Autor: Dique

  • Der grooooße John Flaxman

    Die Flaxman-Ausstellung hatte ich ja schon erwähnt, und im Kunst­BlogBuch gab es auch gerade eine schöne Kritik mit einigen Erinnerungsfotos vom Ausstellungsraum.

    Die Schar der Flaxman-Bewunderer scheint mir sehr klein zu sein, selbst Bekannte mit kunsthistorischem Hintergrund schenken mir ein eher mitleidiges Lächeln, wenn ich von den Umrisszeichnungen, Reliefs und Wedgwood-Designs von John Flaxman schwärme, als gäbe es kein Morgen.

    Der GROOOOSSE Flaxman war sogar mal der Running Gag eines Freun­des, mit dem ich ein Wochenende lang in der Stadt unterwegs war. Deshalb freute ich mich dann auch diebisch, als weder die Felsgrot­tenmadonna (wird restauriert) noch das »Supper at Emmaus« (war verliehen) während seines Besuches in der National Gallery zu sehen waren. Ätsch!

    Die erste Flaxman-Ausstellung sah ich 2003 im Sir John Soane’s House in London. Hier waren es die Umriss­zeichnungen (outline drawings), die mich sehr beeindruckten. Diese klaren und weichen Umrisslinien, auf weißem Grund, dezent gerahmt, klassizistischer Minimalismus. Die Feinheit der Linie fasziniert mich auch immer wieder an den Zeichnun­gen von Ingres, aber das ist ein anderes Kapitel.

    In der Ausstellung im Soane’s gab es außerdem ein Gipsmodell des Schildes von Achilles zu sehen, welches so extraordinary wirkte, eben weil es noch nicht gegossen war, es noch nicht metallen glänzte, sich also die Konturen, die Figuren des reichlich berelieften Schildes um­risshaft in der weißen, beschliffenen Oberfläche abzeichneten. Es stellte sich ebenso reduziert und minimalistisch dar wie seine Umriss­zeichnungen, mit welchen er Dante (Göttliche Komödie) und Homer (Odyssee) illustrierte.

    Flaxman: Ulysse descend aux enfers, par les conseils de Circé ; pour y consulter l'ombre de Tyrésias
    « Ulysse descend aux enfers, par les conseils de Circé ;    
    pour y consulter l’ombre de Tyrésias »    

    Wenn man Glück hat, findet man sogar mal eine schöne Ausgabe im Antiquariat und begibt sich bei der Lektüre (oder einfach nur beim An­sehen) automatisch in beste Gesellschaft. Denn wie ich erst kürzlich las, lernte Anselm Feuerbach in seiner Kindheit die homerische Welt anhand von Flaxman-Illustrationen kennen.

    Feuerbach werde ich hier demnächst mal mit Lawrence Alma-Tadema vergleichen, aber erst wenn endlich die große Coen-Brothers-Werk­monografie von San Andreas gelaufen ist, zum ersten Mal angekündigt im November letzten Jahres! Quousque tandem, San Andi, abutere patientia nostra!

    (Bildquelle: Wikimedia Commons)

  • Das Kleiderproblem

    »Auch zur Polizei hatte Irrsigler ja nur gehen wollen, weil ihm mit dem Beruf als Polizist das Kleiderproblem als gelöst erschien.«

    Einen Uniformberuf wählen, um das Kleiderproblem zu lösen, was für ein Ansatz! Irrsigler ist eine Figur aus »Alte Meister« von Thomas Bern­hard, ein Museumswärter im Wiener KHM. Diese Art livrierter Mitarbei­ter ist überhaupt spannend (also natürlich völlig unspannend), jetzt mal ganz allgemein, diese Leute, die da den lieben langen Tag neben diesen Bildern stehen, auf Stühlen neben Türen sitzen oder langsam durch ein paar Museumsräume schleichen.

