Autor: Dique

  • Lost: 5. Staffel, 7. Folge

    Achtung! Spoiler!
    Episode Title: »The Life and Death of Jeremy Bentham«
    Episode Number: 5.07 (#92)
    First Aired: February 25, 2009 (Wednesday)
    Dt. Titel: »Leben und Tod des Jeremy Bentham« (EA 21. 5. 2009)
    Umblätterers Episodenführer (Staffeln 4, 5 und 6)

    Zeitreisen macht’s möglich, John Locke trifft Caesar! Wir kennen Letzteren schon vom Sehen, aus dem Flieger Nr. 316, der auf Befehl von Eloise Hawking die Oceanic Six zur Insel zurück­bringen sollte. Nach den ganzen Physikern und Philosophen bekommen wir nun einen der beliebtesten Diktatoren aller Zeiten vorgesetzt. Und langsam könnte beim Namedropping mal weniger mehr sein.

    Diese Folge beginnt sehr dunkel: mit Caesar und Ilana, der anderen Neuen mit Hauptrollenpotenzial, in einer der verlassenen Dharma-Stationen auf der Nebeninsel. Weiter geht es am Strand, wo ein Mensch mit heruntergezogener Kapuze sitzt, umringt von Leuten. Es ist Nacht, im Hintergrund brennt ein Lagerfeuer, und Caesar nähert sich der Szenerie mit dem umringten Kapuziner.

    Wieder so ein typischer »Lost«-Moment, wir sehen jemanden von hinten, ein bisschen zu gewollt versteckt, wir wissen noch nicht, wer es ist, ahnen es aber schon. Caesar stellt sich dem Unbekannten vor: »Hello, my name is Caesar, what’s yours?« Und dann gibt die Kamera den Mann unter der Kapuze frei: »My name is John Locke.« Allein dieser Dialog ist so wahnwitzig und gleichzeitig so gut und so schlecht, dass ich ihn noch mal aufschreiben muss:

    –Hello, my name is Caesar, what’s yours?
    –My name is John Locke.

    Der Dialog könnte im selben Wortlaut auch in einer Irrenanstalt stattgefunden haben, hehe.

    Aber genug der Späße, Locke lebt, das kommt nicht überraschend. Und mit dem lebendigen John Locke kommt diese Folge fast im klassischen Stil daher, sie widmet sich fast gänzlich einer Figur, in Vergangenheit, Zukunft und/oder Gegenwart. Es gibt noch stärkere Referenzen auf das Old-School-»Lost«, die erneute Bruchlandung auf der Insel, ein Flugzeugwrack am Strand, dieses Mal scheinbar noch fast intakt, die Suche nach Passagierlisten.

    Dann wird uns nach und nach erzählt, wie es Locke nach dem Drehen des Glücksrads ergangen ist. Da er nun wieder glücklich auf der Insel angelangt ist, sehen wir ihn zur Einleitung in eine Mango beißen, und es ist nach eigenem Bekunden die beste Mango, die er je hatte. Vor dem Hintergrund, dass John »Lazarus« Locke gerade eine Auferstehung von den Toten hinter sich hat, ist das natürlich nur allzu verständlich, hehe.

    Der Inselneuling Ilana will wissen, wer Locke jetzt gleich noch mal ist, da er nicht mit im Flugzeug gewesen sei, aber Locke weiß selber nicht so richtig, wie ihm geschah. Als sie ihn fragt, woran er sich erinnern kann, antwortet er: »You asked what I remembered. I remember dying.« Kurioserweise bricht die Konversation hier ab, Ilana entfernt sich nach dieser Aussage, vielleicht war sie ihr einfach etwas zu theatralisch.

    Dann geht’s zurück in die Vergangenheit, wir sehen Locke wieder an dem papieren wirkenden Drehrad und hören noch einmal (schon wieder) den mittlerweile berühmten Dialogfetzen zwischen Locke und dieser Schimäre von Jacks Vater, Christian Shepard. Locke solle doch bitte seinen Sohn grüßen, worauf Locke konsterniert zurückfragt: »Who is your son?«

    Und nun beginnt der Erklärungsteil. Locke liegt mit gebrochenem Bein in der Wüste, und auf ihn ist eine kleine Kamera gerichtet. Eine Horrorszene à la Hitchcocks »North by Northwest«, klarer Himmel, Tageslicht, weiter Blick, das Gegenteil einer dunklen, gruseligen Schreckensszenerie, würde da nicht plötzlich ein Flugzeug im Tiefflug Dünger über einem abwerfen, oder wäre da nicht, wie in diesem Falle, diese fiese kleine Kamera auf Locke gerichtet. So schmort er einen ganzen Tag vor sich hin, denn erst im Dunkel der Nacht wird er abgeholt und in einer »ER«-mäßigen Szene wieder zusammengeflickt.

    Geweckt wird er von Charles Widmore, der an seinem Bett hockt: »John! John, wake up!« Und er erzählt ihm dann gleich von seinem Kampf gegen Ben. Wieder eine schöne Propagandaszene, denn es ist immer noch nicht klar, wer hier der Gute, wer der Böse ist. Widmore scheint nicht in alle Inselgeheimnisse eingeweiht zu sein, jedenfalls zeigt er sich etwas überrascht, dass John genauso aussieht wie vor etlichen Jahrzehnten, als der damals noch 17-jährige Others-Jüngling Widmore ihm kurz auf der Insel begegnet ist. Für den Zeitreisenden John sind seitdem jedenfalls nur 4 Tage vergangen.

    Widmores weitere Ausführungen dienen glücklicherweise zum Handlungsprogress, so wie in der vorhergehenden Folge die ziemlich lächerliche Rede von Eloise Hawking, die, das muss man immer mal wieder erwähnen, ja Faradays Mutter ist, hehe. »That’s the exit«, sagt Widmore über den Ort in der tunesischen Wüste, an dem Locke nach seinem Rendezvous mit dem blinkenden Drehrad wieder aufgetaucht ist. Dieser Ausgang muss in 4.09 auch Bens Ankunftspunkt gewesen sein, bevor er kurz entschlossen zwei Einheimische platt gemacht hat. Damals hatte Widmore aber noch keine Kamera installiert.

    John gesteht gegenüber Widmore nicht sofort, dass er die anderen zurück auf die Insel holen will und ist überrascht, als ihm Widmore dafür dann seine uneingeschränkte Hilfe anbietet. Und zwar darum: »Because there’s a war coming, John. And if you’re not back on the Island when that happens, the wrong side is going to win.«

    Da Locke ja offiziell gar nicht mehr am Leben ist, überreicht ihm Widmore einen Pass auf den Namen: Jeremy Bentham. Er thematisiert dann zum ersten Mal immanent die ambitionierte Namensgebung der »Lost«-Autoren: »He was a British philosopher. Your parents had a sense of humor when they named you, so why can’t I?« Berechtigte Frage.

    Kurz darauf verbricht Widmore ein weiteres schlimm-schönes Zitat: »The island needs you, John. It has for a long time.« Die Warum-Frage wird dann mit einem Zirkelschluss beantwortet: »Because you are.« Der ultimativen Sterbeprognose von Richard Alpert wird von Widmore widersprochen, vielleicht muss Locke also gar nicht sterben, vielleicht war das nur ein Bluff, ein Test.

    Nun sucht Locke nacheinander alle entkommenen Losties auf, angefangen bei Sayid, den er beim Dachdecken in der Dominikanischen Republik erwischt, wo er ein ganz passables Spanisch spricht. Für seine Rückholaktionen wurde Locke übrigens ein Assistent zur Verfügung gestellt, Matthew Abaddon, welcher sehr stark an den berühmten Haitian aus »Heroes« erinnert.

    Die nächste Station ist New York City, wo Locke auf den mittlerweile baumhoch gewachsenen Walt trifft. Es gibt nur eine kurze Unterhaltung, einen quick catch-up, versetzt mit etwas Esoterik, denn Walt hat ein paar Mal komisch von Locke geträumt. Er fragt noch schnell nach seinem Vater, den er seit 3 Jahren nicht gesehen hat.

    Dann zieht es Locke zu seiner Ex-Geliebten, Helen, doch der Haitian präsentiert ihm nach zunächst vagen Aussagen über ihren Verbleib nur noch ihr Grab. Nach einer Diskussion über den Sinn des Lebens blockt der Haitian irgendwann mit einem Zitat aus »Eastern Promises« ab: »I am just your driver!« (allerdings ohne Viggo Mortensens berühmten Nachsatz »I go left, I go right«), und es geht dann auch Eastern-Promises-mäßig weiter, der Haitian wird erschossen, und Locke will im angeschossenen Auto fliehen, kracht irgendwo dagegen und erwacht im Krankenhaus, behandelnder Arzt: Jack.

