins Theater zu den »39 Steps« gehen, sehen wir uns nach dem Frühstück noch die Frick Collection an, welche stark an die Wallace Collection in London erinnert und, wie ich später bei Wikipedia lese, wurde Henry Clay Frick, der die Kunstwerke zusammengetragen hat, in der Tat von einem Besuch in selbiger Sammlung zu seiner eigenen Kunstvilla inspiriert.

    Auch die Themenwahl ist ähnlich, es gibt da einen Fragonard-Saal, viele dieser schönen pompösen englischen Portraits von Gainsborough, Lawrence und Reynolds, ein paar schöne Turners und gleich 3 Gemälde von Vermeer. Aber eben kaum Religiöses oder Militärisches, Themen, die auch der Marquis von Hertford nicht in seiner Sammlung haben wollte.

    San Andreas erwähnte bereits das Thomas-More-Portrait von Holbein, welches das Publikum mitunter geschlossen auf die Knie fallen lässt, und gleich gegenüber hängt das vielleicht spektakulärste Werk der Sammlung, der »St. Francis« von Giovanni Bellini. Die New York Times schrieb dazu im Oktober 1915, kurz nachdem Frick es für $250.000 gekauft hatte [PDF]:

    When the painting was shown in the Old Masters‘ Exhibition at Burlington House the London critics greeted it with enthusiasm. Sir Sidney Colvin said of it: »It is perhaps the most important page of imaginative landscape painting produced in Italy in the late fifteenth century, and, moreover, is wholly original and exceptional in its treatment of the theme.«

    And original it is, in warmem gelblichem Ton, der heilige Franz steht aufrecht vor seiner Höhle, die ausnahmsweise hell und wohnlich erscheint und vor der sich ein eingezäunter Steingarten befindet, ein imposanter Esel steht auf der Wiese und man sieht sogar eine Schnur für die Türklingel. Im Hintergrund, gar nicht weit weg, ist die Stadt, und über den Himmel ziehen Kumuluswolken, farblich sieht es von weitem sehr modern aus, wie von Neo Rauch, nur in gut, und das um 1480.

    Die gelbe Sonne spendet spätherbstliche Wärme, doch wir müssen ins dunkle Theater, »The 39 Steps«, wie erwähnt. In der Pause gehe ich zum Restroom, vor dem sich eine Schlange aufreiht. Vor mir ein freundlicher Herr im McCain-Outfit, graue Hose, marineblauer Blazer, und der sagt zu mir, in breitem amerikanischen Englisch: »It’s like a poker game!« – »Like a poker game?« – »Full house, waiting for a flush!«

    Naja, zumindest das Stück war hilarious, aber das wissen wir ja schon von San Andreas. Wir gehen dann doch noch mal zum Central Park und stehen am Jackie Kennedy Onassis Reservoir und schauen aufs Wasser. Neben uns spricht irgendein Jogger mit zwei Frauen. Er verabschiedet sich gerade und ruft den beiden im Weggehen hinterher: »And please, if you possibly can, vote for Obama!«

    Und wir waren noch immer nicht im Metropolitan Museum of Art …

  • Babylon, BBQ und ein Éclair

    Ankunft JFK. Fast eine Stunde an der Passkontrolle, Lektüre »Persian Fire« von Tom Holland:

    »Immigrants, whether slaves and exiles or mercenaries and merchants, thronged the streets of Babylon – history’s first truly multicultural city. Even after the loss of her independence to Cyrus, she had remained the Near East’s supreme melting-pot, her streets filled with a thousand different tongues, the roaring of exotic animals and the flashing of strange birds …«

    Dann endlich mit dem AirTrain nach Howard Beach und von dort mit der Metro nach Manhattan, dort treffe ich San Andreas an 42nd Street Ecke 8th Avenue. Gleich weiter in die Pharmacy auf der anderen Straßenseite, um mit Paracetamol versetzten Hustensaft gegen die anklingende Erkältung zu kaufen. Leider gibt es mein bevorzugtes All-in-One von Beechams nicht und ich beginne mich mit einem vergleichbaren Produkt zu kurieren.

    Wir gehen dann ins Daisy May’s zum Abendessen, laut dem Zagat (den schleppt San Andreas tatsächlich mit sich rum) das beste BBQ in New York. Sehr einfacher Order-at-the-Counter-Laden, Pappteller und Plastikbesteck, und wir unterhalten uns über »The Graduate«, weil uns das Besteck daran erinnert, wie Ben (Dustin Hoffmann) vom Mann seiner zukünftigen Affäre, Mrs. Robinson, zur Seite genommen wird und dieser zu ihm sagt: »I want to say one word to you. Just one word.« Und nachdem Ben versichert hat, dass er zuhört, sagt er: »Plastics.«

    Es gibt dann Ribs, Beef Brisket und vier Side Dishes (Sweet Potato Mash, Creamy Spinach, Dirty Cajun Rice und Corn with Cheese). Die Ribs sind in der Tat ausgezeichnet, das Brisket kommt unerwartet in sehr kleinen Stücken, und wir fragen uns, ob wir vielleicht falsch bestellt haben.