    Manche wissen dann auch ganz gut über die hauseigene Sammlung Bescheid. Nach all den Jahren haben sie sich einen Wissensschatz angeeignet, immer wieder Führungen gesehen, Diskussionen haus­eigener Experten vor den Bildern vielleicht auch, vielleicht auch ein bisschen selbst etwas angelesen, sie besitzen aber normalerweise keinerlei Referenzwissen.

    Mir passierte das neulich im Hampton Court. Der Wärter, der eben noch eine tolle Story über eines der Bilder erzählte – er kam ungefragt, nachdem er uns sehr lange vor einem bestimmten Bild stehen sah –, hatte überhaupt keine Peilung von ähnlichen Bildern aus der National Gallery zum Beispiel, obwohl das so offensichtlich war, besonders nachdem er derart passioniert über jenes eine Bild im Hampton Court gesprochen hatte.

    Bei dem Bild handelt es sich übrigens um das Vollportrait einer jungen, wohl schwangeren Frau. Man geht mittlerweile davon aus, dass es sich um Elisabeth I. handelt, welche zu dieser Zeit gerade unehelich schwanger war, und der Sohn sei kein anderer als Francis Bacon. Das Bild ist ein Schlossdachbodenfund, es schlummerte dort quasi Jahr­hunderte und es gibt dazu keinerlei Dokumentation, but that’s a different story.

    Die Figur des Irrsigler ist jedenfalls ein sehr gutes Abbild dieses zu­meist im älteren Semester befindlichen uniformierten Museumsperso­nals. Tja, und wir haben in unseren Jobs oder Funktionen immer noch das Kleiderproblem, so geil, das Kleiderproblem.

  • Lost: 5. Staffel, 15. Folge

    Achtung! Spoiler!
    Episode Title: »Follow the Leader«
    Episode Number: 5.15 (#100)
    First Aired: May 6, 2009 (Wednesday)
    Deutscher Titel: »Der Anführer« (EA 16. 7. 2009)
    Umblätterers Episodenführer (Staffeln 4, 5 und 6)

    Folgenlang hat uns Faraday eingebläut, und we took it for granted, dass man durch Taten in der Vergangenheit nicht die Zukunft ändern kann, whatever happened, happened. Das ist endgültig Schnee von gestern. In dieser Folge beginnen die in den 70ern gelandeten Losties, an die­ser Vergangenheit herumzudoktern, damit am Ende der Kausalkette der Oceanic-Flug 815 im Jahr 2004 eben nicht vom Himmel fällt, nur weil Desmond vergessen hat, den 108-Minuten-Knopf zu drücken.

    Der brachialste Ansatz dafür ist die Zündung der auf der Insel befind­lichen Wasserstoffbombe. Und ausgerechnet Dr. Jack Shephard geht mit dieser Idee völlig d’accord, er betrachtet das als unausweichlichen Auftrag des Schicksals und erinnert dabei immer mehr an seinen esoterischen Gegenpart John Locke. Der schöne Eid des Hippokrates scheint dem ehemaligen Superarzt mittlerweile völlig Wurst zu sein.

    (mehr …)

  • Lazarillo, Hoffmann, ZERN, Gemäldegalerie, Bode

    Neulich kurz in Berlin gewesen, dort auf dem Flohmarkt endlich mal den Lazarillo von Tormes gekauft, welchen mir Paco immer wieder ans Herz gelegt hatte. Ich las ihn gleich auf der nächsten Kaffeehausbank in einem Zug, und er hat mir natürlich bestens gefallen.

    Danach gleich noch von Hoffmann den »Meister Martin der Küfner und seine Gesellen« (was soll man auch sonst in Berlin machen?), auch sehr fein und die von uns neulich begonnene Liste der besten 100-Seiten-Bücher wächst. Wenn wir 100 beisammen haben, geben wir einen entsprechenden Kanon heraus. Goldschnitt, Lesebändchen, säurefreies Papier, gedruckt bei Alfred A. Knopf.