    Dann gibt es in der Irrenanstalt in Santa Rosa noch ein Intermezzo mit Hurley. Er hält Locke zuerst für eine unwirkliche Traumgestalt und will ihm nicht glauben, dass er real ist. Aber dann fragt er ein paar Bystanders: »Am I talking to a dude in a wheelchair right now?« Und in der Tat macht er genau das, schockierend für ihn, und Lust, auf die Insel zurückzukommen, hat er auch nicht. Auch Kate lehnt dankend ab.

    Etwas früher in der Folge hat Locke zu seinem Haitian-ähnlichen Gehilfen gesagt: »I only need to convince one. And if I can do that, the rest will come.« Ist das sein Plan mit dem Selbstmord, er springt über die Klinge, um diesen einen zu überzeugen, also Jack, den pragmatischen Leichtgläubigen? Aber ich greife schon wieder etwas vor bzw. zurück, denn wir wissen ja schon, was kommt und kennen den verzweifelten bärtigen Jack vom Ende der 3. Staffel.

    In einer langen Szene schreitet John zur Tat, behutsam bereitet er sich vor. Als er seinen Kopf dann endlich in die Schlinge legt, erscheint Ben und verwickelt den Todesmutigen in einen mephistophelischen Dialog. Locke erinnert dabei an den grüblerischen Christus in Scorseses »Last Temptation of Christ« und lässt sich retten. Ben ist aber auch ein rhetorischer Teufels­kerl: »John, you have no idea how important you are! Let me help you!«

    Doch dann endlich wieder mal ein Knalleffekt à la Ben: Nachdem John den Namen ›Eloise Hawking‹ erwähnt hat, erwürgt Ben den armen Locke in einer ziemlichen Übersprungshandlung mit dem Kabelband. Da ist er wieder, der skrupellose Ben, der sich ohne zu zögern die Hände schmutzig macht, was auch immer der Grund dafür gewesen sein mag.

    Vielleicht räumt er hier auf einer ganz oberflächlichen Ebene einfach den Nebenbuhler aus dem Weg. Aber es ist wohl reiner Pragmatis­mus und nicht fehlende Zuneigung. Bevor er geht, schickt er seinem Opfer noch einen netten Abschiedsgruß hinterher: »I’m gonna miss you, John. I really will.«

    Soweit der Rückblick auf Lockes Werdegang. Im Rahmen der Inselhandlung lässt sich Locke gegenüber Caesar dann ein bisschen über seine Vergangenheit aus, ohne groß Details zu erwähnen. Im Gegenzug erzählt ihm Caesar von den Mysterien an Bord des später abgestürzten Flugzeugs. Der Dicke mit dem Lockenhaar, also Hurley, sei zum Beispiel einfach so verschwunden, als das Flugzeug anfing sich wild zu schütteln.

    Der Pilot, also der ehemalige Chopper-Flieger Frank, ist zwar offenbar ordnungsgemäß mit abgestürzt, sei dann aber samt Passagierliste in den Busch gerannt. Und dann erzählt Caesar von den Verletzten, und John will gleich hin, und dort liegt jemand auf einer Liege, eingerollt, wieder der »Lost«-typische Spannungsaufbau, nicht zu sehen, bis ihn dann endlich die Kamera ins Visier nimmt. Es ist Ben, wieder eher in hellerer Inselkleidung, also kein schwarzer Düsterlook mehr, und Caesar fragt Locke: »You know him?« – »Yeah, he’s the man who killed me.«

    Die Folge endet also mit einem Paradebeispiel für ein Epimenides-Paradoxon, was nicht so originell und auch ein bisschen lächerlich ist, aber es gibt schlechtere Schlusseffekte.

  • Das anti-minimalistische Manifest

    Nach dreieinhalb Stunden de Chirico und ein bisschen Museums­kaffee spazieren Paco und ich gerade am Grand Palais vorbei und sprechen natürlich noch einmal über die kürzlich hier präsentierte und versteigerte Kunstsammlung von YSL. Paco kann es immer noch nicht fassen, dass der de Hooch nicht weggegangen ist, der sicher in restaurationsbedürftigem Zustand, aber eben ein subtiles Meisterwerk ist, also wie kann das sein, für nicht einmal 300.000 Euro.

    Ich selbst konnte mir das Spektakel in Paris nicht ansehen, aber ein kleiner Teil der Sammlung wurde einige Wochen vorher bei Christie’s in London gezeigt. Man widmete YSL einen großzügigen Raum während der Vorbesichtigung der Post-War & Contemporary Art Sales im Februar.

    Der YSL-Raum bildete eine kleine feine Insel inmitten der neuen und neueren Kunst und war für mich das eigentliche Highlight. Jedes Jahr im Februar spaziere ich hier zwischen hellgrün schimmernden Impressionisten, weichen Bleistiftzeichnungen von Klimt und Schiele auf bräunlichem Papier und dem kühlen Acryl zeitgenössischer Künstler umher, aber selten bin ich gerührt (wie unfair, gab es doch einen wundervollen Modigliani zu sehen und ein kleines dieser wie abgeschliffen wirkenden abstrakten Bilder von Gerhard Richter, hehe).

    Normalerweise werden hier bei Christie’s in diesem heute YSL gewidmeten Raum bei den Frühjahrs-Sales die Surrealisten ausgestellt. Vor ein paar Jahren wurde man wie durch einen kleinen dunklen Gang ins Innere geschleust. Durch ein kleines Loch konnte man schon mal in den Raum sehen, ein kleiner surrealistischer Vorgeschmack also.

    Dieses Mal nun YSL, und am meisten faszinierte das Gesamt­kunstwerk des Raumes, diese breite Mischung der Epochen und Stile. Gemälde von Frans Hals und Géricault, manieristische Bronzen nach Giambologna, vollgepfropfte Vitrinen, in denen neben Silberzeug auch diese schräge Parfumflasche »Belle haleine – Eau de voilette« von Duchamp stand, welche ganze 11+ Millionen Dollar einspielte, und in einer Ecke eine wunderschöne, hauchzarte Bleistiftzeichnung von Ingres.

    An der Stirnseite des Raumes hing ein riesiges tapetegewordenes Foto des Originalsetups vieler der Objekte. Mich erinnerte dieses Bild sofort an eines der neuen Highlights des Verlages Umberto Allemandi, einen Bildband, der ganz schnell zum Tophit unter den Coffee Table Books geworden ist oder zumindest werden sollte, »The Anti-Minimalist House«.

    Das Buch ist in Rubriken unterteilt und versammelt Fotos von Massimo Listri, ergänzt durch kurze Kommentare. Es ist nicht nur ein wunderschönes Buch in diesem typischen dezenten Mintgrün der Allemandi-Bildbände, es versammelt auch die besten Beispiele häuslicher Überfrachtung. Besonders empfehlenswert ist der Teil über die Bibliotheken, in dem zum Beispiel die Bibliothek des Ham House in London fotografiert wurde.

    Usw. usw.

    Etwas später scheint uns dann die Brasserie Flo als Ambiente recht geeignet, um hundert Jahre nach Marinetti endlich mal das anti-minimalistische Manifest nachzuliefern. Wir bestellen natürlich Côte de Bœuf, ein ganzes Kilo zartestes Fleisch aus der Rinderhoch­rippe, einen Cut, den es in unserem schönen Heimatland leider nicht gibt. Vergangenen November hatte ich im Les Halles in New York den gleichen Cut, vom amerikanischen Rind, aber ähnlich zuberei­tet, das wurde dort dann als American Beef French Style beworben.

    Heute dann einfach French Beef French Style, und nach einem Kilo Fleisch und Kartoffelgratin, denn mit dem serviert das Flo das Côte de Bœuf, fällt uns nichts mehr ein, gar nichts.

  • Lost: 5. Staffel, 5. Folge

    Achtung! Spoiler!
    Episode Title: »This Place Is Death«
    Episode Number: 5.05 (#90)
    First Aired: February 11, 2009 (Wednesday)
    Deutscher Titel: »Dieser Ort ist der Tod« (EA 7. 5. 2009)
    Umblätterers Episodenführer (Staffeln 4, 5 und 6)

    »You wanna shoot me, then shoot me, but let’s get on with it! What’s it gonna be?«

    Das klingt zwar ziemlich nach Jack Bauer, diesen Satz hören wir aber von Benjamin Linus in der »Lost«-Folge 5.05, während im Sun mit einer Pistole bedroht. Ben hat leider etwas verloren in dieser Staffel, nachdem seine Einführung in Staffel 2 und sein im Rückblick erzählter Aufstieg zum Anführer der Others zu den Höhepunkten der ganzen Serie geworden sind.