    In der New York Times schrieb neulich Holland Cotter in seinem Artikel »A Banquet of World Art, 30 Years in the Making« über den scheidenden Met-Kurator Philippe de Montebello und eine Ausstellung von 300 Werken, die unter seiner Ägide eingekauft wurden, 300 von 84,000(!), die er in dieser Zeit absegnete:

    »The 300 objects in the show represent a tiny fraction, and a madly eclectic one. Chinese scrolls, Greek vessels, Oceanic effigies and an 18th-century American pickle holder share the spotlight, with no object privileged as better – grander, rarer, prettier – than any other. This is a wonder-cabinet situation, an exercise in proprietorial pride, an unabashed, if surprisingly low-key, display of fabulousness.«

    Darauf freuen wir uns dann morgen, jetzt noch schnell irgendwo in der Nähe auf Kaffee und Éclair und ab ins Bett.

  • Frieze, Zoo, Manifesto Marathon

    »Erstaunt über die Dinge und wegen meiner Unwissenheit fragte ich einen von meinen Kölner Freunden mit jenem Vergilvers: ›Was will die Menge am Flusse? Was verlangen die Seelen?‹« – Petrarca

    Frieze Art Fair, und in der Stadt brodeln die Kunstevents in deren Fahrwasser. Neben der Frieze im Regent’s Park gibt es die Zoo in der Royal Academy und in der Serpentine Gallery den Manifesto Marathon, und da bin ich gerade, und es lesen Ingo Niermann und Zak Kyes.

    Ich bekomme das Gelesene nur fetzenweise mit, höre aber immer wieder das Wort ›Vril‹, eine Art Kraft, welche sich die Menschen nutzbar machen können. Ich denke natürlich an »The Coming Race« von Edward Bulwer-Lytton. Ich las das Buch auf Deutsch, »Vril oder Eine Menschheit der Zukunft«.

    Vril ist eine geheimnisvolle Kraft, welche eine unter der Erde lebende Zivilisation beherrscht. Jeder Verschwörungstheoretiker denkt dann natürlich an die Vril-Gesellschaft, eine angebliche Geheimgesellschaft, die sich ihren Namen angeblich von Bulwer-Lyttons Buch geliehen haben soll. Ich nehme das so hin und rede darüber, bis ich darauf hingewiesen werde, dass Niermann nicht ›Vril‹ sagte, sondern ›Drill‹.

    Conan O’Brien hatte früher den Sidekick Andy Richter, und ich erinnere mich an einen Sketch, in dem die beiden im Central Park sind und plötzlich »the Woody Allens« sehen. Man sieht also einige Leute herumlaufen, die wie Woody Allen gekleidet sind, also »the Woody Allens«, sehr bizarr.

    Ich erinnere mich daran, weil ich gerade Gilbert & George über die Wiese spazieren sehe, es sind nur die beiden, also Gilbert und George, aber mir kommen sie wie viel mehr vor, und ich sitze wie geplant mit Stefan von rebell.tv auf einer Bank unweit der Serpentine Gallery, und er winkt ihnen zu, und Gilbert (oder George?) winkt zurück.

    Die Lesungen finden mehr oder weniger unter freiem Himmel statt, in diesem Holzgebilde von Frank Gehry, welches schon seit ein paar Monaten vor der Galerie steht. Kurz bevor Yoko Ono liest, gehen wir essen.

  • Im Bus mit Erich Zann

    Mir stand eine halbstündige Busfahrt bevor und mit Panik stellte ich fest, dass ich Norman Lewis, »To Run Across the Sea«, bereits ausgelesen hatte. Anstatt nun wild Artikel von Onlinepublikationen auszudrucken (wie so oft), stöberte ich auf dagonbytes.com nach einer Lovecraft-Geschichte. Diese Website ist trotz der weißen Schrift auf schwarzem Grund eine der besten Lovecraft-Quellen.

    »The Music of Erich Zann« (1921 geschrieben, 1922 veröffent­licht) sprang mir gleich ins Auge, weil der Titel etwas nach Borges klingt (und mit 6 Seiten auch von der Länge her an dessen Erzählungen erinnert, hehe).

    Es ist dann aber alles ganz Lovecraft und wohl auch ein bisschen Genre. Irgendein schreckliches Erlebnis in der Vergangenheit, von dem alle Spuren verloren sind, der Ort verschwunden, Papiere vernichtet. Nur im Geiste des Erzählers lebt alles weiter, und dem stehen bei der Erinnerung die Haare zu Berge.

    In diesem Fall wird die Nicht-Zugänglichkeit von Referenzen nicht nur am Anfang, sondern auch am Ende klargestellt. Die Erzählung beginnt mit:

    I have examined maps of the city with the greatest care, yet have never again found the Rue d’Auseil.

    Und endet ebenso:

    Despite my most careful searches and investigations, I have never since been able to find the Rue d’Auseil.

    »Lovecraft considered ›The Music of Erich Zann‹ one of his best stories, in part because it avoided the overexplicitness that he saw as a major flaw in some of his other work«, heißt es in der Wikipedia, und ich möchte dem beipflichten.

    Erst kürzlich las ich außerdem »H. P. Lovecraft: Against the World, Against Life« von Michel Houellebecq, mich machte die ungewöhn­liche Combo neugierig, Houellebecq über Lovecraft, war sehr gut, und einen Vorabdruck gab es mal im »Guardian«. Könnte man sich jetzt ausdrucken und im Bus lesen.