    Dann zur Eröffnung in die ZERN Gallery, obwohl ich kaum noch was erkennen konnte, nach all der Leserei. Dort war auch Ingo Niermann, und ich erzählte ihm von der hier berichteten Drill/Vril-Verwechslung, er freute sich aber mehr über die Erinnerung an den Auftritt von Gilbert & George (ebenda). Gesa Johanna Roskamp erinnerte mich an Pontormo und das wurde mit Wohlwollen quittiert.

    Am nächsten Tag in der Gemäldegalerie zur Rogier-van-der-Weyden-Ausstellung, danach die italienische Reproduktionsgrafik von Mantegna bis Caracci. »Gibt es zu der Ausstellung einen Katalog?« »Nein.« »Mist.«

    Dann noch schnell ins Bode-Museum, um das Flaxman-Relief anzuschauen, ultraklein für die Größe, mit der es überall in diesem Berlin beworben wird, aber trotzdem sehr schön. Wobei das Schönste im Bode immer noch diese wunderschöne Dorothea-Terrakottafigur von Andrea della Robbia ist.

    Diese altarmäßige Präsentation und diese schöne Figur, welche durch das Material so weich wirkt, sieht fast aus wie Holz und ist mal eine angenehme Abwechslung zu den sonst meist weiß-blauen glasierten Reliefs des della-Robbia-Clans.

    Usw.

  • Curb Your Michelangelo

    Das »Jen Cafe« kann nur dem Namen nach Kaffeehaus des Monats werden, es gibt jedenfalls keinen Kaffee. Es ist eine kleine chinesische Snackbar und hat sehr gute Beijing Dumplings. Dort sitze ich und lese eines dieser weißen Phaidon-Bücher, über Michelangelo, und neben mir sitzt ein amerikanisches Pärchen.

    Ob ich denn wisse, dass Michelangelo auch Gedichte geschrieben habe, fragt mich der Mann, als er sieht, was ich lese. Später sagt er noch, dass er immer, wenn er in London ist, auf ein paar Dumplings ins Jen Cafe gehe, schon seit Jahren. Und noch später unterhalten wir uns kurz über »Curb Your Enthusiasm«, weil irgendetwas »Curb« war, ich habe nur vergessen, was. Ich rede sehr gern mit Amerikanern, weil wirklich alle Seinfeld kennen und zumeist auch »Curb Your Enthusiasm«. Mit Detailkenntnis, da muss man nichts erklären.

    »Michelangelo, Bildhauer in Rom«, so unterschrieb er häufig seine Korrespondenz. Außerdem schrieb er Sonette, und manchmal war er ein Spaßvogel. Die kleine rororo-Bio (die ältere von Heinrich Koch, nicht die neuere von Daniel Kupper) bringt folgenden Auszug aus einem Brief an seinen Vater. Michelangelo ist in Bologna, wo die Pest tobt, und anscheinend hat ihm der Vater vorher brieflich einige altkluge Belehrungen über die Krankheit zukommen lassen, woraufhin er jetzt antwortet:

    »Du schreibst mir von einem gewissen Arzt, Deinem Freund, der Dir gesagt hat, daß die Pest eine böse Krankheit und tödlich sei. Es ist mir wertvoll, das zu erfahren; denn hier grassiert sie stark, und diese Bologneser sind noch nicht dahinter gekommen, daß man daran sterben kann. Deshalb wäre es gut, wenn er hierher käme, denn sicherlich kann er sie durch seine Erfahrungen belehren. Das wäre für sie bestimmt äußerst nützlich.«

    Usw.

  • Kaffeehaus des Monats (Teil 43)

    Wenn du mal richtig Zeitung lesen willst:

    Jen Cafe, London

    London
    Das Jen Cafe, 4–8 Newport Place.