    Jetzt trägt er immer diese schwarzen Klamotten und hat etwas von einem mystischen Großstadtritter. Diese Akzentsetzung ist ziemlich verfehlt, denn Ben war als Insel-Ben schon einnehmend und unheimlich genug, und es passte sehr gut, dass er immer eher sonnig und ein bisschen bieder gekleidet war, helle Chinos, gestreiftes Hemd etc. In seiner schwarzen Kluft erinnert er an die nach großem Start zu Masken erstarrten Helden aus »Heroes«.

    Kick-off zu Folge 5 ist ein Meeting mit fast allen Oceanic Six minus Hurley plus Ben. Sun fehlt erst noch, beobachtet die Szene aber aus dem Auto und platzt dann mit einer Waffe in die Runde. Sie will sich an Ben rächen, weil er angeblich Jin auf dem Gewissen habe. Aber Ben pariert in alter Manier (hätte er nur nicht diese blöden schwarzen Klamotten an!). Mit seinem leichten, sonoren Vibrato in der Stimme sagt er, behauptet er, dass Jin nicht tot sei, und wir wissen ja seit der letzten Folge, dass das zur Abwechslung auch mal stimmt. »Jin is still alive, and I can prove it.«

    Zwischenzeitlich schickt uns die Regie auf die Insel, und man muss ja hier nicht mehr nach dem ›Wo‹ auf der Insel fragen, sondern nach dem ›Wann‹. Im Anschluss an den Cliffhanger der Vorgängerfolge erfahren wir und erfährt Jin von der pausbäckigen, noch jungen Danielle Rousseau, dass es gerade 1988 ist.

    Was die Franzosen eigentlich auf der Insel wollen, bleibt unklar, aber sie haben großes Interesse am Radio Tower, zu welchem sie Jin nun geleitet. Rousseau ist hochschwanger, ihre Tochter Alex ist also gerade im Anmarsch, und wir sehen sie mit dem Kindsvater scherzen und darüber streiten, ob es denn nun ein Junge oder Mädchen werden würde: « Elle m’a juste donné un petit coup de pied. » « Elle ? » « Elle ! »

    Rein ästhetisch gefallen mir die Inselszenen besser als die dunklen L. A.-Settings oder andere Flashforward-Off-Island-Szenarios. Das dichte Grün, das Dschungelige verkörpert einfach den Style der Serie am besten, und in dieser Szene marschiert dann ganz klassisch und old-school eine Gruppe Menschen durch den Wald, jetzt also die Franzosen samt Jin.

    Und dann taucht endlich mal wieder das Black Smoke Monster auf. Eine der Französinnen, Nadine, wird als vermisst gemeldet, es folgen großes Geschrei und Grunzgeräusche, und dann klatscht die verschwundene Nadine tot vom Baum. Jin hatte auf die Nachfrage »What is that?« irgendwann einfach entgeistert »Monster!« geantwortet, und nun taucht es auch schon höchstpersönlich auf, und in solchen Momenten ruft dann irgendeiner »Ruuuuuuunn!«, in diesem Falle eben Jin, und Chaos bricht aus.

    Das Rauchmonster schnappt sich dann einen der Frenchmen und schleift ihn durch den Dschungel. Der Arm, an dem ihn die anderen viribus unitis festhalten, wird irgendwann abgerissen, das Smoke Monster zieht den Rest des Körpers in seinen Bau (so muss man diese Tempelloch wohl bezeichnen). Auf dem templigen Mauerwerk befinden sich übrigens ein paar Hieroglyphen, die Hoffnung wächst, dass wir endlich mehr über den vierzehigen Statuenrest erfahren werden, für viele der einzige Grund, überhaupt noch einzuschalten, hehe.

    Jin hält Rousseau übrigens aus dem Geschehen heraus und wird dann plötzlich weitergebeamt, um ein paar Zeiteinheiten nach vorn, denn er stolpert über den leicht angerotteten Armrest. Später findet er das Strandcamp der Restfranzosen, allerdings liegen da schon zwei Leichen. Er wohnt einer Szene bei, bei der Danielle ihren Freund und Kindsvater umschießen will. Und zwar weil ursprünglich er sie ohne Angabe von Gründen umlegen möchte. Irgendein Brainwashing muss mit ihnen im Monstererdloch geschehen sein. Als Rousseau auch auf ihn anlegt, wird Jin passenderweise auf dem Zeitstrahl weiter geschickt, aber wenigstens wissen wir jetzt, warum Rousseau in Folge 1.09 so allein und meschugge gewesen ist, als die Losties ihr zum ersten Mal begegnen.

    In der neuen Zeitspur trifft Jin auf Sawyer und den ganzen Rest, also Juliet, Charlotte, Faraday, Miles. Und auf Locke, der sich mit allen zur Orchid Station begeben will. Er gedenkt den Spuk der Zeitsprünge da zu beenden, wo er begonnen hat. Zu dieser Theorie gibt es dann später einen kurzen Monolog von Faraday (»it does make empirical sense«), welcher auch ein bisschen abgebaut hat. War er anfänglich noch der charmante, abgefahrene Wissenschaftler, ist er inzwischen zu einem lahmen Dr. Allwissend verkommen, der auch in seiner speziellen Art zu sprechen leichte Nervtendenzen hat.

    Dann werden sie von einem Doppelflash ereilt – die Zeitflashes mehren sich also und damit die Anweisungen an die Schauspieler, sich wie wild in der Lichtflut zu krümmen und danach eventuell Nasenbluten zu bekommen. Charlotte jedenfalls haut das wieder um, sie spricht dann wie ein Medium: »Don’t let them bring her back. This place is death.« Soweit der Episodentitel. Und mit »her« könnte sie direkt Sun meinen, denn Locke hat Jin gerade vermittelt, dass er versucht, die Oceanic Six auf die Insel zurückzuholen, einschließlich Sun, doch Jin ist davon nicht gerade angetan: »Bring Sun back? Why you bring her back?« Locke erwidert darauf mit einer seiner typischen raunenden Nicht-Erklärungen: »Because she never should have left.«

    Es folgen weitere kryptische Phrasen aus Charlottes Mund: »Look for the well! You’ll find it at the well!« (Und eigentlich könnte sie als ganz generelle Hilfestellung gleich noch hinzufügen: »Follow the white rabbit!«) Der Marsch zur Orchid wird fortgesetzt, dabei wird Charlotte zusammen mit Faraday zurückgelassen, und in trauter Zweisamkeit gibt es dann ihre einfache mündliche Beichte, dass sie als Kind schon mal auf der Insel war. Ein gruseliger Mann habe ihr damals erzählt, dass sie nicht auf die Insel zurückkehren dürfe, weil sie sonst sterben werde. »Daniel, I think that man was you.«

    Also wieder eine rätselhafte Volte, wobei wir aber schon wissen, dass Faraday auf der Insel war, als die Dharma-Stationen gebaut wurde, erinnern wir uns an die herrlichen Szenen mit »Dr. Marvin Candle« in der ersten Folge der 5. Staffel.

    Die Lockianer haben inzwischen die Orchid erreicht, die aber nach einem weitern Blitzdings verschwunden, dafür aber der von Charlotte angekündigte Brunnen aufgetaucht ist.

    Locke seilt sich in den Brunnen hinab, aber vorher gibt er Jin noch sein Versprechen, dass er Sun von seiner Rückholaktion ausschließt und ihn ihr gegenüber für tot erklären will. Als Beweis für sein Ableben übergibt Jin seinen Ehering an Locke. Der wird dann später, am Ende der Folge in L. A., von Ben lustigerweise genau fürs Gegenteil instrumentalisiert: um Sun zu zeigen, dass Jin noch lebt und es sich lohnt, mit zur Insel zurückzukehren.

    Ein weiterer Zeitsprung folgt, Locke stürzt in die Tiefe, der Brunnen ist verschwunden, oben ragt nur noch ein Seil aus der Erde. In einem Höhlengang findet sich Locke mit gebrochenem Bein wieder und stößt auf Jacks eigentlich ja mausetoten Vater, der ja damals schon in Jacobs Hütte stellvertretend für diesen gesprochen und den Auftrag zum Moving der Insel gegeben hatte (Folge 4.11).