    (Das Jen Cafe kann nur dem Namen nach Kaffeehaus
    des Monats werden, es gibt jedenfalls keinen Kaffee.
    Es ist eine kleine chinesische Snackbar und hat sehr
    gute Beijing Dumplings. Dort sitze ich und lese eines
    dieser weißen Phaidon-Bücher, über Michelangelo, …)

  • Lektüreliste: Aira, Waugh, da Vinci

    Gerade César Aira beendet, »Humboldts Schatten«. Eine waschechte Novelle, die inhaltlich stark an Kehlmann und seine »Vermessung der Welt« erinnert (und auch zwei Jahre vor ihr auf deutsch erschienen ist). Die Konstellationen entsprechen sich deutlich: Dort Humboldt als großer Checker mit Bonpland als Schattengänger, ähnlich hier das Verhältnis zwischen Rugendas und Krause. Rugendas befindet sich im Fahrwasser der ersten großen Brasilienmaler aus dem Gefolge des Moritz von Nassau, Frans Post und Albert Eckhout, aber das erwähnen weder Aira noch Ottmar Ette im gelehrten Nachwort.

    Außerdem gelesen: Evelyn Waughs Bericht aus Abessinien, »Befremdliche Völker, seltsame Sitten«. Er war dort bei der Krönungsfeier von Haile Selassie, und das ist schon sehr stark. Waugh gibt sich immer dezent distanziert gegenüber all den irren Dingen. Definitiv eine der Christian-Kracht-Quellen für seine Reisenummern. Die Ausgabe der »Anderen Bibliothek« ist auch sehr schön, grüner Samt mit blauen Tupfen.

    Und hatte ich schon von »A Handful of Dust« berichtet? Auch von Waugh, der Titel natürlich ein Zitat aus »The Waste Land«. Das Buch selbst ein britisches upper/middle-class-drama, welches dann aber im Dschungel Brasiliens endet: Der sehr passive Protagonist, Anthony Last, hat sich von seiner Frau betrügen lassen und sich auf der Suche nach Sinn mit dem schrägen Scharlatan, Dr. Messinger, auf eine Brasilien-Expedition begeben.

    Er hängt dann in einem Indianerdorf in Brasilien fest, der Mitreisende Dr. Messinger ist umgekommen, und Tony überlebt mehr oder weniger durch Zufall, weil er auf einen Indianerstamm stößt. Dieser befindet sich unter der Führung des mysteriösen Mr. Todd, welcher einige Colonel-Kurtz-Anleihen aufweist. Der immer sehr höfliche und ruhige Mr. Todd lässt Tony nicht mehr weg, denn er braucht ihn, damit er ihm Dickens vorliest, denn er selbst kann nicht lesen.

    Irgendwann entdeckt Tony das Grab seines Vorgängers, welcher im Dschungel verstarb, und so fristet er als Vorleser sein Dasein bis ans Ende seiner Tage. Das erinnert auch wieder ein bisschen an Kracht, das Ende von »1979«, hier bei Waugh ist es zwar kein Umerziehungslager, aber irgendwie auch eine Art lebenslängliche Lagerhaft.

    Außerdem las ich die RoRoRo-Bio zu da Vinci, und die war wirklich gut, von Kenneth Clark geschrieben, sehr guter Mann anscheinend. Da Vinci auch edel, nichts fertig gemacht, alles angefangen, Dandy und Eigenbrötler, ein hervorragender Typ, vor allem im Vergleich zu diesen Idealtypen, zu denen Michelangelo zählt, aber eigentlich auch nicht wirklich, vielleicht gegenüber dem Typus Alles-Gelinger à la Rubens.

    Las das Buch eigentlich nur als Anwärmer, bevor ich mich mehr auf den da-Vinci-Umkreis in Mailand stürze, Luini und Boltraffio, welche mir sehr gut gefallen, indem sie dieses weiche Lächeln der Leonardo-Madonnen kopieren wollen und dabei aber ihre eigenen Quirks aufweisen. Clark bürstet beide und auch den Rest des da-Vinci-Umfeldes gnadenlos ab, nicht mal zweite Reihe seien die alle, aber gut, das würde ich auch erst mal so hinschreiben.

  • Lost: 5. Staffel, 11. Folge

    Achtung! Spoiler!
    Episode Title: »Whatever Happened, Happened«
    Episode Number: 5.11 (#96)
    First Aired: April 1, 2009 (Wednesday)
    Deutscher Titel: »Zurück in die Zukunft« (EA 18. 6. 2009)
    Umblätterers Episodenführer (Staffeln 4, 5 und 6)

    »Whatever happened, happened« heißt diese Folge, und diese Phrase ist durchaus auch als knappe Beschreibung des gesamten Zeitreisequarks in »Lost« akzeptierbar. Diese Floskel wurde auch schon des Öfteren von Faraday in Anschlag gebracht, es sei demnach völlig unmöglich, etwas in der Vergangenheit zu richten, auf dass sich die Zukunft ändere, whatever happened, happened.

    Die ganzen SciFi-Umstände werden diesmal in einem lustigen Dialog zwischen Hurley und Miles diskutiert, und diese skurrile audience education hat tausendmal mehr Charme als das schwer zu ertragende Geschwätz von Eloise Hawking. Einfach schon deshalb, weil Hurleys Überlegungen auf populärkulturellem Wissen basieren und sich vor allem aus den »Back to the Future«-Filmen speisen. (Vgl. »From Dusk Till Dawn«, wenn sich Harvey Keitel in der Vampirhölle erkundigt: »Has anybody here read a real book about vampires, or are we just remembering what a movie said?«)

    HURLEY: »Okay, answer me this. If all this already happened to me, then why don’t I remember any of it?«
    MILES: »Because once Ben turned that wheel, time isn’t a straight line for us anymore. Our experiences in the past and the future occurred before these experiences right now.«
    HURLEY: »Say that again.«
    MILES (zieht seine Knarre und will sie Hurley geben): »Shoot me, please. Please!«
    HURLEY: »Aha! I can’t shoot you because if you die in 1977 then you’ll never come back to the island on the freighter 30 years from now.«
    MILES: »I can die because I’ve already come to the island on the freighter. Any of us can die because this is our present.«
    HURLEY: »But you said Ben couldn’t die because he still has to grow up and become the leader of the others.«
    MILES: »Because this is his past.«
    HURLEY: »Like when we first captured Ben, and Sayid, like, tortured him, then why wouldn’t he remember getting shot by that same guy when he was a kid?«
    MILES: »Huh. I hadn’t thought of that.«
    HURLEY: »Huh.«

    Dieser Dialog war mal ein gelungenes, weil lustiges Ablenkungs­manöver von den Konkreta des bescheuerten Zeitreise-Überbaus. Und nach dieser Vorwegnahme nun zum Anfang der Episode:

    Der von Sayid niedergestreckte Jin wird von einem Dharma-Funkspruch geweckt, während ein paar Metern entfernt von ihm der 1977er Ben liegt, schwer verletzt, weil in der letzten Folge angeschossen von Sayid. Der kleine Racker mit Kassenbrille lebt also noch, was auch viel einfacher ist fürs Drehbuch, denn jetzt muss nicht noch ein albernes Zusatzkonzept her, um den Ben des 21. Jahrhunderts wieder zum Leben zu erwecken.

    Im Dharmadorf herrscht derweil Geschäftigkeit, man befürchtet einen Angriff der Hostiles a. k. a. The Others. Der wirklich extrem unansehnliche und unsympathische Horace erteilt Befehle. Bei all dem Trubel bleibt aber Zeit für einen Kurzflirt zwischen Kate und Roger Linus, dem nicht minder unsympathischen Vater von Klein-Ben. Doch siehe da, aus dem Vatervieh wird für einige Momente ein Mensch.

    Das ist wieder der für »Lost« so typische Facettenwechsel, das Vatermonster erklärt, dass es auch gern ein guter Vater geworden wäre usw., was ziemlich unglaubwürdig wirkt, wenn man bedenkt, mit welcher Lust der olle Dharma-Hausmeister seinen Sohn gezüchtigt hat. Doch dann platzt Jin in die Szene, mit eben diesem Sohn auf dem Arm, und im Wechselbad der Gefühle steht da ein ernsthaft besorgter Vater, der betroffen ruft: »That’s my kid!«

    Die Flashbackprotagonistin dieser Folge ist Kate. Um sie zirkelt sich auch der größte Teil der Inselgeschichte, sie kontempliert ihr verhauenes Leben, ihre Zerrissenheit, die sich auch und vor allem im Spannungsfeld zwischen Sawyer und Jack abspielt, und damit kommt auch ihre Nebenbuhlerin Juliet ins Spiel und im Off-Island-Teil natürlich ihr angenommener Sohn Aaron.