    Der alte Shephard bestätigt Locke, dass er die Oceanic Six zurück holen soll, aber auch, dass er dafür wird sterben müssen. Und Locke will sich gerne opfern, selbstlos wie John Maynard oder wie Clint Eastwood in »Gran Torino«. Märtyrer-John hinkt dann zu diesem alten Drehrad, das wieder so billig aussieht wie eine Stummfilmkulisse. Unsere willing suspension of disbelief wird also wie bei Bens Drehaktion am Ende von Staffel 4 wieder auf eine harte Probe gestellt.

    In L. A. kommt es derweil zum großen Treffen bei Faradays Mutter, die ja zu allem Überfluss auch noch Hawking heißt, ein Treppenwitz der Physikgeschichte. Auch Desmond (Hume!) stößt zu diesem Stelldichein, durch ihn erfahren wir auch erst, dass es sich um das Haus von Faradays Mutter handelt. Die Folge endet mit diabolischer Musik, einem Zoom auf Frau Hawking, Faradays Mutter, hehe, und einem »Alright, let’s get started.«

  • Lost: 5. Staffel, 3. Folge

    Achtung! Spoiler!
    Episode Title: »Jughead«
    Episode Number: 5.03 (#88)
    First Aired: January 28, 2009 (Wednesday)
    Deutscher Titel: »Die Bombe« (EA 23. 4. 2009)
    Umblätterers Episodenführer (Staffeln 4, 5 und 6)

    Es wurde ja schon in den ersten beiden Folgen amtlich, und Paco äußerte bereits unsere Zweifel an dieser narrativen Wende und dem langsam sichtbar werdenden Gesamtkonzept: »Lost«, das gute und schöne, ist nun eine Hardcore-Zeitreise-SciFi-Serie geworden.

    In Folge 3 wird uns das nun noch einmal von Faraday persönlich klar und deutlich unter die Nase gerieben. Er und ein paar andere sind samt Insel im Jahr 1954 gelandet, dort findet sich eine Wasserstoffbombe (der titelgebende »Jughead«), und Faraday verklickert einer besorgten 1954erin angesichts dieser Bedrohung:

    »50 years from now, this island is still here! (…) 50 years from now, me and my … me and my friends, that’s where we’re from, okay? And, here’s the key, everything’s fine! I’m not saying it’s perfectly fine, but there hasn’t been any atomic blast, all right?«

    Diese Message enthält noch einmal die Quintessenz der Zeitreiserei in »Lost«, ausgesprochen von Faraday in Folge 1: »You cannot change anything. You can’t. Even if you tried to, it wouldn’t work.« Aber besser macht es das auch nicht.

    Später in der Folge und immer noch im Jahr 1954 wird Locke den ewig gleichaltrigen Richard und die frühen Others treffen. Locke wird aus dieser Situation unfreiwillig durch einen lichtumkränzten Zeitsprung erlöst. Die Zeitreisegesellschaft steht plötzlich auf einer einsamen Wiese, auf der sich eben noch die Militärzelte der Others befanden. Hier wirkt auch die Tricktechnick überartifiziell. In diesem bitteren Moment wünscht man sich, noch mal in eine alte Staffel zurückzureisen, ohne diese Entwicklung erahnen zu können.

    Aber wir wollen nicht so hart ins Gericht gehen, let’s face facts, also hin zum Anfang der Folge. Penny und Desmond bekommen ein Kind. Das passiert drei Jahre nachdem Desmond zusammen mit den Oceanic Six die Insel verlassen hat. Die 6 Außerinsularen bekommen wir in dieser Folge übrigens gar nicht zu Gesicht, und für Critik en séries funktioniert das auch sehr gut: »la série fonctionne parfaitement bien et même mieux sans la présence des Oceanic 6«. In der Off-the-Island-Handlung geht es also dieses Mal ausschließlich um Desmond und Penny.

    Aber vor allem um Desmond, denn der hatte sich im Finale von Folge 1 in einem Traum daran erinnert, dass Faraday einst an die Tür vom Hatch klopfte. Desmond hatte in diesem gelben Schutzanzug geöffnet und Faraday ihn bekniet, dass er in der Zukunft seine, Faradays, Mutter finden müsse, in Oxford, um den Oceanics zu helfen. Er sagte das ohne Erklärung, mehr Zeit blieb nicht, denn auch hier kam dieser blöde Lichtstrahl, der die Zeit verschiebt.

    Wir folgen dann Desmond bei seiner Suche und seinem Entschluss, auf die Insel zurückzukehren. Er muss es tun, er kann nicht anders, und das ist der alte Desmond, auch wenn er in Oxford mit einer ziemlich beknackten Sonnenbrille aufläuft und so aussieht, als wolle er unbedingt auf das Cover einer alten Bon-Jovi-Platte. Aber egal, das ist der Desmond mit einem Ziel, unaufhaltsam.

    Doch so ähnlich hat er Penny schon einmal verlassen, auch da war es dieser karthatische Sturm und Drang, und ebenso unaufhaltsam muss er nun seinen Idealen folgen. Als Penny eingewendet hatte, dass es doch nur ein Traum gewesen sei, und fragte, warum das jetzt nach drei Jahren noch nötig sei, antwortete er diabolisch und mit der Kamera auf Close-up: »It wasn’t a dream, Pen, it was a memory!«

    Solche Szenen gehören immer noch zu den Stärken der Serie, auch wenn diese wieder ein bisschen mit Schicksalhaftigkeit überzeichnet daherkommt. Die darin liegende Tragik ist aber spannend, denn wie Schillers »Taucher« fordert Desmond nun zum zweiten Mal sein Abenteuerglück heraus, und diesmal ist alles doch ein bisschen anders, denn die beiden haben ja einen kleinen Sohn.

    Kurioserweise heißt eben dieser Sohn Charlie. Man fragt sich warum, heißt doch der Unsympath Widmore, Pennys Vater, auch Charles, und beide halten sich vor dem alten Stiesel ja versteckt, warum also geben sie ihrem Sohn seinen Namen. Allerdings entpuppt sich die Namensgebung dann doch eher als Hommage an Charlie, Rockmusiker-Charlie, welcher in der Looking-Glass-Station ertrinken musste. An den sich opfernden Charlie, dessen Ende Desmond immer wieder verzweifelt prophezeite und der dann in dem Moment starb, in dem Penny und Desmond zum ersten Mal wieder Kontakt aufgenommen hatten.

    Zu Beginn jeder Staffel gibt es neue Figuren. In der 2. waren es die Überlebenden aus dem Heck, neben Ana Lucia natürlich der fabelhafte Mr. Eko. In der 3. waren es die sogenannten Others (warum werden die eigentlich immer noch Others genannt, jetzt wo sie eigentlich allen bekannt sein sollten; haben die keinen eigenen, anderen, other, hehe, Namen?). In der 4. Staffel waren es dann die Soldaten vom Freighter. Und nun, ganz Zeitreise, lernen wir zum Beispiel den jungen Charles Widmore kennen, welcher von John Locke im 1954er Others-Camp mit einem wissend grinsenden »Nice to meet you!« gegrüßt wird.

    Und noch ein neues Pferd gibt es im Stall, eines, wie ich hörte, das für so einige auch als einziger Grund zum Weiterkucken ausreichen würde: Ellie. Wie aus dem Nichts taucht sie aus dem Inseldschungel auf, im Military-Chic, mit britischem Akzent und bösem Jungfernblick. Das mag alles ziemlich abgedroschen sein, aber das sind die verspielten Urmomente der Serie, und die sind immer noch sehr gut und sehr packend. Also ein bisschen back to the roots, Ur-»Lost«: Eine Dschungelszene, Gefahr droht, und plötzlich ist da wer, in diesem Fall jene Ellie, auf dem Kopf ein Aushilfs-Timoschenko-Flechtwerk.

    Zur Abkühlung zurück in die Zukunft, aber ehrlicherweise ist es ziemlich egal, wie, wann und wo wir auf dem Zeitstrahl eingeklinkt werden. Wir sind mit Desmond in Oxford, und sein Besuch fällt etwas billig aus: Einen Faraday hat es dort angeblich nie gegeben (er wird totgeschwiegen), sein altes Büro ist mit einem billigen »Danger!«-Hinweis abgesperrt, einem verplombten Schloss, welches Desmond einfach aufknackt, und drinnen sieht er das alte Equipment, unter Planen versteckt.