    Nach ihrer Rückkehr von der Insel freundet sich Kate außerdem mit Sawyers Ex-Freundin Cassidy an, der Frau, die Sawyer in der Folge »The Long Con« (2.13) so verarscht hat und die dann die Mutter von dessen Tochter Clementine geworden ist. Die beiden Sawyer-Ex-Geliebten kennen sich schon aus Folge 3.15, als Kate der mittlerweiligen Trickbetrügerin Cassidy vor der Polizei aushalf. Nun im Flashforward dürfen sie sich sogar richtig gut verstehen, es gibt da lupenreinen Girl Talk zu bestaunen.

    Später bringt Kate den kleinen Aaron zu seiner rechtmäßigen Großmutter, der Mutter von Claire, Carole Littleton, der sie, um Verständnis ringend, die ganze Sache erläutert. (Damit ist auch die Frage geklärt, wo eigentlich Aaron abgeblieben ist, während sich die Oceanix Six samt Kate zurück zur Insel begeben haben.) Überhaupt ist Kate letzthin auf Freundlichkeit gebürstet, in der 1977er Inselwelt versteht sie sich mittlerweile auch mit ihrer Nebenbuhlerin Juliet glänzend.

    Nebenbei, ich kann es immer noch nicht fassen, dass Juliet jahrelang in einer dieser Dharma-Spießerbuden zusammen mit dem Dharma-Oberspießer Sawyer/LaFleur zusammen gelebt und selige Pasta-mit-Dharmawein-Abende abgefeiert hat. Dass sich die Freude über das Wiedersehen mit ihren vormaligen Inselbekannt­schaften in engen Grenzen hält, wird sie gegen Ende der Folge Jack vor den Latz knallen: »We didn’t need saving! We’ve been fine for three years!«

    Der Doc übrigens macht inzwischen eine Sinnkrise durch. Wie in Staffel 3, als es um Bens Wirbelsäulentumor ging, hängt Bens Leben nun von Jack ab. Anders als damals scheint der hippokratische Eid für Jack seinen Reiz verloren zu haben, vor allem in Anbetracht der Tatsache, was aus Ben mal werden wird. Jack hat einfach keinen Bock mehr und argumentiert mittlerweile so wie sein Esoterik-Kumpel Locke:

    »You know, when we were here before, I spent all of my time trying to fix things. But did you ever think that maybe the island just wants to fix things itself? And maybe I was just getting in the way?«

    Weil Jack diesmal also nicht als »Retter willkommen erscheinen« will, um kurz mal mit Schiller zu sprechen, scheint es nur einen Ausweg zu geben. Young Ben muss zu den Hostiles gebracht werden, zu Richard Alpert und seinen Mannen.

    Und obwohl Ben zusammen mit den Others noch die gesamte Dharma-Crew ausrotten wird etc. scheinen irgendwie fast alle den späteren Inseldiktator jetzt retten zu wollen, als ob sie Stephen Frys Alternative-History-Reißer »Making History« gelesen haben (darin wird durch eine Zeitreise Hitlers Geburt verhindert, die Menschheitsgeschichte bekommt dadurch aber unerwarteterweise eine noch drastischere Wendung zum Schrecklichen ab).

    Jedenfalls schlägt Juliet vor, Klein-Ben zu den Others zu bringen. Als Summe ihrer Flashbacks will Kate das dann allein durchziehen, sie will dieses Kind retten, sie belädt einen dieser hellblauen VW-Busse und macht sich auf den Weg.