    Der neugierige Des wird dann aber vom Hausmeister gestellt, der ihm erzählt, dass er nicht der erste sei, der sich für Faradays Experimente (»to send rats‘ brains back in time«) interessiert. Er solle nun abhauen und seinen Kumpels erzählen, hier sei nur »rubbish left behind by a madman«. Außerdem wird erwähnt, dass Faraday irgendeinem »poor girl« etwas angetan hat. Desmond sucht sie auf, eine bettlägerige Theresa, die durch Faradays Experimente irgendwie zeitreisegeschädigt zu sein scheint.

    Jedenfalls kann Desmond nicht wie verlangt Faradays Mutter ausfindig machen und sucht daher seinen ungeliebten Schwiegervater Widmore auf, der Faradays Experimente finanziert hat. Dort gibt es wieder eine kleine, nette Freakigkeit zu entdecken, nein, nicht die Türme des Barbican Centre, in dem ich erst letzte Woche das LSO »Death and Transfiguration« habe spielen sehen, sondern ein großes und breites »NAMASTE«, das in den oberen Bereich des abstrakten Gemäldes in Widmores Büro geschmiert ist.

    NAMASTE! So wurden Ben und sein Vater, der es dann nur zum Workman brachte, bei ihrer Ankunft auf der Insel begrüßt. Namaste. Desmond erfährt nun von Widmore, dass Faradays Mutter in Los Angeles ist (was für ein Zufall, da sind auch die Oceanic Six), und er bekommt sogar ihre Adresse. Widmore warnt ihn auch, dass er sich und das Leben seiner Tochter Penny aufs Spiel setze. Desmond will daraufhin seine Idee begraben (wohl nicht wirklich), aber die einsichtige Penny weiß, dass es ihm keine Ruhe lassen wird, und will ihn begleiten. Ok, das wäre beschlossen.

    Auf der Insel geht es derweil heiß her. Wie gesagt, wir hängen auf Kerbe 1954 auf dem Zeitstrahl und erleben die Begegnungen mehrerer versprengter Gruppen: Zunächst werden Faraday, Miles und Charlotte von Ellie und zwei anderen in Militäroutfit gefangen genommen. Sie werden ins Camp geführt und treffen dort Richard, welcher etwas von Angriffen von US-Soldaten erzählt und der oben erwähnten Atombombe, von welcher kurioserweise auch Faraday schon zu wissen vorgibt.

    Er lässt sich von Ellie, Gewehr im Anschlag, dorthin führen. Die Bombe hängt in einer Holzvorrichtung und passt ganz wunderbar zum tiefen Inselgrün. Faraday stellt fest, dass die Bombe ein Leck hat und demzufolge Gefahr im Verzug ist. Faraday ist allein mit Ellie, welche ihn at gunpoint hält, doch dann tauchen Sawyer und Juliet auf und gewinnen die Oberhand.

    Schon in der letzten Folge, direkt nach der Attacke mit den brennenden Pfeilen, waren Juliet, Saywer und schließlich Locke einer anderen Others-Truppe begegnet. Durch Lockes überraschendes Auftauchen hatten sie die Oberhand behalten und zwei Gefangene gemacht, welche sich allerdings wenig kooperativ zeigten und zeigen.

    Sie unterhalten sich dann auch noch relativ munter auf Lateinisch, und da spricht Juliet einfach mal mit, auch in Lateinisch, denn anscheinend ist das große Latinum bei den Others eine Voraussetzung zum Beitritt, und Juliet ist bzw. war bzw. wird ja, wie verwirrend, auch eine Other. Das Latein hat natürlich trotz klassischen Einschlags (›c‹ als [k] gesprochen usw.) einen derben englischen Akzent und erinnert damit etwas an den Song »Momento Mori« von Mike Skinner:

    Mementow morrei, mementow morrei
    It’s latin and it says we must all die

    Weil sich der eine Other (Cunningham) auf ein Gespräch mit Juliet einlässt, bricht ihm sein gestrenger Kamerad so aus der kalten Hinterhand heraus das Genick und flieht in den Dschungel. Später erfahren wir dann, wie gesagt, dass es sich bei dem Mörder um den jungen Charles Widmore handelt. Und dann eine herrliche Szene: Locke hat die Chance, auf den Fliehenden zu schießen, aber er setzt das Gewehr ab und antwortet auf Sawyers entrüstete Frage, warum er es denn nicht getan habe: »Because he’s one of my people.« Denn Locke wird ja ein paar Jahrzehnte später der Chef der Others, und diese Stellung verpflichtet, auch während einer Zeitreise.

    Locke muss übrigens dringend mit Richard sprechen, da er ihm sagen muss, wie man von der Insel herunterkommt, aber das sei »privileged information«, und bevor sie warm werden und überein kommen, sind wir wieder am Anfang dieses Textes: Das Camp verschwindet im Lichtschein, übrig bleiben nur noch Locke, Juliet, Miles, Sawyer, Faraday und Charlotte (man könnte sie die Island Six nennen).

    Locke ist wegen der verpassten Chance völlig verstört und schaut sich auf der leeren Wiese um, auf der sich eben noch das Camp der Others befand. Hoffentlich sind die 6 zeitlich nicht am Sankt-Nimmerleins-Tag gelandet! Charlotte jedenfalls bricht unter Nasenbluten zusammen, und hier endet Folge 3 der 5. Staffel.

  • Im Halbschlaf

    London Symphony Orchestra, »Death and Transfiguration« von Richard Strauss, dirigiert von dem schweren und etwas bärigen Leif Segerstam, der mit seinem langen weißen Bart an die vielen Darwin-Poster erinnert, welche im Darwin-Jahr die Stadt schmücken.

    Strauss schrieb dieses über den Tod sinnierende Stück in jungen Jahren, doch als er dann im hohen Alter von 85 im Sterben lag, sagte er zu seiner Schwiegertochter, dass sich der nun kommende Tod genauso anfühle, wie er ihn damals in »Tod und Verklärung« beschrieben hatte.

    Das erinnert mich an die Prequiems von David Woodard, die den jeweiligen Sterbenden angemessen hinüber auf die andere Seite begleiten sollen. Wie man in einem Interview mit ihm lesen kann, entwirft er dazu auch fantastisch-gesamtkonzeptige Aufführungs­visionen.

    Irgendwie könnte man Strauss‘ »Tod und Verklärung« als eine Art unbewusst geschriebenes persönliches Prequiem verstehen, auch wenn es im Vergleich zu Woodards Ideen sicher deutlich weniger malerisch daherkommt, und sicher ist das auch ein bisschen sehr weit hergeholt.

    Jedenfalls fängt der Abend mahlerisch, hehe, an, mit dem Adagio aus Mahlers unvollendeter 10. Sinfonie. Ganze 9 hat er vollendet, und das liegt ja zumindest quantitativ im guten komponistischen Mittelfeld, aber an so was denke ich natürlich nicht. Erst als ich im Programmheft lese, dass Leif Segerstam ganze 215(!) Sinfonien komponierte, denke ich daran und ich frage mich, ob jemals alle wenigstens einmal irgend­wann gespielt werden oder gar schon wurden?

    Und als ich mir Segerstam noch mal ansehe und an diese ungewöhnlich hohe Sinfonienanzahl denke, fällt mir meine morgendliche Lektüre beim Schweinsohr im Lisboa ein, »The Picture in the House« von HPL. Ein Mann betritt irgendwo in der Einsamkeit, bei einer Radtour, ein einsames Haus, welches ungeheuerlich altmodisch eingerichtet ist, wie aus einer anderen Zeit, aber sehr bescheiden:

    »Most of the houses in this region I had found rich in relics of the past, but here the antiquity was curiously complete; for in all the room I could not discover a single article of definitely post revolutionary date. Had the furnishings been less humble, the place would have been a collector’s paradise.«

    Im Regal entdeckt er dann aber ein paar recht antiquarisch-wertvolle Bücher, die nicht so recht zum Rest des Hauses passen wollen. Um hier nicht in die Tiefe zu gehen, schlussendlich hat das Haus doch noch einen Besitzer, der dann auch noch, wie man über Winkelzüge und Andeutungen erfährt, sein Leben sehr stark durch den Konsum von Menschenfleisch verlängern konnte, wie schaurig.

    Jedenfalls sehe ich Segerstam nun in anderem Licht. Wenn er auch über 200 Jahre alt wäre, dann wäre die Zahl seiner Sinfonien schon weniger beeindruckend, ich denke daran, weil er physisch an den Alten in der HPL-Story erinnert, aber ich verwerfe diesen Gedanken schnell, denn die Konsequenz wäre ja selbst als Vermutung viel zu grausig, zumal Leif Segerstam ungeheuer gütlich und gemütlich erscheint, besonders, wenn er beim Applaus seine Arme ganz weit aufblättert, ganz so wie der vitruvianische Mann von Leonardo.

    Aber diese Gedanken habe ich auch, weil ich mich gerade in einer Art leichten Müdigkeitsdeliriums befinde, in so einem halbwachen Zustand, in welchem sich Traum und Wirklichkeit fließend annähern. Und es geht weiter, im Anschluss an Mahlers Adagio gibt es nämlich noch vier Lieder von Strauss (Four Last Songs), gesungen von Christine Brewer.

    Sie trägt einen kupferfarbenen Mantel mit dunklen Zeichen darauf und ist eine sehr voluminöse Erscheinung mit recht großer blonder Frisur und in meinen zufallenden Augen ähnelt sie plötzlich dem babylonischen König Belshazzar, so wie ihn Rembrandt in einem seiner berühmtesten Gemälde darstellte. Das kommt mir wohl in den Sinn, weil ich am Morgen in der Babylon-Ausstellung im British Museum war.

    Dort widmet man eine ganze Ecke dieser Geschichte und dort wird, wenn auch nur in Form einer Farbfotografie, auf das Rembrandt-Bild verwiesen. Belshazzar im güldenen Mantel, erschrocken auf die Zeichen an der Wand (»The writing is on the wall!«) deutend.

    Daneben hängt dann, im Original und in all seiner Pracht, John Martins »Belshazzar’s Feast«, auch hier is the writing on the wall, wenn auch weiter weg, am Ende des Prachtsaals. Und ganz im Hintergrund, im Dunkel, der Turm zu Babel, im kegelförmigen Bruegel-Style.

    Brian Sewell ist von Martins Arbeit in Öl nicht so besonders angetan, er nennt das Werk in seinem Babylon-Review eine »crude and ugly illustration«, aber dem muss man ja nicht folgen. Ich versuche jedenfalls meine crude and ugly Halbschlaf­assoziationen loszuwerden, auch wenn das nur durch einen kurzen Moment des Schlafs gelingt. Im zweiten Teil, nach der Pause, bin ich endlich wieder fit für »Death and Transfiguration«, meiner Hauptmotivation für den heutigen Besuch.

  • Die Handschellen-Odyssee: Leo Perutz: »Zwischen neun und neun«

    Studenten sind oft begnadete Nebenfiguren, etwa Øien in Hamsuns »Mysterien« oder Charousek in Meyrinks »Golem«. In Leo Perutz’ Roman »Zwischen neun und neun« (1918) begegnen wir dem Studenten Stanislaus Demba dann aber in einer Hauptrolle. Es ist ein Wien-Roman, die Geschichte um ein kleines Verbrechen.

    Vor drei Jahren hat Demba drei Bände aus der Bibliothek mitgehen lassen und beginnt diese nun in Geldnot an einen Trödler zu verscherbeln. Beim letzten Band, dem wertvollsten, riecht der Ankäufer Lunte und ruft die Polizei. Demba wird gestellt und kann dann zwar fliehen, ist dabei allerdings immer noch in Handschellen gekettet, bekommt diese in den kommenden 12 Stunden (zwischen neun und neun) auch nicht ab und streicht mit diesem misslichen Handicap durch die Stadt.

    Dummerweise ist ihm gerade die Freundin ausgespannt worden, welche am folgenden Tag mit ihrem neuen Verehrer eine Reise nach Venedig antreten wird. Demba will sich nun selbst Geld besorgen, um im letzten Moment vielleicht doch noch an der Seite seiner Ex in die Lagunenstadt fahren zu können, und so beginnt seine mehrstündige Handschellen-Odyssee.

    Aus diesem Roman sollte ursprünglich eine 12-teilige Serie entstehen, die den Namen »12« trägt und in 12 Episoden jeweils genau eine Stunde dieser Zeitspanne in Echtzeit nachzeichnet. Aber dann hatte niemand diese Idee. Umgesetzt wurde sie erst Jahrzehnte später in der Actionserie »24«.

    Die weltweite Perutz-Rezeption wird außer bei Borges u. a. auch in den Filmen von Hitchcock sichtbar. Er insinuiert im Gespräch mit Truffaut jedenfalls, dass die Handschellen-Szene in »The Lodger« auf der Perutz-Vorlage basiert.

    Aber mir geht es weniger um die Inhalte und die Aufnahme des Buchs, sondern um den Charakter Stanislaus Demba, besonders im Vergleich zu anderen Studententypen. Anders als die oben genannten ist Demba ein unfreundlicher, aufbrausender Choleriker voll spöttischer Menschenverachtung, dabei allerdings bizarr komisch und einfach sehr sympathisch in seiner Antiheldenrolle.

    Da beschreibt er doch seinen Rivalen Georg Weiner im Streit um seine Geliebte, welche ihn eigentlich schon verlassen hat, herablassend, im Gespräch mit einer Freundin, wie folgt:

    »Dieser Mandrill hat doch eigentlich einen ganz menschenähnlichen Gang. Weißt du, nicht aus Gehässigkeit, sondern ich war wirklich erstaunt, dass er so gut aufrecht gehen konnte, und dachte mir, das muss ihm doch große Mühe machen, warum plagt er sich so und geht nicht einfach auf allen vieren?«

    Außerdem ist sein äffisch wirkender Kontrahent ein Mensch, der kein Kinn hat, und Demba hat das gleiche an dem Trödler beobachtet, welcher ihn dann an die Polizei ausliefern wird, und entwickelt die folgende Theorie über die Kinnlosen:

    »Manchen Menschen fehlt das Kinn. Das Gesicht geht unter dem Mund gleich in den Hals über. Sie sehen aus wie Hühner. Auch der Weiner gehört zu diesen Menschen. Sie tragen entweder Vollbart, dann sieht man es weniger, oder, wenn sie glattrasiert sind, dann sehen sie stupid aus. Ich glaube, das ist ein Atavismus. Zwischen der zweiten und der dritten Eiszeit sollen die Menschen so ausgesehen haben. – Nein, das ist kein Witz, ich hab’ das wirklich einmal in einem Aufsatz über den prähistorischen Menschen gelesen. Mir sind Leute ohne Kinn zuwider. Und wie ich den Alten anschau’, kommt mir der verrückte Gedanke, dass vielleicht ein Geheimbund aller dieser Kinnlosen besteht gegen die übrige Welt, dass sie zusammenstehen, und dass vielleicht der alte Trödler mit dem Georg Weiner im Einverständnis ist und mir nur eine Bagatelle für das Buch zahlen wird, damit ich nicht mit der Sonja nach Italien fahren kann.«

    Die 12 Stunden mit dem handgeschellten Stanislaus Demba sind jedenfalls wahre Freuden. Aber die 24, welche ich letzthin an die erste Staffel der gleichnamigen Serie verschwendet habe, waren auch nicht zu verachten.

  • »The Antiques Rogue Show«

    Bei uns heißt es »Kunst und Krempel«, und das Äquivalent bei der BBC nennt sich »Antiques Roadshow«. An diesen Titel wiederum lehnt sich dann die am 4. Januar ausgestrahlte »Antiques Rogue Show« an, eine dieser sehr gut gemachten BBC-Docufictions, welche sich oft weltweit verkaufen like hot buns.

    Es geht um Shaun Greenhalgh, einen britischen Künstler, der sich aber vor allem als Fälscher einen Namen machte. Passt also sehr gut zum zweitbesten Feuilleton-Artikel 2008, die »Spiegel«-Story von Jörg Diehl und Ralf Hoppe, die sich auch um die Frage drehte, was denn ein fanatischer Künstler macht, wenn er seine Werke nicht verkaufen kann.

    Hans-Jürgen Kuhl jedenfalls ging den direkten Weg und fälschte Geld. Greenhalgh dagegen fälschte Kunst und machte diese dann erst zu Geld. Während Kuhl irgendwann mal ein Teil des etablierten Kunstbetriebs war, Warhol persönlich traf usw., fristete Greenhalgh ein eher bizarres Dasein, welches er auch nicht änderte, nachdem er einige Stücke aus seiner Fälscherwerkstatt zu Geld gemacht hatte.