    Okay, was noch? Die von uns hier in die Nähe der Goethe’schen »Wahlverwandtschaften« gerückte Viererbeziehung zwischen Jack, Kate, Sawyer und Juliet, wird schön in Szene gesetzt. Juliet passt Jack an der Dusche ab und fragt ihn, den Tränen nahe, warum zur Hölle er zurückgekommen ist. Währenddessen treffen Kate und Sawyer am Sonarzaun aufeinander, um von dort aus den siechenden Ben zu den Others zu bringen. Unterwegs erzählt Kate noch ein paar Storys von Sawyers Tochter Clementine und yada yada yada.

    Diese Gesprächsidylle wird jedoch jäh unterbrochen, Gewehre klicken, »do not move!«, die Hostiles sind da und finden das Eindringen in ihr Gebiet gar nicht lustig. Die Eindringlinge samt dem Ben-Kind werden abgeführt, bis aus dem sonnigen Inselgrün der niemals alternde Richard Alpert auftaucht. Er übernimmt Ben, aber nur unter Auflagen:

    »If I take him, he’s not ever gonna be the same again. (…) What I mean is that he’ll forget this ever happened and that his innoncence will be gone. He will always be one of us. You still want me to take him?«

    Die Schwere dieser Entscheidung wird allerseits mit ein paar bedeutsamen Blicken unterstrichen. Und dann zieht Richard ab und bringt Ben in diesen komischen Dharma-Tempel.

    Mit einem längst fälligen Blick voraus endet die Folge dann: Wir sehen plötzlich Locke am Bett des ebenfalls verletzten Zukunfts-Ben (Paddelattacke von Sun!), und er sagt in dessen erstauntes erwachendes Gesicht hinein: »Hello Ben, welcome back to the land of the living!«

  • Von Biografien und Berberaffen

    Irgendwann hat sich Oliver Gehrs in seinem mittlerweile beerdigten Watchblog mit einem kleinen Seitenhieb über die kleinen Bildmono­grafien von Rowohlt lustig gemacht. Angeblich seien die für Leute gedacht, die zu faul sind, eine richtige echte Biografie zu lesen.

    Das ist schon sehr lustig formuliert, aber die kleinen RoRoRo-Monos ersparen es einem so vor allem, sich durch 500 Seiten Kindheit und das Werden und Gedeihen von Eltern, Großeltern und dem Dackel der Familie zu wühlen.

    Derartige inhaltliche Banalität von Biografien betrachtete auch Gómez Dávila als abschreckend, da nur nichtssagende Details und unbedeutender Tratsch ans Licht gezerrt würden. »So traurig wie eine Biografie«, soll er manchmal als Redewendung benutzt haben.

    Bezüglich Kürze und Handlichkeit könnte man auch mal wieder die Lebensbeschreibungen von Giorgio Vasari preisen, besonders wenn es sich um die handlichen und für Paperbacks sogar recht schönen Ausgaben von Wagenbach handelt. Aber ganz gegenteilig sind diese gerade wegen der Anekdoten und wegen der Tratschigkeit des Autors so gut, denn hier werden oft eben diese zum Höhepunkt der kleinen Lebenserzählung.

    Ganz besonders im Leben des Sodoma, welchen Vasari zum Anti-Renaissance-Ideal stilisiert, also zum Gegen-Raffael oder Gegen-Michelangelo. In den wenigen Fällen, in denen er Sodomas Werke positiv beurteilt, schreibt er es dem Zufall zu oder den Einflüssen anderer. Sodoma wird als fauler Dandy gezeichnet, der nach Lust und Laune und nur dann arbeitet, wenn das Geld stimmt, so trug er »Jacken aus Brokat, mit goldenem Stoff gesäumte Mäntel, reichver­zierte Hauben, Ketten und ähnlichen Firlefanz nach Art von Hofnarren und Bänkelsängern«.