    Sein Leben lang wohnte er mit Eltern und Tante in einer Sozialwohnung in Bolton bei Manchester und kam selten da heraus. Aber in seiner Gartenlaube fälschte er Kunstwerke aller Art. Sein größter Hit war die Amarna Princess, eine angeblich über 3.000 Jahre alte ägyptische Figur aus der Amarna-Periode.

    Shaun studierte die wenigen vorhandenen Kunstwerke dieser Zeit sehr genau. Er besorgte sich dann Alabaster aus Ägypten, den er überwiegend mit Baumarktwerkzeugen bearbeitete. Den Alterungseffekt erreichte er mit einem Sud aus Tee und Chicken-Shit. Auch unser großer deutscher Fälscher, Konrad Kujau, tauchte die Seiten zumindest in Tee, um seine Hitlertagebücher alt aussehen zu lassen.

    Alt sahen dann jedenfalls die Experten aus, die mit ihrer Begeisterung das lokale Museum anstachelten, die Alabaster-Prinzessin für 440.000 Pfund zu kaufen. Um abzusichern, dass dieses bedeutende Kunstwerk nicht das Land verlässt und natürlich auch, um einen Knüller im eher provinziellen Museumsprogramm zu haben.

    Neben der Kunstfertigkeit des fälschenden Künstlers war besonders der Verkaufs-Style bemerkenswert. Hier trat der betagte Vater Greenhalgh in Aktion. Er besorgte einen alten Auktionskatalog aus dem späten 19. Jahrhundert, in dem zwei ägyptische Statuen angeboten wurden, welche aus dem Nachlass eines Earls stammten. Er behauptete dann einfach, dass sein Großvater eine davon gekauft hat und sich diese seitdem im Familienbesitz befindet.

    Hier funktionieren die gespielten Szenen der Doku besonders gut. Eine Kunstexpertin besucht Mutter und Vater Greenhalgh zu Hause, und während die alte Greenhalgh so tut, als würde sie auf dem Dachboden nach diesem alten Auktionskatalog kramen, nervt ihr Mann die Expertin mit langweiligen Geschichten aus seinem Leben, aus seiner Jugend, vom Krieg, und die Arme macht mit all ihrer britischen Höflichkeit eine gute Miene. Die reine Zermürbungstaktik, denn der Katalog liegt natürlich im Nebenzimmer bereit und muss nicht erst noch auf dem Dachboden zufällig gefunden werden.

    Der Trick geht jedenfalls auf. Der Katalog und ein bisschen gefälschte Familienkorrespondenz helfen bei der Bescheinigung der Echtheit. Insgesamt 17 Jahre verhökern die Greenhalghs fröhlich und erfolgreich die vom Sohn gefälschte Kunst. Immer wieder geht der unscheinbare Alte zu Auktionshäusern und Händlern und bietet seine Familienstücke an und fragt ganz unschuldig, »whether they are worth a couple of quid?«

    Kurioserweise bleiben sie bei allem Erfolg auf dem Teppich, wohnen weiter gedrängt in ihrer Sozialwohnung, haben aber eine halbe Million Pfund auf dem Konto. Erst als sie dem britischen Museum drei assyrische Reliefs anbieten, auf denen sich einige Schreibfehler in die Keilschrift geschlichen haben, fliegt der Schwindel auf. Shaun sitzt jetzt für vier Jahre und acht Monate im Gefängnis, aber »it could have been much worse«, wie die Doku gleich am Anfang feststellt, und zwar unter Verweis auf das Schicksal von van Gogh.

  • Der Vagina-Katalog

    Venus ist verheiratet mit Vulkan, doch Mars ist scharf auf die Schöne. Irgendwann geht sie auf das Werben des Kriegsgottes ein, und beide treffen sich zum heimlichen Liebesspiel. Vulkan bleibt das nicht verborgen, und er stellt den beiden eine Falle. Er bringt ein fast unsichtbares Netz an seinem Ehebett an, um sie bei ihrem nächsten Rendezvous darin zu fangen. Der Plan geht auf, und Vulkan rächt sich nun, indem er die beiden im Netz Gefangenen dem Gespött der übrigen Götter aussetzt.

    Diese Szene verarbeitete François Boucher, der uns in seinen weichgespülten rosa Rokoko-Farbtönen heute eher kitschig vorkommt, in mehreren Gemälden. In einem davon stellt er den Moment dar, in dem sich Vulkan vorsichtig an die Liebenden anschleicht. Venus liegt lustvoll zurückgeworfen auf dem Bett, während Mars sie umarmt.

    Dieses Bild, »Mars and Venus surprised by Vulcan«, entstand um 1754 und hängt heute in der Wallace Collection in London, die eine der besten Boucher-Sammlungen der Welt hält und 2005 auch eine Sonderschau, über den Maler veranstaltete, »Seductive Visions«.

    Das nur als Einleitung, als Vorgeschichte, und jetzt sitze ich mit Millek und Sébastien2000 (* Name geändert) im Café der Wallace, das zwar sehr schön ist, aber ein bisschen zu bieder, um zum Kaffeehaus des Monats ausgerufen zu werden. Jedenfalls wird das Museum in 15 Minuten schließen, und wir diskutieren: Welche beiden Bilder müsste man sehen, wenn man nur 10 Minuten Zeit hat, aber einen Eindruck von der Sammlung gewinnen will.

    Zumindest das erste Werk liegt klar auf der Hand: »The Swing« von Bouchers Schüler Fragonard. Dieses Bild ist nicht nur eines der prominentesten Werke der Sammlung. Mit seinem frivolen Sujet steht es auch exemplarisch für die Interessen des Sammlers Richard Wallace, der Sinnliches mochte und konsequent heranschaffte. Religiöses oder Schlachtengemälde wird man in der Wallace Collection nicht finden.

    Wir begeben uns nach oben in die Galerie, um eben jenem »Swing« die verbleibenden Minuten zu widmen. Auf dem Weg dorthin erzählt uns Sébastien (der sich nach seinen Speed-Führungen im Prado und in den Vatikanischen Museen jetzt in der Wallace Collection betätigen will) jene eingangs erwähnte Geschichte von Venus, Vulkan und Mars. Und obwohl wir wissen, dass das entsprechende Bild von Boucher auch gleich hier hängt, inspizieren wir erst noch einmal den berühmten »Swing«:

    Inmitten eines tiefgrünen Parks sitzt eine Dame auf einer Schaukel. Unter ihr, im Buschwerk versteckt, aber für die Dame sichtbar: ein einladend grinsender Mann, ihr Liebhaber, welchem schon der eine Schuh der schaukelnden Frau zufliegt und andeutet, dass sie selbst wohl als nächstes folgen wird. Im Hintergrund, im Schatten, ein weiterer Mann, der die Schaukel anschiebt, wohl ihr Mann, der von einer Affäre nichts weiß. Angeblich wurde das Bild seinerzeit von dem heimlichen Liebhaber in Auftrag gegeben.

    Aber kommen wir zurück auf die prominenten Liebenden aus dem Olymp. Wir brauchen uns dazu nur umzudrehen, und Sébastien setzt seine Vorgeschichte nun fort »with a rather juicy bit of information«.

    Für das Cover des Katalogs zur damaligen Boucher-Ausstellung war ein Detail aus genau diesem Bild, »Mars and Venus surprised by Vulcan«, ausgewählt worden. Das Detail wurde auch für Werbeposter verwendet und zierte zur Zeit der Ausstellung als riesiges Banner das Hertford House, in dem sich die Wallace Collection befindet. Dieser Ausschnitt ist nur ein kleiner Teil des Bildes: der lustvoll zurückgeworfene Kopf der Venus.

    Wie gesagt, die Ausstellung ist lange vorbei, aber das große Banner hat die Kuratorin wohl noch immer irgendwo hängen. Und eines Tages, jetzt, Jahre nach der Ausstellung, fragte sie angeblich jemand, der das Bild, den Ausschnitt, den Kopf der Venus eine Weile studiert hatte, ob ihr denn daran nicht etwas auffalle. Und sie konnte an diesem Ausschnitt, dem Aushängeschild der Ausstellung, das sie so oft gesehen hatte, das so viele Leute so oft gesehen hatten, nichts Neues entdecken.

    Und auch wir stehen nun vor dem Bild, dem Original in Öl, hier in der Wallace Collection, und sehen nicht nur den Ausschnitt, sondern starren auf das gesamte Gemälde in all seiner Pracht, aber es fällt uns einfach nichts auf.

    »Have a closer look at her ear«, sagt Sébastien, und dann, keiner spricht es aus, keiner muss es aussprechen, es ist ein Moment des Staunens und des Unglaubens (»Und mit Erstaunen und mit Grauen / Sehen’s die Ritter und Edelfrauen«, um den Moment in Kontext zu setzen), und nach einem Moment der Stille, unser aller Münder stehen offen, raune ich ein ungläubiges »Really!?«.

    Für diese kunsthistorische Entdeckung, die in der Literatur noch nicht verzeichnet ist, wird es wohl nie eine offizielle Bestätigung geben. Doch in Anbetracht von Bouchers Gesamtwerk und der Deutlichkeit und unser aller Reaktion weist alles darauf hin, dass man 4 Jahre nach der Ausstellung den zugehörigen Katalog als Vagina-Katalog bezeichnen kann.

  • Manolo für George W. Bush

    Stilfragen sind nicht unsere Hauptbeschäftigungslinie, doch kommen wir nicht umhin, ab und an unsere Freude zu teilen, wenn zum Beispiel Hans Magnus Enzensberger im knallrot leuchtenden Pullunder aus dem »Spiegel« grüßt oder Peter Rühmkorf in einem besonders interessanten Trenchcoat in der FAS auftaucht.

    Und natürlich können wir nicht schweigen, wenn wir bemerken, dass Erich Priebke eine Karstadt-Style-Bundjacke trägt, die der berüchtigten Ahmadinejacket des iranischen Präsidenten zum Verwechseln ähnelt, noch dazu, wenn besagter Priebke auf einem Motorroller zusammen mit seinem Anwalt auf dem Weg zum Gerichtstermin in Rom an den Quattro Fontane vorbeizirkelt.

    Diesen Kleinodien widmen wir uns nur am Rande und nur dann, wenn es sich nicht vermeiden lässt, denn normalerweise hegen wir andere Sorgen und besonders jetzt stecken wir wie mehrfach berichtet tief in einem Kleinkrieg um die zu kürenden »Best of Feuilleton 2008«, der hoffentlich Ende der Woche beendet ist.

    Beruhigenderweise ist unsere Arbeit in Modefragen auch nicht notwendig, denn dafür gibt es »Manolo for the Men«. Hier beschäftigt sich Izzy (Isidore Gallant), der von sich konsequent in der dritten Person schreibt, nicht nur mit den kleinen Gimmicks, welche auch wir im Programm gehabt haben könnten, wenn sich beispielsweise Fidel Castro im Adidas-Tracksuit mit Kuba-Flagge portraitieren lässt. Izzy beleuchtet auch die großen modischen Fauxpas.

    Die Fliege, der Bowtie, welcher seit der Folge »The Bowtie« von »Curb Your Enthusiasm« (Season 5, Episode 2) wieder wachsende Verbreitung auch unter jungen Menschen findet, fristet trotzdem ein Nischendasein und wird, wenn überhaupt, in der vorgebundenen Variante getragen, und das ist natürlich furchtbar, wie Izzy anhand eines Vergleichs von John Travolta (pre-tied) mit Peter O’Toole (self-tied) im Beitrag »Pre-Tied Bowties: Why Not Just Wear Sweatpants?« zeigt.

    Ende letzten Jahres, das kann man ja nun wieder sagen, wurde das zweite George-W.-Bush-Portrait für die National Gallery Washington enthüllt, welches einen lächelnden noch amtierenden US-Präsidenten zeigt, der allerdings mit einem Hemd mit zwei eigenartigen Brusttaschen bekleidet ist, welches auf den zweiten Blick und im Kontext von Izzys scharfer Analyse recht ominös erscheint (besonders unter dem Jackett, auf dem Bild mit Putin, sieht es eigenartig aus):

    »Izzy is almost certain that that light-blue shirt, with its two unusual pocket flaps, is the same one Bush wore when engaging in diplomacy with Vladimir Putin. As Izzy pointed out at the time, that quasi-militaristic style has also been favored by fellow Texan Charlie Wilson. Clearly, Bush’s choice of shirt and pose—bent over, sitting on a couch while smiling—was intended to give an air of casualness and familiarity. Unfortunately, given how the shirt’s cuffs ride up due to bent arms, Izzy mainly sees poor tailoring. (The pleats adjacent to the cuffs are a further sign that the shirt was not custom-made.)«

    Die SZ bescheinigt dem Porträt eine Art Biedermeierei in schweren Zeiten, und wer will es verübeln, dass der Präsident da ein bisschen auf Kaminfeuerromantik macht. Aber auch Kia Vahland kommt nicht umhin, das Präsidentenhemd zu kommentieren:

    »Nehmen Sie Platz in der guten Stube, der Gastgeber schenkt Ihnen sein Ohr. Er erwartet Sie auf der Sofakante, im frischgebügelten himmelblauen Hemd, die Brusttaschen in Cowboyart, die Manschetten dagegen staatsmännisch anzugsfähig. Noch lächelt er etwas verkrampft, aber nach zwei Gläsern wird sich die Stimmung schon auflockern. Fühlen Sie sich wie zu Hause.«

    Bevor ich hier aber alle Artikel abrolle, lasse ich das so stehen. »Manolo for the Men« ist nicht nur lesbar, sondern eine seriöse Empfehlung im Namen des Umblätteres.

  • Die FAS vom 21. 12. 2008: Hänsel, Gretel und der Wolf (und Buddenbrooks)

    Das britische Pfund hat nun fast Parität zum Euro erreicht. Deshalb offenbar hat sich die halbe Feuilleton-Redaktion der FAS nach London begeben, und das beschert uns nicht etwa eine Ansammlung von Alibitexten parallel zum Weihnachtsshoppingtrip, sondern ein paar schöne und auch nützliche Texte.

    Ganz allgemein angemerkt kann man nicht dankbar genug sein, dass Eleonore Büning seit diesem Jahr als Redakteurin für die FAS schreibt. Dieses Mal berichtet sie von ihrem vorweihnachtlichen Besuch im Royal Opera House in Covent Garden. Sie sah dort »Hänsel und Gretel« von Humperdinck, und in ihrem Text widmet sie sich besonders der Sopranistin Anja Silja, welche die Hexe Rosina Leckermaul singt, und informiert außerdem über die Wagner-Anleihen in diesem Stück, und zu diesem, Wagner, kehre ich hier gleich noch mal zurück.

    Vorher aber noch zu Nils Minkmar, den anderen London-Besucher der gestrigen FAS. Er traf sich mit dem Philosophen Mark Rowlands, der 11 Jahre mit einem Wolf namens Brenin verbrachte und darüber Bücher schreibt.

    Ich schwärme hier ja ständig von Tierzeichnungen verschiedener Renaissancekünstler und werde deshalb in internen Umblätterer-Konferenzen unverhohlen als der neue Heinz Sielmann gehandelt, und deshalb erwähne ich jetzt nicht auch noch, wie schön ich das zeitgenössische Foto von Brenin bei seinem Besuch in Irland finde.

    Vielmehr erwähne ich noch kurz den Artikel von Andreas Kilb über die neue »Buddenbrooks«-Verfilmung, denn schließlich hat Marcuccio gerade das Buch noch mal gelesen und dem Roman hier und hier und hier bereits mehrere Heutigkeiten entrissen, um einmal mit Claus Peymann zu sprechen.

    Reiner Logik und dem Kilb-Text folgend ist die Breloer-Verfilmung ein Erlebnis, welches man getrost wie den viel zitierten Kelch an sich vorbei gehen lassen kann, und am Beispiel wird deutlich gezeigt, dass die meisten Literaturverfilmungen so überflüssig sind wie nur was. Mit böser Zunge könnte man sie audiovisuelle Vereinfachungen für Lesefaule, die mitreden wollen, nennen oder einfach wie Kilb in diesem Falle den Regisseur als Geschichtendekorateur bezeichnen.

    Am Ende berichtet Kilb noch von Thomas Manns eigenen fruchtlosen Annäherungsversuchen an den Film im Hollywood der 40er-Jahre. Später soll dieser ernüchtert mit einem abgewandelten Wagner-Zitat bemerkt haben: »Wer auf den Film baut, baut auf Satans Erbarmen.«

    Wo wir gerade bei Familienromanen sind, erwähne ich noch einmal meine augenblickliche Lektüre, »Zombie Nation«. Hier beschreibt der große Schriftsteller und Autor Lottmann den Verfall der Familie Lohmer, welche man auch durchaus als mikrokosmisches Paradebeispiel unserer gerontokratischen Gesellschaft auffassen könnte, nach Lottmann, nicht mir.

    Usw.