    Außerdem hielt er sich eine Vielzahl von Tieren, welche Vasari detailreich beschreibt. Auch er hatte wieder einen Berberaffen (ähnlich wie Rosso Fiorentino) und man sollte mal genauer untersuchen, warum Vasari bestimmten Künstlern, die er weniger schätzt, so gern einen Berberaffen unterjubelt. Im Text über Sodoma heißt es jedenfalls weiter:

    »Außerdem bereitete es ihm Vergnügen, sich außergewöhnliche Haustiere unterschiedlichster Art zu halten, wie Dachse, Eichhörn­chen, Berberaffen, Meerkatzen, Zwergesel, Berberpferde für Wettrennen, kleine Pferde aus Elba, Eichelhäher, Zwerghühner, indische Turteltauben und andere solcher Tiere, derer er habhaft werden konnte. Neben all diesem Viehzeug besaß er insbesondere einen Raben, dem er so gut das Sprechen beigebracht hatte, dass dieser Giovan Antonio selbst zu sein schien. (…)

    Diese abstruse Art zu leben, die Werke und Gemälde, bei denen er trotz allem manch Gutes hervorbrachte, machten ihn bei den Sienesen – das heißt beim Pöbel und dem niederen Volk, nicht bei den Edelleuten, die ihn von vornherein durchschauten – derart bekannt, dass viele ihn für einen großen Mann hielten.«

    Wenn man mehr über Sodoma wissen möchte, sollte man also vielleicht lieber in einen Zoo gehen statt in ein Museum, denn in den großen Häusern dieser Welt gibt es sowieso nicht viel von ihm zu sehen.

  • Im Apsley House

    Wie von Paco anlässlich des »Lost«-Reviews schon angekündigt, waren wir am Sonntag im Apsley House. Wir erschienen 16 Uhr und wollten uns in einer Stunde schnell die Sammlung ansehen. Denn im Netz und auch auf einem Leaflet steht, dass die bis 17 Uhr aufhaben.

    Als wir ankamen, sahen wir einen wütenden Besuchswilligen, der sich mit einer Angestellten in den Haaren lag und voller Rhetorik fragte, wie es denn sein kann, dass die schon schließen, obwohl überall steht, dass das Museum bis fünf offen wäre. Neben ihm stand ein Gentleman um die 60, extrem akkurat gekleidet, Marineblazer, Einstecktuch, eine sehr schöne Krawatte, Oxfordakzent. Wir gesellten uns dazu, gaben vor, extra aus Deutschland angereist zu sein, während der aufgebrachte jüngere Herr und der Gentleman die Dame vom Apsley House in der Mangel hatten. Es war eine fast klassische Good Cop, Bad Cop-Konstellation.

    Der Beschwerdeführer wurde immer schärfer, »your apology is not worth a penny to me, where is the director, put him on the phone at once« usw. Und der Gentleman, »why don’t you let us have a quick look for half an hour, everybody is gone, give us one of your staff, we are only interested in the pictures«. Das ging eine Weile so, und dann hat uns die arme Managerin eine 15-Minuten-Tour angeboten, sozusagen eine Speed Tour ganz in unserem Sinn (cf. Madrid, cf. Rom).

    Ein Museumswärter begleitete uns vier, wir sahen uns im Schnelldurchlauf die Bilder an, zwei Mal de Hooch übrigens, aber mir gefiel ähnlich wie in der Wallace Collection eigentlich der Nicolas Maes besser, abgesehen von anderen Genres, die haben dort – es ist ja das Wellington-Anwesen, und der First Duke focht in Spanien – ein paar spektakuläre Velázquez‘ und Riberas etc. und eines der besten (vielleicht das beste, wenn man von Arcimboldos Gemüseportrait absieht) Rudolf-II.-Portraits von Hans von Aachen, der in Köln geboren wurde und eigentlich Hans von Köln heißen müsste, egal, ein Kleinod am Rande und »Hauptsache, gut gemalt«, wie es Gerhard Richter neulich im Interview mit der SZ formulierte.

    Als wir rauskamen, es war jetzt 16:30 Uhr, fuhr ein Taxi mit drei Japanern vor, welche entsetzt feststellen mussten, dass das Haus schon geschlossen war. »They may never see this collection«, sagte der Gentleman beim Verabschieden.